Aber zugleich lernten wir Chinesisch. Wir lernten nicht nach einem

System, sondern sozusagen nach der Lebensforderung. Wir riefen den

Boy. Es ist unmöglich, diese Sprache anders als durchs Ohr zu lernen.

Das erste Wort, das kam, war: Seide. Wir hatten Bücher. Darin stand:

Seide--se. Seide heißt auf Chinesisch: se, nicht wahr? fragte ich

den Boy. Er sagte: Nein. 'Tse, heißt es. Wir wußten schon mehrere

Wörter, die man se schrieb und die jedesmal etwas anderes bedeuteten

und natürlich jedesmal ein anderes Schriftzeichen hatten. Se hieß:

Seide, ja, Löwe, Papier, schreiben, es hieß vier und zugleich zehn

und bedeutete auch das Zeitwort sein. Also einige der im Umgang

wichtigsten Begriffe deckten sich unter den zwei lateinischen

Buchstaben s und e. Der Unterricht begann. Wir gingen der Reihe

nach die verschiedenen Bedeutungen phonetisch durch. Ich zeigte dem

Boy das Schriftzeichen. Er las es. Seinen Mund sahen wir die Töne

bilden. "Sein" klang se, "schreiben" tzì, "Papier" tssse mit vielen

sanften s, "vier" hörte sich sehr weich an, es wurde in aufsingender

Modulation söeee gesprochen und "zehn" tönte kurz sse. "Seide" war

tze, "Löwe" tzö und "ja" wurde ssse gezischt. Nur die trainierteste

Equilibristik der Stimmbänder bringt die Unterschiede heraus, die in

einem andern Sinnkreis wieder nur aus der Stellung der Satzgefüge

ihre Bedeutung gewinnen. Es gab Wörter, die siebzigerlei hießen,

zum Beispiel Tschuan. Nicht die Betonung, sondern die Intonierung

war das akustische Gesetz der Sprache. Etwas Schwebendes trug sie

schwirrend wie eine Stimmgabel. Hörte man die Menschen sprechen, so

stießen die Wörter sich in einem purzelnden Singen mit Überschlagungen

der Stimme, mit tausend flüchtig verschlungenen Modulationen, mit

rasch gurgelnden Auspuffen und unversehens heimlich zurückhaltenden

Aspirationen aus der Kehle.

Eines Tages wagten wir uns allein in die Stadt. Ich nahm meinen Kompaß

mit. Wir gingen durch das Südtor hinein, und ich dachte, ich finde

die große Kuriositätengasse zurück. Dort hatte Schlehmil für mich auf

eine schöne alte Tautaukette aus 120 haselnußdicken Mondsteinen und

mit Behängen aus Nephrit und Korallen gefeilscht, und ich hatte den

Eindruck gehabt, als ob der Chinese nicht mit uns handeln wollte. Er

hatte 80 Tael verlangt. Wir hatten ihm 30 geboten. Aber er wollte

auf die Kette nicht handeln. Wir kamen durchs Südtor. Dann mußte man

gleich hinter der Mauer abbiegen. Dort waren schmutzige Löcher, in

denen Chinesen Lumpen aufeinanderklebten. Die Lumpen sahen aus wie

Brutstätten von furchtbaren Bazillen. Schuhsohlen wurden aus den

aufeinandergeklebten Lappen gemacht.

Wir kamen um die Ecke zu dem Laden, vor dem die schönen blauen Tücher

hingen. Sie waren mit Vögeln, Ornamenten, Menschen, Blumensträußen

bedeckt. Die Muster wurden mit Kalk aufschabloniert, dann färbte man

das Tuch in einem Kessel, und die kalkbedeckten Stellen blieben weiß.

Es war eine derbere Art des Batik, kräftig und volkstümlich. In allen

Gassen gab es Blaufärber, die diese Tücher machten.

Aber nach diesem Laden endigte die Gasse in einen unbekannten

lebhaften Straßenzug, der nach rechts und links hinlief. Da stimmte

es schon nicht mehr. Mit dem Kompaß in der Hand strichen wir kreuz

und quer. Die Chinesen kamen auf uns zu und wollten sich den Kompaß

anschauen. Sie lachten und gingen weiter mit uns. Wir hetzten bald

einen ganzen Haufen Menschen durch Gassen, in denen wir bestimmt nie

gewesen waren. Verkrätzte und verhungerte Hunde liefen mit, und Säue,

vor deren Größe wir staunend zuerst erschraken, hoben sich aus dem

Schmutz und stürmten grunzend quer vor uns über den Weg zu ihrer Brut,

die in Rudeln mitten durch die Gassen sich Nahrung suchte und keines

Kots Feind war. In den offnen Häusern und Läden saßen Chinesinnen,

an deren gewölbten frischen Brüsten mit kräftigem Lebenswillen die

gesündesten und lieblichsten Kinder tranken. In einer Gasse stand ein

taoistischer und ein buddhistischer Mönch in friedfertigem Gespräch

beisammen. Vornehme Chinesen wurden durch die Gassen getragen und

hielten kleine schön geschnitzte Riechhölzer an ihre Nase. Große Läden

mit getrockneten Fischen überstanken alle Gerüche, und Fisch- und

Gemüsehändler ließen die üppige Lebendigkeit des freien Landes in der

grauen Gasse leuchten.

Bald schien unserer Erinnerung die Ähnlichkeit einer Ecke

zielverheißend. Aber wir waren immer genarrt. Wir mußten weitab

gekommen sein, denn als ich der Sicherheit halber das Südtor

zurücksuchte, fanden wir es nicht mehr. Ich wußte nur, daß die

Gasse der Händler zwischen Süd- und Osttor lag. Wir eilten lange

Straßen hinab, in denen Haus an Haus die Schreiner ihre farbigen

Möbel zimmerten. In andern hämmerten und drehten die Kupfer- und

Zinnschmiede und hatten die Gestelle voll eigenartiger Gefäße und

Töpfe. Sonderbare und unbekannte Gewerbe wurden von Haus zu Haus

getrieben: Die Matratzenmacher mit ihren großen Zupfbogen, die

Reisstampfer, die riesenhafte Holzkeulen traten, die Verfertiger der

großen Kugellaternen aus dünnem Seidenbast, der mit roten Zeichen

bemalt wurde, die Regenschirmmacher. Stickende Frauen und Mädchen

saßen an den Häusern, tief über ihre kleine feine Arbeit gebeugt.

Die großen Stickarbeiten wurden von Männern gemacht. Zwischen den

Läden eiterten öffentliche Anstalten wie eine Pest. Kulis, die den

Inhalt in Holzeimern vor die Stadtmauer in die Gruben der Unternehmer

brachten und Wasserträger liefen in Ketten schwankend aneinander

vorbei. Musikanten strebten durch die Menge, ihre Instrumente hingen

wie tot in den Händen und warteten, daß sie klingen sollten, wenn ein

musikbegieriges Haus sie zu sich lud. Blinde gingen mit gleichmäßigen

Schritten mitten durchs Gewühl und schlugen von Weile zu Weile schrill

auf eine Metallplatte, um für ihr Gebrechen den Straßenverkehr

behutsam zu machen.

Einige Male kamen ältere Herren; sie spürten die nahende Kälte und

waren in dick wattierte Mäntel eingehüllt. Der Kopf steckte in einer

Kapuze, die mit einem Umhang weit über Rücken und Schultern fiel.

Aus der Kapuze sah das farblose Gesicht heraus, nicht viel mehr als

zwei kreisrunde mondgroße Brillengläser auf einem Kürbis von Nase.

Es war wie eine Schrulle. Der alte Herr schien kühl und beleidigt

erstaunt zu sein, daß es so etwas gab wie wir. Die dünnen Hände

drückten sich fester um das Messingöfchen, und die marsbewohnerhafte

Erscheinung spazierte langsam weiter und schaute nicht mehr um. Es gab

Chinesen mit mongolischen Nasen, kurz, breit, in die Höhe gequetscht,

und andere mit großen gebogenen, deren fremde Abstammung in der

Bezeichnung weiterlebte, die die Chinesen für die Mohammedaner hatten.

Sie nannten sie die Langnasigen. Im ganzen war die Verschiedenheit

des Typs von großer Reichhaltigkeit, und vom halbfertigen Gesicht

des stupiden Mikronesiers bis zur edlen ausgereiften Ebenheit der

klassischen Schönheit -- hier eigenartig durch die flachen Augen

modifiziert -- gab es alle Zwischenstufen von dumm zu intelligent,

häßlich zu schön. Aber die meisten dieser Hunanleute hatten kernige

und etwas trotzige Gesichter scharfer Krieger des Mittelalters. Das

schwarze Kopftuch war ein guter Rahmen für diese Züge.

Seitdem das Tragen des Zopfes Staatsverrat bedeutete, hatten die

Barbiere, die überall in den Gassen arbeiteten und aus der Neuerung

keinen Nachteil schöpfen wollten, die Haarmode in eine große

Verwirrung gestürzt, in der die Mode des geschorenen Vorderkopfes

und die des weich aufgebäumten und weich zurückfallenden, halblangen

Haarwuchses der französischen Lyriker besonders heftig gegeneinander

stritten. Die "Gent" und die Ladenschwengel, Boys und Schreiber

zogen die letzte vor, die erste liebte der Kuli. Die älteren Herren

gingen fast ausnahmslos glatt geschoren. Nie sah man mehr einen Zopf.

Die Barbiere massierten auch. Darin waren sie sogar Spezialisten.

Auch der Kuli läßt alle Arten von Massage an sich vollziehen. Wir

sahen eine Frau mit einer genial einfachen Einrichtung von zwei sich

überschneidenden, mit zwei Fingern bewegten Zwirnschnüren Backen, Kinn

und Stirn einer Freundin behandeln.

Am beliebtesten aber war das Ohrenputzen. Jedermann frönte dieser

Einrichtung wie einem unwiderstehlichen Laster, und es muß als eine

Art von Erotik betrieben werden. Eine ganze Sammlung von Instrumenten

diente dazu. Zum Beginn kam ein solides Holzlöffelchen, dem ein

Metallstab folgte. Dann wurde die Behandlung mit kleinen Schaufeln an

biegsamen Stäbchen fortgesetzt, ein feiner weichfedernder Bambushalm

mit einer Perle, einer mit einem dünnen Messingring, quirlten im Ohr

herum. Wenn all die Kitzel zu leicht geworden, wurde mit einer feinen

scharfen Metallspitze an einem nachgiebigen Messingstab hier und

dort ins Ohr gepickt: Der Behandelnde versank auf dem Stuhl wie in

selige Träume, drückte die Augen fest zu, schlug verloren die Beine

weg, und hundert Schauer zuckten durch all seine Züge und Muskeln.

Abgeschlossen wurde die Behandlung dann mit einer beruhigenden Quaste

aus Seidenbast an einem langen Hornstäbchen, das der Barbier wonnig im

Ohr herumdrehen ließ. Das Ohrenputzen war Volksleidenschaft.

Wir gerieten auf der Wanderung auf einmal aus dem Kreis der Menschen

heraus, wo wir all das sahn. Schmale Schlüffe brachten uns in andere

Gegenden, in ein Stadtviertel, das nur aus Mauern zu bestehen schien.

Keine Gasse war mit der andern verbunden. Alle taten so, als liefen

sie ins Endlose hinaus und seien nur für sich da. Wir kamen nie an

einen Platz, der Züge von Straßen in sich aufgefangen hätte. Alle

Gassen waren mit Steinplatten gepflastert, und ein Abfuhrkanal führte

unter jeder Gasse. Aber es war kein Wasser drin, das den Schmutz

weggespült hätte, und es stank drunter herauf wie von Äckern nach dem

Dung im Frühjahr. Eine geschlossene Sänfte eilte hastig und heimlich

durch eine der geheimnisvollen Mauergassen und drückte uns in der

Enge an die Wand. Auf der Wand war die große Scheibe des Jin Jang

aufgemalt. Die zwei im Kreis ineinandergeschlungenen Zeichen waren rot

und schwarz gemalt, und rundum fügten sich die Balken der Urzeichen

aneinander.

Endlich öffnete sich eine etwas zurückliegende Tür in der Mauer.

Auf ihren großen Holzflügeln standen in mächtiger Farbigkeit zwei

riesenhafte bedrohende Spukgestalten -- die Geister von Tsin Su Pao

und Wo King Te, deren Wachsamkeit vor Jahrtausenden einem Kaiser

das Leben erhalten hatte, damit sie nun auf den Mauern chinesischer

Paläste weiterlebten. Aber die Flügel waren fest zu wie in einer

Erstarrung. Dann war die Mauer wieder kalt und eintönig, weiß und

langweilig. Und was war vielleicht dahinter? Nie ist das so heftig

Fremde, so aufregend Rätselhafte des Landes gleich ungestüm an die

Phantasie gesprungen wie auf dieser ersten verirrten Wanderung durch

die Gassen der unheimlichen Stadt.

Und immer hinter uns her strömte alles an Menschen, was unsern

Weg traf und was gerade nichts zu tun hatte: Knaben und Kulis,

alte bebrillte Lehrer und junge Verkäufer mit glatten schwarzen

Frisuren. Aber niemals Frauen. Sonst kribbelte die Stadt vor Fleiß

wie ein Ameisenhaufen. Als es sich immer weiter wiederholte, daß

uns Erinnerungen und Ähnlichkeiten täuschten und wir uns verloren

in das Unbekannte der Stadt eingesponnen hatten -- es ging in die

vierte Stunde, daß wir so umherwanderten -- da benutzten wir ein

Radikalmittel. Wir gingen eine der geraden Geschäftsstraßen mit

Hilfe des Kompasses nach Westen. Wir kommen so auf jeden Fall an die

Stadtmauer, dachte ich, und gehn zum nächsten Tor. Wir gelangten

schließlich auch an die Mauer. Ein schmaler Schluff lief dort,

angefüllt mit Gestänken. Dunkle Löcher öffneten sich aus ihm. Die

plumpe Stadtmauer sperrte Licht und Luft ab. Wir sahn in den Löchern

die armen Leute zu zehn und fünfzehn in einem Raum hausen, öffentliche

Mädchen sich in Ställen hingeben. Sie kamen in die Tür und lachten uns

zu. Wir hatten nun die Wahl, nach dem Westtor oder dem Südtor zu gehn.

Das konnten wir schon etwas primitiv auf Chinesisch fragen: dsai na li

da si mena? fragte ich, und die Leute nickten mit dem Kopf, lachten

und schienen glücklich, uns zu zeigen, in welcher Richtung das große

Westtor lag.

Ich hoffte, daß wir einen Ausgang auf die Mauer fänden. Aber sie

waren alle versperrt und zugeschüttet. Nichts von dem Elend und den

Gerüchen der engen Gasse an der Mauer blieb uns erspart. Wir hasteten

eine halbe Stunde lang durch sie dahin. Hier folgte niemand uns, außer

einigen schmutzriechenden Hunden. Die Leute schienen wie benommen zu

sein von dem Stumpfsinn, der Licht- und Luftlosigkeit in den Löchern

ihres Lebens. Die Gasse war Schweinestall wie Abort. Wir waren erlöst,

als die plumpe Gestalt des Toraufbaus in der begonnenen Dämmerung

erschien.

Dann gingen wir ins nahe Tschin Dei und erzählten unsere Abenteuer.

Emil Schlehmil gab Gre seinen Tragstuhl, und sein Kuli ging einen

andern für mich holen.

4

Tag für Tag durchzogen wir nun allein die Stadt. Durch solch eine

Stadt zu gehn, ist, wie sie durchpflügen. Man ist Pflug und Saat

zugleich. Man gräbt sie auf und sät sich hinein in die an ihrer

Fremdheit fruchtbare Stadt und wartet selig gequält wie ein Märztag,

was aus dem geheimnisvollen Schoß aufsprießen mag. Neue Dinge

kommen in Fluten, und wenn wir etwas schon Bekanntes treffen: einen

Brunnen, einen Hund Fo, einen Tuchweber, an den wir uns erinnern,

so sind wir auf einmal stolz vertraut mit diesem rätselhaften und

fremden Wirrwarr, in dem einige hunderttausend Menschen wohnen, deren

geringste Intellektäußerung uns so stark und unbekannt aufstachelt wie

die höchsten Dinge unsrer Heimat.

Es wurde rasch eine Leidenschaft, zu den Kuriositätenhändlern zu gehn

und die ungesichteten Zusammenhäufungen zu durchwühlen. Wir konnten

schon selbständig die Preise erfragen, handeln, kleine Bemerkungen

machen. Der ganze Haufen der Neugierigen, der uns folgte, nahm den

lebendigsten Anteil an allem, was wir taten. Sie fühlten unsere

Kleider ab, Gres Schmuckstücke, und, geborne Händler, wollten sie

stets wissen, wieviel die fremden Dinge gekostet haben. Haudi! sagten

sie dann und streckten den Daumen in die Höh'. Das heißt: es ist sehr

schön. Wenn Frauen im Laden waren, wurde Gre bis auf ihre Intimitäten

erforscht.

Die Leute in der Gasse, an den Laden gedrängt, waren nah am Platzen

vor Neugier, was nun von den chinesischen Dingen das Interesse

der Fremden erregen mochte. Wir handelten und bewunderten alles,

was der Händler hatte. Das tat ihm wohl. Wir waren ihm sehr

vertrauenerweckend. Es fiel mir auf, daß man uns für dieselben

Gegenstände oft niedrigere Preise vorschlug, als wenn Schlehmil mit

war. Wenn die Zuschauer genügend unsere Mäntel, Krawatten, Stock,

Kniestiefel, die wir immer wegen des Schmutzes trugen, untersucht

hatten, beteiligten sie sich auch am Handeln. Besonders Listige

stellten sich neben uns auf und taten so, als ob sie uns zum Händler

geführt hätten. Vielleicht fiel nachher eine Kommission für sie ab.

Aber sie ließen sich gutmütig zurückweisen und schoben, lachend

darüber, entdeckt zu sein, ab.

Der Händler, brachte stets zuerst die landesüblichen Vasen und

bronzenen Räucherbecken und war zunächst außer Fassung, wenn wir sie

zurückschoben und andere weniger beliebte Dinge in die Hand nahmen.

Das war für den Preis vorteilhaft. Er wurde sozusagen überrumpelt.

Aber manchmal geschah auch das Gegenteil. Unser Interesse gab dem

Ding einen unerwarteten phantastischen Wert. Wir lachten dann, wenn

der Chinese den fabelhaften Preis nannte. Auch die Masse unserer

Neugierigen fand sich durch den hohen Preis ergötzt. Sie lachten im

Chor mit, und der Händler fragte hitzig und enttäuscht: Wieviel gibst

du?

Wurde ein Kauf abgeschlossen, so entstand eine Bewegung unter unsern

Zuschauern, und ihr Handelsinstinkt sagte befriedigt: bravo!

Eines Tages fand ich den Laden mit der alten Kotaukette aus

Mondsteinen wieder. Der Händler schien sich nicht zu erinnern, daß

wir vor vierzehn Tagen dreißig Tael dafür geben wollten. Ich nahm sie

in die Hand und fragte, wieviel er dafür haben wollte. Er antwortete

etwas, das ich nicht verstand. Ich sagte ihm, die Kette sei sehr

schön, ich gebe ihm zehn Djau dafür. Das waren etwa fünfzehn Mark. Er

überlegte sich's ein Weilchen. Dann packte er sie in ein Papier und

gab sie mir. Dreißig Tael waren hundert Mark gewesen. Wir hatten zu

Hause schon eine Lade voll alter Stickereien, Schnallen und Anhänger

aus Nephrit, ziselierte Kupferdosen, einen achteckigen getriebenen

Handofen, mehrere Sätze aus Stein und Elfenbein geschnittener

Stempel mit Löwen ... Schöne Bilder, wie ich sie so gern gehabt

hätte, von dem dunkeln heftigen Expressionismus alter chinesischer

Landschaftskünstler fanden wir nicht. Überhaupt sahn wir nur sehr

selten alte Kunstwerke großen Stils. Die Händler hatten sie wohl.

Aber sie wanderten bei den chinesischen Liebhabern umher. Die

Chinesen glichen darin den Parisern, sowie ja auch die Art ihrer

Kuriositätengassen vervettert war mit der Rue de Seine. Sie sammeln

mit Leidenschaft Gegenstände ihrer heimatlichen Kunst und kennen sich

gut in ihnen aus. Sie gehn selten in die Läden. Der Händler schickt

die Dinge ins Haus, und der Chinese hat sie dort monatelang, in denen

er ununterbrochen um den Preis handelt, sie betrachtet und auf ihre

Echtheit studiert.

Aber indem wir so der Leidenschaft für die Kunst fremder Phantasie

folgten, kamen wir zugleich zu Menschen und Stadt. Wir machten oft

lange Zickzackreisen, bis wir die Gassen der Händler fanden. Ganz

sicher wurde die Kenntnis der Stadt nie. Die Stadt war zu willkürlich

gebaut, zu abgehobelt in persönlichen Äußerungen. Sie überschwemmte

das Gelände mit keinem andern Willen als dem, von Augenblick zu

Augenblick die bescheidene Notwendigkeit des gleichmäßigen Volks zu

erfüllen. Auch die großen Inseln der reichen Häuser, die in den Gärten

der langen Mauergassen lagen, waren unter sich gleich, die Tempel,

die Gildenhäuser. Die Stadt war auch eine ins Große aufwuchtende

Wiederholung der einfachen oder kunstvollen Dinge, die wir kauften

und die eine fließende Gleichart in ihrem Prunk oder ihrer einfachen

Stilgröße hatten. Die Stadt war ein Abbild ihrer Menschenmassen,

und sie spannte diese so in sich ein, wie das chinesische Leben und

die chinesische Moral mit stählernem, gleichmäßigem Feststehn den

vierten Teil aller Menschheit gebunden hielt. Das Skelett waren die

Geschäftsstraßen, die kreuzweise zu den Himmelsrichtungen und den

Toren liegen. Rund um sie war es bewachsen, wie das Bedürfnis es

verlangte, ohne Bequemlichkeit und Schönheit kennen zu wollen. Die

Funktionen der Stadt waren einfacher als die eines Bauerndorfes in der

Heide.

Überrascht hielt uns plötzlich in dem Gedudel von Schlüffen und Gassen

ein Toreingang an. Er war in aller Kreisheit der Einfälle mit der

naiven Buntheit der Phantasie, dem spielerischen naturalistischen

Erzählen seiner Darstellung von einer klassischen Sammlung. Er war

glanzvoll ruhig und schmelzend. Er führte zu Anlagen von spärlich

bewachsenen Gärten mit strengen Teichen und zu Häusern, die uns

geheimnisvoll blieben. Tempel öffneten sich mit Höfen unerwartet in

der Gasse. Vor ihnen hielt der Hund Fo Wache und machte ein ornamental

bissiges, mythologisch spukhaftes Gesicht auf seinem Sockel. Die

schönsten Tempel waren stets die rotgemalten Kungfutsetempel.

Tschangscha hatte nur zwei von ihnen. Sie wären die ersten Gebäude

von großer Architektur, die wir in China sahn. Um ausgedehnte Höfe

mit Wasserbecken liefen schmale Gebäude, in denen die Schüler des

Kungfutse standen und China groß und jung und doch in seinem Altertum

hielten. In einem Hof erstand dann das Tempelhaus hoch über die andern

Bauwerke der Anlage. Verknorrte alte Pinien starben zwischen den

Fliesen des Hofs, hohe eiserne Öfen für Opferpapier in fremdlichen

Formen standen, mit alten Schriftzeichen bedeckt, unter ihnen. Treppen

mit steinernen Galerien führten in das heilige rote Dunkel des

Tempelraumes. Der war um den purpurgoldenen Altar groß, streng und

karg aufgebaut.

[Illustration: Theater in einem Gilde-Tempel]

Aber außen wuchs um den Tempel die üppige Krausheit der in die

Einzelheiten vernarrten Künstler die ausgeschwungenen Dächer hinan.

Riesenhafte Drachen aus Porzellan krochen die Dachkanten hinauf, und

der höchste First war eine doppelmannshohe Galerie von verschlungenen

Blumen und Tieren.

Kungfutse jedoch war nicht mehr im Tempel. Die Republik hatte seinen

Geist entthront im Jahre 1913, sozusagen zum 2100. Jubiläum jener

alten Bücherverbrennung, durch die der Kaiser Schi Hoang Ti im

Jahre 213 v. J. den geschichtlichen Überlieferungen und Kungfutse

zu Leibe rückte. Soldaten in halb europäischen Uniformen gingen mit

scharfgeladenen Gewehren Wache in den Tempelhöfen und lungerten in

allen Gebäuden herum. Die Altäre und Götterbilder verfielen. Das alte

China sollte mit ihnen zerbröckeln.

Aber einige Tempel dienten noch der naturfrommen Gläubigkeit der

Einwohner. Sie waren im Innern nichts als ein hohes verrußtes

Dunkel. Die Götter schauten kaum heraus. Die Götter verzerrten

sich plump, ein geschwärzter Spuk, glotzten mit aufgerissenen

goldenen Froschaugen, bleckten Zähne wie Holzsägen, hoben Vogelbeine

und zückten krumme Schwerter und drohten mit dunkel aufgereckten

Bewegungen aus den Winkeln der rußigen Tiefen. Unten am Boden lagen

die Betenden und warfen Hölzchen vor ein Götterbild und sahen aus der

Art, wie sie fielen, die Geneigtheit des Geistes, den sie brauchten.

Eine süße fremde Lilie, mit ihrer Seltsamkeit und ihrer mythischen

Frömmigkeit voll Schmelz behangen, barg sich weißen Gesichts die

heilige Frau Kuan Jin in die Dunkelheit, bereit für den Flehenden.

Ihr Leib war mit einer leisen Verrenkung gebogen und verheißend

gewölbt, und ihr großes jasminweiches Gesicht umfaßte alle erregenden

Geheimnisse der Schönheit fremdrassigen Frauentums. In schweren

Bronzebecken brannten Kerzen und Papier, und ihr beunruhigtes Licht

zuckte angstvoll und zaghaft wie blaßrote Fledermäuse über die dunkeln

Grausigkeiten. Rauch schwelte dicht auf und zog in die unbekannten

Höhen des Gebälks.

[Illustration: Fischer bei Tschangscha]

Draußen im Hof des Tempels, wenn er zu einem Gildenhaus gehörte, stand

der Theaterpavillon, ein Bauwerk von weltlich schweifender Arbeit. Auf

hölzernen Säulen trug er goldene gewundene Drachen mit Kamelnasen, in

den Paneelen saßen zierliche Schnitzereien aus der Geschichte, und

eine schwere Seidenstickerei hing als Soffite über die Bühne. Das

Dach schwang sich in allen vier Kanten weit aus, war mit farbigen

Glasuren, Vögeln und Menschlein bedeckt. Einmal sahn wir diesen

Theaterpavillon voll merkwürdig schreitender Gestalten, die schrill im

Diskant sangen. Lange, schwerbestickte Kleider hingen an ihnen. Sie

verstummten, hoben die Beine wie Störche, feierlich, und schritten

dumm im Kreis hintereinander, vereinigten sich wieder, schrien und

sangen im Kehlkopf. Ein Alter warf sich den Bart wild über den Arm

und durchfuchtelte die Luft mit Lanzenstößen. Eine Frau beugte sich

weinend über ihre Arme. Eine andere Gestalt mit goldblutigen Gewändern

und der Maske eines schwarz-weißen, schweren und aufgebäumten Kopfes

kam über sie. Die große Raserei erfaßte diese Gestalt. Aber ihr Körper

stand ruhig, und nur ihre Hände warfen unverständlich den Zorn über

die Frau, und diese Hände klangen uns auf einmal entgegen wie Worte

großer Dichter, die voll von heimlichem Sinn bebten, der das Gefühl in

die Unendlichkeit warf und es in das nimmerrastende Fluten alter Dinge

zurückversenkte.

Auf dem chinesischen Fluß · 第 2 / 15 段