uns kam der Kuli, mit den Einkäufen beladen, wie ein Maulesel, und
dann das halbe Städtchen, stoßend und schiebend zusammengedrängt.
So gelangten wir zum Fluß und rutschten den Hügel hinab. Unter den
Zeltdächern der Kriegsdschunken leuchtete Feuer. Wir sahn unser Boot
nicht zwischen ihnen. Es war schon zu finster. Aber über eine der
Dschunken kamen wir zu ihm. Der alte Laopan stand mit einem Wischer
am Bug und reinigte unsere Schuhe. Der Boy und der Kuli mußten
die ihrigen ausziehn. Auf den Dschunken schallten dumpfe schöne
Beckenschläge, ein Papierfeuer brannte auf und verflammte. Eine Seele
rief ihren Gott. Wir zündeten die große Laterne an und setzten uns an
den Tisch, Nach einer kleinen Weile schon kam ein gutes Nachtessen.
Da plötzlich, während wir über dieses Essen her waren, begannen wieder
einige Trommeln zu brummeln, lange Trompetenstöße fuhren dazwischen
auf wie Raketen, hell und heftig, immer nur ein Ton. Von Schiff
zu Schiff wuchs diese Musik. Trommeln und Posaunen wurden immer
heftiger. Sie rangen miteinander. Die einen waren wie dunkle bärtige
Kriegsscharen, die andern wie helle heftige Reiter. Sie mischten sich
ungestüm und wild, und auf einmal donnerten zwei Kanonenschläge auf.
Wir waren ins Freie gekommen. Die Schüsse verklangen den Fluß hinan,
und der ganze Hexensabbat der Trommeln und Posaunen verstummte mit
seinem Verhallen. Es war ein chinesischer Zapfenstreich gewesen.
Der alte Schiffsführer stand vor uns und machte mit der Hand: seid
ruhig, es geschieht euch nichts! Im weißen Giebel des Tempels über uns
war ein Licht eingemauert. Es flackerte einige Male bei den Schüssen
und brannte wieder klein und ruhig und die stille schweigsame Schwärze
der Nacht sauste unversehens wie ein Strudel über uns, schön, maßlos
und fremd.
Am dritten Tag kamen wir in den Tuntingsee. Dörfer wie aus Lehm lagen
von langen Reihen von Dschunken umlagert, auf den schmalen gelben
Uferstreifen. Die Dächer waren aus braun bemoostem Schilf. Regen und
Wasser hatten Ufer und die Siedlungen zu eins gemacht. Die Sonne hob
diese Niederlassungen kaum aus dem Land. Auf dem Wasser schwammen
Flöße von Bambusstangen und Baumstämmen. Sie sehn aus gelb und grau,
wie die Ufer, wie das Wasser, wie die Ortschaften. Sie sind wie Inseln
so groß. Ein jedes ist ein ganzes Dorf mit Hütten und Tempeln, Weibern
und Kindern, die alle umher spielen, arbeiten, kochen, schimpfen,
baden, schlafen. Vorn ist etwas wie ein Tor, von Fahnen und bunten
Flicken umflattert. Ein Altar steht dort. Vor dem Tor drehn schreiende
Männer an einer Winde. Erst nach einer Weile sehn wir, auf welch
merkwürdige Art das riesenhafte Floß weiterbewegt wird. Ein Kahn fährt
jedesmal ein Stück voraus, ankert sich fest, und an ihm windet sich
die Insel von Bambus und Baumstämmen durchs Wasser weiter.
[Illustration: Ssetschuanesische Krämerfamilie]
Wir segeln sacht vorbei und überholen Floß um Floß. Im Sommer wirft
der Jangtsekiang seine Wasser in diesen Tuntingsee und reguliert
sich so. Der See wächst weit über die Ländereien wie ein Meer. Aber
im Winter gehn die Wasser wieder ab. Überall stoßen Inseln und Bänke
von Schlamm heraus, trocknen rasch und bewachsen sich mit dünnem
Riet. Dörfer entstehn, um im Frühjahr, wenn die Flut steigt, wieder
zu verschwinden. Weit und hoch im Land liegen schwere Schiffe, die
nicht rechtzeitig wegkamen. Auf einer hohen Böschung sitzt ein toter
Dampfer. Wir segeln rasch zwischen den milchkaffeefarbigen Landzungen,
die in unendlich weicher Zartheit der Farbe ins Wasser gestrichen
sind, fast eine Spielerei des Lichts unseres schönen Sonnentages.
Ein Zug von Kulis, die am Ufer Schiffe schleppen, geht über eines
dieser Bänder. Die Menschen stehn in ihrer Arbeit gebückt und doch
groß, trächtig und schwarz in der Luft. Ihre nackten Beine leuchten
kaneelfarbig. Und vor uns, jetzt wo der See uferlos wird, streichen
zahllos die weiß gebreiteten Flügel der Segel, rund gebogen, hoch
in den zarten Dunst der Ferne hinein. Große Salzdschunken mit
geflochtenen Mattensegeln heben sich aus ihrem stillen Flug heraus.
Wir haben die Korbstühle vorn aufs Deck gestellt, liegen drin und
strecken die Beine weg. Das dünne silbrige Blau des Himmels scheint
über uns und die Erde zu sickern. Die Ruderkulis liegen vorn auf dem
Rücken und schauen in die Luft. Vom hohen weißen Segel, das der Alte
mit strengem Gesicht führt, strahlt ein weißer Glanz über das Schiff.
Wir sind uferlos und verloren in die gelöste Luft und die schwebende
Fremde, ein Vogel im Schwarm der andern Vögel. Über den braunen
Landstrichen erscheint immer wieder leichtes dunkles Gewölk. Wenn es
näher kommt, beginnt es in Millionen Tropfen zu beben, und bald fliegt
es als schreiende Sturmwolken von Zügen wilder Enten und Gänse über
unsere Köpfe.
[Illustration: Ein Briefschreiber]
Der Boy bringt mir das Gewehr. Aber man liegt so tief in den Stuhl
und den lichtglühenden Tag gesunken. Ich sage ihm, er habe ja Enten
gekauft. "Wann kommen wir nach Jotschau? Frag' den Laopan!" Er fragt.
Der Laopan spricht allerlei. Der Boy übersetzt allerlei. Wir hören mit
Müh' eine kleine arithmetische Problemstellung heraus. Der Laopan sagt
nicht: Heute nacht! Sondern: Bis zum nächsten Ort sind es noch zehn
Li. Wenn wir um zwei Uhr dort sind, so sind es noch achtzig Li bis
Jotschau.
Es war mir nicht schwer auszurechnen, was der Aberglaube des
Schiffers, aus Furcht dem Gott des Wassers etwas vorwegzunehmen, nicht
aussprechen wollte, daß wir also gegen Mitternacht dort ankämen. Ich
fragte: "Fährt er denn in der Finsternis?" Der Boy verhandelt lang.
Schließlich sagt er uns: "Ich weiß nicht."
Wir kamen in der tiefen Nacht in ein Gewirr von Booten. Wir lagen
schon und schliefen. Wir hörten aber das Schiff bald rechts, bald
links anstoßen, bis es plötzlich still lag. An einem schmierigen
Regenmorgen erwachten wir. Hunderte von Schiffen drängten sich rund um
uns ans Ufer. Dort reihten sich ein paar elende Gassen von Hütten aus
Rohr und Laub auf, inmitten derer Garköche, von Hunden und Schweinen
umlagert, ihr Geschäft in offenen Räumen betrieben. Aber über diesem
Elend stand auf Felsen, Abhängen und Treppen eine bewegte, romantische
und unbegreifliche graue Silhouette -- die Stadt Jotschau. Merkwürdige
Türme und Tempelgiebel streckten sich in den grauen Regen. Ich
lief hinauf und eine Stunde durch enge Gassen, in denen sich große
Menschenmengen um die Läden preßten, Hunderte von Gemüsehändlern mit
wunderbaren weißen Rüben, Kohlköpfen wie aus dem Märchen, schwellendem
Salat und Fischhändler mit meterlangen Barschen umhereilten und ihre
Waren ausschrien. Sahn sie mich, so blieb ihnen auf einmal der Mund
tonlos offen. Bizarre, abenteuerlich fremde Tempel schoben sich auf
die Kante des Abhangs.
Vor Jotschau hatte der See sich wieder zum Fluß verengert. Wir
mußten heut noch einen halben Tag rudern, um an seine Mündung in
den Jangtse zu kommen. Ich war unruhig und wollte den Dampfer nicht
versäumen. Aber wir fuhren nur auf Gutglück, denn wir wußten nicht,
wann der nächste Dampfer kommen könnte. Ich traf den Boy mit einem
Einkaufskorb. Wir gingen zusammen zurück. "Was hast du gekauft?"
fragte ich. Er lachte und zeigte chinesisches Gebäck, Vermicelle
und Seetang. "Nicht für den Herrn und die Dame!" sagte er. "Porc
chops for master and missie!" Er zeigte eine ganze Seite schöner
Schweinekoteletten. Dann erzählte er, wie er die machen würde.
"Stewed, stewed!" sagte er mit Betonung. Sein Hankaumaster habe sie
immer so sehr gerühmt. Den ganzen Weg sprach er von seiner Kunst,
"stewed Porcchops" zu machen und von den Erfolgen, die er damit bei
seinen verschiedenen Mastern errungen.
Das Schiff war schon zur Weiterreise bereit, als wir unten ankamen. Es
stieß sich etwas gewaltsam zwischen den vielen Booten hindurch. Es
regnete wieder. Es war windstill dazu. Die beiden Kulis setzten spitze
runde Hüte aus Fasern auf und hingen Pelerinen aus zotteligem Bast
um die Schultern. Der Steurer spannte einen großen roten Schirm über
sich, und wir ruderten langsam mitten im breiten Fluß dem Jangtse zu,
dessen Tal man drunten blaß im Regennebel zwischen schroffen Hügeln
plötzlich erscheinen sah. Wir saßen fröstelnd in der kleinen Kabine.
Sie war ganz geschlossen. Nur die beiden Türbretter waren ausgehoben
und ein eintönig grauer Himmel schaute zu dem Loch herein. Die zwei
Ruderer standen groß in ihm in ihrer struppigen, tierhaften Tracht und
ruderten unterm Regen gleichmäßig, hart und unermüdlich, als hätten
sie eine Maschinerie im Leib.
STURM
Nachmittags kamen wir nach einer Fahrt von vier Tagen nach
Tschenlingschi und an den Jangtsekiang. Der Dampfer war noch nicht da.
Kein Mensch wußte zu sagen, wann er komme: ob heut oder morgen oder in
acht Tagen. Der Ort lag höher als der Fluß. Der Fluß ging im Sommer
bis an die Mauern der Häuser. Aber jetzt im Winter war, wie überall,
ein breiter Platz zwischen Ufer und Dorf, und eine neue Siedlung war
darauf entstanden: arme Hüttenstraßen, in denen der Schmutz, das
Laster, der Gestank und die Arbeit zu Haus waren. Wir lagen etwas
flußabwärts von den dunkeln und verworrenen Rudeln der Dschunken und
Sampans, die sich unterhalb der Stadt erregt zusammendrängten. Ein
kleiner Schleppdampfer rauchte zwischen ihren altertümlichen Masten,
und zwei riesenhafte eiserne Leichter ankerten schwarz am Rand des
Schiffsrudels der Flußmitte zu und zeigten, daß Europa bis hierhin
wirkte. Im Hinterland lagen die Kohlengruben von Pinschiangpa.
Tschenling hatte einen Aufstapelplatz dieses Unternehmens. Wir sahen
in ununterbrochenen Ketten Kulis mit Kohlenkörben laufen, eine Arbeit
ohne Besinnung in einem grauen Tag.
Den Ort kannten wir in der ersten halben Stunde. Es war nur eine lange
schmutzige Gasse voll Handwerkskram und Läden, hatte ein Tor und Reste
einer Stadtmauer. Außerhalb des Tors lagen die großen europäisch
gebauten Zollgebäude. Der Schiffer hatte das Boot unterhalb des Tors
nur leicht aufs Ufer auflaufen lassen. Das Ufer stand einige Meilen
flußabwärts, wo das Jangtsetal heranstieß, in schroffen Felsenriffen
kerzengrad in der grauen Luft. Eine Pagode stieg nüchtern unfern über
einem Hügelzug auf.
Der Boy ging öfter zu den Chinesen, die die Vertreter der
Dampfergesellschaften waren. Einmal brachte er den Bescheid, die
"Kwei Li" werde für morgen erwartet. Dann lachte er geniert, wand
sich und sagte, er mache dann zum Abendessen seine berühmten
Schweinekoteletten, von denen er uns immer erzählt hatte.
Der Tag wurde lang. Es regnete wieder zäh und heftig. Die Wolken
strichen durch die Pagode hindurch, verschlangen sie und spuckten
sie wieder steil und nüchtern, ein plump gespitzter Steinklotz, wie
sie war, in die Luft ... Sie setzten sich schwer auf die Hügel.
Das Jangtsetal war nur ein Kessel von Grau und öder Traurigkeit.
Wir schlossen den Käfig unserer Kabine dicht zu, streckten die
Beine in die Bettsäcke und tranken einen warmen Wein. Wir warteten
aufs Abendessen. Der Wind stieß das Schiff ein paarmal ans Ufer.
Der Boy reichte den ersten Gang durch die Schiebetür. Es war Reis,
zusammengekocht mit Stückchen des feinen, kernigen Mandarinbarschs,
der im Siangkiang dreißig und vierzig Pfund schwer wird. Ich ging
trotzdem noch hinaus, weil ich sehen wollte, was das Aufstoßen des
Schiffes zu bedeuten hatte. Ich sah unsern alten Schiffsführer
ans Ufer springen und das Schiff abstoßen. Er wies mich mit einer
Handgebärde zurück. Der Steurer half ihm. Die drei Ruderknechte
standen auf dem Vordeck und schlugen ihre langen Ruder heftig ins
Wasser. Man wollte das Schiff wohl für die Nacht in die schützende
Mitte der Dschunkenstadt legen, die ein Stück flußaufwärts sich am
Ufer aufscharte. Wir kamen schwer weg. Der Wind war heftig und stieß
das Schiff in kleine Sampans hinein. Die Sampanleute schimpften. Der
Alte arbeitete mit dünn aufeinander gepreßten Lippen. Bevor ich zu
essen anfing, ging ich noch einmal schauen. Die große Kugel unserer
Seidenlampe mit den roten Schriftzeichen brannte schon. Die Dämmerung
war schwer. Ich sah, daß das Schiff schon etwa dreißig Meter vom Ufer
und rundum kein anderes Boot war. Der Wind strich aus dem Jangtsetal
gegen die Strömung und kräuselte das Wasser. Auf den Wellen kochte
leiser Schaum.
Plötzlich riß ein Windstoß das Boot auf. Es legte sich ein wenig.
Die Kulis bogen sich über die Ruder. Auch der Alte ruderte. Aber der
lange wütende Windstoß blies das Schiff dem Haufen der Dschunken zu,
so stark die Männer auch ruderten. Da schleuderte der Alte hastig sein
Ruder hin, erfaßte den Anker, warf ihn ins Wasser, und mit einemmal
kamen Nacht und Sturm zugleich über uns hergefahren.
Die Wellen spritzten aufs Deck. Das Boot schaukelte. Der Wind umraste
es heulend und stieß es krachend in der festen Ankerkette. Er warf
Regengüsse an die Wände. Ich mußte die Türbretter vorschieben, und
wir waren in die enge Kammer eingeschlossen. Sie tanzte wie ein
Zauberkasten. Das Aluminiumgeschirr schleuderte vom Tisch, die
runde Laterne hopste, die Stühle rutschten und schlugen um, die
Koffer brachen in ihrem kunstvollen Aufbau zusammen. Alles warf sich
durcheinander. Auf dem Boden lagen Kerzen, Eßgeschirr, Kleider, das
Gewehr, Papiere und wir. Man konnte sich nicht anders festhalten.
Schließlich flog die runde Leuchtkugel von ihrem Nagel, die Kerze
erlosch. Gre begann in der Finsternis "große Seereise" zu spielen. In
der Küche stöhnte der Boy, und die Frau Boy schluchzte, schimpfte und
stieß Wehklagen aus. Die berühmten "Stewed chops" kamen nicht mehr.
Ich durfte Gres Fischreis mitessen. Sie hatte sich schließlich auf das
breite Holzbrett geturnt, das die Tiefe der kleinen Kajüte einnahm.
Das Segel mit seinen hundert Bambusstangen trommelte aufs Dach. Der
Mastbaum, der durch unsere Kajüte führte, brüllte knatternd zwischen
seinen Versteifungen, und bei jedem heftigen Hin und Her stöhnte er
mit wildem Schmerz im Leib des Boots wie eine Gebärende.
Ich schob ein Brett aus der Tür und klemmte mich in den Spalt.
Der Regen schoß wild auf mich nieder. Der Sturmwind fuhr wirbelnd
aufs Schiff. Die Kulis ruderten nicht mehr. Die vier Männer lagen
entkleidet vorn auf Deck mit den Händen in der Ankerkette. Der Sturm
drückte uns mit dem Steuer nach vorn auf den dunkel erkennbaren Haufen
der Dschunken zu. Wir waren keine zwanzig Schritt von ihnen weg. Ihre
hohen Maste fuhren mit irren Schwankungen durch die dunkle Luft. Ihre
Leiber donnerten aneinander. Aber in ihrer Mitte wäre die Rettung für
uns. Die Männer hoben den Anker hoch. Der Sturm schmiß sofort hastig
das Boot den Dschunken entgegen. Heimtückisch raste es den dunkeln
aneinander tobenden Massen zu. Die Kette krachte wieder über den Bug,
und das Schiff fuhr an ihr hoch, wie ein aufbäumendes Roß. Der Anker
hielt. Wir wären sonst zwischen den plumpen mächtigen Fahrzeugen
erdrückt worden. Von Dschunke zu Dschunke gingen Schreie. Alles war
ein Gemengsel von Bewegungen, die in der Finsternis und im rasenden
Geheul von Sturm und Nacht ertranken. Aber im Ort oben waren viele
große, hell erleuchtete Fenster, und Musik erklang droben. Plötzlich
jagt ein Kanonenschuß durch den brüllenden Sturm. Die Schiffer ziehen
den Anker wieder hoch. Das Boot treibt den Leichtern entgegen, die
ganz auswärts liegen. Die Leichter liegen undeutlich im Strom wie
gefährliche Wälle aus dunklem Stahl.
Es waren Menschen auf ihnen. Sie standen hinter dem kleinen Aufbau
des Steuerhauses, aus dem heraus sie das hüpfende Licht einer Öllampe
beleuchtete, und schauten uns zu. Keiner half uns. Als das Boot so nah
war, daß wir ihnen ein Seil hätten zuwerfen können, gingen sie ins
Innere des Häuschens hinein. Unser Boot trieb, vom Sturm geworfen,
schräg der schwarzen Mauer des äußersten Leichters entgegen. Der
Leichter stieg wie ein furchtbares schwarzes Tier im sturmbewegten
Wasser auf und ab. Der Wind bog unsern Mast mit einem grausamen Klang
fest auf seine hohe Kante. Wir zerschellen an ihm!
So stand ich in die Tür geklemmt, festgeriegelt zwischen Leben und
Tod. Ich fühlte die Tollwut dieser Nacht, die diesen Sturm durchdrang,
diesen Ort, dieses Land überwogte, wie rasend um uns strudeln. Die
vier in der Finsternis schweigend und verbissen arbeitenden Chinesen,
die so toll waren, nur mit einem Anker gegen den Sturm in den Hafen
flüchten zu wollen, und die Menschen auf den Schiffen, die uns nicht
halfen, weil sie dem göttlichen Geist des Flusses die Opfer nicht
entziehen durften, die er sich vielleicht ausgewählt. Hinter mir lag
meine Kameradin, auf dem Boden stand in einem breiten Leuchter eine
dicke, brennende Kerze, und ihr Licht schaukelte düster durchs Zimmer
... wir schwebten beide so zwischen dem wahnsinnigen Wind und der
Tiefe des Wassers, vereinsamt in die schaurige Unverständlichkeit
dieser fremdrassigen Nacht.
Und auf einmal stand das Schiff wieder, sein Hinterteil rieb sich
heftig am Leichter, und an mir vorbei flog wie ein Schatten durch den
Nebel ein nackter Mensch, zuckte wie ein schwarzer Muskel heftig auf
die Kante des hohen Leichters hinauf. Ein Tau wurde ihm geworfen. Der
Anker klirrte hoch, und das Schiff flog, am Tau gehalten und vom Sturm
geworfen, mit einer erschreckten Schwenkung, wie ein Fisch, der an der
Angelschnur gefangen davonrast, um den plumpen Klotz des Leichters
herum, drehte auf einmal hinter ihm sacht ein und wurde dann, von den
beiden Ungetümen vor dem Sturm geschützt, leicht an einem sicheren
Platz verankert.
AUF DER KWEI LI
Der Dampfer, der uns flußaufwärts bringen sollte, kam immer noch
nicht. Die vielen Regentage und die Sturmnacht hatten unser kleines
Boot mit Wasser durchsetzt. Man fühlte überall Feuchtigkeit. Wir
liefen jede Stunde zum Chinesen, der die Agentur hatte; die Ungeduld
ward fieberhaft. Wir ließen uns ans andre Ufer setzen. Es war eine
unübersehbare flache Sandwüste, und Millionen von wilden Enten lebten
drin. Wir gingen in der Verzweiflung durch den Sand, bis wir nichts
mehr sahn, als den Himmel und die gelbe vogeldurchlärmte Einöde.
Ich schoß nach wilden Enten und Gänsen. Jähzornig und unverletzbar
strichen sie vor meinen Kugeln auf und davon. Dies war ~ihr~
Eiland. Hier war ihre einsame Insel, mitten in Asien, mitten in der
Welt -- das Reich der wilden Enten und Gänse. Weshalb kam man sie
hierhin stören?!
Und wenn wir zurück nach dem Tschenglingufer kamen, war immer noch
nichts von einem Dampfer zu sehn.
Am fünften Morgen wurden wir heftig geweckt.
"Er kommt! Er ist da!" rief der Boy.
Unser Boot ruderte schon die Strömung hinab in den Jangtse hinein, auf
den Dampfer zu, der eine nur leichte Wendung auf Tschengling machte,
als ob er sich zu landen noch überlegte. Dann stoppte er, fast mitten
im Jangtse. Aber er warf keinen Anker. Die Knechte ruderten, daß
die Stangen sich bogen. "Hund!" schimpfte ich voll Bangigkeit zu dem
Riesenklotz hinüber. Aber wir erreichten ihn schließlich. Der Laopan
warf sich mit einem Haken an die Bordwand fest.
Dort stand ein Chinese. Der sagte: "Kein Platz mehr frei. Wir können
Sie nicht mitnehmen." Ich warf eine Handtasche hinüber. Die andern
folgten meinem Beispiel. Koffer um Koffer ging über die Bordwand. Der
Kapitän beugte sich auf der Kommandobrücke weit über die Reeling und
brüllte:
"Kein Platz für Sie!"
Ich antwortete nur bei mir, das chinesische "maski" zurück ins
Götzische übersetzend, hob Gre auf das kleine Fallreep, die Frau Boy
kugelte ihr nach und lachte dazu, blaß und fern wie der Vollmond. Der
Kapitän brüllte nochmals: "Ich sage doch: kein Platz mehr frei für
Sie!"
"So werden wir im Mastkorb schlafen!" rief ich ihm zurück.
"Wir haben keinen Mastkorb!" schrie er wütend.
"Wenn Sie nur einen ordentlichen Whisky an Bord haben", brüllte ich
hinauf.
"No", sagte er milder herab, "Black and white!"
Damit war unsere erste Unterhaltung geschlossen. Ich wußte, mit
welchem Gentleman wir zu tun hatten. Der Dampfer fuhr schon. Er hieß
"Kwei Li", was man mit "Rascher Gewinn" übersetzen konnte. Er gehörte
zur "China Merchant Co.", einer chinesischen Gesellschaft.
Als der Kapitän und wir uns dann Aug in Aug sahn, war die
gesellschaftliche Form, in der wir miteinander verkehrten, wie
umgewechselt. Er bot uns seine eigene Kabine an. Aber ich sagte ihm,
wir schlafen auf unsern Streckstühlen in unsern Schlafsäcken. Dann
müßten wir wenigstens seinen Toilettetisch benützen. Aber auch das
war überflüssig, da es ein ordentliches Badezimmer an Bord gab.
Verdammte Zeit! flüsterte er, alles ist von diesem "impossible people"
besetzt und zeigte auf das Dutzend Männer, Frauen und Kinder, die sich
in der ersten Klasse aufhielten, und in denen unschwer angelsächsische
Missionare zu erkennen waren.
Dann leerten wir zusammen eine Flasche Whisky.
Unser Gepäck lag hin und her. Der Boy schaffte es zusammen in den
Speisesaal des Schiffs. Der lag im Innern des obern Decks, zwischen
die Kabinen eingeklemmt, ging aber nach vorn frei aufs Deck. Wir
wußten nach nicht, was werden sollte. Die Koffer lagen schließlich in
einem abgesperrten Gang hinterm Speisezimmer. Jeden Augenblick, wo
man ging oder saß, erschien ein Herr, an dem einige Kinder hingen und
grüßte mit einem überaus freundlichen Lächeln. Dasselbe machten die
Damen. Ihre Toiletten waren ländlich. Als man schließlich auf all die
so freundlich lächelnden Aufforderungen nie anders antwortete, als mit
einem höflichen Lüften der Mütze, wurde man bei Gelegenheit zwischen
Tür und Angel eingeklemmt und gefragt: "Are you going far?"
Diese liebenswürdige Fürsorge hörte erst auf, als die Herren sich
vergewissert hatten, daß man nicht auch Missionar war. Es waren
Kanadier. Ich sagte dem Kapitän, ich hielte ihn seinem Aussehn
nach für einen Südfranzosen. Er war aber ein Inder. Er sagte, die
Missionare gingen alle nach Ssetschuan hinauf und zum Tibet. Sie
seien vor der Revolution geflohn und hätten seitdem in Schanghai
in der Fremdenniederlassung den Mut abgewartet, wieder ins Innere
zurückzukehren. Von der Bezeichnung "impossible people" ging er nicht
mehr ab.
In einer Kabine war noch ein Bett frei. Eine alte Missionarin
besetzte das andre. Dort wurde Gre untergebracht. Ich erkor mir als
Schlafstelle den Platz auf dem alten roten Plüschsofa hinter der
breiten Dampfheizung. Dann ging ich ins Bad. Ich eroberte es den
Kindern der Missionare ab, die dort Ententeich und Feuerwehr spielten.
Mit Hilfe des Boys, der mir einen Pack frischer Kleider brachte,
setzte ich sie gewaltsam an die Luft. Er befreite mich von den
schweren Kniestiefeln und dem Anzug, die neun Tage Feuchtigkeit und
Regen eingesogen hatten.
Nach der Toilette erschien ich im Salon in Sandalen und Kniehosen.
Ich setzte mich auf die Plüschbank. Nebenan saß eine der Frauen und
erzählte den Kindern etwas. Puff! stürzt die ganze Horde auf mich
los. Welche Sandalen! Puff! Sie bohren ihre Finger in die Ausschnitte
hinein. Welche gelben Strümpfe! Puff! Welche Samthose! Puff! Ich zieh
einen über und versetz ihm ein paar kräftige Hiebe. Aber sie nahmen
die Sache nicht wie sie gemeint war, sondern als Laune, mit ihnen
puffen zu spielen. Sie boxen mich an. Die dicke Mama, die mit einer
goldnen Brille und einem gestauten fetten Gesicht daneben saß, ließ
die Kinder gewähren.
Gre kam und setzte sich neben mich. Sie hatte einen zierlichen
Reisefußschemel, der sich zusammenklappen ließ und für ihre kleinen
Füße praktisch und zart war. Kaum hatte sie ihn für sich aufgestellt,
als das Rudel darüber herstürzte und ihn sofort eintrampelte. Dann
sollte es über meinen Apparat hergehn. Ich rettete ihn in einen
Koffer. Mit Holdrio stürzte die zahlreiche Nachkommenschaft über
das Kehrblech und den Besen, mit denen ein chinesischer Diener den
Raum reinigen wollte. Die dicke Mama, mit der goldnen Brille, dem
mancherlei Fett und dem gefrorenen Gesicht war in ihre Kabine
gegangen. Dort hatte sie sich bei offener Tür auf ihr Bett gelegt und
sang einmal ein religöses Lied aus einem dicken schwarzen Buch und
einmal "I love you" aus losen Notenblättern. Alle Missionare waren
derweil verschwunden.