Vetter Martin.«

Der Brief that wohl, wie ein frischer Trunk aus klarem, gutem Born;

manches, was Frohwalt vordem darin vielleicht unbehaglich gewesen,

erschien ihm jetzt so wahr und gesund, daß er bei seinem Abendmahle

heiter und ruhig war und nach der Aufregung des Nachmittags einen

friedlichen Schlaf fand, der ihn im Traum in seine Heimat trug.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Fünfzehntes Kapitel.

Wochen waren vergangen. Der Unfehlbarkeitsbrei brodelte noch immer

unfertig im Topfe des Konzils, und der Papst, welchem seine Umgebung

vorgespiegelt haben mochte, daß die Sache glatt und schnell abgewickelt

sein würde, wurde ungeduldig. So suchte die Jesuitenpartei nach

einem Mittel, die Angelegenheit zu beschleunigen und glaubte ein

solches gefunden zu haben in der Aenderung der als zu freisinnig sich

erweisenden bisherigen Geschäftsordnung. Man rechnete dabei vor allem

auf die für den Glaubenssatz unbedingt zur Verfügung stehenden Stimmen

und glaubte auf das hin etwas wagen zu dürfen, was einem Gewaltakte

täuschend ähnlich sah.

So wurde durch die neue Geschäftsordnung verfügt, daß sowohl die

Versammlung, als auch der Präsident das Recht haben sollte, jede

Debatte abzuschneiden und eine Abstimmung herbeizuführen. Wenn man

erwägt, daß die Präsidenten und das gesamte Direktorium vom Papste

ernannt wurden, und daß überdies die Mehrheit der Versammlung

bedingungslos alles anzunehmen bereit war, so erhellt daraus, welchen

Wert alle ferneren Beratungen noch haben konnten. Dazu kam die weitere

Bestimmung der neuen Geschäftsordnung, daß alle Beschlüsse mit

_einfacher_ Stimmenmehrheit gefaßt werden konnten. Der Zufall einer

einzigen Stimme sollte Ausschlag gebend sein für einen so ungeheuer

wichtigen Beschluß, welcher tief in das Leben der Kirche eingriff.

Ein solches Vorgehen rief unter einem Teil der Konzilsväter eine

heftige Bewegung hervor, und wiederum waren es die deutschen und

österreichischen Bischöfe, denen sich auch französische und ungarische

anschlossen, welche keinen Augenblick die gefährliche Bedeutung der

neuen Geschäftsordnung verkannten.

Auch im Hause des Kardinals Schwarzenberg zitterte diese Erregung nach.

Professor Meyer, der sonst außerordentlich ruhig blieb, erörterte mit

Schärfe und klarer Gewissenhaftigkeit die Sachlage, und ~Dr.~ Frohwalt,

welchem die ganzen unwürdigen Vorgänge genügend bekannt waren, fühlte

sich immer mehr erschüttert in seinen Anschauungen, die er von der

ewigen Stadt und ihrem kirchlichen Leben gehabt hatte. Mehr als einmal

dachte er des Gesprächs mit Professor Holbert, und mit eigenen Augen

sah er nun, welche gefährliche Macht der Jesuitismus in den Händen

hatte, eine Macht, der gegenüber der offene, ehrliche Mut der besser

denkenden Kirchenväter immer mehr ins Wanken kam.

Auch diesmal kamen sie über halbe Maßregeln nicht hinaus. Wohl machten

etwa hundert Kirchenfürsten eine Eingabe an den Papst, in welcher sie

gegen die neue Geschäftsordnung sich wendeten mit der Erklärung, daß

infolge derselben dem Konzil vorgeworfen werden könnte, daß es der

Allgemeinheit, der Wahrheit und der Freiheit entbehre.

Nur vorgeworfen werden _könnte_! Hier fehlte das eigentlich richtige,

das mutig durchgreifende, entschieden protestierende Wort, und so war

es nicht verwunderlich, wenn solche Eingaben erfolglos blieben, und

wenn die jesuitischen Ratgeber des Papstes sich ins Fäustchen lachten.

Frohwalt war mit dem Jesuitenpater Felice zusammengetroffen, und

dieser hatte mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit sich an den jungen

deutschen Theologen angeschlossen. Im Gespräch aber hatte er mit

einem beinahe spöttischen Lächeln um den schmalen Mund sich über

die Bemühungen der deutschen Bischöfe geäußert, dem heiligen Stuhle

Widerstand zu leisten und hatte mit humoristischer, aber unverkennbar

höhnischer Wendung darauf hingewiesen, wie die Konzilsväter Rom nicht

eher verlassen würden, bevor nicht das neue Dogma fertig sei. Der

römische Sommer werde ihre Bedenken schon schmelzen helfen.

Frohwalt war der kalt lächelnde Mann mit den scharfen Augen niemals

mehr widerwärtig gewesen, und er fühlte sich von seiner Freundlichkeit

abgestoßen. Die Frage, weshalb er das Haus des Prälaten Parelli nicht

mehr besuche, und ob er vielleicht die schönen Augen der Signora

fürchte, empörte den jungen Priester, und er war nahe daran, mit

heftiger Deutlichkeit dem Jesuiten den wahren Grund dafür anzugeben.

Aber er bezwang sich und schützte irgend einen gleichgültigen Grund vor.

An Parellis Haus und die Verhältnisse in demselben sollte er aber bald

in noch weniger angenehmer Weise erinnert werden.

Es war an einem Sonntag. Sisto, welcher ein kleines Stübchen im

Erdgeschoß des Hauses des Prälaten inne hatte, neben der Wohnung

Giovannis, hatte den ganzen Nachmittag an seinem Fenster gesessen

und an einer Buchsbaumfigur geschnitzt, welche er schon seit einiger

Zeit in der Arbeit hatte. Der Junge besaß ein ganz außerordentliches

Geschick, und der Meister, bei welchem er sich in der Lehre befand,

hatte sich wiederholt dem Prälaten gegenüber ungemein lobend

ausgesprochen. Sisto hatte beschlossen, seinem Wohlthäter heimlich

eine kleine Freude und Ueberraschung zu bereiten, und niemand

sollte davon wissen. Es war eine ganz köstliche Phantasiefigur, an

welcher er schnitzte, eine Art Satyr, welcher auf der Schulter ein

reblaubumwundenes Fäßchen trug, das als Lämpchenhalter verwendet werden

konnte.

An diesem Sonntage wollte der Knabe mit seiner Arbeit zu Ende

kommen, und als es dämmerte, war er in der That so weit, daß er mit

Befriedigung auf das vollendete Werk schauen konnte. Er freute sich

daran, noch mehr aber darüber, das kunstvolle Lämpchen heimlich in

das Schlafgemach des Prälaten zu stellen und ihn so besonders zu

überraschen.

Sisto war in seinem Plane ganz aufgeregt und konnte kaum erwarten,

bis er nach der Abendmahlzeit sich würde in das betreffende Zimmer

schleichen können. Er hatte sich schon vordem ein kleines Glasgefäß

verschafft, welches in das geschnitzte Fäßchen paßte, es mit Oel

gefüllt und mit einem Docht versehen, auch probiert, wie das Lämpchen

brannte und sich beim Schimmer des kleinen Lichtchens erst recht an

seiner hübschen Arbeit gefreut.

Als er nun meinte, daß der Prälat mit der Signora -- Gäste waren heute

ausnahmsweise nicht anwesend -- noch bei Tische sitzen werde, schlich

er leise und mit pochendem Herzen, als ob er irgend etwas Schlimmes

vorhätte, die kleine Dienertreppe hinauf nach dem Obergeschoß. Er

kannte, da ihn der Prälat ganz ungehindert überall verkehren ließ,

die Lage der Zimmer, sowie ihre Verbindung unter einander ganz genau.

Er wußte auch, daß das Schlafzimmer zwei Zugänge hatte, deren einer

durch die Salons und das Arbeitszimmer führte, während der andere fast

unmittelbar vom Flur aus zu erreichen war.

Er hatte das Lämpchen angezündet, hielt die Hand vor das kleine Licht,

damit es ihm nicht erlösche und trat nun, durch ein Dienerzimmer und

ein Vorzimmer geräuschlos hinschreitend, an die Thür des Schlafgemachs.

Er spähte durch das Schlüsselloch und fand, daß alles finster war; sein

Plan wurde offenbar begünstigt, und so faßte er, während seine Linke

die Lampe trug, mit der Rechten den Drücker, der leicht und unmerklich

nachgab, und einen Augenblick später stand er im Rahmen des Eingangs.

Aber dieser Augenblick ließ ihn beinahe zu Stein erstarren.

Das unselige Lämpchen beleuchtete ein Bild, vor dem der Knabe sich

entsetzte. In dem Gemache stand an der einen Wand ein geschnitztes

breites Bett mit einem seidenen Baldachin darüber und vor demselben

ein Divan, der mit einem schönen Pantherfelle bedeckt war. Auf diesem

aber saßen in heißer Umschließung Parelli und Lucia, letztere in weißem

Négligé mit nackten, vollen Armen. Aus dem dunklen Rahmen des Zimmers

trat gerade diese Gruppe, beleuchtet durch das flimmernde Licht, in

müden aber deutlichen Umrissen hervor, und auch die beiden Menschen

saßen im ersten Momente bei der unerwarteten Ueberraschung wie erstarrt.

[Illustration: Das Lämpchen beleuchtete ein Bild, vor dem der Knabe

sich entsetzte. -- (S. 287.)]

Dann folgte ein zweifacher lauter Aufschrei. Den einen stieß die

Signora aus, welche hastig aufsprang und ihre Arme von dem Nacken des

Mannes löste, den andern Sisto, der gleichzeitig seine Lampe fallen

ließ und wie von bösen Geistern gejagt, hinausstürzte. Dunkelheit lag

wieder auf dem üppig ausgestatteten Raume, Dunkelheit breitete sich aus

auch in dem kleinen Hofstübchen des armen Jungen, der wie von Entsetzen

geschüttelt, mit klappernden Zähnen, sich angekleidet auf seinem Lager

hin- und herwarf und den Schlaf nicht finden konnte.

Ihm war zu Mute, als ob ihm ein verehrtes Heiligtum entweiht, als ob

ihm eine Gottheit in den Staub getreten worden wäre. Der arme Knabe

hatte mit seinem frommen, anhänglich treuen Wesen in dem Prälaten

die Verkörperung der Gottähnlichkeit gesehen, er hatte mit einer

unendlichen Verehrung, beinahe mit Anbetung zu ihm aufgeschaut, wie zu

einem Heiligen ... und nun war er so furchtbar enttäuscht. Er hätte

aufschreien und weinen mögen in seinen entsetzlichen Schmerzen, die

ihm das junge, in seinem Vertrauen so enttäuschte Herz bereitete, denn

er fühlte, daß er trotz allem noch den Prälaten liebte; das Weib aber

haßte er von dieser Stunde an tödlich.

Der Knabe hatte eine qualvolle Nacht. Stunde ging langsam um Stunde,

aber so sehr die bange, heiße Schlaflosigkeit ihn quälte, so sehnte er

doch nicht den Morgen herbei, denn er wußte nicht, was der neue Tag

ihm bringen würde, und wie er vor die Augen seines Wohlthäters treten

sollte.

Aber die Zeit kümmert sich nicht um Leid und Lust, nicht um Sehnsucht

und Zagen eines Menschenherzens; mit gleichmäßigem Fuße schreitet sie

ihren ewigen Weg durch Glück und Unglück. Und die Sonne Roms ging an

jenem Morgen mit wundersamer Herrlichkeit auf am blauen Himmel der

Tiberstadt und lachte über den Palästen und blinkte hinein in das

Stübchen des armen Jungen, der mit verhärmten Wangen und verweinten

Augen, ein Bild des Jammers, in einem Winkel kauerte, wie ein Hund, der

gewärtig ist, mit der Peitsche hinausgetrieben zu werden aus dem Orte,

wo er friedlichen und freundlichen Unterschlupf gefunden hatte.

Aber Sisto dachte nicht an sich; er dachte an den Herrn, den er liebte

und dessen Seelenheil ihm in seiner naiven Frömmigkeit am Herzen lag. O

wenn er ihn freimachen könnte aus den Fesseln des buhlerischen Weibes,

wenn er wieder gläubig, vertrauend und verehrend zu ihm aufschauen

dürfte wie zu einem echten, rechten Hirten der Christenheit! Er hatte

im Gebete gerungen und vor allem seinen Schutzheiligen angefleht, der

einst ein frommer Papst gewesen und ein Stellvertreter Christi auf

Erden, und nun war durch seine Seele wie ein heller Blitzstrahl ein

leuchtender Gedanke geflogen. Vielleicht stand sein Heiliger ihm bei,

wenn er ihn ausführte.

Er hatte den Prälaten zurückkehren sehen aus der Kirche, und bei

dem Gedanken, daß er trotz der Sünde des gestrigen Abends die Messe

zelebriert und den Leib des Herrn in Brot- und Weingestalt genossen

haben könnte, schauderte er zusammen: Das war nicht möglich -- es

wäre ein Gottesraub gewesen. Er suchte sich den Gedanken auszureden,

während er langsam die kleine Treppe hinaufstieg, die er am vorigen

Abend mit freudig klopfendem Herzen gekommen war.

Er wußte, daß Parelli allein frühstückte und zwar in einem kleinen

Gemache, das unmittelbar an sein Arbeitszimmer stieß. Auf der Treppe

begegnete Sisto seinem Freunde, dem Kammerdiener, der ihm beinahe

bestürzt in das blasse, überwachte Gesicht schaute, in welchem die

dunklen Augen heute größer und glänzender zu sein schienen. Er frug den

Knaben, ob er krank sei; dieser aber verneinte es lebhaft und that die

Gegenfrage, ob er Monsignore jetzt allein antreffe.

Giovanni bestätigte dies und schon nach wenigen Augenblicken trat

Sisto, nachdem er zuvor durch Klopfen Einlaß begehrt, bei dem Prälaten

ein. Als dieser den Knaben sah, fuhr er beinahe erschrocken auf;

sein Gesicht rötete sich, und Sisto begann einen Augenblick sich vor

einem Ausbruch des Zornes zu fürchten. Aber ehe noch Parelli ein Wort

finden konnte, hatte sich der braune Junge schon vor ihm auf die Knie

niedergerworfen und hob die gefalteten Hände zu ihm empor:

»O gnädigster Herr, seien Sie nicht böse! Ich habe Ihnen eine Freude

machen und Sie mit dem kleinen Schnitzwerk überraschen wollen ... ich

konnte ja nicht wissen ... ich wäre niemals gekommen, und es wäre auch

besser für mich gewesen. O gnädigster Herr --« und hier brach Sisto in

lautes Schluchzen aus, das den jungen Körper so sehr erschütterte, daß

der Knabe nur mit Anstrengung die Worte hervorstoßen konnte »-- ach

verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht anders, weil ich Sie zu lieb

habe, entlassen Sie die Signora, die Sie unglücklich macht im Leben

und im Sterben, die Ihnen die Seele vergiftet und die ewige Seligkeit

raubt! O mein Gott, was rede ich da vor Ihnen, dem hohen geistlichen

Herrn! Aber beim heiligen Sistus, ich kann nicht anders, ich muß Sie

anflehen, weil es mir sonst das Herz sprengen müßte. O, Signora Lucia

ist _nicht_ verwandt mit Ihnen, schicken Sie sie fort, und ich will auf

den Knieen vor Ihnen liegen, wie vor den lieben Heiligen, o schicken

Sie sie fort!«

Der Prälat war tief erschüttert von dem ungeheuchelten Seelenschmerze

des Knaben; er war aufgestanden und stand da mit bleichem Gesichte,

gelehnt an den Rand des Tisches. Er sagte mild, mit bewegter Stimme:

»Steh auf, Sisto! Ich will vergessen, daß Du durch Dein Eindringen in

mein Gemach zu solcher Stunde ungebührlich gehandelt hast, und daß

Deine Liebe zu mir Dich auch jetzt ungebührlich reden läßt.« Auch

dem Knaben wich die Röte, welche, während er sprach, seine Wangen

übergossen hatte, wieder aus dem Antlitz, und ohne sich zu erheben,

stammelte er:

»Und das Weib? -- Und die Signora?«

»Das verstehst Du nicht, Knabe, und darüber kann ich mit Dir nicht

sprechen,« sagte Parelli ernst, beinahe strenge.

Sisto stand auf. Er sprach kein Wort mehr, die braunen Hände vor das

Gesicht geschlagen, stürzte er hinaus, eilte die Treppe hinab nach

seinem Stübchen, und hier warf er seine Kleider, die der Prälat ihm

gekauft, von sich, suchte den verschlissenen Anzug, in welchem er ins

Haus gekommen war, kleidete sich hastig darein, machte dann noch ein

kleines Bündelchen zusammen von dem, was er mit Recht sein nennen

konnte, und machte sich so wie zu einer Flucht fertig. In ihm stand

es fest, daß er nicht hierbleiben konnte, er hätte das Weib erwürgen,

vergiften, erdolchen müssen!

Er gab acht, daß ihn niemand bemerken konnte, und dann huschte er

schnell durch das Thor hinaus auf die Straße. Noch einen scheuen Blick

warf er nach dem hohen, prächtigen Hause, dann lief er von dannen. Er

wußte nicht, wohin er sich wenden sollte. Zu dem Meister, der ihn

in der Holzbildhauerei unterrichtete, zu gehen, schämte er sich in

seinem Anzuge; er hätte nicht gewußt, was er ihm mitteilen sollte über

den Grund der Veränderung, die mit ihm geschehen war, und fürchtete

Mißdeutungen. Auch zu Quandt wagte er sich aus dem gleichen Grunde

nicht, und so stand er in dem weiten, glänzenden Rom wie damals, als er

bettelarm in einem Winkel kauerte, weinend und hungernd.

Da fiel ihm der junge deutsche Priester ein, welchen er einigemale im

Hause Parellis, sowie bei Quandt gesehen hatte.

Das frische Antlitz, das klare Auge, die wohlwollende Güte ~Dr.~

Frohwalts hatten auf den Knaben schon lange einen besonders guten

Eindruck gemacht, so daß er stets mit gewissem Vertrauen zu ihm

emporblickte. Und da er jetzt, in dieser unglückseligen Stunde jemanden

brauchte, dem er, wie einem Beichtvater, alles erzählen konnte, was

seine junge Seele schmerzlich zusammenzog, so beschloß er, Frohwalt

aufzusuchen.

Er war bei dem Gedanken ruhiger geworden und schritt langsam über die

Ponte San Angelo nach dem andern Tiberufer, wo ihm in massiver Majestät

die Engelsburg entgegenragte. Sisto kannte die Wohnung des deutschen

Priesters, denn er hatte denselben schon einmal im Auftrage des

Prälaten aufgesucht, und zu seiner Freude fand er ihn daheim.

Frohwalt sah verwundert, ja beinahe betroffen auf den Knaben in seinem

schäbigen Anzuge, und auch Sisto stand einige Augenblicke verlegen und

mit schimmernden Augen vor ihm. --

»Was ist's? Und warum kommst Du _so_ zu mir?« fragte endlich der

Priester in freundlichem Tone, und der Knabe faßte nach seiner Hand und

küßte sie inbrünstig.

»Ach, verzeihen Sie mir, hochwürdiger Herr! Aber ich muß zu Ihnen

kommen, Sie sind der Einzige, zu welchem ich Vertrauen habe.«

Frohwalt suchte den aufgeregten Jungen zu beruhigen. Er zog ihn neben

sich auf den Divan, legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter,

und so, sich leicht an den Priester anschmiegend, die Augen gesenkt,

berichtete Sisto alles, was seit gestern abend gewesen war. Er schloß:

»Und da konnte ich nicht anders, hochwürdiger Herr! Ich mußte das Haus

verlassen und wenn ich auch betteln muß. Ich will keine Hilfe von

Ihnen, Sie sollen mir nur sagen, ob ich recht gethan habe oder nicht,

denn Gott weiß, ich wollte nicht undankbar sein!«

Frohwalt war tief erschüttert von den schlichten, wahrheitsvollen und

doch so leidenschaftlich erregten Worten des Knaben. Er sah wie in

einen Abgrund, in welchen kein Licht fallen konnte. Das Haus eines

Kirchenfürsten, aus welchem die guten Geister wichen und worin die

geputzte Sünde zurückblieb!

O, das war schlimmer als im Pfarrhause in Nedamitz! Aber was sollte er

dem Knaben sagen? Was sollte überhaupt mit diesem geschehen?

Dieser sah ihn mit seinen großen dunklen Augen so treuherzig und

vertrauend an, daß er, einem jähen Antrieb folgend, seine Hand ergriff

und sagte:

»Du hast recht gethan, Sisto!«

Da küßte ihm der Knabe aufs neue die Hände, Frohwalt aber fuhr fort:

»Indes so ohne weiteres solltest Du doch nicht fortlaufen. Der Prälat

wird sich um Dich ängstigen und er muß wissen, wo Du bist. Ich werde

mit ihm sprechen -- --«

»Sie wollen ihm sagen, daß ich Ihnen erzählt ...«

»Sei ruhig -- ich werde das Richtige zu finden suchen. Aber mit Dir

will ich zuvor zu Herrn Quandt gehen, ob er sich Deiner annehmen kann,

denn ich selber kann Dich leider nicht bei mir haben.«

»Und auch Herrn Quandt wollen Sie sagen --?«

»Nein, Sisto -- ich werde den Prälaten nicht bloßstellen.«

Die Augen dies Jungen leuchteten dankbar und freudig auf bei der

Aussicht, zu dem deutschen Maler zu kommen, in dessen Häuslichkeit

er sich allezeit besonders wohl gefühlt hatte. Aber in seinem

jetzigen Anzuge sollte er nicht dahingehen, und Frohwalt ließ einen

Wagen kommen, in welchem er mit seinem Schützling erst bei einem

Kleiderhändler vorfuhr, wo er ihm ein einfaches aber kleidsames Gewand

kaufte, das er sofort anlegen mußte.

»Das schenk' ich Dir, Sisto, und Du brauchst mir nicht dafür zu danken;

bleibe nur immer so brav und ehrlich wie bisher -- das ist der beste

Dank!« sprach der Priester, und dann fuhr er mit dem freudig bewegten

Knaben weiter, bis sie vor dem Häuschen hielten, welches Quandt

bewohnte.

Sie trafen den Maler und Friederike, die eben ausgehen wollten, an der

Treppe.

»Das ist gut, daß Sie uns gerade noch erwischen; wir wollten den

schönen Vormittag zu einem Spaziergang benutzen, vielleicht schließen

sie sich uns an? -- Aber, Sie sehen ja so feierlich ernst drein mitsamt

meinem jungen Modell, das schon wieder in einem neuen Futteral steckt

... wir haben doch heute nicht heimlich Geburtstag, Fritzel?«

So rief lachend der Maler, seine Frau aber hatte schon den Jungen an

der Hand und führte ihn die Treppe wieder hinauf.

»Schenken Sie uns nur eine Viertelstunde, verehrter Freund« -- sagte

Frohwalt -- »es handelt sich um Sisto!«

»Sie thun ja so ernst, als ob der Junge entweder ein Staatsverbrechen

begangen habe oder zum Konzilsvater vorgeschlagen worden sei --

Verzeihung! Das war ein dummer Scherz, aber unsereinem läuft manchmal

die Zunge fort. Da sehen Sie nur meine Frau mit dem Bengel -- das ist

doch zum Eifersüchtigwerden!«

Sie waren wieder oben angekommen, und saßen in dem freundlichem

behaglichen Zimmerchen neben dem Atelier, und Friederike hatte Sisto

bereits einige süße Näschereien vorgesetzt.

»Und jetzt schießen Sie los!« sprach der Maler.

»Nun denn, kurz und bündig! Sisto kann nicht im Hause des Prälaten

bleiben -- die Schuld liegt an der Signora --«

»Wo ist das Weib?« murmelte Quandt.

»Nähere Einzelheiten möchte ich nicht anführen, sie regen nur den

Jungen auf; lassen Sie sich mit der Versicherung genügen, daß seines

Bleibens bei Monsignore Parelli nicht sein kann. Nun hängt er in der

Luft -- ich kann ihn leider Gottes nicht bei mir behalten, das erlauben

mir die Verhältnisse nicht, und da wollte ich, zumal Sisto zu Ihnen

und Frau Friederike so großes Vertrauen hat, anfragen, ob Sie nicht

wenigstens für die Zeit Ihres Aufenthalts in Rom sich seiner annehmen

und ihm Unterkunft gewähren wollten. Wir halten wohl Umschau, was

weiter mit ihm werden soll.«

»Na, da brauchts wohl keinen Familienrat -- he, Fritzel?«

»Wir haben keine Kinder, Heinrich -- und da ist's doch, als ob uns der

Himmel selber ...«

»Na, er kommt freilich schon etwas sehr ausgewachsen an, der Junge ...

aber um so besser, da braucht man sich nicht mit den Zahnkrankheiten zu

ängstigen! Also, wir wollen uns den Fall überlegen. Sisto, willst Du

bei uns bleiben?«

Der Knabe errötete bis unter die dunklen Stirnlocken, und die Augen

leuchteten. Er stammelte unverständliche Worte, aber Friederike zog ihn

an sich und küßte ihn.

»Na, da haben Sie das Siegel auf dem Pakt -- was wollen Sie denn noch

mehr? -- Ich glaube, jetzt werde ich kürzer gehalten, und darum bin ich

für eine Probezeit!« sagte der Maler lächelnd; dann zog er sein Weib

und den Jungen zugleich an sich und küßte beide. -- --

Frohwalt ging in wundersam gehobener Stimmung aus dem kleinen

Hause. Die sonnige Heiterkeit, die selbstlose Menschenliebe, welche

hier waltete, that ihm außerordentlich wohl. Aber je näher er der

Wohnung Parellis kam, desto mehr schwand dieses Behagen aus seiner

Seele, und mit pochendem Herzen, fast als hätte er eine Schuld auf

sich geladen, trat er durch das Portal und frug den Portier, ob der

Prälat daheim sei. Als dies bejaht wurde, ging er langsam die breite,

glänzende Marmortreppe empor. Auf derselben begegnete ihm der Jesuit

Felice. Mit vordringlicher Freundlichkeit hielt er den anderen auf.

Frohwalt aber wurde bei dem Gedanken, daß der Pater, welcher hier

so häufig verkehrte, doch auch Kenntnis von den Verhältnissen des

Hauses haben mußte, dieselben stillschweigend hingehen ließ und so

heimlich billigte, von einem Widerwillen gegen den Mann erfaßt, den

er kaum verhehlen konnte. »Der Zweck heiligt die Mittel!« Das mußte

er unwillkürlich in diesem Augenblicke denken, und er mußte sich

zusammennehmen, um nicht unhöflich zu erscheinen.

»Wissen Sie schon, daß der Betteljunge, den Seine bischöflichen Gnaden

so wohlwollend aufgenommen, ohne ein Wort des Dankes davongelaufen ist?

Monsignore ist außerordentlich aufgeregt darüber und in Sorge um den

gottlosen Burschen.«

»Ich hoffe, ihn beruhigen zu können,« sagte Frohwalt kühl; »ich weiß,

wo der Knabe ist und kann versichern, daß er sich in guten Händen

befindet.«

»Aber ein Undankbarer bleibt er doch!«

»Vielleicht haben Sie doch nicht ganz recht, Hochwürden,« sagte

Frohwalt mit leichtem Achselzucken, »und ich bin überzeugt, daß Seine

bischöflichen Gnaden von meiner Mitteilung befriedigt sein werden.«

Er verneigte sich vor dem Jesuiten, und ging weiter, um durch den im

Vorzimmer Parellis weilenden Kammerdiener sich anmelden zu lassen.

Der Prälat empfing ihn in seinem Arbeitszimmer, freundlich und

entgegenkommend wie immer, und fragte, was ihm die Freude mache, den

langvermißten Gast wieder einmal bei sich zu sehen.

Als Frohwalt von Sisto berichtete, wie er zu ihm gekommen sei in seinem

elenden Bettleranzuge, aufgeregt und erschüttert bis in die tiefste

Seele, lehnte sich Parelli erbleichend in seinen Sitz zurück. Er schloß

die Augen und fragte beinahe flüsternd:

»Hat er Ihnen gesagt, weshalb er von mir fortgegangen ist?«

»Er hat es mir anvertraut wie unter dem Siegel der Beichte, und es ist

geborgen in meinem und seinem Herzen. Der Junge ist brav und tüchtig

und hat ein großes Herz, Monsignore ... Sie haben einen guten Engel aus

Ihrem Hause vertrieben!«

Parelli wurde noch bleicher; er atmete tief, und einige Sekunden lang

herrschte eine peinliche Stille in dem prunkvollen Raume. Dann sprach

er:

»Und was soll mit ihm werden?«

»Herr Quandt und dessen Frau haben sich seiner zunächst angenommen bis

auf Weiteres.«

»Ich werde einen Betrag für seine weitere Ausbildung Herrn Quandt zur

Verfügung stellen.«

»Ich vermute, daß derselbe diesen ablehnen wird. Er ist, soviel ich

weiß, nicht unvermögend und kinderlos. Ich komme auch nicht darum,

sondern lediglich, um Eure bischöfliche Gnaden über das Schicksal des

Knaben zu beruhigen.«

»Ich danke Ihnen!« sagte Parelli tonlos -- »und kann ich gar nichts

thun?«

»Monsignore, Sisto wird jeden Tag für Sie beten ... wenn sein Gebet

nicht vergebens wäre, so wäre dies das Herrlichste, was er erringen

könnte,« sprach Frohwalt mit bewegter Stimme.

Der Prälat verstummte; er neigte langsam das Haupt, tief, bis auf

die Brust herab, und so verließ ihn der junge Priester nach kurzem,

höflichem Gruße. Und da er die Marmortreppe wieder hinabschritt, dachte

er abermals an das schlichte Pfarrhaus in Nedamitz und an den alten

Pfarrer mit seinem guten, schwachen Herzen, und es that ihm abermals

leid, daß er ihn in jener letzten Stunde ihres Beisammenseins so hart

angefaßt hatte.

Rom zeigte ihm Manches in anderem Lichte, als er es in der Heimat

gesehen hatte.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Sechzehntes Kapitel.

Auf der Straße, die von Marino gegen das schön gelegene Frascati führt,

schritt ein Wanderer, ein bejahrter Mann in einfachem Gewande, eine

leichte Mütze auf dem Kopfe und einen kräftigen Stock in der Hand. Er

sah mit hellen Augen in die Welt und ging gemächlich seines Weges,

wobei ihn der Ranzen auf seinem Rücken gar nicht zu beeinträchtigen

schien.

Es war der Vetter Martin.

Daheim hatte es ihn, seit es mit seinem Fuße besser ging, nicht mehr

gelitten, und als noch der Winter über den deutschen Fluren lag und nur

ab und zu ein milderer Märzhauch den kommenden Frühling ahnen ließ, war

er aufgebrochen nach dem Süden. Dort mußte es ganz besonders schön und

angenehm sein, und Italien war schon lange das Ziel seiner Sehnsucht

gewesen. In seinen jungen Tagen hatte er Seumes »Spaziergang nach

Syrakus« gelesen, und die Eindrücke jenes Buches wurden ihm bei seinem

Wandern wieder lebendig, denn in ihm steckte manches, was mit dem alten

»Spaziergänger« verwandt war.

Er hatte sich Zeit gelassen und gerastet, wo es ihm just gefiel, nur

als er näher an die ewige Stadt kam, hatte ihn eine gewisse Unruhe

erfaßt und seinen Fuß beschleunigt. So war er an diesem gesegneten

Märztage im Albanergebirge eingetroffen. Er hatte vom Monte Cavo, dem

alten ~Mons Albanus~, hinausgeblickt in die weite Ebene, durch welche

der Tiber seine spiegelnden Fluten gleiten läßt, und hatte über den

Sabiner- und Etruskerbergen den leuchtenden Gürtel des Mittelländischen

Meeres blinken sehen, während unter ihm aus dem Grün der Oliven-

und Steineichen, der Pinien und Reben, das freundliche Albano, das

malerisch über dem kristallklaren Spiegel des Albanersees liegende

Marino, das anmutige Castel Gandolfo, der Sommersitz des Papstes,

emporschauten, und ferner her wie ein weißer leuchtender Häuserstreifen

die Siebenhügelstadt selbst grüßte.

Das Herz war dem alten Manne weit geworden bei diesem Anblick, und alle

Welt hätte er ans Herz drücken mögen. Die Vergangenheit wurde auch ihm

hier lebendig, wie tausend anderen, welche diese Straßen wanderten, wo

über den Trümmerresten alter Tempel und der Landhäuser berühmter Männer

eine neuere Zeit ihre Kirchen und Klöster gebaut hat.

Was war doch diese Campagna für ein seltsames Gebiet! Dies Gefilde,

mit Trümmern und Gräbern bedeckt, die über dem braunen, goldtönigen

Boden sich erheben, der überwuchert wird von Ginster und Thymian, von

Heidekraut und Binsen, zwischen denen einsame alte Bäume -- Cypressen

und Pinien -- traurig und seltsam stimmungsvoll emporragen. Und als

Staffage diese braunen Hirten in flockigen Schafspelzen, wie sie unter

ihren Schafen und Ziegen stehen, den langen Stock unter die Achsel

gestemmt und träumend hineinschauend in die melancholische Landschaft,

während der zottige weiße Hund die Tiere zusammenhält -- und die

weidenden Heerden silbergrauer Rinder, welche die weitgeschweiften

Hörner wiegen und mit traurigem Glockenton durch die stille Campagna

läuten! Und um das ganze Bild der Rahmen der blauen Berge, um die ein

verhaltener, fein sich abtönender Duft schwebt!

Vetter Martin fand es begreiflich, warum es die deutschen Maler hierher

zog, und er hätte gewünscht, selbst etwas von der Kunst zu verstehen,

um wenigstens den einen oder den andern Eindruck festhalten zu können.

Er dachte an Hans Stahl, und wünschte, den lebendigen Burschen bei sich

zu haben, der jetzt wohl daheim im Kontor des Vaters seufzend auf dem

Drehstuhl saß. Es war schade um den Jungen.

Der Alte war nach den Ruinen von Tuskulum gelangt, wo einst die

vornehmsten Römer ihre Landsitze gebaut hatten, unter ihnen auch

Cicero. An den Ueberresten des Theaters vorbei schritt er auf dem

vulkanischen Boden hinauf nach der alten Burg, von wo aus ein

herrlicher Blick ins alte Latium geboten sein mußte. Und in der That,

wo der Bergrücken ziemlich schroff abfällt, that sich ein wundersam

schönes Landschaftsbild auf. Hier aber saß auf einem Steinblock ein

blonder Mann mit breitrandigem Hute unter einem aufgespannten Schirm

und skizzierte in seinem Buche, während eine junge hübsche Frau, im

hellen Gewande, mit leichtem Sonnenschirm hinter ihm stand, und mit den

leuchtenden braunen Augen über seine Schulter weg bald auf das Bild,

welches unter seiner Künstlerhand sich gestaltete, bald auf jenes, das

da sonnenvoll sich weit ins Land dehnte, schaute.

»Guten Tag!« grüßte der alte Weltfahrer in deutscher Sprache, als ob

das gar nicht anders sein könnte, und die beiden anderen blickten nach

ihm her und erwiderten wie aus einem Munde:

»Guten Tag!«

Und damit war die Bekanntschaft gemacht zwischen dem Maler Heinrich

Quandt und seiner munteren jungen Frau einerseits und zwischen Jakob

Martin, »Naturforscher und Naturbummler«, andererseits, und beide

Teile schienen ungemein viel Gefallen an einander zu finden. Der Maler

hatte trotz des Widerspruchs des Alten seine Gerätschaften eingepackt

und erklärte, fertig zu sein; er ließ es sich nun nicht nehmen, dem

anderen das Landschaftsbild, dessen entzückender Reiz Vetter Martin die

Seele schwellte, klar zu machen.

»Dort rechts liegt Camaldoli, Tivoli, dann Monticelli, dahinter die

lieben blauen Sabinerberge und in der Ferne der Soracte; links sind die

Cimini-Berge und die Albanerhöhen, von denen Sie wohl herkommen.«

»Ja, auf dem Rocca di Papa und dem Monte Cavo habe ich gestanden.

O, ich habe manches anmutige Erdenfleckchen gesehen, aber einen so

seltsamen Zauber haben wenige auf mich ausgeübt. Lassen Sie mich's

schweigend aufnehmen, dann trag' ich's in der Seele mit fort!«

Der alte Mann hielt sich die Hand über die Augen, und schaute stumm und

unverwandt hinein ins alte Latinergebiet, und die beiden andern störten

ihn nicht in seiner Naturandacht; Friederike stützte sich nur fester

auf den Arm des Gatten und schmiegte sich inniger an ihn. Nun drehte

sich Martin um.

»Jetzt aber will ich nach Frascati und auch für mein sterblich Teil

sorgen; ich hoffe, es giebt etwas Anständiges zu essen und zu trinken.«

»Wenn Sie uns mitnehmen, schließen wir uns Ihnen zu gleichem Zwecke an,

und überdies würden Sie uns eine Freude machen, wenn Sie in unserem

Wagen mit nach Rom führen.«

»Das nehme ich an, denn Sie gefallen mir, Herr Quandt mitsamt Ihrem

Frauchen und mit guten Menschen kann man nicht lange genug beisammen

sein. Das nehme ich als gutes Vorzeichen für meinen Einzug in Rom.

Also: frisch auf nach Frascati!«

Der Maler schien den Weg genau zu kennen; er schlug den schönsten ein,

der über Cappucini und vorüber an der prächtigen Villa Ruffinella, die

auf der Stätte, wo einst Cicero sein Tuskulum hatte, Lucian Bonaparte

sich erworben hatte, und die gegenwärtig wohl dem König von Italien

gehört. Dies Frascati ist eine Villenstadt, in welcher überall aus

herrlichen Gärten die schönsten und stilvollsten Bauten hervorlugen,

von deren Loggien und Terrassen sich entzückende Fernsichten bieten

über die Campagna und in die blauen Sabinerberge.

Auf dem Wege plauderte der Alte in seiner gewohnten, gemütlichen Weise:

»Daß der erste Römer, welchem ich begegne, ein Deutscher sein würde,

hätt' ich mir doch nicht träumen lassen. Also aus Dresden sind Sie?

-- Um so besser, da sind wir ja eigentlich gute Freunde als Sachsen

und Oesterreicher, noch vom Jahre 66 her. Es war eine garstige Zeit,

Herr, und die Preußen mitsamt ihrem Bismarck haben mir schwer im Magen

gelegen. Aber _der_ Teil ist gut bei mir, und darum hab' ich's verdaut

und sage: 's ist vielleicht auch gut gewesen, und Bismarck -- alle

Hochachtung!«

»Ich fürchte fast, daß uns im katholischen Oesterreich das Jahr 70 noch

Schlechteres bringt, als 66. Und das wird hier zusammengebraut, in Rom

-- ich meine den neuen Glaubenssatz. Ich weiß nicht, wie Sie zu der

Sache stehen --«

»Ich bin Katholik, aber ich beklage mit Ihnen diese

Jesuitenmachenschaften, und meine Frau ist eigentlich gleichgültig bei

der Sache -- sie ist Protestantin,« sagte Quandt ernst.

»So? -- Na, dann verstehen wir uns um so besser. Ich habe noch eine

kleine Hoffnung; die österreichischen und deutschen Bischöfe, sagt

man, wollen von dem neuen Glaubenssatz nichts wissen, und leisten

Widerstand. Das möcht' ich mir einige Tage hier in der Nähe ansehen,

das heißt, soweit das möglich ist. Eine kleine Fühlung mit dem Konzil

hab' ich durch meinen Paten -- er nennt mich zwar immer Vetter --

der auch hier ist im Gefolge des Prager Erzbischofs, ~Dr.~ Peter

Frohwalt -- --«

»Frohwalt?« schrie der Maler -- »das ist ja ein guter Freund von uns,

der vielfach in unserem Hause verkehrt -- nicht wahr, Fritzel?«

»Na, da bleibt doch die Weltgeschichte stehen« -- rief der Alte --

»was? Mein Peter Frohwalt verkehrt bei Ihnen, und er weiß, daß Ihre

Frau evangelisch ist?«

»Jawohl!«

»Das ist mir eine große Zeitung, und Sie wissen gar nicht, wie mich

das freut! Aber auf diese Weise sind wir ja einander noch viel näher

gekommen. Und das Wunder hat die kleine Frau da zu Wege gebracht?

Hören Sie, unsere Bekanntschaft ist noch sehr jung, aber nach dieser

Mitteilung müssen Sie gleich nach den Erzengeln kommen, Frau Quandt --

dafür kenne ich meinen Peter.«

»Ja, und ich schätze meine Fritzel auch wie meinen Erzengel!« sagte

lachend der Maler und legte leicht den Arm um die Taille des jungen

Weibes.

So kamen sie nach Frascati. Im freundlichen Garten einer Schenke

hielten sie Einkehr, fröhliche Leute, die auf dem kurzen Wege völlig

Freunde geworden waren, und bald saßen sie an einem Tische bei einem

einfachen Mahle und stießen mit dem trefflichen Weine von Frascati an.

Neben ihnen, am nächsten Tische, saßen zwei Männer beim Würfelspiel.

Sie waren sehr lebhaft nach Art der Südländer, und die dunklen Augen in

den braunen Gesichtern funkelten. Der Eine war ein stämmiger Bursche

in ländlicher Tracht, und wie der Maler das weinrote, gedunsene

Gesicht sah, kam es ihm bekannt vor, doch wußte er nicht gleich, wo er

demselben begegnet war.

Jetzt stieß der Mann einen lauten Fluch aus, fuhr in die Tasche und

warf klingend ein Goldstück auf den Tisch.

»Das ist der letzte! Ein neapolitanischer Dukaten -- und wenn er weg

ist, geh' ich zu meinem Schwager und hole mir mehr! Wirf!«

Jetzt wußte Quandt, mit wem er es zu thun hatte; das war der rohe

Bursche, dem er in Tivoli begegnet war, als er in Gesellschaft Parellis

und Frohwalts dort gewesen war, und der Mensch gewann für ihn einiges

Interesse; auch Vetter Martin hielt den Blick nach ihm hingewendet. Die

Würfel klapperten und fielen -- einmal, zweimal.

»~Maledetto!~ Schuft!« schrie der Bauer, und sprang mit lodernden Augen

auf. »Du spielst falsch -- her mit meinem Gelde!«

Der andere hatte das kleine Goldstück erfaßt, und sie rangen darum,

nur zwei Sekunden. Da blitzte in der Hand des Neapolitaners eine

blanke Klinge. Die beiden Deutschen sprangen gleichzeitig auf, aus der

Schenke, um deren offene Fenster die Weinranken spielten, kreischten

Weiberstimmen ... und einen Augenblick später taumelte der unselige

Gewinner zurück, hielt sich mit der einen Hand an der Tischplatte und

preßte die andere gegen die Brust, und über diese rann ein heißer roter

Strahl Der Angreifer aber schien jetzt erst in noch größere Wut zu

geraten und wollte sich von neuem auf sein Opfer stürzen. Da packte ihn

eine kraftvolle Faust von rückwärts, und eine starke Hand hielt ihm die

erhobene Rechte mit dem blutbefleckten Messer fest, während sich die

Person des Malers vor den Angegriffenen warf.

»Ich halte die Bestie schon,« rief Martin -- »holen Sie Stricke, daß

wir ihn binden!«

Der trunkene Bauer wehrte sich aus allen Kräften, aber Vetter Martin

hatte durch die Abhärtung auf seinen Reisen eine Muskelstärke, die man

ihm nicht zutraute; er hielt den andern wie in eisernen Klammern und

rief noch einmal nach Stricken. Nun kamen der Wirt und seine Weibsleute

herbeigelaufen; die letzteren nahmen sich des Verwundeten an, der

ziemlich gut weggekommen zu sein schien, denn er schimpfte laut gegen

den Angreifer, nannte ihn Dieb, Räuber, Mörder, Falschmünzer ... und

was ihm eben noch an wenig schmeichelhaften Bezeichnungen beifiel. Die

Männer aber banden dem Neapolitaner die geballten Fäuste zusammen,

trotzdem er mit den Füßen um sich stieß, und seine Gegner anspie,

und dann fesselten sie ihn an einen Baum, wo er mit lautem Gebrüll

Neugierige lockte, die sich vor der Schenke sammelten.

Es war eine widerwärtige Szene. Das empfand besonders Friederike,

die sich zu entfernen wünschte. Der Wirt suchte die Deutschen

zurückzuhalten, bis der Bürgermeister gekommen wäre, der das Protokoll

aufzunehmen hatte, und um Weiterungen zu vermeiden, blieben sie; aber

sie gingen in die Schenke hinein, ohne freilich auch hier dem wüsten

Schreien sich entziehen zu können. Endlich kam der Beamte, mit ihm

ein päpstlicher Gendarm. Der Mann war höflich und zuvorkommend, aber

ziemlich weitläufig in seinen Aufnahmen, und Vetter Martin wie Quandt

fürchteten, daß die Geschichte ihnen noch weitere Scherereien machen

werde.

Endlich konnten sie sich entfernen und ihren Wagen aufsuchen, und

einigermaßen verstimmt bestiegen sie denselben und fuhren gegen Rom.

Hart hinter Frascati begegneten sie dem Gendarmen, der den gefesselten

Bauer vor sich hertrieb. Derselbe warf ihnen grollende Blicke zu und

entfesselte eine Flut von Schimpfwörtern, bis sein Begleiter ihn mit

dem Flintenkolben zwischen die Rippen stieß. Der Wagen aber rollte

rasch davon.

Die im Abendlicht rötlich schimmernde Campagna mit ihrem

unverwüstlichen Zauber regte die Reisenden wieder freundlicher an,

und ehe sie noch in die ewige Stadt einfuhren, war es beschlossene

Sache, daß Vetter Martin mit Quandts zusammenwohnen müsse -- die

Bildhauerwitwe würde schon für ein Unterkommen Rat schaffen -- und

daß man am nächsten Tage, beziehungsweise am Abende dem Doktor der

Theologie Peter Frohwalt eine ganz besondere Ueberraschung bereiten

wolle.

Derselbe erhielt denn auch für diesen Abend eine dringende Einladung,

die er unter keinen Umständen ablehnen dürfe, und so kam er ziemlich

neugierig schon am Nachmittage an. Als er in die wohlbekannte trauliche

Stube eintrat, blieb er wie erstarrt stehen, der Vetter Martin aber

stand mit lachendem Gesichte vom Tische auf und rief:

»Na, was sagst Du dazu, Peter? -- Herrgott! Da steht er wie weiland

Lots Weib nach der Versalzung -- komm zu Dir, Doktor der Theologie und

Adjunkt, ich bin's leibhaftig!«

Und nun umarmte er den jungen Priester, der tiefbewegt die Begrüßung

erwiderte, und dann saßen sie um den Tisch beisammen, die beiden

Deutschböhmen, die Malersleute und der braune Sisto, der hier wie zu

Hause war, und der Alte lachte:

»Ja, sieh -- ich habe doch ein wunderliches Glück, Peter. Da läuft mir

schon vor den Thoren Roms die Liebenswürdigkeit selber entgegen, und

wenn Du Dir über die Situation recht klar sein wirst, wirst Du sehen,

daß ich auch hier schon wieder der Vetter Martin bin, und mich ganz als

solcher fühle, 's ist mir, als hätten wir uns alle schon lange gekannt,

und als wäre ich speziell nach Rom gekommen, um gerade diesen Kreis

aufzusuchen. Herrgott im Himmel, Du hast doch überall gute Menschen --

man muß nur das Glück haben, sie zu finden!«

Der Alte war ganz in seinem prächtigsten Fahrwasser, aber er hatte

nicht viel Geduld zum Sitzen, und so machte er selber nach einiger Zeit

den Vorschlag, noch einen Spaziergang zu unternehmen. Das Wetter war

überaus schön, und Quandt schlug eine Promenade nach dem Monte Picio

vor, was Vetter Martin mit besonderer Freude annahm.

Die vier Menschen -- Sisto war daheim geblieben -- schritten langsam

den glänzenden Corso entlang, auf welchem es von Menschen wimmelte, und

über welchen zahlreiche vornehme Wagen hinrollten. Ueberall Pracht,

Glanz und Lebenslust! Es war, als ströme ganz Rom heute zur Porta del

Popolo hinaus nach jenen wunderbar schönen Gartenanlagen, die in ihrer

Art beinahe einzig sind.

Ueber begrünte Flächen schweift der Blick und haftet hier an

herrlichen, mächtigen Steineichen, dort an malerischen Gruppen von

Pinien und Cypressen, zwischen denen weiße Marmorbilder hervorlugen,

während Fontänen ihre Silberstrahlen spielen lassen und künstlerisch

geschaffene Sitze zum Ruhen einladen. Auf der breiten Fahrstraße rollen

unablässig die goldglitzernden Equipagen; geputzte Damen winken heraus

und erwidern die ihnen dargebrachten Grüße, und um eine riesige Palme

gereiht steht das Musikkorps der päpstlichen Zuaven und läßt glutvolle,

feurige Weisen ertönen.

Vetter Martin hatte manches gesehen in der Welt und das »~nil mirari~«

-- über nichts sich zu wundern -- war ihm zum Grundsatz geworden,

aber hier ward er demselben doch beinahe untreu. Er wußte auch kaum,

wohin er seine Aufmerksamkeit am meisten wenden sollte, ob hinab

nach der Stadt, die im Abendsonnenglanze wie ein Märchenbild sich

ausbreitete, ob auf die bunte, wogende Menge, unter welcher zahlreiche

Kirchenfürsten sich befanden, die eigentlich das meiste Interesse

beanspruchen durften.

Frohwalt kannte sie fast alle, und er machte Vetter Martin auf die

bedeutendsten derselben aufmerksam. Da ging der geistvolle Pariser

Erzbischof Dupanloup mit dem durch seinen weißen Talar auffallenden

Patriarchen von Jerusalem, dort die prächtige, feurig blickende

Gestalt des schönen spanischen Bischofs von Urgel mit dem Erzbischof

von Mecheln, dann der Generalvikar der Prämonstratenser-Chorherren

mit Manning, dem Erzbischof von Westminster, die schlanke, vornehme

Erscheinung des Kardinals von Schwarzenberg mit dem österreichischen

Gesandten Graf Trautmannsdorf, und viele andere, unter welchen

besonders die aus dem fernen Oriente gekommenen Konzilsväter auffielen.

Die Römer selbst hatten sich an diese Gäste gewöhnt, Bischöfe und

Cardinäle waren ihnen nichts Absonderliches, aber die zahlreichen

Fremden aus aller Herren Länder, die auf dem Pincio promenierten,

blieben immer aufs neue stehen, um ihnen nachzublicken.

Vetter Martin war ernster geworden. Er hatte, während das Quandtsche

Ehepaar voran schritt, seinen Arm in jenen Frohwalts gelegt und sagte:

»Die Herrlichkeit der streitenden Kirche! Sie sehen zumeist recht

Ehrfurcht gebietend aus, diese geistlichen Herren, und man sollte

meinen, sie müßten viel Geist und echten Christenglauben vorstellen

... was hältst Du vom Konzil? Was hält man in der Umgebung des Prager

Erzbischofs davon?« fragte er plötzlich ziemlich unvermittelt.

Frohwalts Miene wurde leicht beschattet; er dämpfte die Stimme

einigermaßen, als er erwiderte:

»Vetter Martin, ich kann nicht anders, als zu sagen: Ich bin

enttäuscht -- wir alle sind enttäuscht. Selbst wir, in unmittelbarer

Nähe der Verhandlungen und in unmittelbarem Umgang mit einem der

hervorragendsten Konzilsmitglieder, erfahren wenig genug von dem,

was in dem Konzilssaal vorgeht, und schon dies Geheimnisvolle ist

unbehaglich und macht einen beinahe beängstigenden Eindruck. Von jeder

Sitzung ist in der »Civilta Cattolica« zu lesen: Die Väter kamen

um neun Uhr zusammen; darauf zelebrierte der Bischof X die heilige

Messe, der Kardinal Y verlas die vorgeschriebenen Gebete, und darauf

sprachen so und so viele Väter über die Vorlage. Um 1 Uhr wurde die

Sitzung geschlossen! So steht es mit peinlicher Genauigkeit in dem

päpstlichen Leibblatte zu lesen, und mehr erfährt die Christenheit

nicht. Was aber sonst noch über Verfügungen der Geschäftsordnung

bekannt wird, ist wenig Vertrauen erweckend. Man war bereits so weit,

daß man die Väter mundtot machen wollte durch eine Bestimmung, wonach

dieselben ihre Bedenken gegen die Vorlagen schriftlich zur Einsicht

für die Konzilsmitglieder im Sekretariat niederlegen sollten, in

der Aula selbst aber sollte nicht mehr darüber gesprochen, sondern

nur abgestimmt werden. Die Unermüdlichkeit des kroatischen Bischofs

Stroßmayr, sowie dessen rücksichtslose Energie hat den Plan der

Konzilsleitung vereitelt und es wird nun wie vordem mündlich weiter

verhandelt. Ach, Vetter Martin -- ich wollte, ich wäre nicht hierher

gekommen und müßte dies alles in der Nähe ansehen ... mir thut manchmal

das Herz weh. Gott weiß es, wie ehrlich ich es mit unserer heiligen

Kirche meine -- hier aber verliert man Glauben und Vertrauen, und mich

erfassen mitunter böse Beängstigungen, als wollte man mich gewaltsam

hinausdrängen aus dem Heiligtum meines alten Glaubens. Ich bin so froh,

daß ich Dich hier habe, und daß ich mich wenigstens darüber aussprechen

kann, wie mir's ums Herze ist.«

»Na, na ... die Sache wird wohl nicht so heiß gegessen werden, wie

sie gekocht wird. Die deutschen und sonstigen Bischöfe, welche die

Gegnerschaft bilden, werden doch den Mut nicht verlieren und sich nicht

etwas aufzwingen lassen, was gegen ihre Ueberzeugung und gegen die

althergebrachte Lehre der Kirche ist!«

»Und wenn sie doch sich beugen?« fragte Frohwalt und sah mit besorgtem

Blicke dem alten Manne ins Gesicht.

»Dann muß jeder ehrliche Katholik für sich allein den Weg seiner

Ueberzeugung gehen, Peter! ... Aber das kann und wird nicht sein, daß

Leute wie Stroßmayr, Dupanloup, Schwarzenberg ihre Ueberzeugung, für

die sie bisher so mannhaft einstehen, wie ein altes Hemd behandeln und

wegwerfen, das müßte ja zu einer Umwälzung in der Kirche führen, wie

sie noch nicht dagewesen wäre!«

»Du kennst nicht die Gewalt, welche in dem Papsttum liegt, Vetter

Martin, und nicht den persönlichen Zauber, welchen die Erscheinung des

Stellvertreters Christi auf Erden ausübt. Vor ihm beugen sich -- --«

In diesem Augenblicke drehte sich Quandt, der vor ihnen ging, um

und wies mit ausgestreckter Rechten nach einem glänzenden, von Gold

strotzenden Reiter, der auf dem Fahrwege dahergesprengt kam. Unter die

lustwandelnde Menge kam eine wunderliche Bewegung. Alles drängte näher

an die Straße heran, die Wagen, die auf derselben fuhren, lenkten an

den Rand herüber, so daß die Mitte frei ward, und blieben stehen, und

von Mund zu Mund lief das Wort: ~Il Papa!~

»Seine Heiligkeit kommt!« rief auch der Maler, und zog seine Frau nahe

heran an die Straße und die beiden andern folgten.

Und nun erschien, nur wenige hundert Schritte hinter dem Vorreiter, der

Wagen des Papstes, blitzend von Gold, und langsam rollte er daher. Die

Musik war von der großen Palme herübergetreten an die Seite der Straße

und spielte Gounods päpstliche Jubiläumshymne, und durch die angestaute

Menge scholl der Ruf:

»~Evviva il Papa!~«

[Illustration: Der Diener öffnete den Schlag und der Papst stieg aus.

Hunderte drängten sich heran ... (S. 310.)]

Beinahe unmittelbar vor unsern Freunden hielt der Galawagen, sowie

die beiden andern, welche ihm folgten. Der Diener öffnete den Schlag

und Pius der Neunte stieg aus. Eine schöne, edle Erscheinung, mit

einem freundlichen Greisenantlitz voll Hoheit und Milde, dem man es

nicht angesehen hätte, daß hinter dieser Stirne der Gedanke an die

Unfehlbarkeit sich breit mache. Er trug auf dem Haupte den großen roten

Kardinalshut mit goldenen Schnüren, und ein weißes, faltiges Gewand.

Ihm zur Seite schritt der Kardinal Antonelli und andere hervorragende

kirchliche Würdenträger, und ihr Zug bewegte sich langsam vorwärts.

Von allen Seiten aber drängte es sich dichter heran, und besonders die

Damen suchten das Kleid des Oberhirten der Christenheit zu berühren

oder dessen besonderen Segen zu erlangen. So wogte es unmittelbar

hinter ihm her von Hunderten, ja von Tausenden, die sich an seine

Schritte hefteten, während sich immer aufs neue wieder seine Hand

erhob und den Segen spendete. Da und dort lag wohl auch einer auf den

Knieen wie vor den Heiligen, und dazu brauste immer aufs neue das

»~Viva il Papa!~«

Quandt hatte Friederike wie ein Kind auf den Arm genommen und

emporgehoben, und so sah diese noch eine Weile im verglimmenden

Abendsonnenschein den roten Kardinalshut, Vetter Martin aber wendete

sich zu Frohwalt und sprach, wie im Anschluß an das, was dieser vordem

gesagt hatte:

»Ja, Du magst recht haben, Peter ... Sie werden sich beugen!«

Die Volkswoge strömte wieder zurück. Der Spaziergang des Papstes,

welcher keine Erholung war, war beendet; dichter drängte sich noch

einmal die Menge um den glänzenden Wagen, ehe dieser von dannen rollte.

Martin aber sah in diesem Augenblicke nicht mehr den Papst, sondern

jenseits des Fahrwegs in dem dichtgedrängten Menschenwalle ein Gesicht,

das ihn jetzt ungleich mehr zu interessieren schien, und in das »~Viva

il Papa!~« hinein schrie er ziemlich laut: »Hans Stahl!«

Verwundert sah ihn Frohwalt an; der Alte deutete mit dem Finger, eine

Sekunde lang war es auch dem jungen Priester, als sehe er das lustige

Gesicht des ehemaligen wendischen Seminaristen, aber dann war es auch

schon in der Flut verschwunden.

»Das ist ja gar nicht möglich!« sagte Peter, als sie einigermaßen

wieder in Bewegung kamen.

»Da wette ich mein ganzes Museum gegen ein Gericht muffiger Makkaroni,

wenn das nicht mein geliebter Windhund war. Das weiß der Himmel, wie

_der_ hierher kommt. Aus alter theologischer Neigung sucht _der_ das

Konzil nicht auf, und daß ihn seines Vaters Leinengeschäft hierher

entsendet hat, will mir nicht einleuchten. Hier stehe ich vor einem

Rätsel!«

»Na, Vetter Martin, das nenne ich Glück,« sagte jetzt Quandt -- »den

ersten Tag hier und schon den Papst gesehen!«

»Das hab' ich gar nicht anders gedacht,« erwiderte der Alte -- »das

Merkwürdigste immer zuerst: Pius der Neunte und Hans Stahl!«

Langsam schritten sie weiter durch die aufs neue bewegte Menge, und als

die Schatten des Abends kamen, wanderten sie durch den glänzenden Corso

wieder heimwärts. --

Meister Quandt und Friederike ließen es sich nicht nehmen, dem alten

Herrn die Sehenswürdigkeiten der ewigen Stadt in eingehender Weise

zu zeigen, und wenn es Frohwalt irgend möglich war, so beteiligte er

sich gern an diesen Spaziergängen und Vetter Martin fühlte sich in Rom

trotz der Konzilsverhandlungen sehr behaglich. Aus der Heimat hatte

er mancherlei erzählt, was sich in der Hauptsache mit seinem Briefe

deckte, nur betreff der Familie Haller schienen seitdem die Schatten

noch düsterer geworden zu sein: Therese litt mit der Geduld und der

stummen Ergebung einer Märtyrerin.

Gerade die Erinnerung an sie ließ Vetter Martin immer wieder

lebhafter auch an Hans Stahl denken, und so oft er jetzt die ewige

Stadt durchschweifte, teilte er seine Aufmerksamkeit zwischen deren

Sehenswürdigkeiten und den Menschen, die ihm begegneten. Aber sein

Suchen schien vergebens; entweder hatten ihn seine Augen auf dem Monte

Pincio doch getäuscht, oder der junge Lausitzer war wieder verschwunden.

Rom feierte in jenen Tagen das Fest der Lämmerweihe. Die Nonnen des

Klosters in der Via Torre de' specchi am Capitol haben seit langer

Zeit alljährlich die beiden Lämmer in Verwahrung und Pflege, welche

bestimmt sind, am Osterfeste vom Papste und einigen besonders geladenen

Kardinälen verspeist zu werden, und aus deren Fellen Pallien (Krägen)

für die höchsten Kirchenfürsten gewebt werden.

Diese Lämmer werden an einem Frühlingstag in der Kirche der heiligen

Agnes vor der Porta Pia nach altem Brauche von einem Kardinal für ihre

Bestimmung eingeweiht, und die lebensfrohen Römer verbinden damit ein

Volksfest. Der ganze Vorgang erhielt in diesem Jahre eine besondere

Bedeutung und seinen außergewöhnlichen Glanz durch die Anwesenheit

zahlreicher Prälaten, und der Himmel that zur Verschönerung des Festes

sein Möglichstes: Er lachte rein und tiefblau über der alten Basilika

St. Agnese und über den tausend Menschen, welche sich in derselben und

um dieselbe herum drängten.

Unsere vier Freunde fehlten nicht, und da sie bei Zeiten sich dazu

gehalten hatten, hatten sie noch Plätze in der Kirche gefunden und

schauten nun, wie viele andere, auf Bänken und Stühlen stehend, dem

kirchlichen Schauspiele zu. Auf dem Hauptaltare, unter einer von

vier dunklen, mit Blumen bekränzten Säulen getragenen Kuppel stand,

schimmernd von Kerzenglanz, das Bild der heiligen Agnes, zur Hälfte

ein schönes antikes Statuenbruchstück aus Alabaster, dem Kopf und

Hals von Goldbronze angesetzt wurden, und vor demselben liegen auf

reichgeschmückten Kissen die beiden Osterlämmer, mit blendend weißem

Vließ, geputzt mit roten Seidenbändern, die Füße zusammengebunden, und

sehen mit den gutmütig-blöden Augen den vornehmen Priester in der roten

Kardinalssoutane an, der, umgeben von zahlreichen Assistenten, nun mit

Salböl und Weihwasser den feierlichen Akt an ihnen vollzieht.

Nach der Festlichkeit aber stürmte das Volk mit seiner ganzen südlichen

Lebendigkeit und Lustigkeit in die zahlreichen, ringsum liegenden

Weinschenken, und beim Becherklang schallte fröhliches Lachen und

Singen, während die Nonnen mit ihren Lämmlein wieder nach der Stadt

zurückfuhren.

Unsere Freunde waren auseinander geraten. Der Maler, der sein Frauchen

fest am Arme gehalten hatte, hatte sich endlich nach vergeblichem

Suchen mit ihr nach einem der Weingärten gerettet, Martin aber und

Frohwalt hatten eine andere aufgesucht, denn den Alten plagte der

Durst. Es war alles schon besetzt, als sie in den freundlichen Garten

traten, und schon wollten sie ihren Stab weiter setzen, als der Alte

mit einmal seinen Begleiter bei der Hand faßte und mit der Rechten nach

einem entlegenen Tischchen deutete.

Und dort saß Hans Stahl, wie er leibte und lebte. Vetter Martin brach

sich beinahe stürmisch Bahn, als könnte ihm sein junger Freund zum

zweiten Male entwischen, und schon von weitem rief er ihn beim Namen.

Der Extheologe schrak auf, und da er den Rufenden erkannte, huschte

eine heiße Röte ihm über das Gesicht, und er sprang empor:

»Vetter Martin!«

»Ja wohl -- ~adsum~! Da sind wir, der Doktor Frohwalt auch -- -- ich

bin schon seit einigen Tagen hinter Ihnen her wie ein Polizeispion ...

wie zum Henker kommen Sie denn in die Stadt des Konzils?«

Das alles sagte der Alte während des Begrüßens und Händedrückens, und

er plauderte weiter:

»Aber erst ein paar Sitze und dann etwas Ordentliches zu trinken -- das

Weitere wird sich finden, lieber Neffe! Sie da -- Signora, Signorina,

Signoretta, Madonna ... hol's der Kuckuck -- da läuft sie hin -- Hans,

Sie haben mehr Verständnis mit den Weibsleuten umzugehen, sehen Sie

mal zu, ob Sie mit Ihrer Liebenswürdigkeit von der schwarzbezopften

Hebe etwas erwischen, worauf zwei Menschen sitzen können, und einen

vernünftigen Tropfen -- sonst verdurste ich Ihnen unter den Augen, eh'

Sie noch Ihre zweifellos interessante Romfahrt erzählen können!«

Und Hans Stahl schien wirklich hier Verbindungen zu haben, er schaffte,

was gebraucht wurde, und bald saß man eng aber nicht ungemütlich am

Tische neben lustig schwatzenden Römern und glutäugigen Römerinnen,

und der Jüngling berichtete, wie es schien, freilich nicht mit

besonderem Behagen.

»Ach lieber Vetter Martin, verehrter Herr Doktor -- ich, und im

Comptoir sitzen! Das war eine grauenhafte Zeit, an die ich mein

Lebtag denken will. Und ich habe -- Gott weiß es -- dabei den

allerbesten Willen gehabt, aber ich bin vor lauter Zahlen und

trockener Geschäftskorrespondenz beinahe dumm geworden und war mehr

als einmal daran, davonzulaufen. Da hab' ich erst so recht gespürt,

daß wir zusammen gehören, ich und die Kunst, aber wie ich auch meinen

Vater anflehte, mich wieder malen zu lassen, er wollte nichts mehr

wissen. Ich hab' dann geschwiegen, aber ich wär' verblutet daran. Da

schickt mich mein Vater nach Dresden, um einen Ausstand von etwas

über zweitausend Mark einzukassieren. O wie gerne ich nach Elbflorenz

ging! Ich machte mein Geschäft ab und dann war mein erster Weg in die

Galerie. Und wie ich hier stand unter all den Herrlichkeiten und wie

die Seele bald weit wurde, bald wieder sich zusammenzog, da traf ich

einen Freund aus der Prager Malerschule. Der ging nach Rom, wohin er an

einen Meister empfohlen war, und da war's um mich geschehen. Ich weiß,

daß ich Unrecht that, aber ich ging mit, das Geld meines Vaters in der

Tasche ...«

»Nanu!« brummte der Alte und Frohwalt rief: »Aber Herr Stahl!«

»Verurteilen Sie mich nicht! Ich habe meinem Vater alles geschrieben;

ich habe ihm erklärt, ich könnte nicht wieder nach Hause kommen, er

solle mir das Geld lassen, ich verlange keinen Pfennig jemals mehr von

ihm, und wenn ich drüber verhungern müßte, aber ins Geschäft käme ich

lebendig nicht wieder zurück.«

»Na, und was schrieb der Alte?« fragte Martin einigermaßen erregt.

Hans Stahl seufzte:

»Ich sollte thun, was ich nicht lassen könnte -- aber zwischen uns wär'

es aus. Verfolgen würde er mich nicht wegen Unterschlagung, das wäre er

sich und seinem Namen schuldig, aber in sein Haus sollt' ich auch nicht

mehr kommen. O Vetter Martin -- das war hart, und ich kann's auch nicht

recht verwinden ...«

»Haben Sie denn auch bedacht, was Sie gethan haben?« fragte Frohwalt

ernst und strafend.

»Sachte, sachte, mein lieber Peter!« beschwichtigte Martin -- »hier

hilft kein Vorwurf und keine Schelte. Schön und recht war's nicht,

Hans, was Sie gemacht haben, aber der Topf ist einmal zerbrochen, und

Sie müssen zusehen, wie er wieder zu flicken ist. Von Ihren zweitausend

Mark können Sie auch nicht ewig leben, Freund Leichtfuß ... und haben

Sie denn überlegt, was dann geschehen soll, wenn die Moneten bis auf

den letzten Obolus verpulvert sind?«

Stahl machte ein trübseliges Gesicht und ließ den Kopf hängen.

»'s ist wohl schon bald auf der Neige, he? -- Ja, sagen Sie mir um's

Himmels willen, was treiben Sie denn eigentlich hier, und wie denken

Sie sich denn die spätere Sachlage? Sie glauben doch nicht, daß Sie

sich hier in vier Wochen zu einem Raphael auswachsen werden, he?« --

»Ich arbeite im Atelier meines Freundes und habe schon einige leichtere

Sachen kopiert, auch zwei davon -- freilich billig genug -- verkauft!«

Vetter Martin zog die Augenbrauen in die Höhe, was ebenso Verwunderung

als Unmut ausdrücken konnte.

»I potztausend, Hans Stahl ... jetzt wird mir's unheimlich; entweder

sind Sie ein Genie oder ein trostloser Sudler, aber in jedem Falle

gefällt mir Ihre Beschäftigung nicht recht. Haben Sie denn eine

regelrechte Unterweisung in der Kunst bei einem vernünftigen Meister?«

»Eigentlich nicht,« stotterte Hans.

»So -- dann können Sie ja über kurz oder lang, wenn's mit dem Kopieren

nicht geht, die Wände tünchen, das heißt sich ja wohl auch Malerei

... na, danken Sie unserm Herrgott, daß ich Sie entdeckt habe, Sie

Unglückswurm. Wenn ich Sie nicht für einen grundguten Kerl hielte, und

Ihnen nach meinem unmaßgeblichen Urteil ein bischen Talent zutraute,

ließe ich Sie in der Patsche sitzen, und um Ihren Vater haben Sie's ja

eigentlich auch nicht verdient, daß ich, ohne Ihnen eine rechtschaffene

Maulschelle appliziert zu haben, wieder Vorspann leisten will ...

aber ich will's als eine Fügung des Himmels ansehen, daß ich Sie just

hier gefunden und noch dazu an dem Feste, wo man auch mit den Lämmern

und Schafen besonders liebenswürdig umgeht. Also fürs Erste soll mir

ein guter Freund und Fachmann sagen, was von Ihrem Talente und Ihren

bisherigen Pinselübungen zu halten ist, und wenn die Sache so ist, wie

ich hoffe, dann will ich Ihren Vater in Angriff nehmen, nicht etwa daß

er Ihnen zur Belohnung Ihres Wohlverhaltens einen Jahresgehalt von

zweitausend Thalern aussetzt, sondern daß er die Dummheit vergißt, die

Sie gemacht haben, und daß er sich daran gewöhnt, einen Künstler in der

Familie zu haben. Punktum, und darauf trinken wir.«

Hans Stahl drückte in überströmender Dankbarkeit dem Alten die Hand,

und auch Peter Frohwalt fand, daß der Vetter auch diese Geschichte beim

rechten Ende anzufassen wisse. Er stieß fröhlich mit den beiden anderen

an.

Noch an demselben Tage aber führte Vetter Martin seinen jungen Freund

in der Familie Heinrich Quandts ein.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Siebzehntes Kapitel.

Gaetano Vergani, der neapolitanische Bauer, der in Frascati

festgenommen worden war, drehte und wendete sich wie ein Aal, um der

Justiz ein Schnippchen zu schlagen. Zwar der Gebrauch des Messers und

die Verwundung seines Genossen, der übrigens nicht gefährlich verletzt

war, war nicht wegzuleugnen, und Quandt sowohl, wie der Vetter Martin

hatten in die Geschichte, die ihnen unangenehmen Verkehr mit der

römischen Behörde brachte, ihre Ausschlag gehenden Zeugnisse abgelegt,

aber betreffs des im Weitern festgestellten Thatbestandes, daß der

Gefangene schon seit längerer Zeit mit neapolitanischen Dukaten um sich

werfe, über deren Erwerb er zunächst jede Auskunft verweigerte, schien

dieser die Sache ziemlich leicht zu nehmen.

Er verlangte, als man ihn auch in dieser Hinsicht mit Strafe bedrohte,

daß man ihm eine Unterredung mit dem Prälaten Parelli verschaffe, der

wohl im Stande sein würde, ihn von jeder diesbezüglichen Anklage zu

entlasten, denn aus dessen Hause stamme das Geld und gestohlen habe er

es nicht.

Da er mit Hartnäckigkeit auf dieser Forderung bestand, und unverschämt

genug war, zu behaupten, der Bischof von Mikrun würde seine etwaige

Bestrafung in dieser Sache an dem betreffenden Richter zu ahnden

wissen, und da andererseits Parelli eine hochangesehene Persönlichkeit

war, so wurde diesem von dem Ansinnen des Burschen Mitteilung gemacht,

beziehentlich angefragt, ob man ihm denselben zuführen dürfe.

Der Prälat fühlte bei diesem Ansinnen -- er wußte selbst nicht recht

weshalb -- ein gewisses Unbehagen, aber der Name des Menschen, auch

die Erwähnung der neapolitanischen Dukaten veranlaßten ihn, sich

bereit zu erklären, ihn zu sehen. So wurde eines Morgens Gaetano

Vergani gefesselt in das Haus Parellis gebracht, begleitet von einem

päpstlichen Gendarmen.

Als er das Zimmer durchschritt, welches nach dem Arbeitsgemache des

Prälaten führte, begegnete ihm Signora Lucia, welche von diesen

Vorgängen nichts wußte, da Parelli in seiner Zuneigung zu ihr jede

Unannehmlichkeit ihr ersparen wollte. Beim Anblicke des Burschen, der

mit gebundenen Händen eintrat, wich ihr alles Blut aus den Wangen, und

sie heftete die geisterhaften großen Augen nach ihm hin. Gaetano sah

sie mit einem frechen Blicke und mit einem höhnischen Lächeln an und

sagte halblaut:

»Ich empfehle mich Ihrem Wohlwollen und Ihrer Fürsprache, Signora.«

Der Gendarm versetzte ihm einen Stoß, und während das Weib in dem

dunklen Seidengewande wie gebrochen durch die eine Thür verschwand,

führte der Mann des Gesetzes seinen Begleiter durch die andere vor den

Prälaten.

Auch Parelli war bleich, als er den Menschen mit seinem rohen Gesicht

sah, an den er sich in diesem Augenblicke von Tivoli her deutlich

erinnerte; seine frechen Reden von damals kamen ihm ins Gedächtnis,

obgleich derselbe anscheinend tief demütig vor ihm stand; er gebot dem

Gendarmen, ihn mit dem andern allein zu lassen, da es sich vielleicht

um eine Beichte handle.

Sobald sich der Bursche mit dem Prälaten allein sah, veränderte sich

seine ganze Haltung. Er richtete sich auf, warf den Kopf beinahe

trotzig in den Nacken und schaute Parelli mit frechem Hohne an, so

daß es diesem immer unheimlicher wurde. Endlich, nach einer kurzen,

peinlichen Pause zwang er sich zu der Frage:

»Du hast mit mir zu sprechen verlangt; was willst Du?«

Der Bauer räusperte sich sehr vernehmlich und sagte:

»Eh, Monsignore -- da haben sie mich wegen einer kleinen Dummheit

festgenommen, weil ich einen, der falsche Würfel hatte, mit meinem

Messer zu sehr gekitzelt habe, und dann machen sie mir den Vorwurf, ich

hätte Geld gestohlen, neapolitanische Dukaten, und das ist nicht wahr.

Das Geld habe ich erhalten von Signora Lucia -- es waren wohlgezählte

vierhundert Stück -- ich habe aber gemeint, ich wollte sie nicht

nennen, es könnte ihr oder auch Euch selbst unangenehm sein -- he?«

Der Prälat saß zurückgelehnt in seinem Polstersitze und that einen

tiefen Atemzug.

»Von Signora Lucia hast Du das Geld erhalten? Warum? Zu welchem Zwecke?«

»Eh, Monsignore ... das ist eine heikle Geschichte, und wenn ich sie

Euch mitteile, hoffe ich, daß Ihr vor Gericht dafür die vierhundert

Neapolitaner auf Euch nehmt, mir auch sonst ein günstiges Urteil

verschafft und noch einmal vierhundert Dukaten drauflegen werdet ...«

»Unverschämter!« brauste Parelli auf; der Mann mit den gebundenen

Händen aber trat ihm einen Schritt näher und grinste höhnisch:

»Sprecht nicht so laut, gnädiger Herr -- der Gendarm draußen könnte an

der Thüre horchen und der braucht nichts zu hören von dem, was wir hier

verhandeln!«

Der Prälat sank, starr über diese Frechheit des Burschen, der seine

rauhe Stimme zum Flüstern dämpfte, in seinen Sitz zurück, der andere

aber fuhr fort:

»Ich hätt's mit dem Weibe allein abmachen können, wie das erste Mal,

aber Ihr habt ja an der Sache auch ein Interesse, und müßt wünschen,

daß ich sie nicht an die große Glocke bringe ...«

»Welche Sache?« stammelte Parelli erbleichend.

»Eh, Monsignore ... Ihr sagt doch aller Welt, daß Signora Lucia eine

sehr nahe Verwandte von Euch sei -- ich könnte überall etwas anderes

beweisen ...«

»Und was denn?« fragte der Prälat mit bebenden Lippen.

Der Bauer fühlte, daß er den bleichen Mann vor sich in seiner Gewalt

habe; er weidete sich einige Sekunden an der Angst desselben, dann trat

er ganz nahe an den Polstersessel heran, beugte sich über Parelli und

sagte, indem er ihm fest und wie mit dem bannenden Blick einer bösen

Schlange ins Gesicht sah:

»Daß sie mein Weib ist! -- Wie gefällt Euch das, Monsignore? He?«

Der Prälat war aufgesprungen und einige Schritte zurückgetreten; er

rief halblaut:

»Du lügst, Bursche ... das ist ein Erpressungsversuch.«

»Das Zweite mag sein -- das Erste nicht! In Foligno habt Ihr sie

kennen gelernt. Da waren wir schon zehn Jahre verheiratet und hatten

einander überdrüssig, weil wir kaum zu leben hatten. Darum gingen

wir auseinander, ich als Knecht in die Chiana di Sorrento, sie nach

Foligno als Blumenhändlerin. Und sie war hübsch, ich kann's Euch

nicht verdenken, daß sie Euch gefiel. Ihr brauchtet jemanden für Euer

einsames Haus, und nahmt sie zu Euch, und habt sie in Sammt und Seide

gesteckt, und sie erzählte Euch, sie sei eine Waise und stehe allein

da in der Welt. Aber ich habe sie zu finden gewußt und sie hat mein

Schweigen erkauft mit einem kleinen jährlichen Sümmchen. Dafür hab' ich

mir ein bescheidenes Weingut erworben bei Sorrento und hause dort mit

einem alten Weibe, das nichts von meiner Vergangenheit und von Lucia

weiß. Und dorthin kam sie, als sie im Begriffe war, Euch einen Sohn zu

schenken und lebte wieder unter meinem Dache, und auch Euer Kind ist

bei mir. Ihr vermeint, jener Gaetano Vergani sei der Bruder Lucias,

nein, Monsignore, er ist der rechtmäßige Gatte, und Ihr habt zu allem

andern noch einen Ehebruch auf dem Gewissen ... wie gefällt Euch das?

He?«

Parelli hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und stöhnte; er rang

nach Atem, nach Fassung. Was er hier hörte, traf ihn wie Keulenschläge,

und das Bewußtsein einer furchtbaren Schuld lastete erdrückend

auf seiner Seele. Er sank wieder auf seinen Sitz zurück, wie ein

gebrochener, elender Mann, der rohe Bursche aber fragte frech:

»Eh, Monsignore -- wie steht es mit den Dukaten? Und meint Ihr nicht,

daß ich wegen der Messerstecherei frei kommen könnte? Etwas wenigstens,

hoffe ich, werdet Ihr mir herunterhandeln ... Denn wenn Ihr's nicht

thut, dann muß ich der Welt doch erzählen, in welcher Verwandtschaft

wir beide stehen, und das, denke ich, ist Euch nicht lieb!«

Der Prälat ließ die Hände sinken; sein Antlitz war noch blaß, aber es

stand ein fester Entschluß auf demselben geschrieben. Er sprach leise,

aber bestimmt:

»Ich habe schweres Unrecht auf der Seele -- aber Du und Dein Weib, Ihr

seid Schurken! Mir ekelt's vor Euch! Glaube nicht, Elender, daß Du mich

mit Deinen Drohungen schrecken kannst; ich bin bereit, wenn es sein

muß, für meine Schuld zu büßen, und am Stuhle des heiligen Petrus giebt

es Verzeihung auch für den schwersten Sünder. Darum hoffe nicht, mir

gegenüber ein Erpressungssystem ins Leben zu rufen, Du könntest Dich

furchtbar täuschen. Die vierhundert Dukaten nehme ich auf mich, die

Strafe für den Messerstich, welchen Du Deinem Genossen beigebracht,

wirst Du unweigerlich tragen, und wenn Du sie überstanden hast,

dann zahle ich Dir und Deinem Weibe je 500 Scudi ein für alle Mal.

Unterfangt Ihr Euch, mich jemals wieder zu belästigen, so werde ich

selbst Euer Ankläger -- komme, was da wolle. So, jetzt sind wir fertig!«

Der Bauer stand ziemlich verblüfft da, Parelli aber rief den Gendarmen

und gebot ihm, den Gefangenen wieder fortzuführen; er würde selbst dem

Gerichte die weiteren Mitteilungen zugehen lassen.

Als der Bursche hinaus war, brach der Prälat aufs neue zusammen unter

seiner Schuld, und mit gerungenen Händen fiel er vor dem Kreuzbilde

nieder, das auf einem reichgeschnitzten Betpulte stand. Hier lag er

noch, als sich die Thüre leise öffnete und Lucia hereintrat. Sie war

todbleich, ihr Gang war schleppend, und da sie Parelli im Gebete sah,

hielt sie fast erschrocken den Schritt an. Da wendete er sich um. In

sein Antlitz schoß eine dunkle Röte; er sprang empor, seine Hände

ballten sich, die Adern auf der breiten Stirne schwollen ihm an, und

das Weib in dem schleppenden, dunklen Seidengewande stürzte vor ihm

nieder und beugte die Stirne bis zur Erde, als ob sie ihm die Füße

küssen wollte.

Der Prälat rang nach Selbstbeherrschung und er bezwang gewaltsam seine

Stimme, so daß sie halblaut, aber tief grollend klang:

»Hinweg von mir, Elende!«

»Verzeihung -- o Verzeihung!« stöhnte das Weib, noch immer mit dem

Antlitz auf dem Teppich liegend.

[Illustration: »Verzeihung!« -- stöhnte das Weib ... (S. 323.)]

»Ja wohl, Verzeihung -- der Himmel mag uns verzeihen, Dir und mir ...

aber aus muß es sein zwischen uns für alle Zeit. Geh in die Einsamkeit

und büße, wenn Du kannst, geh mit Deinem Manne, wenn er Dich noch mag,

mich aber befreie von Deiner Gegenwart, denn von Dir geht ein Hauch der

Sünde aus. Du wirst morgen noch mein Haus verlassen! Behalte alles, was

Du je von mir empfangen, aber laß Dich nie wieder sehen vor mir -- Du

hast mich belogen, betrogen, bestohlen! Hier nimm diese kleine Summe

noch« -- er war zum Schreibtische geeilt, schloß ihn mit fieberhafter

Hast auf und reichte ihr eine Rolle mit Goldstücken -- »es ist das

Letzte! Für unsern Sohn werde ich weiter sorgen.«

Das Weib wand sich auf den Knieen, aber es streckte die Hand nicht aus

nach dem Gelde.

»Stoß mich nicht fort zu dem Elenden, der sich meinen Gatten nennt!«

wimmerte sie.

Parelli warf die Rolle mit Goldstücken vor sie hin, daß sie sich

öffnete und die Münzen herausrollten, dann wandte er sich schweigend

und verachtungsvoll ab und verließ das Gemach.

Einige Augenblicke sah ihm Lucia nach, regungslos wie ein Steinbild,

dann blitzte es in den dunklen Augen auf wie im Zorn, mit hastigen

Händen raffte sie die zerstreuten Goldstücke zusammen, erhob sich und

eilte hinaus. In den beiden prächtigen Gemächern, welche sie bewohnte,

raffte sie zusammen, was sie an Schmuck und Wertgegenständen besaß und

legte es in einen Handkoffer, dann ließ sie durch einen Diener einen

Reisekorb herbeischaffen, welchen sie mit Wäsche und Kleidern bis an

den Rand füllte.

Am andern Morgen ließ sie einen Wagen kommen, der sie nach dem Bahnhofe

bringen sollte. Als sie, ohne Parelli noch einmal gesehen zu haben,

langsam und gleich einer Fürstin, wie sie es in früheren Tagen gewöhnt

war, die Treppen hinabstieg, ließ sie ihre Blicke noch einmal über all

die Herrlichkeit schweifen, welche sie verließ, aber sie hatte ihr

Auge und ihre Miene völlig in der Gewalt. Der Diener, welcher ihren

Handkoffer trug, hatte, trotzdem er wiederholt einen beobachtenden

Blick nach ihr gewendet, keine Ahnung von dem, was in der Brust des

geputzten Weibes vorging.

Da kam eben der Jesuitenpater Felice. Er sah sie erstaunt an und fragte:

»Sie verreisen, Signora?«

»Ja wohl, Hochwürden.«

»Auf lange Zeit?«

»Auf Nimmerwiederkehr!« flüsterte sie zischend, und in diesem einen

Worte brach ihre mühsam verhaltene Erregung durch.

»Aber was bedeutet das, Signora?« frug der Jesuit beinahe bestürzt.

»Fragen Sie Monsignore!« stieß sie noch hervor, dann rauschte sie an

ihm vorüber und gleich darauf hörte er das Rollen des Wagens. Mit dem

immer gleichen, kalten Gesicht stieg der Pater die Treppe empor und

ließ durch Giovanni sich bei dem Prälaten melden.

Dieser sah ihm ziemlich finster entgegen und bot ihm einen Sitz, dann

fragte er mit kühler Höflichkeit nach seinem Begehren.

Felice kam in Angelegenheiten des Konzils. Der Jesuitenorden hatte für

die widerspenstigen Bischöfe, welche sich der neuen Geschäftsordnung,

namentlich der Forderung, daß mit einfacher Mehrheit entschieden werden

solle, nicht gutwillig fügen mochten, eine Falle zurecht gelegt und

bearbeitete seine Anhänger in dem Sinne, wie diese Falle Verwendung

finden sollte. Parelli glaubte man bei seiner Gutmütigkeit sicher zu

haben, ihn konnte man wohl auch etwas tiefer in die Karten sehen lassen.

Aber Felice hatte keinen glücklichen Tag getroffen, das Gewissen des

Prälaten hatte einmal angefangen, sich zu regen, er fühlte den starken

Trieb, recht zu thun und damit seine Schuld wegen Lucia einigermaßen

zu erleichtern, und so hörte er mit Unmut dem Jesuiten zu, der ihm

auseinandersetzte, wie man zu den Dekreten betreff der Unfehlbarkeit

eine Art Einleitung den Konzilsvätern vorlegen wolle, in welcher es

auf eine besonders scharfe Verurteilung des Protestantismus abgesehen

sei. Man erwarte nach der ganzen Fassung einen Widerspruch der

nichtitalienischen Bischöfe, ja man wünsche sogar einen solchen und

würde es auch nicht ungern sehen, wenn selbst eine Anzahl für den

Glaubenssatz gewonnener Kirchenfürsten sich in diesem Falle jenen

anschlössen. Dadurch würde einerseits der Vorwurf hinfällig, daß die

italienischen Bischöfe einfach alles annehmen, was ihnen vorgelegt

würde und fürs zweite hätte man die widerstrebenden Bischöfe dazu

gebracht, etwas mit einfacher Mehrheit zu entscheiden, und der von

ihnen angefochtene Grundsatz der Geschäftsordnung hätte damit durch sie

selbst Genehmigung erhalten.

»Mag die Beleidigung des Protestantismus auch hintertrieben werden,

wenn sie nur die verhaßte neue Geschäftsordnung auf diese Weise

annehmen!« schloß Felice, und um die schmalen Lippen ging ein leichtes

Zucken, wie ein Lächeln.

Die Brauen Parellis hatten sich zusammengezogen. Jetzt sah er den

Jesuiten durchdringend an und sprach mit unverkennbarem, bitterem Hohne:

»Der Zweck heiligt die Mittel! ... Ich will ehrlich zu Ihnen sprechen,

Hochwürden, denn ich bin in einer Stimmung, in der ich nicht anders

kann, und wenn ich für meine Meinung und Ueberzeugung der schwersten

Strafe verfiele. Ja, ich werde gegen einen solchen Angriff gegen den

Protestantismus stimmen, aber nicht um das Spiel, das mit dieser

Abstimmung getrieben werden soll, zu unterstützen, sondern aus

innerster Ueberzeugung, denn ich kenne Protestanten, die himmelhoch

stehen über Katholiken und katholischen Priestern, und von denen wir

allzusammen lernen können, was in jeder Religion das wahrhaft Religiöse

ist ... im übrigen aber lassen Sie mich meine Wege von heute ab gehen

auch in der Frage der Unfehlbarkeit. Die Mittel, welche angewendet

werden, um sie durchzusetzen, die heimlichen Wege, welche man geht,

um eine ehrliche, gesinnungstüchtige Gegnerschaft zu bekämpfen, sind

unwürdig und ich schäme mich, wenn ich mit dafür haftbar gemacht

werden solle. Ich werde, wenn es zur Abstimmung kommt, nicht nach

der Vorschrift des Jesuitenordens, sondern nach meiner Ueberzeugung

stimmen -- komme was da wolle!«

Felice sah den Prälaten groß und mit starren Augen an, als stehe er

vor einem Rätsel, das selbst ihm, dem vielgewandten und kalten Manne

unverständlich war; endlich sagte er:

»Bischöfliche Gnaden, ich höre mit Bedauern solche Worte, die aus einer

augenblicklichen Erregung kommen, welche ich nicht ernst nehmen möchte.

Ich merke daraus nur das Eine, daß Ihr guter Engel von Ihnen gegangen

ist.«

Parelli sah ihn mit gehobenem Haupte und fest an:

»Meinen Sie damit das Weib, welches ich aus meinem Hause gejagt habe?

-- Haben Sie wirklich den Mut, als ihr Beichtvater, der doch von allem

gewußt haben muß, diese Elende so zu nennen? Ihnen brauche ich meine

Sünde und Schande nicht erst zu erzählen, Sie haben darum gewußt, Sie

_müssen_ darum gewußt haben, und doch haben Sie uns beide hinleben

lassen in Schuld und Verbrechen ohne ein mahnendes und strafendes Wort?

-- Durch das Weib haben Sie den Einfluß auf mich sich gesichert ... wie

nennen Sie ein solches Verhalten? -- O, mich widert das alles an --

ach, wenn Sie wüßten, wie sehr es mich anwidert. In unserer heiligen

Kirche ist vieles schlecht geworden und gerade durch die Schuld

derjenigen, die über ihre Reinheit und sittliche Würde am meisten zu

wachen berufen waren. -- Ich kann nicht anders büßen für meinen Anteil,

als indem ich redlich streben will, das Verderbte an mir und anderen

zu bessern, und daß ich allezeit den geraden Weg gehe, auf welchem die

beiden Sterne der Gottesliebe und der wahren Nächstenliebe leuchten.

Dazu aber kann ich Ihrer Leitung entbehren, und da Sie mir immer nur

aufs neue die Erinnerung an meine Sünde und an die Zeit meiner Schmach

in mir wachrufen müßten, so ist es wohl besser, wenn wir uns so wenig

als möglich begegnen; es kann ja auch Ihnen nur angenehm sein!«

Das blasse Gesicht des Jesuiten war noch um einen Schein fahler

geworden, aber er beherrschte sich auch jetzt.

»Ich habe gehört und nicht gehört, Monsignore. Sie sind in Aufregung

und ich bin nicht so lieblos, Sie darum für alles, was Sie eben gesagt

haben, verantwortlich zu machen. Sie sollen über meine Zudringlichkeit

nicht zu klagen haben, aber vergessen Sie auch nicht die Pflichten, die

der heilige Stuhl berechtigt ist, von Ihnen erfüllt zu sehen. Es ist

nicht gut, gegen den Stachel zu lecken, Herr Bischof von Mikrun!«

Er verneigte sich mit spöttischer Höflichkeit tief vor dem Prälaten

und ging; Parelli aber atmete jetzt tief auf, dann trat er an das

Fenster, öffnete es, als ob er eine andere, reinere Luft einlassen

müsse, und nun ging er mit großen Schritten in dem Gemache auf und ab.

Er hatte ein Gefühl des Wohlbehagens, wie er es seit langer Zeit nicht

empfunden, das Gefühl der Befreiung von einem moralischen Drucke, der

in gar mancher Stunde schwer auf ihm gelegen, am schwersten aber wohl

damals, als der braune Junge aus der Campagna vor ihm auf den Knieen

gelegen und mit gefalteten Händen ihn angefleht hatte, das Weib zu

entlassen, das Felice die Frechheit besaß, seinen guten Engel zu nennen.

So hatte der junge deutsche Priester damals Sisto genannt, und er hatte

mehr Recht. Die beiden Gestalten, der dunkellockige Knabe und Peter

Frohwalt traten vor seine Seele, die nach der Berührung mit dem Reinen

und Guten sich sehnte, und einem raschen Antriebe folgend, beschloß er,

vor beiden sich zu rechtfertigen.

Er ließ seinen Wagen vorfahren und begab sich, da an diesem Tage keine

Konzilssitzung stattfand, nach der Wohnung des jungen Priesters,

welchen er auch daheim antraf, und der ihn erstaunt, aber mit

gebührender Höflichkeit begrüßte.

»Wissen Sie, warum ich komme?« fragte der Prälat. »Ich habe das

Bedürfnis, mein Gewissen zu entlasten, und bitte, Ihnen beichten zu

dürfen.«

Frohwalt geriet beinahe in Verlegenheit.

»Verzeihung, bischöfliche Gnaden, aber ich besitze für Rom keine

Berechtigung zur Ausspendung des Beichtsakramentes.«

»Ach so ... das ist wieder die gewohnte Gründlichkeit und

Gewissenhaftigkeit der deutschen Theologen. Sie haben freilich durch

die Priesterweihe auch das Recht, zu binden und zu lösen erhalten, und

jeder bedrängte Mensch, den sein Vertrauen zu Ihnen zieht, sollte kraft

dessen auch von Ihnen von seinen Sünden freigesprochen werden können,

aber ich weiß, daß sich formale Bestimmungen auch hier dazwischen

drängen. Nun gut ... haben Sie auch in Rom nicht das Recht, mich von

Sünden zu lösen, so darf ich doch mein Bekenntnis vor Ihnen ablegen.

Sie haben einst mit ruhigem und doch so eindringlichem Worte an meinem

Gewissen gerüttelt, daß es mich drängt, jetzt, da ich die Kraft der

inneren Erneuerung gefunden habe, zuerst zu Ihnen zu kommen.«

Und nun erzählte er ruhig und klar die Vorgänge des gestrigen Tages und

was damit zusammenhing; er schloß:

»Endlich bitte ich Sie um Eines: Ich habe den Drang, daß auch der

Knabe, der einstens um mein Seelenheil vor mir auf den Knieen gelegen,

erfahre, daß sein Gebet durch die Gnade des Himmels erhört sei, und

habe die Sehnsucht; ihn wieder in meiner Nähe zu wissen. Thun Sie mir

die Liebe, Sisto aufzusuchen, und bringen Sie ihn mir wieder ... ich

habe erst in diesen Tagen empfunden, was mir der Knabe war.«

Frohwalt war von dem Gehörten tief ergriffen.

»Und habe ich auch keine formale Berechtigung, Ihnen Sünden zu

vergeben, der Himmel und Ihr eigenes Herz werden Sie von Ihrer Schuld

lossprechen -- ich aber, das glauben Sie, bin unendlich glücklich, daß

es so gekommen ist. Ich suche heute noch Sisto auf, und wenn es irgend

möglich ist, führe ich Ihnen den Knaben zu. Quandts kehren ja doch

bald nach der Heimat zurück und ich glaube nicht, daß sie die Absicht

haben, Sisto mit sich zu nehmen.«

»Ich danke Ihnen im voraus für alle Liebe, die Sie mir thun, und ich

will bemüht sein, mich ihrer wert zu machen.«

Parelli hatte sich wieder entfernt und Frohwalt war es zu Mute, als

beschere ihm der Himmel die erste glückliche Stunde in Rom. Er wollte

auch nicht zaudern mit der ihm gewordenen Mission, aber eben, da er

sich auf den Weg zu machen gedachte, trat der Vetter Martin bei ihm ein.

»Lieber Peter -- das ist hübsch, daß ich Dich erwische -- denn ich

komme, um Dir meinen Abschiedsbesuch zu machen. Du weißt, daß ich

der Mann der plötzlichen Entschlüsse bin. In Rom ist mir der Boden

etwas heiß geworden unter den Füßen und Eure Konzilsverhandlungen

sind das Langweiligste, was für die katholische Christenheit erdacht

werden konnte -- ich fürchte freilich, daß sie mit einem unangenehmen

Knalleffekt abschließen. Also kurz und gut: Ich breche morgen früh auf

gegen Neapel. ~Vedi Napoli poi more!~ Auf meiner Rückreise komme ich

noch einmal nach der ewigen Stadt, und ich vermute, daß ich Dich noch

finden werde. Meine Geschäfte hier sind in der Hauptsache erledigt.

Mein Lausitzer Windhund, von dem sein Alter durchaus nichts mehr wissen

will, ist bei Quandt untergebracht, und arbeitet in dessen Atelier

auf Tod und Leben. Quandt hat ihm ein schönes Talent zugesprochen und

wird ihn, wenn er mit seiner Frau Rom verläßt, an einen andern Maler

empfehlen. Ich denke, wir schleppen den armen Teufel durch. Auch

Quandts sind die prächtigsten Menschen auf Gottes Erdboden ... Nun Gott

befohlen, mein lieber Peter -- ich habe noch Einiges rasch zu besorgen

-- und halte mir die Ohren steif wegen der Unfehlbarkeit!«

Noch ein kräftiger Kuß, dann ging der Alte und bald nach ihm verließ

Frohwalt das Haus.

Der Himmel war trübe geworden und es begann zu regnen, als er durch

die Straßen schritt. Diesem Umstande vielleicht hatte er es zu danken,

daß er Quandts daheim antraf.

Der Maler und Friederike empfingen ihn mit gewohnter Herzlichkeit und

der Erstere rief:

»Hat unser alter Wandervogel schon Abschied genommen? Das kam ja mit

einer merkwürdigen Plötzlichkeit über ihn, und ist für uns beinahe

vorbedeutungsvoll geworden, denn sehen Sie, wir stehen gleichfalls

auf dem Sprunge. Meine Schwiegereltern schreiben uns einen Brief, der

Frühling rühre sich heuer schon im Sachsenlande, und die Schwalben

kämen aus dem Süden, ob wir denn nicht das gute Beispiel nachahmen

wollten. Das ist meinem Schatz so ins Herz gefahren, daß sie mit einmal

alle Lust an Rom verloren hat, und ich bin ein so überaus folgsamer

Gatte -- was will ich thun? -- Nächste Woche packen wir ein!«

Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben · 第 17 / 21 题