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Im Inhaltsverzeichnis ist die Seitenzahl des "Verzeichnis der Bilder"
von 239 in 238 korrigiert worden.
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AUF DEM
CHINESISCHEN
FLUSS
Reisebuch
von
NORBERT JACQUES
Mit Bildern
nach Aufnahmen
des Verfassers
1922
S. FISCHER / VERLAG / BERLIN
FÜNFTE BIS NEUNTE AUFLAGE
COPYRIGHT 1922 BY S. FISCHER, VERLAG, BERLIN
DER REISEKAMERADIN
IM SÜDEN DES
SEES
DIE SCHWELLE
Einen Tag lang Dampferfahrt aufwärts von Schanghai ist der
Jangtsekiang noch Meer. Erst allmählich, mit Ufern, die dünn, grau,
nebelig wie Sagen erdämmern, beginnt er seine Vermählung mit der Erde
des alten Landes China.
Wir fahren bis spät in die Nacht hinein. Dann bleiben wir vor
chinesischen Städten liegen, in denen jedes Haus ununterbrochen von
elektrischen Birnen durchleuchtet ist, wie von Röntgenstrahlen. Und
doch bleiben diese Städte wie ein Brausen in einer unbegehbaren
Schlucht an unserm Weg zurück. Nanking kommt, die alte, südliche
Gegenstadt von Peking, dem nördlichen. Es ist alt, vergangen,
zerbröckelnd und neigt sich zum Mutterleib des Erdbodens zurück. Und
am Schluß der ersten Reise Hankau, strotzend vor Jugend und Geschehnis.
Gegenüber in Wutschang hingen zwölf Köpfe am Tor. Sie steckten
auf Töpfen, in denen das Blut zusammenfloß, das ihre Hirne zu der
umstürzlerischen Verschwörung erhitzt, die vorzeitig entdeckt worden
war. Das Tor ist finster, klein, grau, wie Jahrtausende. Ein Jahr vor
diesem Tag war der Vizekönig entflohen durch dies selbe kleine Tor,
während die Revolutionäre siegend das Hirn und Blut der Mandschu- und
Beamtenkinder und Frauen an den Hauswänden aufspritzen ließen. Der
Vizekönig wollte, um sich zu retten, einen Dampfer des Norddeutschen
Lloyd kaufen. Aber es gab damals schon etwas für Kaufleute, das
"Neutralität" genannt wurde.
Heut bluten die zwölf Köpfe in die Gefäße für seinen republikanischen
Nachfolger. Allein und unverändert stehn blieb das dunkle schmale
Tor, das mittelalterliche chinesische Stadttor, in dem keine zwei
Stoßkarren aneinander vorbeikamen und das doch eine Stadt von einer
Million Menschen auf einen der größten und belebtesten Ströme der Erde
öffnete. Der Jangtse wälzte sich an ihm vorbei in die Maßlosigkeit
der Ebene hinein. Er ist immer angefüllt mit dem Sand, den seine
gewaltsamen Wassermassen in ganzen Hügeln aus den Ufern reißen.
Der Sand reibt sich mit einem prasselnden Lärm am Leib des Motorboots,
das schräg hinüberfliegt, ans Hankauer Ufer zurück, wo kilometerlang
der Damm der internationalen Siedlungen läuft. Ein Schiff an ihm neben
dem andern. Hastig werden sie vollgestopft mit den Waren des Umlandes
bis zum Tibet, und die tragenden Kulis geben ihre Lieder, die sie zu
den Lasten singen, unter denen sie sich biegen, mit obendrein ...
diese Lieder, in denen die Laute der ersten zur Arbeit im Schweiß des
Angesichts verdammten Menschheit aufbewahrt sind. Bureauhäuser als
Fassaden vor Fabriken. Hexenkessel und Akkumulator ... Weiße Gehirne
und gelbe Leiber schwitzen über der Erwerbsgier Europas, und das
Schlitzauge läßt nichts aus seinem Blick.
Aber neben dieser sauberen modernen europäischen Stadtansammlung
wuchten die Massen der beiden chinesischen Ruinenstädte Hankau und
Haniang ineinander. Trümmerfelder rauchgeschwärzt, blutgefleckt,
von asiatischer Grausamkeit geschwängert. Es ist ein Jahr nach der
Revolution Chinas.
Hier hatte ein Mann gewirkt, machtvoll und dunkel: Juan Tschi Kai. Er
hatte hier zerstört, um nach eigenem Kopf aufbauen zu können. In drei
Tagen hatte er die mächtigste Siedlung Asiens zerstört, eine Million
Menschen ihres Obdachs beraubt. Da wußte der Kaiser, daß Macht und
Armee Juan Tschi Kai gehörten, und in dem Augenblick, wo dieser für
die Mandschu, die er auf den Tod haßte und in deren Dienst er stand,
hätte die Früchte ernten sollen, ließ er über seinem kaiserlichen
Sieg die Revolution des Volks aufwachsen und den Kaiser abdanken. Aus
dem zerstörten Hankau hat er dann die Republik und seine neue Macht
aufgebaut.
Juan Tschi Kai ist für die meisten Europäer und die Schar der an
amerikanischen und europäischen Gedanken entgleisten Chinesen ein
dunkler Schurke. Aber er ist über die äußern Ereignisse hinweg
vielleicht eher ein Mann von einer chaosbezwingenden Moral,
eines der Herzen in roter Glut, die von Weile zu Weile plötzlich
selbstschöpferisch aus den Massen aufbrennen und eine Erneuerung von
Weltteilen erstreben.
Man war kleinmütig in China und vertraute ihm nicht. Man war
eifersüchtig und ließ ihn gehen. Und es blieb von seiner Tat nur
der alte Mordvater Jangtsekiang. Mit strudelnder Wucht geht er zu
Tal. Er ist so maßlos, wie die Ebene, in der er liegt. Er nahm die
ganze geschlagene Armee der chinesischen Revolutionäre auf, als sie
die verschiedenen Götter verlassen hatten. Sie stürmten ihn ...
Zehntausende von Menschen, aus der Hitze des Kampfes, dem Schwelen
der Todesverzweiflung herausstürzend, zwischen lohenden Ufermassen
herausbrechend, wurden von den schmalen Wasserträgergassen in den
furchtbaren alten gelben Krokodilstrom geworfen. Der Sand, das Wasser
rannen ihnen erstickend durch Nasenlöcher und Mund, verklebten
ihnen die Augen. Und vom Ufer aus erledigten die Kartätschen der
Kaiserlichen die wimmelnden schwarzen Massen der Schwimmenden und
den Todeszug der Kähne, die führerlos stromab gerissen wurden und
irgendwo, vor dem deutschen Konsulat, vor einer Fahne Frankreichs,
einer russischen Teefabrik oder einer Talgaussiederei, behäuft mit
Leichen und stöhnenden Sterbenden zwischen Dschunken und europäischen
Dampfern an den Strand geworfen wurden, wie Viehaas oder die spurlos
in der Unendlichkeit des Jangtses vergingen. Es war einer der
wüstesten Mordtage der Weltgeschichte.
Über diesen Ort und diese Zeitläufte traten wir ein in das große Reich
China. Es war zwischen seiner Revolution und dem Krieg der Welt gegen
Deutschland.
Die Tiefe des Europaverlassenen lockte. Dampfer fahren weiter von
Hankau stromaufwärts. Wir benutzten einen Japaner. Wir wollten zuerst
nach der Provinz Hunan; die chinesische Behörde in Schanghai hatte
gewarnt, als sie den Paß ausstellte. Hunan und Ssetschuan waren noch
nicht beruhigt und sicher.
Der Dampfer verließ den Jangtse und wandte sich südwärts in den
Siangkiang hinein, der an Tschangscha, der Hauptstadt Hunans
vorbeifloß. Aber eines Morgens erklärte der japanische Kapitän, der um
diese Stunde stets einen wundervollen, sehr schmutzigen Kimono trug,
er fahre nicht mehr weiter. Der Wasserstand sei zu niedrig und der
Kiel schleppe schon am Boden.
Wir waren die einzigen weißen Reisenden an Bord.
FEUERSBRUNST
Wir hatten noch ein gehöriges Stück den Siangkiang hinauf bis
Tschangscha. Der Dampfer blieb an einem Ort stehen, der jedes Jahr im
Winter, wenn der Jangtsekiang die Wasser des Tuntingsees verschlingt,
aus dem Nichts und einer Sandbank entsteht und in jedem Frühjahr, wenn
die Wasser wiederkommen, in alle Winde auseinandergeht. Am Ufer stand
in der Sandböschung eine dicht gedrängte Reihe gebräunter Häuser aus
Bambus und Schilf. Unser Dampfer war im Augenblick von großen und
kleinen Booten umzingelt. Es erhob sich ein wütendes Geschrei der
Bootbesitzer und der Herbergswirte um Kunden. Währenddessen näherte
sich ein merkwürdiges Fahrzeug. Auf einer hölzernen Plattform, die
gerade aus dem Wasser tauchte, hockten vorn und hinten zwei Häuschen;
zwischen beiden Häuschen lag ein zerfetztes Leinwanddach, das das
schwarze Rohr eines Schornsteins durchstach. Das Rohr spie Funken,
Asche und ein wenig Rauch; das Schiff prallte unachtsam und herrisch
in den Haufen der andern Boote hinein, und die ganze Horde Chinesen
von unserem Dampfer über die schaukelnden und springenden Sampans
hinweg auf das Boot zu, stopften es mit ihrem Gepäck voll, preßten
sich selber dazwischen. Da kam der Japaner und sagte uns in primitivem
Pidgin: »Das ist Ihr Boot nach Tschangscha.«
Wir erschraken. Es schien uns, als ob auch nicht mehr für einen der
zahlreichen Flöhe des Landes Platz auf diesem Fahrzeug wäre. Aber wir
wußten, es gab keine andre Gelegenheit, nach Tschangscha zu kommen.
Wir hatten niemanden, mit dem wir uns verständigen konnten. Unsre
zwanzig Koffer und Kisten wurden hinübergeturnt, über zehn oder zwölf
Schiffe hinweg. Wir gingen denselben Weg und hockten bald zwischen
Chinesengepäck und seine Besitzer geklemmt, am Rand des Boots. Das
Wasser spülte bis an unsre Schuhe. Das Boot fuhr rasch und schwankend
davon. Bald nah am Ufer, bald seichte Stellen vermeidend, in langsamen
Zickzacken. Einmal machte es bums! Ein Faß, zwei Körbe und ein Chinese
flogen über Bord, die ganze Angelegenheit stockte. Der Chinese zog
sich wieder heraus, das Faß schwamm davon, die Körbe wurden durch
ihre Besitzer gerettet. Mit Stangen wurde das Boot wieder abgestoßen,
und es fuhr weiter zwischen Sandböschungen, auf denen mächtige
Wasserbüffel mit vorgestrecktem Kopf, wild und schwerfällig ihre Hüter
auf dem Gesäß dahintrugen.
Auf einmal trat ein dicker Mann auf mich zu und sagte etwas, das
englisch sein und das "erste Klasse" heißen konnte. Ich ging mit
ihm und kam eine Stiege hinab in eine kleine Kajüte, in der drei
Holzpritschen angebracht waren. Er deutete auf sie und sagte:
Schlafen. Schiff nachts nicht gehn. Ich stürme hinaus und schrei Gre
zu: Wir müssen auf diesem Fahrzeug schlafen. Es kann nachts nicht
fahren. Schließlich erschien uns das doch nicht so schlimm. Gre kam
auch herunter. Wir beide saßen auf der größten Pritsche, auf der
andern verspeiste der dicke Chinese eine gebratene Wildente, eine
wirkliche Märchenente, und gab einem schönen alten Mann mit einem
feinen schlauen Gesicht davon mit. Wir hatten Hunger und nichts
zu essen, dazu die Aussicht, die Nacht hier zu verwachen. Eine
Zeitlang nährten wir unsre Spannung am Beobachten der Verrichtungen
chinesischer Hände. Welches Rätsel von Menschenentwicklung lebte in
ihnen! Jahrtausende geistigen Lebens schienen sich durch sie einen
körperlichen Ausdruck zu geben. Gotische Malerträumereien aus Europa
waren in ihnen Wirklichkeit geworden. Der alte Herr war in blaue
geblümte Seide gekleidet. Er sprach uns bald auf Pidgin-Englisch
an, davon konnte er ein paar Worte. Wir unterhielten uns mit einem
Wortschatz von etwa dreißig Ausdrücken sehr angelegentlich und gut.
Wir wußten bald, daß er als Komprador einer Petrolgesellschaft nach
Hankau gefahren war und nun nach Tschangscha zurückkehrte, und er
wußte, daß wir von Europa kamen, nach Tschangscha gingen und dort bei
meinem Freund wohnen sollten. Er kannte den Freund und schwärmte von
ihm. Er war höflich wie ein Chinese. Das ist ein Wort, das man für
Europa neu bilden muß.
Als unser Hunger unbezwinglich stieg, versuchte ich in die Gunst des
Entenbesitzers zu kommen und hielt ihm die Zigarrentasche hin. Er nahm
gleich die Tasche mit den Zigarren. Ich belehrte ihn hastig eines
Besseren und zog ihm zwei heraus, schaute auf eine seiner Enten, und
er stand nicht an, mit höflichem Lachen sich mit zwei Zigarren zu
begnügen und uns mit einer schönen Gebärde seiner andern Hand eine
der Märchenenten anzubieten. Dazu goß er in eine Tasse gezuckerten
Sherry. Nach und nach kam das ganze Schiff uns anschauen. Wir saßen in
der Kajüte, wie Ameisenbären in einem Käfig. Die Chinesen lachten uns
ergötzt und wohlwollend von draußen zu, schauten sich satt und machten
andern Platz.
Einen trieb die Neugier weiter. Er schlüpfte die Treppe herab, hockte
sich gleichgültig abschauend ruhig in die Ecke auf den Boden, pustete
auf das Ende einer Papierstange, ein Flämmchen sprang hervor, damit
zündete er sich die Wasserpfeife an, tat einen Zug und blies den
weißen Rauch zu uns herüber. Er pustete die Asche aus dem Rohr und
stopfte ein neues Kügelchen ein. Er saß da, als ob wir ihn nichts
angingen und er selber in dieser Ecke geboren und festgewachsen sei.
Bald saß ein zweiter in der andern Ecke, ein dritter zwischen ihnen.
Es kamen immer mehr. Wir waren schließlich ganz in sie eingehüllt, und
doch fühlten wir ihre enge Nähe nicht härter, als einen Windhauch, der
fremde sanfte Gerüche aus einem andern Wald bringt. Alle rauchten.
Es war Nacht geworden. Ein Öllämpchen schaukelte an der Decke, die
Flamme schwelte und zitterte. Der Rauch der Wasserpfeifen kneifte
uns Hals und Augen, und wir flüchteten in die frische Luft. Der Mond
schien aufs Wasser. Das Boot lief in einen Haufen anderer Schiffe
hinein, die ihre Masten im Wirrwarr rundum schwarz und steil ins
Mondlicht streckten. Die Pfeife begann in die Nacht zu brüllen. Die
Maschine beendigte ihr Stampfen. Der Anker wurde ins Wasser geworfen.
Im Nachthafen wurde es lebendig. Kleine Sampans mit flackernden
Lichtern tauchten zwischen den Dschunken heraus, umgaben uns mit
Rufen, Gongschlägen. Ein jeder war ein kleiner Laden, und man konnte
Kuchen und Quark von Bohnen, geröstete Bohnen, Erdnüsse, Hirsewein,
gezuckerten Mais, Reis und Öl kaufen. Bettlerboote zwängten sich
vor, und in andern Kähnen standen Mädchen, seltsame Wassernixen, und
lockten.
[Illustration: Markt in einem Jangtse-Städtchen]
Ich holte die Liegestühle herbei, die im allgemeinen Raummangel
aufs Dach geworfen worden waren, räumte einiges chinesisches Gepäck
fort und baute die Stühle auf Kisten auf, ganz nahe am Rand. Ich
sah das Wasser gerade unter mir. Gre lag daneben zur Schiffsmitte
zu. Die schmutzigen Fetzen des Dachs über der Nase, versuchten
wir einzuschlafen. Die Chinesen kauften, aßen, sprachen, brüllten,
schnarchten, rochen und vollzogen rundum ihre Bedürfnisse. Der Mond
schien kühl hernieder. Wir sahen unter dem Rand des Dachs eine kleine
Stadt, die sich im Hügel des Ufers errichtete. Sie glänzte schwarz,
mit befremdlichen Umrissen im Mondlicht.
[Illustration: In einem Tor in Tschangscha]
Plötzlich erklang Musik in ihr. Ein Dudelsack schien sich mit einem
Gong zu unterhalten. Wir sahen ganz oben einige Lichter gehen, zu
denen die Musik wohl gehörte. Die Lichter stiegen eine Straße herab.
Es flammte plötzlich zwischen ihnen an weißen Mauern hinan. Nur einen
Augenblick, dann war der Schein verlöscht. Die Musik setzte mit
neuer Heftigkeit ein. Wir schraken ein wenig aus dem Schlaf. Pauken
und Becken bummten und dröhnten. Bronzener Trommelklang schüttelte
die Luft. Die schwarze Masse der Stadt wuchs im Mondlicht hinauf zu
lang hinlaufenden Zinnen. Türme mit ausgeschweiften Dächern erhoben
sich hoch ins grüne Licht -- eine geheimnisvolle Architektur. Und
geheimnisvoll stiegen Lichterzug und Musik in Zickzacken immer tiefer
zum Wasser herab.
In der Stadt klangen kleine Saiteninstrumente in seltsamen zarten
Tonwellen aus dem metallischen Gewieher der alten Pauken und
schläferten uns wieder ein. Ganz hell singt eine Schalmei auf. Eine
Flamme taucht wieder aus dem Schwarzen hoch, reißt einen roten Fetzen
der Stadt aus der Nacht und verschwält hastig. Der Mond tritt über
eine Pagode. Er ist dick und streckt zwei kurze Beinchen in die Höhe.
Er liegt auf einem runden Rücken, nicht wie bei uns, wo man ein D oder
ein C aus ihm machen kann. Die weiche Schalmei und das Gesäusel der
Geigen und das bronzene Hallen der Trommeln vereinigen sich plötzlich.
Mitten aus ihrer Musik bricht eine Flamme durch die Stadt auf: Aber
sie verlöscht nicht mehr. Die Nacht färbt sich an ihr. Sie wächst,
züngelt an den Zinnen und Türmen hinauf und vergeht nicht.
Ein Chinese, der unter meinem Stuhl lag, springt auf und stößt meinen
Stuhl an. Der Stuhl rutscht mit einem Bein und kippt nach hinten. Ich
wache rasch und heftig ganz auf. Es brennt in der Stadt. Der ganze
Hafen wird lebendig. Er fängt an zu schreien und zu brüllen. Ich fühle
Gres Hand erschrocken nach meinem Arm zucken. Ich sage: "Die ganze
Stadt scheint zu brennen." Der Mond ist klein und blaß geworden. Auf
einem Boot neben uns krachen Schüsse. Menschen springen in Kähne. Der
Hafen schüttelt rasch den Schlaf ab. Kreuz und quer fliegen Sampans.
Große Dschunken stoßen sich schwerfällig weiter in den Fluß hinaus.
Da springen wir auch in einen Sampan und kommen zur Stadt hinüber. Die
Gassen rasen. In der Finsternis prallt ein Mensch gegen den andern
an. Einige halten flammende Fackeln über das Gewühl. Alle haben
aufgeschleißte Bambusstreifen in der Hand und lassen sie aufeinander
klappern. Der Lärm ist schrill und klingend. Wir werden im dunkeln
Zug gestoßen und mitgeschoben. Es geht rasch vorwärts. Über den
niedern schwarzen Dächern glüht die Nacht rot. An einigen Biegungen
der Straße fällt der Schein der Lohe bis in die Menschenhaufen hinab.
Kinder drücken sich zwischen den Beinen durch, werden niedergetreten
und stürzen schimpfend wieder weiter. Frauen pressen sich an die
Hauswände. Mit ihren abgebundenen Füßen trauen sie sich nicht in
den Sturm. Eine Gasse führt jäh bergan und dämpft die Eile. Der
Feuerschein wird wild und heiß. Über die enge Treppengasse stieben
Schwärme von Funken. Die Luft wird wärmer. Roter Schaum liegt auf
allen Dingen, und als wir oben angekommen sind und umbiegen, sehen
wir, daß eine ganze Seite der Gasse brennt, die dort auf der Höhe
im Kreis um den Hügel läuft. Am Eingang in die Gasse steht ein Mann
und hält eine lange Bronzetrompete steil in die Luft. Die stürmenden
Menschen strudeln um ihn. Er bläst wie ein Elefant hinein. Es klingt
wild, mächtig und klagend.
Die Gasse ist ein Sturzbach von Schreien. Wir wälzen mit der
Menschenmenge rasch hinein. Frauen werden aus den Häusern geführt. Sie
liegen gebrochen in den Armen andrer Menschen und stöhnen, als ob sie
verunglückt seien. Dicke Betten, Möbel, Päcke, Kinder, große Vasen
werden vorbeigetragen. Soldaten stehen an den brennenden Häusern.
Die einen haben gezogene Säbel in der Hand. Die andern reißen mit
Hakenstangen die leichten Häuser ein. Die Häuser sind aus Bambus,
Schilf, Moor und Zunder gebaut. Sie schleudern wilde Wolkenwunder
von Funken in den Mondhimmel. Der Mond ist bleich wie eine Rübe und
manchmal fast ausgewischt in Rauch und Feuer. Die Funken steigen wie
Feuervögel. Hunde jammern und bellen ihnen nach. Menschen schluchzen.
Die Funken erlöschen nicht. Sie wollen die ganze Stadt zu Feuerwerk
machen. Ihr Fauchen und zischendes Himmelfliegen nimmt den Hall
des wilden Menschengebrülls, der schrill aufeinanderschlenkernden
Bambusschleißen mit hinauf. Mit wehmütiger Wut brüllt die bronzene
Posaune über die Stadt.
Vor den Häusern der andern Seite, zwischen den Beinen des
Menschengewimmels, das ihre Wände einzudrücken droht, krachen
Pulverfrösche, Gonge bumsen, und Kracher und Gong rufen den Gott. Die
Bewohner verbrennen Papiergeldopfer. Das soll der Gott achten, und er
soll das Flehen der Menschen erhören und die noch heile Häuserseite
dem Feuer abspenstig machen. Aber drüben rast das Feuer in dem
Zunder. Die Soldaten sind wie kleine graue Kobolde zum Glück der
Menschen. Ihre Kraft und Ausdauer ist übermenschlich. Sie reißen mit
ihren Bambusstangen im Nu die Dächer ab, lösen Balken, alles fällt
in die Menge. Die Menge rasselt mit ihren Bambusschleißen, hilft,
stößt, schimpft und brüllt. Wir werden hin und her geschoben. Kommen
wir ans eine Ende, so wirft uns ein Strom Neuankommender wieder durch
die ganze Gasse zurück. Die Gesichtshaut ist erhitzt und gespannt.
Alle Gesichter tragen die heftige Glut rot auf den mongolischen
Backenknochen und daneben tiefe Schatten wie Löcher auf Totenköpfen.
Alle Münder sind groß und dunkel auf und voll Gebrüll. Ein brennender
Dachsparren sinkt langsam über die Gasse. Menschen springen weg. Die
Balken brennen in der Gasse und machen einen Engpaß. Menschenfüße
treten darauf und löschen das Feuer. Nirgend ein Strählchen Wasser.
Die Soldaten mit den Säbeln in den Händen stehn stumm und streng wie
Kirchenengel des jüngsten Gerichts an den flammenden Häusern, und die
andern löschen den Brand und besiegen die Flammen ohne einen Tropfen
Wasser. Die Funkenvögel steigen nur mehr in einem dünnen Schwarm aus
der Mitte der Brandstätte auf und fallen bald kraftlos über den Fluß
nieder. Nur im Schutt glimmt es noch. Weißer Rauch quillt aus der Erde
und wallt in die Nacht. Die Nacht liegt über der abgebrannten Stätte
wie eine opalene Landschaft, und in dem zitternden, weiß durchzogenen
Schleier der dunklen Luft erscheint der Mond wieder in einem bebenden,
blutenden Rot.
Da bohren wir uns aus der Gasse heraus und steigen höher durch den Ort
hinauf. Wir kommen an ein schwarzes leeres Tor. In seinem Halbbogen,
der wie ein Mund im Starrkrampf offensteht, glüht die grüne Nacht. Wir
treten hinein und tragen die Schauer des Erlebten in die einsamen
fremdländischen Äcker, die auf der Höhe, gepflegt wie Gärten, mit
einzelnen schwarzen Bäumen im Mondlicht dahinziehen.
Als wir wieder durch die Stadt hinab dem Fluß zu kletterten und in die
abgebrannte Gasse kamen, hatten sich die Menschen wieder verlaufen.
Nur beiderseits standen eine Reihe Männer, Frauen und Kinder,
scheinbar die Bewohner dieser Gegend. Zwischen ihnen sammelten sich
die Soldaten, die das Feuer gelöscht hatten und zogen in geschlossenem
Zug davon. Die Menschen beiderseits der Gasse aber drückten ein jeder
sich selber heiß die Hände, verbeugten sich tief, schön und oft vor
den Soldaten, und die Soldaten schritten mit strengen Gesichtern
schweigsam und rasch hindurch. Wir standen in einem dunklen Winkel und
sahen das in der kleinen chinesischen Nachtstadt.
Als die Soldaten fort waren, bückten sich die Menschen zum Boden
nieder. Vor jedem der verschonten Häuschen wurde ein Haufen Sand
aufgescharrt und brennende Räucherstäbe hineingesteckt. Pulverfrösche
krachten, ein Gong rief. Der Gott sah das Dankopfer, und der Mond
schritt wieder freundlich, dick werdend und seltsam die kurzen
Beinchen in die Höhe streckend, über die Stadt weiter.
IN TSCHANGSCHA
1
Den ganzen nächsten Tag rappelten wir auf dem Dampfkarren den
Siangkiang hinauf, südwärts auf Tschangscha zu, wohin wir wollten.
Dort wohnt ein Freund und leitet ein deutsches Geschäft. Wir glauben,
wir haben noch weit, denn wir sehen nichts von einer Stadt. Aber die
lag schon am Ufer, ein riesenhaftes Band von Nebel, Rauch und Bewegung
in verdunkelter Luft.
Als wir oben an einem europäischen Magazin anlegten, stand mein Freund
am Ufer. Er kommandierte auf chinesisch einige Kulis an unser Gepäck.
Daß er Chinesisch sprach, kam mir sehr bedeutend vor. Aber wir hörten
bald, daß man hier nur Chinesisch sprach. Wir wurden noch ein Stück
den Fluß hinaufgerudert. Die Stadtmauer bog ins Land hinein. Aber ein
ganzer Stadtteil saß hier noch auswärts an ihr, und in ihm lag, unfern
des Flusses, das Haus unseres Gastgebers. Europäische Häuser gab es
in Tschangscha noch nicht. Aber ein paar reiche Chinesen hatten, der
Mode folgend, Häuser gebaut, die den europäischen Häusern ähnlich sein
sollten. Das Haus, in dem wir wohnten, war von dieser Art. Es gehörte
dem Komprador des deutschen Handelshauses. Es war ein Doppelhaus.
Nach vorn hatte es ein Erdgeschoß. Ein kleiner Hof mit Blumen in
Porzellankübeln trennte das Vorderhaus vom Hinterhaus. Dieses hatte
aber ein großes erstes Stockwerk. Der Komprador und seine Familie
bewohnte die beiden Erdgeschosse, und unserm Freunde gehörte das erste
Geschoß und die große Veranda.
In allen Einzelheiten war das Haus chinesisch. Es hatte eine Galerie
vor den Fenstern im Hof. Fenster und Türen waren mit vergoldeten
Blumen ausgeschnitzt. Die Stühle und Tische waren aus schwerem Holz,
wie streng stilisierte Blumen geformt und geschnitzt, schwerfällig
und doch graziös prunkvoll. An einer Wand des Hauptzimmers stand
die Mandarinbank aus dunklem Holz mit Platten von schön geädertem
Marmor, und an den Wänden hingen lange Rollen mit Sprüchen, Kopien
von berühmten chinesischen Kalligraphen. Andere Rollen waren mit
Tuschezeichnungen von Vögeln und Bäumen bedeckt.
Das Haus war windig gebaut. Die Seite zum Hof und zu den Galerien hin
war nur Fenster und Türen. Die Glasscheiben klapperten im Wind. Der
Wind strudelte durch die Spalte herein. Keine Tür schloß. Alles Holz
war gequollen. Es begann Winter zu werden in diesen Tagen, und die
Diener klebten die Spalte und Scheibenränder und die überflüssigen
Türen mit Papierstreifen zu. Wenn man rasch durch ein Zimmer ging,
begann das Haus wie in einem Erdbeben zu wackeln, und die Möbel
tänzelten ein wenig an den Wänden. Das war das modische Europäische am
Haus.
Unten im Hauptzimmer des Chinesen, dessen Tür immer weit offen stand,
sahen wir den Hausaltar voll schöner Messing- und Bronzegefäße,
in denen Flämmchen glimmten und rauchten. Aber es stand auch ein
europäisches Büfett darinnen, auf dem zwischen dunkelgrünen und
granatroten Weingläsern aus Europa eine ganze Reihe unaufgebrochener
Champagnerflaschen sich aufhielt. Sonst ging es ganz chinesisch im
Erdgeschoß zu.
Wir machten bald dem Hausherrn unsere Aufwartung. Es war ein kleiner,
ganz schlanker Kantonese, sehr beweglich, mit einem feinen schmalen
Kopf und einem schlauen Gesicht. Er lachte immer, sprach ein paar
Worte Pidgin und war überaus höflich und liebenswürdig. Er ließ gleich
Tee bringen und setzte eine Schachtel getrockneter kantonesischer
Lidses auf den Tisch. Das sind die teuersten Früchte Chinas. Er nannte
gleich ihren Preis und lachte dazu. Er betastete die schwarze Perle,
die ich eigens zu dem Besuch angesteckt hatte, und fragte, wieviel
sie gekostet habe. Seine kleine dicke Frau kam. Sie hatte ein großes
weißes Mondgesicht mit dunkeln Augen. Eine glänzende schwarze, mit
grünen Nephritspangen besteckte Frisur umrahmte es. Sie trug eine
schwarze Seidenhose und eine hellblaue Jacke dazu, die bis an die Knie
reichte. Aber sie hatte als Kantonesin keine abgebundenen Füße. Sie
schüttelte, wie aus großer Ferne lächelnd, sich mehrmals die Hand,
indem sie sich des öfteren vor uns verbeugte. Wir taten desgleichen
und setzten uns wieder.
Sie nahm Gre mit nach hinten ins Frauenzimmer. Dort hatte sie eine
kleine Gesellschaft von Freundinnen. Ein paar chinesische Damen
spielten das schwierige Dominospiel und rauchten aus messingenen
ziselierten Wasserpfeifen. Gre wurde sofort bis auf die Haut
untersucht und bewundert und mit unverständlichen chinesischen Fragen
bestürmt.
Wir durften nicht hinein. Der Komprador bot uns eine Manilazigarre
an. "Sie kostet 20 Cents!" sagte er dazu. Er lachte und fragte
meinen Freund auf chinesisch, wie ich heiße, was ich sei und weshalb
wir nach Tschangscha gekommen seien. Ich gab ihm eine meiner roten
chinesischen Visitenkarten. Sie sah aus wie ein Plakat. Auf
chinesisch hieß ich: Tschie Ke se. So hatte der chinesische Schreiber
des holländischen Konsuls in Schanghai meinen Namen gelesen und
umschrieben. Er sagte, man könne diesen Namen auch verdeutschen so
wie die chinesischen Namen gewöhnlich einen Wortsinn haben, und er
hieße etwa: der Dankbarkeit fähig sein. Aber der Chinese, der den
Holzstempel für die Herstellung der Karten geschnitten, sagte, die
ganze Sache des Schreibers habe keinen Sinn.
Während unseres Besuchs sprang ein kleines häßliches Mädchen von
etwa acht Jahren ungebärdig umher, und ein scheuer schmutziger Junge
drückte sich in eine Ecke fest, um zuzuschauen. Das waren die Kinder
des Chinesen. Das kleine Mädchen war sehr verzogen und der Vater sehr
verliebt zu ihm. Es war ein kleines Äffchen, das rasch zutraulich zu
uns war und stets auf den Hof hinaussprang, wenn es uns die Treppe
herabkommen hörte, um sich an uns heranzumachen. Das Zimmer der Kinder
war im Vorderhaus. Wir sahen von der Galerie in sein offenes Fenster.
Von früh bis in die Dämmerung saß der Hauslehrer der beiden Kinder
an diesem Fenster, und wenn wir noch im Bett lagen, erscholl schon
von drunten der Unterricht. Der Lehrer war ein hagerer älterer Mann.
Er trug eine große Schildpattbrille und ein langes graues Kleid. Er
saß am Tisch und schnitzte Stempel. Der Junge stand an seiner Seite,
drehte ihm, wie es die Schulsitte verlangte, den Rücken, wippte von
einem Bein aufs andere und sagte aus dem Buch der Erziehungsgeschichte
auf. Bald leierte er, bald brüllte er. Das kleine Mädchen drückte
sich gern, und oft mußte der Lehrer aufspringen und ihr in den
Toreingang nachlaufen, um sie zurückzuholen. Von früh bis spät
lernten die Kinder. Aber wir waren nun oben auf der Galerie wie ein
fremder Magnet für Lehrer und Schüler, und die erste Zeit glänzte die
große Schildpattbrille mehr zu uns herauf, als der Kopf, für dessen
Gelehrtheit sie das Schild war, auf das Hersagen des Knaben aufpaßte.
Die kleine Schule drunten hatte eine merkwürdige Zeit. Neues und
weither Fremdes überstrahlte mit Bedeutsamkeit die starr stehenden
Dinge des Kungtse und seiner Schüler.
Aber während sich so unter uns das Hausleben der chinesischen Familie
halb im Dunkel lichtete, sahen wir zwischen Häuserlücken die nahe
Mauer die alte graue Stadt umschließen. Ich dachte wie an seltsame
Geheimnisse an sie, und an das Abenteuer, zum erstenmal in ihre
Fremde und Sonderbarkeit hineinzudringen, wie an ein Wagnis. Es war
eine Halbmillionenstadt, die sich in die Mauer dort einschloß, die
Hauptstadt der Provinz Hunan, der »Provinz im Süden des Sees«.
Durch unsern Freund hatten wir gesellschaftliche Verpflichtungen. Die
waren wohl karg, denn es wohnten wenig Europäer in dieser entfernten
Stadt des innern Reichs. Wir machten Besuche und kamen zu einer
lebhaften blonden Frau, deren Mann auf Reisen, im Innern der Provinz
war. Niemand wußte wo. Die Frau hielt fest. Die Besucher mühten sich
vergeblich ab, ihr Schweigen zu Fall zu bringen.
Es hatte sich nämlich eingebürgert unter den europäischen Kaufleuten,
daß sie ihre Fährten verwischten. Denn es war Sitte geworden, daß
einer neidisch dem andern aufpaßte. Im Innern waren Geschäfte zu
machen. Es lagen Erz- und Kohlenlager da, und man liebte es, sich
nachzureisen.
Die blonde Frau war die einzige deutsche Frau, die in Tschangscha
wohnte. Wir waren am Abend dort zu Tisch, um die Bekanntschaft der
übrigen paar Europäer zu machen. Es waren vier junge deutsche Leute.
In ihren Händen lag fast der ganze Handel, der diese Gegend mit
Europa verband. Der deutsche Kaufmann hatte sich Hunan gesichert. Die
jungen Leute sprachen natürlich über China, weil sie sich dachten,
daß wir etwas von diesem Land wissen wollten. Sie saßen sehr hoch
als europäische Kaufleute und taten so, als ob es nicht diese immer
sehr höflich und sehr nebensächlich lächelnden Kompradore gäbe. Der
Komprador ist der chinesische Mittelsmann, den die Kaufleute den
ausländischen Häusern aufgezwungen hatten. Nur durch ihn konnten Käufe
und Verkäufe mit Chinesen abgeschlossen werden. Es war der Vorhang,
der dem Europäer den Blick in den chinesischen Markt verdeckte. Aber
sie sprachen nicht lang. Sie redeten in programmäßiger Kürze ihre
chinesischen Sachen herunter.
Das Gespräch begann bald abzuschwenken und nahm einen Unbekannten in
seine Finger, der heute abend auch hätte kommen sollen. Sie nannten
ihn Emil Schlehmil. Sie wußten nur Närrisches von ihm zu erzählen,
nur unfruchtbare pedantische Streiche. Aber diese Dinge schienen
ein Beigemisch von seltsamem Gemüt zu haben und mochten einen Kopf
spiegeln, der nicht mit den Augen der jungen vier Kaufleute in
Tschangscha diese Welt anschaute. Aber sie sagten, er könne uns trotz
seiner Verrücktheit sehr nützen. Er spreche sehr gut Chinesisch und
verbringe seine Tage damit, durch die Stadt zu strolchen. Sie fügten
hinzu, es täte ihnen leid, falls wir überhaupt darauf halten sollten,
uns einmal die Stadt anzuschauen, uns in dieser Beziehung nicht
dienen zu können. Aber sie seien so mit Arbeit beladen, daß sie nie
Zeit fänden, sich in die Stadt zu begeben, und sie zögen es auch vor,
diesem interesselosen Dreck- und Gestankkessel aus dem Weg zu gehen.
Darüber kam ein Diener und brachte einen Brief von Emil Schlehmil an
die Hausfrau. Sie zeigte mir ihn. Er entschuldigte sich darin sehr
komisch, daß er nicht zum Abendessen komme. Der Brief War in Versen,
und witzige Zeichnungen illustrierten ihn. Diese Verse und Zeichnungen
waren merkwürdig. Ein krauser Humor überrankte in ihnen zärtliche
Gefühle. Der Schreiber schmiegte sich an die kleine goldblonde Frau
und verbarg unter Selbstspott hundert zärtliche Berührungen. Die Frau
sagte mir lachend: »Verrückt, nicht wahr?« Ich dachte: nein, und sah
ihr in die Augen. Und diese klugen und schönen Augen wußten, was der
Brief nicht verraten sollte. Übrigens waren alle in die Frau verliebt.
Die andern sprachen noch öfters über Emil Schlehmil. Schließlich
schien mir, daß die Art, wie er mit Ausdauer verbarg, was er in
Tschangscha machte, ihnen das Wichtigste an ihm sei. Mitten in die
Gespräche hinein begann es plötzlich wütend zu schießen. Es krachte
und donnerte hastig und brutal, der Lärm wuchs, das ganze leicht
gebaute Haus war auf einmal zitternd eingespannt in das dröhnende
Erbeben. Wir hörten auf zu sprechen. Keiner verstand mehr ein Wort des
andern, und alle hielten sich die Ohren zu.
Da kam ein chinesischer Diener und sagte der Hausfrau, der alte
Herr Jen Ling Tan, der Besitzer des Hauses, der unten wohnte, ließe
mitteilen, daß die Hauptfrau seines Sohnes ihren ersten Knaben
geboren habe. Dies zu feiern, brannten sie unten im engen Hof lange
mehrreihige Bänder von Pulverfröschen ab, und ihr Gedonner krachte
hoch in die Nacht der Geister den Unsichtbaren den Dank eines
beglückten Familienvaters zu.
2
Am nächsten Tag kam Emil Schlehmil zu uns. Er war ein blonder
Deutscher. Ein heller Schopf richtete sich auf seiner Stirn zurück. Er
hatte einen schönen Kopf mit festen Zügen, und in seinen blaugrauen
Augen standen manchmal abwesende Träume. Er wollte uns mit in die
Stadt nehmen. Ein Boy ging drei Tragstühle holen. Wohl sahen wir die
Stadtmauer kaum hundert Meter von uns weg. Aber sie hatte nur fünf
Tore und sonst keinen Einlaß, und wir hatten ein langes Stück Weg
bis in die Stadt. Die Stühle kamen. Sie waren außen dunkelblau und
im Innern mit handgedruckten farbigen Papieren, mit Spiegelchen und
festgemachten Väschen ausgestattet. Auf den Scheiben wuchsen gemalte
Blumensträuße. Aber die Fenster waren verhängt. Gre bekam zwei Träger,
wir beide jeder drei. Wir schlüpften auf den Sitz. Ein Brett wurde
zum Aufstützen der Arme vorgeschoben, dann fiel der Vorhang vor der
Öffnung. Ich saß in einem engen Halbdunkel, das plötzlich mit einem
Ruck schwankend in die Höhe sprang und leis schaukelnd davoneilte.
Ich schob den Vorhang so weit zurück, daß ich wenigstens einen
Streifen Ausblick hatte. Zwei Kulis trugen die beiden Tragstangen
vor mir auf den Schultern. Sie liefen mit nackten Beinen durch den
glitschigen Schmutz. Die Fersen klopften auf die Steinplatten der
Gasse, hart wie Holzklöppel. Die Körper waren in leichtem blauen
Baumwollzeug. Man sah Glieder und Muskeln darunter hüpfen. Alles ging
ruckweise im wippenden Takt der Bambusstangen. Die Körper waren mit
all ihren Bewegungen wie eingespannt in diesen Taktschlag. Die Kulis
trotteten wie Pferde. Sie eilten eine lange gewundene Gasse entlang,
die zwischen Fluß und Stadtmauer klebte. Ein dunkles Gewirr von
merkwürdigen Einzelheiten stürzte im kleinen Spalt, durch den ich
schauen konnte, zurück. Die Kulis brachen sich rücksichtslos Bahn.
»Dso, Dso!« schrien sie. »Ka de, ka de! dso, dso, chö, chö!« Kurz und
wütend. Wer war ihrer heiligen Arbeit im Weg? Ein altes chinesisches
Gesetz hieß: Dem arbeitenden Kuli tritt aus dem Weg! Die Gasse war mit
breiten Steinplatten gepflastert. Manchmal fehlte eine. Der Schlamm
spritzte an einem aufklopfenden Fuß hoch, der Fuß glitschte ein wenig,
ich dachte: Jetzt fällt die ganze Anstalt! Aber der Kuli stemmte sich
fest und eilte weiter. Meine Spannung mußte sich teilen. Was war in
all diesen dunkeln, offenen, von arbeitenden Menschen wimmelnden
Häuschen, die hastig und geheimnisvoll am Spalt vorüber eilten? Und:
ob nicht doch einmal einer der Träger stürzt?
Eine Treppe stieg vom Fluß in die Gasse. Züge von Wasser- und
Lastenträgern stürzten herauf und drangen ungestüm, ihrer Arbeit
anheimgegeben, in die in der Gasse schiebenden Massen von
Lastenträgern, Rickschas und Sänften hinein. Mein Stuhl flog in den
Wirrwarr wie ein Keil. Die Ader stockte. Eimer, Strohballen, große
Kästen, Hausiergestelle, Körbe mit Fischen und Gemüse, Rickschas,
Bambusstangen, Schubkarren, die den kostbaren Straßenschmutz in die
Äcker führten, klemmten sich zusammen. »Dso, dso!« brüllten meine
Träger und stampften wütend auf. Die ganze Verwirrung schreit, flucht,
droht, stößt gegeneinander und rammt sich immer fester. Da stürzt ein
Wasserträger. Ein Strudel von Bewegung entsteht über ihm. Er schlägt
sich kriechend ins nächste Haus. Das Ganze kommt rasch wieder in Fluß
und trennt sich mit wildem Geschimpf. Der Stuhl schwippt weiter auf
den Schultern der Männer. »Ka de, ka de! Dso, dso! Chö, chö!« brüllten
sie.
Auf einmal dreht der Stuhl unversehens um eine Ecke herum und dringt
in ein langes, pechschwarzes Loch hinein. Es ist vollgestopft mit
schiebenden Menschen. Das Gewölbe hallt von wütendem Geschrei. Man
sieht nur ein dunkles Gewoge und im Bogen des Ausgangs aus der langen
tiefen Höhle eine schmale gerade Straße etwas bergan ziehen. An den
meisten Häusern ist diese Straße mit Matten oder Brettern überdeckt.
Die Höhle war das kleine Westtor. Der Stuhl saust die Straße hinauf,
schlängelt um schmale Ecken, muß stets mit einem Ende in einen
der offenen Läden, damit er die Wendung bekommt. Krause Massen
von wunderbaren aufreizenden Einzelheiten bleiben, kaum erblickt,
hastig genommen zurück. Messing- und Zinnschmiede, gewebte Teppiche
mit herrlich gestreckt fliegenden Reihern, Apotheken und Teeläden
mit sonderbaren Gefäßen, Seidengeschäfte, buntes spielerisches
Flitterwerk, Straßenmusikanten. Dso, dso! brüllt es immer wieder.
Einer bekommt ein Ende der Tragstange vor die Brust, taumelt an einen
Ladentisch und bleibt zurück, ohne ein Wort zu sagen. Es beginnt zu
regnen. Die vorübergehenden Männer ziehen ihre langen Röcke hoch.
An den Sohlen ihrer Schuhe sitzen zwei handhohe Querhölzer. Frauen
humpeln mit Schnürfüßen an den Wänden entlang und bleiben jeden
Augenblick stehen, um eine Rickscha, eine Sänfte oder einen tragenden
Kuli vorbeizulassen.
Auf einmal beendigen unsere Kulis ihren Lauf. Der Stuhl hält, geht
hoch und saust plötzlich wie ein Ballon zur Erde. Aber er setzt sanft
auf. Die Gardine wird übers Dach zurückgeschlagen. Der Stuhl neigt
sich, und ich schlüpfe heraus. Gre und Schlehmil sind schon hinter
mir gelandet. Wir sind in einer schönen Straße. Sie hat neue hohe
Häuser. Ihre Fassaden sind manchmal wie goldene blühende Bäume, eine
üppige, seltsame und reiche Schnitzwerkphantasie. Kleine farbige
Menschlein, Könige und Götter, Weiber und Tiere sitzen in goldenem
Strauchwerk wie Vögel. Wir gehen in das schönste Haus hinein. Es ist
das Geschäft eines Silber- und Goldschmieds. Im Vorderraum stehen
Glaskästen mit bemalten alten Holzfiguren in wunderlich gespreizten
Stellungen. Wir werden mit Feierlichkeit begrüßt. Alle Angestellten
verbeugen sich viele Male. Man bringt uns Tee. Unser Führer spricht
mit dem Besitzer, und der Goldschmied öffnet seine Läden und zeigt
uns die Werke seiner Arbeit. Es sind Kannen für Tee, für Reiswein,
Teebehälter, Becher, Dosen für Puder und Schminke und Kästchen für
Tusche und Stempel. Die einen haben die östliche Blumenhaftigkeit
von sonderlichen, ziervollen, naturalistischen Einzelheiten, und
die andern, die man von China am wenigsten in Europa kennt und die
unserm Schönheitsgefühl zuerst am wärmsten sind, besitzen eine edel
fremdartige oder ruhig abgerundete Einfachheit. Wir kennen sie nicht,
weil uns die chinesische Kunst ja nur durch den Sammler übermittelt
wurde. Dem Sammler verschwimmt aber rasch das Unterscheidungsvermögen
zwischen schön und selten.
[Illustration: Zuckerbäcker mit Glückspiel]
Wir kamen an diesem ersten Tag noch in den großen Seidenladen von Tei
Ho Fong. Die Gestelle in dem tiefen, in mehrere Räume geteilten Haus
lagen beladen mit Tausenden von kleinen Seidenrollen, aus denen lange
Zettel mit chinesischen Zeichen hingen. Zahlreiche Männer standen vor
und hinter den Tischen, kauften und verkauften. Der Chinese kauft
selber für seine Frau ein. Man zeigte uns eine Stunde lang Seiden
aus allen Teilen Chinas; Futschauseiden, die mit A-jour-Rändern
eingewebte Blumen hatten, schwere Brokate aus Nanking, wilde Seide
des Eichelspinners, die fest und geschmeidig waren wie Rehleder, und
fließende Seidenkreps aus Ssetschuan.
[Illustration: Im Kungfutse-Tempel von Tschangscha]
Als es dunkel wurde, schlössen alle Geschäfte. Um halb sieben waren
die Gassen ohne Leben und ohne Licht. Die offenen Läden waren mit
Bretterläden verschlossen. Unsere Sänften hasteten ungehindert durch
die menschenleere Dunkelheit. Bei jeder lief jetzt ein Kuli mit,
der eine große runde Papierlaterne dicht über dem Boden trug. Der
Straßenschlamm leuchtete wie poliert in ihrem Licht. Wir wurden nach
dem Tschin Dei gebracht. Das Tschin Dei war ein chinesisches Hotel.
Emil Schlehmil wohnte drin. Es lag in der Gasse am Fluß außerhalb der
Tore. Von der Gasse kamen wir gleich in einen großen Raum. Er war
nicht sonderlich sauber. Kulis saßen bei einer Öllampe und spielten
mit Karten. Sie tranken Tee dazu. Eine enge Stiege führte auf eine
Galerie in einem Hof. Um die Galerie herum lagen die Hotelzimmer,
kleine Verschläge, die von dem großen geschnitzten und mit farbigen
Gläsern versehenen Himmelbett fast ganz gefüllt waren. Emil Schlehmil
hatte die »Mandarinzimmer«. Es waren in einem abgeschlossenen Flur
vier ganz kleine Zimmer mit kreisrunden Türen. Emil Schlehmil wohnte
nicht luxuriös. Er hatte zwei Stühle, eine Bambusbank und zwei Tische
in einem, ein Bett und ein Waschgestell im andern Zimmer. Sein Kuli
bewohnte den dritten Raum und hatte ein Bett, das viel schöner war
als das seines Herrn. Der vierte Raum mit einem Petrolöfchen stellte
die Küche dar. Der nordchinesische Kuli kochte dort alle Mahlzeiten
in zwei leeren Konservendosen. Emil Schlehmil zeigte uns die vielen
kleinen und schönen Dinge, die er in den Kuriositätenläden der Stadt
eingekauft hatte.
Am nächsten Morgen gingen Gre und die goldblonde Frau dem Großvater
Jen Ling Tan einen Glückwunschbesuch machen. Ein Haufen von jungen
gepuderten und geschminkten Frauen warfen sich gleich über sie. Sie
waren die Nebenfrauen des Vaters. Sie rückten den beiden Besucherinnen
hart zu Leib. Sie untersuchten genau, fragten, staunten und lachten.
Dann wurde das Kind gebracht. Es steckte, ein zwerghaftes Kerlchen
von Fleisch und Leben, in schweren bestickten Seidengewändern. Ein
Kleid war übers andere gezogen. Es war nur ein Ballen von Seide. Die
Kleider hatten denselben Schnitt wie die Kleider der Großen. Auf dem
Kopf saß zuerst ein kleines Käppchen, das durch eine runde Öffnung
den Flaum des Schädels zeigte und darüber eine lange Kappe, die tief
über Schultern und Rücken reichte und mit Blumen bestickt war. Die
Besucherinnen wurden mit Tee bewirtet und mit allerlei Arten von
Figurengebäck entlassen. Die Wöchnerin hatten sie nicht gesehen.
Mittags war kühles Sonnenwetter. Wir gingen mit Emil Schlehmil
gleich am Westtor auf die Stadtmauer. Soldaten standen am Aufgang
und präsentierten. Die Mauer war breiter als die Gasse der Stadt.
Sie endigte nach unten in Zinnen. Unter den Zinnen lief ein hoher
schmaler Steinsteg. Er erweiterte sich manchmal, und hier und dort
lag eine alte Kanone umgedreht im Gras. Die alten Wachehäuser
waren am Verfallen. Auch die Mauer bröckelte, aber im ganzen war
sie noch fest und mächtig. Manchmal kamen erhaltene Bauwerke, ein
Papierverbrennungsofen oder ein Torhaus, in dem ein Offizier wohnte.
Wenn ein Tor kam, sahen wir hinab ins Leben, das die Stadt einatmete
und auspulste.
Einen schmutzigen Gang hinab glitten wir in die Stadt hinein. Wir
drehten um zahllose Ecken armer Gassen. Wir sollten zu einer Gasse
gehen, in der es viele Kuriositätenläden gab. Die Gasse kroch wie eine
Schlange durch die Stadt. In den kleinen offenen Läden leuchteten
Kupfer und Zinn, Porzellan und Stickereien. Ein Laden war am andern.
Der Raum für die Käufer ging ohne Verbindung von der Gasse hinein. Auf
dem Ladentisch standen Glaskästen mit Nephritscheiben, Halsketten,
geschnittenen Stempeln, Perlen, Väschen ... Wir schauten alles gierig
an. In der Gasse staute sich der Menschenverkehr. Emil Schlehmil
ging hin und setzte den Neugierigen auseinander, daß es sich nicht
schickte, fremde Käufer derart zu belästigen. Die Chinesen lachten
zustimmend und gingen weiter. Aber andere ersetzten sie sofort. Es
füllte den größten Teil unserer Zeit aus, daß Emil Schlehmil sein
Stöckchen und die Vorwitzenden in Bewegung hielt. Nie widersetzte sich
jemand.
Emil Schlehmil handelte mit den Verkäufern. »Was hast du da?« fragte
er. »Zeige. Da ist ein Riß ...« Der Chinese hob beschwichtigend die
Hand und sagte: »Was liegt daran!« Das ist ein nationales Wort in
China. Es ist Psychologie, es ist fatale Kraft. Der dunkle Keim, den
die überirdischen Mächte im Volk ewig lebendig halten. Das Wort ist
bös und gut. Eine andere Umschreibung für das Symbol des Jin Jang,
jenes Zeichens der zwei ineinander gebetteten Fötusse, das man oft
auf Hauswänden sieht. Das Jin Jang ist das männliche und weibliche
Ineinandergeschlungene, das positive und negative Prinzip, aus dessen
Zusammenwirken die Welt entstanden ist und sich erhält.
Der Verkäufer sagte also: »Was liegt daran!« Da nahm Emil Schlehmil
die Vase und klopfte sie dem Chinesen heftig an den Kopf. »Was liegt
daran! sagst du, daran, daß du mich betrügen wolltest, indem du diesen
Fehler verheimlichtest? ... Du dachtest, der Fremde ist ein Dummkopf,
er sieht das nicht. Du glaubst, daß nur ihr chinesische Tölpel die
Gescheitheit hinter euren flachen Augen habt. Ich geb dir 500 Käsch
dafür.« 500 Käsch waren weniger als I Mark. Der Chinese lächelte und
griff nach der Vase. Emil Schlehmil fuhr fort: »500 Käsch ist schon
zuviel für eine halb zerbrochene Vase.« Der Chinese zögerte ein wenig.
Ängstlich sagte er: »Herr, lies unten. Ming-Dynastie!« Emil Schlehmil:
»Das glaubst du ja selbst nicht. Der Scherben und Ming-Dynastie.
Das machen eure Fälscher drunter. Die Vase ist ja nichts wert, mein
Lieber. Da hast du sie zurück.«
Mit dem Chinesen konnte man kein Geschäft machen. Er blieb höflich und
zuvorkommend. Aber sobald es an den Preis ging, wurde er widerspenstig
und merkwürdig. Wir gingen weiter. Schlehmil stritt abwechselnd mit
den Zuschauern, die sich bald in Scharen hinter uns herdrückten,
bald mit den Verkäufern. Er wurde aufgeregt, und unter seinen hellen
Augen saßen rote Flecken. Gre geriet in Angst, die Chinesen möchten
ihre Gutmütigkeit aufgeben und Schlehmils Nervosität mit einem Krach
beendigen.
3
Wir nahmen einen Diener und seine Frau auf, die uns später auf
unserer Reise nach Ssetschuan begleiten sollten. Er war ein kleiner
Hankauchinese mit einem dicken Kopf voll stacheliger schwarzer Haare
und war einer der wenigen Chinesen, die rote Backen hatten. Man fragt
nicht nach dem Namen der Diener, die man anwirbt. Sie kommen, bleiben
und gehn, sind tüchtig und ehrlich, wenn man sie in Zucht hält, und
betätigen auch im Dienst der Europäer den Handelsdrang, der ihrer
Rasse Innewohnt. Das nennt man dann »squeezen«. Unser Boy sprach
nur Rudimente des chinesischen Pidgin-Englisch. Wir waren zunächst
gegenseitig etwas aufs Erraten angewiesen.