So rang Severin mit sich selbst. --

Der Herbst schritt weiter vor, und man sprach überall von dem

Zusammentritt des Konzils. In jenen Tagen kam Peter Frohwalt noch

einmal heim, um, ehe er nach Rom ging, seine Mutter zu besuchen. Als er

am Abend unvermutet bei ihr eintraf, fand er hier Therese Haller und

seine Schwester, die ein winziges Kindlein, einen munter schauenden

Knaben, in einem Steckkissen auf dem Arme trug.

Die Frauen waren, jede nach ihrer Weise, erregt, als sie ihn sahen; er

nicht minder. Daß Therese in seiner Heimat war, wußte er allerdings,

daß sie ab und zu seine Mutter besuchte, war ihm gleichfalls bekannt,

und in diesem Augenblicke war ihm letzteres doppelt erfreulich,

weil es ihn über das Peinliche der Begegnung mit seiner Schwester

hinwegbrachte. So begrüßte er zuerst die Mutter mit Gruß und Kuß,

und sie schloß froh und stolz die Arme um den stattlichen Sohn; dann

reichte er Therese die Hand, welche sagte:

»Sehen Sie, wie wunderlich die Menschen sich zusammenfinden, Ihre liebe

Mutter, Herr Doktor, läßt mich erst hier mich wohl fühlen, und ich

komme in allen meinen Nöten als unerfahrene junge Frau zu ihr und bin

glücklich, daß sie mich ein wenig als Töchterchen ansehen will. Und

auch mit Marie habe ich mich auf freundschaftlichen Fuß gestellt. Und

sehen Sie nur, was für einen kleinen, prächtigen Neffen Sie haben!«

Marie war schüchtern beiseite getreten, als sei sie eine Fremde,

die kein Recht habe, hier zu sein; bei diesen Worten aber überflog

ihre Wangen eine liebliche Röte, und verschämt blickte sie auf den

schlafenden Säugling auf ihrem Arme nieder. Noch heißer aber ward das

Rot, das sich bis unter die blonden Stirnhaare verlief, als ihr Bruder

zu ihr herantrat, ihr die Hand hinreichte, sich über das Kind beugte

und mild und freundlich sagte:

»Grüß Gott, Marie, und er segne Dir Deinen Kleinen!« Das übermannte das

junge Weib, so daß ihr die Thränen hell über die Wangen rannen und daß

sie die Hand des Bruders an die Lippen ziehen wollte; dieser wehrte

jedoch ab.

Therese erkannte mit feinem Taktgefühl, daß sie nicht bleiben dürfe,

und so ging sie mit herzlichem Gruße, nicht ohne Frohwalt um seinen

Besuch gebeten zu haben. Als sich die Thür hinter ihr geschlossen

hatte, stammelte Marie:

»Ach, wie bist Du gut, Peter! Lohn' Dir's Gott tausendmal.«

Der junge Doktor geriet einigermaßen in Verlegenheit, er wußte nicht,

ob er solchen Dank annehmen dürfe, aber er sprach milde, wie vorhin:

»Ich will an nichts anderes denken, als daß Du meine Schwester bist --

von Deinem Manne aber wollen wir nicht sprechen!«

Ein Schatten lief über das hübsche Antlitz Mariens, und schüchtern

sagte sie:

»Und doch hätte er Dir so gerne gedankt!«

»Wofür?«

»Ach, Du willst Dich nicht dazu bekennen, aber wir wissen es doch, auch

wenn es die Mutter in Abrede stellt; jene dreihundert Gulden ...«

Das Gesicht Frohwalts wurde finsterer:

»Ich weiß nicht, wovon die Rede ist! ... Mutter, wie steht's mit Eurer

Obsternte? Ist mein alter Apfelbaum wieder brav gewesen?«

Die alte Frau wurde redselig. Sie freute sich unendlich, daß ihr Sohn

milder gegen seine Schwester war und bot nun alles auf, was sie nur

irgend ihm vorsetzen konnte. So saßen die drei mit dem schlummernden

Kinde beisammen, bis es anfing zu dämmern und Marie gehen mußte. Peter

reichte ihr wiederum die Hand und sie huschte hinaus.

Nun fragte er die Mutter nach Diesem und Jenem. Was der Vetter Martin

mache?

Der sei seit kurzem daheim und einigermaßen verdrießlich, weil

sein Bein ihm immer wieder beim weiteren Wandern Störungen mache.

Gegenwärtig ordne und katalogisiere er seine Sammlungen, aber vor

Einbruch des Winters denke er doch noch einmal auszumarschieren.

Auch nach ~Dr.~ Haller erkundigte sich Frohwalt und die alte Frau

machte ein einigermaßen bedenkliches Gesicht.

»Er ist das herzige Frauchen nicht wert. Ich bin zweimal bei ihr

gewesen und habe gesehen, daß er sie mindestens nicht ganz höflich

behandelt; das eine Mal machte er mir den Eindruck, als sei er

betrunken. Sie läßt sich nichts merken, aber ich habe sie hier bei mir

schon mit verweinten Augen gesehen.«

»Das ist schlimm und sollte mir leid thun um Therese. Wie schätzt man

ihn als Arzt?«

»Gar nicht; er hat zwei böse Fehlkuren gemacht, und seitdem hat er wohl

wenig zu thun; sie müssen in der Hauptsache vom Eigenen leben.« -- --

Der Abend verging, und Frohwalt fühlte, als er am Abend sich in dem

freundlichen Giebelstübchen in seinem Bette streckte, ein wohliges

Behagen. Daheim bei der Mutter war es doch am schönsten, und daß er der

Schwester Liebe gezeigt hatte, trug auch dazu bei, ihn in angenehme

Stimmung zu versetzen. Am andern Morgen blieb er, obwohl er munter war,

noch liegen. Die Stille im Haus und im Städtchen that ihm wohl und

heimelte ihn an, und wenn er ab und zu den leisen Schritt der alten

Frau hörte, welche wohl lauschen mochte, ob er bereits wach sei, um ihm

den Morgenkaffee ganz frisch zu bereiten, so drückte er die Augen zu

und lag ganz still und träumte sich zurück in vergangene Tage.

Als er zum letzten Male hier gewesen war, war er beinahe im Zorn und

heißen Unmut geschieden; diesmal wollte er das gutmachen, denn seine

Schwester konnte trotz alledem, was geschehen war, nicht schlecht

sein, wenn Therese sie ihrer Freundschaft wert hielt. So lachte ihm

das Städtchen noch einmal so freundlich entgegen, als er seine Besuche

machte. Acht Tage Urlaub hatte er sich erbeten, ehe er nach der ewigen

Stadt gehen wollte auf längere Zeit, und er hatte das Bedürfnis, wie

wenn er vor einem großen Lebensabschnitt stünde, noch einmal die Stätte

und die Menschen zu sehen, mit denen er daheim bekannt und erwachsen

war.

Er machte zuvörderst seinen Besuch auf der Pfarre; der alte, liebe

Pfarrer empfing ihn herzlich und gütig; er freute sich, ihn so

in Ehren und Ansehen zu wissen, und vermied dabei, über seine

Familienbeziehungen zu sprechen, weil er ihn von früher her kannte. Als

die Rede auf das Konzil kam, sagte er:

»Glauben Sie, daß man die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatze erheben wird?«

»Ich hoffe zu Gott, daß es nicht geschieht,« erwiderte Frohwalt --

»und hege diese Zuversicht um so mehr, als die eben jetzt in Fulda

versammelten deutschen Kirchenfürsten an die Katholiken Deutschlands in

diesen Tagen eine Ansprache erlassen haben, die kurz betonte: Man solle

ruhig sein und Gott vertrauen; es werde keine neue Lehre aufgestellt

werden.«

Der alte Priester schüttelte das weiße Haupt:

»Ich bin ein einfacher Landpfarrer und rühme mich keiner theologischen

Gelehrsamkeit, aber ich meine, es hätte richtiger gesagt werden

müssen: die Unfehlbarkeit ist keine neue Lehre oder: sie wird nicht

aufgestellt werden. -- Na, ich füge mich allem: Wenn der Herr

Kardinal-Fürst-Erzbischof sie als Glaubenslehre annimmt, thue ich es

auch, selbst wenn ich es für keinen Segen halten könnte. Ich bin ein

alter Mann und möchte keine äußere und innere Unruhe haben.«

Frohwalt ging einigermaßen verstimmt von dannen und suchte, da es der

Anstand einmal verlangte, den Kaplan auf. Der war verbittert nach allen

Beziehungen. Er schwur auf die Unfehlbarkeit des Papstes und beklagte

es, daß man daran überhaupt noch zweifeln könne; für ihn brauche es

kaum noch einen ausgesprochenen Lehrsatz: der Papst als Statthalter und

Stellvertreter Christi auf Erden müsse unfehlbar sein. Frohwalt hielt

es nicht der Mühe wert, mit dem Eiferer, der nicht ernst zu nehmen war,

über die Sache sich zu unterhalten, und jener sprang auf anderes über.

Er beklagte die allzu große Duldung des Pfarrers, der es zuzuschreiben

wäre, daß der Protestantismus in der Stadt an Boden gewinne; seit

Freidanks Uebertritt bestehe bereits eine kleine ketzerische Gemeinde

hier, und er beklage besonders tief, daß die Schwester eines

katholischen Priesters dazu gehöre.

»Hier hat meine Macht eine Grenze, Hochwürden,« sagte ihm Frohwalt,

»und ich bin nicht im Stande, meine Schwester bedingungslos zu

verdammen, wenn ich auch niemals ihren Schritt billigen werde. Ob die

Duldung des alten Herrn das Anwachsen des Protestantismus allein zu

verantworten hat, möchte ich dahingestellt sein lassen, denn sie ist

auch nicht die Veranlassung zum Abfall Freidanks gewesen.«

Der Kaplan sah den Sprecher mit verwunderten und beinahe zornigen Augen

an; seine Aeußerungen waren von solchem finstern Glaubenseifer und so

bitterer Gehässigkeit gegen die Andersgläubigen erfüllt, daß Frohwalt

davor einen gelinden Schauer empfand. Nein, das war kein Jünger des

Herrn! Man durfte die evangelische Sekte bekämpfen, ihre Anhänger

bannen, aber man durfte sie nicht wie einen Abschaum der Menschheit

behandeln. So war Marie nicht, wie dieser Pater Ignaz die Evangelischen

schilderte!

Er war froh, als er die Pfarrei im Rücken hatte, dort herrschte ein

unbehaglicher, finsterer Geist, und wehe dem Städtchen, wenn der

Kaplan hier jemals Pfarrer werden sollte. Es drängte ihn, zum Vetter

Martin zu gehen, mit dessen Anschauungen er zwar auch nicht durchaus

einverstanden war, der aber mit einem warmen, guten Herzen durch

die Welt ging, niemandem wehe that und Freude verbreitete, wo er

nur konnte. Er dachte an jenen Nachmittag in Prag, an dem der alte

Nedamitzer Pfarrer vielleicht zum letzten Mal einen Hauch des Glückes

empfunden hatte, das ihm verschafft war durch Vetter Martin, während er

selbst mit seiner zornigen Härte, mit seiner kalten Moral vielleicht

den alten Priester in Verzweiflung und Tod gebracht hatte. Er fühlte,

daß er um deswillen schon manches gut zu machen hatte.

Vetter Martin war nicht allein; Frohwalt fand zu seinem Staunen bei ihm

keinen anderen als Hans Stahl, der in »der Bibliothek« bei dem Alten

saß mit einem recht zerknirschten Gesichte, in welches nun beim Anblick

des neuen Besuchers ein unverkennbarer Zug von Verlegenheit trat. Der

alte Herr war aufgestanden und begrüßte den Adjunkten freundlich:

»I, sieh mal, das ist hübsch, daß Du vor Deiner Romfahrt erst noch

einmal nach Hause kommst und sogar bei mir vorsprichst, obwohl Du Dir

denken kannst, daß ich auf die Unfehlbarkeit nicht gut zu sprechen bin.«

Hans Stahl wollte sich entfernen, Martin aber hielt ihn zurück:

»Bleiben Sie nur da -- Sie kennen sich ja Beide -- und ich vermute, daß

der Doktor Frohwalt auch weiß, was Ihnen in Prag passiert ist.«

»Ich entsinne mich, von der unliebsamen Geschichte gehört zu haben,

daß man Sie wegen öffentlicher Ruhestörung und Herausforderung zum

Zweikampf zu Gefängnishaft verurteilt hatte,« sprach Frohwalt ziemlich

kühl; Hans Stahl aber saß da wie ein armer Sünder. Dem Vetter Martin

that der frische Junge leid, und er sagte:

»Na, die Geschichte ist vorbei, und er ist Dank der Verwendung des

Professors Holbert ziemlich glimpflich weggekommen, aber nun sitzt das

Unglückswurm hier und bläst mir seine Trübsal vor. Da hat das Herz und

der junge Hitzkopf Ihnen eben einen dummen Streich gespielt, lieber

Hans, und was Sie sich eingebrockt haben, müssen Sie ausessen. Ich

hatte nämlich -- wandte sich der alte Herr zu Frohwalt -- bei seinem

Vater durchgesetzt, daß er die Theologie mit der Malerei vertauschen

dürfe, und wir hatten beide die schönsten Hoffnungen, daß er einmal

ein kleiner Raffael werde, da passiert die Geschichte. Und nun will

der Vater nichts mehr von der Künstlerlaufbahn wissen, sie mache zu

Ausschreitungen geneigt und was dergleichen mehr ist; er soll ins

Geschäft eintreten und Kaufmann werden. Viel Talent scheinen Sie mir

dazu nicht zu haben, aber es ist nichts dagegen zu machen, und mein

Rat, den Sie haben wollen und weshalb Sie eigens hierher gereist sind,

ist der: Sie folgen fürs erste Ihrem Vater, bemühen sich, möglichst

tüchtig in seinem Kontor zu sein, und malen nur des Sonntags zu Ihrem

Vergnügen. Na, Kopf hoch, die Sache ist doch nicht so schlimm, und

wenn's wirklich bei allem guten Willen gar nicht geht, so können Sie

auf mich zählen.«

Hans Stahl nickte noch immer recht trübselig mit dem Kopfe, dankte

schön für den guten Rat und den erhaltenen Trost und ging.

»Er ist ein Windhund!« sagte Frohwalt hinter ihm.

»Aber nicht die schlechteste Rasse,« erwiderte der Alte; »den geb' ich

nicht auf, und wär' alles vielleicht besser geworden, wenn er nicht mit

der Theologie erst kopfscheu geworden wäre ...«

Der »Windhund« aber schlich draußen recht langsam durch die Gassen des

Städtchens; er befand sich im Zustande moralischen Katzenjammers. Er

sah sich bereits im Kontor seines Vaters auf dem Drehstuhl, trockene

Geschäftsbriefe abschreibend und unerquickliche Zahlen schreibend, und

in seiner Seele tauchten mitunter die abenteuerlichsten Gedanken auf.

So ging er langsam fürbaß, ohne aufzublicken, bis ihn mit einmal eine

Stimme aus seinem Sinnen weckte:

»Guten Tag, Herr Stahl, was führt Sie hierher?«

Der Angeredete schrak beinahe zusammen, blickte auf, und sah vor sich

einen jungen Kapuziner stehen:

»Pater Severin! Sind Sie nicht mehr in Prag?«

Die Hände lagen fest in einander, und Hans Stahl schüttelte wie mit

einem Ruck alles ab, was ihn quälte und bedrängte; er war wieder der

Alte, der das Leben mit Humor und Drang nach frischem Genusse erfaßt.

»Das ist ja wunderhübsch daß ich Ihnen auf dieser Scholle begegne, in

diesem kleinen, lieblichen Neste. Ich suche nämlich Menschen, und Sie

sind wirklich der zweite, welchen ich hier finde. Dafür werden Sie mich

auch heute nicht mehr los. Haben Sie Ihren Nachmittag frei?«

»Ich muß allerdings in einer unaufschiebbaren Sache nach Oberdorf zu

meinen Eltern, aber wenn Sie mich dahin begleiten wollen, soll's mich

freuen; es ist ein Weg von etwa fünfviertel Stunden.«

»Wenn ich Ihnen nicht lästig bin -- --«

»Gott bewahre --«

»Abgemacht! Ich gehe jetzt, um für meinen Leib eine Atzung zu suchen,

und bin nach Tische bei Ihnen -- mich gelüstet's, wieder einmal einige

Minuten in einer Mönchszelle zu sitzen.«

So gingen sie für's Erste auseinander, aber nachmittags stellte sich

Hans Stahl pünktlich in dem Klösterchen ein. Er fand Severin im Garten

zwischen blühenden Georginen und Astern hinschweifend, aber dieser

führte ihn sogleich nach seinem kleinen, aber freundlichen Gelaß. Stahl

setzte sich auf den Stuhl beim Fenster und ließ seinen Blick die

kühlen, weißgetünchten Wände entlang schweifen; dann sprach er:

»Wissen Sie, Ihre Zelle ist noch weitaus gemütlicher, als eine solche

im Prager k. k. Landesgericht.«

»Das können Sie unmöglich beurteilen,« sagte lächelnd der Kapuziner,

aber sein Besucher erwiderte:

»Na, ich dächte doch! Oder sollten Sie nichts davon ahnen, daß

Sie einen entlassenen Sträfling beherbergen, der eben erst wieder

die Fittiche dehnt ... na, erschrecken Sie nicht so, Mann Gottes;

erschlagen hab' ich keinen, aber nahe dran war ich. Also sie wissen

wirklich nichts? Na, Gott sei Dank, daß es noch solche Menschen giebt,

das verleiht mir ordentlich ein Selbstbewußtsein. Dafür will ich Ihnen

auch eine Generalbeichte ablegen und hoffe, daß Sie mich absolvieren.«

Und nun erzählte er ehrlich die Geschichte seiner Liebe und seines

Hasses, und beachtete es gar nicht, wie einmal, da er von der ersteren

redete, ein fahler Schein über das Antlitz des jungen Mönches lief,

und wie seine Brust sich einmal rascher hob zu einem unbezwinglichen

Seufzer.

»So, nun wissen Sie alles, Sie Glücklicher, der keine solchen

Anfechtungen hat und nicht daran zu denken braucht, wie man einen

Nebenbuhler beseitigt!«

Severin nickte einigemale unbewußt mit dem Haupte und das Lächeln, das

über sein Gesicht ging, erinnerte an müdes Abendlicht der scheidenden

Sonne.

»Ja, ja ... aber sagen Sie, haben Sie denn wirklich Therese Holbert so

lieb gehabt?«

»_Gehabt?_ Freund, ich habe sie noch lieb und werde sie in alle

Ewigkeit so lieb haben, ob Sie mir's glauben oder nicht!«

Der junge Kapuziner mochte das wohl glauben, denn die Worte klangen

ihm in der eigenen Seele nach, und es wurde ihm in diesem Augenblicke

wieder so schmerzlich zu Sinne, wie nur jemals in seinem jungen Leben.

Aber er sah an seinem härenen braunen Gewande hinab, dann in das

Gesicht des prächtigen, blühenden Burschen vor ihm, der gleichfalls

entsagen mußte, und sprach:

»Wissen Sie denn, daß ~Dr.~ Haller hier als praktischer Arzt lebt?«

»Hier?«

Stahl sprang heftig von seinem Sitze.

»Hier? -- Und Therese ist auch hier?«

»Gewiß, ich habe sie beide ehelich verbunden!«

»_Sie?_ -- Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut, das ist ja ein Akt

einer höllischen Boshaftigkeit, den Sie auch einem andern hätten

überlassen können.«

Severin lächelte wiederum müde -- wie gern er das einem andern

überlassen hätte!

»Natürlich haben Sie die Verbindung so dauerhaft als möglich gemacht.

Herr Gott, hätten Sie denn nicht einen geistlichen Vorbehalt einfügen

können, so daß Therese eines schönen Tages, wenn Sie unglücklich wird

-- und ich sage Ihnen, sie wird's -- wieder frei werden könnte! --

Aber thun Sie mir den Gefallen, führen Sie mich an dem Hause vorüber,

in welchem sie wohnt; ich will ja sie selbst nicht schauen, nur ihre

Fenster. Und jetzt lassen Sie uns gehen, mir wird's mit einmal zu enge

hier in Ihren vier Wänden!«

Sie brachen auf und gingen langsam, schweigend, jeder mit seinen

eigenen Gedanken beschäftigt, durch die stillen Gassen. In der Nähe des

alten Thores, in anmutiger Lage, stand ein freundliches Haus; hinter

den spiegelnden Fenstern und vor den weißen Gardinen standen blühende

Blumen. Hier zeigte Severin empor und Stahl verstand ihn. Seine Augen

flammten heller auf, sie bohrten sich unverwandt gegen die spiegelnden

Scheiben, als wollten sie hindurch schauen, ob sie nicht dahinter

einem lieben, geliebten Antlitz begegneten, aber alles war vergebens.

Severins Atem ging rascher, aber seine Augen hafteten am Boden, und

er hob sie erst wieder frei, als er mit seinem Begleiter das alte Thor

passiert hatte und auf der Straße hin schritt, die langsam die Höhe

hinan lenkte.

Es war ein schöner Herbsttag; das Laub an den Obstbäumen, sowie jenes

in dem aus der Niederung hergrüßenden Walde färbte sich und die Luft

war durchsichtig klar, so daß nach allen Seiten hin freundliche

Landschaftsbilder sich aufthaten. In Hans Stahl erwachte der Künstler,

so daß er einigermaßen das andere vergaß, und langsam ausschreitend in

seiner gewohnten, harmlos heiteren Weise plauderte.

So langten sie endlich in dem hoch und hübsch gelegenen Oberdorf an.

Severin lud den Gefährten ein, ihn zu seinen Eltern zu begleiten;

dieser aber wollte bei Erörterung einer Familienangelegenheit -- und

daß es sich um eine solche handle, wußte er aus den Mitteilungen des

jungen Mönchs -- nicht stören. Er gedachte nach dem Gasthause zu

gehen, dessen freundlicher und hochgelegener Garten einladend von fern

ihm winkte, und dort auf Severin zu warten, um mit ihm den Rückweg

anzutreten, und so that er auch trotz allen Zuredens des andern.

Er betrat den Garten und war erstaunt, einen derartigen auf dem Dorfe

zu finden. Hier waren nicht bloß alte Bäume, Kastanien und Linden, von

denen erstere freilich schon einigermaßen entlaubt waren, sondern auch

schöne Blumenbeete im Schmuck des Herbstes, ein kleiner Springbrunnen,

der seinen silbernen Strahl klingend in ein von Goldfischen belebtes

Bassin fallen ließ, und einige hübsche Lauben. Er setzte sich in der

Nähe eines Gebüsches nieder, das den Blick auf den Eingang einerseits,

den Auslug in das Land andererseits freigab, ihn selbst aber den

Blicken anderer Gäste beinahe völlig entzog und bestellte sich einen

guten Trunk.

Es war still, so daß man das Fallen eines welken Blattes vernehmen

konnte, aber schon nach wenigen Sekunden ward die Ruhe unterbrochen

durch ein nicht zu verkennendes Geräusch -- das Aufschlagen von

Kartenblättern auf einem Tische, und Stahl lugte durch das Buschwerk

und bemerkte auch jetzt unfern von sich an einem Tische drei Herren,

die sich am Spiel ergötzten, und -- wie einige geleerte Weinflaschen

zeigten -- auch einen guten Tropfen nicht verschmähten. Von zweien sah

er die Gesichter, die gerötet schienen vor Erregung oder von Wein, der

Dritte aber kehrte ihm den Rücken zu, und doch schrak Stahl bei seinem

Anblick zusammen: Das konnte kein anderer als Haller sein.

Als der Wirt kam, ihm das Verlangte zu überbringen, frug er diesen nach

den Herren, und der erwiderte halblaut und in redseliger Manier:

»Der mit dem runden Hut und der roten Nase ist der Baron Nedam, der

eine halbe Stunde von hier ein Gut hat, der andere, der die Karten

hält, ist ein Ziegeleibesitzer, ein reicher Herr, und der Dritte ist

der ~Dr.~ Haller aus der Stadt, ein junger Lebemann, der eine sehr

hübsche Frau haben soll, aber mir scheint, sich wenig um sie kümmert.

Die drei können etwas leisten im Trunk, und das Spiel geht auch

manchmal höher als es soll -- aber darüber will ich nicht reden -- --«

Einer von den Dreien schlug an seine leere Flasche, und der Wirt sprang

auf:

»Schon wieder leer -- entschuldigen Sie!«

Stahl saß da mit brennenden, lauernden Augen wie ein Raubtier, und

hätte sich am liebsten vorgestürzt gegen den Verhaßten; der Tropfen in

seinem Glase schmeckte ihm bitter, aber er hätte jetzt nicht fortgehen

mögen um alles in der Welt.

Er hörte Haller sprechen -- frivol und zotenhaft, und die andern

lachten, während der Horcher die Zähne gegeneinander preßte, er sah ihn

trinken, richtiger, ein Glas um das andere hinunterstürzen, und dabei

zog er immer aufs neue die Börse -- er spielte offenbar mit Verlust.

»Ja -- Glück in der Liebe, Herr Doktor!« lachte der Ziegeleibesitzer.

-- »Ich dächte, wir hörten für heute auf, Ihr Frauchen wird

schelten, wenn Sie so spät zu Tische kommen, Sie sind ja noch in den

Flitterwochen!«

»Ach, das hat sich ausgeflittert -- und unter dem Pantoffel stehe ich

nicht,« lallte Haller -- »überdies müßt Ihr mir Revanche geben, nachdem

Ihr mich ausgezogen habt.«

»Das nächste Mal, lieber Haller,« sprach der Baron.

»Nein, heute, heute -- das wäre mir eine feine Art,« schrie der Doktor.

Jetzt trat der Wirt mit einem kleinen Mädchen zu dem Tisch heran und

sagte:

»Mit Verlaub, Herr Doktor, die Kleine sucht Sie, der Müller im

Malschthal hat sich mit der Sense arg am Bein verletzt, ob Sie nicht

kommen wollten, es blutet sehr.«

»Bindet die Geschichte zu! Der Müller kann schon ein wenig Blut lassen,

ich hab' jetzt keine Zeit, komme später -- vorwärts, ihr Herrn!«

»Na, Doktor, ich dächte doch, Sie sähen nach dem Manne; wenn die Leute

erst schicken, muß es schlimm sein!«

»Ach, davon verstehen Sie den Teufel! Wer giebt Karten?«

»Ich spiele heute nicht mehr!« sagte der andere.

»Das ist Bauernmanier!« schrie Haller, der Baron aber erwiderte kalt:

»Werden Sie erst nüchtern, ehe Sie mit anständigen Leuten weiter

verkehren!«

Er erhob sich, auch der Doktor sprang auf, schlug auf den Tisch, daß

die Weinflaschen klirrten und klangen und brüllte:

»Von Euerm Anstand ist wenig zu lernen, Ihr Landdragoner, Ihr

Bauernfänger -- --«

Der Ziegeleibesitzer lachte; der Baron aber, welcher gleichfalls sehr

betrunken war, verlor den Rest seiner Ruhe:

»Sie sind ein betrunkener Lump; Sie gehören zu Ihren Patienten und zu

Ihrem Weibe, aber die Einen bringen Sie um, und das Andere sind Sie

nicht wert!«

[Illustration: ~Dr.~ Haller ergriff die Flasche und schleuderte sie

nach dem Kopfe des Barons ... (S. 221).]

Haller ergriff seine Flasche und schleuderte sie nach dem Kopfe des

Barons, welcher geschickt auswich und dann dem Wirte sagte:

»Huber, laßt Euren Hausknecht kommen und den Menschen hinauswerfen --

sonst setze ich keinen Fuß mehr zu Euch!«

»Ach, Herr Doktor, wollen Sie nicht nach dem Malschthalmüller sehen

-- bitte, lieber Herr Doktor,« sagte der Wirt flehend und in höchster

Verlegenheit; der Doktor aber, welcher sich jetzt gegen den Baron

stürzen wollte, brach bei dem Stuhle lallend zusammen.

Verächtlich drehte sich sein Gegner um, zu dem Wirte sagte er:

»Laßt das Schw... liegen, bis der Rausch vorüber ist« -- und zu dem

Ziegelbrenner: »Kommen Sie, Lederer!« Die beiden bezahlten ihre Zeche

und entfernten sich, den Trunkenen aber hob der Wirt auf eine Bank und

lehnte ihn in eine Ecke -- er schien dessen Zustand bereits zu kennen;

dort lallte dieser noch einige unverständliche Worte, dann sank ihm das

Haupt auf die Brust.

Hans Stahl schüttelte es vor Ekel und Wut; er konnte es kaum erwarten,

bis Severin kam. Mit dem früh hereinbrechenden Herbstabend erschien

er, und er erschrak beinahe über das Aussehen Stahls. Der faßte mit

seiner feuchten kalten Hand nach der Rechten des Mönchs und führte ihn

schweigend vor den Trunkenen. Der lag da, den Kopf zurückgebeugt auf

die Lehne der Holzbank, das Gesicht fahl, die Haare wirr in die Stirn

hängend, mit stumpfem, blödem Ausdruck.

»Das ist der Mann von Therese Holbert! Kommen Sie, Severin, damit ich

die Bestie nicht im Schlafe erwürge; ich kämpfe schon lange genug mit

mir!«

Er zog den Kapuziner mit sich fort; schweigend gingen sie durch den

Abend, der seinen Schleier über das Thal auszubreiten begann, und als

sie das Städtlein unter sich liegen sahen, schimmerten schon einzelne

Lichter herauf. Da sie bei Hallers Wohnung wieder vorüberkamen, blickte

Stahl empor, seine Linke preßte er heftig gegen das Herz, und Severin

hörte ihn murmeln: »Armes junges Weib!«

Er ging mit dem Kapuziner bis an das Klösterchen; hier beim Abschied

ergriff er dessen Hand und hielt sie fest:

»Severin -- das unselige junge Weib hat hier keinen Freund, sehen Sie

zu, was Sie ihr an Trost geben können! Sie kennen sie ja auch und

wissen, daß sie Besseres wert war, als an diesen Menschen geschmiedet

zu werden. Machen Sie's wieder gut, daß Sie die Beiden zusammengegeben

haben. Und nun versprechen Sie mir, daß Sie mir schreiben wollen, wenn

das Vieh ihr auch nur ein Haar krümmt -- ich komme und wenn ich auf dem

Sirius wär', und wenn ich ihn zum zweiten Male angreife, kommt er nicht

lebendig davon!«

Den jungen Mönch überlief ein Schauer.

»Versprechen Sie mir's!«

»Ich werde ihr beizustehen suchen, wenn's notthut -- und sollt' es mein

Herzblut kosten!« sprach Severin, und seine Stimme zitterte, sowie

seine Hand.

Stahl ließ diese plötzlich los; er sah dem jungen Mönche in das bleiche

Gesicht, in die verschleierten Augen -- und wie er ihn so anschaute

beim blassen Mondlicht, das sich auf seine Züge legte und ihm den

zuckenden Mund zeigte, da erschrak er beinahe.

»Severin, auch Sie lieben Therese ...«

»Verzeih' mir's Gott!« stammelte der Mönch.

»Severin!« schrie Stahl auf -- und dann hielten sich die Beiden einen

Augenblick fest umschlungen -- sie wußten, daß sie verbündet waren

durch ihre Entsagung.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Zwölftes Kapitel.

Rom!

Es liegt ein seltsamer Zauber um die sieben Hügel, der das Herz

ergreift, und die Seele erhebt. Stadt der Cäsaren, die den Vollglanz

einer alten, bis in die fernsten Zeiten nachwirkenden Kultur schaute,

um deren gewaltige Trümmerreste und Gräbermale der Hauch einer großen

Geschichte wittert -- Stadt, in der die Kunst des Mittelalters

ihre wunderbaren Tempel und Paläste baute, in der die größten

Genien unvergänglich schufen, so daß das schönheitsdürstende Gemüt

andachtsvoll zu ihren Schöpfungen wallt, und junge Künstlergeschlechter

sich Begeisterung trinken an dem ewig frischen Brunnen -- Stadt, in

welcher der glaubensstarke Katholik den Mittelpunkt religiösen Lebens

sieht, wo der Statthalter Gottes auf Erden thront in seiner Majestät

und Würde, und von welcher Segen Und Fluch ausgegangen ist Jahrhunderte

hindurch über Völker und Könige -- ewige Stadt, dir giebt es keine

vergleichbar!

Wer auf dich niederschaut von der Höhe des Monte Pincio, dem prägt sich

dein Bild unverwischbar in die Seele, und er braucht nicht aus der

Fontana Trevi getrunken zu haben, um die ewige Sehnsucht nach dir im

Herzen zu tragen. Wer aus dem Grün der Laubengänge des alten »~collis

hortorum~« auf die Terrasse hinaustritt an einem schönen Abend, wenn

es belebt wird in den Schattengängen, und wenn leise verhallend die

Musik der Militärkapelle von der Passeggiata herklingt, der hat die

Stadt in ihrem ganzen Reize und bei voller Stimmung unter sich. Ueber

die Piazza del Popolo hinweg schweift der Blick hinüber auf das andere

Ufer des Flusses, dessen Gewässer hier nicht sichtbar wird, nach dem

herrlichen Juwel der Papststadt, der gewaltigen Kuppel von St. Peter,

die machtvoll hinausragt über die von Grün umwobenen Paläste und

Bauwerke des Vatikans, während mehr zur Linken das massive Bauwerk der

alten ~Moles Hadriani~, der Engelsburg, sich erhebt, deren ehernes

Engelsbild vom letzten Sonnenschein übergossen wird. Und das trunkene

Auge schweift weiter bis an die blauende Hügelkette, welche den

Horizont begrenzt und deren Cypressen- und Pinienwäldchen sich deutlich

von letzterem abheben.

Und wenn Du hineinschaust in die Stadt am linken Ufer des Flusses,

da will der Anblick Dich fast verwirren und betäuben. Es ist eine

erdrückende Fülle von Häusern, dazwischen ragende Paläste und zahllose

Türme und Kuppeln, wie heiliger Sinn und weltliche Kunst sie neben

einander gebaut haben. Und Gegenwart und Vergangenheit so nahe an

einander gerückt! Ueber Kirchen und Gassen, über die Bauwerke und

Gärten des königlichen Quirinals schweift das Auge suchend weiter gegen

Süden, wo auf dem alten Capitol hinter dem Kloster Aracoeli sich die

Trümmerreste der Cäsarenzeit erheben und vor dem Palazzo Caffarelli die

Säule Marc Aurels auf der Piazza Colonna sichtbar wird.

Die Sonne war gesunken und vom Pincio herab nach der Piazza del Popolo

schritt langsam ein behäbiger Herr in der Mitte der fünfziger Jahre.

Er trug einen langen, dunklen Rock, auf dem Haupte einen breitrandigen

Hut, wie ein Abbate, und an den kräftigen Beinen violettseidene

Strümpfe. Die Füße staken in Schuhen, deren Silberschnallen hell

blinkten. Es war ein kirchlicher Würdenträger, das sah man an

der ganzen Erscheinung. Das glattrasierte Gesicht, das infolge des

kurzgeschorenen Haares noch voller erschien, hatte ein gutmütiges

Gepräge, und die kleinen dunklen Augen, welche unter den dicken Lidern

lagen, schauten recht verständig in die Welt.

Der Mann kannte das Bild der ewigen Stadt vom Monte Pincio aus

genugsam, war er ja ein Kind Roms, und doch ging er immer wieder hinauf

in die herrlichen Gärten der Villa Medici und konnte nicht scheiden,

ohne von der Terrasse noch einmal herabgeschaut zu haben auf seine

geliebte Stadt. Der Abend war ungewöhnlich warm und der geistliche

Herr nahm den breitrandigen Hut ab und wischte sich mit einem seidenen

Taschentuche im Weiterschreiten die Stirne. Er schritt langsam vorüber

an dem Obelisk, den Kaiser Augustus einst aus Heliopolis gebracht und

Papst Sixtus V. hier aufgestellt hatte und bog dann in die schnurgerade

lange Via di Ripetta ein. Bei San Agostino wandte er sich nach rechts

in das Gewirr kleiner Gassen und Gäßchen, die jetzt minder belebt waren

und schlug augenscheinlich die Richtung nach der Via del Governo ein.

Die Leute, welchen er begegnete, grüßten ihn vielfach sehr ehrfürchtig,

und ein ehrsamer Handwerker, der neben einem Fremden vor seiner

Hausthür stand, sagte zu diesem, als der Priester mit den violetten

Strümpfen vorüber gegangen:

»Das ist der Monsignore _Parelli_, der das prächtige Haus in der Via

del Governo hat; ein braver und reicher Herr, der auch bei mir arbeiten

läßt. Er ist auch immer mit mir zufrieden gewesen, und ich hoffe,

Signore, daß Sie es auch sein werden. Ja, er ist Bischof.«

»Bischof?« fragte der andere -- -- »wohl ~in partibus~?«

»Was ist das?« fragte der Handwerker.

»Nun, ich meine, er hat keine eigentliche Diözese zu verwalten, sondern

führt den Titel von einem Gebiete, das zur Zeit noch in den Händen von

Ungläubigen ist, deshalb ~in partibus infidelium~.«

»Da mögen Sie recht haben -- ich habe seine Unterschrift gesehen, da

stand Bischof ~i. p.~ von Mikrun. Mikrun ist meines Wissens nicht in

Italien.«

»Das liegt vielleicht in Asien oder Afrika. -- Nun, Gott befohlen,

Meister!«

»~Felice notte Signore!~«

Der Fremde ging und sah den Bischof noch eine kleine Weile unfern vor

sich hinwandern, dann entschwand er ihm um eine Ecke. Der Bischof war

in eine schmale Via eingebogen und ging immer langsamen Schrittes

weiter. Die Dämmerung war langsam in die Gassen gesunken, da bemerkte

er in einem Winkel, der von einem Hausvorsprung gebildet wurde, eine

zusammengekauerte Gestalt und hörte ein Schluchzen.

Er trat näher und sah einen etwa dreizehn- bis vierzehnjährigen Jungen.

Die nackten braunen Beine hatte er an den Leib gezogen, seine Kleidung

bestand aus verschlissenen Kniehosen und einer schäbigen Sammtjacke,

auf dem Kopfe trug er weit zurück geschoben einen zerknitterten alten

Filzhut, unter welchem dunkle Locken hervorquollen; die gebräunten

Hände aber lagen über dem Gesicht.

»Was fehlt dir, mein Junge?« fragte der Prälat, indem er teilnahmsvoll

näher trat, und der Bursche ließ die Hände sinken und blickte auf. Er

hatte ein prächtiges Gesicht mit dunklen, großen Augen, die er nun

ehrlich und befangen auf den vornehmen Priester heftete. Dann sprang er

auf und sagte:

»Ich habe heute noch nichts gegessen -- ach, Monsignore, haben Sie

keine Arbeit für mich?«

Den Bischof ergriff Mitleid mit dem Burschen, dessen Worte so

ungeschminkt klangen, und der nun, ohne Unterwürfigkeit zu zeigen,

oder wie es sonst vielleicht geschehen wäre, ohne nach seiner Hand zu

fassen, um sie zu küssen, vor ihm stand; er sagte darum:

»Komm mit mir, ich will Dir zu essen und zu arbeiten geben!«

Da leuchteten die dunklen Augen des Burschen auf, er stammelte einige

abgerissene Dankesworte und ging nun neben dem Prälaten her, der ihn

nach seinen Familienverhältnissen befragte. Der Knabe antwortete

bescheiden, aber mit ruhiger Sicherheit. Er hieß _Sisto Brenta_ und

war der Sohn armer Leute in der Campagna. Sein Vater war schon lange

tot, die Mutter vor zwei Tagen begraben worden. Verwandte, die ihn

aufnähmen, hatte er nicht, und so war er in die große Stadt gegangen.

Er bettelte nicht um Brot, sondern um irgend eine Arbeit, aber den

ganzen Tag hatte er sich in den Gassen herumgetrieben, war von Haus zu

Haus gegangen, aber er fand nicht, was er suchte. Nun war er hungernd

und verzweifelnd in einem Winkel zusammengesunken, wo er auch hatte

übernachten wollen. Den heiligen Sixtus, seinen Patron, hatte er noch

angerufen, dann aber war der Jammer über ihn gekommen, und so hatte ihn

Parelli gefunden.

Das erzählte Sisto, und der Prälat hatte mit unverkennbarem Wohlwollen

die schlichten Mitteilungen angehört, und war während derselben mit

seinem jungen Begleiter auf eine breite, belebte Straße gekommen. Vor

einem großen Gebäude stand er still und sagte:

»Hier sind wir zu Hause, komm!«

Der Knabe starrte ihn verwundert mit seinen großen Augen an, dann

folgte er ihm nach wie ein Hund. Ueber teppichbelegte Treppen,

zwischen Marmorsäulen stiegen sie empor nach der Beletage, wo ein

galonnierter Diener respektvoll den Bischof grüßte und mit Befremden

den Betteljungen ansah, der hinter ihm dreinschritt. Durch einige

prachtvoll eingerichtete Gemächer mit Bildsäulen und Gemälden waren

sie gegangen, in welchen der barfüßige Bursche aus der Campagna mit

großen, staunenden Augen flüchtige Umschau hielt, als ihnen aus einem

Seitengemache eine Dame in dunklem Seidengewande entgegentrat und

befremdet nach dem Begleiter des Prälaten schaute. Sie mochte ungefähr

vierzig Jahre alt sein, und war stolz und schön.

»Signora _Lucia_, der Bursche hat Hunger und sucht Arbeit! Haben Sie

die Güte, sich seiner anzunehmen und ihm für heute zunächst ein Obdach

zu schaffen, morgen wollen wir sehen, was wir weiter mit ihm anfangen,«

sprach Parelli.

Um den schönen Mund der Dame zuckte es einigermaßen spöttisch, da sie

erwiderte:

»Da hat wohl Ihr gutes Herz wieder zu laut geredet. Nun, ich will

den Burschen Giovanni übergeben, daß er vor allem ihn sich reinigen

läßt -- --«

»Nein, nein -- vor allem muß er zu essen bekommen, er hungert heute den

ganzen Tag!«

»Das hat er Ihnen wohl gesagt?«

Aus den Augen des Knaben blitzte es beinahe zornig.

»Ich lüge nicht!« sagte er beinahe heftig, und dann duckte er wie

erschrocken vor dem Worte zusammen und sprach bittend zu dem Prälaten

gewendet: »Verzeihung, Monsignore!«

Dieser hatte die Glocke gezogen, und als der Diener fast unmittelbar

darnach eintrat, übergab er ihm den Knaben und band ihm auf die Seele,

in bester Weise für Nahrung und Obdach zu sorgen. Da küßte ihm der

braune Junge die Hand, sah ihn noch einmal an mit einem unbeschreiblich

tiefen Blick des Dankes, und dann folgte er dem Diener.

»Ich hoffe, daß der Bursche mit seinem frechen Wesen sich nicht etwa

hier einnistet,« sagte nun die Dame, und Parelli, der einigermaßen

verlegen schien, sprach freundlich, indem er begütigend seinen Arm

leicht um ihre Taille legte:

»Aber, teure Lucia, wenn der Junge Unterstützung braucht und ihrer

wert ist ... Ich denke, daß ihn der Himmel mir in den Weg geführt hat.

Lassen wir ihn erst einmal einige Tage hier, und sehen wir zu, wie er

sich anstellt -- Du hast doch sonst ein so gutes Herz!«

Sie lächelte seltsam und schwieg; dann schritten sie gemeinsam nach

dem Speisezimmer, wo bereits der Tisch gedeckt war und wo sie zusammen

Platz nahmen an demselben. Die Dame war ja -- und die Diener wußten es

nicht anders -- eine ziemlich nahe Verwandte des Prälaten und hatte das

Recht, an seinem Tische zu sitzen und in seinem Hause zu repräsentieren.

Am andern Morgen dachte Parelli sogleich seines Schützlings und

erkundigte sich nach demselben. Sisto hatte im Fluge sich bereits

die Gunst der Dienerschaft gewonnen durch freiwillige und geschickte

Hilfeleistungen und durch sein ganzes munteres Wesen. Giovanni, der

Kammerdiener, hatte ihm einen besseren Anzug verschafft, und als er

so, mit sauberem Hemd unter der blauen Tuchjacke, mit bunten Strümpfen

und Schuhen vor den Prälaten hintrat, war dieser erstaunt über den

bildhübschen Burschen, der ihm ehrfurchtsvoll und dankbar die Hand

küßte, und er fragte ihn:

»Willst Du bei mir bleiben, Sisto?«

In den prächtigen Augen des jungen Campagnolen leuchtete es auf in

glücklichem Glanze:

»Oh, gnädigster Herr -- Euch gehört mein Leben!« stammelte er. »Braucht

mich, zu was Ihr wollt; was ich nicht kann, werde ich lernen, ich will

ja nur arbeiten, und möcht' es am liebsten für Euch!«

»Nun gut, so magst du zuerst dem Gärtner helfen, und wenn es

Besorgungen giebt, sollst Du mein Läufer sein!«

Der Knabe nickte wortlos und aus seinen Augen stahlen sich einige

Thränen, welche auf die Hand des Prälaten niederfielen, als er sie

abermals küßte.

So war der Hirtenjunge aus der Campagna in das glänzende Haus des

Bischofs gekommen, und hatte hier nur einen Menschen, der ihm

nicht wohlwollte -- Signora Lucia. Sie wußte sich selbst nicht

Rechenschaft zu geben, weshalb ihr der Bursche nicht gefiel vom ersten

Augenblick an, da sie ihn gesehen hatte, und das Empfinden schien

auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Sisto wich der Dame möglichst aus,

zeigte sich aber auch ihr gegenüber dienstfertig, wenngleich ohne

Unterwürfigkeit. Der Prälat hätte ihn halten dürfen wie seinen Sklaven,

wenn aber Signora Lucia ihm eine Weisung in scharf befehlendem Tone

gab, schoß ihm eine heiße Blutwelle durch das braune Gesicht, ein Blitz

des Trotzes zuckte durch die Augen, er biß wohl auch die weißen Zähne

zusammen, aber er gehorchte.

Parelli gewann den Burschen täglich lieber, der hundert kleine Künste

verstand, mit prächtiger Stimme die Volkslieder der Campagna sang,

den Dudelsack mit wahrer Virtuosität spielte, und dem neben der

Lebenslust auch die Treue und Liebe zu seinem Herrn aus den Blicken

leuchtete. Bald durfte Sisto auch ungerufen bei ihm erscheinen, und

er fand eine gewisse Freude daran, den ungebildeten Jungen in Diesem

und Jenem zu unterrichten, zumal die Sorge für seine Diözese ihm viel

freie Zeit ließ. All das aber machte den Jungen bei Signora Lucia nur

noch verhaßter; man hätte an eine Art Eifersucht beider Dame glauben

können, und das erschien besonders begreiflich, da sie trotz ihres

großen Einflusses auf den Prälaten diesen doch nicht dazu zu bewegen

vermochte, daß er den Jungen aus dem Hause gab. Sisto war ihm anfangs

lieb geworden, wie eine Art von Spielzeug für müßige Stunden, später

aber fand er in dem aufgeweckten treuen Burschen mehr.

Auch Giovanni, der Kammerdiener, hätte Grund zur Eifersucht haben

können, wenn er nicht einerseits Sisto wirklich lieb gehabt, und

andererseits sich nicht gefreut hätte über die mannigfache Entlastung,

die er in seinem ohnehin nicht schweren Dienst durch den Burschen

erfuhr, und Giovanni war sehr bequem. So überließ er das Reinigen des

Arbeitszimmers seines Herrn gern dem jungen Gehilfen, und saß in der

für sich gewonnenen Zeit entweder in einem Schaukelstuhl oder in der

Küche bei der munteren Marietta, dem Küchenmädchen.

Nach Art der Landbevölkerung um Rom war Sisto fromm und bekreuzte sich

nicht nur vor jedem Heiligenbild, sondern hatte auch eine demütige

Verehrung für die unmittelbaren Diener der Kirche, die Priester, und

wenn er in dem Papste selbst die Verkörperung der Heiligkeit erblickte,

so ging ein Abglanz von derselben nach seiner Meinung auch auf jeden

über, der die heiligen Weihen empfangen hatte. Darum war ihm auch der

Bischof von Mikrun eine hoch über der gewöhnlichen Menschheit stehende

Persönlichkeit, zumal sein kindlicher und pietätvoller Sinn keine

Schwächen an ihm fand oder mindestens nicht an solche glauben mochte.

Eine ähnliche unterwürfige Verehrung brachte er auch den zahlreichen

geistlichen Besuchern entgegen, welche in das vornehme und gastfreie

Haus des Prälaten kamen, und mancher von jenen fand wiederum sein

Wohlgefallen an dem hübschen, demütig-frommen Jungen. Nur bei einem

machte Sisto eine Ausnahme, und dieser war der Jesuitenpater _Felice_.

Er war lang und hager mit einem blassen, scharfgeschnittenen Gesicht

und einem Paar stahlgrauer, scharfblickender Augen. Wenn er mit seinem

langsamen, fast lautlosen Schritt kam, verbarg sich der Knabe, wenn es

irgendwie anging, denn der dunkelgekleidete Mann mit dem breitrandigen

Hute war ihm beinahe unheimlich, trotzdem er ihm nie etwas gethan, im

Gegenteil immer freundlich mit ihm war.

Felice erschien sich der besonderen Gunst von Signora Lucia zu

erfreuen, die sich gern mit ihm unterhielt, deren Beichtiger er auch

war, so daß er infolgedessen wohl öfter als andere im Hause Parellis

verkehrte.

Das Unbehagen, welches Sisto beim Anblick des Jesuiten empfand, hatte

sich besonders gesteigert, seit er eines Morgens Gelegenheit gehabt

hatte, einen Teil eines Gesprächs anzuhören, das er zwar nicht recht

verstand, das ihm aber doch den Eindruck machte, als ob Felice einen

unheimlichen Zwang auf den Bischof ausübe. Er hatte im Garten hinter

einem Boskett gearbeitet, und die beiden Priester, welche zwischen den

grünen Gehegen dahingeschritten waren, blieben in unmittelbarer Nähe

derselben stehen, unbekümmert um den Knaben, welchen sie vielleicht

auch gar nicht bemerkt hatten.

»Ich halte einen solchen Glaubenssatz für bedenklich und zweifle auch,

ob er angenommen wird!« sagte der Prälat.

»Aber von einem Bedenken kann doch keine Rede sein!« -- klang halblaut,

aber bestimmt und scharf die Stimme des anderen -- »das Ansehen der

Kirche verlangt gerade in unseren Tagen eine derartige Stellung des

heiligen Vaters; und weshalb sollte man an der Annahme zweifeln?«

»Weil es bekannt ist, daß die deutschen Bischöfe dagegen sind.«

»Und was thut das? Bei der Abstimmung bleiben sie in der Minorität. Der

Kirchenstaat allein zählt hundertdreiundvierzig Bischöfe.«

»Aber sie haben keine christlichen Seelen hinter sich.«

»Darauf kommt's nicht an. Die bischöfliche Gewalt und die bischöflichen

Rechte sind für alle gleich, und Eure Bischöflichen Gnaden dürfen nicht

vergessen, daß die Vorarbeiten hier in Rom gemacht werden, ebenso die

Geschäftsordnung.«

»Das will eben mir nicht ganz gefallen. Die Art und Weise, wie die

Arbeiten der vorbereitenden Kommission geheim gehalten werden, und

daß die Mitglieder bei Strafe der Ausschließung aus der Kirche

niemandem etwas davon mitteilen dürfen, ist der Kirche Christi nicht

ganz würdig. Christus selbst und die Apostel kannten keine solche

Geheimthuerei.«

»Es ziemt sich nicht, gegen die weise Einsicht des heiligen Vaters zu

remonstrieren. Wer ein guter Katholik, ein treuer Anhänger des Stuhles

des heiligen Petrus ist, weiß, wie er sich zu verhalten hat, und

Eure Bischöflichen Gnaden sind Seiner Heiligkeit zu besonderem Danke

verpflichtet, man hofft, daß Sie das nicht vergessen werden!«

Die Stimme des Paters hatte bei aller Geschmeidigkeit einen beinahe

strengen Ton angenommen, und Sisto, welcher durch das Laubwerk des

Bosketts schaute, sah aus seinen Augen einen fast feindseligen Strahl

gegen seinen Herrn und Gönner blitzen, so daß sich ihm unwillkürlich

die Hand ballte. Die beiden Männer gingen weiter, und der Knabe,

welcher ihnen nachblickte, schauderte zusammen, wie er die hohe, hagere

Gestalt des Jesuiten sich über den Bischof beugen sah, wie wenn eine

dämonische Gewalt übermächtig in dessen Leben und Wollen eingriffe.

Seitdem war es Sisto beinahe unheimlich, wenn Felice im Hause erschien.

Das war wieder eines Vormittags der Fall. Parelli war nicht daheim,

als er kam, aber er fühlte sich hier völlig zu Hause, und die Diener,

welche wußten, welches Ansehen er bei der Signora hatte, meldeten

dieser sein Kommen. Er hatte indes das Bibliothekzimmer betreten und

schritt mit seinen leichten, unhörbaren Schritten in demselben auf

und nieder, und blieb nur stehen, um da und dort eines der Bilder zu

betrachten, welche an den Wandpfeilern und in der Nähe der Fenster

hingen und den Kunstsinn und feinen Geschmack des Besitzers bekundeten.

Den Jesuiten fesselte besonders ein wunderhübsches, echtes Gemälde von

Claude Lorrain mit tanzenden Mädchen, prächtigen, duftenden Gestalten

im Waldesgrün, und eine ganz ausgezeichnete Kopie von Morettos

»Herodias«.

Vor der letzteren stand er noch, als die Signora, noch immer in dunkler

Seide, hereinrauschte. Sie begrüßte den Gast mit einer gewissen

Vertraulichkeit, und dieser sagte:

»Wissen Sie, daß diese Herodias Ihnen ähnlich sieht?«

»Monsignore hat das auch behauptet, ich verwahre mich dagegen.«

»Gewiß -- Sie würden nicht den Kopf eines Heiligen abzuschlagen

begehren, aber dafür richten Sie Unheil an in anderen Köpfen.«

Die Signora lächelte bei der nicht gerade feinen Schmeichelei, und bot

dann dem Besucher einen Sitz mit dem Bemerken, daß der Prälat bald

aus der Kirche S. Jesu zurückkehren müsse, wo er den Gottesdienst

zelebriere.

»Es ist mir lieb, daß ich Sie allein treffe, meine Freundin,«

sagte Felice, »und daß ich Ihnen sagen kann, daß Sie allen Einfluß

aufzubieten haben, daß der Bischof sich nicht gegen den Glaubenssatz

stellt und so sich unangenehmen Folgen aussetzt. Er ist etwas

freisinnig angekränkelt und wir haben schon lange ein Auge auf

ihn, aber wir sind duldsam, so lange er nicht ein selbständiges,

der heiligen Vereinigung unseres Ordens und dem päpstlichen Stuhle

widerstrebendes Verhalten zeigt. Wir lassen einem jeden seine

Privatanschauung und mischen uns auch nicht in seine privaten

Beziehungen« -- er hob bei diesen Worten bedeutsam die Augenbrauen --

»so lange er ein unbedingt gehorsamer Sohn der Kirche ist. Auf seine

Zustimmung zu dem neuen Glaubenssatz wird mit solcher Sicherheit

gerechnet, wie auf die Stimmen der anderen italienischen Bischöfe, die

nicht erst zu prüfen und zu erwägen, sondern einfach abzustimmen haben.

Wenn ich das Ihnen sage, so wissen Sie, warum es geschieht, Signora.«

Frau Lucia senkte mit einem leichten Erröten auf dem immer noch schönen

Gesichte das Haupt und sagte:

»Sie und Ihr hochwürdiger Orden dürfen immer auf mich zählen, und so

lange ich in diesem Hause Einfluß habe -- --«

In diesem Augenblicke klirrte es im Nebenzimmer, dem Arbeitsgemache

des Prälaten, als ob etwas herabgefallen und zerschmettert worden

wäre. Beide sprangen auf und eilten, in der Meinung, Parelli sei

zurückgekommen, dahin. Als sie die Thür öffneten, sahen sie einen

seltsamen Anblick. Unweit vom Eingang bei der Bibliothek lag auf dem

Boden eine immerhin wertvolle Vase, die auf einer Säule gestanden

hatte, zertrümmert auf dem Fußboden und dabei stand Sisto, dem alles

Blut aus den Wangen gewichen schien, mit gefalteten Händen und

weitgeöffneten, auf die Scherben gerichteten Augen.

»O Signora,« stammelte er, als er Lucias ansichtig wurde, diese aber

stürzte wild und zornig auf ihn zu.

»Du hast gelauscht, verdammter Spitzbube!« kreischte sie, und dann

erfaßte sie den Knaben mit der Linken bei seinen dunklen Locken und

während sie ihn hin- und herzerrte, schlug sie ihn in das Gesicht.

Es war nur ein einziger Schlag, und ihm folgte ein Aufschrei, so

grauenhaft und entsetzlich, daß das Weib und der Jesuit gleichzeitig

davor zurückfuhren: das war Schmerz, trostloser Jammer und

leidenschaftliche Wut zugleich. Vor ihnen aber stand Sisto und sah mit

unheimlich großen und unheimlich funkelnden Augen nach Lucia; indes

sich seine Hände schmerzhaft ballten, zog ihm eine Art Krampf die

Oberlippe empor, so daß die blanken, weißen, fest aufeinandergebissenen

Zähne zwischen den roten Lippen hindurchschimmerten, und der Körper

beugte sich vor wie zum Sprunge. Die ganze Erscheinung hatte etwas

von einem jungen, zu höchster Wut gereizten Raubtier, das sich eben

mordgierig auf seinen Gegner werfen will.

Pater Felice war wieder vorgesprungen, aber sein Dazwischentreten hätte

wohl wenig gefruchtet, wenn nicht eben jetzt Parelli erschienen und

laut und bestürzt gefragt hätte:

»Was bedeutet das?«

Beim Klange seiner Stimme durchlief den Körper des Knaben ein Zittern,

die geballten Fäuste lösten sich, die Spannung in seinem ganzen Wesen

hörte plötzlich auf, und mit heiß hervorquellenden Thränen stürzte er

zu den Füßen des Prälaten nieder:

»O, Monsignore, -- ich habe die Vase zerschlagen beim Abstäuben --

schlagt mich -- stoßt mich mit Füßen -- von Euch will ich alles dulden,

aber _sie_ soll mich nicht schlagen, ein Weib nicht -- das ertrage ich

nicht!«

Und wieder schüttelte es den jungen Körper wie im Fieberfrost, so daß

Parelli mitleidig auf ihn niederschaute und freundlich sprach:

»Steh auf, Sisto -- Du sollst gar nicht geschlagen werden!«

»Aber _sie hat_ mich geschlagen, ins Gesicht geschlagen!« schrie er

wieder auf und nun war ihm die Röte ins Antlitz wiedergekehrt und die

Augen blitzten.

»Er verdient Strafe nicht nur wegen des Schadens, nein, weil er ein

Horcher ist, und das ist unverschämt,« sagte kalt die Signora, der

Knabe aber rief leidenschaftlich:

»Beim heilgen Sixtus, ich habe nicht gehorcht!«

»Und er ist wie ein zorniges Tier, vor dem man sich fürchten muß, und

darum muß er aus dem Hause,« sprach das Weib leidenschaftlicher, und

Parelli geriet bei diesem Tone sichtlich in Verlegenheit. Da nahm

Felice das Wort:

»Ihr seid zu heftig gewesen, Signora, und vergeßt, daß der Knabe ein

Wildling ist, der erzogen werden muß. Wenn er hier fortgejagt wird,

wißt Ihr nicht, in welche Hand er fällt, und wie sein Seelenheil

gefährdet werden kann. Hier ist er in gesicherter und guter Hand, und

Ihr könnt an ihm ein gottgefälliges Werk thun!«

Sisto horchte hoch auf; er sah mit großen, verwunderten Augen nach dem

Sprecher und dann nach seinem Herrn. Dieser aber sagte:

»Steh auf, Sisto, und bitte die Signora um Verzeihung für Deine

Wildheit, die Du Dir abgewöhnen mußt und dann bleiben wir wieder die

Alten.«

Der Knabe atmete einigemale hastig, dann sprang er, blutrot im

Gesichte, auf, trat mit gesenkten Augen an Lucia heran und sprach

halblaut, mit gepreßter Stimme:

»Vergebt mir, Signora, wenn ich Euch erschreckt habe, bitte!«

Sie sah ihn halb zornig, halb triumphierend von oben her an, und sprach

dann:

»Wenn zwei so hochwürdige Herren Dich unterstützen, will ich's

vergessen, ich hoffe aber, daß ich nicht wieder Veranlassung habe, über

Dich zu klagen!«

Das klang kühl und hochmütig, und Sisto fühlte auch, wie ihn fröstelte

bei den Worten. Nun atmete er tief auf, ging zu dem Prälaten, drückte

einen langen, heißen Kuß auf dessen Rechte und legte dieselbe dann an

seine Brust, während er mit Augen voll unsäglicher Liebe und Hingabe zu

ihm aufschaute, so daß dieser gerührt und ergriffen, ihm wie segnend

die Hand auf die dunklen Locken legte und dann milde und freundlich

sagte:

»So -- jetzt bringe hier die Scherben fort!«

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Dreizehntes Kapitel.

In der Nähe der Piazza Colonna steht ein kleines, freundliches Haus mit

seinem Gärtchen, in welchem dicht und wirr Taxus und Lorbeer wuchert

und dunkle Pinien hinwegschauen über die nicht hohe Mauer. Es gehörte

der Witwe eines wenig bekannten Bildhauers, und die unteren Räume,

die zum Teil als Atelier eingerichtet waren, bewohnte zur Zeit ein

deutscher Maler, Heinrich Quandt, mit seinem jungen Frauchen.

Es war noch früh am Morgen; hell blinkte der Sonnenschein durch die

Fenster, und das Paar saß am Frühstückstische. Es war eine prächtige

deutsche Erscheinung, die in ihrem ganzen Wesen mit dem blondlockigen

Haarwuchs und den lebhaften, leuchtenden Augen den Künstler nicht

verleugnete, und die Frau paßte zu ihm wie eine liebliche Ergänzung.

Sie hatte braune, sammtweiche Augen, dunkles Haar um die weiße Stirn

und sah so kernfrisch und heiter drein, daß es ein prächtiges Bild bot,

die beiden in dem ziemlich einfach eingerichteten Raume sitzen zu sehen.

Sie waren aus den sogenannten Flitterwochen lange heraus und nun

das vierte Jahr verheiratet, und er hatte seinen Schatz schon immer

einmal nach Rom führen wollen, aber immer mußte es verschoben werden.

In diesem Herbste machte er ernst und gedachte das Angenehme mit dem

Nützlichen zu verbinden: Sein Frauchen sollte die ewige Stadt sehen,

und er gedachte einige Studien zu machen.

Er hatte sie auf seinen Schoß gezogen und hielt sie mit dem linken Arm

umschlungen, und sie lehnte sich leicht an ihn, indes er plauderte:

»Ist Dir's denn nicht wie ein Traum, Fritzel -- er pflegte Friederike

so abzukürzen -- daß wir hier in Rom beisammen sitzen und während der

Herbst daheim alles entblättert und in graue Nebelschleier hüllt,

hinaussehen nach einem tiefblauen Himmel und eine Fülle grünender

Gärten in der Nähe haben? Das ist ja heute ein köstlicher Tag und

herrliches Wetter und geeignetere Stimmung, Dich mit Deinem blühenden

Leben zwischen den Ruinen des alten Rom herumzugeleiten, kann es nicht

geben. Ist Dir's recht, wenn wir heute gleich dem Forum und was drum

und dran hängt, unsern Besuch machen?«

»Ich lasse mich von Dir führen, und wo Du bei mir bist, ist's hübsch;

aber Du darfst Deinem dummen Weibchen nicht übelnehmen, wenn es ab und

zu einmal eine ungeschickte Frage thut und auf die gütige Nachsicht

seines Führers sündigt!«

»Gott bewahre, Schätzchen; frage nur nicht mehr, als ich beantworten

kann. Also mache Dich fertig, das Heute gehört den alten Göttern und

den Cäsaren, und morgen fangen wir an, das Atelier einzurichten.«

Er küßte sie auf die braunen, lieben Augen und schob sie sanft von

sich, und schon kurze Zeit später schritt das Pärchen, Arm in Arm, quer

über den Corso, durch dessen glänzende Häuserreihen die junge Frau

erstaunt die Augen gleiten ließ, und durch die Via de Muratte, bis sie

vor der herrlichen Fontana di Trevi stehen blieben.

Erstaunt, mit glänzenden Augen schaute Friederike zu dem gewaltigen

marmornen Meergott auf, der auf seinem von Seepferden gezogenen

Muschelwagen thront, während unter seinem von Tritonen geführten

Gespann die Wasserfluten spielend hervorbrechen zwischen Klippen und

Blöcken, und sich in das weite Becken ergießen, aus dessen ruhigem

Spiegel das Bild des blauen Himmels schaut.

»Das ist der Quell, aus dem man nicht trinken darf, wenn nicht seine

Wassernymphe uns mit allgewaltiger Sehnsucht hieher zurücklocken soll,

Fritzel.«

Die junge Frau lehnte sich inniger auf den Arm des Gatten.

»Du hast wohl daraus getrunken, Heinrich?«

»Gott bewahre, und wenn auch, mich lockt keine Wassernymphe, seitdem

ich Dich kenne.«

Dann schritten sie weiter, zwei glückliche Menschen, schön, schlank,

träumerisch -- echte Deutsche, daran blieb den braunen Römern und

Römerinnen, an denen sie vorüberkamen, kein Zweifel. Heinrich Quandt

kannte sich hier gut aus. Er lenkte nach dem Platz des Kapitols. An der

Rückseite des Senatorenpalastes führte er seine Gattin nach dem alten

Tabularium, und von seinem offenen Thorbogen aus ließ er sie einen

Blick thun über die in Trümmer gesunkene Herrlichkeit des alten Rom.

Da lag das Forum Romanum mit all den Resten einer großen vergangenen

Zeit, und schweigend, an einander gelehnt, schauten sie beide darüber

hin. Derselbe Sonnenschein, der einst hier den Volksversammlungen

geleuchtet, der die Festzüge auf der »heiligen Straße« zum Kapitol

heranziehen sah, bei dessen Glanz von der menschenumwogten Bühne her

kühne Redner zum Volke sprachen, welche auf den Bauten Julius Cäsars

und den Tempeln und Triumphthoren der Kaiser flimmerte, er schien

ihnen jetzt noch eben so mild und warm, und die beiden träumerischen

Kinder des Nordens sahen mit ihrer lebhaften Phantasie die Ruinen sich

beleben von den Bildern der Geschichte, die ihnen hier erst anfingen

verständlich zu werden.

Endlich gingen sie weiter -- für diesmal sollte es nur ein

flüchtiges Wandern sein -- vorüber an dem in mehr als einer

Beziehung bedeutenden Triumphbogen des Septimus Severus, über dessen

Travertin-Unterbau sich schöne Marmorsäulen erheben, zwischen welchen

drei Durchgänge hinführen; sie betrachteten darnach die schönen weißen,

kannelierten Marmorsäulen des Vespasiantempels, sowie die Reste des

auf Granitsäulen sich erhebenden Saturntempels, die Basilika Julia,

den Dioskurentempel, und der Künstler konnte es sich nicht versagen,

wenigstens einen Blick in die S. Lukas-Akademie zu thun, und seinem

Weibe einige besonders schöne Reliefs von Canova und Thorwaldsen zu

zeigen, sowie im Salone di Raffaeli sie auf einen seiner Lieblinge:

Lukas malt die Madonna und Raffael sieht ihm zu -- aufmerksam zu machen.

Sie war so dankbar, so verständnisvoll und glücklich bei seinen

Erläuterungen, daß er gar nicht hätte aufhören wollen, sie von einem

Schönen zum andern zu geleiten, aber er wußte sich zu beherrschen -- es

durfte nicht zu viel werden, damit keine Uebersättigung eintrete, und

so mahnte er daran, endlich auch an den Leib und seine Bedürfnisse zu

denken, und sie wandten sich wieder dem neuern Rom zu, um irgend ein

Speisehaus aufzusuchen. Quandt war eine Erinnerung an ein solches mit

Garten geblieben, das nicht weit von Aracoeli lag, aber er wußte es

doch nicht wieder zu finden und hielt eben Umschau, wen er wohl fragen

könnte, als sein Blick auf einmal auf einer Erscheinung haften blieb,

so plötzlich, so gebannt, daß er auch den Arm seiner Frau fester an

sich zog und mit dem Finger ihr Auge nach jener Richtung lenkte.

Ein gebräunter, armselig aber bunt gekleideter Junge von etwa zwölf

Jahren mit nackten Beinen kauerte auf einer Schwelle und sah mit

leuchtenden Blicken zu einem andern auf, der zu ihm redete und dabei

ein kleines Aeffchen, das ihm auf die Schulter geklettert war,

und dessen Fesselkettchen der erstere in der braunen Hand hielt,

liebkoste. Der andere aber war etwa vierzehnjährig und trug einen

braunen, hübschen Tuchanzug, wie vermögender Leute Kinder, ein spitzes

Filzhütchen auf den dunklen Locken und hatte ein prächtiges Gesicht,

als ob er aus dem Rahmen eines Bildes von Murillo herausgeschnitten

wäre, und dieser andere war Sisto Brenta.

Das Ganze aber bot ein Genrebildchen von köstlichem Reiz für das

Malerauge, und Heinrich Quandt, der jetzt sogar den Arm Friederikens

freiließ, trat, einem schnellen Antriebe folgend, an die Gruppe heran.

»Du willst ihm wohl sein Aeffchen abkaufen?« fragte er Sisto. Dieser

sah einen Augenblick groß und ernst den Fremden an, dann zog er höflich

sein Hütchen und sprach:

»Nein, Signor -- den würde Beppo auch nicht hergeben, denn er muß mit

ihm sein Brot verdienen. Aber wir sind aus einem Dorfe und ich freue

mich, daß ich ihn getroffen habe. Es geht ihm schlecht, dem armen Beppo

und seinem Piccolo -- nicht wahr?«

Und Sisto streichelte das Aeffchen, welches ihn zu kennen schien und

sich die Liebkosung gern gefallen ließ.

»Hört, Ihr Beide könntet mir eine Freude machen, und ich würde mich

gern dankbar dafür bezeigen. Ich bin Maler und möchte Euch malen, so

wie Ihr hier seid; wollt Ihr morgen zu mir kommen?«

[Illustration: Ich bin Maler und möchte Euch malen, so wie Ihr hier

seid; wollt Ihr morgen zu mir kommen? (S. 242).]

»Darf Piccolo mit?« fragte schüchtern Beppo, und Heinrich Quandt

erwiderte:

»Freilich, um Deinen Piccolo ist mir's gerade so zu thun, wie um Dich

selber; also, willst Du kommen?«

»Ja Herr, gerne, wenn ich weiß, wohin.«

Der Maler nannte ihm seine Adresse und wandte sich dann an Sisto, an

dessen prächtigem Kopfe ihm ganz besonders gelegen war. Er wußte nicht

recht, wie er diesem beikommen sollte, denn sein feiner Anzug führte

ihn einigermaßen irre.

»Und wie ist's mit Dir -- mit Euch,« verbesserte er sich, »kleiner

Signor?«

»O ich bin kein Signor, ich bin so arm wie Beppo, und wenn ich eine

bessere Jacke habe, so verdanke ich sie dem guten Monsignore Parelli,

der mich als Diener in sein Haus genommen hat. Wenn er erlaubt, daß ich

zu Euch komme, Signor, so thue ich's gerne.«

»Wie, der Bischof Parelli ist Dein Herr? Derselbe, welcher in der Via

di Governo wohnt? Den kenne ich, und er mich auch. Hier, nimm diese

Karte mit und erzähle ihm meinen Wunsch, dann läßt er Dich gewiß

kommen. Sag' ihm auch, daß ich nicht versäumen würde, ihm meinen Besuch

zu machen. Also morgen, ihr Burschen - auf Wiedersehen!«

Heinrich Quandt drückte Beppo auf Abschlag ein Geldstück in die Hand,

erkundigte sich dann nach dem Speisehause, welches er suchte, und ging

mit Friederike weiter.

Am andern Vormittage stellte sich Beppo mit seinem Aeffchen pünktlich

ein, während Sisto auf sich warten ließ. Endlich kam er, aber nicht

allein, sondern der Prälat begleitete ihn. Quandt war erstaunt

und erfreut über den Besuch und nahm Gelegenheit, auch seine Frau

vorzustellen. Parelli mit seinen liebenswürdigen, gewandten Manieren

wußte rasch die anfängliche Befangenheit Friederikens zu verscheuchen,

erzählte, wie er vor Jahren bereits den jungen deutschen Maler kennen

und schätzen gelernt habe und auch ein gutes Bild von ihm besitze. Er

freue sich, die alte Bekanntschaft erneuern, beziehentlich erweitern zu

dürfen und erklärte es als selbstverständlich, daß er das neue Gemälde,

die beiden Knaben, zu erwerben wünsche. Damit Quandt seine Modelle

gesichert habe, wollte er Beppo überdies, so lange der Maler seiner

bedurfte, Aufnahme bei sich gewähren, eine Mitteilung, die auch den

beiden jungen Landsleuten große Freude bereitete.

So war alles in schöner Ordnung. Der Maler begann sein Bild mit Lust

und Behagen, doch gönnte er sich dabei auch jene Muße, die er für sein

Frauchen brauchte, damit sich dasselbe nicht langweile, und Beppo zumal

war mit dem langsamen Fortschritt der Malerei sehr einverstanden, weil

er während desselben so gute Tage hatte, wie niemals zuvor. Im Hause

des Prälaten ging es ihm vortrefflich, und auch Piccolo konnte sich

nicht beklagen, da er mit seinem lustigen Wesen bald der Liebling der

Diener geworden war. Sie trieben im Hofe des Palais manche Kurzweil

mit ihm, bis eines Tages Frau Lucia darauf aufmerksam wurde, und jetzt

überhaupt erst erfuhr, daß noch ein zweiter kleiner Campagnole das

Asylrecht des Hauses erhalten hatte.

Sie machte auch diesmal dem Prälaten Vorwürfe, aber der entgegnete

lächelnd:

»Nur auf einige Tage, Lucia -- und er stört Dich ja nicht, der arme

Teufel!«

Sie murmelte einige unwirsche Worte und damit war die Sache abgethan.

Es war an einem Nachmittage und der Prälat war ausgegangen. Giovanni

der Kammerdiener hatte diese Gelegenheit benutzt, um einen Besuch zu

machen, und das andere Dienstpersonal hatte sich in dem schattigen Hofe

um Beppo und seinen Affen eingefunden, und dieser gab nun eine höchlich

belustigende Extravorstellung, bei welcher auch Sisto, angeregt durch

seinen Kameraden, mitwirkte, indem er den Dudelsack blies, welchen

ein Stalljunge verschafft hatte. Signora Lucia, deren Zimmer nach

einer andern Seite hin lagen, konnte kaum sich gestört fühlen, und so

überließen sich alle Beteiligten rückhaltlos dem Vergnügen.

Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben · 第 14 / 21 题