Das junge Weib stand mit erglühenden Wangen, mit gefalteten Händen

vor ihm voll rührender Schönheit, aber sie rührte nur seine Sinne. In

seinen Augen leuchtete es begehrlich und er streckte wieder die Hände

nach ihr:

»Ach laß jetzt die Dummheiten, und komm und küsse mich!«

Therese aber wich einige Schritte zurück und flehte mit innigem,

angstvollem Tone:

»Paul -- gieb mir Antwort! Höre mich, Paul -- -- es muß ein Ende nehmen

-- -- o Gott!«

Und nun brachen ihr die Thränen aus den Augen, und aufschluchzend

schlug sie die Hände vor das Gesicht. Da erfaßte ihn der Unmut:

»Was soll mir denn das Geschwätz? -- Bin ich etwa ein Lump, der sich

verstecken muß? -- Brauche ich denn für diese Kleinstädter überhaupt

Tränkchen und Salben zu verschreiben? -- Warum soll ich denn nicht

meinen Neigungen leben und dem Vergnügen? -- Und denkst Du denn, wenn

ich irgendwo anders mich niederlasse, daß mir die Philister von hier

aus nicht nachschreien werden, ich sei ein Kurpfuscher und dergleichen

Dummheiten mehr? -- Ich habe die Lust verloren an dieser ganzen

traurigen Wissenschaft, die auch nicht eine einzige wirkliche Krankheit

des inneren Menschen heilen kann. Wer das Glück hat, bei seinen

Versuchen von der Natur unterstützt zu werden, dem läuft die Menge zu,

und wem das Glück fehlt, der verliert seine Patienten. Hol der Teufel

dies ganze Glücksspiel -- da ist mir das andere mit den zweiunddreißig

Blättern noch lieber ... und kurz und gut, mir gefällt es hier und ich

bleibe hier, und Du sei nicht dumm und weine Dir Deine hübschen Augen

nicht häßlich -- Du bist hier die schönste Frau im Städtchen, wer weiß,

ob das anderwärts wieder der Fall wäre.«

Die Worte klangen sinnlos, frivol, und dem jungen Weibe zog sich

schmerzhaft die Brust zusammen. Sie sah den Gatten mit einem unendlich

traurigen Blicke an und sprach:

»Paul, Du weißt ja nicht, was Du redest. Wie magst Du Deinen Beruf,

einen der segensvollsten, wenn er mit Lust und Liebe geübt wird, so mit

Füßen treten? Fühlest Du denn nicht, wie solche Worte Dich und mich

entwürdigen? Es kann ja Dein Ernst nicht sein, was Dir aus dem Munde

geht! Du kannst doch nicht daran denken, in Deinen Jahren bloß dem

Müßiggang zu leben? Du willst doch nicht die Verachtung aller Guten auf

Dich lenken? -- Paul, ich beschwöre Dich ... laß uns fortziehen von

hier, wo wir den rechten Boden unter den Füßen verloren haben ...«

Jetzt brauste er auf:

»Was gehen mich denn Deine Stockphilister an, die ihre Schnäbel an

jedem wetzen, der nicht so lebt, wie sie selber? -- Gerade ihnen zum

Trotze bleibe ich und lebe ich, wie ich will, denn was aus Dir redet,

das ist der dumme Klatsch, den Du hörst bei Deinen Frohwalts und

Freidanks ... warum gehst Du auch nicht mit Besseren um?«

»Niemand hat mir ein Wort darüber gesagt, nur mein eigenes Herz drängt

mich -- --«

»Ach Herz! -- Herz ist das Pumpwerk im tierischen Körper -- was Ihr

Weiber Herz nennt!«

Er lachte roh, so daß sie erbleichend ihn ansah, und plötzlich ein

seltsames Gefühl hatte. Ihr war, als sei in diesem Augenblicke ein Riß

durch ihre Seele gegangen, als wäre sie aus einem Traume erwacht, in

welchem sie diesen Mann geliebt hatte. Sie richtete sich hoch auf und

sprach:

»Verzeih mir's Gott -- aber ich fange selbst an, Dich zu verachten!«

Das Wort hatte eine seltsame Wirkung auf ihn. So lange sein Weib

flehend, bittend, in ihrer demütigen, rührenden Schönheit vor ihm

stand, war es ihm eine Lust, sie -- die seine Liebkosungen abwehrte --

zu quälen, weil er ein Uebergewicht und eine Herrschaft über sie zu

haben glaubte, die ihm durch ihre Liebe gesichert schien -- dies Wort

aber ließ ihn erkennen, daß er seine Macht überschätzt habe, und das

versetzte ihn in Erregung und Zorn. Er raffte sich auf und seine Augen

und seine Hände suchten nach irgend einem Gegenstande, welchen er nach

Therese schleudern könnte, während sein blasses, übernächtiges Gesicht

sich dunkelrot färbte.

In diesem Augenblicke pochte es an der Thür. Die junge Frau ging hinaus

und das im Nebenzimmer befindliche Dienstmädchen überbrachte ihr eine

Karte mit dem Namen Ferdinand von Sorb und meldete, daß ein Herr den

Herrn Doktor zu sprechen wünsche, aber nicht als Patient, wie er

hinzugefügt habe.

Therese hatte den Namen wohl gehört, aber sein Träger war ihr

unbekannt, und sie begab sich nach dem Salon, wohin das Mädchen

denselben geführt hatte. Hier traf sie einen noch jungen Mann mit

etwas verlebten Zügen, der zwar einigermaßen verlegen schien, als sie

eintrat, aber doch mit weltmännischer Gewandtheit seine Entschuldigung

vorbrachte. Er fragte an, ob er nicht Herrn ~Dr.~ Haller selbst

sprechen könne, da seine Angelegenheit keinen Aufschub dulde.

Therese wußte nicht, warum sie vor dem Manne ein unverkennbares

Unbehagen empfand, und mit einem Gefühl der Beschämung, das sie hatte

bei dem Gedanken, daß Herr von Sorb das Unwahre ihrer Worte erkennen

müsse, sagte sie mit erzwungener Ruhe:

»Mein Mann fühlte sich unwohl und hat das Bett noch nicht verlassen,

ich werde ihn jedoch von Ihrer Anwesenheit und Ihrem Wunsche

verständigen und bitte indes, sich zu gedulden!«

Sie entfernte sich und atmete jenseits der Thüre einmal tief auf, dann

ging sie zagend nach dem Schlafzimmer zurück und rief die Worte hinein:

»Ein Herr von Sorb wünscht Dich dringend zu sprechen«!«

Sie hatte ihren Gatten nicht angesehen und war zurückgetreten, ohne

seine Erwiderung abzuwarten, aber es war ihr doch, als höre sie ein

Fluchwort und zugleich ein Geräusch, als ob er sich rasch erhebe. In

der That war Haller bei dem Namen erschrocken und erbleicht. Er fuhr

von seinem Lager, kleidete sich rasch und oberflächlich an, fuhr in

seinen Schlafrock und begab sich nach dem Salon.

Der Wartende stand bei seinem Kommen auf und sah ihn mit einem

seltsamen Lächeln an; sie reichten sich nicht die Hände, obwohl sie im

übrigen bekannt genug schienen.

»Da Sie nicht zu mir kommen, muß ich mich bei Ihnen einfinden,« sagte

Herr von Sorb; »ich darf Sie wohl daran erinnern, daß heute der 14.

ist, und daß ich am 10. bereits eine Zahlung von Ihnen zu erwarten

hatte. Ich würde Sie auch heute noch nicht wegen dieser Ehrenschuld

belästigen, aber ich habe gleichfalls meine Verpflichtungen und bin als

Edelmann gewohnt, denselben pünktlich nachzukommen.«

Es klang etwas Hochmütiges, Verletzendes aus den Worten, das Haller

sehr wohl empfand, das ihn erbitterte und worauf er doch nicht so

erwidern konnte, wie er es gern gethan hätte. Er fuhr sich mit der

Hand über die Stirn, wie um die wirren Haare hinauszustreichen, in

Wirklichkeit aber um sich den kalten Schweiß abzuwischen welcher ihm

ausbrach.

»Verzeihen Sie, Herr von Sorb, wenn ich den Termin versäumt habe,

ohne mich auch nur zu entschuldigen; es war gewiß ein unabsichtliches

Versehen, aber gerade weil ich nicht daran gedacht, habe ich auch

vergessen, die kleine Summe flüssig zu machen. Geben Sie mir noch zwei

Tage Frist, ich habe das Geld nicht augenblicklich zur Hand ...«

»Das ist unangenehm, sehr unangenehm, denn ich muß morgen selbst eine

Zahlung leisten, wobei ich zuversichtlich auf Ihre Pünktlichkeit

gerechnet hatte. Sie können doch nicht wünschen, daß ich Ihretwillen

mich bloßstelle ... ich bin Edelmann ...«

Gerade das wiederholte Betonen dieses Moments war so verletzend für

Haller; als ob der Mann vor ihm mehr Ehre besessen hätte, als er

selber. Er war nichts mehr als ein gewerbsmäßiger Spieler, dessen

Adelsdiplom vielleicht noch dazu recht fadenscheinig war, aber es galt

um jeden Preis, die Demütigung hinunterzuschlucken.

»Nun gut -- Verehrtester -- ich schaffe Ihnen bis morgen Mittag das

Geld ... solange müssen Sie durchaus noch Geduld haben -- ich kann's

doch nicht im Augenblick aus den Fingern saugen, und seiner Frau

erzählt man auch nicht gern derartige Verlegenheiten.«

»Sei's denn ... aber dann rechne ich auch bestimmt auf Zahlung, Herr

Doktor. Also morgen auf Wiedersehen!«

Herr von Sorb entfernte sich mit ziemlich hochmütigem Gruße, Haller

aber ballte hinter ihm die Fäuste und sah finster drein. Er hatte sich

tief zurückgelegt in den Fauteuil, von dessen dunkler Sammtlehne sein

bleiches Gesicht sich scharf abhob und stierte vor sich hin.

Es waren 1200 Gulden, die er an den andern verspielt hatte, und er

wußte nicht, woher er sie bezahlen sollte. Er hatte sie in der That

nicht vorrätig, aber er wußte auch nicht, woher er sie flüssig machen

sollte. Seine eigenen Mittel waren erschöpft, denn seine Lebensweise

und fast immerwährendes Unglück im Spiel hatten in kurzer Zeit große

Lücken gemacht, seines Weibes Heiratsgut war festgelegt, und er fand

gerade nach der heutigen Szene nicht den Mut, sich ihr zu offenbaren.

Davon hielt ihn wohl auch sein finsterer Trotz ab, der einen Grundzug

seines harten, dünkelvoll unbeugsamen Wesens bildete.

Und doch mußte das Geld geschafft werden. Er zermarterte seinen

schmerzenden Kopf und ließ an seinem Geiste alle seine sogenannten

Freunde vorübergehen, ohne daß er bei einem derselben einen

Hoffnungsstrahl erkannte. Zuletzt kam er, wie fast alle Spieler, wieder

zu dem zweifelhaften Hilfsmittel zurück, das Glück zu versuchen mit dem

letzten Reste seines baren Geldes. Es waren noch ungefähr fünfhundert

Gulden, die er zum Teil erst am Abend vorher gewonnen hatte ... auf

sie setzte er sein Hoffen. Mit beinahe nervöser Hast erfaßte er den

Gedanken, heute nach einer benachbarten größeren Stadt zu reiten, wo

Pferdemarkt abgehalten wurde; dort fanden sich Offiziere, vermögende

Landedelleute, Rittergutsbesitzer, reiche Roßhändler ein, und er

wußte, daß dort hoch gespielt wurde. Dahin gedachte er sich zu begeben.

Er machte sich rasch fertig. Ein Frühstück nahm er nicht ein, auch von

Therese verabschiedete er sich nicht. Schon nach einer halben Stunde

ritt er fort auf seine »Landpraxis«, wie er die Leute glauben machen

wollte. Auch sein Weib sah ihn hinter den herabgelassenen Gardinen, wie

er mit dem blassen finsteren Gesichte vorübertrabte, ohne einen Blick

nach den Fenstern heraufzuwerfen, etwas vornübergebeugt, als ob er

über Unangenehmes sinne. Sie war es gewohnt, ihn um diese Zeit reiten

zu sehen, auch war er manchmal schon gegangen, ohne ihr ein kurzes

Abschiedswort zu sagen, heute aber überkam sie, nachdem der Hufschlag

verhallt war, ein unsägliches Gefühl des Verlassenseins, der Bangigkeit

und Schwermut, ein Gefühl eines maßlosen Jammers; sie ging in ihr

kleines, freundliches Zimmer, und aufschluchzend sank sie in einen

Sessel.

Haller aber ritt anfangs langsam die Straße entlang, die gegen Burgdorf

aufstieg. Auf der Hochebene jedoch gab er dem Pferde den Sporn und

jagte rasch dahin, seinem Ziele zu. Um die Mittagszeit kam er in

der Stadt an und suchte sogleich das Hôtel auf, in welchem er seine

Gesellschaft zu finden hoffte. Er hatte sich auch nicht getäuscht:

Bekannte Lebemänner aus der ganzen Umgegend hatten sich in einem

besonderen Zimmer zusammengefunden, und er ward von den meisten in

beinahe vertraulicher Weise begrüßt.

Man war eben dabei gewesen, sich zu Tische zu setzen, als er kam, und

da ihn der Hunger plagte, hatte er rasch seinen Platz eingenommen. Die

trefflichen Speisen, der ausgezeichnete Wein, die ganze laute, lärmende

Gesellschaft übten bald ihren Einfluß, und als erst die Champagnerkorke

knallten, da ward er von ausgelassener, beinahe übertriebener

Lustigkeit und stürzte Glas um Glas des prickelnden Schaumweins hinab.

Dabei konnte er augenscheinlich die Zeit nicht erwarten, bis man daran

ging, den Tisch für das Hazardspiel herzurichten. Der Wirt kannte seine

Gäste, und obwohl solches Thun gesetzlich verpönt war, leistete er

demselben doch Vorschub, denn er kam dabei nicht zu kurz.

Das kleine Speisezimmer lag in dem ersten Stockwerk nach dem Garten

hinaus, welcher der Familie des Wirtes ausschließlich gehörte und um

diese Zeit von niemandem besucht war, und wenn man auch da und dort

von dem Spielklub munkelte, der besonders zu Marktzeiten sich hier

zusammenfand, so hatte doch die Behörde niemals Notiz genommen von

solchen Gerüchten, und die Beteiligten konnten ganz sicher sein.

So saßen sie auch heute wieder beisammen schon am hellen Nachmittage,

und das Spiel war im besten Gange. Haller beteiligte sich an demselben

mit wechselndem Erfolge, ohne durchgreifenden Gewinn oder Verlust. So

ging es, bis der Abend hereindämmerte. Die Lichter wurden angezündet,

und da dem Weine ausgiebig zugesprochen worden war, sah man manches

besonders erhitzte und glühende Antlitz und leidenschaftlich funkelnde

Augen. Haller hatte nach seiner Gewohnheit stark und schwere Weine

getrunken, aber seine Gesichtsfarbe war fahl; Schweiß stand ihm auf der

Stirne.

Es war, als ob mit den flammenden, flackernden Lichtern sein Unstern

aufgegangen wäre, und was sein Unbehagen ganz besonders steigerte,

war, daß gerade jetzt auch Herr von Sorb ankam und sich mit

außerordentlicher Kaltblütigkeit am Spiele beteiligte. Dem Doktor

schien es dabei, als ob jener manchmal wie mit spöttischem Lächeln

ihn streife, als ob er seine Gedanken erriete, und so wurde er immer

erregter und zugleich immer unsicherer, so daß auch die Aufmerksamkeit

der andern sich gerade ihm immer mehr zuwendete.

Jetzt setzte er sein letztes Geld auf eine Karte. Seine Augen

flimmerten, seine Hände, die auf der Tischplatte lagen, bebten

wahrnehmbar -- einige Augenblicke später hatte er verloren.

»Wer kauft mein Pferd?« fragte er mit heiserer Stimme, und einige der

Umstehenden lachten, weil sie meinten, er rede im Scherz, einer aber

rief:

»Was soll die Mähre kosten?«

»Sechshundert Gulden!« stieß Haller hervor.

»Ach, Thorheit, um vierhundert nehme ich sie.«

»Gegen sofortige Zahlung.«

»Topp! -- Hier ist das Geld.«

Der Handel war flott gemacht worden, ohne daß die andern sich

viel darum kümmerten, und gleich darauf warf Haller wieder einen

Hundertguldensschein hin. Aber das Glück wollte sich nicht zwingen

lassen, auch nicht um den Preis des treuen Tieres. Kalter Schweiß trat

auf die Stirn des Mannes, zumal er den forschenden Blick Ferdinands von

Sorb fühlte. Er vermochte den Bann dieser Augen nicht zu ertragen und

rief ihm zu:

»Sehen Sie mich nicht immerfort an, Sie bringen mir Unglück!«

Der so rauh Angesprochene lächelte kühl und spöttisch und wandte

Haller schweigend und wie verächtlich den Rücken. Dieser fühlte sich

dadurch noch mehr verletzt und gedemütigt, aber er zwang sich zur

Selbstbeherrschung, und spielte weiter. Nach einer halben Stunde war

das Geld, das er für sein Pferd erhalten hatte, verschwunden.

Mit stieren Blicken starrte er um sich, trank dann mit wilder Hast sein

Glas leer, und griff plötzlich nach seiner Uhr, die er samt der Kette

aus der Tasche riß und auf den Tisch schleuderte. Es war eine schöne

und wertvolle Ankeruhr mit doppeltem goldenen Deckel. »Wer kauft sie

oder leiht mir darauf zweihundert Gulden?«

Die ganze Szene machte einen unendlich widerwärtigen Eindruck, und

das empfanden selbst einige der Anwesenden, trotzdem die Geister des

Weines bei allen mehr oder minder ihre Wirkung übten.

[Illustration: »Aber wir haben doch hier keine Leihanstalt!« bemerkte

scharf einer der Offiziere ... (S. 388.)]

»Aber wir haben doch hier keine Trödelbude oder Leihanstalt!« bemerkte

endlich kalt und scharf einer der Offiziere, und nach diesem Worte

wurde es unheimlich still in dem Gemache. Die Lichter schienen trüber

und düsterer zu brennen, die Luft zum Ersticken schwül und schwer

zu werden. Alle Augen wandten sich nach Haller und dieser fand kein

Wort der Erwiderung. Er hatte das Gefühl, daß er kein Recht habe,

weiter hier zu sein; aus allen Blicken schien Verachtung zu reden,

und so erhob er sich, todbleich, schlotternd, mit zusammengebissenen

Zähnen und feuchter Stirn. Er raffte seine Uhr an sich und schwankte

schweigend hinaus. In der Nähe der Thüre hörte er wie im Traum die

Stimme des Herrn von Sorb:

»Vergessen Sie nicht -- morgen Mittag!«

Einige Augenblicke später stand er im Freien. Er wußte nicht, wie er

die Treppe herabgekommen war, und um ihn schien alles zu schwanken,

so daß er mehrmals mit den Händen hastig in die Luft griff, als suche

er nach einer Stütze. Die Kühle des Abends berührte ihn angenehm,

und barhäuptig, wie er war, schritt er durch die stillen nächtlichen

Gassen, hinaus auf die freie Straße, und ging weiter, immer weiter. Wie

lange er so gegangen war, darüber gab er sich keine Rechenschaft.

Der Himmel hatte sich mit trüben Wolken behangen, und ein feiner Regen

begann niederzugehen, als er durch ein kleines Dorf kam. Das lag still

und schlafend; nur ein Hund, der den späten Wanderer spürte, bellte

heiser. Haller fühlte sich müde und elend, körperlich und seelisch.

Aber sein Kopf war so wüst, daß er gar nichts zu denken vermochte,

nur das eine Gefühl hatte er, daß er mit der Verachtung der Menschen

belastet sei.

So kam er an die Schenke. Ein mattes Licht fiel durch die Fenster auf

die Straße, und er gedachte einzutreten, denn die Schwäche begann ihn

zu überwältigen. Die niedrige Stube war voll Tabaksqualm. In der Nähe

des Ofens saßen drei Bauern, jüngere Burschen, und spielten Karten; auf

der Ofenbank lag der Wirt. Er erhob sich langsam bei Hallers Eintritt,

und auch die Drei sahen sich nach dem barhäuptigen Herrn um, der wie

eine Gespenstererscheinung auftauchte. »Bringt mir Salzbrot und ein

Glas Branntwein!« sagte dieser mit heiserer Stimme, indem er sich

an einem Tische niederließ, und jetzt betrachteten ihn die Burschen

beinahe frech und zudringlich.

Er aß und trank mit Gier und hörte zwischendurch mit halbem Ohre die

spöttischen Bemerkungen der rohen Gesellen.

»Ein Schnapsbruder im Frack!« sagte der eine.

»Das arme L...r kann vielleicht kein Bier bezahlen!« lachte der andere.

Haller griff mechanisch in die Tasche seiner Beinkleider; wo sonst sein

Portemonnaie war; er fand es nicht. Offenbar hatte er es am Morgen

gar nicht zu sich gesteckt und das Geld, welches er verspielt hatte,

war alles gewesen, was er bei sich trug. Ein Zittern durchlief seinen

Körper bei dem Gedanken, hier nicht bezahlen zu können, und krampfhaft

suchte er in allen übrigen Taschen. In der Brusttasche fühlte er etwas

Hartes, Kaltes -- -- er erschrak: Es war der Lauf des kleinen Pistols,

welches er auf seinen nächtlichen Ritten als Schutzwaffe bei sich zu

führen pflegte.

Er aß langsamer, und die Bissen quollen ihm im Munde besonders unter

den spöttischen Blicken seiner Beobachter, die ganz zu spielen

aufgehört hatten und ihre Zeche bezahlten.

Jetzt sagte der Wirt:

»Nun wird zugemacht! Wegen einem Salzbrot und Schnaps kann ich nicht

die ganze Nacht durch sitzen bleiben.«

Das fuhr Haller durch die Seele. In sein Gesicht stieg eine flutende

Röte der Scham, und er sagte stockend:

»Ich habe mein Geld verloren -- ich muß meine Uhr als Pfand --«

Er legte den goldenen Chronometer zagend auf den Tisch. Mißtrauisch sah

der Wirt bald diesen, bald ihn selbst an, dann wog er das Wertstück

in der Hand und sagte verächtlich: »Talmi? -- He? -- Na, ich will's

behalten!«

Der Unselige erhob sich. Er widersprach nicht, sondern wankte, den

letzten Bissen noch im Munde, hinaus, und hörte den Wirt hinter sich

sagen:

»Ein versoffener Lump!«

Das rohe Gelächter der Burschen in der Dorfgasse hallte ihm nach,

dann ward es still. Am Himmel waren wieder einzelne Sterne sichtbar

geworden, aber sie waren ihm keine trostvollen Lichter, und langsam,

verzweiflungsvoll ging er die Straße weiter. Selbst die rüden Gesellen

verlachten und verachteten ihn ... er kam sich vor wie ein Geächteter,

von aller Welt Ausgestoßener, und wenn er an sein Weib dachte, klang

ihm ihr Wort im Ohr: »Ich fange selbst an, Dich zu verachten.« Wie

konnte er sich vor ihr wieder sehen lassen nach dieser furchtbaren

Nacht? Wo war sein Pferd? Wo war sein letztes Geld? Und was that er,

wenn morgen Ferdinand von Sorb auf Bezahlung seiner »Ehrenschuld«

bestand? Und dieser würde darauf bestehen, zumal er ihn erst heute roh

beleidigt hatte.

Die Straße senkte sich nieder in einen Hohlweg. Zu beiden Seiten

war finsterer Fichtenwald und ließ den milden Sternenschimmer

nicht hindurch, der Weg selbst war dunkel und unheimlich, und in

den Baumkronen raunte und rauschte es seltsam. Da überkam ihn die

Verzweiflung, und am Straßengraben setzte er sich nieder und begann mit

dem Kolben der kleinen Waffe in seiner Tasche mechanisch zu spielen.

Nach einer Weile scholl schriller Eulenruf durch die Nacht und wenige

Augenblicke später ein kurzer, scharfer Knall -- -- dann war die

Nacht wieder ruhig wie zuvor, und nur die Bäume raunten und rauschten

weiter. -- --

Und am andern Morgen lachte die Sonne wieder hell und heiter über der

kleinen Landstadt. Therese hatte kein Auge geschlossen. Stunde um

Stunde hatte sie gelauscht, ob sie nicht Hufschlag höre, aber die Zeit

verrann, die Nacht war vorüber, und ihr Gatte kehrte nicht heim. So

sehr sie an solche Sachen gewöhnt war, so überkam sie doch heute eine

seltsame Angst. Sie dachte an den Auftritt von gestern, und es war

ihr, als habe sie ihm ein hartes Wort zu viel gesagt, das sie bereuen

müßte. Unruhevoll schritt sie durch die Zimmer, bald dieses, bald

jenes Fenster öffnend, um hinauszuhorchen, aber vergebens, das Leben

der kleinen Stadt hatte lange schon begonnen, die Glocken hatten zur

Frühmesse gerufen, ihr Dienstmädchen hatte den Kaffeetisch bereitet,

aber das junge, bleiche, müde und von Schlaflosigkeit schier erschöpfte

Weib fand nicht die Ruhe, ihr Frühstück einzunehmen.

So gingen noch mehr als zwei Stunden hin. Ihre Angst steigerte sich,

ihr Herz klopfte erregt ... sie ertrug es nicht mehr, sich niemandem

mitteilen zu können. Aber zu wem sollte sie sich wenden? Wem hätte sie

die gequälte Seele aufthun und Trost von ihm erbitten können? Ihren

Jammer hatte sie ja vor aller Augen gehütet, und selbst dem Priester in

der Beichte hatte sie nichts gesagt von ihrem häuslichen Elend. Aber

heute mußte sie sprechen, sie mußte wissen, ob sie selbst gestern ein

zu hartes Wort gesprochen habe. Da dachte sie an den Kapuziner Severin.

Er war ihr stets wie ein Freund entgegengekommen mit so zarter, schöner

Teilnahme, und er war als Priester musterhaft. Ihm wollte sie beichten,

von ihm Rat und Trost begehren in ihren furchtbaren Nöten, in der

entsetzlichen Ungewißheit dieser Stunden.

Rasch kleidete sie sich an, und auf einem Umwege, der sie nicht durch

die Gassen führte, begab sie sich nach dem kleinen Kloster.

Pater Severin ging nahezu um dieselbe Zeit im Klostergarten hin und

wider, sein Brevier in der Hand. Er sah ernst, aber nicht leidend aus,

und mit ruhigen Augen schaute er empor nach dem Himmel, und hinein in

das Laubgewirr der Obstbäume, aus dessen Grün da und dort der reiche

Segen der Früchte blinkte. Da vernahm er einen Schritt, und da er sich

umsah, bemerkte er den »Vetter Martin«, der langsam herankam. Der

junge Kapuziner eilte ihm entgegen. Auch er freute sich an dem Wesen

des wackern alten Herrn und begrüßte ihn freudig, nachdem er ihn lange

genug nicht gesehen hatte. Dieser aber rief:

»Briefe von Hans Stahl! Eben eingetroffen! Hier schreibt er mir:

»Lieber Vetter Martin! Nur wenig, wie es im Feld und auf dem Tornister

möglich ist. Habe gestern mitgekämpft in der Schlacht bei Wörth und

werde diese Stunden, die ersten im Feuer, nicht vergessen. Ich fühle

erst jetzt, daß ich ein anderer Kerl geworden bin -- Gott helfe mir,

wenn ich's jemals vergäße! Ich bin heil und gesund und kampfesfreudig

wie nur einer. Wir haben gestern Preußen, Bayern, Württemberger

Schulter an Schulter gefochten; es giebt kein Nord- und Süddeutschland

mehr, das soll der Franzmann spüren. Gott mit Ihnen und mit uns!

Tausend Grüße! Ihr Hans Stahl!«

»Was? -- Ist das nicht ein infam prächtiger Bengel? Wenn ich ihn hier

hätte, für _die_ Zeilen müßt' ich ihn einmal küssen, obgleich ich für

gewöhnlich keine sentimentalen Anwandlungen habe. -- Aber hier ist eine

Beilage mit Ihrer Adresse; viel wird auch nicht drin stehen!«

Pater Severin öffnete den Umschlag und fand in der That nur die wenigen

Zeilen:

»Das Neueste von mir erfahren Sie durch Vetter Martin. Wie geht

es Therese? Schreiben Sie mir von ihr und wachen Sie über sie! Mit

herzlichem Gruße der Ihrige.« -- Dann folgte eine Adresse.

Der Kapuziner reichte seinem Begleiter schweigend das Blättchen; dieser

las und sagte:

»Der arme Junge! Das kann er nicht verwinden, aber da können wir alle

beide nicht helfen. Was wollen Sie ihm schreiben?«

Severin zuckte die Achseln und erwiderte wehmütig:

»Ich weiß nur, was das Volk spricht, und das möchte ich ihm nicht

mitteilen; es ist nicht verbürgt, und wenn es wäre, so könnte er nicht

helfen, so wenig wie ich. ›Wachen Sie über sie!‹ Ich weiß nicht, wie er

sich das denkt. Ich habe ja nicht einmal ein Recht zu einem Worte des

Trostes für sie, so lange sie es nicht begehrt.«

»'s ist richtig, und für ihn ist's besser, wenn er nichts Schlechtes

hört. Er braucht seinen Mut und seine gesunde Frische jetzt doppelt,

und wenn er denken kann, es geht ihr gut oder mindestens erträglich, so

vergißt er sie zuletzt am leichtesten, und das muß doch einmal sein.«

Ein leiser Seufzer hob die Brust des Mönches ... er wußte, daß man

Therese nicht so leicht vergaß!

Das Gespräch aber wendete sich mehr dem großen Ereignis der Zeit, dem

Kriege, zu, und die beiden wanderten langsam unter den Bäumen auf und

nieder, bis die Glocke läutete.

»Ich muß zur Messe -- verzeihen Sie!« sagte nun Severin, und der

Alte entfernte sich mit einem Worte der Entschuldigung, während der

Kapuziner langsam nach dem Kirchlein ging. Da kam ihm ein Laienbruder

entgegen mit der Mitteilung, daß eine Dame ihm zu beichten wünsche.

Das war nichts Außergewöhnliches und er begab sich ruhig nach dem

Beichtstuhl, in welchem er erwartet wurde: Dort kniete eine junge Frau

im dunklen Gewande, und als er näher kam, fühlte er, wie sein Herz

heftiger anfing zu schlagen und wie ein Zittern ihn erfaßte; er hatte

Therese Haller erkannt.

Sie aber preßte die weiße Stirne gegen das Holzgitter, das sie von

seinem Sitze trennte, und begann leise, zaghaft zu sprechen, indes

er das Haupt neigte und seine Hände krampfhaft in einander schlang.

Das war nicht eine Beichte, wie sie sonst üblich war mit Beobachtung

der vorgeschriebenen Einleitungsworte ... es war auch nicht ein

Sündenbekenntnis, sondern ein banges Stammeln einer gequälten Seele,

eine Geschichte von dem Märtyrertum eines stillen, verschwiegenen

Frauenherzens, das in seiner Angst und in seinem Jammer sich in den

Schutz der Kirche flüchtet, und nicht Sündenvergebung, sondern Trost

und Rat erfleht.

Jetzt erst erkannte Severin mit sehenden Augen die ganze Größe des

Elends, dem das junge Weib preisgegeben war, und sein Herz zog sich

schmerzlich zusammen. Daß sie auch ihm gerade all das erzählen

mußte, der sein Herzblut gegeben hätte, um sie glücklich zu machen,

und der nun gar nichts thun konnte, ja kaum recht wußte, was er ihr

sagen sollte. Ihm war gewiß noch elender zu Mute, als der Armen, die

zu seinen Füßen kniete, und nun, nachdem sie ihm erzählt von ihrem

gestrigen Versuch, den Gatten sich zurückzugewinnen und von dem letzten

Worte, das sie gesprochen und das sie in ihrem feinfühligen Wesen heute

beinahe als zu hart bereute, schweigend harrte, was er ihr verkünden

werde.

Der Mönch atmete tiefer, er sandte ein heißes Stoßgebet zum Himmel und

dann begann er zu sprechen, warm, herzlich, ruhig. Ihm war selbst,

als ob aus ihm ein anderer, Höherer rede; ihm schien, als ob er noch

niemals in seinem Leben so die rechten Worte gefunden habe, mit denen

er sein Beichtkind hinwies auf Gottes Vaterhuld, die niemandem mehr

auferlege, als er tragen könne, und wie seine Allmacht auch Mittel

finden werde, ihrem Leid ein Ende zu bereiten. Für ihr Verhalten gegen

ihren Gatten am gestrigen Tage sprach er sie frei von aller Schuld und

Verantwortung; sie habe nur gethan, was ihre Pflicht und ihr Recht war.

Es läutete bereits zum andern Male zum Meßgottesdienst, aber er

unterbrach sich nicht, und als er endlich schloß, und das Zeichen

des Kreuzes über Therese machte, da war ihm die Brust so frei und

gehoben, er fühlte, daß er des Priesters schönste, weihevollste Pflicht

getreulich erfüllt habe, und ihn überraschte und verwirrte es nicht,

als sein Beichtkind sich über seine Hand neigte und sie mit heißen

Lippen küßte.

Getröstet und erhoben war die junge Frau aus dem kleinen Kirchlein

heimwärts gegangen, und sie fühlte sich ungleich ruhiger als vorher,

trotzdem ihr Gatte noch immer nicht zurückgekehrt war.

Es kam die Mittagszeit und um dieselbe Herr von Sorb. Therese empfing

ihn mit kühler Höflichkeit, und er sprach sich verwundert aus, als

er hörte, daß er ~Dr.~ Haller nicht antreffe; er schien beinahe

mißtrauisch gegenüber der Mitteilung zu sein und äußerte:

»Er verließ doch gestern bei Zeiten R...« -- er nannte den Namen der

Stadt, wo am Abend vorher gespielt worden war -- »freilich zu Fuße,

denn sein Pferd hatte er verkauft. Ich werde mir gestatten, morgen

wieder vorzusprechen, gnädige Frau ...«

Damit ging er und sinnend trat Therese an das Fenster. Ihr Gatte hatte

sein Pferd verkauft -- sie fühlte, was damit gesagt war; er hatte sich

auch wohl geschämt, ohne Pferd am hellen Tage heimzukommen und werde

die Nacht abwarten. In ihre Seele kam wieder ein Hauch von bitterer

Bangigkeit ... und aufs neue gingen die Stunden, bis endlich der

Nachmittag die furchtbare Kunde brachte.

Ein Fuhrmann hatte am Morgen den Toten gefunden am Straßenrand, gelehnt

an eine alte Fichte, wie einen Schlafenden. In der Stirn war eine

kleine, runde, schwarz gerandete Oeffnung, die Schußwaffe lag neben

ihm. Der Fuhrmann war, von Entsetzen erfüllt, ins nächste Dorf gefahren

und hatte dort Mitteilung gemacht, dann war der Gemeindevorstand mit

einem zufällig anwesenden Arzte hinausgeeilt, und der letztere hatte

festgestellt, daß der Erschossene der ~Dr.~ Haller aus ... sei, und daß

hier zweifellos ein Selbstmord vorliege. Das übliche Protokoll wurde

aufgenommen, und dann die Leiche auf einen Wagen geladen, mit einer

alten Decke zugedeckt und nach dem Städtchen gefahren, wo seine Frau

lebte. Und hier war sie nachmittags angekommen.

Sie fuhr vorüber an dem Kapuzinerklösterchen, eben als Severin aus

der Pforte trat. Der Fuhrmann grüßte ihn, und da ihn die furchtbare

Nachricht drückte, erzählte er sie dem jungen Mönche. Dieser erbleichte

und verlor einige Augenblicke die Fassung, dann aber dachte er des

armen jungen Weibes.

»Weiß seine Frau bereits davon?« fragte er.

»Es ist ein Herr vom Gericht vorausgefahren, um sie vorzubereiten,«

sagte der Mann.

»Fahren Sie ganz langsam, ich will vorausgehen!«

Damit eilte Severin so schnell er konnte von dannen, die schwere,

braune Kutte aufraffend, damit sie ihn nicht hindere beim Ausschreiten.

Bebenden Herzens lief er die Treppe hinan in dem freundlichen Hause,

ein weinendes Dienstmädchen kam ihm entgegen, und gleich darauf stand

er vor Therese.

Sie war marmorbleich, aber Thränen schien sie nicht gefunden zu haben.

Die großen dunklen Augen lagen tief in dem weißen Gesichte und hatten

einen seltsamen Glanz. Als sie ihren jungen Beichtiger erkannte, eilte

sie ihm entgegen ... sie wollte sprechen, aber sie vermochte es nicht,

und wortlos, wie ein Kind an das Herz des Vaters, sank sie an seine

Brust und nun erst konnte sie weinen.

Was der junge Kapuziner in diesem Augenblicke empfand, war

unbeschreiblich; eine Flut der mannigfaltigsten Empfindungen durchtobte

ihn: Schmerz, Mitleid, Jammer, Lust und Glück waren da zugleich. Da

hielt er sie an seinem Herzen und in seinem Arme; er fühlte das Beben

ihres Leibes, das Wehen ihres Atems ... und doch, kein Hauch der

Sinnlichkeit überkam ihn, nur etwas wie das Bewußtsein eines stillen,

unsäglichen, kurzen Glücks. In Sekunden durchlebte er unendlich viel.

Aber hier galt es Kraft und Fassung.

»Gott sei mit Ihnen! Mehr kann ich in dieser Stunde Ihnen nicht sagen,

seine Wege aber sind unerforschlich und weise. Er weiß, warum er

es zuließ, daß dieses Eheband, das er durch meine Hand knüpfte, so

plötzlich und gerade _so_ zerrissen wurde. Ihm möge er gnädig sein, und

Ihnen wird er seinen Frieden wieder schenken, der Ihnen so lange schon

gefehlt hat. Seien Sie getrost -- noch haben Sie Ihren guten Vater und

Ihre Freunde!«

Er sprach ohne jedes salbungsvolle Pathos, schlicht und herzlich, und

das junge Weib hob die überströmenden Augen nach ihm auf und reichte

ihm die Hand.

»O, ich danke Ihnen! Mein Vater wird bestürzt sein, und es thut mir so

leid um ihn ... bitte, telegraphieren sie ihm in meinem Namen, wie Sie

es für gut halten!«

»Gern, aber nun nehmen Sie mit Fassung auch das Härteste auf sich:

Nehmen Sie den Verschiedenen noch einmal auf, denn er kommt eben an.«

Auf der Straße knirschte der Wagen: Erwachsene und Kinder, die von der

Begebenheit gehört, liefen hinterher und sammelten sich vor der Thüre.

Dann trugen einige Männer den in die alte Decke gehüllten Leib herauf,

und Severin trat ihnen entgegen.

»Hierher!« gebot er mit halblauter Stimme, und sie schafften ihn nach

dem Sprechzimmer und betteten ihn auf dem Sopha, und schaudernd sah

ihm der Mönch in das bleiche Angesicht: Er war wohl der Erste, der, an

seiner Seite stehend, für ihn ein stilles Gebet sprach. Dann ging er

zu Therese, die ihn gefaßt empfing und den Toten zu sehen wünschte. Er

führte sie hinüber nach dem Gemache, aber noch einmal mußte sich hier

das bleiche, zitternde Weib auf seinen Arm stützen.

»Sie dürfen nicht hier bleiben, so lange er da ist. Ich bringe Sie zu

Frau Frohwalt hinüber, und für alles Weitere lassen Sie mich Sorge

tragen,« sprach er, und sie folgte ihm schweigend und ohne Widerstreben.

Die furchtbare Kunde war ungemein schnell durch das Städtchen gelaufen,

und es fehlte nicht an zahlreichen Beweisen der herzlichsten Teilnahme

für Therese. Schon am andern Tage kam Professor Holbert und führte sein

Kind wieder hinüber in ihre Wohnung. Er hatte die Ruhe und Festigkeit

des echten Mannes, und seine Anwesenheit wirkte wunderbar beruhigend

auf Therese. Der Tote aber lag aufgebahrt im Sprechzimmer.

Auch der Pfarrer war gekommen, um der Witwe seine Teilnahme

auszudrücken und ihr die Versicherung zu geben, daß man den Selbstmord

Hallers seitens der Kirche als eine That des Wahnsinns auffasse und

ihm darum ein feierliches Begräbnis nicht versagen werde. Therese

dankte kühl und müde für diese Versicherung: Es war ihr ja tröstlich,

zu wissen, daß der Mann, an dem ihr Herz gehangen, nicht einfach,

wie es sonst bei Selbstmördern Brauch und wie es vor kurzem erst bei

einem armen Teufel im Städtchen geschehen war, ohne Sang und Klang

eingescharrt werden sollte.

Als man am Begräbnistage den Sarg schloß, und sie zum letzten Male

ihrem Gatten ins Antlitz schaute, empfand sie seltsamer Weise keinen

Schmerz; ihr war, als sei auch in ihrer Seele etwas gestorben, was sie

vordem für Liebe gehalten hatte. Sie folgte langsam ihrem Vater, der

sie nach einem andern Gemache führte und schweigend an der Hand hielt,

als von der Gasse her der eintönige Gesang des Kirchenchors und die

Trauermusik erklang. Dann begannen die Glocken zu läuten.

Professor Holbert und seine Tochter folgten dem Sarge nicht, und es

war in mehr als einer Beziehung besser. Sie brauchten dann auch nichts

zu hören von dem gärenden Unmut der Leute, die in den Gassen standen,

und als der in silberverbrämtem Trauerornate herschreitende Pfarrer

vorüberkam, deutlich genug sich äußerten über das »zweierlei Maß« in

der Kirche.

Am andern Morgen klebten am Gotteshause wie an der Pfarrei große

Zettel, die es noch schärfer geißelten, daß der vornehme Selbstmörder

mit allen Ehren beerdigt worden sei und geradezu drohten, man werde

ihn wieder ausscharren und nach dem Winkel werfen, wohin die Armen

kämen, wenn sie unserm Herrgott vorgriffen. Pater Ignaz war darüber im

höchsten Grade ärgerlich, zumal auch Frohwalt, als er in der Sakristei

mit ihm am nächsten Morgen zusammentraf, ihm kühl und ruhig bemerkte:

»Frau Franke will wirklich evangelisch werden, da sie das zweifache Maß

in der Kirche nicht begreift.«

An demselben Abend schrieb Pater Severin an Hans Stahl einen

ausführlichen Brief, und am nächsten Morgen reiste Professor Holbert

mit seiner Tochter nach Prag. Er hatte sein Kind wieder ganz für sich

gewonnen.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Zwanzigstes Kapitel.

Die Alumnen des fürsterzbischöflichen Seminars in Prag waren aus den

Ferien wieder zurückgekehrt, und mit ihnen kam der Geist des Unfriedens

und der Gehässigkeit wieder in das große, finstere Jesuitengebäude

neben der St. Klemenskirche. Die nationalen Gegensätze hatten sich

indessen noch mehr zugespitzt unter dem Einflusse der deutschen Siege.

Wie eine seltsame Heldensage war die Geschichte des Tages von Sedan

und der Zusammenbruch der Kaiserherrlichkeit Napoleons III. durch die

Lande gegangen, und die Deutschen in Oesterreich vergaßen den seit 1866

in ihren Herzen noch immer nagenden Groll über dem stolzen Bewußtsein,

daß es die Waffen der Stammesbrüder waren, welche den alten welschen

Uebermut so tief demütigten und zuletzt auch Oesterreich eine Rache

schafften für das Jahr 1859 und seine Verluste. Die Tschechen aber

verbitterte das deutsche Kriegsglück nur noch mehr. Ihre Teilnahme

wandte sich in auffälliger, gehässig herausfordernder Weise den

Franzosen zu, sie suchten die Siege der Deutschen, die einmal nicht

ungeschehen zu machen waren, zu verkleinern, und wo sie die Gewalt

und das numerische Uebergewicht hatten, äußerte sich dies mitunter in

geradezu roher Weise.

Die Bewegung welche in der ganzen Stadt, ja wohl im ganzen Böhmerlande

bemerkbar war, zitterte auch im Seminar zu Prag nach. In den

gemeinsamen Schlafsälen der Alumnen, in den Gängen und Höfen fiel

manches scharfe Wort, das von nationaler Erbitterung redete, und für

die gegenseitige Anfeindung schienen alle Mittel recht.

Der Seminarist Vogel, der um seines ruhigen, ernsten Wesens willen

sich ein gewisses Ansehen erworben hatte, der aber auch sein deutsches

Bewußtsein niemals preisgab, sondern dasselbe gerade damals im Kreise

von Stammesgenossen entschieden betonte, galt als Hauptvertreter

des Deutschtums und erfreute sich deshalb des besonderen Hasses der

nationalen Gegner. Er kümmerte sich darum wenig, ging ruhig und ehrlich

seinen Weg weiter und vermied es in jeder Art, irgendwie die andere

Partei herauszufordern. Freilich konnte auch er das Dichterwort nicht

Lügen strafen:

Es kann der Beste nicht im Frieden leben,

Wenn es dem schlimmen Nachbar nicht gefällt --

und an einem Nachmittage sollte er die Wahrheit desselben ganz

besonders empfinden. Er war mit einigen Freunden nach Gewohnheit in

dem Hofe auf- und abgeschritten, und die aus Frankreich immer neu

eintreffenden Siegeskunden bildeten den naheliegenden Gesprächsstoff.

Es mochte sein, daß sie dabei etwas lebhafter wurden, ohne jede

herausfordernde Absicht, aber tschechische Alumnen, die sie schon lange

beobachteten, schienen doch eine solche zu wittern und fühlten sich

zweifellos durch den nationalen Gesprächsstoff verletzt. Sie mischten

sich darum -- diesmal sogar in deutscher Sprache -- in die Unterhaltung

und suchten hämisch die deutschen Siege zu verkleinern. Vogel fühlte

keine Neigung, sich in einen müßigen Streit einzulassen und bemühte

sich immer wieder, der Erregung die Spitze abzubrechen und das Gespräch

auf einen anderen Stoff hinüberzulenken. Dabei aber war er ganz und gar

nicht glücklich. Er war mit einem etwas gewagten Sprunge auf die neue

Glaubenslehre von der Unfehlbarkeit gekommen, sowie darauf, daß die

Gläubigen bereits zu Anfang September von den Kanzeln herab nicht bloß

die Verkündigung desselben, sondern auch die Forderung der Unterwerfung

unter dasselbe vorgetragen erhielten.

»Da hättet Ihr's wohl auch lieber gesehen, wenn die deutschen Bischöfe

einen Sieg über den heiligen Vater davongetragen hätten, anstatt daß

sie zu Kreuze gekrochen sind?« fragte höhnisch ein langer, hagerer

Mensch in mangelhaftem Deutsch.

»Das sind wohl nicht die ganz richtigen Ausdrücke,« bemerkte Vogel

ruhig -- »und was wir lieber gesehen hätten oder nicht, darauf kommt

es nicht an, aber was bisher geschehen ist, kann nicht der letzte

Abschnitt sein in der Geschichte dieses Glaubenssatzes.«

»Nein, der letzte wird sein, daß man Euch hinausjagt aus dem Seminar,

denn Ihr habt jetzt eure Köpfe so voll von deutschem Großmannsdünkel,

daß Ihr glaubt, Ihr braucht auch dem Papste nicht mehr zu gehorchen.«

»Man hat uns ebenso wie Euch gelehrt, daß man Gott mehr gehorchen müsse

als den Menschen!«

»Hört die deutsche Spitzfindigkeit! Als ob der Papst ein beliebiger

Mensch wäre!« rief einer, und ein anderer sagte:

»Wissen Sie denn, Vogel, daß Sie eigentlich mit Ihren Ansichten gar

nicht mehr in das Kleid passen, das Sie tragen?« und ein dritter fügte

bei:

»Und daß Sie sich von der Kirche füttern lassen, obgleich Sie ihr den

Gehorsam weigern? Sie sagen's ja offen, daß Sie die neue Glaubenslehre

nicht annehmen, so seien Sie doch auch so ehrlich und verlassen Sie das

Seminar!«

In Vogels Gesicht stieg eine Röte des Unwillens und des Zorns:

»Noch haben andere bessere Männer, die derselben Ansicht sind wie ich,

sich nicht bewogen gefühlt, darum das geistliche Gewand abzulegen -- --«

»Ah, Frohwalt!« schrie es.

»Nein, nicht nur Herr ~Dr.~ Frohwalt, auch Professor Meyer und ...«

Man ließ ihn nicht weiter reden:

»Meyer hat zur Unterwerfung aufgefordert und hat sich gefügt --

Frohwalt wird sich auch fügen ... Der ist ein deutscher Dickkopf ...

Dann wird er exkommuniziert ... Nicht schade um ihn ...«

So klang es erregt durcheinander, und die erbitterten jungen Leute

standen in einem dichten Knäuel zusammen, welchen Vogel mit einem Male

durchbrach mit dem Rufe:

»Platz da! Von meiner Ehrlichkeit sollt Ihr die Probe haben, und das

Recht, einen Deutschen einen Heuchler zu schimpfen, gebe ich Euch noch

lange nicht!«

[Illustration: Vogel rief: »Platz da! Von meiner deutschen Ehrlichkeit

sollt Ihr die Probe haben!« (S. 403.)]

Er eilte mit großen Schritten dem Hause zu. Hinter ihm schwirrte und

summte es her von Fragen und Rufen in beiden Sprachen, er kümmerte sich

nicht weiter darum, sondern ging jetzt die Treppen hinan, um Frohwalt

aufzusuchen.

Auch diesem schufen die Zeitverhältnisse Unruhe und Pein. Was

der Vetter Martin in Rom bereits vorausgesagt hatte, daß die

widerstrebenden Bischöfe sich zuletzt doch dem neuen Glaubenssatze, den

sie nach bestem Wissen und Gewissen bekämpft hatten, fügen würden, war

eingetroffen. Es war geradezu traurig, anzusehen, wie manch einer sich

drehte und wendete, um sich wegen seiner Nachgiebigkeit vor sich und

seinen Diözesanen zu entschuldigen. Nichts, auch nicht das Geringste,

war geschehen, was vom Standpunkte der Wissenschaft und der Moral

eine andere Auffassung der Unfehlbarkeit als vordem oder gar eine

Berechtigung derselben dargeboten hätte, und doch brachte der sonst so

tüchtige Rottenburger Bischof Hefele das Opfer seiner Ueberzeugung,

weil es ihm zu thun war »um die Einheit der Kirche«; der Bischof von

Trier verschanzte sich jetzt hinter den heiligen Geist, der in der

Frage des Glaubenssatzes zuletzt die Entscheidung und damit den Sieg

über menschliche Meinung und menschlichen Irrtum herbeigeführt habe,

der Erzbischof von München-Freising forderte von den gelehrten und

frömmsten Männern, deren Rat und Ansehen ihm bis dahin alles gegolten,

unbedingte Unterwerfung und drohte mit der Ausschließung aus der

Kirche, der Bischof von Mainz drehte und wendete sich in geschraubten

Redensarten, welche zwar die ganze innere Hilflosigkeit und Schwäche

bekundeten, aber doch darauf hinausliefen, daß man sich fügen müsse,

nachdem die Kirche gesprochen, und der Erzbischof von Prag, »der Führer

der Opposition« hatte von allen Kanzeln herab den neuen Glaubenssatz

verkünden lassen als ein von der ganzen Kirche geheiligtes Gesetz.

Durch die Seele Frohwalts ging ein bitterer, banger Zwiespalt. Sollte

er einfach dem Beispiele folgen, das von den Kirchenfürsten gegeben

war, und die Verantwortung dafür, daß er gegen sein Gewissen, seine

Erkenntnis und seine heiligste Ueberzeugung handle, auf sie abladen?

Das war wohl das Wohlfeilste und Naheliegendste, und tausend und

abertausend Priester würden es thun, wie es Professor Meyer und andere

bereits gethan hatten. Oder sollte er den Mut haben, die verderbliche

und bedenkliche Neuerung auch jetzt noch zu verwerfen, und damit auch

alle weiteren Folgen auf sich nehmen?

Bis jetzt hatte man ihm noch nicht zugemutet, sich klar und bündig

darüber zu äußern; man nahm wohl seitens seiner Vorgesetzten als

selbstverständlich an, daß er keinen weiteren Widerstand gegen

den Glaubenssatz ausübe, und vermied es geradezu, mit ihm darüber

zu sprechen, weil man ein solches Gespräch unter den obwaltenden

Verhältnissen als peinlich erkennen mußte. Er konnte also mit einem

entsprechenden geistigen Vorbehalt seine priesterlichen Pflichten

weiter üben, so lange man nicht von selbst ihn zwang, Farbe zu bekennen

und ihn nicht von denselben entband. Freilich war auch das nicht ganz

ehrlich. Sein Rechtsbewußtsein verlangte, daß er, zumal als Lehrer der

jungen Priesterschaft, auch unumwunden keine Täuschung darüber obwalten

lasse, wie er zu der neuen Lehre stehe, und wie er sie aus allen

Gründen, die bisher dagegen gesprochen, auch jetzt noch verwerfe. So

hatten es andere mutige Männer, wie der Stiftsprobst Döllinger und der

Professor Friedrich in München, die Professoren Reinkens, Reusch u. a.

gehalten, denen er seine Achtung nicht zu versagen vermochte.

Aber wenn man ihn exkommunizierte, aus der Kirche und aus seinem Amte

ausstieß, -- was dann? Was sollte er in der Welt beginnen? Welchen

Beruf ergreifen? -- Und wie würde das seine Mutter treffen! Das war

ihm der bängste, schmerzlichste Gedanke. Sollte er die Ruhe und das

Glück der alten Frau, das gerade in ihm und seiner Stellung begründet

war, so mit einem Schlage vernichten, und noch dazu jetzt, da bei

ihrer anhaltenden Kränklichkeit ihr Leben durch eine solche Thatsache

gefährdet werden konnte? Langsamen Schrittes, gesenkten Hauptes ging

er auf und nieder in seinem freundlichen Gemache -- da pochte es, und

gleich darauf trat der Alumnus Vogel ein.

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, wenn ich in einer ernsten Angelegenheit

Ihren Rat erbitte, aber ich weiß nicht, an wen ich mich mit mehr

Vertrauen wenden möchte,« begann der junge Mann, sobald er den ihm

angebotenen Sitz eingenommen hatte.

»Sie wissen, daß ich Ihnen gern in jeder Weise behilflich bin,«

erwiderte Frohwalt schlicht und herzlich, aber nicht ohne eine leise

Befangenheit, denn ihn überkam eine Ahnung dessen, was sein junger

Landsmann wollte.

»Ich darf Ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen, und will mich

kurz fassen. Es betrifft den Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit. Wir

sind gelehrt worden, daß er den alten Satzungen der Kirche zuwider,

gegen Ueberlieferung, Kirchengeschichte und Kirchenrecht sei, und das

hat gegolten bis vor wenigen Wochen. Seitdem ist er aber als Lehre

der Kirche offen hingestellt und die Katholiken sind zur Anerkennung

aufgefordert worden. Es widerstrebt jedoch meinem innersten Wesen,

etwas, was bis vor kurzem als unrecht angesehen wurde, heute, ohne daß

ich über die Gründe Klarheit gewinnen kann, auf einmal wie durch einen

Gewaltakt als Recht hingestellt zu sehen, und so wollte ich Sie bitten,

mir zu sagen, ob ich ein Unrecht begehe, wenn ich die Anerkennung

verweigere?«

Frohwalt senkte seinen Blick vor dem klaren Auge des jungen Mannes, der

mit dieser Frage an seine eigene Seele klopfte, und er fand nicht im

Augenblicke die Antwort; eine kleine Pause trat ein, ehe er erwiderte:

»Mein junger Freund, Sie wenden sich in einer Angelegenheit an mich,

die nicht nur Ihr Gemüt bewegt, sondern deren Beantwortung ich mir

selbst bereits vorgelegt habe. Was jetzt in der Kirche geschieht, ist

wohl geeignet, die Herzen zu verwirren, und ich weiß nicht, ob es nicht

richtig wäre, erst noch eine gewisse Klärung abzuwarten, denn es will

mir dünken, als ob das letzte Wort in dieser Sache noch immer nicht

gesprochen sei.«

»Sie meinen, Herr Doktor, daß ein Teil der Kirchenfürsten ihre frühere

Anschauung wieder aufnehmen und vertreten könnte?«

Frohwalt geriet in Verlegenheit.

»Das meine ich nicht, lieber Vogel. Die Bischöfe haben sich einhellig

unterworfen, daran ist nicht zu zweifeln, aber der Widerstand, welcher

von ganz hervorragenden Theologen und hochangesehenen christlichen

Laien erhoben wird, ist etwas, worüber man doch nicht zur Tagesordnung

ohne weiteres übergehen kann. Es ist kaum glaublich, daß man so kurzer

Hand mit der Ausschließung gegen sie vorgehen wird.«

»Man wird ihnen vielleicht eine gewisse Bedenkzeit geben und dann

wird man auch vor dem letzten Schritte nicht zurückschrecken. Doch

darum handelt es sich für mich nicht. Ich möchte wissen, wie ich mich

zu verhalten habe. Ich bin ja nur ein bescheidenes Glied der Kirche,

und meine Meinung und mein Thun wiegt in der Allgemeinheit nichts,

aber ich möchte nicht vor mir selber erröten müssen, ich möchte mich

selbst achten können, und darum bitte ich Sie inständig: Sagen Sie mir

aufrichtig, ob Sie mit Ihrem christlichen Sinn, mit Ihrem Rechtsgefühl

im Stande sind, sich der Forderung Roms zu unterwerfen?«

Frohwalt that einen tiefen Atemzug. Hier galt es die erste Probe

seines Mutes, und er war sich klar darüber, dieselbe würde Folgen

haben müssen. Hier half auch kein Versteckenspielen und Ausweichen,

der Alumnus vor ihm, der ihm sein Herz seit langer Zeit erschlossen,

hatte das Recht auf eine gerade, ehrliche Antwort, und so antwortete er

bestimmt und fest:

»Nein!«

»Dann erlauben Sie mir nur noch eine Frage. Sie sind Priester, haben

die heiligen Weihen, und da Sie auf dem Boden der letzteren stehen, auf

Grund deren Sie Ihre unvertilgbare Würde erhalten haben, so dürfen Sie

abwarten, was man Ihnen thun werde, und darin liegt wohl mehr Mut, als

mancher vielleicht glauben mag. Ich soll diese Weihe erst erhalten mit

der Verpflichtung auf die neue Glaubenslehre und es hängt von mir ab,

ob ich als ein Heuchler das Priesteramt übernehme oder vorher ehrlich

erkläre, daß meine katholische Ueberzeugung mich die neue Lehre nicht

anerkennen läßt. Würden Sie -- o verzeihen Sie mir die seltsame Frage

-- wenn Sie Alumnus und an meiner Stelle wären, dies Gewand noch weiter

tragen?«

Frohwalt fühlte, wie eine heiße Röte ihm in die Wangen stieg; er

empfand den unausgesprochenen Vorwurf, der in den Worten des Jünglings

lag, die ihm geradezu den Weg zu zeigen schienen, den auch er gehen

mußte, wenn er ehrlich sein wollte, aber Vogel sah ihn an, bang an

seinem Munde hängend, und so sprach er mit gedämpfter Stimme:

»Ich würde es nicht mehr tragen!«

»Ich danke Ihnen, Herr Doktor! Ihr Wort soll mir gelten, und ich gehe

von hier zum Herrn Seminardirektor, um ihm meinen Austritt anzuzeigen.

Es thut mir leid um meine guten Eltern, die gern einen Priester aus mir

gemacht hätten, aber sie sind einsichtsvoll genug, um mir keinen Zwang

anzuthun. Ich danke Ihnen!«

»Gehen Sie mit Gott, Vogel -- Sie sind ein tüchtiger, ehrlicher

Mensch, und der Himmel wird Sie nicht verlassen. Bewahren Sie mir ein

freundliches Gedenken!«

»Für immer!« sagte der junge Mann herzlich, und drückte warm die ihm

gebotene Hand, und wenige Augenblicke später war Frohwalt allein,

erregter und unruhiger als zuvor. Gab es denn für ihn noch etwas

anderes, als der Jüngling gethan? War es für ihn nicht Pflicht,

gleichviel ob man ihn darum fragte oder nicht, zu erklären, daß sein

Gewissen ihm nicht gestatte, sich der willkürlich geschaffenen Neuerung

zu unterwerfen? War er denn nicht bereits ausgeschlossen, auch wenn es

nicht geradezu ausgesprochen war? Hatte er denn noch ein Recht, die

Messe zu lesen, die Sünden zu vergeben und die andern Sakramente zu

spenden?

Der Seminarist war zu ihm gekommen, um vertrauensvoll sich seinen

Rat zu erbitten, und er war für sich selbst so ratlos, so bange und

unschlüssig. An wen sollte er sich wenden in seiner Bedrängnis? Von den

angesehenen Priestern und den Lehrern der Hochschule gab es, nachdem

auch Meyer sich willig gefügt hatte, keinen, der ihm nicht den Rat

gegeben haben würde, sich der Forderung der Kirche zu unterwerfen ...

dann hatte man ja Ruhe und konnte auf Ehre und Anerkennung rechnen und

sich im schlimmsten Falle, wenn das Gewissen sich rührte, beruhigen

mit dem Worte der Schrift, daß Gehorsam besser sei als Opfer. Nur

eine Persönlichkeit tauchte noch vor seiner Seele auf, die stark und

vorurteilslos genug schien, auf jede Gefahr hin den Weg der eigenen

Ueberzeugung zu wandeln und auch einem andern Gleichgesinnten als

Stütze dienen zu können, und diese war Professor Holbert.

Zu ihm beschloß Frohwalt am nächsten Morgen zu gehen, und dieser

Gedanke gab ihm einigermaßen Ruhe und Fassung wieder. In dieser

Stimmung fiel ihm seit langem einmal das »Laienbrevier« in die Hände,

und er blätterte darin, ohne Bestimmtes zu suchen, und ließ seine Augen

da und dort über einzelne Abschnitte schweifen, bis sie an der Stelle

haften blieben:

Nimm Thorheit nicht für Weisheit an, _nicht Trug

Für Wahrheit_! Nie begnüge Dich, o Mensch,

Wo und wie lange Dir noch eins gebricht;

_Frei, kühn tritt auf_ und ford're stark das Gute!

Es war ihm, als höre er den Vetter Martin reden, so schlicht und

bündig, treuherzig und gerade. Ja, der Alte, der ihm das Büchlein von

Leopold Schefer einst gegeben, war wohl ein Geistesverwandter des alten

Dichters und hatte damals gewußt, was er that. Er wollte mit diesem

Werkchen immer unsichtbar bei Peter Frohwalt sein, ihn seinen Geist

fühlen lassen, und ihm ein Mahn- und Warnwort in ernster, bewegter

Stunde durch den Mund seines Lieblingspoeten zurufen. Ja, wenn er den

Vetter Martin um Rat fragte, so würde der ihn vielleicht an jene Stunde

in Rom erinnern, da Frohwalt mit einem gewissen Selbstbewußtsein das

Wort Martin Luthers vom Wormser Reichstage gesprochen hatte. Jetzt

gelte es, auch dafür einzustehen, wenn er sich nicht vor dem braven

Alten schämen wollte.

Mit dem Gedanken an diesen begab er sich zur Ruhe und schlief tief und

gut bis an den Morgen.

Als er am Vormittage nach der Zeltnergasse kam zu Professor Holbert,

empfing ihn Therese im Trauergewande, aber freundlich und herzlich.

Sie bedauerte, daß er ihren Vater nicht anträfe, welcher vor einer

Stunde bereits zu Seiner Eminenz dem Cardinal-Erzbischof beschieden

worden sei, und bat Frohwalt, zu warten, da er bald zurückkehren

müsse. Dieser blieb, und so saß er wieder einmal in dem freundlichen

Salon, wo er damals mit Stahl, Severin und Haller zusammengewesen, und

er mußte die Gedanken, welche ihn erfaßten, gewaltsam zurückdrängen.

Mit keiner Silbe wurde des Unseligen gedacht, um so mehr aber sprach

Therese von Frohwalts Mutter und Schwester, die ihr beide so lieb und

wert geworden waren, sowie von seinem Schwager, dem Uhrmacher Freidank,

dessen biederes, schlichtes und bescheidenes Wesen ihr in freundlicher

Erinnerung war, und sie berichtete von ihm manchen kleinen Zug aus

seiner Häuslichkeit und von seinem wahrhaft religiösen Wesen, daß es

Frohwalt beinahe mit leiser Beschämung empfand, daß diese Fremde mehr

und Besseres von seinen eigenen Verwandten wußte, als er selbst.

Indessen befand sich Holbert bei dem Cardinal Schwarzenberg. Dieser

hatte den angesehenen Gelehrten mit jener vornehmen Freundlichkeit

empfangen, die ihn im gesellschaftlichen Umgange auszeichnete, und das

ganze Beisammensein hatte nicht den Charakter einer Audienz, sondern

den eines ungezwungenen Gedankenaustausches, bei welchem der Professor

bald genug die herrschende Stellung gewann.

Die beiden Männer befanden sich im Arbeitszimmer des Kirchenfürsten und

saßen sich hier gegenüber. Das sonst so klare Auge des Cardinals war

heute einigermaßen unruhig, und die Finger der feinen Hand spielten

nervös auf der Lehne seines Sessels. Es war ihm ein gewisses Unbehagen

anzumerken angesichts des bevorstehenden Gesprächs. Er hatte nach der

Begrüßung sofort begonnen:

»Sie vermuten wohl, Herr Professor, weshalb ich Sie zu mir bitten ließ.«

Holbert verneigte sich stumm.

»Ich habe zu meinem aufrichtigen Bedauern vernommen, daß Sie, auch

nachdem der Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit von der Kirche allgemein

angenommen worden ist, den Kampf gegen denselben fortsetzen.«

»Eminenz, ich thue nur, wozu mich meine katholische Ueberzeugung und

meine Pflicht als Lehrer des Kirchenrechts nötigen.«

»Ich meine, die höchste Pflicht ist jene gegen die Kirche; sie hat

entschieden, wir Katholiken haben zu gehorchen.«

»Verzeihung, Eminenz, aber es gab noch vor kurzem eine Zeit, da

deutsche Kirchenfürsten ihre höchste Pflicht darin fanden, eine

unbillige und gefährliche Neuerung zu bekämpfen, und seitdem hat sich

nichts in der Begründung der neuen Lehre, wohl aber manches in den

Anschauungen der geistlichen Oberhäupter geändert.«

Die Wangen des Cardinals röteten sich, und eine Sekunde lang senkte

er den Blick vor dem durchdringend klaren Auge, welches ernst auf ihm

ruhte; seine Stimme klang leiser, verschleiert, als er sagte:

»Was ich gethan habe, dafür bin ich nur Gott und Seiner Heiligkeit

Rechenschaft schuldig, und da will ich's verantworten.«

»Ich meine doch auch Ihren Diözesanen, Eminenz, die in Verwirrung sind

durch den Zwiespalt der früheren und der heutigen Anschauung.«

»Sie verkennen die Verhältnisse, Herr Professor. Meine und der meisten

meiner Amtsbrüder Widerstand galt nicht dem neuen Glaubenssatze;

als wir uns darüber äußerten und aus Klugheitsgründen die

Unfehlbarkeitslehre bekämpften, traten wir nicht gegen die Kirche

auf, sondern gegen eine zunächst nur als Meinung hingestellte Sache.

Heute ist das anders. Der heilige Geist hat in der Schlußkongregation

entschieden, die Unfehlbarkeit ist Glaubenssatz geworden, und ich und

andere Kirchenfürsten haben gegen die fertige Lehre kein Recht mehr

anzukämpfen.«

Ein beinahe schmerzliches Lächeln umzog den Mund Holberts:

»Wollen Eure Eminenz mir huldvollst gestatten, daß ich unumwunden und

ehrlich mich äußern darf?«

Der Cardinal nickte und lehnte sich schweigend tiefer in seinen Sessel;

der Professor aber sprach:

»Ich will nicht daran erinnern, daß nach der Abstimmung vom 13.

Juli, in welcher die Mehrheit der in Rom versammelten Kirchenfürsten

den neuen Glaubenssatz bereits als solchen angenommen hatte und der

Meinungsaustausch darüber zu Ende war, eine große Zahl von deutschen

und österreichischen Konzilsvätern, wie die hochwürdigsten Erzbischöfe

und Bischöfe Ketteler, Krementz, Hefele, Rauscher, Fürstenberg,

Förster, Deinlein und auch Eure Eminenz selbst die offizielle

Erklärung dem römischen Stuhl gaben, daß sie nach wie vor Gegner

der Unfehlbarkeit bleiben müßten, weil sie keinen Grund zu finden

vermöchten, der ihnen eine andere Ueberzeugung beibringen könnte -- ich

gestatte mir, nur daran zu gemahnen, daß auch nach dem 18. Juli noch

ein Teil der deutschen Kirchenfürsten und Theologen den Glaubenssatz

verwarfen, dessen Zustandekommen auch vom kirchenrechtlichen

Standpunkte schwer anfechtbar erscheint; ich gestatte mir, daran zu

erinnern, wie einer der gelehrtesten und geistvollsten Kirchenväter,

der hochwürdigste Bischof von Rottenburg, wiederholt in Briefen nach

dem 18. Juli den neuen Glaubenssatz verurteilt hat, wie, abgesehen

von anderen auch Eure Eminenz bei allen wahrhaft gesinnungstüchtigen

Katholiken den Glauben zunächst noch fortleben ließen, daß in Ihrer

Diözese keine verderbliche und verwerfliche Neuerung, der Sie in

innerster Seele selbst nicht zuzustimmen vermögen, verkündet werden

würde. Da kam die Reihe der Enttäuschungen, und sie waren bei

einzelnen Kirchenfürsten ganz besonders hart. Der Erzbischof von

München-Freising, welcher sich über Einzelheiten der neuen Konstitution

bei seiner Rückkehr aus Rom erst von dem gelehrten Stiftspropst

Döllinger unterweisen lassen mußte, hat denselben Döllinger seither aus

der Kirche ausgeschlossen, und der Erzbischof von Köln vermochte den

gelehrten und glaubensfesten Theologen von Bonn zu sagen: ›Wenn der

Papst und ich übereinkommen, können Sie gar nichts einwenden, Sie sind

dann nicht verantwortlich.‹ Das Herz blutet mir und tausend anderen,

Eminenz, wenn wir die fadenscheinigen und unhaltbaren Beweggründe

hören, mit denen eine Anzahl Kirchenfürsten ihre Ueberzeugung nicht

bloß aufgeben, sondern die Gemüter der ihrer Obhut anvertrauten

Christen zu vergewaltigen bemüht sind. Und daß Eure Eminenz nun

gleichfalls der erkannten und so lange tapfer verteidigten Wahrheit

untreu werden, das ist für mich das Allerbitterste. Verzeihung, wenn

mir das Herz mit dem Munde durchgeht! Was aus mir redet, ist die

Verehrung vor dem Kirchenfürsten, der mir allezeit besonders hoch

und wert gegolten, ist die Treue und die Liebe, mit welcher ich an

meinem alten katholischen Bekenntnis hänge, ist der Schmerz, der mich

erfüllt, wenn ich das Beste und Edelste ins Wanken kommen sehe. Es ist

soweit gekommen, daß unsere obersten Hirten nicht mehr den Mut haben,

ihren eigentlichen Glauben zu bekennen, und das wird mit Notwendigkeit

dazu führen, daß Religion und Kirchenherrschaft zuletzt als Eines

angesehen werden. Und wenn das am grünen Holze geschieht, was soll am

dürren werden? Woher soll die Priesterschaft den Mut gewinnen, fest zu

bleiben in der Meinung, die man vordem ihnen als die einzig richtige

hingestellt hat und die nun mit einem Male falsch sein soll? Unrecht

kann nicht im Handumdrehen zum Rechte werden durch ein einfaches

Machtwort. Das hieße, eine Art Faustrecht in der Kirche aufstellen,

welches freilich die Schwachen erdrücken, der Sache der Kirche aber

nichts nützen würde. Es ist ganz sicher, daß tausende von Priestern

jetzt einfach sich ducken, teils weil sie denken, daß es zwecklos ist,

wenn der Einzelne, der Untergebene, Widerstand leistet, teils, weil

sie nicht wissen, was aus ihnen werden soll, wenn sie eventuell vom

Amte entsetzt oder aus der Kirche ausgeschlossen werden: Es ist für

sie eine Brotfrage. O wenn nur eine Anzahl Bischöfe den Mut besäße,

auch jetzt noch in dem berechtigten Widerstande zu verharren, es wäre

nicht möglich, daß Millionen Christen einfach von Rom aus vergewaltigt

würden. Und darum ist meine schlichte, ehrliche Meinung, daß auch Eure

Eminenz nicht bloß das Recht hätten, gegen den neuen Glaubenssatz

anzukämpfen -- sondern noch etwas mehr!«

Cardinal Schwarzenberg hatte mehrmals tiefer geatmet bei den kühnen

Worten, und hatte ab und zu die blitzenden Augen, das von warmer

Empfindung gerötete Antlitz des Professors gestreift; jetzt, da dieser

schwieg und ihn erwartungsvoll ansah, sprach er:

»Ich habe Sie ruhig sprechen lassen, und gebe Ihnen gern zu, daß Sie

mir manche bittere Wahrheit gesagt haben. Ich kann mich auch nicht

darauf einlassen, mit Ihnen darüber zu verhandeln, ich kann nur sagen,

daß ich an die bedenklichen Folgen, welche der Glaubenssatz Ihrer

Meinung nach haben soll, nicht glauben kann. Es wird in der Kirche

nicht anders werden als bisher, nur das Ansehen des Stellvertreters

Christi auf Erden hat gewonnen, und das kann uns nicht schaden.«

»Verzeihung, Eminenz, wenn ich auch darüber mich noch zu hören bitte.

Ich habe die Erklärung der einzelnen Kapitel der neuen Konstitution bei

mir. Gestatten mir Eure Eminenz gnädigst, betreff des dritten Kapitels

den Passus zu zitieren.« -- Holbert suchte rasch in dem Hefte, das er

aus der Brusttasche zog und las:

»Wer daher sagt, der römische Papst habe lediglich das Amt

der Aufsicht oder Führung, nicht aber die volle und höchste

Jurisdiktionsgewalt über die ganze Kirche, nicht nur in Sachen des

Glaubens und der Sitten, sondern auch in Sachen, welche die Disziplin

und die Regierung der über die ganze Erde verbreiteten Kirche

betreffen; oder derselbe besitze nur den bedeutenderen Anteil, nicht

die ganze Fülle dieser höchsten Gewalt; oder diese seine Gewalt sei

keine ordentliche und unmittelbare, sei es nicht über alle und jegliche

Kirchen, oder über alle und jegliche Hirten und Gläubigen: der sei im

Banne!«

»Nun, Eminenz -- das ist doch klar und deutlich gesprochen und heißt,

der Papst hat die volle und höchste Gewalt in Glauben, Sitten,

Disziplin und Kirchenverwaltung. Und diese Gewalt wird bezeichnet als

eine ~ordinaria et immediata~, eine regelmäßige und unmittelbare, und

demnach ist der Papst überhaupt der _alleinige Bischof der gesamten

Kirche_. Ich bitte Euer Eminenz, die Tragweite dieses Gedankens zu

erwägen. Was ist dadurch der einzelne Bischof oder Erzbischof mehr

oder anderes als eine Puppe, die am Draht bewegt wird, wenn der Papst

in jeder Diözese, zu jeder Stunde, nach freiem Belieben Pfarreien

und Präbenden geben und nehmen, die Diözesangrenzen nach Willkür

verschieben, die Diözesanvorschriften nach Gutdünken verändern, den

Bischof selbst nach Belieben des Amtes entsetzen, das Kirchenvermögen

zu seinen persönlichen Zwecken verwenden und vieles andere thun kann,

was die schlimmsten Folgen nach sich ziehen könnte? Wir sind so weit

gekommen, daß wir nicht mehr in der Lage sein sollen, unsere Bischöfe

als vom heiligen Geiste eingesetzt ansehen zu können, da sie nur

noch Geschäftsträger und Vikare des Papstes sind, der ihm mißliebige

Personen beseitigen und sie ohne weiteres durch gefügige und unter

Umständen selbst verworfene Persönlichkeiten ersetzen kann ...«

»Sie malen zu schwarz; so weit wird es nicht kommen, Herr Professor,«

rief der Kirchenfürst erregt, Holbert aber entgegnete:

»Vielleicht nicht so bald, aber die Kirchengeschichte weiß von sehr

verschiedenartigen Stellvertretern Christi zu erzählen, und Gott gnade

der Kirche, wenn unter der Herrschaft des neuen Glaubenssatzes ein

Papst die dreifache Krone trüge, dem es beikäme, in unwürdiger Weise

seine Gewalt zu mißbrauchen.«

»Wir leben nicht mehr im Mittelalter, Herr Professor ... und darum

kann ich mich noch nicht überzeugen, daß der Schaden, welcher durch

gehorsame Annahme der neuen Glaubenslehre möglicherweise erwüchse,

größer wäre, als jener, der bestimmt einträte, wenn wir in dem

Widerstande verharrten.«

»Und welcher Schaden ist das, wenn ich mir die unterthänige Frage

gestatten darf, Eminenz?«

»Daß wir zu einer Kirchenspaltung kommen müßten.«

»Und meinen Eminenz, daß eine solche überhaupt zu vermeiden ist?

-- Ich glaube, sie hat sich bereits vollzogen und wird bald noch

schärfer zu Tage treten. Eine Anzahl geistig hervorragender und durch

Festigkeit und Gläubigkeit ausgezeichneter Katholiken sind sich völlig

klar darüber, daß die Kirche, welche diese ~constitutio dogmatica de

Ecclesia Christi~ annimmt, nicht mehr die katholische Kirche ist,

welche vor dem 18. Juli und seit 1800 Jahren bestand, und diese neue

katholische Kirche ist verkörpert in dem römischen Bischof.«

»Wie« -- fuhr der Kirchenfürst beinahe entsetzt auf -- »demnach halten

Sie uns, mich und die Bischöfe, welche den Glaubenssatz annehmen, für

Abtrünnige?«

»Ich kann nicht anders, Eminenz, denn wer zu der _römisch-päpstlichen_

Kirche sich zählt, die seit dem 18. Juli über dem Satze der

Unfehlbarkeit errichtet ist, gehört nicht mehr zu der _alten

katholischen, apostolischen_ Kirche.«

Der Cardinal war aufgestanden und stand mit erbleichten Wangen vor dem

kühnen Manne, der ihn fest ansah; dann sprach er mit leise bebender

Stimme:

»Ich will dies Wort nicht gehört haben ... ich müßte die Ausschließung

über Sie verhängen -- und das sollte mir leid thun.«

Holberts Wimper zuckte nicht, als er dem Kirchenfürsten ruhig

entgegnete:

»Ich möchte mit dem Marquis Posa, dem Philipp II. mit seinem

Ketzergericht drohte, fragen: ›Wirklich? Sollt' es das?‹ -- Ich muß es

Eurer Eminenz überlassen, zu thun, was Sie für Ihre Pflicht ansehen,

ich aber werde unter allen Umständen den Weg meiner Ueberzeugung gehen.

Was mich einzig leitet, ist die Wahrheit und das Recht, sowie das

Bewußtsein, daß nicht _ich_ es bin, der seinen Glauben gewechselt hat.«

Den Kirchenfürsten schien eine Rührung zu übermannen:

»Wenn Sie wenigstens diese Anschauungen verschließen wollten in Ihrer

Seele ... ich könnte ...«

»Eminenz, das ist Ihr Ernst nicht, daß Sie meinen, ich könnte ein

Heuchler sein! Ich werde mein Amt niederlegen an dieser Hochschule,

aber ich werde mich nicht mundtot machen lassen, wo es die beste,

heiligste Sache gilt. Ich bitte, mich zu entlassen, Eminenz ... ich

vermöchte sonst vielleicht nicht mehr meine Ruhe zu bewahren ...«

Der Cardinal winkte schweigend mit der Hand, und hochaufgerichtet

verließ der Professor nach ehrerbietigem Gruße das Gemach.

Als er nach seiner Wohnung zurückkehrte -- er hatte sich vom Hradschin

herab eines Wagens bedient -- leuchtete sein Gesicht wie von innerer

Freudigkeit, und so trat er Frohwalt entgegen.

»Wollen Sie mir noch Ihre Hand geben? Ich bin so gut wie aus der Kirche

ausgeschlossen,« sagte er ruhig.

Der junge Priester lächelte schmerzlich, aber er streckte seine Rechte

aus und drückte jene des anderen fest und herzlich.

»Ich glaube, ich habe Sie verstanden, lieber Freund!« sprach Holbert

mild, »und wenn ich recht ahne, führt Sie dasselbe zu mir, was mich

veranlaßt hat, vor den Cardinal zu treten. Kommen Sie! Liebes Kind, Du

läßt uns wohl allein!«

Therese war bereits im Begriffe gewesen, sich zu entfernen; sie empfahl

sich nun mit Herzlichkeit, und gleich darauf saßen die beiden Männer

vertraulich Seite an Seite. Und nun öffnete Frohwalt dem Professor

sein ganzes Herz, den Einblick in den bittern Kampf, welchen er

kämpfte zwischen der Ueberzeugung und der Forderung des Gehorsams

gegen die Kirche; er verhehlte ihm nicht die Zweifel, die ihm noch

manchmal kamen, ob es nicht doch ein Unrecht sei, in dem Widerstande

zu verharren, wenn alle Kirchenfürsten sich beugten, und verschwieg

auch nicht die Besorgnis, was mit ihm werden solle, wenn er vom Amte

enthoben würde.

Holbert hatte ihn ruhig aussprechen lassen. Als er schwieg, sah er ihm

mit milder Freundlichkeit ins Gesicht und sprach:

»Ich habe diese Stunde kommen sehen, mein lieber Freund, weil ich seit

langem Sie als eine im innersten Kerne tüchtige und wahre Natur kenne

und schätze, und ich bin überzeugt, daß Sie auch ohne mich den einzig

wahren Weg in diesem Wirrsal finden und ihn gehen würden. Was gegen

den neuen Glaubenssatz gesprochen hat und heute noch ebenso dagegen

spricht, wissen Sie so gut wie ich. Daß sich aber unsere Kirchenfürsten

und Theologen jetzt schweigend unterwerfen, ist kein Beispiel, das zur

Nachahmung verpflichtet. Im Gegenteil, wenn Tausende feige werden,

gewinnt der Mut des Einzelnen erst an Wert und Gewicht. Der neue

Glaubenssatz stellt die ausschließliche, rücksichtslose Herrschaft des

Papstes über Fürsten und Völker als eine Lehre der Kirche hin. Das kann

kein wahrer Katholik, das kann überhaupt kein vernünftig und klar

Denkender annehmen; wer aber diese Lehre vom 18. Juli als Glaubenssatz

äußerlich annimmt und glaubt, oder gar, wer sie bloß äußerlich annimmt

und nicht glaubt, der verliert allen Anspruch auf die Achtung der

andern, sowie auf seine Selbstachtung, denn er belügt sich und andere

und ist ein Heuchler. So und nicht anders liegt die Sache, und zum

Heuchler haben Sie so wenig das Zeug wie ich. Darum thun Sie mit Gott,

was Ihrem Wesen entspricht, und geben Sie der Wahrheit die Ehre;

was daraus folgt, das überlassen Sie dem Himmel, er wird Sie nicht

verlassen, und bei Ihren Kenntnissen und Ihrem Charakter brauchen Sie

nicht um die Zukunft bange zu sein.«

Wiederum drückte Frohwalt warm und innig die Hand des andern:

»Ich danke Ihnen herzlich, Herr Professor, für Ihre Anerkennung

meines Wesens und Charakters, sowie für Ihre freundschaftlichen Worte

überhaupt, und Sie dürfen überzeugt sein, daß ich nichts thun werde,

dessen ich mich vor Ihnen und vor mir selbst schämen müßte. Doch

gestatten Sie mir noch eine Frage: Wie denken Sie sich das Verhältnis

derer, die um ihres Mutes willen hinausgedrängt werden aus der Kirche?«

»Eigentlich ist diese Ausdrucksweise nicht die richtige, denn wir,

Sie, ich und alle, die gleich uns denken, stehen auf dem alten,

einzig wahren Boden der Kirche, aus welcher alle jene sich selbst

ausscheiden, die diese Neuerung als Glaubenssatz annehmen. Und was

mit uns geschehen soll? Nun, wir Katholiken, welche der alten,

staatsrechtlich anerkannten katholischen Kirche treu bleiben und an ihr

festhalten wollen, wir werden den Staat angehen um seinen Schutz und

ihn um Durchführung unserer im Staatsgesetze von selbst anerkannten

kirchlichen Rechte bitten. Es handelt sich doch nur darum, daß wir

alten, echten Katholiken in unserem Rechte als katholische Priester

und Laien nach der anerkannten Lehre und Verfassung der Katholiken

leben zu können, geschützt werden; wir bitten um Schutz für die

treuen Priester und Pfarrer, die etwa durch Vergewaltigung vertrieben

worden sind, um Schutz für die Vornahme aller kirchlichen Akte durch

dieselben, welche nach den Gesetzen staatliche Bedeutung haben,

wie Taufe, Eheschließung und Begräbnis, um Schutz für öffentliche

Religionsübung und für Religionsunterricht in der bisher anerkannten

Lehre und Aehnliches.«

»Und meinen Sie, daß der Staat darauf eingehen werde?«

»Das glaube ich allerdings, und wenn man auch in Oesterreich, dem Hort

des Katholizismus, anfänglich vielleicht Schwierigkeiten macht, so wird

in Deutschland der Boden für das gute Alte zuerst bereitet werden und

Oesterreich wird sich demselben nicht verschließen können.«

»Das würde allerdings zu einer Spaltung führen von Alt- und

Neukatholizismus.«

»Das wird es, und die Spaltung ist bereits da, aber die Altkatholiken

haben sich dabei keine Schuld zuzumessen.«

Frohwalt erhob sich, ihn erfaßte mit einmal eine ganz besondere

Erregung.

»Wie es sich auch gestalte, ich bleibe bei der erkannten Wahrheit, und

werde nicht länger auch nur den Schein fortleben lassen, als beugte

ich mich, oder als fehlte mir der Mut des wahren Bekenntnisses. Ihrer

Freundschaft halte ich mich versichert.«

»Für alle Zeit!« entgegnete Holbert warm, und mit einem innigen

Händedrucke schieden die beiden Männer.

Raschen Schrittes ging Frohwalt durch die Straßen nach dem Seminar;

er wollte auch keine Stunde länger zögern und unmittelbar zu seinem

Vorgesetzten, dem Direktor, sich begeben, um ihm mitzuteilen, daß es

gegen sein Gewissen sei, die neue Lehre anzuerkennen und daß er bereit

sei, alle Folgen dafür zu tragen.

Der Himmel aber schien ihm seinen Schritt noch erleichtern zu wollen.

Um seine Mutter war ihm dabei besonders leid gewesen, die für das,

was in ihm vorging, kein volles Verständnis würde gewinnen können,

und die, nur nach dem Aeußern urteilend, entsetzt sein würde über

eine Ausschließung des Sohnes aus der nach ihrer schlichten Meinung

alleinseligmachenden römischen Kirchengemeinschaft. Das sollte der

alten Frau erspart bleiben.

Unter dem Thore des Klementinums traf Frohwalt den Telegraphenboten,

der ihm eine Depesche überreichte. Er erbrach sie hastig und las:

»Mutter sehr schwach. Komme so bald als möglich.

_Marie._«

Da war keine Zeit, um anderes zu erörtern. Wohl ging er zu dem

Seminardirektor, aber nur, um sich einen sofortigen Urlaub zu erbitten,

und noch in der Nacht traf er in der Heimat ein.

Das kleine Städtchen lag in tiefem Schlummer, als er mit dem Wagen,

den er auf der letzten Station gemietet, durch das alte Thor einfuhr.

Mit der Hast der geängstigten Liebe betrat er das freundliche, traute

Heimatshaus, zu dessen Fenster ein müder Lichtglanz herausschimmerte.

Er wußte, daß hinter jenen Scheiben die alte Frau lag, die sich wohl

zum letzten Male nach dem Sohne sehnte, und sein Herz schlug ihm mit

einmal bange zum Zerspringen.

Er trat ein in das Stübchen und der Lichtschimmer zeigte ihm die

Gesichter des Uhrmachers Freidank und seines Weibes, die rechts und

links von dem Lager saßen, auf welchem Frau Frohwalt gebettet lag.

Die Kranke hatte in all ihrer Schwäche, in ihrer halben Bewußtlosigkeit

doch das Rollen des Wagens gehört und versucht, sich zu erheben.

Aber die Schwäche übermannte sie, so daß sie mit geschlossenen Augen

zurücksank, doch mit einem Lächeln um die Lippen. Mit wenigen

Schritten war der Sohn bei dem Bette der Mutter, und als ob die alte

Frau seine Nähe empfände, öffnete sie wieder die Augen, weit und hell,

und mit aufflackernder Kraft streckte sie dem Geliebten die Arme

entgegen.

Frohwalt aber war niedergesunken an dem Lager und küßte die welken,

erkaltenden Hände, die seinen Lippen sich entzogen und sich jetzt

liebkosend auf sein Haupt legten; der Mund der Kranken aber flüsterte:

»Gott sei Dank, daß ich Dich noch einmal sehe, nun sterb' ich gerne.

Du wirst für mich beten ... ich geh' zum Vater. Und habe Marie lieb

und Freidank -- -- er hat mich gepflegt und gehalten, wie ein Sohn ...

hörst Du, Peter?«

Dieser erhob sich und streckte seinem Schwager die Arme entgegen, und

stumm hielten sich die beiden Männer umschlungen, während Marie mit

gefalteten Händen daneben stand, und die Augen der Kranken seltsam hell

glänzten.

»Dank -- Dank!« flüsterte sie wieder -- »und nun ... schlafen ...

schlafen ...«

Frohwalt zog rasch auch die Schwester an sein Herz und küßte sie, dann

aber setzte er sich an das Lager der alten Frau und hielt ihre Rechte

in seinen Händen. Und so schlief sie, ruhig lächelnd, immer leiser

atmend, bis mit dem Morgen kein Hauch mehr die Brust hob.

Als der erste Sonnenstrahl in das Fenster fiel, standen die Drei um

die bleiche Tote her, und Frohwalt betete in ergreifender Andacht

ein Vaterunser, und machte über die erkaltende Stirn das Zeichen des

Kreuzes. Die geweihte Kerze, welche angezündet worden war, wurde

verlöscht, und der junge Priester sagte:

»Freidank, meine Mutter hat Sie ihren Sohn genannt ... lassen Sie uns

Brüder sein! Ich weiß, daß ich an Ihnen gut zu machen habe!«

Der Uhrmacher hatte trotz der Trauer Augen, die von innerem Glück

leuchteten; er zog sein leise weinendes Weib an sich und sprach:

»Nein, wir sind nicht schlechte Menschen, und unser Glaube ist auch ein

guter Glaube. Darum hoffen wir auch, einmal mit der lieben Toten hier

wieder vereint zu werden.«

»Das hoffe ich auch,« sagte Frohwalt ... »und nun laßt uns eine Stunde

ruhen, ehe wir an die weiteren Pflichten für unsere Mutter denken.«

Drei Tage später wurde die alte Frau begraben unter allgemeiner

Beteiligung des ganzen Städtchens. Hinter dem Sarge ging zwischen

dem Gatten und dem Bruder Marie, unmittelbar hinter dem Pfarrer,

~P.~ Ignaz; der sah finster und mürrisch drein, und als auf dem

Gottesacker auch die beiden evangelischen Leidtragenden ihre Schaufel

Erde hinunterrollen ließen auf den schlichten Sarg, war es ihm, als

müsse er sie hinwegstoßen von der geweihten Scholle, aber das ernste

Auge Frohwalts, das auf ihm ruhte, schien ihn einzuschüchtern: Seit

der Beerdigung Hallers hatte er nicht mehr völlig jene Energie des

Fanatismus wie vorher.

Als am andern Morgen die Seelenmessen für die Verstorbene in der

Kirche gelesen wurden, hatten sich auf Veranlassung Frohwalts Freidank

und seine Frau wiederum eingefunden, aber sie saßen ganz hinten im

Halbdunkel unter dem Chor und beteten dort still für das Seelenheil

der Heimgegangenen, während Frohwalt selbst mit dem trauerfarbigen

Meßgewande angethan am Hauptaltare den Totengottesdienst abhielt. Die

Messe, welche er für seine Mutter darbrachte, sollte die letzte sein,

welche er in seinem Leben las, und andachtsvoller hatte er wohl auch

selten eine celebriert.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Einundzwanzigstes Kapitel.

Der Frühling des Jahres 1871 war gekommen. Das gewaltige Kriegsspiel

in Frankreich hatte sein Ende erreicht, mit Blut und Eisen

war die Einigung Deutschlands vollzogen und die alte deutsche

Kaiserherrlichkeit wieder erneut worden. Ueber tausend Heldengräbern im

welschen Land grünte und blühte es, und wie ein echter Friedensherold

zog der junge Lenz durch die Welt. Auch in dem kleinen Landstädtchen in

Böhmen hatte er seinen Einzug gehalten und hatte die Bäume in Vetter

Martins Garten mit seiner ganzen blühenden Herrlichkeit überschüttet.

Darunter ging an einem besonders schönen Morgen der alte Herr langsam

auf und nieder: Der Wandertrieb begann sich zu regen, und in seiner

Seele erwog er verschiedene Pläne. Er wäre schon lange wieder in der

weiten Welt gewesen, wenn er nicht um Peter Frohwalts willen daheim

geblieben wäre, denn der junge Priester befand sich seit etwa einem

halben Jahre in seiner Vaterstadt, ohne zunächst noch recht zu wissen,

was mit ihm werden solle.

Er hatte seinem Gewissen gemäß sogleich nach dem Tode der Mutter seine

Stellung zu dem neuen Glaubenssatze ehrlich vor seinen Vorgesetzten

ausgesprochen, die sich vergebens bemühten, ihn zur Annahme der

päpstlichen Unfehlbarkeit zu bewegen. Aber man liebte und achtete ihn,

vielleicht gerade wegen seines ehrlichen Mutes, und wollte nicht mit

den strengsten Mitteln gegen ihn vorgehen; darum ward er von seinem

Amte und allen priesterlichen Thätigkeiten vorübergehend enthoben und

ihm eine halbjährige Frist gestellt, nach deren Ablauf er erklären

solle, ob er geneigt sei, sich zu unterwerfen.

Er wollte und konnte diese Zeit nicht in Prag zubringen, und darum

begab er sich nach der Heimat, obwohl er wußte, daß der kleinliche

Klatsch sich hier an seine Fersen heften und daß vor allem Pater Ignaz

alles thun werde, um ihn in hämischer Weise zu verunglimpfen. Aber das

konnte ihn nicht anfechten. Er hatte die beste Stütze in seinem guten

Bewußtsein und eine andere, ganz vortreffliche in dem Vetter Martin,

der sein ganzes Verhalten in dieser Sache völlig billigte und in

gewisser Hinsicht sein Schicksal teilte, indem er sich auch als einen

nicht mehr vollgültigen Katholiken ansah.

Frohwalt wohnte im elterlichen Hause, welches von Freidank, der sein

kleines Besitztum veräußert hatte, bezogen worden war, und da er auf

jeden Anteil an dem väterlichen Erbe zu gunsten der Schwester und

ihres Kindes verzichtet hatte, ließen es sich der Uhrmacher und seine

Frau nicht nehmen, ihn auf das Beste zu pflegen. So hatte er jetzt im

täglichen Verkehr erst recht Gelegenheit, das ganze prächtige Wesen,

die schlichte Herzlichkeit und die wahre Frömmigkeit seines Schwagers

zu beobachten. Er sah unmittelbar vor sich das Bild einer anmutigen,

auf den schönsten sittlichen Grundlagen ruhenden Häuslichkeit, mit

welcher ganz sichtbarlich auch der Segen des Himmels verbunden war,

und manchmal wollte es ihn beinahe wie Rührung erfassen, wenn er Zeuge

war, wie Freidank und seine Schwester ihre Kinder beten lehrten für

Tote und Lebende, auch für ihn. Er dachte beinahe nicht mehr daran, daß

es »Evangelische« waren, mit denen er verkehrte, und aus deren kleinem

Kreise ein schöner Hauch echten und duldsamen Christentums ihn anwehte:

Nein, eine kirchliche Lehre, die solche Bekenner hat, ist keine

ketzerische, gotteslästerliche und verwerfliche -- das war ihm völlig

klar.

Um nicht müßig zu sein, beschäftigte er sich mit historischen und

kirchenrechtlichen Studien, schrieb Aufsätze für verschiedene

angesehene Blätter, die ihn mit ihrem Honorar in den Stand setzten,

nicht ausschließlich auf Kosten seiner Verwandten leben zu müssen, und

beschäftigte sich auch mit einem größeren wissenschaftlichen Werke,

wobei ihn Professor Holbert in eingehender Weise unterstützte.

Außer mit Vetter Martin verkehrte er sonst beinahe mit niemandem

im Städtchen; bei diesem aber sprach er täglich ein Stündchen

wenigstens vor, oder machte wohl auch ab und zu mit ihm einen längeren

Spaziergang, und eben, weil der Alte wußte, was er ihm just in dieser

Zeit war, hatte er sein Wandergelüst unterdrückt, aber Sonnenschein und

Frühlingsluft, blauer Himmel und blühende Welt hatten es ihm einmal

angethan und zogen ihn auch jetzt mächtiger als je ins Weite.

Er schob seine Mütze bald hinaus aus der Stirn, bald zog er sie herein,

er schnupperte förmlich nach der Lenzesluft und that immer wieder ein

paar tiefere Atemzüge ... da kam der Postbote an den Gartenzaun und

reichte einen Brief herüber. Martin kannte die Handschrift, er war von

Heinrich Quandt; darum öffnete er das Schreiben mit Behagen und las:

»Alter lieber Freund und Wandervogel!

Da sitze ich seit drei Tagen mit Fritzel auf meinem oder

richtiger meiner Schwiegereltern Landsitz und freue mich an

den Blüten, die der Frühling auch im Erzgebirge hervorgelockt

hat, und denke mir, wie hübsch es wäre, Sie einmal hier zu

haben auf ein paar Tage. Wir haben seit Rom nicht viel von

einander gehört, was aber nur beweist, daß wir alle beide

saumselige Briefschreiber sind, im Herzen aber haben wir uns

wohl gegenseitig bewahrt -- ich wenigstens kann für meinen

Teil gutstehen. Wandern müssen Sie doch einmal, wie ich Sie

kenne, also holen Sie frisch den Knotenstock und brechen Sie

auf ins Erzgebirge -- so schön und blütenfrisch bekommen sie's

nicht gleich wieder zu sehen. Und noch eins will ich Ihnen

verraten. Hier in Ehrenberg sitzt noch einer, der vor Sehnsucht

nach seinem Vetter Martin bald vergeht -- das ist unser Held

Stahl. Der arme Teufel hat -- wie Ihnen ja bekannt ist -- stark

Blut lassen müssen fürs liebe Vaterland. Der linke Arm liegt

noch in der Binde und wird wohl nicht mehr ganz dienstfähig

werden, aber die Wunde, die ihm der Granatsplitter in die Brust

gerissen, ist ziemlich verheilt. Er selbst ist frisch und

lebenslustig, und Fritzel, die den lieben Genesenden eigentlich

hierhergelockt hat, geht mit ihm um, daß ich auf den Ritter des

eisernen Kreuzes -- und das ist er, wie Sie vielleicht nicht

wissen -- mitunter beinahe eifersüchtig werde. Was macht Herr

~Dr.~ Frohwalt? -- -- Es waren doch hübsche Tage damals in Rom,

und wir sähen ihn fürs Leben gern auch einmal wieder. Wenn Sie

Gelegenheit haben, grüßen Sie ihn herzlich von uns. Aber daß

ich das Interessanteste nicht vergesse. Denken Sie, der gute

Prälat Parelli hat in seinem Testamente seine Schützlinge nicht

vergessen, und vor kurzem ist auf dem gehörigen Instanzenwege

die Nachricht eingetroffen, daß er sowohl Sisto als Hans Stahl

je 5000 Scudi (d. i. 20000 Mark) zu ihrer künstlerischen

Ausbildung übermacht habe. Er hat doch ein prächtiges Herz

gehabt, dieser Monsignore. Hans Stahls weitere Künstlerlaufbahn

war zwar durch die Versöhnung mit seinem Vater gesichert,

aber der Zuschuß ist nicht zu verachten, und für Sisto soll

er nutzbringend bis zu seiner Großjährigkeit angelegt werden.

Der Junge macht übrigens wunderbare Fortschritte und seinen

»Eltern« große Freude. Am liebsten hätte ihn Fritzel mit

hier -- aber das geht denn doch nicht, er darf nicht so ohne

weiteres von seinem Meister weggenommen werden, bei dem er

trefflich aufgehoben ist. Der Junge spricht schon ein ganz

niedliches Deutsch und wächst sich, wie ich mit Vaterstolz

sagen kann, zu einem wahren Adonis aus, der den Dresdner

Mädchen einmal gefährlich werden kann.

Doch genug! Vieles andere mündlich -- denn daß Sie nun doch

kommen, zumal ich Stahl gern mit Ihnen überraschen möchte,

nehme ich fest und entschieden an. Also auf Wiedersehen in

Ehrenberg! Mit vielen Grüßen auch von Fritzel

Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben · 第 19 / 21 题