hergekommen war, aber sie war eben mit einem Male da, mitten in der
lustigen Gesellschaft, die ihn beinahe verdutzt anschaute. Er war ein
vierschrötiger Bauer, seinem Anzuge nach aus dem Neapolitanischen, und
er lachte über die Späße des Aeffchens so lustig und laut, als ob er
ein volles Recht hätte, hier zu sein.
Da stellte ihn der Koch, welcher dem Range nach in diesem Kreise am
meisten dazu berufen schien, zur Rede, und fragte, was er denn wolle?
»Ja so« -- lachte der Angeredete breit und grinsend, so daß eine
Reihe blanker Zähne aus dem mit großen Bartstoppeln bedeckten Munde
hervorglänzten -- »ich will hier einen Besuch machen!«
Jetzt sah erst Beppo, der mit seinem Piccolo beschäftigt gewesen war,
auf, und gleichzeitig flog ein Strahl des Erkennens durch sein Auge.
»Vetter Gaetano!« rief er laut, und eilte auf den Mann zu.
»Ih, sieh einmal, das ist der kleine Beppo aus Castel S. Pietro! Ei,
Beppo, kleine Kröte, wie kommst Du hierher?«
»O, ich suche mein Brot zu verdienen in Rom mit dem Piccolo da!«
»Ja, ja -- und ich will auch mein Brot verdienen. Was macht denn Dein
Vater, der Vetter Grisante?«
»Ach, der ist tot!«
»Tot! -- das ist eine schlechte Sache! Hm, ich hätt' ihn gern noch
einmal besucht, da ich just in der Nähe bin -- aber wenn er tot ist
-- -- heda, ihr Leute! Ich halte es mit den Lebenden -- könnt Ihr mir
sagen, ob ich hier in dem Hause Frau Lucia Vergani finde?«
Die Domestiken sahen den vierschrötigen Bauer erstaunt und beinahe
entrüstet an, dann warfen sie sich gegenseitig fragende Blicke zu, und
endlich sagte einer:
»Ich glaube, so heißt die Signora.«
»Eh -- es kann gar kein Irrtum sein! Das Haus gehört doch dem
Monsignore Parelli?«
Er drehte sich um und schickte sich an, nach der Freitreppe zu gehen,
aber einer der Bedienten trat ihm in den Weg:
»Hoho, Freund -- so schnell geht das nicht! Erst müssen wir Euch
melden!«
»Melden? Hahaha, mich? Na meinethalben, meldet mich: Gaetano Vergani
aus der Chiana di Sorrento! Sie wird sich freuen, mich wiederzusehen,
das dürft Ihr glauben, Sie wird sich freuen! Hahaha!«
Der alte Bursche war offenbar nicht ganz nüchtern, und die Diener
hatten Bedenken, ihn zu der Dame zu führen.
Der Koch aber sprach:
»Laßt ihn Sisto anmelden! Die Signora kann ihn ja nach Belieben
empfangen oder abweisen!«
Und so geschah's, und während Beppo unten im Hofe erzählte, daß Gaetano
ein weitläufiger Vetter sei, den er mit seinem Vater vor zwei Jahren
im Neapolitanischen besucht hatte, wo er ein kleines Gütchen besaß,
stieg der Bauer mit seinem jungen Begleiter die breite Treppe hinauf,
über deren Marmor ein bunter Teppich lief, und er sah sich überall mit
neugierigen großen Augen um.
»Hm, ich meine, sie wohnt hier recht hübsch, hübscher als wir bei
Sorrent.«
»Dafür ist sie auch die Verwandte des hochwürdigsten Herrn Bischofs!«
sagte Sisto.
Der Bauer pfiff durch die Zähne, blieb einen Augenblick stehen, legte
den Zeigefinger an die Nase, und sagte:
»Aha, Verwandte! Auf die Art wäre ich wohl auch mit dem hochwürdigsten
Herrn Bischof verwandt; das ist mir neu, aber sehr schmeichelhaft!«
Der Knabe wurde verblüfft durch diese Aeußerung:
»Wieso denn?« stotterte er beinahe verlegen.
»Na, weil ich der Bruder von Eurer Signora bin.«
Sisto traute seinen Ohren kaum; er hielt sich an der Ballustrade fest,
und sah mit offenem Munde den vierschrötigen Menschen an.
»Ah, nun kriegst Du Achtung vor mir, kleine Kröte -- jetzt mach'
aber auch, daß ich die Dame zu sehen bekomme, ich vergehe sonst vor
Sehnsucht!«
Er lachte roh auf und stieg dann weiter, und Sisto ging langsam
hinterdrein.
Im Vorzimmer der Signora hieß er den Bauern warten; er selbst pochte an
die Thüre und trat erst nach erhaltener Erlaubnis ein. Lucia hatte, wie
immer außerordentlich elegant gekleidet, auf einem Ruhebette gelegen
und in einem Bande mit Bildern geblättert; sie sah nun gelangweilt und
augenscheinlich verdrießlich nach dem Knaben.
»Verzeiht, Signora,« -- sagte dieser -- »es ist ein Mann da, ein Bauer
aus der Chiana di Sorrento, welcher Euch zu sprechen wünscht; er heißt
Gaetano Vergani.«
Das schöne Weib fuhr aus seiner bequemen Lage auf und starrte
erblassend nach Sisto; aber sie wußte sich zu beherrschen und sprach
mit kaum merklicher Erregung der Stimme:
»Ich kenne den Mann nicht; hat er gesagt, was er wünscht?«
»Nein, Signora; aber er erklärt, er sei Euer Bruder!«
Lucia stand wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil neben dem Knaben und
faßte ihn hart an beiden Schultern an:
»Und Du glaubst doch solche Thorheit nicht? -- Das muß ein Verrückter,
ein Wahnsinniger sein! Warum hat man den Menschen ins Haus gelassen,
war denn niemand zur Stelle, der ihn hinauswarf?«
Die Stimme des Weibes war kreischend und drang bis in das Vorgemach an
das Ohr des Bauern. Diesem behagte das Warten überhaupt nicht, und die
Worte, die er vernahm, regten ihn auf, so daß er jetzt ohne weiteres
die Thür öffnete und eintrat.
Aus den Wangen Lucias war alles Blut gewichen; sie taumelte und mußte
sich an der nächsten Sessellehne festhalten; der Mensch aber lachte roh:
»Das Wiedersehen greift Dich wohl zu sehr an? Nun, nun, ich wollte Dich
nicht erschrecken, will auch gar nicht lange bleiben.«
Sisto huschte bei diesen Worten hinaus; er fühlte, daß er überflüssig
sei, und nun erst, nachdem die Signora sah, daß der Junge verschwunden
sei und nachdem sie sich durch den Augenschein überzeugt hatte, daß
er auch nicht im Vorzimmer horche, wandte sie sich, noch immer nach
Fassung ringend, zu dem Manne:
»Unseliger, was führt Dich her? -- Habe ich Dir nicht jedes Vierteljahr
geschickt, was ich Dir versprochen?«
»Ja, ja, schöne Lucia -- und beim Teufel, Du bist schön -- aber wie
es so geht, ich habe Unglück gehabt und sie wollen mir das Häuschen
verkaufen. Schreiben kann ich nicht, und so muß ich selber kommen, um
Dir's zu sagen. Du mußt helfen, Du hast's ja -- Du wohnst hier wie eine
Fürstin --«
»Ich habe gar nichts,« stöhnte das Weib, das jetzt beinahe fassungslos
auf einen Stuhl gesunken war und die Hände krampfhaft in einander
verschlang.
»Aber _er_ hat,« sagte der Bauer mit frechem Ton, »und was ihm gehört,
gehört auch Dir. Wenn Du mir nicht helfen kannst, wende ich mich an ihn
selber!«
»Um der Madonna willen, Gaetano! ... Sprich, wie viel brauchst Du?«
»Dreihundert Scudi.«[8]
[8] 1200 Mark.
»Und Du meinst, daß ich sie habe?«
»Aber Du kannst sie schaffen.«
»Bis wann?«
»Sogleich. Meinst Du, daß ich mich so lange in Rom aufhalten kann, bis
es Dir passen wird?«
»Ich schicke Dir das Geld zu -- aber geh' jetzt!«
»Daß ich ein Narr wäre. Da könnte ich lange warten und müßte zuletzt
meinen Weg noch einmal machen.«
»Aber woher nehmen?« stöhnte das Weib in Verzweiflung. »Und der Prälat
kann jeden Augenblick kommen -- er darf Dich nicht antreffen, er darf
auch nicht erfahren, daß Du hier warst ...«
»Um so besser, so beeile Dich!«
Er ließ sich breit und roh in einen der Polstersessel fallen, und seine
gierigen Augen schweiften die Wände entlang, indes das Weib noch immer
mit gerungenen Händen vor ihm stand.
»Gaetano, ich bitte Dich, gehe!«
»Nein!«
Da atmete Lucia tief auf.
»So warte hier.«
Sie eilte hinaus, ihr Gewand rauschte auf dem Teppich, und ging in die
Zimmer des Prälaten. Sie wußte, daß er in einem Fache des Sekretärs
in seinem Arbeitszimmer Geld habe, auch daß er damit ziemlich sorglos
umging und nicht sehr zu zählen pflegte, da er ein bedeutendes
Privatvermögen besaß. Aber ihr schlug das Herz, so daß es ihr beinahe
die Kehle zusammenzog und ihre Hände waren eiskalt und feucht, und
obwohl die weichen Teppiche ihre Schritte unhörbar machten, schlich sie
doch auf den Zehen -- sie wußte, daß sie einen Diebstahl begehen wollte.
Als sie vor dem Sekretär stand, überkam sie eine Ohnmachtsanwandlung,
aber mit übermenschlicher Kraft zwang sie sich, stark zu sein; sie sah
um sich, als ob sie sich vergewissern wollte, ob sie niemand sähe, dann
öffnete sie das Fach und sah eine Anzahl Rollen darin liegen. Sie wog
sie in der Hand -- dem Gewichte nach mußte es Gold sein, dann faßte sie
eine derselben fester, ließ sie rasch in ihre Tasche gleiten, schob das
Fach zu und eilte, wie von Furien gejagt, davon. Todbleich kam sie bei
Gaetano an.
»Da -- nimm!«
Der Bauer griff zu, sah das Geschenk flüchtig an, und las auf
demselben: 400 neapolitanische Dukaten[9]. Ein breites Grinsen ging
über sein rohes Gesicht.
[9] 1 neap. Dukaten -- 3,40 Mark.
»Das genügt. Ich danke. Aber nun kannst Du mir auch noch einen Kuß
geben, Lucia ... Du bist noch schöner geworden, als Du damals warst ...
Die Tölpel mögen mich für Deinen Bruder halten ... unter vier Augen ...«
Er näherte sich lüstern mit funkelnden Augen dem schönen Weibe, aber
das stieß ihn zurück und sagte heiser:
»Rühre mich nicht an!«
»Schade, daß Du so stolz geworden ... einmal war ich Dir gut genug --
und was soll ich denn Deinem Kinde sagen? ...«
»Schweig, um der Heiligen willen und geh!«
»Ja, ja!« sprach er, da er ihr angstverzerrtes Gesicht schaute, »und
vergiß nicht zum nächsten Vierteljahr!«
Er stolperte hinaus, Lucia aber sank in einen Sitz und schlug die
zitternden Hände vor das Gesicht.
Der Bauer ging langsam, mit der Rechten mit der Geldrolle in seiner
Tasche spielend, durch das Vorzimmer und auf dem Flur traf er Sisto.
»Ah, mein Junge, meine Schwester ist gut« -- sagte er, eine Hand voll
Goldstücke hervorziehend, von denen er dem Knaben eins reichte. Der
aber weigerte sich, es anzunehmen, und in demselben Augenblicke rief
ihn auch die Stimme der Signora.
Er eilte in ihr Gemach und fand sie noch immer sehr erregt, so sehr sie
sich auch bemühte, ruhig zu erscheinen. Sie empfing ihn ziemlich streng:
»Der Mann, welcher eben gegangen, ist mein Bruder nicht, Sisto --
verstehst Du mich? -- Er ist ein ferner Verwandter von Monsignore, von
welchem dieser nicht belästigt zu werden wünscht, und Du wirst Dich
hüten, ihm etwas zu sagen, daß er hier gewesen sei. Das mögen auch die
anderen wissen, denen er etwa den Unsinn, daß ich seine Schwester sei,
vorgeschwätzt hat. Dafür sorge, und wehe dem, der gegen diese Anweisung
handelt. Geh!«
Der Knabe ging, aber er fühlte mit seinem naiven Sinne heraus, daß hier
im Hause nicht alles in Ordnung sein müsse, und das war ihm unbehaglich.
Einige Tage später war er im Arbeitszimmer des Prälaten und hatte
diesem eine Meldung zu machen. Parelli schien verstimmt und suchte
in den Schubläden und Fächern seines Sekretärs, murmelte auch
unverständliche Worte vor sich hin, bis er sich zu dem Knaben wandte
und ihn scharf anblickend, fragte:
»Sisto, hast Du von meinem Schreibtisch etwas fortgenommen?«
Der Junge sah mit seinen großen, treuen Augen zu seinem Herrn auf und
sagte einfach:
»Nein, gnädiger Herr!«
»Mir fehlen -- mir fehlt -- hm ... mir fehlt etwas!«
»Was ist's, Monsignore? Vielleicht ist's verlegt worden?«
»Nein, nein -- aber, es ist gut, Du kannst gehen!«
Mit schnellen Schritten ging der Prälat im Gemache auf und nieder:
»Ich kann das Geld nicht ausgegeben haben, es lag gewiß hier ... Sisto
hat es nicht, unmöglich! Wenn er mit solchen Augen lügen könnte, müßten
selbst Engel zu stehlen imstande sein. Giovanni ist mir ganz treu und
sicher; er nimmt keine Stecknadel; wer könnte sonst noch? -- Lucia?
Pah, wozu? Ich erfülle alle ihre Bedürfnisse ... sollte ich mich doch
irren und die kleine Summe zu Tognola u. Co. gegeben haben? -- Ich muß
vorsichtiger mit meinem Gelde sein, und darf niemanden in Versuchung
führen.«
Nach diesem Selbstgespräch schloß er den Sekretär, zog den Schlüssel ab
und ging bald darauf aus. Er beschloß, Quandt aufzusuchen und zu sehen,
wie weit er mit seinem Bilde gekommen war.
Dieser beeilte sich, wie erwähnt, nicht allzu sehr. Seinen beiden
Modellen that dies nicht leid; sie kamen nur zu gern in das Atelier des
deutschen Malers, wo es manchen Leckerbissen, und, was mindestens Sisto
noch lieber war, manches freundliche Wort gab. Frau Friederike war in
den prächtigen Jungen geradezu vernarrt. Sein treuherziges, offenes
Wesen, sein frisches, schönes Gesicht mit den dunklen Locken und den
blitzenden Augen hatten es der jungen, kinderlosen Frau angethan,
und Sisto selbst fühlte sich bald in der freundlichen Behausung des
deutschen Malers heimisch, mehr noch als im Palais des Prälaten, wo er
sich doch bei aller Güte seines Herrn fremd vorkam.
Auch die Kunst fesselte ihn an Heinrich Quandt. Der Junge hatte eine
schönheitsfrohe Seele, jenes feine, angeborene Kunstverständnis, wie
man es in Italien auch bei ganz schlichten Leuten trifft, und wenn
der Maler an seiner Staffelei ruhte, trat er manchmal leise hinter
denselben und schaute über dessen Schulter nach dem Bilde, aus welchem
ihm sein Ebenbild entgegenblickte.
»Gefällt Dir's, Sisto,« frug ihn einmal Quandt.
»Sehr, Herr -- ich wollte, ich könnte das auch machen!«
»Hast Du denn niemals eine Beschäftigung getrieben?«
»Nein, Herr; die Ziegen habe ich gehütet und dabei den Dudelsack
gespielt.«
»Aber Lesen und Schreiben hast Du gelernt?«
»Ja, Herr, bei dem Pfarrer von Subiaco.«
»Möchtest Du denn nicht ein Gewerbe erlernen?«
»Eins wohl, Herr, die Bildschnitzerei. Ich habe das auch schon
versucht ...«
»Weiß Monsignore davon?«
»Nein, Herr!«
»Dann will ich mit ihm reden.«
Der Knabe errötete und stammelte:
»Ach, das würde mich sehr glücklich machen, Signore.«
An demselben Tage, an welchem dies Gespräch stattfand, war der Prälat
nach dem Atelier gekommen. Er freute sich an dem Bilde, das er schon
als sein Eigentum betrachtete und rühmte namentlich den Kopf Sistos,
der sich mit lebensvoller Schönheit von der Leinwand abhob. Da benützte
der Maler die Gelegenheit, Parelli den Wunsch des Knaben vorzutragen,
und dieser zeigte sich sogleich geneigt, demselben entgegenzukommen.
»Ich habe auch schon gedacht, daß der Junge etwas anderes werden soll,
als ein Bedienter, und wir wollen sehen, ob er Talent hat; es soll
mich freuen. Aber wissen Sie, warum ich eigentlich heute komme? Ich
wollte Sie und Ihr Frauchen einladen, morgen mit mir in die Campagna
zu fahren, nach Tivoli; Frau Friederike muß ja hier in Ihrem Atelier
verkümmern. Was meinen Sie?«
»Sie sind zu freundlich, Monsignore ... aber wenn Sie gestatten, rufe
ich meine Frau, damit Sie selbst ihre Freude sehen können. O, sie ist
wie ein Kind, und so leicht glücklich zu machen!«
Schon nach wenigen Augenblicken eilte Friederike herein, die lieblichen
Wangen rot übergossen. Ihre Blicke sagten, daß sie schon wußte,
um was es sich handle, und der Prälat war entzückt, als er solche
unmittelbare, reine Freude sah. So ward alles für den anderen Morgen
verabredet, und zur bestimmten Stunde hielt der bequeme und vornehme
Wagen des Bischofs vor der Thüre des kleinen Hauses. Friederike setzte
sich zu seiner Rechten, Quandt, ihr gegenübersitzend, hatte die
besondere Freude, immerwährend ihr glückliches, rosiges Gesicht, ihre
schönen, schimmernden braunen Augen zu sehen und war so doppelt froh.
Der Morgen war außerordentlich schön, etwas kühl, aber von wunderbarer
Klarheit, und wie eine Glocke von Azur wölbte sich der Himmel über
der ewigen Stadt, deren Gassen noch schweigend lagen. Durch die Porta
San Lorenzo ging es hinaus und die alte Via Tiburtina entlang. Durch
einen felsigen Engpaß zwängt sich die Straße hinab nach dem Teverone,
und dann rollte der Wagen auf dem Lavaboden fort, hinein in die
Campagna. Weithin dehnt sich ihr müdes Flachland, nur da und dort von
einer Hügelwelle gefurcht. Vergebens sucht das Auge nach freundlichen
Baumgruppen und grünen Gärten -- und doch liegt ein eigentümlicher Reiz
über der Landschaft.
Eine Poesie der Schwermut redet aus dieser öden Ebene, die um so
ergreifender wird bei dem Gedanken, daß unfern die Blutwelle einer
modernen Kultur lebensvoll in den Adern einer Weltstadt pulsiert,
eine unausgesprochene Klage, wie das Leid des Weltgeistes, webt in
dieser weichen, träumerischen Luft, und die da und dort auftauchenden
und vom Horizont sich klar abhebenden Bauwerke reden alle eine für
den Historiker und den Kunstfreund allein verständliche Sprache. Von
seiner Höhe herab schaut San Angelo -- das alte Corniculum -- und
fernher winkt das Kloster und Kastell von Monticelli, bis endlich in
der Nähe von Castel Arcione das Bild der Landschaft freundlicher wird
und der Wagen zwischen graugrünen Oliven und dunklen Steineichen über
den antiken Brückenbogen der Ponte Lucano hinwegrollt, jenseits deren
sich das Grabmal der Gens Plautia, ähnlich dem berühmten der Cäcilia
Metella, erhebt.
Nun gebot der Prälat den Fahrweg einzuschlagen zur alten Villa
Hadrians, des kunstsinnigen Römerkaisers, die mit ihren umfänglichen
Trümmerresten aus rotem Backstein ungemein malerisch sich abhebt von
dem wild und dichtverwachsenen Gebüsch, über das mit ihrem ernsten
Grün Cypressen und Pinien emporragen, während Lorbeer und Feige mit
freundlich heller Färbung sich dazwischen zwängen.
Heinrich Quandt kannte das prächtige Landschaftsbild, und dennoch war
er aufs neue entzückt, und machte auf seine Einzelheiten auch seine
Begleiter aufmerksam. In der alten Kaiservilla übernahm der Prälat
die Führung als ein kundiger und zugleich feinsinniger Cicerone. Er
verstand es, vor dem Geiste der beiden andern aus den Ruinen das
glänzende Haus des Imperators wieder aufleben zu lassen mit seinem
Theater und seinem Nymphäum, von dem der cypressenbeschattete Weg
nach der Poikile und den anstoßenden Räumen des Sprechsaals und des
Notatoriums führt. Zuhöchst aber lag der eigentliche Kaiserpalast mit
seinen säulengetragenen Prunksälen und Bäderresten. Und wie um dem
ernst und trübe stimmenden Bilde einer versunkenen Herrlichkeit das
Gepräge friedlichen Behagens zu verleihen, grünt auch hier um die
Trümmerreste der Oelbaum, und der Weinstock umschlingt sie mit seinen
grünen, beweglichen Ranken und Reben.
Die drei Reisenden fuhren nun nach der Ponte Lucano zurück und von da
auf der neuen Straße langsam empor nach der freundlichen Stadt, die
mit ihren weißen Mauern aus dem Grün hervorlugt, traulich und anmutig,
indes um ihren Fuß die Wasserfälle des Anio brausen und rauschen. Das
alte Tibur -- das heutige Tivoli -- ist reich an Schönheit, und die
Patrizier der Kaiserzeit, die hier ihre Villen bauten, haben es ebenso
gewußt, wie die modernen Künstler, welche hierher wallfahren.
Ueber die Piazza fuhr der Wagen, bis dahin, wo in der Nähe der
Aniobrücke der Vicolo della Sibilla zu dem Gasthofe »La Sibilla«
emporleitet. Hier hielten die Reisenden Rast, da wo hoch über dem
linken Flußufer der schöne Tempel sich erhebt mit seiner runden
Säulenhalle, der wie ein Asyl des Friedens über dem Brausen und
Schäumen der Wasser steht. Freundliche Kranzgewinde zieren den Fries,
und an den Umlaufdecken sind Kassettonen mit Rosetten. Aber das Auge
wendet sich doch auch hier der gewaltigen, elementar schaffenden
Natur zu. Zur Linken stürzen die Wasser des Anio von einer Höhe von
etwa 100 Metern mit wildem Tosen hinab über die Uferwand in die
schaumverschleierte Schlucht -- ein herrlicher und erhebender Anblick!
Der Prälat wußte zu erzählen, wie im Jahre 1826 der Anio zornig über
seine Ufer getreten sei und einen Teil von Tivoli in wildem Ansturm
in den Abgrund gerissen habe. Beim Sibillentempel waren auf dem
Felsvorsprunge noch Trümmer aus jener Katastrophe zu sehen. Damals
wurde dem Flusse Gewalt angethan, und er mußte sich demütigen vor
menschlicher Kraft und Kunst und seinen Weg nehmen durch zwei Gänge,
die durch den Berg Catillo getrieben waren. Hierher ward der Anio im
Jahre 1834 geleitet, und in Gegenwart des Papstes Gregor XVI. brausten
die gestauten Wasser zum ersten Male über die Felswand hinab.
In der Nähe des Tempels, in einer herrlichen Umgebung, hatten sich die
Reisenden einen Platz gesucht, um ein Mahl einzunehmen. Unfern von
ihnen an einem Tische aber saß einsam ein junger Mann, dessen Collare
den Priester verriet. Er war hochgewachsen und schlank, mit frischem,
gerötetem Gesicht und klaren blauen Augen. Als ihn der Maler bemerkte,
sprach er:
»Das ist ein Deutscher -- und es will mir eigentlich nicht gefallen,
daß ein Landsmann hier bei dieser Schönheitsfülle, die zur Aussprache
lockt, vereinsamt sitzt. Gestatten Sie Monsignore, daß ich ihn
anspreche, und, wenn er genießbar erscheint, ihn zu uns bringe?«
»Ganz gewiß, lieber Quandt!« erwiderte der Prälat, und der andere
stand auch gleich darauf vor dem Tische. Einige Worte, gegenseitig
gewechselt, genügten dem erfahrenen Maler, um seinen Mann zu
beurteilen, und so führte er ihn gleich darauf am Arme heran und
stellte ihn vor:
»Herr ~Dr. theol.~ _Frohwalt_ aus Prag.«
Parelli entfaltete dem jungen Priester gegenüber seine ganze
Liebenswürdigkeit.
»Sie sind gewiß anläßlich des Konzils nach Rom gekommen.«
»Jawohl, ich gehöre zu dem geistlichen Gefolge Seiner Eminenz des
Prager Fürsterzbischofes.«
»Der Kardinal Schwarzenberg. Ach, ein ausgezeichneter Herr, ein feiner,
vornehmer Herr ... nun, ich freue mich, Sie kennen zu lernen, und Sie
verbinden uns, wenn Sie sich uns anschließen.«
»Ich bin für die gütige Aufforderung um so dankbarer, als ich
eigentlich von meinen Reisegefährten treulos verlassen erscheine. Ich
hatte heute morgen mit zwei jungen Franzosen, welche ich zufällig traf,
einen Wagen gemietet für den ganzen Tag. Während der Fahrt zeigte sich,
daß wir nach unsern ganzen religiösen und sittlichen Anschauungen
nicht zusammen paßten, und als ich ausstieg, um die Villa Adriana zu
besuchen, fuhren sie weiter, und wir wollten uns hier in ›La Sibilla‹
zusammenfinden. Sie sind nicht da und, wenn sich der Wirt, bei welchem
ich mich erkundigte, nicht getäuscht hat, sind sie weiter gefahren nach
Subiaco und haben mich hier zurückgelassen.«
»Ein Gewinn für uns,« sprach Parelli verbindlich, »und ich freue mich,
Ihnen zur Rückfahrt nach Rom noch einen Platz in meinem Wagen anbieten
zu können.«
»Den ich mit größtem Dank annehme, Monsignore.«
Nun wurde das Gespräch allgemeiner und heiter, und man fand immer
mehr gegenseitiges Gefallen an einander. Da ließ sich nahe bei ihnen
an einem Tische ein vierschrötiger Mensch nieder, seiner Kleidung und
seinen Manieren nach ein Bauer. Breit und behäbig stemmte er sich auf
seine Ellenbogen und sah ziemlich unverschämt nach dem Prälaten und
seinen Begleitern, die sich nicht weiter um ihn kümmerten.
Als ein Kellner zu ihm herantrat, bestellte er die teuersten Gerichte
und den besten Wein, und erregte dadurch zweifellos das Mißtrauen
des Anfragenden. Er sah zu demselben mit einem schiefen Blick aus
zusammengekniffenen Augen empor und sagte laut, daß man es weit hören
konnte:
»Glaubt Ihr, weil ich den Bauernkittel trage, daß ich kein Geld im
Sacke habe? Es gelüstet mich auch einmal, wie Herrenleute zu leben --
und ich kann's. Ja, mein Schwager ist auch ein Monsignore, so gut wie
der da drüben ... mein Schwager nämlich, bei dem mein -- na ... meine
Schwester lebt. Hier ist ein neapolitanischer Dukaten und da noch einer
und noch einer -- das wird wohl reichen -- he?«
Er warf die Goldstücke auf den Tisch, daß sie klangen und sah mit rohem
Lachen bald den Kellner, bald die ihm nahesitzenden Gäste an. Parelli
aber war bleich geworden. Er erschrak, er wußte selbst nicht weshalb,
bei den Worten des rohen Burschen -- er dachte an Signora Lucia, und
dann auch an das Gold, das ihm abhanden gekommen war: Es war dieselbe
Münzsorte, mit welcher dort der Bauer um sich warf. Ihm war, als müsse
er nach einem Zusammenhange suchen, aber er scheute das Aufsehen und
mochte nicht an Dingen rühren, die ihm bedenklich werden konnten. Aber
mit seinem Behagen war es vorüber, und mit ängstlicher Hast drängte er
zum Aufbruch, zum Besuch der Wasserfälle.
Man folgte ihm, und da sie bei dem Bauer vorüberschritten, hob dieser
eben sein Glas mit funkelndem Weine, hielt es ihnen entgegen und rief:
»Auf Euer Wohl und auf meine Gesundheit!«
Parelli errötete vor Unwillen, aber er ging ruhig weiter und hinter
ihm und seinen Begleitern verklang das rohe Lachen des ungeschliffenen
Burschen.
Sie stiegen nun abwärts zu den Kalkfelsen und gingen stromaufwärts zur
Grotta della Sirene, wo ihnen ein Strahl des Falles entgegenrauschte,
in dessen aufstäubenden Wasseratomen sich die schrägfallende Sonne
brach und damit einen Regenbogenglanz über das Bild goß. Und wie sie
weiter wanderten, wechselten die Bilder, aber überall war Anmut und
Schönheit ihre Begleiterin, bis man von der Terrasse des Belvedere
fast alle die Herrlichkeiten der sprühenden, blinkenden Cascatelle vor
sich hatte. Hier rauschte und brandete der große Wasserfall in seiner
Majestät niederwärts, und alle die kleineren Fälle dienten ihm mit
ihren malerischen Einzelheiten zur köstlichen Folie.
Von da aus gingen sie, um nicht umkehren zu müssen, geradeaus weiter.
Bei dem Kirchlein ~S. Maria di Quintiliolo~ mußten sie anhalten.
Eine Prozession mit wehenden Fahnen kam herbeigezogen. Ein Kreuz
wurde vorangetragen von einem jungen Mönche; ihm folgten eine Anzahl
Ordensleute und dann Männer, Weiber und Kinder, singend und betend. Es
war ein malerischer Anblick, aber erhebend oder andachtsvoll wirkte
er nicht. Der Prälat zog vor dem Kruzifix seinen breitrandigen Hut,
Frohwalt und Quandt thaten desgleichen, indes die junge Frau erstaunt,
mit großen, verwunderten Augen, welche deutlich bekundeten, daß ihr
der Anblick neu war, den lebhaften, singenden Zug an sich vorübergehen
ließ. Als der letzte, ein zerlumpter Campagnole mit langem, grauem
Bart, offenbar ein Bettler, kam, warf ihm der Prälat eine Münze in den
abgezogenen, schäbigen Filzhut und fragte:
»Warum veranstaltet man diese Prozession nach ~S. Maria di
Quintiliolo~?«
»Wir bitten, daß die Madonna die Väter des Konzils erleuchten möge,
damit sie die Unfehlbarkeit des heiligen Vaters annehmen.«
Damit humpelte der Alte weiter; die Reisegefährten aber wandten sich
schweigend ab und schritten zwischen den alten, knorrigen Olivenbäumen
abwärts gegen die Ponte dell' Aquoria, wo ihr Wagen wartete.
Jeder von den drei Männern aber hatte seine eigenen Gedanken, und
die Rückfahrt nach der ewigen Stadt war im Grunde minder heiter,
als die Fahrt am Morgen, nur Frau Friederike besaß ihre unbefangene
Fröhlichkeit und suchte mit ihrem Plaudern eine freundlichere Stimmung
herbeizuführen. Frohwalt saß ihr gegenüber. Er schaute auf den roten
plaudernden Mund und in die hellen braunen Augen, die so sonnig
lachten, und als ihm beim Abschiede die junge Frau die Hand reichte und
die Hoffnung aussprach, ihn bald einmal als ihren Gast zu sehen, sagte
er so lebhaft und rasch zu, daß er darüber unwillkürlich errötete.
Auch Monsignore Parelli hatte ihn freundlich und herzlich zu einem
Besuche eingeladen. Und so ging er in träumerisch-angenehmer Stimmung
über die Ponte di Ripetta hinüber an das andere Tiberufer, wo in ewiger
Majestät der Dom des heiligen Petrus ragt und wo er seine Wohnung hatte.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Vierzehntes Kapitel.
Das Konzil war feierlich in einem Seitenschiffe von St. Peter
eröffnet worden, und das Aussehen von Rom nahm von da ab eine noch
mehr kirchliche Färbung an. Die Zahl der geistlichen Würdenträger,
welche sich an dem Sitze des Papsttums eingefunden hatten, war eine
ungewöhnlich große -- siebenhundertfünfzig Bischöfe fast aus allen
Teilen der Welt waren zusammengekommen zu jenem außerordentlichen
kirchlichen Ereignis, und zumal um den Vatikan und seine Umgebung sah
man Tag aus, Tag ein die mehr oder minder vornehmen Wagen hinrollen, in
welchen die Väter der Kirche zum Konzil oder von demselben fuhren. Seit
langer Zeit war der Glanz und die Herrlichkeit des päpstlichen Stuhles
nicht so zu Tage getreten.
Wenn aber seitens der Macher des neuen Glaubenssatzes und seitens der
unbedingten Anhänger der Unfehlbarkeit geglaubt worden war, daß der
Schimmer der päpstlichen Heiligkeit, der Atem Roms allein schon genügen
werde, die versammelten Väter leicht zur Annahme der Neuerung zu
bewegen, so hatte man sich einem Irrtum hingegeben. Schon in einer der
ersten Sitzungen war Kardinal Schwarzenberg aufgetreten und hatte dem
Konzil einige Wünsche vorgelegt, welche die Jesuiten und ihre Freunde
nicht erwartet hatten, die ihnen nicht bloß unbequem waren, sondern
ihnen sogar einige Bedenken erweckten.
Der erste dieser Wünsche war, daß man, schon aus Klugheitsrücksichten
nicht unnötiger Weise die Zahl der Glaubenssätze vermehren möge. Man
sollte nicht vergessen, daß, zumal in Deutschland, wo Katholiken und
Protestanten neben und durcheinander wohnten, jeder neue Glaubenssatz
mehr zur Verwirrung als zur Beruhigung der Gemüter beitrage.
Das klang wie ein deutlicher Widerspruch und er ging von einem
Kirchenfürsten aus, welchen man um seiner Abkunft, wie um seiner
Stellung willen immerhin zu berücksichtigen hatte. Die Hoffnung, welche
sich die Jesuitenpartei gemacht hatte, daß man den in Frage stehenden
Glaubenssatz durch einstimmigen Zuruf annehmen werde, wie vordem jenen
von der unbefleckten Empfängnis Mariä, erwies sich trügerisch, und man
sah sich umsomehr zu einem andern Vorgehen genötigt, als auch noch
mancher andere streitbare und tüchtige Herr in Rom eingezogen war, der
nicht ohne weiteres die Waffen streckte.
Es war an einem Spätnachmittage, als sich in der Wohnung des Kardinals
Schwarzenberg die deutschen und österreichischen Bischöfe zu einer
Besprechung eingefunden hatten. In dem geräumigen, vornehmen Saale
saßen sie an einem langen Tische, Männer, unter welchen mancher sich
durch hervorragendes Wissen und durch Geist auszeichnete. Es herrschte
einerseits eine gedrückte, andererseits eine gereizte Stimmung. Der
Prager Kardinal hatte das Wort und sagte mit seiner klaren, ruhigen
Stimme:
»Meine hochwürdigsten Amtsbrüder! Sie wissen, weshalb ich Sie hierher
gebeten habe. Es ist Ihnen nicht unbekannt, daß in dem Kreise der
italienischen, spanischen und orientalischen Bischöfe ein Schriftstück
die Runde macht, in welchem Seine Heiligkeit gebeten wird, ein Dekret
wegen der Unfehlbarkeit einbringen zu lassen. Was dies bezwecken soll,
ist klar. Aus der Mitte der Kirche heraus soll der Glaubenssatz
scheinbar begehrt werden, wie etwas, was immer in derselben vorhanden
war. Die Zahl der Unterschriften wird zweifellos eine überwältigend
große, so daß man dem heiligen Vater ohne weiteres die Ueberzeugung
beibringen kann, daß dieser Glaubenssatz der sehnliche Wunsch der
ganzen Christenheit ist, und doch ist in unserm Kreise vielleicht
keiner, der nicht nach bestem Wissen und Gewissen sich gegen denselben
sträubte. Sollen wir diesen Vorgang sich ruhig vollziehen lassen? Was
ist Ihre Meinung?«
Der Erzbischof von München-Freising nahm das Wort:
»Ich beklage es tief, daß in solchem Falle die Mehrheit den Ausschlag
geben soll. Der ganze Kirchenstaat hat nicht so viele Seelen, als
meine Diözese, und doch ist er durch hundertdreiundvierzig Bischöfe
vertreten. Rechnen wir dazu etwa hundert Bischöfe ~in partibus~ und
circa zweihundert Titularbischöfe, die in Italien so dicht sitzen,
wie bei uns die Pfarrer, so ist ersichtlich, daß wir dagegen nicht
aufkommen, falls nicht andere Grundsätze bei der Abstimmung maßgebend
werden. Deutschland hat nur vierzehn Stimmen -- ein geradezu
schreiendes Mißverhältnis -- und darum ist es notwendig, mit doppelter
Kraft einzutreten für unsere Ueberzeugung, und unter Darlegung der
Verhältnisse, daß die Zahl der christkatholischen Seelen, welche hinter
uns steht, Ausschlag gebend sein müsse, gleichfalls ein Bittgesuch
an den Papst zu richten, es möge die Unfehlbarkeit nicht eingebracht
werden.«
Einzelne Stimmen drückten ihren Beifall aus, Bischof Hefele von
Rottenburg aber wiegte bedenklich das Haupt. Er gehörte zu den
gelehrtesten Kirchenfürsten, die aus Deutschland nach Rom gegangen
waren und erfreute sich eines gewissen Einflusses bei seinen
Amtsbrüdern Er sprach nun:
»Meine hochwürdigsten Brüder! Mir ist es klar, daß jenes Vorgehen
nichts anderes als eine Falle ist, welche man uns legt. Man sucht uns
geradezu herauszulocken, der Frage der Unfehlbarkeit, und sei es auch
als Gegner, nahezutreten, denn für die Freunde derselben handelt es
sich darum, sie in irgend einer Weise aufs Tapet zu bringen, um eine
Abstimmung herbeizuführen, welche aus den eben angegebenen Gründen zu
einer Annahme durch Stimmenmehrheit führen muß. Ich verspreche mir von
einem Vorgehen, wie es eben vorgeschlagen wurde, keinen rechten Erfolg,
und kann allerdings auch nicht verhehlen, daß ich keinen bessern Rat
weiß, zumal die ganzen Verhältnisse hier niederdrückend und verstimmend
wirken müssen. Vielleicht wäre durch eine persönliche Einwirkung bei
Seiner Heiligkeit mehr zu erreichen.«
»Nichts!« brauste der heftigere Stroßmayr auf -- »wir werden überhaupt
in der unwürdigsten Weise behandelt, und davon muß doch der heilige
Vater Kenntnis haben. Was ist das für eine Geschäftsordnung, welche uns
hier aufgezwungen wird? -- Der Papst ernennt nicht nur die Präsidenten
und Sekretäre der Versammlung, sondern auch die Kommissionen für die
Vorlagen und für die Prüfung der eingebrachten Anträge. Wer von uns
einen Antrag stellt, muß zuletzt gewärtig sein, daß, wenn er Seiner
Heiligkeit nicht genehm ist, er einfach in den Papierkorb geworfen
wird. Oder ist es nicht ein müßiges Spiel, wenn bei einer Vorlage
Abänderungen vorgeschlagen werden, daß die Sache an die Kommission
zurückgeht, welche nun beliebig damit verfahren, eventuell die Vorlage
unverändert wieder einbringen kann, welche nach der Geschäftsordnung
nun die Versammlung annehmen _muß_, da eine weitere Besprechung,
beziehungsweise Aenderung ausgeschlossen ist. Was ist das ferner
für eine Maßregel, daß die stenographischen Aufzeichnungen der
Konzilsverhandlungen von einer päpstlichen Kommission beliebig geändert
werden, daß man einfach wegstreicht, was den Herren nicht paßt, oder
einem das Wort im Munde umdreht? Wir sind ja hier unfreier wie die
Kinder. Kein Antragsteller darf in der Kommission erscheinen, wie es
doch beim ~Concilium Tridentinum~ gestattet war; hier ist es geradezu
verboten, die Tridentinische Geschäftsordnung nachzuschlagen und zu
vergleichen. Ja, versuchen Sie es, meine Brüder, diese Geschäftsordnung
aus einer Bibliothek zu entlehnen, Sie werden erfahren, daß dies
verboten sei. Solche Dinge sind der Kirche und des Papsttums unwürdig.«
Der kühne Sprecher hörte ein Murmeln, das ebenso Entrüstung als
Zustimmung ausdrücken konnte, und die Hand zur Faust geballt, wie
im Kampfestrotz, saß er da und schaute um sich. Die Stille, welche
eingetreten war, unterbrach die Stimme des Rottenburger Bischofs:
»Daß wir hier im höchsten Grade unfrei sind, dafür möchte auch ich
einen Beleg bringen. Ich habe die Absicht, durch einen ganz besonderen
Fall aus der Kirchengeschichte zu zeigen, daß es unmöglich ist, die
Unfehlbarkeit zum Glaubenssatz zu erheben. Ich meine Papst Honorius.
Sie wissen ja, meine lieben Amtsbrüder, daß er die Meinung hatte, daß
in Christo nicht zwei Willen, ein göttlicher und ein menschlicher,
sondern nur ein göttlicher vorhanden gewesen sei. Wegen dieser Ketzerei
haben einige nachfolgende Päpste ihn noch nach dem Tode in den Bann
gethan und verflucht. Nun, entweder hatten diese Päpste recht, und dann
kann Honorius nicht unfehlbar gewesen sein, oder er war unfehlbar,
und dann müssen die anderen gefehlt haben. Beide Parteien können
unmöglich unfehlbar gewesen sein. Das habe ich in einer Schrift zu
Nutz und Frommen der Konzilsväter drucken lassen wollen, und das ist
mir in Rom einfach unmöglich gemacht durch die Bestimmung daß ohne
päpstliche Genehmigung hier nichts erscheinen dürfe. Ich habe nun nach
Neapel schreiben müssen, um dort den Druck besorgen zu lassen. Ist das
Freiheit und Selbständigkeit, sind das würdige Zustände?«
»Wir schweifen ab, meine hochwürdigsten Brüder« -- nahm Kardinal
Schwarzenberg das Wort -- »und ich möchte, daß wir, anstatt uns in
Klagen zu ergehen, uns klar würden, was geschehen soll.«
Einer der Kirchenfürsten beantragte, auf Grund der Darlegungen des
Münchener Erzbischofs ein Bittgesuch an den heiligen Vater zu richten,
daß man von Aufstellung der Unfehlbarkeit absehen möge, und dieser
Antrag wurde denn auch angenommen. Nur betreff der Begründung war man
nicht ganz einig. Ein kleiner Teil der Anwesenden wünschte, daß man
geradezu hervorhebe, es sei eine falsche, weder nach Kirchenrecht,
noch nach Kirchengeschichte zu rechtfertigende Lehre -- und solche
Ehrlichkeit wäre das allein richtige, vielleicht auch das wirksamste
gewesen; die Mehrzahl aber suchte mit einer gewissen Aengstlichkeit
den Unwillen des Papstes zu vermeiden; sie wollten, daß man lediglich
Klugheitsgründe betone, zumal die unangenehmen Verwicklungen, die aus
einem solchen Glaubenssatz für die Beziehung von Kirche und Staat sich
ergeben könnten, und daß man, um der Ehrerbietung gegen den heiligen
Stuhl in jeder Weise Ausdruck zu geben, dem Papste die weitgehendsten
Zugeständnisse machen möge.
Diese Meinung drang auch zuletzt durch, und die Jesuitenpartei hatte
erreicht, was sie wünschte.
In der Umgebung des Kardinals Schwarzenberg waren diese Verhandlungen
und ihre Ergebnisse nicht unbekannt, und sie wirkten auf Peter
Frohwalt niederdrückend und verstimmend. Er war mit ehrlichem Sinne
und redlicher Ueberzeugung nach Rom gekommen, in der festen Hoffnung,
hier nicht bloß die Herrlichkeit der Kirche in ihrer ganzen Größe und
Reinheit zu schauen, sondern auch eine unbestechliche Einmütigkeit
und Festigkeit unter den Vätern des Konzils zu finden gegenüber einer
Sache, die nach seiner und der Meinung der Besten geradezu verwerflich
war. Nun sah er hier rücksichtsloses Vergewaltigen auf der einen, eine
schwächliche Verzagtheit auf der anderen Seite. Daß die deutschen und
österreichischen Bischöfe einer ehrlichen und mutigen Erklärung aus
dem Wege gingen und sich hinter rein äußerliche Gründe verschanzten,
erfüllte ihn, dessen sittliches Bewußtsein allzeit kräftig gewesen, mit
größter Bitterkeit. Ihm kam die ganze Sache vor, wie wenn jemand einer
Verführung zum Bösen nicht aus sittlichen Gründen Widerstand leistet,
sondern weil es unangenehme Folgen oder üble Nachreden nach sich
ziehen könnte. Ihm war es klar, daß der Widerstand gegen den geplanten
Glaubenssatz durch ein solches Vorgehen sich seiner edelsten und darum
wirksamsten Kraft beraubt habe.
In solcher Stimmung war es ihm Bedürfnis, ein Asyl aufsuchen zu können,
wo man diese brennende Frage so gut wie gar nicht erörterte, wo
reine, freie Heiterkeit mit mildem Strahle eine anmutige Häuslichkeit
erhellte, und wo ihm selbst, wenigstens vorübergehend, das bedrückte
Herz wieder leichter wurde.
Das war bei dem Maler Heinrich Quandt. Das Bild von den beiden
Campagnolen-Jungen war vollendet und voll prächtiger, lebensvoller
Frische, so daß der Prälat es aus freien Stücken mit einem ungewöhnlich
hohen Preise bezahlt hatte, und der Künstler beabsichtigte nun,
angeregt durch den Anblick in Tivoli, eine Bittprozession zu
S. Maria zu malen, welche ihm Gelegenheit gab, die mannigfachen
Typen des italienischen Volkes und zugleich seinen stimmungsvollen
landschaftlichen Hintergrund anzubringen.
An einem trüben, unbehaglichen Tage war Frohwalt gegen Abend wieder
bei dem Maler gewesen. Dieser und seine Frau hatten sich gewöhnt, ihn
wie einen lieben Freund zu betrachten, und so luden sie ihn denn ein,
das Abendbrot bei ihnen einzunehmen. Er folgte gern, und so saßen
die drei Menschen in dem freundlichen Zimmer beisammen, welches an
das Atelier grenzte. Der Raum war einfach, aber er zeigte überall in
der Ausstattung, sowie in der Anordnung Geschmack. Die Witwe des
Bildhauers, welcher das Häuschen gehörte, und die sich mit drei kleinen
Stuben behalf, hatte manche Erinnerung an ihren verstorbenen Mann
gerade hier aufgestellt, und Heinrich Quandt hatte gleichfalls mit
verschiedenem zur Ausschmückung beigetragen, so daß das Zimmer wie ein
trauliches Nestchen erschien. Am meisten aber ward es verschönt durch
den Geist, welcher hier waltete.
Frohwalt mußte wiederholt an die anmutige Häuslichkeit Professor
Holberts denken, aber hier gefiel es ihm beinahe noch besser. Es ging
von der jungen, lebensfrohen Frau ein bebender, sonniger Schimmer aus,
der den Raum, und alles, was in ihm war, freundlich verklärte, und vor
dem die bösen Geister des Unmuts und der Verstimmung weichen mußten.
Es war köstlich, wie die drei Menschen an dem rundlichen Tische
beisammen saßen, und beim Schein der antiken Bronzelampe, die
Häupter nahe an einander geneigt, sich in das Anschauen der Entwürfe
vertieften, welche der Maler in einer Mappe herbeigebracht hatte und
die er nun in köstlicher Weise erläuterte. Es waren Erinnerungen
aus seinem Leben, welche an diese Skizzen sich knüpften, und die er
freimütig, ungesucht, und oft von prächtigem Humor durchwoben, darbot.
Dazu gab das junge Weib, das sich mitunter wärmer und inniger an den
Gatten schmiegte, ab und zu eine schalkhafte Bemerkung, aus der aber
beinahe immer ihr liebeerfülltes Herz redete, und Frohwalt hatte
bei dem Anblick dieses sonnigen, stimmungsvollen Familienlebens gar
seltsame Empfindungen. Es mußte doch etwas Herrliches darum sein, wenn
zwei Menschen, so mit einander verbunden, durch's Leben gingen -- eins
in ihrem Lieben, Hoffen und Glauben!
Heinrich Quandt hatte wieder ein neues Blatt aufgeschlagen, und aus
dem Auge Friederikens leuchtete ein wärmerer Strahl erst über die
reizende farbige Skizze hin, und dann nach dem Angesicht ihres
Mannes. Das Bildchen aber stellte ein schlichtes, mit Holzfachwerk
erbautes Haus mit breitem Giebel dar, der halbverdeckt erschien durch
eine mächtige, breitästige Linde. Im Hintergrunde schaute über grüne
Gartengehege ein Kirchturm heraus. Im geöffneten Giebelfenster waren
die Oberkörper zweier Menschen sichtbar, der eines alten Herrn mit
grauem Haar und unendlich milden, gütigen Zügen, und jener einer Frau,
die wenig jünger sein mochte. Vor dem Hause aber fütterte ein junges,
hochgewachsenes Mädchen mit kindlichen, frischen Zügen die lustig um
sie sich drängenden Hühner und die vom Schlage herbeigeflatterten
Tauben, während ein anderes Mädchen auf der schlichten Holzbank unter
dem Lindenbaum saß und lächelnd nach der Schwester hinüberschaute.
»Das sind Sie --!« sagte Frohwalt, einen vergleichenden Blick nach der
jungen Frau werfend, und sie nickte mit leisem Erröten.
»Das freut mich, daß Sie es finden -- Fritzel hat stets behauptet, ihr
Gesicht wäre das einzige an dem Bilde, was nicht gut wäre, und zur
Strafe dafür lasse ich dasselbe in der Mappe liegen, anstatt es unter
Glas und Rahmen in ihrem Zimmer aufzuhängen. Ja, das ist das Heim von
meinem Schatz; hier sehen Vater und Mutter in Sonnabend-Feststimmung
zum Fenster heraus und Schwester Trudchen füttert ihre Lieblinge.
Schade, daß man nicht das Läuten der Abendglocken vernehmen kann, aber
da hört unsere Kunst auf.«
»Ja, es ist ein allerliebstes Bildchen,« versicherte Frohwalt -- »eine
anmutige friedensvolle Stimmung weht aus demselben, so daß man wünschen
möchte, hier gleichfalls daheim zu sein.«
»Und doch wäre es Ihnen vielleicht nicht so ganz behaglich,
Verehrtester, nehmen Sie mir's nicht übel -- -- denn es ist ein
_protestantisches Pfarrhaus_!«
Der Adjunkt fühlte, wie er einen Moment lang die Farbe wechselte: die
Hand, mit welcher er die Skizze gefaßt hatte, sank auf den Tisch, indem
Quandt, der wohl über das Unbehagen der Situation rascher hinwegführen
wollte, dasselbe vielleicht auch nicht einmal bemerkte, sagte:
»Ja, ich habe mir mein Fritzel aus dem Erzgebirge und wirklich und
wahrhaftig aus einer protestantischen Landpfarre geholt, obwohl ich
selber ein ganz guter Katholik zu sein glaube. Aber die böse Liebe,
Herr Doktor -- ja, die richtet manches Schlimme an!«
Frohwalt versuchte, einigermaßen verlegen, zu lächeln, der Maler aber
fuhr weiter fort:
»Wir haben uns aber, wie Sie vielleicht selbst herausfinden, trotzdem
wir nun schon über vier Jahre zusammengespannt sind, recht gut in
einander gefunden, und ich denke, Sie lassen es mein Weibchen nicht
entgelten, daß sie nicht unseres Glaubens ist ... sie ist im übrigen
wirklich lieb und gut und brav.«
Er nahm sein bräunäugiges Schätzchen beim Kopfe und gab der errötenden
einen Kuß, dann fuhr er gesprächig fort:
»Ja, ich habe sie kennen gelernt, als sie in Dresden bei Verwandten
sich aufhielt, und sie that anfangs recht scheu, als ob sie
mich gar nicht sehen und nicht ausstehen könnte; aber bei einem
gemeinschaftlichen Ausflug in die sächsische Schweiz, im Uttenwalder
Grunde, bin ich vom Gegenteil überzeugt worden in unwiderleglicher
Weise, und nun habe ich den Sturm auf das Pfarrhaus im Gebirge
unternommen. Dem Papa war's ja nicht ganz recht, daß ich katholisch und
ein Maler noch obendrein war, aber sehen Sie, lieber Doktor, er ist ein
zu prächtiger Mensch! Die Güte, Herzlichkeit und Menschenfreundlichkeit
selber! ›Sei's denn, wenn Ihr Euch lieb habt,‹ sprach er, ›und der
Herrgott gebe seinen Segen dazu. Nur eins bitte ich und wünsche, daß
mein Kind nicht seinem evangelischen Bekenntnis untreu wird und daß
es nicht um deswillen Bedrängnisse zu erleiden habe‹; das hab' ich
versprochen, und redlich gehalten -- nicht wahr Fritzel? -- und wir
sind wie brave, gute Kameraden neben einander hergegangen, und haben,
wenn auch in andern Kirchen, so doch zu demselben himmlischen Vater,
eins für das andere gebetet. Ach, das liebe Pfarrhaus! Das ist uns
beiden so ans Herz gewachsen, daß wir uns schon nach dem nächsten
Sommer sehnen, wo wir einige Wochen wieder dort zubringen wollen.«
Friederike sah mit leuchtendem Gesichte den Gatten an und hielt seine
Hand in der ihren, Peter Frohwalt aber war es wunderlich zu Mute,
und als der Maler jetzt schwieg, wußte er kaum, was er sagen sollte.
Er suchte hinter einigen allgemeinen Redensarten, mit welchen er
sich über das Angenehme eines solchen Landaufenthaltes bei lieben
Angehörigen aussprach, über die Verlegenheit, in welche er geraten war,
hinwegzukommen, und hielt sich auch nicht mehr lange in dem gastlichen
Hause Quandts auf.
Er fühlte sich verstimmt auf dem Heimwege und konnte auch in seinem
Gemache nicht das innere Gleichgewicht finden. Wie sollte er sich
fürder zu dem Maler und seiner Frau stellen? -- Sollte er seinen
Verkehr bei ihnen ganz aufgeben? -- Nach seinen bisherigen Grundsätzen
hätte er es thun müssen. Er dachte an Freidank und sein erstes Weib,
die protestantische Grethe, die man in seiner Heimat im Friedhofswinkel
begraben hatte, und die doch so brav und gut gewesen sein sollte, und
ihr Bild schwamm mit jenem Friederikens ihm in eins zusammen. Er mochte
es aber nicht denken, daß man auch diese einmal zwischen Selbstmörder
und Vagabunden betten könnte, und es war ihm, als wäre an Grethe
Freidank seinerzeit ein schweres Unrecht verübt worden. Er versetzte
sich im Geiste in das Empfinden seines jetzigen Schwagers, und er
fühlte, wie er auch gegen diesen milder gestimmt wurde.
Auch an Professor Holbert mußte er denken und an das, was derselbe von
der protestantischen Gattin eines seiner Freunde gesagt hatte: daß er
trotz des Syllabus nicht glauben könne, daß ihr die Seligkeit versagt
sein solle. Auch er hätte betreff Friederikens das nicht glauben
mögen, und er zweifelte, ebenso wie Holbert, an der Richtigkeit jener
päpstlichen Verfügung. Wenn er aber das Weib Quandts nicht verurteilen
und verwerfen konnte, trotzdem er es erst kurze Zeit kannte, warum
wollte er härter gegen die eigene Schwester sein, deren gutes, liebes,
treues Wesen ihm seit seinen Jugendtagen so vertraut war?
Zuletzt war's ihm eine feste und beschlossene Sache, daß er in
derselben herzlichen und freundlichen Weise wie bisher mit Quandts
weiter verkehren wolle, und was ihn darin besonders bestärkte, war der
Umstand, daß auch der Prälat Parelli, obwohl auch dieser zweifellos von
dem evangelischen Bekenntnis Friederikens wußte, in liebenswürdigster
Weise den Umgang mit dem Hause des deutschen Malers pflegte.
Wenige Tage nach dem Besuche bei Quandt war Frohwalt übrigens bei
Parelli geladen -- im engsten Kreise, wie es in der Einladung lautete,
und er stand nicht an, derselben Folge zu leisten.
Er kannte diese prunkvollen Gemächer bereits, in denen Reichtum und
Geschmack sich vereinigt hatten, aber wenn auch das Auge hier sich
freute und die Phantasie sich angeregt fühlte, es fehlte doch jenes
stimmungsvolle Behagen, wie im schlichten, deutschen Malerheim.
Auch die Tafel war reich besetzt und in jeder Weise trefflich, und
Frohwalt hatte Gelegenheit, einige ihm ganz fremde ausgezeichnete
Weinsorten kennen zu lernen, so daß für einen Feinschmecker an diesem
Tische kaum etwas zu wünschen übrig gewesen wäre.
Seltsamer Weise aber mußte der deutsche Priester trotz des vielfach
hervortretenden Gegensatzes an den Nedamitzer Pfarrer und sein
ländliches Haus denken. Der Zinnkrug von dort war hier verwandelt in
spiegelnde geschliffene Weinkaraffen, und an die Stelle Barbaras trat
hier ein Weib in Seide, Flitterstaat und Juwelenschmuck.
»Signora Lucia Vergani, meine Cousine, die liebenswürdige Anstandsdame
meines Hauses!« hatte der Prälat die in jeder Weise vornehm auftretende
Frau vorgestellt, die mit dem verbindlichen Lächeln der Hausfrau den
jungen Priester begrüßte und ihm den Platz zu ihrer Rechten anbot,
während links von ihr der Jesuitenpater Felice saß. So waren sie nun zu
Viert am Tisch, und die Unterhaltung war eine lebhafte und geistvolle
-- -- aber Frohwalt konnte über ein unbehagliches Empfinden nicht
hinwegkommen. Die kalten, klaren Augen des Jesuiten störten ihn eben
so sehr, wie das ganze Wesen des geputzten Weibes, das ihm wie eine
reichgeschmückte Lüge vorkam ... Barbara in Seide!
Er that vielleicht dem Prälaten unrecht. Parelli benahm sich ja in
jeder Weise untadelhaft, dabei ungemein liebenswürdig, daheim auf dem
Gebiete der Kunst, und wenn er auch den Speisen und dem Weine sehr
ausgiebig zusprach, so machte er doch nicht den Eindruck des Unmäßigen.
Sein Körper schien just so viel zu gebrauchen, als er genoß. Trotz
alledem schien Frohwalt unsichtbarer Weise der alte Nedamitzer Pfarrer
mit am Tische zu sitzen und ihn traurig anzublicken, als ob er sagen
wollte: »Sieh, Du hast mich verurteilt, und ich habe doch auch nichts
anderes gethan!«
So kam es, daß es ihm gar nicht recht schmecken wollte, und daß er
manchmal nur mit halbem Ohr auf das horchte, was das üppige, schöne
Weib an seiner Seite zu ihm sprach. Und als es ihm gar erst schien,
als ob er einen begehrlichen Blick aufgefangen hätte, der über ihn
hinglitt, da überkam ihn ein Widerwille, und er wurde noch wortkarger.
Felice zeigte sich ihm gegenüber von sicherem weltmännischem Wesen,
aber von einer so kalten, klugen Ueberlegenheit, daß ihm bangte vor
dem Manne, und wenn er sah, wie er mit seinem hagern Leibe sich über
den kleinen Prälaten herbeugte, überkam ihn ein Empfinden, ähnlich
jenem, welches Sisto hatte, als er damals die Beiden im Garten an
sich vorübergehen sah. Ihm fiel alles ein, was Professor Holbert von
Jesuiten und Jesuitenmoral zu ihm gesprochen, und trotz der beinahe zu
großen Freundlichkeit Felices war er ihm gegenüber zurückhaltend, so
daß derselbe äußerte:
»Sie verleugnen Ihren mehr nordländischen Charakter nicht, Herr Doktor
-- kühl und zurückhaltend! Das beobachten wir an fast allen deutschen
Herren und Seine Eminenz, Ihr Herr Kardinal-Fürsterzbischof ist bei all
seinen trefflichen Eigenschaften Ihnen darin ähnlich.«
Nach Tische zog die Signora Frohwalt wieder ins Gespräch und wünschte
ihm, gleich wie mit dem Stolze der Hausfrau, die ganze Herrlichkeit
dieses Hauses zu zeigen. Wenn er nicht unhöflich sein wollte, mußte
er ihr folgen, während die beiden anderen sich für eine Weile in das
Arbeitszimmer des Prälaten zurückzogen.
Lucia hatte manches von Parelli gelernt und ein gewisses äußerliches
Kunstverständnis sich angeeignet. Dabei war ihr Benehmen ungezwungen.
Sie nahm ohne weiteres den Arm ihres Begleiters und stützte sich auf
denselben, so daß es Frohwalt seltsam durchrieselte. So war er noch an
keines Weibes Seite gegangen. Der Arm war voll und weich und warm, und
es umwehte ihn wie ein sinnlicher Zauber. Dazu redete aus den dunklen
Augen der Signora ein begehrliches, heißes Feuer, so daß er fühlte,
wie auch ihm die Röte in die Wangen stieg. Das Weib schien seine
Befangenheit zu bemerken, und das bereitete ihr offenbar Behagen und
Befriedigung, so daß sie ihn mit Wort und Blick immer mehr umstrickte.
Sie sprach von den einzelnen Kunstgegenständen, wie sie zerstreut
in den prunkvollen Gemächern standen und wußte geschickt verhüllte
Beziehungen herauszufinden und anzudeuten: Der blonde Deutsche schien
es der schönen, heißblütigen Südländerin angethan zu haben. In den
Räumen herrschte eine weiche, duftatmende Atmosphäre, die von den
üppigen Polstermöbeln, den nackten Marmorbildern in den Nischen,
und von den Gemälden in den breiten Goldrahmen auszugehen schien,
denn Frohwalt merkte bald, daß die letzteren nur zum kleinsten Teile
religiöse Stoffe behandelten. Auf den meisten glänzten blitzende
Frauenaugen, blinkten weiße entblößte Schultern und Busen, war das
lachende, verführerische Leben dargestellt. Er redete sich ein, sie
befänden sich hier ausschließlich ihres Kunstwertes wegen, und Lucia
schien ihn in dieser Meinung zu bestärken.
Dabei blieb sie gerade vor den bestrickendsten am längsten stehen,
sah ihm, während sie sprach, immer heißer und tiefer in die Augen
und drängte sich wohl auch enger an ihn, so daß er durch das leichte
Seidengewand das Pochen ihres Herzens fühlte.
Er kam sich vor wie Tannhäuser im Venusberge, er fühlte, wie eine
seltsame, nie gekannte und doch beinahe wohlige Schwäche ihn lähmte,
und wie er beinahe willenlos sich von seiner Begleiterin fortziehen
ließ.
In einem kleinen, lauschigen Gemach mit dunklen Möbeln, das nur matt
erhellt war, ließ sie auf einem kleinen Sopha sich nieder und zog ihn
an ihre Seite.
»Hier ruhen wir einen Augenblick -- denn hier ist das schönste Bild,
welches Monsignore besitzt.«
Es war ein in großem Stil gehaltenes Werk in dunklem Rahmen, welches
gegenüber dem Sitze an der Wand hing: Potiphars Weib.
Die schöne, heißbegehrende Egypterin lag mit halb erhobenem Leibe auf
purpurdunklem Pfühle. Das nilgrüne, duftig-durchsichtige Gewand war
von dem Oberkörper herabgesunken, wie aus einem matten, gelblichen
Schleier, der wenig genug verhüllte, schimmerte die königliche
Büste, der Kopf war von wundersamer, berückender Schönheit mit seinen
glutendunklen Augen, mit dem blauschwarzen, leicht gewellten Haar, das
sich um die weiße Stirn ringelte und die vollen, schönen, nackten Arme
streckte sie begehrend aus nach dem nicht sichtbaren Joseph.
Frohwalt hatte nie ein solches Bild gesehen. Sein Atem ging schneller
und kürzer, seine Augen hafteten fest auf dem entzückenden Weibe, und
wie Faust vor dem Zauberspiegel der Hexenküche, so kam auch ihm wie ein
zuckender Blitz der Gedanke: »Ist's möglich, ist das Weib so schön?«
Da fühlte er mit einem Male den heißen Hauch der Italienerin näher an
seinem Gesichte, er sah die lodernden, dunklen Augen fast dicht vor
den seinen, rote Lippen schienen ihm entgegenzuzittern, und bebend vor
Erregung, eigentümlich tiefförmig und weich, rang sich das Wort von
ihnen:
»Sagen Sie -- war Joseph nicht ein Thor?«
Das Wort gab ihm seine fast verlorene Besinnung zurück; er wollte
aufschreien: Potiphar! aber er bezwang sich, sprang von seinem Sitze
auf, atmete einmal tief und sagte dann mit merkwürdiger Festigkeit:
»O nein, Signora, er war ein Held! ... Aber wollen wir nicht Monsignore
aufsuchen?«
Das Blut war dem schönen, üppigen Weibe zurückgetreten aus den
Wangen, mit fahlem Gesicht, in dem die dunklen Augen noch leuchtender
sprühten, sah sie dem stattlichen jungen Manne nach, der jetzt langsam,
unbekümmert um sie, dem Ausgang des Gemaches zuschritt, und die kleinen
Hände vor Unmut, Zorn und Scham geballt, ging sie ihm nach. --
[Illustration: ... Die Hände vor Unmut, Zorn und Scham geballt, sah sie
dem stattlichen jungen Manne nach ... (S. 276.)]
Bald darauf verabschiedete sich Frohwalt von dem Prälaten und dem
Jesuiten. Der erstere entließ ihn mit herzlicher Freundlichkeit und lud
ihn zuvorkommend ein, seinen Besuch bald zu wiederholen, der andere
aber sah ihn mit seinem kalten, klaren Blick so forschend an, als
wollte er in seiner Seele lesen, und da der junge Priester gegangen,
sprach er zu Parelli:
»Seltsame Menschen, diese Deutschen! Ehrlich, aber wenig klug,
starrköpfig, aber ohne große Ziele, schwärmerisch für Ideale
begeistert, aber feige in der Wahl ihrer Mittel.«
»Aber ein Volk mit einer starken Zukunft, gründlich in seinem Wissen,
kühn in seinem Wollen, kraftvoll in seinem Können,« erwiderte der
Prälat.
Peter Frohwalt aber war in mächtiger, schwer bekämpfter Erregung
fortgegangen. Was für ein Odem wehte durch dieses glänzende Haus eines
hohen kirchlichen Würdenträgers? Wie die verkörperte Sünde ging das
schöne, buhlerische Weib darin hin und her, wie die Herrin des Hauses,
und wohl auch wie die des Hausherrn. Wenn das am grünen Holze war, was
Wunder, wenn es sich auch an dem dürren fand? -- Wenn das im Palaste
des Prälaten sein konnte, warum nicht auch in der armen Landpfarre zu
Nedamitz? Und jene Barbara war vielleicht noch um ein gutes Teil besser
als diese Signora Lucia Vergani.
Er nahm sich vor, niemals mehr die Schwelle dieses Hauses zu
überschreiten. Welch ein reiner Geist lebte dagegen in dem schlichten,
anmutigen Heim des deutschen Malers, dessen Weib doch eine »Ketzerin«
war, eine nach seinen bisherigen strengen Begriffen Verworfene und vom
Himmel Ausgeschlossene. Nein, von solcher Satzung konnte der Allgütige
nichts wissen, die ewige Liebe konnte sie nicht billigen, und wenn
ein Papst einen solchen Grundsatz verkündet hatte, so war es schon um
deswillen unmöglich, daß er unfehlbar sein könne.
Peter Frohwalt fühlte, daß an diesem Tage eine Erschütterung durch
seine Seele, durch sein ganzes bisheriges Glauben und Empfinden
gegangen war, und daß der Widerwille, den er gegen den Protestantismus
empfunden, in seinem Herzen schmolz wie der Schnee vor dem hellen
warmen Frühlingsstrahl. Und wie nach dem Besuche bei Quandt mußte er
auch heute wieder mit wärmerer Zuneigung seiner Schwester, und mit
versöhnlicher Milde seines Schwagers gedenken.
Und als ob der Himmel selbst ein solches Erinnern unterstützen wollte,
fand Frohwalt, als er heimkam, einen Brief vor von Vetter Martin. Ein
Gruß aus der Heimat! Wie mit einem Schlage war die ganze Erregung, mit
der er das Haus des Prälaten verlassen hatte, in ihm verwischt, hinter
ihm versank alles andere, und von freundlichem Licht umwoben stand das
kleine Landstädtchen im westlichen Böhmen vor ihm, und alles, was er
dort lieb hatte. In solcher Stimmung öffnete er das Schreiben und las:
»Mein lieber Peter!
Ich habe allezeit etwas auf Ehrlichkeit und Geradheit gehalten,
darum kann ich Dir auch nicht verhehlen, daß Du diese Epistel
in erster Reihe dem Umstande verdankst, daß ich Langeweile
habe. Draußen schneit es, wovon Ihr in Rom keine Ahnung habt,
aber das könnte mich nicht abhalten, mich irgendwo in einer
zur Zeit lieblicheren Gegend unseres Planeten herumzutreiben,
wenn mir nicht wieder einmal meine linke Hinterpfote den Dienst
versagte. So habe ich mir denn das Vergnügen gemacht, mein
ganzes Museum einmal zu ordnen und zu katalogisieren und finde
nun zu meiner eigenen Verwunderung, daß es nicht weniger als
achthundertzweiundvierzig Nummern umfaßt, darunter manches
Hübsche. Ich hoffe, daß mir's der Himmel vergönnt, die tausend
voll zu machen. Seit drei Tagen bin ich mit der Arbeit fertig,
habe die erste Freude an der Sache ohne weiteren Schaden an
meiner Gesundheit verwunden, bin aber auch lahm gelegt in des
Wortes vollster Bedeutung. Darum ergreife ich die Feder, wie
mein Alter -- Gott hab' ihn selig -- immer seine Briefe an
mich anfing, um ein wenig mit Dir zu plaudern. Es thut Dir
vielleicht auch gut, wenn Du einmal, anstatt mit den Vätern
des allgemeinen Konzils, mit dem alten Vetter Martin eine
Viertelstunde umgehst, der zwar weder selbst unfehlbar ist,
noch einen andern, und wenn's der Papst wäre, dafür halten
kann, der aber darum hoffentlich noch nicht als Ketzer von
Dir angesehen wird, sintemal Ihr den neuen Glaubenssatz noch
nicht fertig gekriegt habt. Es wäre überhaupt -- in Klammern
gesprochen -- besser, wenn das Ei, welches die Jesuiten gelegt
haben, vom Konzil nicht ausgebrütet würde. Das ist aber so
meine Privatmeinung, die Dir und dem Kardinal Schwarzenberg
sehr gleichgültig sein wird, weshalb Du sie auch diesem gar
nicht zu sagen brauchst.
Aber reden wir lieber von angenehmeren Sachen! Deine Mutter ist
wohlauf und freut sich über jeden Brief aus Rom. Ich glaube,
sie hält Dich jetzt in der Siebenhügelstadt für den wichtigsten
Mann nach dem Papste und meint, daß das ganze Konzil ohne Dich
Essig wäre. Ich gönne ihr diese Freude, um so mehr, als sie
mir dafür die andere macht, daß sie Deine Episteln immer mich
zuerst lesen läßt, woraus Du ersehen kannst, daß ich in Deinen
römischen Verhältnissen mich auskenne, wie in meinem Rucksack
und daß ich Dich ohne Cicerone finden werde, wenn ich nach Rom
komme. Und das habe ich mir vorgenommen. Ich muß mir so ein
Konzil in der Nähe ansehen, denn ich glaube, ich erlebe kein
zweites. Das wäre zwar kein Unglück, weder für mich, noch für
die Welt, aber da ich meine Einkünfte ebenso gut in der ewigen
Stadt, wie hier in dem entlegenen böhmischen Winkel verzehren
kann, so ...
Aber weiter im Texte. Deine Schwester blüht wie eine Rose in
Glück und Gesundheit, und ich habe -- unter uns gesagt -- den
Eindruck, als ob ihr weder die Ehe, noch der Protestantismus
geschadet hätte. Und erst ihr kleiner Junge, Dein Neffe, mein
Pathchen Martin Peter. Potz Respekt vor dem Bengel. Schade, daß
_der_ nicht beim Konzil sein kann; ein Organ hat er wie ein
Kirchenvater und dazu mehr Unschuld, als alle zusammengenommen.
Da sagst Du nun: »Was dem alten Manne für dumme Witze
passieren?« Na ja, aber ich meine nur, weil er ein kleiner
Protestant und für den ewigen Höllenpfuhl vorherbestimmt ist,
daß das arme Kerlchen weniger Sünden auf dem Gewissen hat, als
irgend ein Konzilsvater, dem doch die ewige Seligkeit verbürgt
ist, wenn er ein gehorsamer Sohn der Kirche ist, und nicht
weiter muckt, wenn es heißt: ~Roma locuta est~ -- Rom hat
gesprochen!
Aber hier komme ich ins Schwatzen und auf ein Thema, das Dich
möglicherweise veranlaßt, mit meiner Epistel Deinen Ofen zu
heizen, wenn Du einen hast, was in Rom nicht immer der Fall
sein soll. Wenn Du keinen hast, betrachte ich das als ein gutes
Omen, das mich veranlaßt, wenigstens flüchtig auch Deines
Schwagers Freidank zu gedenken, der zu den fleißigsten und
bravsten Menschen gehört, die ich jemals kennen gelernt habe
... und, Peter, das will viel sagen. Der alte Pfarrer hat nach
wie vor seine Uhren bei ihm reparieren lassen. Das ist aber nun
vorbei, denn dem alten, braven Herrn ist selber die Lebensuhr
stehen geblieben.
Ganz plötzlich. Eines Morgens, vor etwa vierzehn Tagen lag er
früh tot im Bette und lächelte. Es war ein großes Begräbnis,
und da hat sich erst die Liebe gezeigt, die die Leute zu ihm
hatten und da hat sich auch erst herausgestellt, was er unter
der Hand Gutes gethan. Ich sage Dir, Peter, aus allen Winkeln
kroch die Armut und die Lahmen und Presthaften hervor und
humpelten hinter dem Sarge drein und schluchzten, wie wenn sie
zu seiner Familie gehörten. Und ich glaube, der Mann war nicht
gut angeschrieben beim hochwürdigen Konsistorium, er war -- wie
man sagte -- aus der alten Schule Kaiser Josefs II., aber ich
hatte den Eindruck, daß _die_ Schule nicht schlecht war und bin
seitdem noch stolzer, daß ich ihr auch angehöre.
Der neue Pfarrer gehört nicht dazu. Der Pater Ignaz ist,
soviel wir hören, dazu bestimmt, und ich fürchte sehr, daß
es jetzt mit dem lieben Frieden zwischen Katholischen und
Evangelischen hier vollends vorbei ist. Mir kann's persönlich
gleich sein, wer hier die frommen Schäflein zu weiden hat, aber
ich wollte doch, sie hätten den Pater Ignaz lieber irgendwo
in Hinterindien oder in einer sonstigen gesegneten Gegend zum
Erzbischof, als gerade hier zum Pfarrer gemacht.
Noch eins, was Dich vielleicht interessiert. Du hast ja die
Tochter von Professor Holbert gekannt, die hier an ~Dr.~
Haller verheiratet ist. Das ist eine Märtyrerin, die Ihr
gleich beim jetzigen Konzil bei lebendigem Leibe heilig
sprechen könnt! Wie diese zwei Menschen zusammenkommen konnten,
das ist mir ein Rätsel der Seelenlehre, das ich mit meiner
Alten-Junggesellen-Weisheit nicht klar kriegen kann. Der
Mann verdiente bei den Botokuden als Leibarzt irgend einer
schwarzen Menschenfresser-Majestät zu existieren und wäre
vielleicht für eine solche zu einem Abendbrot noch leidlich
genießbar. Hier hat er abgewirtschaftet. Ihm fehlt zum Arzte
sehr viel, und zum anständigen Menschen nahezu alles, und ich
kann manchmal, wenn ich ihn in einer besonders »geistvollen«
(ich meine weingeistvollen) Phase erblicke, der Versuchung
kaum widerstehen, zu erproben, ob mein Knotenstock oder sein
Schädel mehr Festigkeit haben -- 's ist mir aber immer wieder
um meinen Stock leid. Das arme junge Weib! Er soll sie sogar
mißhandeln, angeblich, weil sie nicht soviel Mitgift brachte,
als er vermutete, und Deine Mutter weiß von verweinten Augen
zu erzählen, aber sie klagt niemandem und ist immer so _sehr_
freundlich! Herr Gott, wenn mein Hans Stahl davon Witterung
erhält!
Ein hübscher Mann dagegen ist der Kapuzinerpater Severin. Er
und der Guardian machen einem das Klösterchen lieb, und ich
gehe nur zu ihnen in die Kirche, habe auch mit dem Guardian
schon botanisiert. Da muß ich wieder an Deinen guten Nedamitzer
Alten denken. Ich hätte ihm gerne noch ein paar frohe Tage
unter meinem Zeltdache bereitet ... es hat nicht sein sollen.
Möge er ruhen in Frieden! Ich glaube doch trotz allem, daß ich
ihn im Himmel wiederfinde, vorausgesetzt, daß der Herrgott mich
alten Sünder selbst einläßt. Na, wissentlich hab' ich niemandem
Böses gethan -- vielleicht ist das mein Passierschein.
Nun, mein lieber Konzilsvater, soll's aber gut sein. Bleibt
nur fest und thut nichts, was gegen die Ueberzeugung ist ...
das hofft die Christenheit, und sie glaubt ein Recht dazu zu
haben! Nun muß ich meine Hinterpfote schmieren, damit ich bald
ausmarschieren kann.