wissen nicht, wie viel ich mit Ihnen verliere. Ich habe meine schönsten
Stunden in Rom bei Ihnen verlebt, das vergesse ich Ihnen nicht ...«
»Der Himmel hat uns hoffentlich nicht das letzte Mal zusammengeführt,«
sprach Friederike herzlich und Quandt fiel ein:
»Und wir wollen uns nicht heute schon das Herz schwer machen! Wir
sehen uns noch hier, und Dresden liegt doch auch nicht auf dem Monde
oder irgend einem unerreichbaren Planeten. Aber jetzt wollen wir uns
gemütlich zusammensetzen ...«
Als sie saßen, berichtete Frohwalt, weshalb er eigentlich kam. Parelli,
der nun ganz allein stehe, denn die Signora habe sein Haus verlassen,
sehne sich nach Sisto und wünsche, ihn wieder bei sich zu haben.
Daß die Zukunft des Knaben damit für alle Zeit gesichert wäre, sei
selbstverständlich, und angesichts ihrer bevorstehenden Abreise sei es
ihnen vielleicht lieb, denselben wieder in guten Händen zu wissen ...
»Aber haben Sie denn gemeint, daß wir ihn hier lassen wollten?« fragte
Friederike beinahe bestürzt, und überrascht sah sie den Priester an.
»Ja, mein Fritzel hat sich eingebildet, der Himmel hätte ihr den
Bengel extra zur Belohnung ihrer guten Sitten und ihres braven Herzens
beschert, und ich fürchte sehr, daß wir dem Prälaten den Besitz Sistos
streitig machen. Aber es handelt sich in erster Reihe um diesen selber,
und wenn er auch nicht mündig ist, so hat er doch das Recht der freien
Entschließung.«
Quandt stand auf, und rief in dem Atelier nach dem Knaben, und in
wenigen Augenblicken erschien er.
»Er hat Herrn Stahl Gesellschaft geleistet, der an seinem Gesichte
seinen ersten Porträtversuch macht ... komm her, Sisto!«
Der Junge trat nahe zu dem Maler, der ihn zwischen seine Kniee zog,
und, indem er ihm mit einer gewissen Bewegung in das frische Gesicht
schaute, sprach:
»Denke Dir, mein lieber Sisto, Monsignore Parelli will Dich wieder in
sein Haus haben --«
»Die Signora ist fort für immer,« -- fügte Frohwalt ein, und die Augen
des Knaben leuchteten auf.
»O, sie ist fort -- da ist alles gut!« sagte er.
»Und Du willst also zu ihm zurückkehren?« fragte Quandt.
Da flog ein Schatten über die Züge des Jungen, und er senkte schweigend
den Kopf.
Da sprach Frau Friederike:
»Macht ihm nicht bange! Er soll nicht denken, daß er zu dem Prälaten
zurückkehren muß, weil wir etwa ihn nicht mehr haben wollten. Ach,
warum ich mich nun nicht besser italienisch ausdrücken kann! -- Jetzt,
Heinrich, sag' Du's ihm klar und vernünftig, daß er unser Kind sein
und bleiben soll, wenn's ihm bei uns gefällt und daß wir ihn mit in die
Heimat nehmen und adoptieren, und ...«
Die junge Frau war lebhaft geworden und saß mit geröteten Wangen da,
indes Sisto ihr die glänzenden Augen voll zuwendete. Quandt sah sie
lächelnd an:
»Na, ja, ja, Kind -- laß mich nur machen! -- Also, mein Junge, wir
müssen jetzt bald in unsere Heimat -- das ist weit weg, und die Leute
reden dort eine andere Sprache und alles sieht ein wenig anders aus,
und im Winter schneit's und friert's, und es wachsen keine Citronen und
Orangen ...«
»Aber Heinrich ...«
»So sei doch ruhig, Fritzel, der Junge muß doch erst die Schattenseiten
kennen! -- Aber, mein lieber Sisto, es giebt auch gute Menschen dort,
wie der geistliche Herr da, meine Frau und ich, und wenn Du nicht
wieder zu Monsignore willst, und uns lieber hast, so sollst Du bei uns
bleiben, und ich will Dein Vater sein -- --«
»Und ich Deine Mutter, Sisto -- willst Du?«
Da rang es sich wie ein Jauchzen und Schluchzen zugleich aus der Brust
des Knaben, und er warf sich mit ausgebreiteten Armen an das Herz der
jungen Frau.
»Na seht Ihr, wie ich mit meinem bischen Italienisch die Sache klar
bekommen habe. Sisto, Junge -- komm her, ich will auch meine Hälfte
haben von Dir!« rief der Maler, und nachdem er seinem Liebesbedürfnis
Genüge gethan, suchte er seine Rührung unter Scherzworten zu verbergen.
Er führte den Knaben wieder seiner Frau zu und sagte:
»Hier übergebe ich ihn Dir in aller Form Rechtens, und hoffe, daß Du
ihn zu meiner Freude erziehen wirst; und nun laß einmal sehen, wie
Dir die Mutterrolle zu Gesicht steht! -- Was? Sehr gut! Nicht, Herr
Doktor? -- Sie sind Zeuge der Adoption und können dem guten Prälaten
mitteilen, daß wir als echtes und rechtes Ehepaar einen Jungen viel
besser brauchen können, als ein Cölibatär, und katholisch soll er auch
bleiben: die Söhne folgen der Religion des Vaters.«
Frohwalt stand in tiefer Ergriffenheit; er kam sich im Grunde
recht überflüssig vor bei dieser Familienszene, und doch konnte er
nicht gehen. Es ging ihm in wenig Augenblicken vieles durch den
Sinn. Wie hätte er sich noch vor nicht langer Zeit entsetzt und
für das Seelenheil des Knaben gebangt bei dem Gedanken, daß ein
protestantisches Weib ihn wie ihr eigenes Kind halten und erziehen
würde ... und heute war ihm das so selbstverständlich, und er wußte und
fühlte es gut, daß Sisto nirgends besser aufgehoben sein könne. Aus den
beiden Menschen, die hier um den fremden Knaben sich bemühten, sprach
eine solche Fülle echter Liebe, daß er selbst mächtig davon erfaßt
wurde, zumal diese Liebe so ungesucht und unmittelbar aus dem Herzen
kam.
»O, Ihr lieben, guten Menschen!« sprach er vor Rührung übermannt, und
mehr vermochte er nicht hervorzubringen, aber mit überströmenden Augen
reichte er dem Maler und seiner Frau die Hand.
Heinrich Quandt verzog sein gutmütiges Gesicht in die seltsamsten
und wunderlichsten Falten, so daß man nicht im Klaren war, ob er
im nächsten Augenblicke auflachen oder aufschluchzen werde; er riß
fast gewaltsam seine Hand aus der des Priesters und eilte nach dem
Atelier, um Hans Stahl herbeizuholen. Als er mit dem jungen Lausitzer
eintrat, der ziemlich verblüfft dreinschaute, rief er: »Hans, lassen
Sie in diesem feierlichen Augenblicke Pinsel und Palette, und bilden
Sie sich etwas darauf ein, daß Sie der Erste sind, welchem Heinrich
Quandt und Frau hierdurch die ergebene Mitteilung machen, daß ihnen
Gott am heutigen Tage einen gesunden, kräftigen Jungen geschenkt hat.
Da steht er: Sisto Quandt-Brenta! Klingt famos. Und nun, Fritzel, sieh
einmal zu, ob Du von unserer Gastfreundin etwas anständig Trinkbares
auftreiben kannst.«
Hans Stahl war der Mensch, der sich in die Sachlage fand, und als der
Falerner auf dem Tische stand, brachte er den ersten Toast aus auf den
»Neugeborenen«, in welchem der gute alte Studentenhumor wieder zum
Durchbruch kam.
Und mit seinen Worten fanden auch die anderen sich wieder in eine
ruhige Stimmung, aber Quandt sagte:
»Hans, Sie sind ein prächtiges Individuum, und verdienten gleich als
Zwilling mitadoptiert zu werden. Hei, da kommt mir ein prächtiger
Gedanke! Lieber Doktor Frohwalt, wie wär's, wenn wir hier den Prälaten
als Adoptivvater gewinnen könnten! Das wäre ja gleich ein Ersatz für
Sisto. Ich habe zwar unsern Hans meinem Freunde und Berufsgenossen
Paolo Grotti hier auf die Seele gebunden, und bei ihm kann er etwas
lernen in Colorit und Pinselführung -- 's ist auch ein prächtiger
Mensch im übrigen -- aber wenn Monsignore Parelli noch seine Huld
unserm Landsmanne zuwendete ... hören Sie, Frohwalt, ich glaube, Sie
finden ihn in der Laune, reden Sie mal ein Wort mit ihm! Er soll sich
ansehen, was Hans Stahl leistet, und wenn ihn nicht schon Sistos Kopf,
der jetzt von der Leinwand heruntersieht, besticht, so könnt Ihr mich
einen Sudler nennen!«
Frohwalt versprach, in diesem Sinne zu handeln, und Hans Stahl fühlte
sich angesichts einer sorglosen Zukunft in heiterster Stimmung.
Als der junge Priester fortging -- Sisto hatte ihm die Hand geküßt und
den Prälaten um Verzeihung bitten lassen, daß er nicht zu ihm komme
-- war es draußen wieder Sonnenschein geworden, und Sonnenschein lag
auch in seiner Seele. Vor ihm wurde angesichts der in dem kleinen Hause
waltenden Liebe ein Wort lebendig aus dem »Laienbrevier«, das ihn zwar
nicht nach Rom begleitet hatte, mit dem er aber -- oft gegen seine
Absicht -- immer vertrauter geworden war wie mit einem lieben Freunde.
»Was Du dem andern thust, das thust Du Dir.
Denn er ist -- Du! Wir sind von einem Geiste,
Wie überall das Licht vom Licht. Wir sind
Von einem Leib, von einem Teig wie Brote.
Du thust das Gute Dir zu gut ...«
So war es und so muß es sein! Alles Gute, das wir thun, kommt uns zu
gut, und erfüllt unser Herz mit Freudigkeit. Und diese Freudigkeit
empfand Frohwalt noch, als er am Nachmittage nach dem Hause des
Prälaten ging. Erst als er die breiten Treppen hinanstieg, überkam ihn
ein leises Schmerzgefühl bei dem Gedanken, daß er dem einsamen Manne in
seinem großen, prächtigen Hause den Knaben, an dem seine Seele hing,
nicht mitbringe.
Als er Parelli von der Szene im Hause Quandts erzählte, senkte dieser
die Stirn und sagte leise:
»Ich hab's gewußt! -- Auch das ist eine Sühne.«
Nun berichtete der junge Priester aber von dem andern Schützling des
deutschen Malers, und das Auge des Prälaten begann freundlich zu
leuchten.
»Ich danke Ihnen für diese Mitteilung, und seien Sie überzeugt, daß ich
auch darin einen Fingerzeig des Himmels sehe. Ich komme morgen zu Herrn
Quandt!«
Er verabschiedete sich herzlich von Frohwalt.
Er hielt Wort. Am nächsten Vormittage erschien er bei dem deutschen
Maler. Beim Eintritt in das Atelier sah er mit einem Blick Sisto, wie
er leibte und lebte, und sein Gesicht, das noch ein zweites Mal von der
Leinwand wie aus einem Spiegel herschaute. Als ihn der Knabe erblickte,
sprang er auf und eilte auf ihn zu. Stürmisch griff er nach den Händen
Parellis, küßte sie und stammelte dazu beinahe leidenschaftlich:
»O Verzeihung, Verzeihung, Monsignore -- ich kann nicht anders!«
Der Prälat legte leise seine Rechte auf das dunkellockige Haupt und
sprach begütigend:
»Beruhige Dich, mein Sisto! Ich bin Dir nicht böse -- Gott segne Dich!«
Dann begrüßte er Quandt:
»Ich wünsche Ihnen und Ihrem Frauchen Glück zu dem braven, prächtigen
Sohne, und wenn Sie mich als einen Seitenverwandten desselben gelten
lassen wollten, würde ich mich freuen. Das ist Herr Stahl?«
Hans hatte sich erhoben, und Parelli trat an seine Staffelei. Das Bild
Sistos zeigte lebensvolle Frische, und an dem Talente des jungen Malers
konnte kein Zweifel sein. Der Prälat schien sich ganz in die Züge des
Knaben zu vertiefen, und über sein Gesicht huschte dabei ein Schatten
der Wehmut. Es war ganz still in dem Raume, und Stahl hielt den Atem
an, bis jener sich umwandte und freundlich sagte:
[Illustration: »Das Bild müssen Sie mir überlassen!« sagte Parelli zu
dem jungen Maler. (S. 337.)]
»Dies Bild müssen Sie mir überlassen! Sie selbst aber bitte ich,
während der Zeit Ihres Aufenthalts in Rom mein Gast zu sein -- ich
hoffe, Sie gehen nicht eher, bis aus dem Jünger ein Meister geworden
ist.«
Stahl, welcher des Italienischen beinahe garnicht mächtig war, fand
keine Worte, aber seine Hand zitterte vor Erregung, als er sie in die
dargebotene Rechte des Prälaten legte.
»Das walte Gott!« sagte leise der Maler, indem er seinen Arm um Sistos
Hals schlang und den Jungen an sich zog.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Achtzehntes Kapitel.
Die Uhren der ewigen Stadt verkündeten die achte Morgenstunde. Rom
begann langsam sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, und ob es
auch, zumal in den größern und glänzenden Straßen, in den Häusern der
vornehmen Viertel noch recht still war, der Pulsschlag der Großstadt
wurde doch überall vernehmlich. Auf den Plätzen sammelt sich müßiges
Campagnolenvolk, um zu warten, ob man es zu irgend einer Arbeit
dingen werde. Es sind prächtige Gestalten unter diesen lungernden
Bauern, die in ihren verschlissenen, zerfetzten aber bunten Anzügen
da und dort lehnen, gelangweilt in die Welt hinein schauen, oder in
kleinen Gruppen auf dem Erdboden liegen, und mit leidenschaftlicher
Erregung das geliebte Morra spielen. Kleine Wagen mit den täglichen
Lebensbedürfnissen und den Erzeugnissen des Gartenbaus rollen langsam
daher, und ihre Besitzer lassen ihre gewohnten eintönigen Rufe
erschallen, welche zum Kaufen einladen sollen, während ihre Lasttiere
dazwischen schreien, als wollten sie ihr Vergnügen über den neuen
Morgen ausdrücken, vielleicht auch ihre Klage über die neue Plackerei.
Die niedlichen Blumenverkäuferinnen richten ihre Verkaufsstände her,
zumal in den Fremdenquartieren, und auf der Treppe, die nach dem
spanischen Platze herabführt, haben sich zahlreiche Modelle eingefunden
und warten auf die Künstler, die sich hier ein Stelldichein geben.
Auf der Piazza di Spagna selbst wird es lebendiger. Auch die vornehmen
Hôtels und die prächtigen Paläste öffnen die schlaftrunkenen
Augen, goldglitzernde Wagen fahren da und dort vor und warten, mit
den reichgallonierten Dienern auf dem Bocke, und die bummelnden
Campagnolen, das fahrende Volk und alle, die es bemerken, wissen, daß
heute Konzilssitzung ist, und daß diese prächtigen Karossen einige
besonders vornehme und reiche Väter nach der Peterskirche fahren werden.
Das Schauspiel ist nicht mehr neu und deshalb die Neugier keine
besonders brennende. Endlich erscheint da und dort in einem Portale
eine Gestalt in rot- oder violettseidenem Talar -- je nachdem es
sich um einen Cardinal oder Bischof handelt -- und neben ihr oder
hinterdrein kommt ein geistlicher Begleiter ... und bald darauf rasselt
der Wagen, dessen Radspeichen im Morgensonnenschein aufblitzen, die
vornehme Via dei Condotti entlang nach der Engelsbrücke zu.
Hier ist es belebter. Von fünf Straßen rollen sie aus dem Innern der
Tiberstadt heran, die Wagen mit den Vätern des Konzils. Da kommen
von der Richtung des Palazzo Borghese her die Mietswagen der minder
begüterten Herren, die in ihren violetten Talaren im Fond lehnen,
die breitrandigen Hüte auf den Häuptern und blinkende Kreuze auf der
Brust, und langsamer trotten dazwischen die gewöhnlichen Droschken, die
~vetture pubbliche~, in welchen zwei, wohl auch drei der geistlichen
Oberhirten Platz genommen haben, und die Leute schließen aus der
Verschiedenheit der Gefährte auf Bedeutung und Vermögen der Herren.
In den Droschken sitzen zumeist die aus dem fernen Osten gekommenen
Bischöfe, die mit voller Gleichgültigkeit und unentwegter Würde auf
den Gesichtern, die bald von tiefschwarzen, bald von schneeweißen,
wallenden Bärten umrahmt sind, auf die Leute herabsehen, ab und zu ihre
Dose hervorziehen, sie dem Nachbar reichen, und dann mit nachlässigem
Behagen das duftende Labsal zur Nase führen.
Langsam fahren die Wagen, nur zwei, höchstens drei neben einander, über
die Engelsbrücke hinüber nach dem vatikanischen Rom, und auf dem St.
Petersplatze finden sich alle zusammen. Die Sonne Roms beleuchtet hier
ein großartig schönes Bild. Vor der gewaltigsten aller Kirchen, deren
einzig schöne Kuppel, das mächtigste herrlichste Denkmal des großen
Michelangelo, in den tiefblauen Aether hinaufragt, breiten sich die
Säulenhallen Berninis aus, und in den drei bedeckten Gängen, welche
von den prächtigen Travertinsäulen gebildet werden, lustwandeln noch
einzelne Konzilsväter. Rechts und links von dem Obelisken, den Sixtus
V. aufstellen ließ, und der schon manche wunderlichen Dinge an sich
vorübergehen sah, steigen glitzernde Wasserstrahlen und fallen tönend
und klingend in die schönen achteckigen Schalen zurück.
Und daß neben dem Großen das Kleine, neben dem Heiligen das Weltliche
nicht fehle, haben auf dem Petersplatze erfinderische Köpfe Trinkhallen
errichtet, aus welchen ein köstlicher Kaffeeduft hervordringt, während
Tabakhändler in kleinen Buden ihre trefflichen Waren anpreisen.
Sie kennen die frommen Herren aus dem Oriente und haben ihnen ihre
Bedürfnisse abgelauscht. Und diese Söhne einer fremden Sonne nehmen es
nicht genau mit den Forderungen der üblichen Sitte und sind sinnlichen
Lockungen, soweit sie nicht unerlaubt sind, nicht unzugänglich.
Da stehen Bischöfe aus Syrien, Armenien, Bulgarien in dem kleinen
Laden und schlürfen ihre Tasse Mokka formlos und ungezwungen, und
um den Tabakshändler finden sich Maroniten, Chaldäer und andere
ein, prüfen die Waren, und versorgen sich damit, um während der
Konzilsverhandlungen eine Herzstärkung und dann daheim eine Tröstung zu
haben für die entbehrten Genüsse der orientalischen Heimat.
Die abendländischen Kirchenfürsten sind ihrer Würde sich mehr bewußt.
Sie wandeln noch einige Zeit mit ernster Würde in den Säulenhallen
hin und her, und wie beim Turmbau zu Babel vermag man auch hier alle
Sprachen zu vernehmen. Im elegantesten Französisch unterhalten sich
einige Herren mit geistvollen, bartlosen Gesichtern, von anderer
Seite mischt sich mit dem wohlklingenden Neugriechisch das steife,
breite Englisch, und neben dem vokalreichen Spanisch erklingen die
konsonantenreichen slavischen Idiome. Und wenn sich all das Fremde
unter einander verständlich machen will, dann wird auch die alte
Sprache wieder lebendig, die einst an den Tiberufern erklang ...
und doch wiederum nicht dieselbe Sprache, denn wenn ein alter Römer
vom Capitol herüber oder von der Moles Hadriani herankäme, er würde
entsetzt sein über das, was sich mitunter hier als Latein ausgiebt.
Die Zeit für den Beginn der Sitzung ist gekommen.
Ueber die schöne Traventin-Freitreppe flutet langsam der
seidenglänzende Strom hinauf und hinein in jene herrliche Vorhalle,
deren großartige Perspektive und prachtvolle Deckenornamentik würdig
auf das Gotteshaus selbst vorbereiten; aber von den Konzilsvätern
kümmert sich keiner mehr um diesen Anblick; ihre Gemüter sind zumal
heute mächtig erregt in der Vorahnung, daß es eine bewegte Sitzung
geben werde. Um den streitbaren Bischof Stroßmayr geschart kommen die
österreichischen und deutschen Bischöfe, und manches blitzende Auge
eines italienischen Kirchenfürsten betrachtet den kühnen kroatischen
Prälaten mit unverhohlener Gehässigkeit. Wenn er nicht wäre, könnte man
viel rascher zum Ziele kommen.
In dem gewaltigsten Dome der Christenheit fehlt es niemals an
Andächtigen, sowie an Neugierigen. Auch heute sind sie zahlreich hier
und lassen den geistlichen Hofstaat des Papstes an sich vorübergehen.
Da wo unter der Riesenkuppel, die in wundersamer, ergreifender
Großartigkeit, ein herrliches Pantheon, in der Luft zu schweben
scheint, sich der Hauptaltar mit dem unförmigen Tabernakel Berninis
erhebt, hat sich die Menge am zahlreichsten eingefunden. Hier ist
das Heiligste im Heiligen, das Grab des ersten »Statthalters Christi
auf Erden,« vor welchem der Lichtglanz von 89 vergoldeten Lampen die
»Konfession« von Carlo Maderno Tag und Nacht beleuchtet. Hier ist
überall der matte Glanz des Marmors untermischt mit dem helleren
Blinken des Metalls und mit dem kunstvollen Schmuck alter Mosaike.
Und wie die Kirchenfürsten hier langsam, ehrwürdig und würdevoll
herankommen, da geht ein Fragen und ein Raunen durch den Kreis der
Neugierigen und der Frommen, und die Namen der Kardinäle und Bischöfe
laufen von Mund zu Mund. Diese selbst aber wenden sich nach rechts, wo
in einem Querschiff der Versammlungsraum für das Konzil in einer weder
besonders bequemen, noch hervorragend schönen Weise hergerichtet worden
ist. Eine zu dem besonderen Zweck errichtete große hölzerne Pforte
schließt den Konzilssaal ab gegen die Kirche. Die Holzwand ist mit
einem Marmormuster angestrichen worden, auf welchem die Himmelskönigin
gemalt ist, zu deren beiden Seiten die Apostelfürsten niederschauen
auf die Vertreter der kirchlichen Rangordnung, wie sie jetzt an
den wachehaltenden Schweizern, die ihre Hellebarden präsentieren,
vorüberschreiten.
Enger drängen sich vor dem Eingang die Neugierigen heran, um zu sehen,
wie da drin sich die kreisrund sich erhebenden, grüngepolsterten Sitze
allmählich füllen, bis auch die letzten der Kirchenväter eingetreten
sind. Dann wird die Pforte geschlossen, und die ernsten, stattlichen
Gestalten der Schweizer drängen die Horcher noch um einige Schritte
zurück, damit die Christenheit auch nicht das geringste vernähme von
dem, was hier innen zu ihrem Heile verhandelt wird.
Tief und volltönig erklang nun der Gesang eines lateinischen Hymnus,
dann folgten Gebete und dazwischen der Ton des Glöckleins, der den
Außenstehenden verkündete, daß der Meßgottesdienst in der geschlossenen
Halle fortschreite, und sobald das Zeichen erscholl, daß sich eben
jetzt in den Händen des zelebrierenden Bischofs das Wunder der
Verwandlung vollzog, sanken die Gläubigen auch diesseits der hölzernen
Thüre auf die Kniee nieder und flehten den Beistand des heiligen
Geistes an für die Beratungen der frommen Väter.
Und an diesem Tage hätte derselbe besonders Veranlassung gehabt, in der
Mitte des Konzils zu sein.
Die Falle, von welcher Felice vor Parelli gesprochen hatte, sollte
aufgestellt werden. Von der Rednertribüne herab eiferte ein Kardinal
über die Verderblichkeit des Protestantismus. Das Gewand des
Kirchenfürsten schillerte in hellem Purpur, aber sein Gesicht nicht
minder. Was er vortrug, war ein wohlgesetztes Machwerk, das von einer
Kommission ausgearbeitet war und den Stempel jenes Geistes trug, in
welchem der Jesuit Felice sich geäußert hatte.
Mit fanatisch leuchtenden Augen saßen die einen, mit würdevoller
Gleichgültigkeit nickten die Häupter der andern Zustimmung, nur
auf den Sitzen des deutschen, österreichischen, französischen und
amerikanischen Episkopats rückten einige unruhig hin und her; man
sah auf Dupanloup, den geistvollen französischen Erzbischof, der mit
großen, klaren Augen nach dem Vortragenden schaute, und bei dem nur
ein leiser Zug der Bitterkeit um den feinen Mund den Unmut verriet,
den er empfand. In das frischgerötete, edle Gesicht des Cardinals
Schwarzenberg war eine noch lebhaftere Färbung gestiegen. Ernst,
beinahe finster, sah der Erzbischof von München-Freising drein und
wechselte einen verständnisvollen Blick mit seinem landsmännischen
Amts- und Gesinnungsgenossen, dem Bischof von Augsburg, die
meisten Blicke aber richteten sich auf Bischof Stroßmayr, dessen
scharfgeprägte Züge von verhaltenem Kampfesmute zeugten und dessen
Hände sich unruhig bewegten, als vermöge er sich kaum zu beherrschen.
Sobald der vortragende Cardinal geendet, sah man ihn sich erheben,
und gleich darauf klang seine Stimme laut und vernehmlich, so daß sie
hinausscholl bis in die Kirche selbst, und die Eingeweihten wußten,
daß er das Wort ergriffen habe. Er war der gewaltigste Redner des
Konzils, geistvoll und gelehrt, schlagfertig und ehrlich, gewandt und
klug, und beherrschte die lateinische Sprache mit einer Sicherheit
und Eleganz, als ob sie ihm angeboren wäre. Man sah, wie die Augen
der päpstlichen Partei sich finster zusammenzogen, und wie die
Gegnerschaft sich fester in die Sitze drückte, als überkäme sie ein
Gefühl der Sicherheit angesichts der Thatkraft des Mannes, der jetzt
das Wort ergriff. Neidlos hatten Schwarzenberg und die geistvollen
Führer der französischen Kirche, Dupanloup und Maret, ihm die Palme
der Führerschaft der Widerstandspartei überlassen, und der slavische
Bischof war's, der als der Gefürchtetste und der Geehrteste zugleich
angesehen werden muß.
»Mit Vergunst, ihr hochwürdigsten Väter!« begann er. »Harte Worte haben
an unser Ohr geschlagen und fast will es mir scheinen, als ob sie
an diesem Orte besser nicht gesprochen worden wären. Ich beklage es
tief und aufrichtig, daß von der Kirche desjenigen Apostels, welcher
dem Herrn am nächsten stand und der ein lebendiger Zeuge seiner
allumfassenden Liebe war, Worte in die Welt ausgehen sollen, welche von
dieser Liebe nichts wissen, und wenn ich bedenke, daß das Direktorium
dieser hochwürdigsten Versammlung mit Vorbedacht diese Angelegenheit
hier zur Erwägung und zum Beschlusse vortragen konnte, vermag ich
-- so hart es auch klingt -- den Vorwurf der Lieblosigkeit nicht zu
unterdrücken. Diese Lieblosigkeit muß aber um so größer erscheinen
angesichts der bedauernswerten Unkenntnis der Geschichte -- oder soll
ich sagen angesichts der absichtlichen Verkennung der geschichtlichen
Thatsachen? Man muß der Wahrheit Zeugnis geben, auch wenn sie uns
nicht behaglich ist, und wenn man dazu den Mut nicht finden kann, darf
man sie wenigstens nicht absichtlich entstellen. Welche Thatsachen
aber können zum Beweise vorgebracht werden für die Behauptung, daß
der Protestantismus alle Uebel der Zeit verschuldet und den drohenden
Glaubensbankerott auf dem Gewissen habe? Hier sitzen eine gute
Anzahl ehrwürdiger Väter, in deren Diözesen Protestanten friedlich,
ehrlich und brav neben Katholiken leben ... sollen sie, sollen wir,
die berufenen Hüter des Friedens, durch solche Beschlüsse, wie die
angestrebten, die Brandfackel in die Gaue werfen, in denen wir das Wort
der Liebe zu verkünden gesetzt sind? Und meine ehrwürdigen Väter, soll
ich Ihnen Protestanten nennen, die gegen Umsturz und Unglauben sich
erhoben, gegen Revolution und Sittenverderbnis gekämpft haben? Soll ich
Ihnen Namen anführen, denen gegenüber selbst der Eifer des Ordens Jesu
erbleicht, vor deren edler Thätigkeit im Dienste der Menschheit wir
selbst in schweigender Achtung uns neigen müssen? ...«
Schon einige Male hatten Zwischenrufe aus den Reihen zumal der
italienischen Bischöfe den kühnen Redner unterbrochen, vereinzeltes
Murren war vernehmbar geworden, jetzt aber brandete es auf wie in
einem erregten Meere. Eine Anzahl Väter sprang von den Sitzen auf,
andere suchten zu beschwichtigen, Rufe ertönten, welche dem Redner
den Schluß seiner Rede aufdringen wollten, Stroßmayr aber schien an
solche Szenen gewöhnt zu sein; er schaute einige Augenblicke schweigend
in die Versammlung, seine Augen blitzten klar und fest, und nachdem
einigermaßen die Ruhe wieder hergestellt worden war, nahm er das Wort
von neuem.
»Ich weiß nicht, meine ehrwürdigen Brüder, ob durch eine solche Weise
der Behandlung der aufgeworfenen Fragen die Würde des Konzils gewahrt
und das Ansehen des Einzelnen gefördert werden kann, ich weiß nur,
daß auch ein solcher Eingriff in das Recht, hier seine Meinung ehrlich
aussprechen zu dürfen, mich nicht abhalten wird, dies zu thun. Oder
soll dieser Vorgang kennzeichnend sein für die Handhabung der neuen
Geschäftsordnung, mit welcher man uns unangenehm überraschen möchte?
Und das ist ein Punkt, über welchen ich an dieser Stelle gleichfalls
mich nicht auszuschweigen vermag, um so mehr, als ich weiß, daß ich
im Sinne und nach der Meinung einer großen Zahl meiner hochwürdigen
Amtsbrüder spreche. Der Schwerpunkt dieser neuen Geschäftsordnung
liegt darin, daß eine einfache Mehrheit entscheiden soll über die
wichtigsten Fragen der Kirche. In _jeder_ andern parlamentarischen
Körperschaft wird die Annahme selbst unwesentlicher Gesetze davon
abhängig gemacht, daß eine relativ größere Mehrheit dafür stimmt, und
wo es sich um das Seelenheil von Millionen von Katholiken handelt,
soll der Zufall einer einzigen Stimme den Ausschlag geben dürfen? Man
kann doch nicht in einem solchen Falle das Walten des heiligen Geistes
annehmen, der bei 700 Bischöfen und Prälaten gerade 351 erleuchtet und
349 die Erleuchtung versagt! Eine solche Annahme wäre doch frivol, ja
gotteslästerlich. Freilich ist es bei den Mitteln, die man anwendet
und bei der Zusammensetzung dieser hochwürdigsten Versammlung außer
Zweifel, daß man für die Vorlagen eine Mehrheit von mehr als einer
Stimme erreichen werde. Auch hier handelt es sich um den Grundsatz,
nach welchem vorgegangen wird, und die Einführung dieses Grundsatzes
würde einen beklagenswerten Mißbrauch der Gewalt bedeuten, welche die
in Rom herrschende Partei und das nicht aus freier Wahl des Konzils
hervorgegangene Direktorium ausübt, und gegen einen solchen lege ich im
Namen Vieler Widerspruch ein ...«
Aufs neue erhob sich ein Sturm der Empörung, laute Zurufe für und wider
erschollen, aber machtvoll durch das Getöse klang die Stimme des kühnen
Sprechers:
»Der heutige Antrag soll die Probe machen auf die neue
Geschäftsordnung, man möchte uns heute schon verlocken, mit einfacher
Stimmenmehrheit die Kundgebung gegen die Protestanten zu verwerfen,
aber wir sind auf der Hut. Mit solchen Mitteln wird man uns nicht
zwingen, man wird damit noch weniger die Gewissen der katholischen Welt
vergewaltigen können ...«
Weiter kam er nicht. Der Lärm wurde betäubend. Das war keine
Versammlung von ehrwürdigen Kirchenvätern, das war ein wüstes Chaos
von zornig erregten Parteimännern. Nur wenige saßen; überall war man
von den Sitzen aufgesprungen, viele hatten ihre Plätze verlassen,
man schrie einander zu, man überschrie aber auch vor allen den
kroatischen Bischof, und als dieser trotz alledem auf das Wort nicht
verzichten wollte, da nahm die leidenschaftliche südliche Erregung
selbst bedrohliche Formen an. Es erklangen Worte, die nicht bloß die
Heiligkeit des Ortes verletzten, sondern auch die Würde des Sprechers,
und mit blitzenden Augen, ja mit geballten Händen drang man gegen ihn
vor, als wolle man ihn thatsächlich insultieren.
Der wüste Lärm klang vernehmbar hinaus auch vor die Pforte des
Konzilssaals. Neugierige und Fromme sahen sich erstaunt an, über
manches Gesicht flog ein mühsam verhaltenes Lächeln des Spottes, auf
manchem dagegen stand etwas von der Erregung geschrieben, die jenseits
der Pforte die Gemüter bewegte. Zahlreiche Kutscher und Diener der
Prälaten harrten hier auf ihre Herren. Auch sie hatten ihre Meinung
über das, was da drinnen vorgehen mochte.
»Sie schlagen und raufen sich!« rief halblaut ein derber galonnierter
Rosselenker, und die Behauptung schien nach dem, was man vernehmen
konnte, die Wahrheit für sich zu haben.
»Laßt uns hineindringen -- -- wir wollen unsern Herren helfen -- wir
wollen sie retten ...«
Das raunte und rief durcheinander wie der Widerhall aus der
Konzilshalle, und die Schweizer vor derselben kreuzten die Hellebarden
und stemmten sich dem Andrang entgegen. Da verklang der Lärm hinter der
Pforte, und auch vor derselben begannen die Gemüter sich zu beruhigen.
Früher als sonst aber schloß diesmal die Sitzung. Mit roten Gesichtern,
vielfach mit vor Erregung leuchtenden Blicken kamen die Väter aus
dem Dome des heiligen Petrus. Von der Anwesenheit des heiligen
Geistes in der eben abgehaltenen Sitzung war auch jetzt nicht viel zu
bemerken. Gruppenweise, mitunter dicht geschart, schritten sie über
den Petersplatz hin in eifrigen, erregten Gesprächen. Um Stroßmayr,
den Helden des Tages, drängten sich die andern hervorragenden
Persönlichkeiten, der französische Bischof Mathieu, der Erzbischof
Moreno von Valladolid und andere spanische Bischöfe, sowie eine größere
Zahl deutscher Kirchenfürsten. Finstern Blickes schritt der Erzbischof
Manning von Westminster neben dem Erzbischof Deschamps von Mecheln
daher, umgeben von den eifrigsten Vertretern der Unfehlbarkeit, in
Gruppen haben sich die Orientalen zusammengefunden, die fast alle auf
Seite der römischen Kurie stehen, und die Vorgänge der vergangenen
Stunde bilden überall den Gesprächsstoff.
»Man wird nicht wagen, diese Einleitung zu den päpstlichen Dekreten ein
zweites Mal vor das Konzil zu bringen,« äußerte ein deutscher Bischof.
»Wenigstens nicht mehr in dieser Form, und wenn sie gereinigt und
verbessert zur Abstimmung gebracht werden sollte, liegt wohl kein Grund
vor, sie zu verwerfen, und wir werden der Welt doch den Beweis der
moralischen Einstimmigkeit einer Kirchenversammlung geben,« fügte ein
anderer in der Begleitschaft Stroßmayrs hinzu, dieser aber wandte sich
nach dem Sprecher und sagte:
»Seien wir nicht vertrauensselig, lieber Amtsbruder, ich habe, um mich
kriegerisch auszudrücken, mich daran gewöhnt, in Rom im Harnisch zu
schlafen, und es wäre gut, wenn das andere auch thäten.«
Der kroatische Bischof schritt auf seinen Wagen zu, aber ehe
er ihn erreichte, trat ihm Parelli in den Weg. Mit der ganzen
Liebenswürdigkeit, die ihm zu Gebote stand, reichte er ihm die Hand:
»Ich freue mich der Ehrlichkeit und des Mutes, die Sie zeigen,
hochwürdigster Bruder, und es drängt mich, Sie zu versichern, daß ich
aus voller Seele Ihre Ueberzeugung teile und bereit bin, für dieselbe
einzustehen.«
Verwundert sah ihn der andere an.
»Sie? Ein italienischer Prälat! Sie wagen, mir angesichts der Kurie
Ihre Zustimmung auszusprechen? Wissen Sie, was Sie heraufbeschwören?«
Parelli lächelte:
»Das ist nebensächlich. Ich habe gesprochen und meine Seele bewahrt.
Gott sei mit Ihnen!«
»Und mit Ihrem Geiste!«
Einen Augenblick lagen die Hände der beiden Männer in einander, und
ihre Blicke begegneten sich. Dann verschob sich das Bild wieder; andere
Gruppen drängten heran, auch Parelli fühlte, wie man ihn vorwurfsvoll
ansah, aber er schritt, freundlich nach allen Seiten grüßend, langsam
über den weiten Platz, und der Sonnenschein, der denselben erfüllte,
schien ihm in die Seele zu leuchten.
Immer schwüler wurden die Tage. Die Fremden begannen Rom zu verlassen
-- auch Quandt war mit den Seinen in die Heimat zurückgekehrt -- und
den Konzilsvätern wurde es zwiefach ungemütlich in der ewigen Stadt.
Erschlaffung sank ihnen bleischwer in die Glieder, denn gar viele von
ihnen waren den italienischen Sommer nicht gewöhnt, Erschlaffung sank
ihnen aber auch lastend und lähmend in die Seelen, denn gar Manches war
wieder seit jener bewegten Sitzung geschehen, das auch die Besten und
Stärksten mit trüber Ahnung erfüllte.
Es war ein trauriger und aussichtsloser Kampf, welchen Ehrlichkeit
und gründliches Wissen gegen römische Schlauheit und Willkür
zu führen hatte, und die Kurie ging in demselben mit äußerster
Rücksichtslosigkeit vor. Die durch Stroßmayrs Energie vereitelte
»Einleitung« wurde »verbessert« wieder vor das Konzil gebracht,
verbessert in dem Sinne, daß man die Schläge gegen den Protestantismus
wegließ, dafür aber den Zusatz anhängte, daß man dem Papst gehorchen
müsse, auch wenn er etwas verwerfe, was nicht gerade kirchenfeindlich
oder ketzerisch sei.
Diese »Verbesserung« war viel schlimmer als die vorherige Fassung,
und in ihr lag bereits der ganze Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit.
Es wurde hin- und hergeredet, und zuletzt ward die bedenkliche
»Einleitung« samt dem Zusatz angenommen. Einen besseren Erfolg konnte
sich die päpstliche Partei nicht wünschen, und nachdem einmal dieser
errungen war, konnte auch die Debatte über den neuen Glaubenssatz
selbst anheben. Welch' warme, ergreifende, aus dem Herzen quellende
Beredsamkeit ward nun noch einmal aufgeboten, um die Annahme des
Glaubenssatzes zu verhindern! Die edelsten, besten, gelehrtesten
Männer, welche die katholische Kirche besaß, traten dagegen auf,
manch einer mit blutendem Herzen, denn sie ahnten ja den Ausgang
und fürchteten den Schaden, welcher damit ihrem Glauben und seinen
Anhängern bereitet werden mußte. Aber auch der Trost, seine Meinung
äußern zu dürfen, sollte den Konzilsvätern nicht unbeschränkt bleiben.
Es war am 3. Juni, als der Cardinal Schwarzenberg in besonders heftiger
Erregung um die Mittagsstunde heimkehrte. Auf der edlen, hohen Stirn
lagen Falten des Unmuts, und die sonst so klaren Augen zuckten unruhig.
Er kam mit Professor Meyer, dessen sonst so gleichmäßig ruhiges
Gesicht ebenfalls von Erregung zeugte, und da er Frohwalt in einem
Zimmer antraf, in welchem derselbe eben mit einer schriftlichen Arbeit
beschäftigt war, blieb er vor diesem stehen und sagte:
»Mein lieber Doktor, das ganze Kirchenrecht kommt ins Wanken; ich
fürchte, Ihre Studien und Kenntnisse haben nur noch geschichtlichen und
nicht praktischen Wert. Hier in Rom wird nachgerade ein Kirchenrecht
geübt, das kein Recht ist!«
Er brach ab und preßte die Lippen gegen einander, als habe er schon
zu viel gesagt, dann ging er mit flüchtigem Gruße mit Professor Meyer
weiter. Nach einem halben Stündchen kam der letztere aus dem Gemache
des Kirchenfürsten. Er ließ sich neben Frohwalt auf einem Sitze nieder,
und seufzte:
»Man wird zuletzt irre an allem! Es ist empörend, wie man hier mit den
angesehensten Kirchenfürsten umspringt. Denken Sie, lieber Kollege, es
waren noch fünfzig Redner eingeschrieben betreff des Dogmas, und das
Präsidium erklärte heute mit einem Male: Die Debatten sind geschlossen.
Eine ärgere Gewaltmaßregel läßt sich kaum mehr denken. Was haben wir
deutschen Priester für eine erhabene Vorstellung gehabt von einer
Kirchenversammlung, und welche entsetzliche Enttäuschung wird uns hier
bereitet!«
Das glatte, freundliche Gesicht senkte sich tiefer auf die Brust, und
die Finger griffen nervös herum an der schwarzen Binde, welche Tunika
und Skapulier gürtete. So erregt hatte Frohwalt niemals den trefflichen
Mann gesehen, aber auch durch seine Seele zog das Gefühl maßloser
Bitterkeit. Er sprach halblaut:
»O, ich wollte auch, ich wäre nie nach Rom gekommen.«
»Dann kommt Rom zu uns -- das ist ein und dasselbe.«
»Und werden sich die widerstrebenden Kirchenfürsten bei diesem
Gewaltakte beruhigen?«
»Sie haben sich bisher noch bei jedem beruhigen lassen. Man wird
zweifellos beraten, was nun geschehen soll und einen halben Beschluß
fassen, der einfach unbeachtet bleibt, wie jede Aeußerung der
Entrüstung, die bisher zu Tage getreten ist. Ich glaube, daß sich noch
heute eine Anzahl der Prälaten hier einfinden.«
Das war auch wirklich der Fall. Im Laufe des Nachmittags fuhr Dupanloup
vor, dann der Münchener Erzbischof, zahlreiche deutsche Bischöfe, und
bei sengender Sonnenglut saßen sie beisammen in eifriger Beratung.
Der Unmut fand hier manches scharfe Wort. Allen war es klar, daß hier
überhaupt von einem rechtmäßigen und allgemeinen Konzil nicht mehr die
Rede sei, und einzelne Kühnere machten den Vorschlag, Rom ohne weiteres
zu verlassen, und so die eigene Ehre und die Ehre der einzelnen
Diözesen zu retten. Dann müsse man aber Urlaub vom heiligen Vater
erbitten, gaben andere zu bedenken, und daß ein solcher jetzt bewilligt
werden sollte, das war nicht anzunehmen. Man wollte wohl gerade durch
die täglich anwachsende Sonnenglut, die den Aufenthalt in Rom beinahe
unerträglich machte, die Väter müde und nachgiebig werden lassen. Auch
die Bedenklichkeit und Zaghaftigkeit fehlte nicht in diesem Kreise,
welche immer wieder zu Vorsicht und Leisetreterei mahnte.
Unmutig hatte Cardinal Schwarzenberg die verschiedenen Meinungen
angehört:
»Geschehen muß etwas, meine hochwürdigsten Amtsbrüder, wenn wir uns
nicht vor unsern Diözesanen schämen sollen. Eines ist unzweifelhaft:
Wir stehen unmittelbar vor der Abstimmung, und wie sie fallen wird, ist
nicht zweifelhaft. Sollen wir aber einen Glaubenssatz annehmen, der nur
von einer zweifelhaften Mehrheit als solcher anerkannt wird?«
»Uebereilen wir nichts,« sprach einer der französischen Bischöfe.
»Lassen wir ruhig die Abstimmung sich vollziehen, wir haben dann
wenigstens ein klares Bild über die Sachlage gewonnen, und wenn die
Annahme nicht nahezu einstimmig erfolgt, so erheben wir Widerspruch!«
»Aber endlich ganz entschieden! Ich wollte, wir legten Widerspruch ein,
ehe die Abstimmung oder gar die Verkündigung erfolgt, denn, heißt es
einmal: Rom hat gesprochen, dann giebt es überhaupt keinen Widerspruch
mehr!« ließ sich Stroßmayr vernehmen.
»Gut, warten wir ab -- aber gehen wir dann auch entschieden vor, um das
Aeußerste zu vermeiden!«
Das war zuletzt die überwiegende Meinung, und mit diesem Beschlusse
gingen die Herren mit den roten und violetten Talaren auseinander.
Peter Frohwalt stand am Fenster, als die glänzenden, prächtigen
Equipagen unten von dannen rollten mit den behaglich in den Polstern
lehnenden Prälaten, und in seinem Herzen lag eine unendliche
Bitterkeit. Alles äußerlich, alles Schein -- innen Haltlosigkeit
und Kraftlosigkeit, das war das allgemeine Bild, das erschien ihm
als der Zustand der ganzen Kirche, und ihm, dem ehrlichen, treuen,
überzeugungsfesten Katholiken fiel es wie Schuppen von den Augen, und
er sah wie in einem Traume, was im Laufe der Jahrhunderte aus der
Kirche Christi geworden war. Hier in Rom war Petrus, der einst ein
armer Fischer war, für seinen Glauben gestorben, ein bedürfnisloser
Mann, der seine Ruhestatt im Gefängnis hatte, und hier strebte sein in
Prachtpalästen wohnender Nachfolger nach dem Nimbus der Göttlichkeit,
und lebte, umgeben von Glanz und Herrlichkeit. In jenen alten Tagen
aber hatte neben der Einfachheit die Wahrheit in der Kirche gewohnt,
jetzt herrschte hier Weltklugheit und Schein.
Es war seltsam, daß Frohwalt in dieser Stunde Martin Luthers denken
mußte, des schlichten Augustiners, der einst nach Rom gegangen war
mit voller, freudiger Seele, um den Statthalter Christi und die wahre
Herrlichkeit der Kirche zu schauen, und der mit blutendem Herzen
heimwärts ging ob der fürchterlichen Enttäuschung, die ihm bereitet
worden war und die ihn eine Erneuerung der Kirche im Sinne der alten
Einfachheit und Kraft herbeisehnen ließ, ohne daß er noch daran dachte,
daß er selbst zum Werkzeuge dieser Erneuerung berufen sein sollte.
Peter Frohwalt war gelehrt worden, den Augustiner von Wittenberg
zu hassen, und er hatte das redlich und mit der ganzen Glut des
fanatischen Katholiken gethan, und wie er heute an ihn dachte, war
dieser Haß wie mit einem Male aus seiner Seele herausgewischt und die
Gestalt des Reformators wollte ihm beinahe groß und achtunggebietend
erscheinen. Und solch Empfinden mußte sich ihm in Rom aufdrängen!
Er wurde unruhig, erregt, er hatte das Bewußtsein, daß solch ein Denken
Sünde sei, und doch auch wieder ein anderes, das ihn freisprach. O, wie
vermißte er in dieser Stunde einen Menschen wie Quandt oder wie den
Vetter Martin! Daß auch der Alte nicht wiederkam!
Und Tag um Tag verging, der eine unbehaglicher als der andere, und
für den 13. Juli war die erste Abstimmung über den neuen Glaubenssatz
festgesetzt worden. Zwei Tage zuvor traf Martin in Rom ein. Sein
erster Gang war zu Quandts gewesen, und dieser war vergeblich, sein
zweiter war zu Frohwalt. Der junge Priester hatte ihn umarmt mit der
Herzlichkeit eines Sohnes, und schon aus diesem Empfange schloß der
Alte auf Manches.
»Es hat länger gedauert mit meiner Wiederkunft, als ich dachte,«
sagte er, nachdem er sich niedergelassen und nach seiner Gewohnheit
sein kurzes Pfeifchen in Brand gesetzt hatte -- »aber wie das eben
Unsereinem geht! Also Neapel habe ich gesehen, und schön war's, Peter!
Das muß man wirklich geschaut haben vor seinem Sterben. Auch im alten
Pompeji bin ich gewesen, und man hat recht wunderliche Empfindungen,
besonders wenn man mit leidlich lebhafter Phantasie diese Reste sich
vervollständigt und im Geiste der Vorzeit ausbaut. Aber in Neapel ist
der Geist des alten Seume über mich gekommen und ließ mir keine Ruhe;
ich mußte weiter nach dem Süden und mußte auch meinen Spaziergang nach
Syrakus haben. Und aus der Stadt, in der einst zu Dionys dem Tyrannen
Möros, den Dolch im Gewande, schlich, komme ich geradenwegs zurück. Es
ist derweilen etwas heiß geworden, und, wie mir scheint, spürt Ihr hier
in Rom die Schwüle ganz besonders. Wie? -- Du machst mir gar kein recht
glückliches Gesicht, Peter, und es ist mir so zu Mute, als ob ich Dir
gerade zurecht gekommen wäre, um Dir die Seele zu erleichtern. Das ist
mein Schicksal, daß ich ein Beichtvater geworden bin, ohne die Weihen
dazu erhalten zu haben, und es ist, als ob die verlassene Theologie
sich an mir dadurch rächen wollte. Aber da ist sie im Irrtum, wenn sie
meint, mir dabei einen Tort anzuthun. Mir ist nichts lieber, als wenn
ich Herzen erleichtern kann. Also, mein lieber Doktor Peter -- schieße
los!«
»Ja, mein guter Vetter Martin -- gerade Dich habe ich hergesehnt,
und seit Du mir in Nedamitz aufgetaucht warst, an jenem traurigen
Weihnachtsfeste, habe ich Dich niemals wieder so freudig begrüßt. Hier
liegen die Dinge zum Verzweifeln. Dies Konzil ...«
»Ach Du lieber Gott -- da werde ich wohl nicht helfen können,« seufzte
der Alte komisch -- »für die Jesuiten ist es ein Lustspiel, für die
Protestanten und andere ähnliche ein Schauspiel, und für gute, ehrliche
Katholiken ein Trauerspiel. Du gehörst zu den letzteren, und da Du die
Sache sozusagen aus der Proszeniumsloge ansehen kannst, begreife ich's,
daß Du besonders davon ergriffen wirst. Ich kann mir aber nicht helfen.
Ich meine, es ist gut so für Dich, und wenn ich die richtige Empfindung
habe, so hat dies Konzil Dir schon manche Schlacken abgeschliffen, die
an Deiner gesunden Menschennatur sich gebildet hatten und ihr garnicht
zum Vorteil gereichten. Aber da rede wieder ich -- anstatt daß Du
jetzt das Wort hast -- das Alter macht geschwätzig!«
Und nun that Frohwalt sein Herz weit auf. Alle die Fülle von
Enttäuschungen, welche Rom ihm gebracht in betreff der kirchlichen
Einrichtungen im allgemeinen und geistlicher Persönlichkeiten im
besonderen, betreff der Personenverherrlichung und des glänzenden
Scheinwesens schilderte er ohne Bitterkeit, aber so klar und scharf,
daß Vetter Martin voll Staunen den jungen Mann ansah, der mit solcher
Sachlichkeit und mit solcher getreuen Ehrlichkeit die Verhältnisse
erfaßte.
»Und wenn, wie nicht mehr zu zweifeln ist, durch eine einfache
Stimmenmehrheit dieser neue, unerhörte Glaubenssatz angenommen wird, so
kann nur eine Kirchenspaltung die Folge sein, und ich bete, daß aus ihr
der Nutzen für alle Guten erwachse, daß eine abermalige Erneuerung der
Kirche im Sinne der alten Einfachheit und Wahrheit erfolgen möge. Mein
Weg ist mir dabei vorgezeichnet und ich glaube, ich werde ihn leicht
gehen können, wenn Männer wie der Cardinal Schwarzenberg und Professor
Meyer mir voranschreiten,« schloß Frohwalt.
»Wenn!« sagte Martin und wiegte ernst das graue Haupt.
»Du glaubst doch nicht, daß sie gegen ihre katholische Ueberzeugung ...«
»Ich glaube in dieser Beziehung nur den Thatsachen. Warten wir sie
ab! Und zuletzt kommt es bei jedem immer nur auf seine persönliche
Festigkeit an, und daß die ihm nicht verloren geht, wenn er andere, die
er für fest gehalten hat, ins Wanken kommen sieht. In der Hauptsache
ist mir's lieb, daß Dir die Augen in Rom aufgegangen sind, und daß Du
unter anderem auch darüber Klarheit hast, daß in dem protestantischen
Weibe Heinrich Quandts ein Reichtum von echter Religiosität und Liebe
lebt, und daß sie trotz aller unfehlbaren päpstlichen Dekrete eine
größere Garantie besitzt für die ewige Seligkeit, als selbst mancher
Papst seligen, beziehungsweise unseligen Angedenkens haben durfte. --
Uebrigens, was weißt Du Neues von Quandt? Und was hörst Du von Hans
Stahl?«
Damit war das Gespräch auf ein ruhigeres Gebiet gekommen.
Am 13. Juli war der Petersplatz mehr belebt als sonst; so sehr das
Interesse der Römer am Konzil im allgemeinen erloschen war, die
Abstimmung in der Frage des neuen Glaubenssatzes war immerhin der
wesentliche Punkt in der Geschichte dieser Kirchenversammlung, zumal
bei der zwiespältigen Stimmung der Teilnehmer an derselben. Um die
Mittagszeit, da die Sitzungen zu Ende zu gehen pflegten, ward es am
lebendigsten in der Kirche sowohl, wie außerhalb derselben, und es war
bereits bekannt, daß, abgesehen davon, daß verschiedene Kirchenfürsten
Rom schon verlassen hatten, andere sich von der heutigen Sitzung fern
gehalten hatten.
Auch Vetter Martin und Frohwalt gingen in den herrlichen Säulenhallen
hin und her und harrten auf den für sie nicht zweifelhaften Ausgang;
Martin war darüber ziemlich gleichgültig, der junge Priester dagegen
erregt. Nun kamen die ersten der Konzilsväter aus dem Portale des
Domes, näher drängten Neugierige heran, man wagte sogar, sich an
diesen und jenen mit einer Frage zu wenden. Immer lebhafter drängte es
nun durcheinander von seidenen Talaren und großen runden Hüten, die
vielfach mit einer buntfarbigen Feder geschmückt waren. Zwischen ihnen
huschten Angehörige des niederen Klerus, Mönche und Weltpriester hin,
und auch die Gestalt des Jesuitenpaters Felice tauchte auf.
Er bemerkte Frohwalt, und mit einem seltsamen, beinahe schadenfrohen
Aufleuchten der sonst so kühlen Augen trat er an ihn heran:
»Wissen Sie schien das Ergebnis der Abstimmung, Hochwürden? -- Nein? --
Nun, von etwa 600 Vätern haben 70 gefehlt, 88 haben mit ~non placet~
(Nein) gestimmt, 62 mit ~placet juxta modum~ (Ja, unter Vorbehalt), die
andern 380 haben den Glaubenssatz angenommen. Ein schönes Ergebnis ...
Dank dem heiligen Geiste!«
[Illustration: Der Jesuitenpater trat an Dr. Frohwalt heran und sagte:
»Wissen Sie schon die Abstimmung?« ... (S. 358.)]
Er stieß die Worte beinahe triumphierend hervor, dann eilte er weiter.
Frohwalt wollte sprechen und sich gegen Martin äußern, da sah er ganz
nahe Parelli vorübergehen -- richtiger vorüberschwanken, gestützt auf
den Arm eines jüngeren Geistlichen. Von einer raschen Erregung erfaßt,
trat Frohwalt auf ihn zu und fragte teilnehmend:
»Bischöfliche Gnaden sind unwohl?«
Der Prälat sah auf; über sein Gesicht huschte ein müdes Lächeln, und er
reichte dem jungen Deutschen die Hand:
»Es hat mich zu sehr angegriffen, Herr Doktor -- aber ich habe meine
Pflicht gethan und mit Nein gestimmt. Beten Sie für mich!«
Er schwankte, bleich und müde, weiter und Frohwalt sah ihm tief
ergriffen nach, bis er ihm aus dem Gesichte entschwand. Martin war ihm
nachgekommen und stand nun neben ihm.
»Ein Trauerspiel für uns, wie ich Dir gesagt habe, Peter: Siebzig
Feige, die sich überhaupt nicht mehr getrauen, eine Meinung zu haben,
zweiundsechzig Unentschiedene, die so gut wie gar nicht zählen,
und achtundachtzig, die ehrlich genug sind, sich bis heute noch zu
wehren. Dort neben mir hat eben einer mitgeteilt, daß am 18. Juli die
feierliche Schlußabstimmung erfolgt ... wieviele meinst Du werden von
den achtundachtzig noch fest bleiben?«
Die beiden Männer gingen langsam weiter und Martin begleitete Frohwalt
nach seiner Wohnung zu dem Kardinal Schwarzenberg. Hier war alles in
Aufregung. Seine Eminenz war bereits zurückgekehrt aus der Sitzung,
blaß und ernst, und hatte Weisung gegeben, sofort alles zur Abreise
aus Rom bereit zu machen. Eine allgemeine Bewegung ging durch Gefolge
und Dienerschaft, und diese Bewegung im Hause wurde noch vermehrt
durch das Kommen und Gehen von zahlreichen Kirchenfürsten, die mit
dem Cardinal, der wenigstens äußerlich als Führer der Gegenpartei
galt, beraten wollten, was nun noch geschehen sollte. Trotz dieser
Regsamkeit aber lag es lastend, gewitterschwül auf dem Hause, und alle
Gemüter waren erfüllt von Unruhe und Bangigkeit. Man hatte bis zum
untersten Bedienten das Gefühl, daß etwas Unnatürliches, Gewaltsames,
Verhängnisvolles geschehen sei, vor dem man aus unheimlichem, innerem
Antriebe sich zur Flucht rüste.
Und an demselben sowie am nächsten Tage machten sich außer dem Cardinal
noch mehr als 50 Kirchenfürsten fertig zur Abreise; es waren meist
Deutsche, welche die Schlußabstimmung und die Veröffentlichung des
Glaubenssatzes nicht abwarten wollten, zumal öffentlich bekannt gegeben
war, daß diejenigen, welche am 18. Juli etwa noch auf ihrem Widerspruch
verharren würden, vor dem heiligen Vater selbst zur Unterwerfung
aufgefordert werden sollten. Und das nannte man freie Ueberzeugung und
freie Meinungsäußerung!
Manch einer von den geistlichen Würdenträgern war trotzdem geneigt,
in dem Widerspruch zu verharren, aber die meisten hatten angesichts
der erwähnten Drohung den Mut verloren -- sie fühlten sich nicht
stark genug, vor dem Stellvertreter Gottes ihr ~non placet~ (Nein) zu
wiederholen, und bei solcher Uneinigkeit in der Gegnerschaft war es
besser, dieser letzten Versuchung auszuweichen.
In der Wohnung des Cardinals Schwarzenberg saßen eine Anzahl
Kirchenfürsten noch am Abend in ernster Beratung: sie hatten ihre
theologischen Beiräte hinzugezogen, und auch Peter Frohwalt nahm
nebst Professor Meyer an derselben Teil. Endlich war der Wortlaut
eines Schreibens an den heiligen Vater festgesetzt, in welchem die
Unterzeichneten erklärten, daß sie bei ihrem »Nein« beharren müßten,
da sich seit dem Tage, da sie zum ersten Male als Gegner der neuen
Lehre aufgetreten seien, nichts ereignet habe, was eine Aenderung ihrer
Ansicht hätte herbeiführen können, im Gegenteil seien sie in dieser
immer aufs neue bestärkt worden.
Mit fester Hand setzte Cardinal Schwarzenberg seinen Namen unter das
Schriftstück, ihm folgte der Vertreter des bayerischen Episkopats, der
Erzbischof von München-Freising.
In tiefer Nacht suchte Frohwalt sein Lager mit einem Gefühle der
Beruhigung, denn er setzte sein volles Vertrauen in die Aufrichtigkeit
und Festigkeit dieser Erklärung und gelobte sich selbst, bei der
erkannten Wahrheit unter allen Umständen auszuharren. Und noch
ein anderer Gedanke erfüllte ihn, die Freude wieder in die Heimat
zurückzukommen, seine Mutter wieder zu sehen, und seiner Schwester ...
vielleicht auch seinem Schwager die Hand zu drücken, denn die Sehnsucht
stimmte ihn weich und versöhnlich.
Der nächste Morgen war trübe und der junge Priester ging daran, seine
letzten Besuche zu machen. Zunächst wollte er den Vetter Martin zu
finden trachten, der diesmal wieder bei der Bildhauerwitwe wohnte,
wo ehedem Quandts gehaust hatten. Er traf ihn auch zu Hause, und der
Alte lächelte seltsam, als Frohwalt von der plötzlichen Abreise des
Cardinals erzählte.
»Hm ... ich fürchte, ~Pio Nono~ hat einen langen Arm und wird die
Herren auch außerhalb Rom zu finden wissen. Das ist der Anfang vom
Ende -- wohl mir, daß ich kein Bischof geworden bin. Deshalb kann ich
auch mit ruhigem Gewissen noch in Rom bleiben und auf eigene Faust im
Widerstande verharren. Man wird zwar gegenwärtig hier im eigenen Fett
geschmort, ein Vorgang, der bei meiner Leibesbeschaffenheit übrigens
einige Schwierigkeiten hat, aber mein Eintrittsgeld für die Komödie
habe ich einmal bezahlt, und darum will ich mir den Schlußakt auch noch
ansehen. So etwas ist doch in der ganzen Weltgeschichte noch nicht
dagewesen. Dir wünsche ich glückliche Reise, und grüße mir die alte
Heimat und alles, was drum und dran hängt.«
Der Alte begleitete ihn noch zu Parelli, von dem sich Frohwalt
ebenfalls zu verabschieden gedachte, während Martin seinen »Lausitzer
Windhund« aufsuchen wollte. Hans Stahl war ungemein fleißig und
arbeitete mit einer Energie, welche ihm kaum jemand zugetraut hätte,
für ihn war Rom in mehr als einer Hinsicht eine treffliche Schule,
und Vetter Martin hatte schon bei einem früheren Besuche ihm seine
Freude geäußert über die sichtbaren Fortschritte in seinem Schaffen.
Heute war der junge Mann nicht daheim, und auch Parelli war nicht zu
sprechen. Frohwalt erfuhr, daß er nach der gestrigen Konzilssitzung
schwer erkrankt sei, und nach Aussage des Arztes sehr bedenklich am
Nervenfieber darniederliege.
Traurig und still gingen die beiden Landsleute neben einander her,
wieder der Wohnung des jungen Priesters zu. Endlich sagte Martin:
»Ich glaube, Dein Prälat ist ein durch und durch braver Mann -- er hat
den größten Mut bewiesen -- schade um ihn!«
»Du fürchtest, daß er sterben wird?«
»Ich weiß nicht, ob der Tod für ihn das Schlimmste wäre. Er wäre in
seiner Pflicht und in seiner ehrlichen Ueberzeugung gestorben, und
dafür würde ihm nach meiner schlechten Meinung im Himmel manches
gutgeschrieben werden. Wenn er mit dem Leben davonkommt, muß er sich
beugen oder man wird ihn aus der Kirche ausstoßen.«
Mit großem, bestürztem Blick sah Frohwalt den Alten an:
»Du meinst, daß man ...«
»Das ist so gewiß, mein lieber Peter, daß ich mich nur wundere, wenn Du
anderer Ansicht sein solltest. Man wird auch Deinen Cardinal-Erzbischof
ausstoßen, wenn er sich nicht duckt, ebenso gut wie den Doktor der
Theologie Peter Frohwalt.«
Der junge Priester war ganz bleich geworden, aber er faßte jetzt warm
die Hand des Alten:
»Weißt Du, was Martin Luther auf dem Reichstage in Worms gesagt hat? --
Hier stehe ich, Gott helfe mir, ich kann nicht anders!«
»Amen!« fügte Vetter Martin hinzu, und schweigend gingen sie
weiter. -- --
Am nächsten Morgen fuhr Frohwalt fort aus der ewigen Stadt. Sonnenglut
lag über der weiten Campagna, und mit träumerischem Blicke schaute der
junge Priester darüber hin ... es kam ihm feucht in die Augen, und er
wußte selbst nicht warum.
Auf einer kleinen Station, wo der Zug kurz anhielt, sah er zwei
Menschen aussteigen, die sich lachend umschlangen und feldein gingen.
Sie wandten sich noch einmal um nach dem Zuge, und er erkannte die
Gesichter: Es war der Bauer Geatano Vergani -- augenscheinlich
betrunken -- und sein Weib, Signora Lucia, aber ohne Sammet und Seide:
das würdige Paar schien sich wiedergefunden zu haben. Frohwalt widerte
das Bild an, und er blickte nach der anderen Seite. --
Am 18. Juli aber entfaltete das Papsttum den ganzen reichen Glanz,
der ihm zu Gebote stand. Die Herrlichkeit des Statthalters Christi
auf Erden hatte auch niemals Veranlassung gehabt, so prunkhaft in die
Erscheinung zu treten als diesmal, die der göttliche Schimmer der
Unfehlbarkeit zum ersten Male öffentlich die dreifache Papstkrone
umleuchten sollte.
Im Petersdome flammten die Kerzen, und zogen duftende Weihrauchsäulen
durch die Hallen. Im höchsten Ornate hatten sich die Bischöfe
eingefunden und sich um Pius IX. geschart, der, auf seinem Thronsessel
sitzend, der letzten Generalkongregation beiwohnte und die letzte
Abstimmung kontrollierte.
Von den nahezu fünfhundert Bischöfen, welche zugegen waren, wagte
auch nicht ein einziger, gegen das neue Dogma zu stimmen. Und nun
konnte der Hofstaat des Papstes in seiner ganzen Pracht ausziehen,
und in feierlichster Weise unter den glanzvollsten Ceremonien wurde
es der Stadt und dem Weltkreis verkündet, daß der heilige Geist den
Sinn der Kirchenväter erleuchtet, und daß sie mit Einhelligkeit dem
Stellvertreter Christi auf Erden die Unfehlbarkeit zuerkannt hatten.
Jauchzend drängte sich das Volk auf dem Petersplatze; der für Glanz
und äußeren Schein empfängliche Sinn der Römer war bestrickt von all
der Herrlichkeit, und brausend erscholl aus tausend und abertausend
Kehlen das »~Viva il papa!~« Dazwischen dröhnten in mächtigen Salven
die Kanonen der Engelsburg und die Sonne flimmerte auf der Fülle von
Gold und bunter Seide, auf den prachtvollen Gewändern kirchlicher
Würdenträger, auf den strahlenden Uniformen der päpstlichen Nobelgarde
und auf den vor Lust leuchtenden Gesichtern der Menge.
Vetter Martin fehlte nicht. Mit einem seltsamen Lächeln sah er das
großartige Schauspiel an, als mit einmal das Gesicht Hans Stahls in der
Menge auftauchte. Der Alte arbeitete sich vorwärts und erreichte auch
glücklich seinen jungen Freund.
»Na, Hans, was sagen Sie als Mensch, Maler und Katholik zu dem Bilde?«
»Ich? O Vetter Martin!«
Er wollte weiter sprechen, aber mit einem Male erstickten Thränen seine
Stimme.
»Oho, Junge, was ist Ihnen denn? Na, seit wann sind Sie denn so nervös?
-- Zum Flennen ist doch die Geschichte nicht!«
»O nein -- aber -- er ist heute früh gestorben!« stotterte Stahl.
»Wer?«
»Parelli.«
Der Alte faßte die Hand des andern.
»Gerade heute. Das ist beinahe wunderbar. Er ist vielleicht der
einzige, der als Sieger mit seiner Ueberzeugung zu Grabe gegangen ist.
Gnad' ihm Gott! Kommen Sie, Hans -- Sie haben recht -- das kann einem
das Interesse an dieser Komödie nehmen!«
Die zwei Deutschen drängten sich lautlos durch die lärmende Menge und
wandten sich nach der Engelsbrücke zu. Noch donnerten die Kanonen von
der Moles Hadriani, als ihnen ein deutscher Maler, welcher Hans kannte,
entgegenkam, aufgeregt und mit funkelnden Augen.
»Wissen Sie das Neueste, Stahl? -- _Frankreich hat an Deutschland den
Krieg erklärt!_ -- Es geht los! Hurrah!«
Da fiel es wie ein Alpdruck von dem Herzen des jungen Lausitzers und so
laut er konnte, schrie auch er: »Hurrah!«
Das klang wie ein Aufjauchzen aus einer vollen Seele, und er warf sich
an die Brust des Alten:
»Wenn meines Volks Trompeten klingen,
Muß ich zurück ins Vaterland!«
»Morgen reise ich heim, Vetter Martin!«
»Und ich fahre mit! Die Eisenbahn soll auch einmal etwas an mir
verdienen!« sagte der Alte. »Gott mit den deutschen Waffen!«
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Neunzehntes Kapitel.
Die milde Sonne eines schönen Augusttages leuchtete über der kleinen
Landstadt in Böhmen, in welcher Peter Frohwalts Wiege gestanden hatte.
Es war vormittags und in den Gassen war es still bis auf das Rufen
spielender Kinder und das verhallende Geräusch, welches da und dort
aus einer Werkstatt kam. Hier merkte man es nicht, daß vor kurzem ein
bedeutsames Kapitel der Weltgeschichte draußen am Rheine seinen Anfang
genommen hatte, und auch das, was in Rom geschehen war, schien zunächst
nicht die Gemüter zu beunruhigen.
Von der Berggasse her kam behäbig und langsam der Vetter Martin; er sah
prächtig aus mit seinem gebräunten Gesicht, aus dem die klugen, hellen
Augen freundlich in die Welt lachten, und auch seine »Hinterflosse«
schien ihm keine Unannehmlichkeiten weiter zu bereiten, denn sein
Gang war sicher, seine Haltung gerade. Man sah es ihm an, daß er sich
freute, wieder in dem lieben, kleinen Neste zu sein, das auf ihn wie
auf eine besondere Charakterfigur ein Recht hatte, stolz zu sein, und
alles schien ihn zu interessieren, ob hier ein Haus neu angetüncht,
dort ein Zaun repariert oder ein Gartenhaus errichtet war, und wo er
Menschen sah, rief er kräftig seinen »Guten Morgen« über die Gasse
und in die Fenster hinein und sorgte so dafür, daß man noch an diesem
Vormittage im ganzen Städtchen erfahre, daß der »Vetter Martin« wieder
eingetroffen sei.
Er war erst am Abend zuvor gekommen. Getreu seinem Grundsatze, nichts
halb zu thun, war er mit Hans Stahl bis in dessen Heimat gefahren und
hatte ihn selbst seinen Eltern zugeführt. Diese, zumal der Vater,
hatten sehr erstaunte und eigentlich zürnende Augen gemacht, aber
gerade darum war der Alte mitgekommen, um ihnen zu sagen, daß sie
eigentlich unserm Herrgott dafür danken müßten, daß er ihnen einen
so prächtigen Jungen gegeben habe. Das mit den zweitausend Mark
sei freilich eine Dummheit gewesen, aber man müsse es als Lehrgeld
betrachten in der Schule des Lebens, im übrigen aber habe sich Hans als
Mensch wie als Künstler so tüchtig ausgewachsen, daß er -- der Vetter
Martin -- jede weitere Bürgschaft für ihn übernähme. Außerdem aber
stelle er sich jetzt in den Dienst des Vaterlandes, und dazu brauche
er den Segen von Vater und Mutter ... und kurz und gut, der Alte hatte
die Freude, daß sie alle einander in den Armen lagen, und daß er
selber noch einige Tage bleiben mußte, nachdem Hans bereits zum Heere
abgegangen war.
Auch das mochte wohl mit dazu beitragen, seinem guten alten Gesichte
heute jene sonnige Heiterkeit zu geben, die wie ein Widerschein des
Lichtes war, das vom Himmel herab die Erde vergoldete. Jetzt machte er
seine Besuche, und der erste derselben galt Frohwalts Mutter.
Das kleine Haus am Thore sah so sauber und blitzblank aus, als ob
es ein Fest feiere, und Martin war auch nicht wenig verwundert, als
er beim Eintritt in die Stube seinen jungen Freund Peter hier mit
Mutter und Schwester beisammen fand. Auch dieser war gestern abend
eingetroffen, um einige Tage in der Heimat zuzubringen, und seine
Ankunft schien besonders die alte Frau, welche seit einiger Zeit
kränkelte, neu zu beleben, denn sie saß mit geröteten Wangen und hellen
Augen da und schaute glückselig den jungen Priester an, dessen schöne
Züge die Sonne des Südens gebräunt hatte.
Auch Marie schien glücklich zu sein über den Bruder. Sie war als
Frau noch hübscher geworden, und man merkte ihr an, daß sie es nicht
bereute, ihrem Herzen gefolgt zu sein; auch das lachende Kind in ihrem
Schoße, das ohne Furcht nach dem unbekannten »Onkel« hinschaute, war
eine Bürgschaft dafür.
»Na, so ist's recht!« rief Martin -- »da sind wir ja alle glücklich
wieder beisammen. Was? -- Bei Muttern ist es doch noch schöner
als in Rom, und mir kommt unser kleines Nest jetzt noch einmal so
behaglich vor. _Die_ Hitze war schon nicht mehr angenehm. Und Marie
hat's natürlich schon gestern abend gewußt, daß unser Konzilsvater
eingetroffen ist und hat ihren kleinen Peter heute herausgeputzt -- --
nein, wie so ein Kerlchen heranwächst -- und so verständig sieht er
drein, als ob er gleich etwas ungeheuer Vernünftiges von sich geben
wollte. Also und Ihnen, Frau Gevatter, war der Besuch die beste
Medizin, das merkt man Ihnen an. Na, eine Tasse Kaffee trinke ich noch
mit zur Feier des Tages, wenn Ihr sie gerade übrig habt!«
Und dann saß er in dem alten, gepolsterten Stuhle, in welchem der
selige Papa Frohwalt immer ausgeruht hatte, und streckte sich, nachdem
er allen die Hände gereicht, mit Behagen aus.
»Da fehlen bloß noch Quandts und Hans Stahl ... dann sind wir alle
wieder beisammen!« sagte er.
»Quandts sitzen in Ehrenberg bei seinen Schwiegereltern und er hat mir
schon seinen Gruß von dort zugehen lassen mit der Mitteilung, daß Sisto
bei einem trefflichen Dresdener Meister Bildhauer untergebracht ist
und sich in Elbflorenz wohl befindet!« bemerkte Frohwalt. »Er war so
entschieden besser aufgehoben, als bei Monsignore Parelli.«
»Jawohl« -- sagte der Alte und ein Schatten huschte über sein Gesicht
-- »besonders da der Monsignore gestorben ist.«
»Wie? -- Also doch?« fragte der junge Priester.
»Ja, gerade am 18. Juli, dem Tage der Generalkongregation und des
Schlußakts der großen Komödie in Rom.«
»Das ist eine wunderbare Fügung des Himmels!«
»Wunderbar und schön zugleich!« sprach Martin ernst, und einen
Augenblick blieben alle stille. Dann begann der Alte von Hans Stahl zu
erzählen, der jetzt bereits gegen den Erbfeind Deutschlands zu Felde
lag, und durch eine begreifliche Ideenverbindung kam er auf Therese
Haller.
Da verdüsterten sich die Gesichter der beiden Frauen, und sie sahen
sich seltsam und einige Sekunden schweigend an, dann sprach Marie
halblaut und gedrückt:
»Man kann nicht viel davon reden, aber es ist ein großes Leid, das sie
trägt. Sie klagt nicht, gegen niemanden, ich glaube auch gegen ihren
Vater nicht, aber die blassen Wangen und die müden Augen erzählen
traurige Geschichten. Patienten hat ~Dr.~ Haller in der Stadt selbst
nicht, und da reitet er jeden Morgen über Land und kommt oft erst in
tiefer Nacht wieder. Ob er Kranke besucht, ist sehr ungewiß, aber
bekannt ist, daß er viel trinkt und spielt, und er ist schon manchmal
am Morgen gefunden worden ... ach, man sagt's nicht gern. Und was sich
im Hause mitunter abspielen mag, das erfährt niemand. Ihn selbst hat
man schon heftig reden hören bis auf die Gasse, aber sie scheint zu
schweigen.«
Der Alte wiegte den grauen Kopf und Frohwalt senkte die Stirne. Der
erstere dachte an jenen Maitag auf dem alten Beth Chajim und an den
prächtigen Jungen, der zur Entsagung gezwungen ward, und der andere
war mit seinen Gedanken bei Professor Holbert und bei der Erinnerung
daran, wie dieser sein einziges Kind liebte. Das Gespräch wollte gar
nicht mehr recht in Fluß kommen. Da pochte es, und auf das Herein!
erschien eine Frau von schlichtbürgerlichem Wesen, deren Gesicht eine
besondere Erregung zeigte. Sie war eine Freundin der Hausfrau und
wurde von dieser herzlich begrüßt. Als sie Peter bemerkte, schien sie
einigermaßen verlegen zu werden, und es war beinahe, als ob sie sich
wieder entfernen wolle. Aber Martin, der hier wie daheim war, und sie
gleichfalls gut kannte, rief:
»Hier ist noch Platz, Frau Franke -- und Kaffee können Sie doch nicht
mehr kriegen, da habe ich den letzten weggetrunken! Setzen Sie sich
einmal her -- wir haben lange nicht neben einander gesessen und dann
schütten Sie Ihr Herz aus, denn daß Sie darum gekommen sind, sehe ich
Ihnen an!«
»Ach freilich, Du lieber Gott« -- sagte die Frau -- »und so was ist mir
auch noch gar nicht passiert! Aber ich weiß nicht, ob ich -- --«
Sie hielt mit einem bezeichnenden Blicke auf Peter inne.
»Ach, vor dem geistlichen Herrn brauchen Sie keine Furcht zu haben; der
weiß schon lange, daß Sie einen protestantischen Mann geheiratet haben
und trotzdem eine kreuzbrave Frau und gute Katholikin sind.«
Der Frau liefen die Thränen über die Wangen und sie setzte sich nieder.
»Ach, ich muß mir's auch von der Seele herunterreden, und 's ist
vielleicht gut, wenn der hochwürdige Herr das weiß und sagen kann, ob
so etwas recht ist.«
Die Aufgeregte mußte erst ein wenig von den andern beruhigt werden, ehe
sie fortzufahren vermochte.
»Mein Sohn wird doch in diesen Tagen heiraten. Er ist evangelisch
wie der Vater und nimmt auch eine Evangelische aus Burgdorf. Daß ich
als Mutter der Trauung beiwohnen will, auch wenn sie nicht in einer
katholischen Kirche stattfindet, ist doch, denke ich, keine Sünde,
und unser Herrgott wird's einem katholischen Mutterherzen nicht übel
nehmen. Aber ich wollte doch vorher beichten und eine Beruhigung haben
und so bin ich heute früh vor der Messe bei unserm Herrn Pfarrer
gewesen. Der aber war sehr streng und ernst und hat mir's verboten, der
Trauung beizuwohnen, und weil ich ihm gesagt habe, das könnt' ich ihm
nicht versprechen, 's wär' mein einziger Sohn, und wär' so brav, und
ich könnt' ihm das nicht anthun und an seinem Ehrentage fehlen, da hat
er mir die Sündenvergebung verweigert. Ich habe gemeint, ich muß in die
Erde sinken, wie ich aus dem Beichtstuhl heraustrat und mir's war, als
ob alle Leute mich ansähen, als ständ' es an meiner Stirn geschrieben,
daß ich eine so große Sünderin sei, der man nicht einmal die Absolution
erteilen konnte. Ich hätte doch nicht in der Kirche bleiben können,
denn ich hätte ja nicht kommunizieren dürfen, und dann hätten's erst
recht alle Leute gewußt, wie es mit mir steht ... und da habe ich auch
noch gelogen und habe ein paar Bekannten gesagt, mir wäre recht übel
und ich müßte fortgehen. Freilich war's auch wieder nicht gelogen, denn
übel war mir's auch. Mein Mann ist außer sich über die Sache -- ach Du
lieber Gott, und ich weiß nun nicht, was ich machen soll.«
Das Weib schwieg und sah beinahe ängstlich nach Peter Frohwalt hin, als
ob es gerade von ihm eine Meinung erwarte. Auch Vetter Martin, dem man
es ansah, daß ihn innerlich der Unmut erfaßt hatte, schaute schweigend
seinen jungen Freund an. Dieser rang offenbar mit sich selbst; eine
wärmere Röte huschte über sein Gesicht und nach einem Augenblicke des
Schweigens sprach er ruhig und milde:
»Meine liebe Frau Franke -- gehen Sie in Gottes Namen zur Trauung Ihres
Sohnes, denn die Stimme des Mutterherzens ist hier auch Gottes Stimme!«
»Für das Wort danke ich Ihnen tausendmal, Hochwürden,« sagte das Weib
schluchzend und lachend zugleich, in demselben Augenblicke aber fühlte
Peter seine Hände von rechts und links erfaßt und warm gedrückt. Auf
der einen Seite besorgte das der Vetter Martin und nickte dazu mit dem
Kopfe, wie zu etwas ganz Selbstverständlichem, und von der anderen
Seite war es Marie, die in überwallendem Gefühl die Hand des Bruders an
ihre Lippen zog.
Dem aber ward es mit einem Male wie zu enge in der Stube; er stand auf
und ging hin und her. Auch seine Schwester hatte sich erhoben und sagte:
»Ich muß nun nach Hause gehen, meine Wirtschaft wartet auf mich!«
»Ich gehe mit Dir!« sprach Frohwalt und griff nach seinem Hute.
Vetter Martin hatte gleichfalls die Absicht gehabt, sich zu entfernen;
als er das Wort hörte, sah er ganz eigentümlich drein, setzte sich
fester in seinem Stuhle zurück und wandte sich mit einer Frage an
Frau Franke, welche wohl den Zweck haben sollte, auch diese von der
Begleitung der beiden Geschwister abzuhalten. So gingen diese mit
einander fort und traten auf die Gasse in den hellen Sonnenschein.
Sie waren lange nicht so nebeneinander hergeschritten und aus manchem
Fenster sah man ihnen verwundert beinahe nach. Ueber ihnen selbst lag
eine gewisse Befangenheit, aber durch die Seele der jungen Frau ging
trotz alledem ein Glücksgefühl.
Endlich begann der Priester zu sprechen, beinahe alltägliche Dinge, und
so kamen sie bis an das Haus des Uhrmachers.
Hier blieb Marie stehen, als ob sie glaubte, ihr Bruder werde sich nun
von ihr verabschieden. Anstatt dessen aber sagte dieser:
»Ich möchte doch auch einmal sehen, wie Du Dich eingerichtet hast, und
was Dein Mann macht.«
Eine heiße Röte flog über Mariens Wangen, und mit leuchtenden,
liebeerfüllten Augen sah sie zu ihm auf; sie sprach nur das eine Wort:
»Komm!« aber darin lag ihre ganze aufjauchzende Seele.
Sie traten ein in das freundliche, ungemein saubere Zimmer, und
Freidank kam ihnen entgegen. Als er den Schwager sah, erschrak er
beinahe, aber Marie, die ihm den Kleinen, der die Händchen verlangend
nach ihm ausstreckte, entgegenhielt, sagte:
»Peter wollte sehen, was Du machst!«
In dem Gesichte des Uhrmachers stand eine tiefe Bewegung geschrieben;
er wagte nicht, selbst die Hand auszustrecken, aber als ihm der
Priester seine Rechte reichte, ergriff er sie und hielt sie einige
Augenblicke schweigend fest, Frohwalt aber bemühte sich, so unbefangen
als möglich zu erscheinen; er berührte nichts von der Vergangenheit,
sprach seine Freude aus über den anmutigen, friedlichen Eindruck der
ganzen kleinen Häuslichkeit, ja er nahm auch das Kind auf den Arm, das
sich gar nicht vor ihm zu fürchten schien, und nach kurzem Aufenthalte
entfernte er sich wieder. In dem kleinen Hause aber ließ er einen
Hauch der Freude zurück, dessen er sich bewußt war und der ihn selbst
beglückte.
Er hatte bei diesem Besuche an Quandt und Frau Friederike denken müssen.
Wie er nun, auf der Gasse hinschreitend, gegen die Kirche herankam,
begegnete ihm der Vetter Martin; er kam auf ihn zu, und drückte ihm die
Hand mit den Worten:
»Du hast heute mehr als einen Menschen glücklich gemacht; Gott vergelt'
Dir's!«
Dann ging der Alte ohne Aufenthalt weiter, Frohwalt aber wendete sich
nach dem Pfarrhause, um dem Pfarrer Ignaz seinen Besuch zu machen, wie
es schon die Höflichkeit erforderte. Er traf denselben daheim und er
empfing ihn mit gemessener Freundlichkeit.
»Sie bringen uns also den neuen Glaubenssatz aus Rom mit!« sagte er
nach den ersten allgemeinen Begrüßungen.
»Ich bringe es nicht, Herr Pfarrer, denn ich habe mich so wenig wie
mancher Kirchenfürst überzeugen können, daß es zum Segen für die Kirche
sein wird,« erwiderte Peter ernst.
»Aber es ist in der Generalkongregation vom 18. Juli einstimmig
angenommen worden, und ich halte es für einen Segen, daß der
Statthalter Christi auf Erden mit einer Gewalt ausgerüstet worden ist,
die mit seiner Würde notwendig verbunden sein muß.«
»Darüber könnte man eben verschiedener Meinung sein, aber es wäre
mir lieb, mich nicht darüber äußern zu müssen, nachdem ich in Rom
nur zuviel solcher Verhandlungen habe anhören und mitmachen müssen.
-- Lassen Sie mich lieber fragen, wie es Ihnen geht, und wie die
kirchlichen Verhältnisse hier im Orte sind.«
Der Pfarrer machte ein beinahe finsteres Gesicht.
»Mir persönlich geht es körperlich gut -- als Seelsorger aber habe ich
manchen Aerger, besonders durch das Ueberhandnehmen dieses ketzerischen
Protestantismus. Ich beklage noch immer tief, daß Ihre Schwester so
böses Beispiel gegeben hat. Seit ich hier als Pfarrer amtiere, sind ein
Dutzend Familien vom Glauben abgefallen.«
»Und haben Sie niemals über die eigentliche Veranlassung dieser
Erscheinung sich klar zu werden versucht?«
»Der Zug der Zeit! Aufklärung und Gottlosigkeit an allen Enden, Mangel
an Sittlichkeit und wahrer Frömmigkeit ...«
»Und Unduldsamkeit!« fiel Frohwalt ernst ein. »Ist Ihnen nicht klar
geworden -- verzeihen Sie mir meine Offenheit -- daß Sie selbst in
dieser Hinsicht zu weit gehen?«
»Wieso?«
»Nun, ich habe heute erst erfahren, daß Sie Frau Franke die
Sündenvergebung verweigerten, weil sie der Trauung ihres Sohnes in der
evangelischen Kirche beiwohnen will.«
»Ich habe gethan, was meine priesterliche Pflicht ist!«
»Und wissen Sie, was Sie damit erzielen? -- Daß die Frau, welche,
wie ich weiß, sehr fromm und religiös ist, sich dem evangelischen
Bekenntnis zuwenden wird, dem ihr Mann und ihr Sohn angehören. Und das
konnte in diesem Falle vermieden werden!«
»Das muß ich bestreiten!« sagte der Pfarrer heftig.
»Nun, was meinen Sie wohl? -- Sollten Sie nicht wissen, daß auch
unser Kaiser, daß andere katholische regierende Fürsten ähnlichen
evangelischen Gottesdiensten beiwohnten, und daß es wohl noch
keinem ihrer Beichtiger eingefallen sein dürfte, ihnen darum die
Sündenvergebung zu verweigern?«
»Das sind andere Verhältnisse -- staatliche Gründe -- politische
Beziehungen -- --«
»Nach welchem Grundsatze machen Sie denn einen Unterschied? Wir
haben nicht Katholiken erster und zweiter Klasse; vor Gott und in
der Kirche sind alle gleich, und wenn man erst anfängt, solche
Unterschiede aufzustellen, ist es um die Würde der Kirche, um die
innere Wahrheit ihrer Einrichtungen geschehen. Außerdem glaube ich
etwas von Kirchenrecht zu verstehen und weiß, daß besonders in Gegenden
mit konfessionell gemischter Bevölkerung eine duldsamere Behandlung
geradezu empfohlen wird. Was an den Protestantismus hier verloren
gegangen ist, haben die Vertreter der katholischen Kirche auf dem
Gewissen.«
»Sie haben vordem, glaube ich, andere Anschauungen gehabt.«
»Das spricht nicht für deren Richtigkeit; ich habe in Rom gar
wunderliche Erfahrungen gemacht -- --«
»Das scheint mir auch,« sagte der Pfarrer mit leisem Hohn, »und es soll
mich nicht wundern, Sie demnächst mit Ihren vom Glauben abgefallenen
Verwandten Arm in Arm zu sehen.«
»Wenigstens hätten Sie mich heute im Hause meines Schwagers finden
können,« erwiderte Frohwalt ruhig; »seit ich Protestanten kennen
gelernt habe, in denen das wahre Christentum sich abspiegelt, scheue
ich mich auch nicht, zu glauben, daß auch ihnen der Himmel offen ist,
und mit ihnen umzugehen.«
Pater Ignaz schlug entsetzt die Hände zusammen.
»Aber das ist ja Ketzerei!«
»Die ich in Rom gelernt habe.« -- --
Die beiden Männer trennten sich, ohne sich die Hand zu reichen, und
Frohwalt trat in den Sonnenschein hinaus mit dem Vorsatze, die Pfarrei
nicht mehr zu betreten, solange der Fanatismus hier seine Heimstatt
hatte.
Die Sonne desselben Augustmorgens hatte auch in die Fenster der Wohnung
des ~Dr.~ Haller hineingeleuchtet. Dieselbe gab überall Zeugnis von
bestem Geschmack, einfacher Vornehmheit und einer verständnisvoll
waltenden Frauenhand. Die Zeit der Sprechstunde, welche auf der Thüre
von neun bis zehn Uhr festgesetzt war, war gekommen, in dem Wartezimmer
flimmerte der Sonnenglanz auf den polierten Stühlen und der türkischen
Decke, die auf dem Tische lag, aber der Raum war leer. Patienten,
welche gekommen wären, würden aber auch den jungen Arzt nicht in
seinem Sprechzimmer gefunden haben, sondern noch im Schlafzimmer. Er
war, wie gewöhnlich, spät in der Nacht heimgekommen und holte nun am
Morgen erst das Versäumte nach, was er um so leichter thun konnte, als
er schon seit längster Zeit keine Patienten mehr im Städtchen selbst
fand. Seine ersten unglücklichen Kuren hatten von ihm abgeschreckt,
und mit dem Mißtrauen in seine ärztliche Kunst mischte sich außerdem
bei den gewöhnlichen Bürgersleuten eine Abneigung gegen das kühle,
vornehm-dünkelhafte Wesen des Doktors.
So suchte er wenigstens den Schein zu wahren, als habe er eine
ausgedehnte Landpraxis, und man sah ihn jeden Vormittag auf seinem
Fuchs hinausreiten zum Städtchen, und wenn die Bürgersleute in der
Nacht durch Hufschlag aus dem ersten oder auch schon aus dem zweiten
Schlaf geweckt wurden, wußten sie, daß ~Dr.~ Haller jetzt heimkehrte.
An zahlreiche Patienten auf dem Lande glaubte aber trotzdem niemand,
und man erzählte an den Biertischen der Spießbürger, sowie in den
Weiberstuben seltsame Geschichten, wie er seine Zeit verbringe.
In der Oeffentlichkeit sprach man nicht davon, denn er gehörte zu den
Vornehmsten im Städtchen, und die beste Gesellschaft verkehrte mit
ihm, zumal er für einen trefflichen Unterhalter von feinen Manieren
galt; besonders aber sahen die jüngeren, vermögenderen Elemente in ihm
beinahe das Muster eines Lebemannes.
Am besten wußte freilich sein junges Weib, wie es mit seiner Praxis und
mit seiner ganzen Lebensweise stand, und sie hatte oft genug in der
heimlichen Einsamkeit ihres Zimmers bittere Thränen darüber geweint.
Nach außen aber suchte sie ihren Jammer -- trotzdem die blassen Wangen
eine beredte Sprache redeten -- zu verbergen, und es war rührend,
wie sie darin dem Vogel Strauß gleich, von dem man sagt, daß er bei
größter Not und Angst den Kopf unter den Flügeln verberge im Glauben,
daß man ihn selbst mit seiner Sorge nicht sehe. Wohl hatte sie schon
in seiner Bräutigamszeit manches bemerkt, was ihr nicht gefallen
wollte, ein gewisses herrisches Wesen, einen Hang zu sinnlichen
Genüssen, aber sie hatte gehofft, daß die Liebe ihm die Ecken seines
Charakters abschleifen und das Unebene ausgleichen würde. Sie hatte
ja so unendlich viel Vertrauen gehabt zu der Gewalt ihres Herzens
und auch zu dem Herzen ihres Verlobten, und hatte diesen auch gegen
den scharfsichtigen Vater verteidigt, der mitunter sehr zutreffende
Bemerkungen gemacht hatte, der aber nicht seinem Kinde bei der Wahl
eines Lebensgefährten in den Weg treten wollte, zumal er hoffte, daß
die einfachen Verhältnisse der kleinen Landstadt und das liebe, sonnige
Wesen seiner Tochter einen günstigen Einfluß üben würden.
Das alles waren getäuschte Erwartungen. Haller hatte einen leidlich
guten Anlauf genommen, aber die ersten Mißerfolge und das damit
zusammenhängende Gefühl der Beschämung, die er zu verbergen bemüht
war, dann der Müßiggang, zu welchem er sich verurteilt sah und die
Gesellschaft, in welche er bei seinen ländlichen Ausflügen geriet ...
das alles zusammengenommen war ihm verderblich, und auch die Liebe
seines Weibes konnte ihn nicht halten auf der schiefen Ebene, auf der
es ihn hinunterzog.
Therese wußte, daß er keine Patienten auf dem Lande besuchte; er hatte
dort keine, so wenig wie in der Stadt; sie wußte, daß er spielte und
trank, und sie hatte ihn oft wacher erwartet in tiefer Nacht, und mit
Entsetzen bemerkt, daß er betrunken heimkam. Wenn er sie dann sah mit
ihrem bleichen, verwachten Gesicht, überfiel es ihn anfangs wie Scham,
aber da sie ihm keine Vorwürfe machte, sondern ihn nur stumm mit den
großen, fragenden Augen anschaute, deren Blick er nicht zu ertragen
vermochte, wurde er allmählich in solchen Fällen gereizt und zornig und
sprach harte Worte, so daß sie es vorzog, nicht mehr auf ihn zu harren.
Aber sie lag schlaflos im Bette, und hörte ihn heimkommen und regte
sich nicht, auch wenn es ihr das Herz zusammenzog; und wenn sie ihn
tief atmen hörte, dann schluchzte sie hinein in ihr Kissen.
Ihr Vater hatte sie besucht, ihm fiel ihr Aussehen auf, sowie das Wesen
ihres Gatten, aber sie wich seinen Fragen aus und wußte ihn trotz
ihres blutenden Herzens zu beruhigen. Und doch konnte es nicht so
weiter gehen! Haller war nicht unvermögend, aber da er nichts verdiente
und vom Baren zu leben begann, fingen auch die Vermögensverhältnisse
an, beängstigend zu werden; ihr eigenes mütterliches Erbgut war ihr
sicher geschrieben, aber die Interessen davon reichten gerade für den
Haushalt, und wenn Haller wie sie fürchtete, anfing Schulden zu machen,
so wurde auch diese Hilfsquelle in Mitleidenschaft gezogen, und es
drohte das Schlimmste.
Auch diese Nacht war er erst gegen Morgen heimgekommen, und das
bleiche, junge Weib, das am Fenster saß und nach dem kleinen Garten
hinausblickte, der so freundlich im Schmucke der letzten Sommerblüten
unter ihr lag, wußte auch, _wie_ er gekommen war. Sie fand darüber
keine Thränen mehr, aber sie wollte sich ein Herz fassen und mit ihrem
Gatten reden mit dem Aufgebot all ihrer Liebe. So saß sie regungslos
und lauschte auf jedes Geräusch im anstoßenden Schlafzimmer, das ihr
verkündete, daß er erwacht sei. Mehrmals war sie auf den Zehen an die
Thür geschlichen und immer wieder zurückgekehrt zu ihrem Sitze. Jetzt
hörte sie ein sehr vernehmliches Räuspern, und wieder sprang sie auf.
Haller war in der That erwacht. Er sah mit glanzlosen Augen umher
und griff mit den Händen nach der schmerzenden Stirn. Dann warf er
gähnend einen Blick hinüber nach der Uhr und sank wieder zurück. In
diesem Momente trat Therese ein. Sie war allerliebst in dem hellen
Morgenanzuge mit dem freundlichen Gesichte, über welchem jetzt ein
feiner, rosiger Hauch, halb der Verlegenheit, halb der Verschämtheit
lag, und wie Haller sie bemerkte, leuchtete sein Blick eine Sekunde
lang auf.
»Ach, das ist hübsch, Schätzchen, daß Du mir einmal einen Morgengruß
bringst. Komm her, gieb mir einen Kuß ... Du bist ja ganz wunderhübsch.«
Er zog die Nähertretende zu sich heran, und sie ließ sich willig
küssen, dann aber wehrte sie sich sanft gegen seine Umschlingung:
»Laß mich, Paul ... mir ist's nicht zum Kosen und Küssen ... Du weißt,
daß mir das Herz schwer ist!«
»Und mir der Kopf!« lachte er wüst -- »da passen wir zusammen.«
»Ich muß mit Dir sprechen -- und es ist schlimm genug, daß ich keine
andere Stunde dafür finden kann ...« sprach das junge Weib mit
beklemmtem Atem.
»Ah -- eine Gardinenpredigt -- --«
»Spotte nicht, Paul! Mir blutet das Herz!«
Er begann unruhig und ärgerlich zu werden.
»Ich weiß Alles, was Du sagen willst -- --«
»Vielleicht doch nicht!« entgegnete sie sanft. »Du weißt, wie ich Dich
lieb gehabt -- --«
»Gehabt!« unterbrach er sie beinahe höhnisch.
»Und wie ich noch immer an Dir hänge, trotzdem Du mir so oft bitter weh
thust. Aber keinen Vorwurf will ich Dir machen, nur eine Bitte laß mich
an Dich richten! Sieh, hier gehen wir zu Grunde, Du und ich, Du an der
Berufslosigkeit und ich an dem Jammer, den ich um Dich empfinde. Was
nützt Beschönigen und Versteckenspielen? Wir haben hier durch einen
unglücklichen Anfang den Boden unter den Füßen verloren, und der ist
nicht wieder zu gewinnen. Aber wir müssen doch nicht hier leben. Was
bindet uns denn an diese Scholle? Laß uns fortziehen nach einem Orte,
wo uns niemand kennt -- ich gehe mit Dir und wenn es nach dem ärmsten,
ödesten Erdenfleckchen wäre, nur raffe Dich auf, beginne ein thätiges
Leben und werde wieder so, daß Du selbst und andere Dich achten können!
Es ist ja wie ein Hohn, das leere Wartezimmer, und wie ein bitterer
Spott klingt es, wenn Du von Deiner Landpraxis sprichst, und dabei
verlieren wir neben der Freude am Dasein, neben dem Frieden des Hauses,
neben dem Glück unserer Liebe auch allgemach die Mittel zu unserem
Leben. Ermanne Dich, Paul! Lieber Paul, ich bitte Dich!«