Vetter Martin faltete das Schreiben zusammen, und war nahe daran, einen
Luftsprung zu machen vor Vergnügen, aber er besann sich, daß er sich
in seinem Garten so gut wie auf offener Straße befand, und so begnügte
er sich, ein paar Mal kräftig mit den Fingern zu schnalzen und im
Weitergehen vor sich hinzubrummen:
»Was doch für wunderliche Dinge auf diesem Planeten passieren! Mein
Lausitzer Windhund ist Ritter geworden und erbt ein kleines Vermögen
-- das ist doch, um sich in die Nase zu beißen! Aber es steckt was in
dem Bengel, das habe ich herausgewittert, schon als ich ihn zum ersten
Male unter den toten Juden sein Süßholz raspeln hörte ... Freilich! Wo
werde ich denn jetzt hier sitzen bleiben können, das ist ja der reine
Fingerzeig des Himmels, und -- holla, das ist das Allerhübscheste!
-- Peter Frohwalt muß mit, das ist _meine_ Ueberraschung! -- Ach,
Hochwürden, das trifft sich gut, Nachrichten von Hans Stahl!«
Martin hatte am Gartenzaune den Kapuzinerpater Severin vorübergehen
sehen und eilte ihm entgegen. Der junge Mönch war auf den Anruf einen
Augenblick stehen geblieben, und über sein bleiches Gesicht flog eine
Röte, als er durch das Gitterthor eintrat, und dem alten Herrn die Hand
reichte.
Severin war seit dem Tode Hallers einigermaßen verändert; sein Aussehen
war leidend, und die Blässe seiner Wangen trat im Gegensatze zu dem
dunklen Vollbart noch mehr hervor, aber was ihn eigentlich quälte,
wußte niemand. Seit er Therese in jener furchtbaren Stunde einen
Augenblick an seinem Herzen und in seinem Arme gefühlt hatte, hatte
es ihn wie mit verzehrender Unruhe erfaßt, und schwerer als zuvor rang
er mit sich selbst. Sie war ja wieder frei und er ahnte es, Hans Stahl
werde sie nun gewinnen, er aber werde zum zweiten Male entsagen, und
diesmal fiel es ihm schwerer als zuvor.
Der Alte teilte ihm mit, was er von dem jungen Lausitzer erfahren
hatte, und daß er ihn aufsuchen wolle, und um die Lippen des Kapuziners
flog ein beinahe schmerzliches Lächeln, da er sagte:
»Ich gönne ihm alles von Herzen! Er hat viel Glück: Ruhm, Reichtum und
... was er sonst wünscht, wird ihm zuteil -- --«
»Ach, Sie meinen Therese Haller?«
»Ich habe ihm seinerzeit geschrieben von dem Vorkommnis, durch welches
Frau Haller Witwe wurde, und seine Antwort aus dem Feldlager war wie
ein Aufjubeln des Herzens, voll Siegeszuversicht.«
»Na, wenn's der Himmel fügt, so sollte mich auch das für ihn freuen!«
sprach Martin, und wehmütig nickte der junge Mönch dazu.
Dann gingen die zwei unter den blühenden Bäumen hin und redeten noch
Manches von dem gemeinsamen Freunde. Eben als Severin sich entfernen
wollte, kam aber Peter Frohwalt. Auch er war blaß, aber seine Augen
schauten hell und friedlich drein; er trug nicht mehr das Abzeichen des
Priesters, das Collare, um den Hals.
»So ist's recht,« -- rief ihm Martin entgegen -- »Drei gehören zu einem
Kollegium! Auch für Dich habe ich interessante Nachrichten.«
»Und Sie gehen, da ich komme,« sagte Frohwalt freundlich zu dem
Kapuziner -- »ich kann es Ihnen nicht übel nehmen!«
Das Gesicht Severins rötete sich plötzlich:
»Womit habe ich es verdient, Herr Doktor, daß Sie mir so wehe thun?
-- Ich weiß, was Sie sagen wollen mit Ihren Worten, aber glauben Sie
mir, daß ich mich nicht scheue, mit Ihnen zu verkehren, sondern im
Gegenteil, es stets und unter allen Umständen für eine Ehre ansehe, in
Ihrer Gesellschaft sein zu dürfen.«
»Auch wenn vielleicht nächsten Sonntag schon der Herr Pfarrer
triumphierend von der Kanzel herab meine Ausschließung aus der Kirche
verkündet?«
»Oho,« -- rief Martin -- »so weit ist's doch noch nicht?«
»Doch,« entgegnete Frohwalt mit ruhigem Lächeln; »die Bedenkzeit, die
man mir für meine mögliche Unterwerfung gelassen hat, ist vorüber, und
ich habe eben jetzt meine bündige Erklärung nach Prag abgehen lassen,
daß ich meine ehrliche Ueberzeugung unter keinen Umständen opfern
werde, folge daraus was immer!«
»Das ist brav, und darauf darfst Du stolz sein, Peter!« sagte der
Alte, indem er kraftvoll dem jungen Manne die Hand drückte, zur
selben Zeit aber hatte auch Severin diesem seine Rechte schweigend
entgegengestreckt, und verwundert sah ihn Frohwalt an.
»Ja, ja, Herr Doktor, 's ist mir voller Ernst,« sagte der Kapuziner
wehmütig -- »ich verstehe Sie völlig, aber verachten Sie mich nicht,
wenn ich Ihrem Wege nicht folgen kann. Sie sind ein Adler, ich bin
ein Sperling. Für Ihren reichen Geist steht die ganze Welt offen, ich
würde zu Grunde gehen, wenn ich nicht den schützenden Hafen meines
Klösterchens hätte. Was sollte ich anfangen, wenn ich heute die
braune Kutte auszöge ... und meine Eltern würden verzweifeln. Darum
schweige ich und bücke mich, und überlasse es denen, die mein Gewissen
belasten, auch einen Teil der Verantwortung dafür vor Gott zu tragen.
Mein Gelübde heischt Gehorsam. Mir geht es wie Tausenden, denen der
Mut fehlt, weil sie weder das Vermögen, noch die geistigen Mittel
haben, sich gegen die Gewalt auflehnen zu können. Seien Sie mir darum
nicht böse. Und grüßen Sie Hans Stahl, Herr Martin ... er soll recht
glücklich werden.«
Zusammengebeugt, wie ein gebrochener, müder Mensch, wankte Severin
fort, und die beiden anderen sahen ihm bewegt nach.
»Wie sagt der Bruder Martin im »Götz«?« sprach endlich der Alte; --
»das Gefühl seines Standes frißt ihm das Herz.«
»Schade um ihn!« fügte Frohwalt mit aufrichtigem Bedauern bei.
Jetzt kam Martin auf seinen Brief zu sprechen; er ließ seinen Besuch
ihn lesen und dann bemerkte er:
»Und weißt Du was, Peter? -- Wir schnüren unsere Ränzchen und
marschieren morgen ab, geradewegs nach dem Erzgebirge und nach dem
kleinen Neste, wo unsere römischen Freunde hausen. Hier wird der Boden
ohnedies etwas zu warm für Dich werden, denn daß Dein Freund, der
Pfarrer, kräftig einheizt, darauf kannst Du Dich verlassen. Und mir
juckt's schon den ganzen Morgen so wunderlich in den Beinen, daß ich
zum Städtele hinaus _muß_. Also, wie steht's?«
»Ja, lieber Vetter Martin -- zum Reisen gehört Geld!«
»Das haben wir, Peter! Wie Fürsten reisen wir freilich nicht, eher wie
fahrende Schüler, aber das ist bei weitem vergnüglicher, und dafür
reichen meine Mittel für uns zwei sehr anständig aus. Was mein ist, ist
Dein -- das ist doch selbstverständlich, und wenn Du etwa eine andere
Meinung haben solltest, so sprich sie aus, aber sei gewärtig, daß ich
Dich aus meinem Besitztum hinauswerfe und jede diplomatische Beziehung
zu Dir abbreche.«
»Na gut denn, Du lieber, närrischer Vetter, -- und wenn Du mit einem
aus der Kirche Ausgeschlossenen Dich zu wandern getraust ohne Schaden
für Dein leibliches und seelisches Heil -- --«
»Sei ganz ruhig, Peter! Wenn sie erst Dich herausthun aus der Kirche,
dann können sie's bei mir gleich mit besorgen, das will ich dem Pfarrer
schriftlich geben!«
»Dann ist's recht -- und morgen wandern wir!«
»Topp!« sagte Martin, und unbekümmert um die Nähe der Gasse schleuderte
er seine Mütze hoch in die Luft und fing sie wieder auf, wie ein
lustiger Knabe, für den die Ferien gekommen sind, und dem eine goldene
Zeit der Freiheit winkt.
Am andern Morgen, als es noch recht ruhig war im Städtchen, aber der
Sonnenschein schon über den Dächern lachte, zogen zwei Wanderer zum
Thore hinaus. Ueber ihnen blauer, weitgespannter Himmel, unter ihnen
noch leicht wogender Nebel, und wo sie gingen zur Rechten und zur
Linken ein Glänzen und Blühen. Die ersten Lerchen stiegen empor in die
klare Luft, aufjauchzend aus den kleinen Kehlen, und die Brust wurde
den Beiden weit und froh, so daß sie erst eine gute Weile schweigend
ausschritten, bis der Vetter Martin endlich sein Morgenpfeifchen
anzündete, und nun begann er redselig zu werden.
So kamen sie nach Burgdorf, der kleinen evangelischen Gemeinde, und
das Dorf machte im Morgensonnenschein einen besonders freundlichen und
sauberen Eindruck.
Als sie an dem schlichten Pfarrhause vorüberkamen, in dessen Gärtchen
alles in frischer Blüte stand, sahen sie den jungen Pfarrer mit
seiner Frau unter den Bäumen auf- und abschreiten, und Frohwalt
erinnerte sich, dies Bild beinahe ebenso schon früher einmal gesehen
zu haben. Heute sah er es mit ganz anderen Augen an: Jeder Hauch von
Feindseligkeit war aus seinem Herzen geschwunden, und er empfand eine
Art reiner Freude über diese trauliche Häuslichkeit und das freundliche
Familienleben in diesem Pfarrhause, das einen bedeutsamen Gegensatz
bildete zu dem, was er in Nedamitz und im Hause Parellis in Rom
geschaut und erlebt hatte.
Die beiden Wanderer ließen sich Zeit und genossen die Schönheit
der Gotteswelt in vollen Zügen; Frohwalt aber schien es, als ob er
nie so sonnige, herrliche Tage durchlebt hätte, und wenn er gemeint
hatte, Vetter Martin völlig zu kennen, so wurde er jetzt eines Besseren
belehrt, denn auf der Wanderung gab sich der Alte erst ganz, wie er
war, mit seinem reichsten Humor, mit seinen wärmsten Empfindungen, mit
seinem für alles Schöne und Gute empfänglichen Herzen.
An einem Nachmittage trafen sie in Ehrenberg ein. Es war ein ziemlich
großes, freundliches Dorf, das im Grün der Gärten in einer Thalsenkung
des Erzgebirges lag. Die Gegend schien fruchtbar und wohlhabend,
und war von landschaftlicher Anmut, wie der Gegensatz von grünem,
flußdurchzogenem Thal und in der Ferne blauenden Bergen sie bot.
Der Kirchturm war für unsere Freunde der Wegweiser; in der Nähe des
Gotteshauses mußte sich die Pfarrei befinden.
Und sie täuschten sich nicht. Ein Knabe hatte sie zurecht gewiesen, und
so traten sie in den Pfarrhof ein. Hier aber war es Frohwalt, als sehe
er jenes freundliche Bild in Wirklichkeit vor sich, das er in Quandts
Skizzenmappe in Rom erblickt hatte. Da war das alte, breitbehäbige Haus
von Holzfachwerk mit dem der Straße zugewendeten stattlichen Giebel und
davor die prächtige Linde mit ihrem jungen, noch nicht voll entfalteten
Grün. Auf der Holzbank darunter aber saßen der Maler mit seiner Frau
und mit Hans Stahl, und sahen zu, wie ein prächtiges, blühendes Mädchen
die lustig um sie flatternden Tauben fütterte.
Aber die Ankömmlinge hatten nicht Zeit, das Bild zu genießen mit seiner
traulichen Anmut, denn Heinrich Quandt hatte sie schon gesehen.
[Illustration: »Der Vetter Martin! Doktor Frohwalt!« klang es, dann
eilten die drei von der Linde her ... (S. 433.)]
»Der Vetter Martin! Doktor Frohwalt!« klang es, dann eilten die drei
von der Linde her, und das junge Mädchen ließ die goldenen Weizenkörner
achtlos aus der Schürze rollen unter das durch die Bewegung der
Menschen gleichfalls erregtere Taubenvolk. Dann fanden sich die Hände
im warmen, herzlichen Drucke, und Begrüßungsworte gingen hin und her.
Martin aber hielt seinen »Lausitzer Windhund« wie einen Sohn in den
Armen, und sah ihm dann ins Gesicht:
»Potz Respekt, Herr Ritter des eisernen Kreuzes!« sagte er bewegt, und
dann fuhr er liebkosend über den verwundeten Arm, der noch in der Binde
lag.
Heinrich Quandt aber rief dem Mädchen zu: »Trudchen, komm her!« und
zum Giebelfenster hinauf: »Papa, Mama, unsere römischen Freunde sind
gekommen!«
Aus dem Fenster beugte sich einen Augenblick ein von weißschimmernden
Haaren umwobenes freundliches Gesicht und eine sonore Stimme rief:
»Herzlich willkommen! Wir sind gleich bei Euch!«
Und eben als die andern in den breiten Flur des Hauses traten, kamen
der Pfarrer und seine Frau die Treppe herab, ein hübsches, altes
Paar, dem Herzlichkeit und Gutmütigkeit aus den Augen leuchtete. Sie
begrüßten die beiden Ankömmlinge wie gute alte Bekannte, und schon
nach kurzem saßen sie alle beisammen um den Tisch bei einem Imbiß,
der von der geistlichen Hausfrau schnell bereitet worden war, und
bei Gesprächen, die alte Erinnerungen rasch neu belebten, aber auch
bekundeten, wie man im Pfarrhause zu Ehrenberg über alles, was mit
Rom zusammenhing, auf das Beste unterrichtet war und für alles die
herzlichste Teilnahme zeigte.
Als Martin und Frohwalt am Abend das Gasthaus aufsuchen wollten, geriet
der Pfarrer geradezu in liebenswürdigen Zorn:
»Davon kann doch nicht die Rede sein! Wir haben übergenug Platz in
unserem alten, gemütlichen Hause und Gott Lob auch genug zu essen und
zu trinken, und wir denken doch nicht, daß Sie hierhergekommen sind,
um uns zu kränken? Was müßten denn meine Kirchkinder sagen, wenn ihr
Pfarrer seine Freunde im Gasthofe unterbringen ließe!«
Da fiel sein Blick auf Frohwalt, und er wurde ernster, als er beifügte:
»Herr Doktor, _Ihnen_ darf ich keinen, auch keinen freundschaftlichen
Zwang anthun ...«
»Ich verstehe Sie, Herr Pfarrer,« sagte der Angeredete lächelnd, --
»aber ich bin in der Lage, ganz meinem Herzen folgen zu dürfen, und
wenn Sie mich hier behalten, bleibe ich!«
Herzlich drückte der alte evangelische Geistliche ihm die Hand, und die
Sache war abgemacht.
Frohwalt war erstaunt über den feinen Takt, welcher in diesem Hause
herrschte, und wie man alles vermied, was nach der Meinung der
Pfarrerfamilie ihm peinlich oder unangenehm sein könnte. Auch von dem
Konzil war nicht die Rede, ebensowenig wie von seiner Stellung zu der
Unfehlbarkeit, bis er am zweitnächsten Tage selbst darauf, wie auch auf
seine Ausschließung aus der römischen Kirche zu sprechen kam.
Der Pfarrer schien überrascht, aber, so nahe auch nun der Gedanke oder
die Versuchung dazu gewesen wäre, er hielt sich völlig fern von einem
Anpreisen seines eigenen Glaubens und sprach mit Frohwalt über die
Sache in einer nicht bloß völlig objektiven, sondern auch sehr klaren
und kenntnisvollen Weise, so daß dieser vor dem Wissen wie vor dem
Charakter des alten Herrn immer neue Achtung bekam.
Es war Sonntag. Die Glocke rief zur Kirche, und Vetter Martin, der mit
Stahl und Frohwalt im Garten hin- und widerging, sagte:
»Ich dächte, wir hörten den Pfarrer predigen. Gottes Wort kann uns
nichts schaden, und ich denke, der alte Herr wird nichts Unrechtes
reden. Du, Peter, bist überhaupt an nichts mehr gebunden, und Hans
und ich wollen es schon mit unserem katholischen Gewissen ausmachen,
wenn wir einmal ein evangelisches Gotteshaus besuchen. 's ist bei mir
überdies nicht das erste Mal.«
So gingen sie mit einander. Niemals noch hatte Frohwalt eine
protestantische Kirche betreten, und darum wohl ergriff ihn eine
seltsame Befangenheit. Aber bald schwand dieselbe vor der würdigen
Einfachheit, welche hier herrschte. Der einzige, schlichte Altar,
nur mit einem schönen Kreuzbilde geziert, zu dessen Seiten zwischen
frischen Blütenzweigen die Kerzen brannten, die weißgetünchten Wände,
hell beschienen von der durch die hohen Fenster einfallenden Sonne,
die Emporen mit dem alten, gefälligen Schnitzwerke, die hölzerne
Kanzel, auf welche von der Kirche aus die Treppe emporführte, und
das kleine Orgelchor mit den blinkenden Pfeifenreihen ... das alles
stimmte so ruhig und drängte, da der Blick nicht abgelenkt wurde durch
überflüssigen Schmuck, zahlreiche Bildwerke und Statuen, zu innerer
Sammlung.
Die Orgel setzte ein, und der gemeinsame Gesang der zahlreich
Versammelten erklang weihevoll wie ein Beten. Die Worte des alten
Liedes von Paul Gerhardt: »Befiehl Du Deine Wege« muteten Frohwalt
seltsam an; es war, als ob der alte evangelische Dichter sie just für
ihn verfaßt hätte, und es drängte ihn, bei der dritten Strophe selbst
mit einzustimmen, so daß das Auge Vetter Martins ihn ganz verwundert
streifte.
Mit Aufmerksamkeit folgte er der Liturgie, mit noch größerer aber
der Predigt des alten Pfarrers. Die Worte klangen so herzlich und
ungesucht, sie paßten sich dem Verständnis und Empfindungsleben der
schlichten Zuhörer völlig an, und sie wurden mit einer so natürlichen
Wärme gesprochen, daß Frohwalt sich am Ende derselben tief ergriffen
fühlte. Ja, das war eine evangelische Predigt ... und er hätte ihr
tausende von katholischen Zuhörern gewünscht. Da war nichts gesagt
worden, was er nicht auch empfand, und was er von seinem Standpunkte
aus nicht auch hätte sagen dürfen.
An die Predigt schloß sich der Beichtgottesdienst, und wie in
einem frommen Banne hörte er das allgemeine Sündenbekenntnis und
die Absolutionsworte des greisen, würdigen Mannes, er hörte mit
andächtigem Staunen die nun folgende Liturgie des Abendmahls, die
alles Wesentliche enthielt wie die katholische Messe, ja genau mit
denselben Worten, nur daß sie schlicht und schön in der Muttersprache
erklangen, allen verständlich und allen erbaulich. Dann schritten sie
langsam heran an den Altar, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen
und empfingen Brot und Wein, ehrfürchtig sich verneigend, und mit dem
schönen, dreifachen Segen des Priesters schloß der Gottesdienst.
Das kleine Kirchlein war schon leer geworden, als Frohwalt erst mit
seinen zwei Begleitern es verließ. Vor dem Thore stand er still und
faßte die Hand Martins, der ihn schweigend beobachtet hatte und sagte:
»Das ist ein wahrer Gottesdienst! Gemahnt es nicht an die ältesten
Zeiten der Kirche, da man nichts wußte von Prunk und Glanz der
Aeußerlichkeiten, und da die Christen still und schön ihr schlichtes
Liebesmahl gemeinsam genossen? Solche weihevolle Andacht habe ich
niemals empfunden, als in dieser evangelischen Dorfkirche!«
Er konnte es sich nicht versagen, das auch dem alten Pfarrer gegenüber
auszusprechen, der ruhig und freundlich erwiderte:
»Sie sind nicht der erste Katholik, welcher diese Empfindung hat; bei
manchem ist sie freilich bedingt durch den Reiz des Neuen, bei Ihnen,
glaube ich, ist sie tiefer, weil Sie mit Ernst nach dem Wahren suchen.
Der liebe Gott erleuchte Sie auf Ihrem Wege!«
Er ging auf ein anderes Gespräch über, und gerade das berührte Frohwalt
ungemein wohlthuend.
Am nächsten Morgen brach der Vetter Martin auf; bei solchem
Frühlingswetter hatte er nirgends lange Ruhe, und es drängte ihn
hinaus in die Welt. Er wollte diesmal Elsaß und Lothringen besuchen,
die wiedergewonnenen Kinder der Mutter Germania. Quandt mit seiner
Frau, Hans Stahl mit Trudchen und Frohwalt gaben ihm ein Stück weit
das Geleite. Mit letzterem ging der Alte einige Schritte den anderen
voraus, und als es beinahe ans Abschiednehmen kam, sagte er:
»Ich weiß Dich hier in guten Händen, Peter; drum kann ich
ausmarschieren, und wenn ich wiederkomme, hat sich in Dir, wie ich
bestimmt hoffe, manches völlig ausgeklärt, was jetzt noch schwankend
ist. Ich meine aber, Du bist auf dem besten Wege, erst recht ein
brauchbares Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden.
Konfessionslos kannst Du nicht bleiben, der Altkatholizismus ist noch
unfertig ... werde evangelisch, wie Deine Schwester ist! Werde ein
Priester wie unser alter Gastfreund, ein Leiter, Führer und Vorbild
Deiner Gemeinde. Das ist mein ehrlicher Rat, und es soll mich freuen,
Peter, Dich einmal auf Deiner evangelischen Pfarre und in Deinem
Hausstande besuchen zu können. Und dann nimmst Du mich auch in Deine
Kirchengemeinde auf. Punktum! Und jetzt gehen wir auseinander!«
Der Alte wandte sich nach den übrigen um und schwenkte lustig seinen
Stock. Sie kamen rascher herbei, und es folgte der herzlichste, rasche
Abschied. Viel dabei herumzureden, war nicht Martins Art. Nach kurzer
Weile wanderte er weiter, mit großen Schritten, noch zweimal sich
umblickend nach den wehenden Tüchern und winkenden Händen, dann gingen
die Zurückbleibenden langsam wieder dem freundlichen Dorfe zu, dessen
Kirchturm ihnen friedlich entgegenwinkte.
Quandt und Fritzel gingen mit Hans Stahl voran, Frohwalt folgte mit
Trudchen nach. Unbefangen hatte er bisher mit dem heitern, schönen
Mädchen verkehrt, in dieser Stunde aber überkam ihn zum ersten Male
eine gewisse Befangenheit: Ein Wort des Alten klang ihm in der Seele
nach, wenn er in die hellen, frischen, braunen Augen schaute, und auf
den plaudernden roten Mund. Sie merkte seine schweigsame Art und sagte:
»Der Abschied vom Vetter Martin hat Sie ja ganz still gemacht!«
»Ja, er ist mir sehr lieb, der alte Mann, und ich sehe ihn immer mit
heimlicher Wehmut scheiden.«
»Er erinnert mich in manchem an meinen Vater!«
»Sie haben recht. Beide haben dieselbe milde Art, die gleiche
Duldsamkeit und die nie versiegende, von sonnigem Humor verklärte
Herzenswärme.«
Das Mädchen sah ihn mit aufleuchtenden Augen an. »Es freut mich, daß
Sie schon nach so kurzer Zeit meinen Vater so beurteilen --«
Und nun ging ihr das kindliche Herz auf, und sie begann von ihren
Eltern zu erzählen, und dem stillen Zuhörer ward es dabei wärmer in
der Seele. Diese Kindesliebe hatte etwas unendlich Anmutiges und
Wohlthuendes, und das Mädchen gewann in seinen Augen ganz besonderen
Wert und Reiz.
Von diesem Tage an schloß sich Frohwalt mehr als bisher an den
alten Pfarrer an und verkehrte manche Stunde mit ihm in ernsteren
Gesprächen. Er selbst lenkte die Rede dabei auf religiöse Fragen,
und ihn überraschte die ruhige Klarheit, die edle Milde, mit welcher
der Pfarrer solche behandelte. So gewann er einen Einblick in das
evangelische Bekenntnis und fühlte sich seltsam davon angezogen. Es
lag in demselben ein schöner, gesunder, wahrhaft religiöser Kern,
ein tiefbegründetes, sittliches Bewußtsein, ein Ablehnen des äußeren
Scheins, eine Verklärung des deutschen Wesens, so daß es ihm jetzt erst
verständlich ward, wie die Reformation auf deutschem Boden erwachsen,
und wie ein einfacher Sohn des deutschen Volkes sie ins Leben rufen
konnte.
Und die Worte, welche er von dem Pfarrer hörte, erhielten ihre schönste
Bestätigung in den Verhältnissen in dem Pfarrhause selbst. Hier
herrschte ein wundersamer Geist des Friedens und der Menschenliebe,
von hier aus ging Trost und Rat in die bedrängten Herzen der
Gemeindeglieder, und dabei wetteiferten die weiblichen Glieder der
Familie mit dem Oberhaupte. Die Pfarrerin war in jeder Weise des Gatten
wert. Sie besaß eine vortreffliche Bildung des Verstandes und des
Herzens, und war mit ihrem freundlichen, teilnahmsvollen Wesen wie der
gute Geist des Hauses.
Was waren das für herrliche Stunden, welche Frohwalt in diesem Kreise
verlebte, zumal des Abends, wenn die Familie enger an einander rückte
und jeder gab und empfing, und sich an beidem still erfreute. Da setzte
sich wohl die Pfarrerin ans Klavier, und die beiden Töchter sangen,
Trudchen mit schöner, sympathischer Sopranstimme und Friederike mit
klangvollem Alt, während der Hausherr mit dem Seidenkäppchen auf dem
ehrwürdigen Haupte behaglich in seinem Lehnstuhl saß und seine lange
Pfeife schmauchte. Dann erzählte Hans Stahl von den ruhmvollen Tagen,
die er mit durchgestritten, oder Quandts und Frohwalt ergingen sich in
römischen Erinnerungen, bis der Pfarrer zuletzt einen kurzen Abendsegen
sprach, der das Haus und alle seine Bewohner dem Schutze Gottes
empfahl, dann begab man sich zur Ruhe, und tiefer Friede lag über dem
Pfarrhause und dem ganzen freundlichen Dorfe.
Frohwalt lebte hier wie in einem Zauberbann, und manchmal war es ihm,
als träume er und müsse das Erwachen fürchten. Besonders fühlte er das,
wenn er sich mit Trudchen unterhielt. Er hatte sich bisher, getreu den
Vorschriften seines Berufs, wenig um das weibliche Geschlecht gekümmert
und kannte von demselben aus näherem Umgang nur Mutter und Schwester.
Dann hatte er besondere Wertschätzung für Friederike gewonnen, und
da Trudchen der Schwester in jeder Weise ähnlich war, so übertrug er
dies Empfinden gleich von vornherein auf sie. Und sie kam ihm mit
ungesuchter Herzlichkeit und Natürlichkeit entgegen, als ob er ihr
gar kein Fremder wäre, und gab sich in Wort und Wesen mit so heiterer
Anmut, daß der Umgang mit ihr für Frohwalt beinahe ein Bedürfnis
wurde, und er an jedem Morgen sich zumeist darauf freute, ihr frisches,
liebes Gesicht wiederzusehen.
Ueber die Bedeutung solchen Empfindens war er sich selbst nicht klar;
um so klarer aber schienen andere sich darüber zu sein, und Quandts,
sowie Hans Stahl ließen die beiden, so oft es unverfänglich geschehen
konnte, ungestört mit einander verkehren, aber um des Malers Lippen
flog ein gutmütig schönes Lächeln in solchen Augenblicken, und den Arm
seines Weibchens wärmer an sich ziehend, flüsterte er wohl:
»O rühret, rühret nicht daran!«
So mochten etwa drei Wochen vergangen sein. Der junge Lausitzer, der
seinen Arm beinahe mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit in der
Binde trug, gedachte in seine Heimat abzureisen, und auch Frohwalt
schien es an der Zeit, die Gastfreundschaft des lieben Pfarrhauses
nicht länger in Anspruch zu nehmen. Er hatte mehrmals schon davon
gesprochen, zu gehen, aber immer wieder gern sich halten lassen.
Da war er eines Vormittags -- Friederike und Gertrud hatten daheim zu
schaffen, und Quandt malte -- mit Stahl allein durch das Dorf gegangen.
Als sie an dem stattlichen Gasthofe vorüberkamen, hatte der letztere
einen Blick in den Garten desselben geworfen und plötzlich schrie er
auf:
»Professor Holbert!«
Dann eilte er durch die Hinterthüre ein. Frohwalt, der ihm beinahe
mechanisch folgte, sah jetzt in der That auch den Professor an einem
der einfachen Holztische sitzen und neben ihm Therese. In wenigen
Augenblicken waren die vier Menschen bei einander und reichten sich
herzlich die Hände, und Fragen gingen lebhaft hin und her.
Holbert hatte mit seiner Tochter, um den unerquicklichen Prager
Verhältnissen sich auf einige Zeit wenigstens zu entziehen, eine kleine
Reise gemacht, die beide meist zu Fuß zurücklegten. So waren sie nach
Ehrenberg gekommen und gedachten hier Mittagsrast zu halten. Ihre
Freude, Frohwalt und Stahl hier zu finden, war aufrichtig und groß,
und besonders angenehm überrascht waren sie über den letzteren, dessen
Gesicht in diesem Augenblicke wie von innerer Verklärung aufleuchtete,
und den sie herzlich beglückwünschten zu seinen Heldenthaten und seinen
ehrenvollen Erfolgen in Krieg und Frieden. Als Therese ihm dabei die
Hand reichte, hielt er sie eine Sekunde lang fest, und sah ihr dabei so
seltsam in die Augen, daß sie errötend die Blicke senkte.
Um der Freunde willen gedachten Holberts den Nachmittag über hier zu
bleiben und gemeinsam mit ihnen einen nahen Berg zu ersteigen, der
eine schöne Fernsicht bot. Die Pfarrersfamilie war feinfühlig genug,
sich daran nicht zu beteiligen, und so wanderten die vier langsam die
bewaldete Höhe hinan, unter leise rauschenden Föhren hin. Frohwalt und
der Professor schritten voran, Hans Stahl und Therese folgten.
»Ist Ihnen der im Mai von München aus von Döllinger erlassene Aufruf an
die deutschen Katholiken zu Gesicht gekommen?« fragte Holbert seinen
Begleiter.
»Nein. Um was handelt es sich darin?«
»Nun, Döllinger betont in Uebereinstimmung mit einer Anzahl
gesinnungstüchtiger, gläubiger Männer, daß auf dem Boden der Treue
gegen den alten katholischen Glauben eine Erneuerung kirchlicher
Zustände durch einträchtige Arbeit von Klerus und Laien herbeigeführt
und als letztes Ziel christlicher Entwicklung die Vereinigung der jetzt
getrennten christlichen Glaubensgenossenschaften angestrebt werden
soll. Wahrlich ein edles und würdiges Programm, bei welchem, wie ich
annehmen zu dürfen glaube, wohl auch auf Ihre Mitwirkung zu rechnen
ist.«
»Zürnen Sir mir nicht, Herr Professor, wenn ich sagen möchte: ›Die
Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.‹ -- Ich habe
hier reichlich Gelegenheit gehabt, über religiöse und kirchliche
Verhältnisse nachzudenken, und darum finde ich zwar die Bestrebungen
des Altkatholizismus schön und würdig, aber seine letzten Ziele
scheinen mir weder völlig klar, noch vor allem erreichbar.«
»Es kommt nur auf den guten Willen der Beteiligten und auf die
allgemeine Unterstützung an.«
»Und gerade an der letzteren wird es, fürchte ich, fehlen, weil man in
die Ausführbarkeit des Programms kein volles Vertrauen gewinnt. Eine
Umwandlung der kirchlichen Zustände! Sie ist oft versucht worden von
Kirchenversammlungen aus, aber umsonst!«
»Weil man stets mit der römischen Kurie als einem besonderen Faktor
rechnete, der sich angestrebten Aenderungen verschloß oder gar
widersetzte. Für uns Altkatholiken aber ist auch die altkirchliche
Verfassung maßgebend, nach welcher alle Bischöfe gleich und
gleichberechtigt sind mit dem römischen, der nur der Erste unter
Gleichen ist.«
»Sie streben also den Ausbau des bischöflichen Systems an? Aber woher
nimmt der Altkatholizismus seine Bischöfe? Wer soll sie weihen? Denn
die bloße Ernennung könnte doch nicht genügen, in ihnen die Nachfolger
der Apostel zu sehen?«
»Gewiß nicht. Aber wir haben ja bereits eine altkatholische Kirche,
die seit dem siebten Jahrhundert in den Niederlanden besteht, und seit
Anfang des vorigen Jahrhunderts erneuert wurde, die römisch-katholische
Kirche der bischöflichen Klerisei. Sie steht unter dem Erzbischof von
Utrecht und den Bischöfen von Deventer und Haarlem, und bestreitet,
wie wir, die päpstliche Unfehlbarkeit. Durch ihre Bischöfe wird durch
Handauflegung die bischöfliche Weihe rechtmäßig auch auf unsern
Oberhirten übertragen werden.«
»Auch das sind Aeußerlichkeiten, denen ich keinen zu hohen Wert
beilegen möchte. Der Altkatholizismus hat die Absicht, die alte
katholische _Kirche_ wieder herzustellen, und darin liegt nach
meinem Ermessen eine Halbheit, die nicht zum Ziele führen kann. Das
Hinarbeiten auf ein bloß _kirchliches_ Christentum kann nicht das
Letzte und Höchste sein, sondern die religiös-sittliche Ausgestaltung
desselben müßte angestrebt werden, zu welcher die auf den Grundlagen
des Humanismus sich erhebende Reformation den Anlauf genommen
hat. Wir brauchen, möchte ich beinahe sagen, eine Art staatliches
Christentum, ein weltlich sittliches Christentum, wodurch das
Wesen des Protestantismus sich kennzeichnet im Gegensatz zu dem
Katholizismus, der das Wesen des Christentums nur in der _kirchlichen_
Form dargestellt wissen will. Alle Bestrebungen der Zeit im Geiste
des wahren Christentums aufzufassen, dasselbe in ihnen fruchtbringend
werden zu lassen, das wäre eine Aufgabe für den Altkatholizismus, aber
gerade der Erfüllung desselben setzt das Festhalten an kirchlichen
Aeußerlichkeiten Schranken.«
»Ich höre das protestantische Pfarrhaus aus Ihnen sprechen, lieber
Freund!« sagte lächelnd der Professor.
»Es mag etwas Wahres an dem Worte sein, aber andererseits muß ich
betonen, daß ich niemals einen Mann mit milderem Sinne und mit
geringerer Absicht, Glaubensgenossen zu gewinnen, kennen gelernt habe,
als den alten Pfarrer von Ehrenberg.«
»Aber scheint Ihnen nicht wenigstens das letzte Ziel des
Altkatholizismus groß und der Bemühungen der Besten wert? Die wirkliche
Wiederherstellung der katholischen Kirche, in der nur ein Hirt und eine
Heerde ist, die Wiedervereinigung von allen, die sich Christen nennen,
ist das Erhabenste, was sich denken läßt.«
»Gewiß, Herr Professor -- aber leider unerreichbar. Ein Zurückgehen
auf die allerälteste christliche Zeit, ein Wiedererwecken der
altkirchlichen Lehre würde stets auf Widersprüche stoßen und statt
der Einigung noch schärferen Zwiespalt erwecken. Wohl weiß ich, daß
Döllinger in bester Absicht einen Unterschied machen will zwischen
Glaubenssatz und Meinung -- aber wer soll feststellen, was als
Glaubenssatz zu gelten hat? Als Glaubenssatz für _alle_ Christen?
Als Glaubenssatz, der auch einhellig angenommen würde? Aus jedem
Glaubenssatz würde ein neuer Zwiespalt erwachsen, wie es bisher stets
der Fall gewesen ist.«
Sie waren, indem sie dies Gespräch fortsetzten, auf der freien Höhe
angekommen. Unter ihnen lag im Sonnenglanze das schöne blühende Land
mit freundlichen kleinen Städtchen und Dörfern, mit dem blinkenden
Silberbande eines Flüßchens, umrahmt gegen Süden von einem Kranze
höherer Berge und dem Kamme des Gebirges. Einige Augenblicke standen
sie schweigend, dann sagte Holbert:
»Ich sehe aus allem, wie es um Sie steht, lieber Freund, und wohin
Ihre Ueberzeugung Sie führt. Ich achte Sie darum nicht minder, und
ich denke, daß wir die Alten bleiben. Im innersten Wesen stimmen wir
doch überein. Sie wie ich streben die sittliche Wiedererneuerung der
menschlichen Gesellschaft an. Das ist ein großes und edles Ziel, und
der Wege dazu giebt es mannigfache. Uns allen aber leuchtet dazu
dieselbe Sonne und es blaut uns derselbe Himmel, und derselbe ewige
Vater giebt allen seinen Kindern, die ehrlich der erkannten Wahrheit
nachstreben, seinen Segen. Möge er auch uns nicht fehlen!«
Mit wärmstem Drucke fanden sich die Hände der beiden Männer, die
schweigend sich dabei in die Augen sahen. Sie wußten, was sie einander
geworden waren und bleiben wollten.
Langsamer war indes das zweite Paar hinterher gekommen. Ueber Stahl,
sowie über Therese lag anfangs eine gewisse Befangenheit, und die
junge Frau suchte darüber hinwegzukommen, indem sie ihren Begleiter
nach seinen künstlerischen Erfolgen, seinen Arbeiten und Bestrebungen
fragte. Er erzählte ihr davon, begeistert, mit leuchtenden Blicken,
dann blieb er mit einem Male stehen, so daß auch sie den Schritt
anhalten mußte. Ringsum war schweigender Wald, durch welchen die
Sonnenstrahlen zuckten, die beiden Männer vor ihnen waren verschwunden
hinter den Föhrenstämmen, ein Vogel huschte scheu durch das Gezweige
... da sagte er mit einmal mit bebender Stimme:
»Denken Sie noch an den Beth Chajim, und was mein junges, thörichtes
Herz unter den blühenden Fliedersträuchen damals bewegte?«
Es schien, als wolle sie abwehren, aber die Geberde mißlang, und die
Röte, welche ihr in die Wangen trat, strafte sie Lügen. Kühn gemacht
dadurch, fuhr er fort:
»Ich bin seitdem ein anderer geworden. Ich bin durch eine ernste Schule
gegangen, ich habe geblutet für eine heilige Sache, und ich fühle
es, daß ich eine Zukunft habe ... wenn mir der Sonnenschein, an den
ich geglaubt und gehofft habe, seit ich Sie kenne, nicht untergeht.
Damals in Prag mußte ich schweigen -- heute darf ich reden. Therese,
ich brauche es Ihnen nicht zu sagen, daß ich Sie heute noch ebenso
lieb habe, ja noch mehr, denn Sie haben gelitten, und daß mein ganzes
Wesen und Denken nur aufgeht in Ihnen. Sie sind frei, wie ich es bin,
und wenn sie glücklich _machen_ wollen, so sollen Sie auch glücklich
_sein_, das gelobe ich Ihnen bei allem, was uns heilig ist!«
Therese war in heftiger Erregung, ihre Brust atmete lebhaft, sie
rang nach Worten, und ohne sie finden zu können, ging sie einige
Schritte vorwärts. Stahl aber war stehen geblieben; er sah ihr beinahe
enttäuscht, traurig, nach und nur ihr Name entrang sich seinen Lippen,
aber mit einem so unendlich traurigen und doch so liebeerfüllten
Klange, daß sie stehen blieb und ihn ansah.
»Dringen Sie heute ... noch jetzt nicht in mich ... Hans -- es kommt
mir zu überraschend ... ich weiß ja nicht, ob ich noch auf ein Glück
rechnen darf ...«
Er hatte nur das eine Wort gehört, das ihm Alles verriet, und
aufjauchzend rief er noch einmal ihren Namen, und streckte ihr die
ausgebreiteten Arme entgegen.
Sie trat wieder näher an ihn heran, und reichte ihm die beiden Hände:
»Noch nicht, Hans ... lassen Sie mir noch Zeit ...«
Da ergriff er die Hände und küßte sie abwechselnd, bald die Rechte,
bald die Linke, trotz des Handschuhes, so daß ein leises Lächeln um
ihre Lippen spielte.
»Ungestümer!«
Dabei drückte sie auch seine Hände warm und herzlich, und sagte:
»Kommen Sie, Hans, wir wollen vernünftig sein!«
»Wie lange noch, Du Liebe, Herrliche?«
Sie legte ihm die Hand auf den Mund und ihren Arm in den seinen. Und
wie sie leicht sich an ihn schmiegte, da ging ein seliger Schauer
durch sein Herz, so daß er keine Worte finden konnte, und schweigend
schritten sie selbander den Berg hinan. Ehe sie aber hinaustraten auf
die Lichtung auf dem Gipfel, flüsterte er mit unendlicher Innigkeit:
»O sage nur ein einzigmal Du!«
Und mit holdem Erröten flüsterte sie das kleine, süße, inhaltvolle
Wort, und fester zog er ihren Arm an sich --
So kamen sie heran zu den beiden Männern ...
Als Frohwalt an diesem Abende in das Pfarrhaus zurückkehrte, geschah
es mit dem festen Vorsatz, dem Pfarrer anzuzeigen, daß er zum
evangelischen Bekenntnis übertreten wolle. Das Gespräch mit Holbert
hatte ihm die Ueberzeugung beigebracht, daß der Altkatholizismus ihn
niemals ganz befriedigen könne.
Mit ruhiger Freude hatte der Pfarrer diesen Entschluß gehört und seinem
Gastfreunde schweigend die Hand gereicht. Dann aber hatte er nach
seines Herzens Drang mit ihm gesprochen, und als Frohwalt aus seinem
Gemache trat, war seine Seele wundersam erhoben.
Da sah er Trudchen im Flur stehen.
Er eilte auf sie zu mit einer freudigen Erregung und sprach:
»Fräulein Gertrud, soeben habe ich Ihrem Vater mitgeteilt, daß ich
Ihrem Glauben beitreten und ein evangelischer Priester werden will in
seinem Geiste!«
Das Gesicht des hübschen Mädchens wurde von hoher Röte übergossen, und
sie reichte ihm die Hand.
»O wie mich das freut! Wie mich das freut!«
Mehr vermochte sie nicht zu sagen; aber wie sie so dastand im milden
Lichte des Abends, das durch das Flurfenster herein fiel, erschien sie
ihm lieblicher als jemals, und er fragte mit unsicherer Stimme:
»Und warum freut Sie das so, Gertrud?«
Sie vermochte nicht zu antworten. Mit einem leisen, seligen
Aufschluchzen lehnte sie sich an seine Brust und schlang die Arme um
seinen Nacken.
[Illustration: Dekoration]