Währenddessen gingen Scharen von Alltagsleuten auf der Bühne herum.

Die Musik, die mit Bronzedeckeln, Trommeln und kleinen schreienden

Geigen arbeitete, saß in alltäglichen Kleidern im Hintergrund. Im

Hof drängten sich Kulis, Weiber und Kinder zusammen, horchten zu

und sprachen, rauchten in ihren messingenen Wasserpfeifen, sogen

zwei Züge, bliesen die Asche heraus, stopften wieder, pusteten den

Fidibus an und sogen ihre zwei Züge und reichten die Pfeife weiter.

Es gingen auch Männer umher, die Pfeifen vermieteten. Die Zuschauer

kauten Sonnenblumenkerne und spuckten dem, der vor ihm stand, die

Schalen auf den Rücken. Die steinernen Tiere, die vor dem Tempel Wache

hielten, Elefanten und Löwen, waren von kleinen Buben beritten. Als

wir aber aus der Dunkelheit des Tempels hinaus in den Hof traten, um

zu photographieren, waren wir auf einmal für Darsteller und Zuschauer

Bühne und Theaterstück.

5

Dem Straßenleben der Stadt gaben auf einmal Soldaten, die in

Scharen hindurchzogen, ein neues Aussehen. Man sah viele Kinder in

europäischen Kleidern mit großen Denkmünzen auf der Brust. Am Westtor

wurde gearbeitet. Gerüchte kamen, daß das von Europäern verwaltete

Zollhaus überfallen werden sollte. Dann hieß es, die Räuber seien

entdeckt und eingelocht worden, und schließlich entlud sich all der

Trubel in der einfachen Nachricht, Tschangscha bereite sich vor,

seinen Helden, den General Huang Schien, zu empfangen. Huang Schien

war noch vor anderthalb Jahren Lehrer in Tschangscha gewesen. Er

schlug sich zur Revolution und mußte deshalb eines Nachts fliehn.

Wir versäumten seinen Empfang am Ufer. Einen Tag später kamen wir

ans Yamen, an das Palais des Gouverneurs, als gerade durch ein Tor

ein Zug Soldaten in den mit Laternen und Fahnen geschmückten Garten

einzog. Wir blieben stehn. Ein Offizier fegte auf einem kleinen Roß

die Gasse herauf und verschwand im Garten. Am Schweif des Rosses

flog der Pferdeknecht mit. Und plötzlich kam inmitten von Soldaten

in einem offenen Stuhl aus Bambus, der von vier Leuten getragen

wurde, ein dicker Mann, ein Mastschwein von einem Mann. Er trug einen

Gehrock, einen harten runden Hut und eine goldene Brille, die moderne

Zeremonienbekleidung des Chinesen. Er sah eher aus wie ein Japaner.

Er schaute mich mit einem bösen und griesgrämigen Blick an. Um den

Stuhl herum gingen mehrere europäisch gekleidete Chinesen, die den Hut

abnahmen, sobald der Zug in den Garten kam.

Das war Huang Schien, der Held Tschangschas. Juan Tschi Kei hatte ihm

eben zusammen mit dem in Europa als Volksbefreier geschätzten Sun

Jat Sen seine Demagogie und Stänkertätigkeit für zwei Millionen Mark

abgekauft. Huang kam sich seinen Landsleuten zeigen als Vertreter

des neuen Gedankens, der in China die Zöpfe und die märchenhaften

Mandarinenkleider abgeschafft hatte, Kungfutse der Seele des Volks

entreißen wollte, um Politik in die Rasse zu tragen. Nordamerika hatte

diese Proselyten infiziert. Sie arbeiteten mit dem Geld von reichen

Leuten aus dem Süden, die ein Geschäft aus der Demokratisierung

zu machen hofften, und Sun bearbeitete im Sold japanischer und

nordamerikanischer Finanzgruppen, wie man sagte, merkwürdige

Eisenbahnfragen. Er stänkerte dabei gegen Deutschland. Aber er war ein

Christ.

Am Nachmittag dieses Tages wurde vor dem Nordtor von republikanischen

Soldaten ein alter Kuli erschossen, weil er ein unverbesserlicher

Opiumraucher war.

Emil Schlehmil sahen wir fast jeden Tag. Wir beschlossen unsere

Wanderungen bei ihm, saßen im Schlupf seines Zimmers, tranken den

besten Tee Chinas und sprachen über die Seele dieses Landes. Ich

liebte ihn. Er war ein unglückseliger Querkopf. Manchmal gingen wir

an den Fluß, wo sich Hunderte von Dschunken ineinander klemmten und

ihre wankende Stadt ein selbständiges Leben führte. Mit dem Leben der

Häuserstadt war es durch die heiße Arbeit der Armee nie rastender

Kulis verbunden. Sie schleppten die zerbrochenen, wasser- und

schlammtriefenden Treppen hinauf und herab, was die Dschunken brachten

und forttrugen, und sangen stöhnend dazu. In ihrem Gesang hatten sich

die Laute der ersten zur Arbeit gezwungenen Menschen erhalten. Es

waren große Antimonschmelzen in Tschangscha, und die meisten Schiffe

fuhren mit Kisten voll von diesem Metall flußabwärts. Drunten zwischen

den Schiffen ruderten Boote mit jungen, schönen und geschminkten

Dirnen und mit alten Kuppelhexen werbend umher. Haufen verschmutzter

und verfallender Bettlerboote drängten sich überall durch. Ihre

Insassen begannen, zeugten und beschlossen alles Leben ihrer Gilde

unter den zerfetzten runden Matten dieser Sampans. Kaufläden, Garköche

und Priester ruderten um die schweren Leiber der Dschunken, und wenn

ein Schiff den Anker hob und fortwollte, klebte der Schiffer rote

Papiere ans Bug, schlug den Gong, um den Geist des Flusses zu rufen,

und brannte ihm zu Ehren Pulverfrösche und Opfergeld ab. Am Strand

machten Ärzte inmitten einer Einrichtung von geheimtuenden Töpfen und

Zeichen unwahrscheinliche Operationen. Merkwürdige zweirädrige Karren

erkletterten geschickt Treppenstiegen. Auf der Höhe des Ufers baute

manchmal eine Theatertruppe eine offene wacklige Bühne und spielte

lärmend alte Stücke, während schwarze Schwärme von Zuschauern im Hügel

hingen. Große Truppen von Fischern umspannten den halben Fluß mit

ihren Netzen und zogen reiche Beute ans Land. Wir segelten mit Emil

Schlehmil zwischen ihnen hindurch den Fluß hinauf bis zur nächsten

chinesischen Zollstation. Am Ufer stand ein kleines buntes Tempelchen.

Kormoranfischer fuhren vorbei. Die Vögel saßen schwarz auf dem Boot

und bissen nach ihren Halsringen.

Wenn es sonnig war, leuchtete der Jo Lo San drüben mit seinen

geweihten herbstfarbigen Bäumen aus kahlen Hügelzügen heraus. Der

Jo Lo San war ein heiliger Berg. Am Fuß des Berges errichteten sich

inmitten von wassergetränkten Reisfeldern die Bauwerke einer alten

Universität mit großen Examenhöfen. Man ging durch Wald hinauf, unter

dessen machtvollen Bäumen sich ein ziervolles Quellentempelchen barg.

China kennt keine andern Wälder als die geheiligt um seine Tempel

stehenden. Sein ganzer Boden ist gerodet. Oben stand ein Kloster. Die

Boys brachten Essen und Wein, wir frühstückten unter den starren Augen

goldner Götter, und alte Chinesen kamen und verrichteten inmitten

unsres Lärms und Trinkens ihre Andachten. Dann legten wir uns ins Gras

und schauten in die milde schöne Fremdheit der Landschaft hinab, in

der in einem zerfließenden Parallelismus weiche Bergzüge durcheinander

blauten. Am Fluß drunten lag flach die große Stadt, und die Nebel

saugten sie auf.

Einige Male gingen wir auch durch die Gräberhügel um die Stadt. Soweit

man sah, wuchsen die Steinhaufen, die die Särge lose deckten, aus dem

dürren Gras. Schwarze Schweine wühlten im Boden. Rotten von räudigen

Hunden zogen miteinander keifend zwischen den Gräbern dahin. Große

weiße Elstern mit schwarzen Streifen flogen auf. Manchmal erhob sich

aus der Gleichmäßigkeit wie ein kleines Tor das Grab reicher Leute.

Ein Mann mit einem großen roten Schirm kam und suchte ein Grab. Er bog

manchmal mit den Händen das hohe Gras auseinander. Er fand es nicht.

Aber auf einmal warf er sich nieder und fing an zu schreien und zu

weinen. Es sind Hunderttausende von namenlosen Gräbern rund um die

Stadt ins Gras versenkt. Es ist ein Gürtel des Todes, der Tschangscha

umgibt.

Wenn die goldblonde Frau bei diesen Wanderungen mit war, wurde Emil

Schlehmil unleidlich. Er war zu uns von einer nervösen Schulmeisterei

und zu ihr von einer Galanterie, die einmal spöttisch war und einmal

in kindlichem Flehen zerfloß. Er wechselte zwischen Glückseligkeit und

Versagen.

Eines Tages lud uns ein chinesischer Bankier zu einem Abendessen

ein. Die goldblonde Frau sollte auch mitkommen. Wir freuten uns

auf das fremde Fest. Zum Frühstück kam ein junger Chinese zu

unserm Freund, um ihn um Rat zu fragen. Er war der Sohn eines der

reichen Antimonhüttenbesitzer. Er wollte nach Berlin gehn, um

Ingenieurwissenschaften zu studieren. Er hatte in europäischem Sinn

gute Manieren, gab sich sehr höflich und bescheiden. Zum Schluß des

Essens kam plötzlich Emil Schlehmil hereingewettert. Er hatte einen

hochroten Kopf, grüßte uns hastig, setzte sich verbissen hin und

übersah den chinesischen Gast. Darüber stellte ihn, als der Chinese

gegangen war, unser Freund zur Rede. Da brach Schlehmil los: "Sie gehn

heut mit den beiden 'Missies' zu dem Chinesen. Das geht nicht! Wissen

Sie denn das noch nicht? Und daß Sie den Chinesen in Gegenwart von

Europäerinnen zu Tisch laden! Das will soviel heißen wie: Nimm sie,

sie sind dein."

Die kleine goldblonde Frau trat auf den Erbosten zu und tippte ihm

mit dem Finger auf die Stirn: "Sie brauchen Kompressen", sagte

sie. Da verwirrte sich Emil Schlehmil in seinem Zorn und versuchte

zu erklären, in welcher Weise es in den Anschauungen des Chinesen

begründet lag, daß man eine fremde Frau nicht an seinen Tisch führen

dürfe. Die chinesischen Gastmähler werden immer nur mit Singmädchen

und den Mätressen der Teilnehmer veranstaltet. Der Chinese halte

seine eigene Frau stets von ihnen fern ... Aber wir lachten nur. Ich

sagte ihm: "Der junge Wu sah nicht so aus, als ob er an ein solch

weitgehendes Angebot gedacht hätte." Schlehmil antwortete nur: "Der

Chinese ist und bleibt ein Schwein! Und wenn Sie's besser wissen, so

gehn Sie mit den 'Missies' hin."

Das taten wir auch. Aber wir erlebten eine Enttäuschung. Von

Singmädchen keine Spur. Von Eßstäbchen keine Spur. Von Haifischflossen

und Schwalbennestern keine Spur. Der Gastgeber wollte uns besonders

entgegenkommen und hatte durch irgendeinen Koch europäisches Essen

herstellen lassen. Dazu gab es ein fürchterliches Rheinweingift

und französischen Champagner. Seine chinesischen Gäste hatten vor

uns gegessen, saßen in einem andern Zimmer, spielten und schrien.

Chinesisch wurde es nur, als seine schöne weißhäutige Frau kam. Sie

trug eine schwarze Seidenjacke und eine blumengestickte Hose. Wir

standen auf. Sie verbeugte sich lachend und schüttelte sich herzlich

die Hände, in denen sie ein europäisches Taschentuch hielt, und war

so geniert, daß sie in weitem Bogen in das hohe Gefäß spuckte, das in

der Zimmerecke zu diesem Zweck stand. Sie versuchte mit Messer und

Gabel zu essen. Aber es gelang ihr nicht, und sie legte die fremden

Instrumente lachend beiseite und gab das Essen auf.

Nach dem Essen gingen wir zu den chinesischen Gästen. Sie spielten

ein Hazardspiel mit Hunderten von Steinen. Es schien eine Kombination

von Domino und Poker zu sein. Sie spielten sehr hoch. Sie nahmen

die durchlochten Kupferkäsch als Spielmünzen, aber jeder Käsch galt

ein Tael, das ist ein Taler. Die zehn- bis zwölfjährigen Kinder

des Gastgebers trieben sich zwischen den Spielern herum bis nach

Mitternacht und nahmen einen sachkundigen und lärmenden Anteil an dem

Hin- und Herschassieren des Spielglücks. Ihr Vater spielte mit uns

Einundzwanzig, nachdem die Damen sich verabschiedet hatten. Er gewann

und lachte.

Es sei eine Europäerin angekommen, hieß es einige Tage später.

Wer denn? Wer denn?

Denn es ist schon ein Ereignis, wenn ein Europäer in Tschangscha

ankommt, er sei denn ein Missionar.

Nun, Frau A., sagte jemand.

Frau A. war bekannt für ihre Spezialität, die unerfahrenen Ehefrauen

über die Reisen ihrer Männer auszuholen.

Emil Schlehmil sagte: "Ah so, das gilt der goldblonden Frau. Wir laden

uns zum Tee ein. Wetten zwei Flaschen Mumm, daß Frau A. dort ist!"

Frau A. saß wirklich dort, als wir hinkamen. Mit unschuldiger Miene

sprach sie vom jungen Eheglück in den einsamen Gegenden des innern

Chinas, von der Vortrefflichkeit des Gatten und wie gefährlich nur es

jetzt in einzelnen Gegenden Chinas zu reisen sei.

Wir kämpften mit dem Lachen und Emil Schlehmil erzählte folgende

Geschichte:

"Kirchbach von Arnberg & Co. verreiste ins Innere. Er kaufte in Hankau

ein Billett für die Pekinger Bahn; und es kam, wie üblich, in die

Zeitung, er sei nach Hupeh verreist. Aber er war schlau. Er wollte

nach dem Süden von Ssetschuan. Vielleicht war dort etwas los und er

kam als der Erste und Einzige zur rechten Zeit hin. Aber unterwegs

bekam er den Verdacht, in Hupeh entginge ihm nun doch etwas und

Jobbs und Sandmeyer seien ihm, auf die Mitteilung in der Zeitung

hin, dorthin nachgereist und schnappten ihm die Sache weg. Er in

Eilmärschen nach dem Norden und nach Hupeh.

Jobbs und Sandmeyer aber hatten ihm sein Reiseziel nicht geglaubt,

sie reisten ihm nicht nach Hupeh nach, sondern blind irgendwohin, wo

vielleicht Minen zu entdecken oder elektrische Anlagen zu vergeben

waren, und sie treffen sich, erstaunt und geärgert, eines Morgens auf

einem Anlegeplatz am obern Jangtse. Es war nicht mehr zu ändern; aber

sie waren wenigstens nur zu zweien als Konkurrenten, und sie machten

unter sich ab, sie wollten sich faire Konkurrenz machen. Sie beendeten

ihre Reise dort, wohin sie Kirchbach machen wollte, bevor er es mit

der Angst auf Hupeh bekam. Sie haben Glück. Sie kommen ans Geschäft.

Ein Chinese will für eine Stadt eine elektrische Anlage machen lassen.

Er läßt sich von beiden Kostenvoranschläge machen und zeigt den des

einen dem andern und umgedreht. Infolgedessen verbringen sie drei

Monate im Süden Sseschuans, um sich gegenseitig zu unterbieten.

Als der Chinese schließlich Kostenanschläge hat, die ihn befriedigten,

schickte er beide an Arnberg & Co. nach Hankau, wo der inzwischen

zurückgekehrte Kirchbach sie zur Bearbeitung bekommt, und fragt an, um

wieviel unter diesen Anschlägen Arnberg & Co. die Anlage herstellen

könnten. Also, Missie" ... endete Schlehmil, "sagen Sie ruhig Frau A.,

Ihr Gatte sei nach dem Süden, um Schwefellager oder Silberminen zu

entdecken."

Frau A. lächelte jähzornig und bemerkte mit einer süßlichen Fassung:

"Es ist nicht, wie Sie meinen!"

"Ich meine nur, wie es ist!"

"Mein Mann reist nie jemanden nach. Er hat das nicht nötig."

"Ich erzählte die Geschichte vorhin unter einem Namen Jobbs. Es

sollte, da Sie sagen, Ihr Mann reise nie jemanden nach, eigentlich

Herr A. heißen. Denn er war der eine der beiden, die nachreisten."

Das sagte Emil Schlehmil, indem sein Gesicht plötzlich wie mit einer

Feuersbrunst sich überloderte. Wir bekamen Angst.

Frau A. rief hitzig:

"Sie lügen!"

Da stand Emil Schlehmil ruhig auf und, ohne ihr mit einem weitern Wort

zu antworten, verbeugte er sich gegen alle. Nur der goldblonden Frau

gab er die Hand und sagte: "Ich wollte Sie nur davor bewahren, das

Reiseziel Ihres Mannes zu verraten. Bitte um Entschuldigung." Dann

ging er.

An diesem Abend sollten wir ins Theater gehn. Wir mußten die Erlaubnis

holen, da wir außerhalb der Stadtmauern wohnten, uns nach acht Uhr das

große Westtor öffnen zu lassen.

6

Als wir abends ins Theater eintraten, kamen einige Chinesen mit tiefen

Verbeugungen. Sie lachten höflich und hoben rasch und in einer geraden

Linie ihre langen, schönen Hände empor, um uns den Weg zu weisen. Wir

kamen in einen vollen Saal. Viele Menschen saßen und gingen lärmend

rundum. Eine dunkle Kammer nahm uns auf. Sie war in den Saal hinein

offen. Das ganze Theater drehte sich die Sitze um, als wir kamen,

und wir waren eine Weile Bühne. Kaum saßen wir, so kamen Diener des

Theaters und stellten vor jeden von uns kleine Teller, die gefüllt

waren mit Sonnenblumenkernen, Erdnüssen, geschälten und zerteilten

Orangen, in Scheiben geschnittenen weißen Rettichen, Zigarren und

Zigaretten. Auch Tee brachten sie. Ein junger Chinese war mit uns.

Er sollte unser Dolmetscher sein. Zwei Männer kamen, verbeugten sich

tief, lächelten viele Male und bewegten ihre schmalen Hände gegen

uns. Das waren die Theaterdirektoren. Sie sagten uns: "Wir Kleinen

wissen die hohe Ehre, die der hohe fremde Gelehrte durch seinen Besuch

dem Abendtheater erweist, sehr wohl zu schätzen. Der hohe gnädige

Prinz würde seinen ergebenen Dienern eine außergewöhnliche Gnade

bereiten, wenn er geruhte, an diesem ersten Abend seines Besuchs,

sich als der Gast der vor ihm stehenden und ihn verehrenden kleinen

Männer zu betrachten." Die Chinesen lächelten und schmolzen vor

Liebenswürdigkeiten. Wir lächelten dankend zu. Wir drückten uns alle

selber die Hände, verbeugten uns tief und vielmals voreinander, und

die beiden Chinesen gingen wieder.

Sofort begann die Vorstellung.

Auf der Bühne erschien es wie ein in Menschenformen verzauberter

Blumengarten, der sich feierlich durcheinander bewegte. Eine

unsichtbare steinerne Kugel fiel hinten auf einen riesenhaften

Bronzedeckel und sprang unablässig, regelmäßig und hart darauf

herum, Trommeln schrien mit klopfendem Gebrüll los, Geigen rissen

heftige Tonreihen von ihren Saiten, und eine Stimme erklang, hohl

und spitz wie eine Pappel und sang. Der Blumengarten geriet in eine

neue Bewegung und gliederte sich in Theater spielende Einzelheiten

auseinander. Einer stand rechts, einer links, beide einander zugebogen

mit einer sonderbaren Haltung der Körper, wie in einem Traum.

Einer von unten saß auf einmal auf einem Balken. Die beiden unten

unterhielten sich hoch im Falsett singend miteinander. Sie klagten

und waren unglücklich. Es waren zwei Frauen, eine junge und eine

alte. Plötzlich schoß der auf dem Balken mit einem unglaubhaften

Saltomortale donnernd zwischen die beiden andern auf die Bühne nieder.

Die Frauen kreischten wie erschrockene Zickzacke zurück. Die Geigen

verloren den Atem. Die Steinkugel und die losbrüllenden Trommeln

radauten allein. Der Akrobat sang aus einer Kehle, die so eng war wie

das Loch einer Zwirnspule und warf seine Hände schmal und schön und

schwirrte umher mit einem ungebärdigen erregenden Fluß der Bewegung,

wie ein Vogel, dem auf einmal menschliches Temperament unters Gefieder

kommt.

Die jüngere der Frauen war lang und schmal und hatte die Eckigkeit

einer Lilie. Sie trippelte so unwahrscheinlich umher, eingehüllt in

die prunkende Fremdheit ihrer farbigen Stickereien, so beladen mit dem

fremden aufregenden Reiz ihrer seltsamen Bewegungen. Ihr Gesicht war

rot gemalt und leuchtete aus dem schweren Behang ihrer Gewänder, wie

das einer Göttin fremden Glaubens. Es war pervers. Die Chinesen riefen

guttural allenthalben: »Cha, cha!« (Gut, gut!) Wir wußten, dieser

absonderliche Menschenreiz auf der Bühne war ein Mann.

Da kam eine Alte zu uns herein. Sie humpelte bedächtig auf ihren

geschnürten Klumpfüßen, hatte einen Stoß ungebrauchter heißer

Handtücher auf dem Arm, aus denen ein warmer Dampf aufzog, und wir

nahmen jeder eins und sahen, wie auch im Theater solche Tücher in

großen Haufen herumgetragen wurden. Dort gingen die Burschen, die

ganze dampfende Arme voll hatten, durch die Mitte. Hundert Arme

streckten sich hoch. Auf den zwei Galerien beugten sich Menschen

über und streckten die Arme vor. Die Burschen warfen das Handtuch,

es bohrte sich durch die Luft hinauf oder flog über die Köpfe ins

Parterre, eine Hand griff in den drehenden Flug, der weiße Vogel

stockte und wickelte sich rasch um die Hand. Die Hand fuhr sorgfältig

lang und genießerisch damit übers Gesicht, Kopf und Nacken. Da machten

wir dasselbe. Es war sehr erfrischend.

Die Bühne spielte weiter. Die schreckliche Kugel prallte wieder auf

das tönende Becken. Die Geigen schrien. Die Trommeln klopften wie

erregte Drescher. Die Pfeifer zischten wie Dampfventile. Und manchmal

dämpfte sich dieses so fremde, für unser Ohr noch so undifferenziert

Lärmende zu einigen milden melodischen Wogen, in die sich eine

beruhigte Stimme erlösend und erfreuend einschmiegte. Die junge Frau

stand vor einem alten Mann, der mächtige farbige Backen aufhatte,

und in seiner komplizierten Maske eine auf der chinesischen Bühne

althergebrachte Abdeutung seines Charakters mit sich trug. Die junge

Frau war wie ein kratzbürstiges Ornament. Der Alte warb. Sie durfte

sich nicht entziehen. Und sie entzog sich doch, und ihre Bewegungen

unter der streichelnden Begehrlichkeit des Alten waren wie eine Flucht

in boshaften, spöttischen, ängstlichen Mäandern.

Auf der Bühne gab es keine Kulissen. Ein Tisch war ein Felsen. Wurde

eine Festungsmauer gebraucht, so brachte ein Kuli in Straßenkleidern

einen Stuhl. Änderte sich der Schauplatz, so gingen sämtliche

Darsteller ein Weilchen rundum. Auf den Seiten und in der Tiefe der

Bühne trieben sich allerlei Leute herum, die nicht zum Stück gehörten.

Sie gingen ab und zu, rauchten in ihren Wasserpfeifen, sprachen,

spuckten und kletterten wieder in den Zuschauerraum hinab. Hinter den

Darstellern saßen die Musikanten in gewöhnlichen Kleidern. Manchmal

wurde einem Schauspieler eine Tasse Tee gebracht. Er drehte sich um

und schlürfte sie aus. Im Saal ging es ebenso zu. Man plauderte und

schrie, blies die Wasserpfeife aus und die Fidibusse an, spuckte und

schneuzte sich und zerbiß ununterbrochen Sonnenblumenkerne. Soldaten

erzwangen sich lärmend freien Zutritt. Die Frauen saßen für sich

auf der ersten Galerie. Sie waren alle sorgsamst in hellfarbige

Seidenjacken gekleidet, schwarze Hosen und buntbestickte Schuhe, die

so groß waren wie ein Fingerhut. Ihre schwarzen Haare lagen glatt und

glänzend an die schöne Rundung des Schädels geschmiegt. Alle Gesichter

waren gepudert und geschminkt; alle Frauen waren mit seltsamer Kühle

bereifte Blumen. Ihre Kinder spielten um sie oder schauten zu. In

Gruppen saßen schöne Singsangmädchen beisammen.

Auf der Bühne ging es ungestört weiter. Die Stimmen sangen hoch

im Diskant fremde Musik, psalmenhaft eintönig, ein schrilles

Rezitativ. Es schien, als wollte es bis zum Zerspringen der Stimme

in die Höhe dringen, als wollte es die Stimme durch die Schädeldecke

hinausschießen. Das Orchester lärmte und rauschte rätselhaft, reizte

und hüllte die fremdartige Pracht der Gewänder, die Absonderlichkeit

der Vorgänge, die malerische Fremdheit der Bewegungen auf der Bühne

in das weite und gewaltsame Geräusch der Instrumente, erdrosselte

manchmal die Stimmen. Lange Augenblicke raste nur das eintönige

brutale Schlagen auf die helltönenden Becken, und aus ihm flossen

plötzlich ein paar Sätze einer schönen malerischen Melodie. Sie

brachen kurz ab, bevor sie vollendet waren, in einer Kadenz, die in

die Höhe trieb und hoch über uns irgendwo hängenblieb.

Als ich mich einmal an den Dolmetscher wandte, es war noch im ersten

Stück, wußte er nicht, was ich wollte, und erzählte mir nur die Fabel:

Die Junge sollte den Alten heiraten. Sie wollte nicht. Der Mann, der

vom Balken sprang, versprach, zu helfen. Er verkleidete sich, daß er

wie das junge Mädchen aussah. Kulis brachten das Brautbett auf die

Bühne. Der alte Liebhaber erschien, bebend vor Begier. Sie gehen zu

Bett. Der Alte bekommt einen Schlaftrunk, denn der Verkleidete ist ein

Räuber. Er läuft mit der Geldtruhe davon. Die Diener des Beraubten

stürzen dem Dieb nach, scheinbar ins Endlose, in Wirklichkeit aber nur

in ein neues Stück hinein.

Denn die letzten Darsteller des ersten Stücks waren noch nicht durch

die rechte Tür verschwunden, die Musik hatte keinen noch so kleinen

Punkt, nicht einmal einen Beistrich gemacht, so hatte schon ein

neuer Vorgang begonnen. Ein Mann erschien, großmächtig, wunderbar

gekleidet, mit einem Bart wie ein Stratuswolkenstreifen. Seine Maske

war gewaltig und wie aus emaillierter Bronze. Sie erstickte alles, was

Menschenfleisch an diesem Gesicht war. Die Gestalt ging feierlich,

breitspurig, zog die Knie eckig hoch und setzte die Beine schwer

nieder. Sie war ein Denkmal, das aus dem fremden Wald der chinesischen

Mythologie herausgestiegen war, für einen Abend schweres Blut genommen

hatte und wie in einem andern Bewußtsein an unserm Auge vorbeiging.

[Illustration: Der Hund Fo]

Auf dem chinesischen Fluß · 第 3 / 15 段