Diesem Koloß folgte eine kleine verschmierte Dreckigkeit, mit Ruß

im Gesicht, mit den Fetzen eines Mönchgewandes auf dem Leib -- der

chinesische Bühnentrottel -- und spuckte das Denkmal an. Die Beine des

Denkmals tanzten wie marmorne Winkel auseinander, der Bart flog in die

Luft wie ein Ball und dann von Arm zu Arm nieder wie ein Wasserfall,

die tote Maske versteinerte sich noch böser. Das Denkmal war in Wut.

Der Närrische sprang auf einen Tisch. Andere kamen. Der trottelige

Schmutzfink spuckte wieder gegen die Großmächtigkeit. Die Musik blies

und schoß wie verrückt. Der Dolmetscher kam meiner Hilflosigkeit

entgegen. Der Große ist ein Mandarin, der Närrische ein Mönch. Der

Mönch stellt sich verrückt, um dem Mandarin die Wahrheit über sein

schlechtes und grausames Leben zu sagen. Das war alles.

Solcher Stücke kamen viele. Es war ein Einakterabend. Wir hatten

Theaterzettel bekommen, fettig bedruckte Papierfetzen. Der Chinese

zeigte mir auf ihm, daß an dem Abend zwölf Stücke gespielt werden.

Er erklärte uns jedes. Es waren alles alte klassische Stücke, und

ein jedes war ihm bekannt. Es waren eher Bilder, Arabesken von

allerlei Einzelheiten ohne dramatische Schürzung, ohne Abrundung zu

einem großen Traurigen oder Heitern. Hingestickte Reiher zwischen

Tempeln und über Föhren; ein Mensch, eine mit Goldfäden gestickte

Wolkenkontur, ein Fisch von humorvoller Rundung, ein fataler grauer

Regensturm einen baumlosen Berg hinan.

[Illustration: Wir segeln durch den Tunting-See!]

Stück floß ohne Unterbrechung an Stück. Alle ertranken im lärmenden

Gebraus des kleinen Orchesters. Aber auf einmal geschah etwas anderes.

Eine Schar berittener Amazonen stürmte herein. Pferd und Mensch waren

eins. Die Amazonen staken in dem kleinen Pferd. Ihre Beine schauten

unten als Menschenbeine heraus. Der Kopf des Pferdes wuchs aus ihrem

Bauch. Sie ritten zunächst Parade mit diesen prächtig gezäumten

Steckenpferden. Ein artistisches Kunststück von eigenartigem Geblüt.

Die Rosse tummelten sich, widersetzten sich, wurden mit Mühe gebändigt

und fügten sich mit heißem Widerstreben. Die Amazonen wirbeln hinaus.

Ein General erscheint in der schweren klassischen Uniform der alten

chinesischen Armee. Soldaten umgeben ihn. Alles singt und gebärdet

sich. Waffen blitzen. Man sieht: ein Kampf naht. Der Krieg beginnt.

Aber immer ringen nur zwei und zwei gegeneinander. Die übrigen

verlassen die Bühne. Die zwei heben lange Schwerter. Es ist, als

ob sie sie aus dem Erdboden der Bühne herauszögen. Die Schwerter

schwingen sich in den Händen, tanzen auf, zeichnen wilde Tollheiten

in die Luft, wirbeln in den Händen wie Steine an einer Schnur, malen

das Ornament der Blutgier, der Raserei, des Erwürgens, des Greuels der

Kriege in die rauchende Atmosphäre des Theatersaals. Tanzend umkreisen

sich zugleich die Gegner, springen, fallen und siegen, würgen und

töten, rasen, und die Körper machen bald dasselbe Spiel wie die

Schwerter. Und all diese brutale Wut ist hochgebändigte bewußte Kunst,

ist chinesische Stickerei, Porzellanmalerei, Bronzegießerei, die auf

diese Stunde im Öllicht des Theaters von Tschangscha aus ihrer starren

Pracht lebendig geworden sind.

So kommt Paar um Paar. Hinter den Kämpfern tollen die Pauken. Es

ist als stürzen Felsen über Meere, die aus bronzenen Schalldeckeln

bestehen. Die ganze Stadt von 800000 Menschen draußen fliegt in die

Luft. Die Geigen schreien, wie Kehlen, die sich vor dem Ermordetwerden

rettend davonbrüllen wollen. Die Zuschauer springen erregt auf

ihren Plätzen, stampfen wild und pfeifen und verzehren mit feurigen

Organen alles, was die Bühne gibt. Dort wird das Umtanzen immer

abenteuerlicher, die Schwerter rasen in immer wahnsinnigeren Figuren

durch die Luft, die Sprünge werden immer erdenbefreiter. Einer dreht

sich wie ein bergab-sausendes Rad auf einer Hand und einem Bein und

scheinbar auf der Nasenspitze herum ... immer rascher, immer hitziger.

Er wird ein wirbelndes Etwas. Es schwindelt zuzuschauen. Das ganze

Theater rast, stampft, schimpft, pfeift in genießenden Wonnen.

Zum Schluß kämpft die Anführerin mit dem General. Sie ist schöner

gekleidet als eine Sommerwiese im deutschen Märchen. Sie ist golden

und blumig, wie ein ganzer Sommergarten voll Sonnenblumen. Die

Amazonen werden besiegt. Das Feuer schießt über die Bühne, äschert

ihre Stadt ein, und in seinem Rauch erscheinen den Kriegshelden die

Götter. Sie werden von der Erde befreit und als Heroen ins Jenseits

genommen.

... In allen Stücken wiederholten sich einzelne Gestalten,

wiederholten einzelne Gestalten verschiedene Verrichtungen. Das waren

alte, feststehende, fast Begriff gewordene Einrichtungen des Theaters.

Sie und alles waren von jeder Wirklichkeit befreit, wie eine Seele

vom toten Körper. Es war ein Theater, das seine Erdenschwere ganz

verloren hatte. Es war zu einer hehren Figurenhaftigkeit geworden, es

war wie eine gotische Kathedrale gegenüber einer von Erdkatastrophen

aufgetürmten Felsenmasse.

Um die Flanken der wahnsinnigen Fremdheit dieser fast zu

Formengebilden stilisierten seelischen Erlebnisse bei chinesischen

Theaterabenden, denn Seelenerlebnisse sind letzter Art doch immer

die Zelle einer jeden Fabel, schlug die Musik auf der Bühne ihre

Klangräusche. Ich horchte und horchte und verstand nichts. Es blieb

mir verschlossen wie ein Gebirge, was für ein Willen in diesen

Tonzusammenstößen wirken könnte, was für einem Gesetz unseres Ohres

oder unseres Geistes sie unterlegen sein könnten. Ich hatte öfter

unsern chinesischen Diener oder auf den Schiffen und in den Gassen

Chinesen diese langen schrillen gleichmäßigen Tonreihen singen hören,

ja, auf Phonographen in chinesischen Häusern spielen hören. Das Volk

hatte diese Musik in Herz und Ohr.

Aber schließlich, was verstehen wir von China? Was konnten wir von

allem, was wir in diesem Land gesehn, so in die Hand nehmen, daß es in

klarer Form von allem Zweifel und allem Fremden frei unser war? Der

die Erdenrassen verbindende Instinkt, der uns von Jenseits von Kung Fu

Tse, Jesus Christus, Griechenland usw. noch einige Blutkanälchen mit

den fremden Völkern erhalten hat, vermochte wohl mit genießendem und

erschauerndem Versinken der dunkeln und fremden Wahrheit dieses großen

Volkes auf Augenblicke heiß und wahr in die Augen zu schauen. Aber

dann war es aus und fertig, wie nach dem wonnetollen Abenteuer einer

unaufgeklärt bleibenden Sommernacht.

Das Theater wurde mir -- im Gegensatz zum europäischen -- ein

leidenschaftliches Erlebnis. In ihm war die Rätselhaftigkeit der

abstrakt auseinanderschwärmenden und so zäh zusammengehaltenen Rasse

bis zu einem blumigen, farbendurchwirkten und poetischen Ornament

gezeichnet und objektiviert. Es hatte sich zu einem schillernden

seelischen Rätsel fürs Auge geformt, was vordem in dunkeln kosmischen

Fetzen durch den Verstand trieb.

7

Gleich in der Früh ließ ich mich ins Tschin Dei tragen, um mit Emil

Schlehmil mich über den Theaterabend aussprechen zu können. Er war

aber nicht zu Haus. Später hörte ich, er sei bei der goldblonden Frau

gewesen. Er muß sich mit ihr erzürnt haben. Sie ging leicht über

seinen Besuch hinweg, während sie sonst all die kleinen Ereignisse in

der stillen Eintönigkeit ihres Strohwitwertums für sich zu wichtigen

Dingen ausbaute. Daraus war zu schließen, daß der Besuch dem armen

Schlehmil eine böse Enttäuschung eingetragen habe. Er ließ sich nicht

blicken.

Am übernächsten Tag ging ich wieder in sein Hotel. Als ich dort ankam,

setzten drei Kulis gerade Schlehmils Stuhl ab. Emil Schlehmil entstieg

ihm und wollte hastig ins Haus. Ich rief ihn an. Er war in einem

merkwürdigen Staat. Er hatte einen zerbeulten Zylinderhut auf, der ihm

zu klein war. Er trug die manchmal geflickte, durch die Gamaschen, die

er gewöhnlich umschnallte, ganz zerknüllte dunkelblaue Hose seines

Alltagsanzugs, sie wurde von einem gelben Lederriemen gehalten, den

man unter der Weste sah und an dem ein dicker Revolver hing. Ein

Gehrock, der zu kurz und überall zu eng und schon einige Jahrzehnte

alt zu sein schien, vervollständigte die Kostümierung.

Ich stand mit offenem Mund vor ihm. Er zog mich rasch hinein. Dort

lachten wir uns zuerst aus. Ich sagte ihm, so komisch passend habe

ich mir keine Kleidung an ihm vorstellen können. Er antwortete, der

Gehrock sei zwar zwanzig Jahre alt, aber kein Spaß. Auf die Art

der Nebenumstände komme es nicht an. Verlangt werde für Besuche bei

hohen Beamten eben nur der Gehrock und der Gehrock des Tutu sei auch

nicht viel schöner gewesen. Der sei zu lang und seiner zu kurz. Dann

bat er mich ängstlich, ich möchte den andern Europäern ja nur nichts

davon sagen, daß ich ihn so gesehen. Sonst wüßten sie, daß er einen

Besuch beim Gouverneur gemacht habe und könnten ihm ein wichtiges

Waffengeschäft verderben.

Es war in den letzten Tagen vielfach bei den Europäern die Rede

gewesen, daß es Emil Schlehmil trotz der mystischen Betriebsart, mit

der er seine Geschäfte mache, sehr schlecht gehe und daß er wohl

hungere. Sie erzählten, er habe nur mehr ein Hemd, und sein Kuli

wasche das jede Nacht aus. Ich sagte ihm das. Da lachte er und zeigte

mir eine Kiste, die mit Rollen von den großen Silberdollarstücken

gefüllt war. Die sei gestern gekommen. "So!" lachte er lauernd dazu,

"sie sprechen immer über meine Geschäfte? Die Nuß können sie nicht

knacken. Was sagen Sie?" Er schien mir nervös, und trotz der Geldkiste

war ich mir selber nicht sicher, ob er nicht doch vor dem Hunger

stand. Ich sagte ihm: "Ich bin eigens von Europa nach Tschangscha

gekommen, um Ihre vier jungen Kaufleute hier auszufragen, was sie über

Ihre Geschäfte denken. Die kleine goldblonde Frau läßt Sie grüßen."

Da schaute er mich an. Aber er sagte gleich kühl: "Es ist nicht wahr!"

"Nein, es ist auch nicht wahr. Ich wollte nur wissen, ob Sie sich

mit ihr gezankt haben." -- "Weshalb interessiert Sie das?" fragte

er. -- "Weil ich diese Frau sehr lieb und gescheit finde und es sich

lohnt, daß man um sie wirbt." -- "Sie hat ihren Mann", sagte er. --

"Es gibt auch noch etwas anderes an einer schönen Frau, als das,

was ihres Mannes Recht und Besitz ist." Er tat so, als zweifle er.

"Glauben Sie", fragte er. Ich antwortete: "Hielten es sonst so viele

kluge und begehrte Frauen bei ihren Trotteln von Ehemännern aus?" Er

schaute auf, wollte etwas sagen, machte aber nur: "Maski!" Was liegt

daran! Er rief: "Lei, lei!" hinaus. Sein Kuli kam. Emil Schlehmil

bestellte Essen. Er lebte fast nur von Konserven. Viel mehr konnte

der Kuli auf dem Petrolofen nicht kochen. Wir aßen auf weißem Papier.

Nachher rauchten wir dürre schlechte Manilazigarren, sprachen über

das Theater und das Geheimnis des Jin Jang und hätten vielleicht ganz

gern über etwas anderes gesprochen. Aber schließlich war das Jin Jang

auch etwas, das uns nahe stand, denn es begriff alle unsere Sorgen und

Erhebungen und alle schönen fremden Frauen in sich.

Als ich tags darauf allein und zu Fuß in die Stadt gehen wollte, traf

ich unterwegs einen der Europäer, und wir gingen ein Stück durch die

stinkenden Gassen zusammen. Es war wärmer geworden, und die Gerüche

flogen reicher auf. Da kam uns ein Rudel von Menschen entgegen. Sie

hielten uns an und schoben einen Mann auf uns zu, der aus einer Wunde

am Kopf blutete und ein Schild auf der Brust trug. Darauf stand auf

chinesisch, mein Begleiter übersetzte es: "So wurde ich von einem

Europäer zugerichtet." Der Auftritt schien ein wenig bedrohlich, und

wir gingen weiter, ohne uns weiter um den Zug zu kümmern. Wir trafen

einen chinesischen Schreiber aus einem deutschen Geschäft. Von dem

hörten wir, man erzähle sich, daß Emil Schlehmil einen Kuli mit einer

Flasche auf den Kopf geschlagen habe und daß die Verwandten des Kuli

nun mit diesem herumzögen, um gegen die Europäer aufzureizen. Das

täten sie aber nur, um Geld zu erschinden. Emil Schlehmil sollte in

das Gebäude einer europäischen Firma geflüchtet sein und dort von

Chinesen belagert werden.

Ich ging ins Hotel Tschin Dei. Die Tür zum Flur Schlehmils war

geschlossen und öffnete sich nicht, als ich klopfte. Dem Wirt konnte

ich mich nicht verständlich machen. Vor dem Gebäude der europäischen

Firma stand ein Haufen Chinesen. Aber dort war eine Wand, an der die

Veröffentlichungen der Regierung angeschlagen wurden. Die waren stets

endlos lang, und die Chinesen entzifferten sie durch halbe Stunden. Im

Haus waren nur chinesische Angestellte, von denen niemand etwas von

Schlehmil wußte.

Wir blieben uns im Unklaren sowohl über seine Tat wie über seinen

Verbleib. Aber am nächsten Tag kam mit der chinesischen Post ein

Brief. In ihm sagte Emil Schlehmil uns adieu. Er habe plötzlich in

dringenden Geschäften abreisen müssen und komme nicht nach Tschangscha

zurück. Im Lauf des Tages hörten wir noch, daß der verwundete Kuli

in Schlehmils Räume habe eindringen wollen und daß Schlehmils Diener

sich seiner nicht habe anders erwehren können, als mit einem Knüttel.

Der Kuli wurde angezeigt und bestraft. Emil Schlehmil hatte sich von

niemandem verabschiedet, und kein Mensch wußte, wie und wohin er

abgereist sei. Doch das lag ja im Stil der europäischen Kaufleute und

war auch die Fortsetzung von Emil Schlehmils geheimnisvoller Art,

Geschäfte zu machen. Niemand zerbrach sich den Kopf darüber. Ein jeder

fand es in der Ordnung, daß der Narr verschwand, wie er gelebt hatte.

Auch unsere Zeit kam. Der Fluß hatte wenig Wasser. Dampfer und

Motorboote konnten nicht mehr fahren. Der Verkehr war stark

zurückgegangen, und wir fanden nicht gleich ein Fahrzeug, das uns

zum Jangtse hinabbringen konnte. Aber eines Abends kam ein Chinese

und gab uns eine große rote Visitenkarte. Der Name eines hohen

chinesischen Staatsbeamten stand darauf. Anfangs fanden wir nicht

heraus, was das zu bedeuten hatte. Am nächsten Tag erfuhren wir

durch einen Brief, der mit den Worten begann: "Wir wünschen Ihnen

eine geruhsame Nacht...", daß uns für die Reise eines der schönen

Regierungsboote zur Verfügung stand.

Und eines Morgens glitt das Boot an der ganzen Stadt entlang den Fluß

hinab. Wir standen vorn zwischen den vier Ruderern. Wir erkannten

die einzelnen Aufbauten der Tore und die Dächer der Tempel in der

Stadt wieder. Wir waren so oft an ihnen vorbeigegangen auf unsern

Entdeckungsreisen in die Stadt. Aber wieviel hatten wir von dem Spalt

der Maske gelupft, die sie bedeckte?! Die Stadt war fremd, wie vorher,

noch fremder, da wir sie inzwischen zu erkennen versucht hatten.

Aber hatten wir von Emil Schlehmil, dem Europäer und Deutschen, mehr

erblickt, als manchmal ein hastiges Blitzen seines Herzens, und war er

nicht -- unerkannt -- vor uns diesen Fluß hinab nach Süden oder hinauf

nach Norden ins unermeßliche gelbe Land davongefahren, der Liebe nahe

gekommen, wie wir der Stadt, und fremd geblieben, wie sie? Alles ist

fremd und keusch von Mensch zu Mensch, alles eingekleidet, mondenreich

und mondenfern, wie eine chinesische Frau.

FLUSSFAHRT

Im schönen Boot trieben wir langsam den Fluß hinab. Es war ein

langgestrecktes Schiff aus hell geöltem Holz. Vorn war ein Platz

für die Ruderer. Dann versenkte sich die kleine Kajüte in den

Schiffskörper. Eine Treppe führte neben dem Mast vom vorderen kleinen

Deck in sie hinein. Sie bestand in ihrem Aufbau aus lauter schönem

Stabwerk, einem zierlichen Gitter aus naturfarbenem Holz. Aber zum

Schutz gegen die Kälte waren Bretter vorgeschoben. Auch das Dach hob

sich ganz auf. Das Skelett des Schiffs lief an den Wänden des Zimmers

offen vorbei. Es waren feste Balken, mit der Hand gesägt und behauen.

Die Willkürlichkeit malerischer Einzelheiten der Handarbeit, kleine

Stützbalken und Hölzer, die in schönen Vasenformen ausgearbeitet

waren, das Holz mit seiner fremden markigen Zeichnung machten sie

uns zu einem Kunstwerk, das wir reichlich genossen. Die ganze Breite

ihrer der Tür entgegengesetzten Wand war vom Bett eingenommen. Das war

beträchtlich hart. Es war eigentlich nur eine breite hohe Holzbank.

Über ihr öffnete sich eine kleine Schiebetür in die Küche. Achtern

dieses Küchleins stand im Freien, wie auf einem Balkon, der Steuerer.

Auf einmal war auch die Frau unseres chinesischen Dieners, die wir

bisher nie gesehen hatten, auf dem Boot. Sie war eine kleine hübsche

runde Person mit grauen schief stehenden Augen, mit glänzend an

den Kopf angesträhltem Haar, ordentlich gekleidet und mit kleinen

Händen, die rundlich gedrechselt waren und fein zugespitzte Finger

hatten. Frau Boy nannten wir sie. Man erfährt nie den Namen seiner

chinesischen Diener. Sie sind wie Geister um einen.

Der Führer des Boots war ein alter Hunanese; er hatte einen schmalen

hohen Kopf, um den ein schwarzer Tuchturban gewickelt war, eine starke

gebogene Nase und einen dünnen heftig zugepreßten Mund. Er saß immer

vorn auf einem Knauf und schaute uns zu. Er war streng und immer auf

der Jagd nach den vielen Dingen, die sein Schiff unsauber machen

könnten. Neben dem Führer hatten wir noch vier Ruderknechte und einen

Steuerer.

In der kleinen Küche kochte uns der Boy. Wir hatten als Reisegeschenk

einer Freundin eine kleine Aluminiumküche mit. Unser erstes

selbständiges Essen war ein Festmahl. Der Boy war ein vortrefflicher

Koch. Ich fragte ihn, wo er gelernt habe, und er sagte, bei einem

Franzosen in Hankau.

Er spreche auch Französisch, leitete er eine längere Unterhaltung

ein. "Po'a joun, moschö!" war die erste Probe seines "fanchois". So

begrüßten sich die Franzosen, behauptete er. Und der Fasan, den er uns

zum ersten Frühstück brachte, hieß auf französisch "Feschang". Der Boy

war ein wenig dumm. Aber er schien mir so etwas wie Gemüt zu haben,

wenn diese Äußerungen nicht auch aus dem großen Ehrgeiz herausflossen,

der ihn ganz und in jeder Sekunde beherrschte.

Die Fahrt ging mit wonniger Eintönigkeit durch die besonnten kühlen

Tage. Es war einerlei, wann wir an der Mündung des Siangkiang in den

Jangtse ankamen. Wir hatten zur Sonnenseite einige Bretter ausschieben

lassen und sahen das Ufer hügelig und sandig, mit dunklen Bäumen

bekrochen, langsam zurückstreichen. Der heilige Berg Jo Lo Shan

schimmerte in seinen Herbstfarben aus den kahlen Hügeln heraus. Am

Tor des Klosters droben stand ein Baum, in den eine alte Glocke

eingewachsen war. Die Glocke war vom Himmel gefallen vor vielen

tausend Jahren.

Am Ufer wurden große Hebenetze, eins am andern, aus kleinen Hütten

heraus in den Fluß gesenkt und hochgehoben. Kormoranfischer schickten

um uns ihre schwarzen Vögel auf den Fang ins Wasser. Die Tiere hatten

einen Ring um den Hals, damit sie die Beute nicht verschlucken

konnten. Sie kletterten auf Stangen, die ihnen die Fischer hinhielten,

wieder aufs Boot und setzten sich in einer Reihe nebeneinander

auf das Dach. In Äckern am Ufer wurde die zweite Reisernte des

Jahres geschnitten und gleich an Ort und Stelle in tragbaren Kästen

ausgedroschen. In den Dörfern sah man zweirädrige Schiebkarren

lastbeladen steile Treppen erklimmen. Kleine Tempel mit Fassaden wie

Stickereien sahn aus dem winterlich benagten Laub von Baumgruppen

heraus. Töpferdörfer qualmten, als ob aus den Hügeln, die sie zu ihren

Brennöfen ausgehöhlt hatten, die Hölle ihre Schlote herausstreckte.

Am Ufer lagen große Haufen von Tongefäßen, kleine Krüge und große

Badewannen.

Manchmal kamen an einem Dorf drei, vier runde Bütten rasch auf uns

zugerudert. Es saßen derbe schmutzige Mädchen mit festen Fäusten,

brauner Haut, frechen großen Augen drin. Sie schlugen die Bütten mit

armlangen Rudern hüpfend durchs Wasser. Es waren Bettlerinnen. Mit

diesen Bütten reisten sie von ihren entfernten Wohnungen durch die

Kricks an den Fluß, sie paddelnd, wenn eine Wasserlache kam, sie

vor sich herrollend, wenn es eine Landzunge zu überqueren galt. Es

war das übliche Fahrzeug dieses Flachlandes. Die Frau Boy hatte die

Aufgabe, sie zufriedenzustellen. Sie griff in ihr gepolstertes Wams,

in dem Brüste und Hüften wie in einer Kugel verschwanden, und gab ein

paar Kupferstücke. Die Weiber in den Bütten hielten sich am Schiff an

und sagten ihren Spruch. Einmal kam die letzte bei der Verteilung zu

kurz. Der Frau Boy waren die Käschstücke ausgegangen. Das ließ sich

das Frauenzimmer nicht gefallen. Mit trotzigem Geschimpf verlangte sie

gleiche Behandlung wie alle. Ihr dicker Mund sprang gemein auf. Sie

ließ uns nicht los, bis wir ihr Almosen ergänzt hatten. Dann ruderte

sie bös und maulend in ihrer Bütte wieder ans Ufer.

In einem Städtchen war Markt, und das ganze Ufer hinauf wimmelte von

Menschen. Am ersten Abend kamen wir bis zu einem andern Städtchen.

Ein Haufen chinesischer Kriegsdschunken lag davor. Es waren lange

niedrige Boote. Vorn auf dem Bug saß eine kleine Kanone, die einzige

Armierung. Über dem Ruder war eine Kabine aufgebaut, Fahnen wehten auf

dem Schiff, die fünffarbige der Republik und das Sternenbanner der

Soldaten. Auf dem Topp des Mastes standen allerlei Amulette in die

Höh. Die Soldaten lagen vorn auf dem Deck und kochten sich Reis. Sie

waren alle in Kaki von chino-europäischem Schnitt und trugen Mützen.

Dem Führer unseres Bootes schien es das Sicherste zu sein, sich

zwischen sie zu legen. Die Soldaten standen alle auf, als wir kamen,

und halfen. Sie schlugen vor uns an, und einer, der am Ufer Wache

ging, tat so, als präsentiere er sein Gewehr. Der Boy sollte Einkäufe

in der Stadt machen. Wir gingen mit. Wir kletterten ein zerrissenes

Ufer hinauf. Dort stand ein großes Gebäude, in dem ein kleiner

dunkler Tempel war. Der Hund Fo, der mythologische Wächter von Tempel

und Haus, stand in Stein mit einem bissigen Gesicht und Schreck

einjagenden Augen davor. Ein Weg schlang sich eng und zerfallen an der

Kante des schroffen Hügels um die weißen Tempelmauern. Wir kamen in

eine enge schmutzige Gasse, in der offene dunkle Handwerkerwerkstätten

waren. Die Stadtmauer lief mitten durch diese Gasse. Über dem Tor war

das Gewölbe ausgebrochen.

Die Dämmerung überfiel uns bei den Einkäufen. Schweine liefen aus

der Dunkelheit heraus zwischen unsere Beine, grunzten und flohen

erschreckt. Räudige Hunde kamen schnuppern und rissen aus. Ein Ballen

von Chinesen heftete sich dicht gedrängt an unsere Schritte. In einem

Hof spielte ein Marionettentheater. Das erste, was wir kauften,

war eine Laterne, eine große runde Laterne aus Bambusgeflecht, das

von einer gelblichen Seidengaze übersponnen war. Der Boy wollte,

daß der Verkäufer unsern chinesischen Namen draufmalen sollte, so

wie es Sitte war. Ich hatte aber keine meiner chinesischen Karten

bei mir. Es mußte jedoch etwas auf die Laterne gemalt werden. Der

Boy verhandelte mit dem alten krummnasigen Chinesen, und der malte

schließlich schöne große rote Buchstaben auf die Laterne. Wir mußten

auch noch Tassen kaufen. Wir suchten welche aus. Der Boy fragte nach

dem Preis. Der Chinese sagte etwas und schaute uns unwahrscheinlich

an. Der Boy wäre ihm fast an den Hals gesprungen. "Master!" schrie

er, "dis men wantschi one hondert käsch oll pieci", das waren also

fürs Stück fünfzehn Pfennige. Ich hätte sie gern gegeben, aber da der

Boy nicht wollte, sagte ich dem Mann, es sei Betrug, die Fremden so

ausnutzen zu wollen. Da gab er die Tassen für die Hälfte des ersten

Preises und machte ein betrübtes Gesicht darüber, daß es ihm nicht

geglückt war, uns ein wenig übers Ohr zu hauen. Wir kauften rote

Talglichter, die auf hohen Stengeln saßen, unten dünn und oben dick

waren. Bei einem Fischhändler gab es einen Korb voll köstlichster

Barsche. Wir kauften auch Orangen. Alles trug der eine Ruderknecht,

den sich der Boy mitgenommen hatte. In einem Verkaufsstand waren zwei

Wildenten. Der Händler verlangte fünfzig Pfennige für das Stück. Der

Boy war entrüstet und wütend. Maulend kam er wieder heraus. Wir gingen

weiter. Der Händler kam uns mit seinen beiden Enten nach und gab sie

uns für vierzig Pfennig. Auch kleine süße Kastanien und Erdnüsse in

Haufen gab es. So waren wir bald schwer beladen. Die Nacht war finster

in die endlose gewundene Gasse gefallen. Offene Öllichter und matte

Seidengazelaternen brannten in den dunkeln Höhlen der Läden. In der

Finsternis kamen die Neugierigen, die uns noch nicht gesehn hatten,

nah bis an uns heran und flüchteten gleich wieder.

Auf dem chinesischen Fluß · 第 4 / 15 段