~Dr.~ Haller.«
Stahl war außer sich über den kalten Hohn des verhaßten Menschen, den
er mit Wollust hätte erschlagen, erschießen, erwürgen mögen. Er war
auch nicht geneigt, diese geringschätzige Behandlung ruhig hinzunehmen;
er sah vielmehr darin einen Ausfluß von Feigheit und gedachte, seinen
Gegner, wenn Worte nichts vermochten, durch die That zu überzeugen, daß
seine »Stilübung« ernst zu nehmen sei. Den ganzen Tag rannte er ruhelos
durch die Gassen und erwog einen Plan um den andern, ohne zu einem
Entschlusse kommen zu können. Anfangs hatte er daran gedacht, ~Dr.~
Haller in seiner Wohnung aufzusuchen und ihn thätlich anzugreifen, doch
verwarf er das aus mehr als einem Grunde; am allerliebsten wäre er ihm
im Hause Holberts, in Gegenwart Theresens an die Kehle gesprungen, aber
das war ja thöricht.
So hatte er sich den Tag über ziellos herumgetrieben und war immer in
die Nähe der Zeltnergasse gekommen, wohin ihn sein Herz zog und der
Haß zugleich, denn er vermutete, daß Haller mindestens gegen Abend zu
seiner Braut gehen werde.
Darin hatte er sich auch nicht getäuscht. Er sah den Verhaßten in der
neunten Abendstunde vom Altstädter Ringe herankommen, ein überlegenes
Lächeln um die Lippen, mit einem kleinen Stöckchen spielend, und in
Stahls Seele bäumte sich der Haß auf. Die Straße war belebt, einen
Angriff, welcher hier erfolgte, mußte jener als schwere Beleidigung
empfinden ...
[Illustration: Mit dem Rufe: »Elender Feigling« versetzte Hans Stahl
dem ~Dr.~ Haller einen Schlag ins Gesicht. (S. 202).]
Der junge Mann verlor bei diesem Gedanken alle Selbstbeherrschung;
in dem Augenblicke, da Haller in das Haus Holberts eintreten wollte,
sprang er gegen diesen vor, und mit dem Rufe: »Elender Feigling!«
versetzte er ihm einen Schlag ins Gesicht, daß der Getroffene
zurücktaumelte, aber im nächsten Moment auch schon seinen Angreifer
erfaßt hatte und ihm zurief:
»Unreife Jungen müssen das Stäbchen spüren!« Dann schlug er mit seinem
Stocke auf ihn ein, während Stahl mit den Fäusten um sich hieb.
Das spielte nur einige Sekunden. Die Leute waren stehen geblieben, ihre
Entrüstung wendete sich gegen den Angreifer, und ehe noch der nächste
Schutzmann herbeikam, war Hans Stahl bereits von einigen kräftigen
Händen erfaßt und festgehalten worden, während Haller ihm noch einen
derben Hieb mit seinem Stöckchen versetzte. Der Geschlagene war
sprachlos vor Wut, der Doktor aber rief dem Sicherheits-Wachmann zu:
»Nehmen Sie diesen Burschen fest, der mich gröblich angefallen hat.
Mein Name ist ~Dr.~ Haller -- das Weitere werde ich selbst veranlassen.«
Er wandte sich nach der Thür des Hauses, in welchem Professor Holbert
wohnte, Hans Stahl aber ließ sich willenlos, elend bis in die tiefste
Seele hinein, von dem Schutzmann hinwegführen. Er hatte mit der
Empfindung, jetzt erst Therese für immer verloren zu haben, auch noch
die andere, daß er sich in Prag unmöglich gemacht und die eben erst neu
eingeschlagene Laufbahn sich selbst verdorben habe.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Elftes Kapitel.
Zu Beginn des Herbstes fand die Hochzeit Theresens mit ~Dr.~ Haller
statt und zwar auf besondern Wunsch der Braut in der freundlichen
Kirche bei den Kapuzinern zu St. Josef, und ~P.~ Severin war es,
welcher die Trauung vollzog. Als Professor Holbert dem Guardian diese
Bitte Theresens vortrug, war der würdige alte Herr einigermaßen in
Verlegenheit gekommen, aber da sein junger Ordensbruder ihm seine
einstige Herzensbedrängnis in der Beichte anvertraut hatte, mochte er
darüber nicht sprechen, sondern erklärte, daß er die Entschließung
darüber ~P.~ Severin selbst überlassen müsse.
Zu seiner Verwunderung nahm dieser den Wunsch scheinbar völlig ruhig
auf, und erklärte sich bereit, denselben zu erfüllen; er fügte seinem
milden, freundlichen Ordensvorgesetzten gegenüber bei, er betrachte
auch das als eine Buße, welche ihm der Himmel auferlegen wolle.
So fuhren am festgesetzten Tage eine Anzahl Kutschen vor dem Thore
des Klösterchens vor und zwischen der gaffenden Menge hindurch führte
~Dr.~ Haller, dessen äußere Erscheinung heute besonders vorteilhaft
aussah, die liebliche Braut, die in ihrem weißen Gewande, mit dem
Myrtenkränzlein im Haare einer anmutigen, frischen Blüte vergleichbar
war.
Hinter ihnen schritt Professor Holbert mit der Mutter des Bräutigams
am Arme und die andern Gäste, eine kleine, aber vornehme und
auserlesene Schar.
Das Kirchlein hatte sich zur Feier besonders geschmückt, und
weihevoller Orgelklang kam dem Brautpaare entgegen, das auf
rotsammtenen Kissen auf der untersten Stufe des Altars niederkniete.
Jetzt erschien aus der Sakristei der junge Priester. Er allein sollte
die heilige Handlung vornehmen, ohne jede Assistenz, so hatte es
Therese gewünscht, und Professor Holbert war mit der Einfachheit in
jeder Hinsicht völlig einverstanden. Die Angehörigen des Bräutigams
hätten freilich mehr Aufsehen gewünscht.
Severin war so blaß, wie wohl nie im Leben; sein wallender dunkler
Bart ließ die Blässe noch mehr hervortreten, und seine Augen hatten
einen müden Schimmer. Niemand ahnte, was in der Seele des jungen
Priesters vorging, welchen furchtbaren Kampf er kämpfte und welche
Selbstüberwindung er übte.
Gerade in diesen Augenblicken, da Therese, umwoben von dem ganzen
jungfräulichen Liebreiz, in dem weißen, duftigen Gewande vor ihm
kniete, das liebliche Haupt demutsvoll und fromm nach ihm emporgehoben,
ging durch seine Seele ein unsagbares Gefühl heißen Schmerzes. O, die
Entsagung verlangt von ihren Märtyrern fürchterlich harte Opfer! Das
Herz des jungen Priesters zuckte und er konnte es nicht hindern, daß
ihm davon auch die Hände bebten, als er sie wie zum Segen auf die
mit der Stola umwundenen Hände des jungen Paares legte und dann über
ihre Häupter hielt, und da er das Wort sprach, welches diesen Bund
unauflöslich verknüpfen sollte, da meinte er, sein Herzschlag müsse
stocken, und die Worte kamen heiser, hervorgepreßt von seinen Lippen.
Nun war es vorbei. Er wandte sich nach dem Altare zurück, hielt sich
daran fest mit zitternden Fingern, und dann erst schritt er langsam,
müde, wie ein gebrochener Mann, nach der Sakristei, um das Meßgewand
anzulegen. Er mußte sich doch einige Augenblicke niedersetzen --
er fühlte, daß er sich zu viel zugetraut hatte. -- Dann erst ging
er wieder zum Altare zurück, um die Messe für die Neuvermählten zu
zelebrieren. Mit solcher Inbrunst hatte er vielleicht niemals noch das
lateinische Meßgebet gesprochen, mit heißerer Andacht nie den Leib
des Herrn in den Händen gehalten; er fühlte sich wie ein Sünder, und
dennoch wie ein Sieger.
»~Ite, missa est!~« sprach er zum Volke gewendet; sein Blick streifte
noch einmal die Lichtgestalt der jungen Braut, dann war das Schlimmste
überwunden, aber er wußte kaum, wie er nach seiner Zelle gekommen war.
Hier warf er sich auf sein hartes Lager, schlug beide Hände vor das
Gesicht und schluchzte in sein Kissen hinein; ihm war zum Sterben weh.
»Der Menschheit ganzer Jammer« erfaßte ihn, niemals würde ihm ein Glück
scheinen, das ihm, dem Entsagenden, als das höchste und herrlichste
dünkte, das Glück, ein geliebtes Wesen am Herzen halten, in ihm
aufgehen zu dürfen in Leid und Lust.
Plötzlich riß er sich empor, wild und zornig, mit den Händen faßte
er nach den Knoten seines Gürtelstricks, er hätte sich am liebsten
gegeißelt, um in qualvoller Selbstpeinigung zu vergessen, und da dies
nicht wohl anging, sank er auf den Betschemel nieder, schlug das Haupt
gegen dessen Kante, und so lag er vor dem schlichten Kreuzbilde lange
auf den Knieen. Dann erhob er sich und ging zu dem Guardian. Er bat
denselben, ihn fortzugeben in ein kleines, armes Klösterchen, wo es
am meisten Entbehrung, Demütigung und Mühe gebe, ihn verlange nach
Einsamkeit und Thätigkeit. Der alte, würdige Priester verstand ihn. Er
sprach:
»Gott segne Sie, lieber Bruder, Sie sind auf dem rechten Wege, und der
Herr wird Ihnen in dem Kampfe, welchen Sie so tapfer kämpfen, nicht den
Sieg vorenthalten. Ich werde bei dem ~P.~ Provinzial Ihre Versetzung
beantragen.«
Er drückte ihm herzlich die Hand; Severin ging, und schon acht Tage
später befand er sich auf dem Wege nach der kleinen, freundlichen
Landstadt, in welcher Peter Frohwalt daheim war. Als er den ihm
wohlbekannten Ort unter sich liegen sah, als das rote Dach des
Kapuzinerklösterchens mit dem kleinen Turme ihm zu winken schien, ging
ihm die Seele auf; die Brust wurde ihm weit; er breitete die Arme aus,
und mit rascheren Schritten ging er zu Thal.
Im Garten bei dem Kloster war Obsternte. Schwer von Aepfeln und
Birnen beugten sich die Zweige, die wenigen Mönche aber, die hier
lebten, waren, breitrandige Basthüte auf den Häuptern, beschäftigt,
den Gottessegen zu bergen. Der eine stand auf der Leiter, ein zweiter
hatte eine Schürze über sein Ordenskleid gebunden, und las auf,
was herabfiel, und selbst der treffliche Guardian hielt einen fast
gefüllten Korb am Arme. Als Severin bei ihnen eintrat mit seinem
»Gelobt sei Jesus Christus!« und sie den Ordensbruder erkannten, ließen
sie alles stehen und liegen. Der von der Leiter kam herab, und der
Guardian umarmte und küßte ihn. Da ward es Severin unendlich wohl zu
Mute, und alles, was sonst noch auf Erden war, versank hinter ihm wie
ein Traum.
Ja, hier war es ungleich schöner, als in Prag. Kein Lärm und Geräusch
störte die liebliche Idylle, und wenn er des Morgens das Fenster
seiner Zelle öffnete und hinaussah ins freie, weite Land, das im
Herbstsonnenglanz sich hindehnte, bis wo fern die blauende Hügelkette
den Blick begrenzte, dann war er so ruhig und wunschlos, so glücklich
in seiner Entsagung und Armut.
So vergingen ihm einige Wochen. Da geschah es, daß er eines Morgens,
während er bei der Messe sich an dem Altar umwendete, in einem der
vordersten Kirchenbänke eine Frauengestalt gewahrte, bei deren Anblick
ihm alles Blut aus den Wangen wich. Es war kein Zweifel, daß es Therese
war. Auch sie sah halb erstaunt, halb erfreut nach ihm hin, als er
beim Segnen sich noch einmal umwendete, und in ihren Augen stand etwas
wie ein stiller Gruß. Und da er nach dem Gottesdienste wie ein Träumer
aus der Kirche heraustrat, um über den Hof hinweg nach dem Klösterchen
selbst zu gehen, da trat sie ihm mit freundlichem Gruß entgegen und
reichte ihm die Hand.
Er folgte dem Drange des Augenblicks, als er das feine, behandschuhte
Händchen zwischen seine beiden Hände nahm, durch welche ein leises
Zittern der Erregung lief, und mit nicht ganz sicherer Stimme fragte
er, während seine Augen seltsam schimmerten:
»Wie kommen Sie hierher, Frau Doktor?«
»Ei, das wissen Sie nicht? Mein Mann hat sich seit drei Tagen als
praktischer Arzt hier niedergelassen, und ich fühle mich in dieser
ländlichen Umgebung ungemein wohl. Doppelt freut es mich, Sie hier
zu wissen, und ich hoffe, daß Sie ab und zu uns besuchen werden. Wir
wohnen neben der Mutter des Herrn ~Dr.~ Frohwalt.«
Severin stammelte etwas wie ein Dankeswort für die freundliche
Einladung, dann ging er, während die junge Frau ihm einigermaßen
befremdet nachblickte. In seiner Zelle angekommen, trat er ans Fenster.
Wie ein Schleier lag es über dem Landschaftsbilde, das ihn bisher
entzückt hatte, und wie ein Druck beschwerte es ihm die Brust. Er that
einen tiefen Atemzug, dann sprach er mit Festigkeit halblaut:
»Herr, Du suchst mich heim! Sei es! Du willst, ich soll kämpfen, und
ich will mich nicht Deiner Prüfung entziehen. Nur, guter Gott, lege mir
nicht mehr auf, als ich tragen kann.«
Von diesem Tage an war Severin noch eifriger als bisher in aller
Arbeit. Er war ein trefflicher Prediger, unermüdlich im Beichtstuhl
und schaffte dabei in Haus und Garten trotz einem Laienbruder, so daß
die andern Brüder in stiller Verwunderung ihn beobachteten und in ihm
ein Musterbild eines Mönches sahen. Dabei war er stets heiter und
gefällig, nahm jedem an Mühe ab, so viel er vermochte, und als einer
der Brüder erkrankt war, pflegte er ihn mit peinlicher Sorgfalt Tag und
Nacht.