gekommen, das Fest mitzufeiern, und über die Brücke nach der Höhe des
Hradschin bewegte sich eine bunte Menge, meist Landvolk, und im Dome
drängten sich Hunderte um das Grabmal des Heiligen, den massiven,
schwerfälligen Sarkophag, zu welchem 27 Zentner feinen Silbers
verwendet worden sind, und um welchen eine Anzahl Lampen ihr trauliches
Licht ausgießen. Unter ihnen stand diesmal auch der wunderliche
Heilige, Vetter Martin, der zwar Prag schon kannte, aber es bei
Gelegenheit dieses Festes auch einmal sehen wollte.
Ihm behagte dies Leben und Treiben nicht, noch weniger die
unvermeidlichen tschechisch-nationalen Kundgebungen, welche regelmäßig
mit diesem Feste verbunden werden; diese angeputzten Banderien,
diese buntscheckigen Sokolisten waren ihm nichts weniger als eine
Herzensfreude, und so stapfte er am Morgen des Festes bereits wieder
hinüber nach der Altstadt, um im Klementinum bei Peter Frohwalt
vorzusprechen.
Der war erfreut, als der Alte bei ihm eintrat.
»Das riecht ordentlich nach Theologie bei Euch, etwas muffig, als ob
schon lange kein frischer Luftzug hereingekommen wäre, so daß es sich
Unsereinem auf die Brust legt -- nimm mir's nicht übel, Peter! Ja so,
Du hast ja jetzt eine akademische Würde, und dazu will ich Dir auch
meinen Glückwunsch sagen. Ich wäre gern zur Promotion gekommen, aber
mir that's leid um Deine Schwester, das arme Wurm, das nicht einmal
thun darf, als ob es sich darüber freute -- und sie hat sich doch
gefreut mitsamt Deinem Schwager. Na, was machst Du denn auf einmal für
einen schiefen Nasenwinkel ... ja so, Dir ist etwas in die Schleimhäute
gefahren, Du kannst Freidank nicht riechen! Aber ich sage Dir, er ist
ein prächtiger Mensch und trägt Deine Schwester auf den Händen. Er
weiß, daß er doppelt an Liebe geben muß, weil er auch den Bruder zu
ersetzen hat. Herrgott, da schwatze ich, und weiß doch, daß ich Dir
kein Vergnügen damit mache -- na, wovon das Herz voll ist ... und so
weiter. Höre, das Prag ist ein unausstehliches Nest am Johannistage;
man lebt wie in einer Heringstonne, und selbst wenn man mal ausspucken
will, trifft man einen Verehrer des heiligen Nepomuk. Und wenn das
Geschmeiß nur wirklich noch wegen des Heiligen herkäme! Aber das alles
kommt zu seinem Pläsir. Nur die vielen Leierkästen! Aber jetzt rede
Du -- -- während ich mich einmal in die Sophaecke setzen und, wenn Du
nichts dagegen hast, ein Pfeifchen in Ruhe schmauchen will!«
Er hatte den Worten eigentlich die That schon vorausgeschickt,
schmunzelte behaglich und sagte:
»Sieh, das ist der erste schöne Augenblick im goldenen Prag! Also, wie
lebst Du?«
Frohwalt begann nun von seiner Tagesarbeit und von seinen Studien zu
reden, von der Hoffnung auf einen Lehrstuhl an der Hochschule, und
der Alte merkte, wie solche Aussichten auf die Zukunft ihn freudig
bewegten. Als der Adjunkt geendet, sprach er, behaglich dampfend:
»Du bist ja tüchtig und fleißig, und ich gönne Dir von Herzen, daß Du
einmal zum violetten Collare kommst, aber ein wenig Glück gehört zu dem
allem auch. Dein alter Nedamitzer Pfarrer hat auch einen guten Kern
gehabt und hat's wohl auch an Fleiß nicht fehlen lassen, aber ihm hat
das Glück gefehlt, in die richtigen Verhältnisse gekommen zu sein. Was
hörst Du von ihm?«
Frohwalt erzählte, was er wußte, und der Vetter vergaß, an seinem
Pfeifchen zu saugen.
»Hm, hm, -- also abgethan -- in's alte Eisen -- das wird er nicht lange
aushalten! Höre, Peter, das ist ein elend' Leben, wie's ihm zuteil
geworden ist. An der richtigen Stelle, in guten Händen, wäre er ein
brauchbarer Kerl geworden, aber die Theologie allein thut's nicht. Also
in der Spornergasse sitzt er mit seinem alten Zinnkrug -- da will ich
doch einmal zusehen, was er macht. Kommst Du mit?«
Frohwalt wurde einigermaßen verlegen.
»Ich bin heute mittag beim Kanonikus Kupetz eingeladen, der seinen
Namenstag feiert, darum muß ich Dich sehr um Entschuldigung bitten,
wenn ich mich nachmittags Dir nicht widmen kann. Du nimmst mir's nicht
übel -- bitte -- morgen stehe ich dafür den ganzen Tag zu Deiner
Verfügung.«
»Selbstverständlich, mein Sohn, kommt erst der Herr Kanonikus -- nein,
übelnehmen ist nicht! Da paßt mir's doppelt, wenn ich Deinen alten
Parochus wiederfinde und ihn vielleicht in die freie Natur locken kann;
denn in den Gassen ist mir's heute unheimlich. Ich begleite Dich über
die Brücke nach der Kleinseite!« -- So geschah es, und bald schritten
sie selbander durch den alten Brückenturm und bewegten sich langsam im
Gewühle der Menschen, welche heute mehr als je die Brücke belebten,
vorwärts. Vor dem Standbilde des heiligen Johannes gab es eine kleine
Stauung; der Adjunkt zog andächtig seinen Hut, Vetter Martin aber
nickte dem Heiligen vertraulich wie einem alten Bekannten zu.
Vor der Wohnung des Pfarrers trennten sie sich, nachdem Frohwalt dem
Alten einen Gruß aufgetragen hatte, und dieser stapfte nun langsam
über den unfreundlichen Hof und die Treppe im Hintergebäude empor. Er
erschrak, als er bei dem Pfarrer eintrat, über die Aermlichkeit dieser
Verhältnisse, noch mehr aber, als er den Bewohner dieses Raumes auf
seinem alten Sopha, bedeckt mit einem zerschlissenen Schlafrock, liegen
sah. Der Mann sah elend und heruntergekommen aus mit seinem fahlen
Gesicht und den breiten Säcken unter den schwimmenden Augen.
»Ach, der Vetter Martin!« rief er jetzt, sich halb emporrichtend, und
eine schnelle Röte, ob der Freude oder Verlegenheit wäre schwer zu
sagen gewesen, flog über das graue Gesicht.
»Na ja, da sind wir, Herr Pfarrer,« knurrte der Alte, halb fröhlich,
halb gerührt, und indem er mit der Rechten die Hand des andern drückte,
hielt er ihn mit der Linken davon ab, aufzustehen.
»Liegen bleiben, liegen bleiben -- Sie sind krank!«
»Ja, ich bin leidend!« seufzte der andere -- »schwere Beine, schweren
Kopf, elenden Magen, ich wollt', ich läge auf dem Nedamitzer Kirchhofe,
denn in meinem Dorfe muß es tot hübscher sein, als hier lebendig.
Nehmen Sie Platz -- das ist mir eine rechte Freude in meinem Elend!«
Martin saß schon neben ihm am Tische und sagte:
»Der alte Diogenes hat in einer Tonne gewohnt, und da war's wohl noch
unbequemer als bei Ihnen!«
»Ja, der alte Diogenes!« seufzte der Pfarrer -- »der hat's immer noch
hübscher gehabt als ein alter Priester mit seiner Hungerpension. Ich
setzte Ihnen gern irgend etwas vor, aber ich habe nichts zu Hause ...«
Das klang so traurig und ergreifend, und Martin hatte die Empfindung,
als ob der alte Herr sich schon lange nicht satt gegessen haben müßte;
er sagte:
»Na, da hatte ich mich darauf gefreut, einmal mit Ihnen Mittag essen zu
können; selbstverständlich sollten Sie mein Gast sein, denn in Nedamitz
war ich der Ihre -- aber Sie können wohl nicht ausgehen?«
»Ich bin zu elend heute, darum habe ich mir von meiner Nachbarsfrau nur
eine Wassersuppe kochen lassen -- --«
»Hm, eine Wassersuppe und heute, zum heiligen Feiertage -- --«
»Und zu meinem Namenstage obendrein!« seufzte der alte Priester und
seinem Besucher that das gute Herz weh. Er dachte daran, wie der
Kanonikus Kupetz seinen Namenstag feiern werde, und der arme Teufel
hier hätte sich an den Brosamen seines reichen Tisches satt essen
können; er fragte:
»Haben Sie denn jemanden, den Sie fortschicken können, und der Ihnen
etwas besorgt?«
»O ja, die Nachbarsfrau!«
»So -- na, dann erlauben Sie mir, daß ich mir mein Mittagessen zu Ihnen
holen lasse, mir paßt das Feiertagstreiben heute nicht!«
Dann ging er eilends hinaus, und der Pfarrer sah ihm mit verwunderten
Blicken nach. Er erhob sich indes doch, und suchte nach einem Rock und
einem alten, schmutzigen Collare, und als Vetter Martin nach kurzem
zurückkam, fand er ihn in der Sophaecke sitzend.
»Das ist nichts mit Wassersuppe für Ihren schwachen Magen -- glauben
Sie mir, Herr Pfarrer -- eine gebratene Taube ist für einen Kranken
viel besser! Ich habe mir erlaubt, eine für Sie kommen zu lassen, und
will Ihnen zu Liebe auch einmal meine vegetarischen Grundsätze beiseite
thun. Wir wollen denken, wir säßen in der Nedamitzer Pfarrei und wollen
auch den heiligen Nepomuk feiern!«
Dem Priester rannen zwei schwere Thränen über die Wangen; er streckte
wortlos dem Alten die Hand hin, dieser aber begann von der Botanik und
von seinen Reisen zu reden, bis die Nachbarsfrau mit einem großen Korbe
anrückte. Sie deckte den Tisch mit einem sauberen Linnen, und dann
begann sie auszupacken: Geflügel und Braten, Mehlspeisen und Kompott,
als ob ein halb Dutzend Menschen essen sollten, und dazwischen stellte
sie eine Flasche dunkelglutigen Vöslauers und zwei Gläser. Sie wünschte
wohl zu speisen und ging. Der Pfarrer aber saß da, wie in einem
Märchen, und atmete den Duft der Speisen ein, und vermochte noch immer
nicht zu reden.
Vetter Martin war der liebenswürdigste Wirt; er legte dem andern
vor und schenkte ihm ein, und sie stießen an auf den Namenstag. Die
Wassersuppe schien doch nicht besonders Grund gelegt zu haben, und
der alte Weltwanderer verstand auch, diese Sorte »schlechter« Mägen
zu behandeln. Der Pfarrer thaute auf; er vergaß Elend, Sorge und
Unwohlsein und erzählte von vergangenen schönen Tagen, Vetter Martin
aber feierte ein Johannisfest, wie er es sich nicht hatte träumen
lassen.
So war es um die dritte Nachmittagsstunde geworden, und der Alte
forderte den Priester zu einem kleinen Spaziergange auf; dieser aber
erklärte, daß er beim besten Willen nicht gehen könne, seine Beine
wären zu schwach, und außerdem habe ihn der gute Wein etwas angegriffen
und schläfrig gemacht. Da wollte sein Besucher nicht weiter in ihn
dringen, und nachdem er ihm versprochen hatte, am nächsten Tage
wieder zu kommen, verließ er ihn. Von dem Mahle aber war noch so viel
vorhanden, daß es wohl noch für zwei Tage für den Pfarrer ausreichen
mochte.
Es war ein herrlicher Maitag; schimmernde weiße Wölkchen zogen über
den dunkelblauen Grund des Himmels hin, und die grauen Häuser der
steil ansteigenden Spornergasse erschienen freundlich und festlich.
Trotzdem hatte Vetter Martin keine Neigung, den Berg emporzuklimmen.
Er bog unterhalb des Kleinseitener Ringes in eine Nebengasse gegen
das Augustinerkloster zu St. Thomas hin ab, ging vorüber an dem
umfangreichen Wallensteinschen Palais, der Prager Residenz des
gewaltigen Friedländers, und gelangte endlich an der Moldau entlang
zu dem neuerbauten Kettensteg, unterhalb der Franz-Josefsbrücke.
Dieser Uebergang über den Fluß war ihm neu, und das lockte ihn zum
Ueberschreiten.
So kam er nach oder Altstadt zurück, aber in diesem abgelegenen Teile
derselben war kein festliches Gewoge, hier herrschte Stille und beinahe
kleinstädtisches Behagen. Dabei fühlte sich Vetter Martin wohler, und
er schlenderte langsam weiter, bis er mit einem Male hineingeriet in
die engen Gäßchen des alten jüdischen Ghetto. Da fiel ihm ein, daß just
in dieser Zeit, da der Flieder blühte, der alte Judenfriedhof Beth
Chajim besonders stimmungsvoll und sehenswert sein müsse, und daß er
dort heute zweifellos in voller Einsamkeit das wunderlichste Fleckchen
der böhmischen Hauptstadt genießen könne Er kannte sich gut genug hier
aus und fand auch bald sein Ziel.
Am selben Nachmittage war es, daß auch Hans Stahl von der Kleinseite,
wo das Wendische Seminar sich befindet, über die Franz-Josefsbrücke
hinübergegangen war, um dem Treiben zu entgehen. Der junge Theologe,
der sonst sehr frisch und lebensfroh erschien, war seit einiger Zeit
trübsinnig geworden. Er brachte seine Gedanken nicht mehr fort von
dem lieblichen Mädchenbilde in der Zeltnergasse, und die Ballade von
den zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten, verfolgte
ihn seit jenem Sonntag-Nachmittag unaufhörlich. Wie die Motte war er
um das Licht geflattert und hatte sich die Flügel versengt, aber er
konnte trotzdem das Licht nicht meiden. Fast jeder Ausgang führte ihn
in die Nähe des Hauses des Professors Holbert, in die Zeltnergasse, und
wenn er bei solchen Streifereien Therese auch nur ab und zu flüchtig
begegnete, grüßen und ihren Gegengruß entgegennehmen konnte, so war er
höchst beglückt.
Auch heute schien er einen guten Stern zu haben. Schon hatte er die
Zeltnergasse passiert und stand auf dem Altstädter Ring vor der
berühmten astronomischen Uhr, wo eben die Apostel an den offenen
Fenstern vorbeischritten, während das Totengerippe die Stundenglocke
zog, als ob er das alles noch nie gesehen hätte. Im Grunde aber war
es weniger die Uhr, als das zahlreiche Publikum, das mit gespanntem
Interesse dem Vorgang sich zuwendete, was ihn interessierte. Dabei
hatte er gar nicht bemerkt, daß Professor Holbert mit seiner Tochter
vorübergingen, gleichfalls flüchtig nach dem alten Prager Wahrzeichen
aufschauten und sich dann nach der alten St. Niklaskirche wendeten.
Gerade als sie dort um die Ecke verschwanden, hatte er sie noch
bemerkt, und wie der vom Bogen geschnellte Pfeil eilte er ihnen nach.
Sie anzusprechen auf der Gasse hätte er wohl nicht gewagt, aber
»errötend ihren Spuren folgen« zu dürfen, schien ihm bereits ein Glück,
und sobald er beide wieder vor sich gewahrte, schritt er langsam
hinter ihnen drein, die Blicke immer auf die schlanke, elastische
Mädchengestalt gerichtet, die im hellen Frühlingskleide ungemein
anmutig aussah.
Vater und Tochter gingen Arm in Arm, im freundlichen Gespräch und
lenkten zur Verwunderung Stahls hinein in die Karpfengasse, und von da
nach dem Ghetto. Ihm war es gleichgültig, was sie dort wohl suchen
mochten, in den engen, düstern, schmutzigen Gäßchen, wo der Trödel
daheim ist, und wo gegenüberwohnende Nachbarn sich zu den Fenstern
heraus beinahe die Hände reichen können. Eine schwere, unbehagliche
Luft brütet fast immer, besonders aber während des Sommers, in diesen
Regionen, zwischen diesen engbrüstigen Häusern, die von bösen,
gehässigen Zeiten zu erzählen wissen, in denen die Christen nicht immer
die würdigere Rolle gespielt haben.
Die beiden mit ihrem lebenden Schatten hinterdrein kamen aufatmend
heraus bei dem jüdischen Rathause, dessen Uhr statt der Ziffern
hebräische Buchstaben weist, und deren Zeiger von rechts nach links
wandern, warfen einen Blick nach der altersgrauen Altneuschulsynagoge
hinüber, die schon im Jahre 590 n. Chr. erbaut worden sein soll, und
an deren dunkle, wohl nie übertünchte Wände mehr als einmal das Blut
gemordeter Juden spritzte. Professor Holbert beabsichtigte heute, da er
für eine historische Arbeit dessen bedurfte, im Archive des Rathauses
nach einem alten Dokumente zu forschen und veranlaßte seine Tochter,
ihn auf dem naheliegenden Beth Chajim zu erwarten, und so gingen sie
nach freundlichem Händedruck auseinander.
Das Herz Stahls schlug rascher, als er dies bemerkte, und sobald der
Professor sich abgewendet, folgte er mit beschleunigtem Schritte
dem Mädchen, das er auch am Eingange des alten Friedhofes ereilte
und begrüßte. Sie dankte einigermaßen überrascht, aber ohne jede
Verlegenheit und nahm auch die ihr angebotene Begleitung des jungen
Theologen, der auch heute kein geistliches Abzeichen trug, an. Den
aufdringlichen Fremdenführer, welcher seine Dienste anbot, wies Stahl
zurück mit dem Bemerken, daß er genugsam hier bekannt sei, um sich
selbst als Führer empfehlen zu können, und langsam trat das junge Paar
in einen der seltsamsten Friedhöfe ein, die es wohl überhaupt geben
mag.
_Beth Chajim_, Haus der Lebenden! Es ist eine schöne, symbolisch tiefe
Bezeichnung -- aber der Besucher fühlt, daß er in einer Stadt der
Toten ist, und noch dazu in einer uralten, mit recht unregelmäßigen
Gassen und Gäßchen, mit tausenden stiller Wohnungen, die bedeckt sind
von ebenso vielen alten, grauen, verwitterten Steinen mit hebräischen
Inschriften und alttestamentlichen Symbolen. Sie hocken neben und über
einander, sehen sich über die Schultern weg, wie um sich an einander
zu stützen, oder auch, als ob sie wunderliche alte Geschichten sich
zuraunten. Hier liegen Geschlechter über einander geschichtet, und der
Fuß berührt keinen Flecken, unter dem nicht Tote ruhen. Vom Denkmal
der Sarah Katz berichten die geschwätzigen Führer, daß es aus dem
Jahre 606 der christlichen Zeitrechnung stamme, und bei dem Grabe
des Rabbi Löw bleiben sie stehen und rühmen die Gelehrsamkeit und
Weisheit des Mannes, dessen verwitterter Leichenstein mit Eisenklammern
zusammengehalten wird und bedeckt ist von größeren und kleineren
Steinen und Scherben, wie fromme Pietät sie hier niedergelegt hat.
Unter den Symbolen findet sich häufig ein Krug, das Sinnbild des
Stammes Levi, während zwei wie zum Segen emporgehaltene Hände auf
Aarons erlauchtes Geschlecht deuten. Es ist etwas eigenes um die Kinder
dieses Stammes; sie kommen nach dem Totenacker nur, wenn sie gestorben
sind; ein Betreten bei Lebzeiten macht sie unrein. An besonderer
Stelle, dem Ephel, der eine ansehnliche Erhöhung bildet, liegen
Tausende von Kinderleichen, und Jahrhunderte haben diesen Hügel getürmt.
Was aber den seltsamen Reiz dieses Friedhofs besonders erhöht, das
sind die uralten Hollunderbüsche, die dicht an einander gedrängt,
ihre Kronen in einander verwachsen und die verwitterten Leichenmale
überdecken und umhüllen; durch ihr Gewirr führen schmale Steige
über das Gras hin, Gäßchen, enger als jene im Ghetto, und ungleich
anmutiger.
Und es war im Mai. Der Flieder blühte; seine blauen Dolden hingen dicht
gedrängt zwischen dem grünen Blattwerk, weit herab auf die grauen
Steine, und ein wundersamer, süßer Duft wob durch den Beth Chajim,
berauschend und berückend. Durch Blüten und Duft gingen zwischen
den Gräberreihen die beiden jungen Menschen hin, und es mochte ein
liebliches Bild sein, als sie nach kurzer Wanderung sich auf einer
Steinbank niederließen, im Schatten des blauen Flieders: Hans Stahl
im dunklen Anzug, das Mädchen heller gekleidet; beide Gesichter voll
Jugendfrische und Lebensdrang -- ein seltsamer Kontrast zu dem Orte, wo
sie waren!
Das ungefähr dachte auch der Vetter Martin, der ganz unfern von ihnen,
ungesehen hinter einem Strauche stand, und sich an dem hübschen
Stimmungsbilde so freute, daß er die Augen nicht davon wenden konnte.
Warum hätte er auch gehen sollen? Er hätte vielleicht das Pärchen
aufgescheucht, und Geheimnisse schienen hier nicht verhandelt zu
werden, außer solche des Herzens, und die haben zu allen Zeiten
denselben Ausdruck gefunden. Das wußte der Alte, er hatte auch einmal
von Liebe gestammelt -- es war lange her -- aber ein anderer war ihm
zuvorgekommen, ehe er die Liebste heimführen konnte, und seitdem war er
ein einsamer Wanderer geblieben.
Daran dachte er jetzt nicht; er gönnte auch dem hübschen jungen Paar
das trauliche Selbander, und wäre eigentlich erstaunt gewesen, wenn der
junge Mann nicht gesagt hätte:
»Ist das nicht herrlich hier? -- So losgelöst von der ganzen Welt zu
Zweien zu sitzen unter blühendem Fliedergesträuch und auf Minuten alles
vergessen zu können außer dem, was man zur Seite hat -- das ist ein
Augenblick, wie ich ihn längst geträumt!«
Der Alte sah zwischen dem Blattgewirr eine feine Röte in das Antlitz
des Mädchens steigen und deutete sie in seiner Weise, aber er war
wunderlich enttäuscht, als er dasselbe sagen hörte:
»Ja, es ist eigenartig schön hier; ich bin vor Jahren einmal hier
gewesen, damals blühte aber der Flieder nicht, und das giebt dem
fremdseltsamen Bilde einen besonderen Reiz.«
»Den schönsten Reiz aber erhält es durch Ihre Anwesenheit; Sie
verschönen mit Ihrer Anmut ja alles, was um Sie her ist ... o Fräulein
Therese, lassen Sie mich die wenigen Augenblicke nützen, die ein
freundliches Geschick mir gegönnt hat, Ihnen zu sagen, daß ich Sie
unaussprechlich lieb habe ...«
[Illustration: Fräulein Therese, lassen Sie mich die wenigen
Augenblicke nützen, die ein freundliches Geschick mir gegönnt hat,
Ihnen zu sagen, daß ich Sie unaussprechlich liebe (S. 158).]
Das Mädchen war wie erschrocken beiseite gerückt und sagte halb
verlegen, halb im Tone der Entrüstung:
»Aber Herr Stahl, wie können Sie als Theologe ...«
»O, Sie brauchen nur ein Wort zu sprechen, und ich bin es nicht
mehr. Ich tauge ja doch nicht für den Beruf, den man mir eigentlich
aufgezwungen hat, und wenn ich wüßte, daß Sie mich ein wenig lieb haben
könnten, Fräulein Therese ...«
»Sie versetzen mich in eine peinliche Lage, und ich bedauere
eigentlich, daß Sie diese Situation, in welche ich Ihnen vertrauensvoll
gefolgt bin, in solcher Weise ausnützen --«
Das klang so ernst, so abwehrend und bestimmt, daß der alte Lauscher
hinter dem Hollundergebüsch ein sehr verdutztes Gesicht gesehen
hätte, wenn er jetzt in einen Spiegel hätte schauen können; aber nun
verdroß ihn auch die Rolle, die er hier spielte. Ein wenig Glück
und Liebessonnenschein in zwei jungen Herzen hätte ihn gefreut, der
Mißklang verstimmte ihn, und so schlich er sachte weiter, ohne zu
hören, was Therese sonst noch dem feurigen Theologen sagte. Ihm war
-- er wußte selbst nicht warum -- das Behagen, das er an dem Orte
empfunden, vergällt, und er fühlte etwas wie Erbitterung, wobei ihm
nicht ganz klar war, ob sich dieselbe mehr gegen den jungen Mann
richtete, der eigentlich als Theologe gar nicht von solchen Dingen
zu reden hatte, oder gegen das Mädchen, das den armen Teufel, der es
vielleicht ganz gut meinte, so kurz abfahren ließ.
Er ging langsam an den grauen Steinen hin, bis ein anderes Bild ihn von
seinen Gedanken einigermaßen ablenkte. Zwischen den Hollunderbüschen
war eine grüne Lichtung, und hier kauerten einige schmutzige,
bleiche Kinder, die mit großen, dunklen Augen nach dem fremden Manne
hinstarrten, ohne sich weiter in ihrem Spiele stören zu lassen. Der
Sonnenschein fiel auf die Gruppe, über die die blauen Fliederdolden
herhingen, die Kleinen redeten mit fremdem Accent, und der Alte glaubte
sich weit weg versetzt nach fernem Südland. Langsam ging er weiter, und
unfern von sich sah er nun den jungen Theologen hineilen mit geröteten
Wangen und brennenden Augen, dem Ausgange zu.
Gegen Abend war Vetter Martin wieder nach der Altstadt zurückgegangen
und suchte den Gasthof auf, wo er Herberge genommen hatte. Es war
»zum alten Ungelt« hinter der Teynkirche, deren interessante,
architektonisch hervortretenden Türme ein besonders malerisches Gepräge
dem Altstädtischen Ring verleihen. Als er eintrat in die Gaststube,
fand er sie heute zum Johannistage besonders gefüllt, und er suchte
nach einem Platze. Nahe bei einem Fenster war ein kleiner Tisch, und
dort saß nur ein einziger Gast, in welchem Martin den jungen Theologen
vom Beth Chajim wieder erkannte. Das Interesse, welches er an demselben
nahm, ließ ihn rasch einen freien Sitz neben ihm in Beschlag nehmen.
Hans Stahl dankte nur flüchtig dem Gruße des Fremden, der dann
behaglich sein Pfeifchen hervorzog, es stopfte und anbrannte und nun
vergnüglich seine Wölkchen in die bereits brav durchräucherte Luft
paffte.
»Prächtiges Festtagswetter heute, wie?« fragte er.
»Jawohl!« stieß der andere hervor, und that einen tiefen Zug aus seinem
Glase.
»Besonders angenehm auf dem alten Judenfriedhof zu genießen,« fuhr
Vetter Martin gleichmütig fort, Hans Stahl aber schielte ihn von der
Seite mit einem seltsam fragenden Blicke an und wurde dabei rot; er
knurrte ein verlegenes: »Möglich!«
»Sie sind doch dort gewesen, wenn ich nicht ganz irre!«
»Jawohl, aber das kann Sie doch nichts kümmern!«
»Gott bewahre, junger Herr, aber darum brauchen Sie weder hitzig noch
unhöflich zu werden; ich kann doch nicht dafür, daß Sie bei der jungen
Dame kein Glück gehabt haben.«
»Teufel, Herr -- das verbitte ich mir!« brauste der Theologe auf --
»schämen Sie sich übrigens, wenn Sie gelauscht haben.«
»Habe ich -- sehr unfreiwillig, aber mit großer Teilnahme für Sie, so
daß Sie gar nicht in so undankbarer Weise mich anzufahren brauchen.«
»Ich brauche Ihre Teilnahme nicht!«
»Das glaube ich, daß das Ihre Meinung ist, und betreffs Ihrer
Liebesgeschichte mögen Sie recht haben; so etwas muß jeder mit sich
selber ausmachen, und Sie machen mir den Eindruck, als ob Sie die
Willenskraft dazu hätten. Aber etwas anderes hat mich interessiert
-- warum haben Sie auch nicht einen Platz für Ihre Eröffnungen sich
ausgesucht, der weniger dem Publikum zugänglich ist? Sehen Sie, ich bin
auch einmal Theologe gewesen, aber ich habe bei Zeiten eingesehen, daß
ich dazu nicht tauge, habe umgesattelt und fühle mich wohl dabei, und
darum habe ich für jeden Teilnahme, Rat, und wenn's geht, Hilfe, von
dem ich höre, daß er ins falsche Fahrwasser gekommen ist. Daß Sie zu
allem andern besser passen, als zum Gottesgelehrten, leuchtet mir ein.«
Hans Stahl sah den Alten beinahe verdutzt an, und seltsam umgewandelt
frug er:
»Mit wem habe ich die Ehre?«
»Sehen Sie, da schlagen Sie schon einen andern Ton an, und mir ist, als
sollten wir noch gute Freunde werden. Im übrigen heiße ich schlechtweg
Martin -- der ~Dr.~ der Theologie Peter Frohwalt pflegt mich auch
Vetter Martin zu nennen -- und bin meines Zeichens Privatgelehrter und
Weltbummler aus Vergnügen, und nun sagen Sie mir einmal ehrlich, wie
Sie mit Ihrem heißen Herzen und Ihren schönheitsbegeisterten Augen
unter die Kirchenväter geraten sind. Apropos, Sie haben ja nicht einmal
ein geistliches Abzeichen?«
Hans Stahl hatte merkwürdiges Vertrauen fast mit einmal gewonnen zu dem
wunderlichen alten Herrn mit dem verwitterten, gutmütigen Gesichte,
und er brauchte gerade an diesem Tage jemanden, dem er dies Vertrauen
schenken konnte. So that er denn allmählich sein junges Herz weit auf
und erzählte von den Verhältnissen, welche ihn auf die theologische
Laufbahn gebracht hatten, sowie zuletzt auch von der heißen Neigung,
welche ihn zur Tochter Professor Holberts erfaßt hatte. Die
Mitteilsamkeit schien ihm wohl zu thun, und auch der Alte hörte ihm,
ruhig sein Pfeifchen rauchend, zu, nickte einigemale verständnisinnig
mit dem grauen Haupte und sagte, als er schwieg:
»Da sind Sie wohl ein Sohn von dem Leinenfabrikanten Bruno Stahl in **
in der Lausitz, der früher in Görlitz lebte, und Ihre Mutter war eine
geborene Wildung aus Lauban?«
Der junge Theologe starrte einige Sekunden mit weit offenen Augen und
geöffneten Lippen den Alten an, ehe er dessen Fragen bejahte.
»I, sehen Sie doch, was man für wunderliche Geschichten erlebt!
Das ist ja, als ob mich der liebe Herrgott gerade Ihretwegen jetzt
nach Prag und ins »Alte Ungelt« geschickt hätte und nach dem alten
Judenfriedhofe. Und Ihre Geschichte ist mir interessanter als die des
Rabbi Löw und der alten Sarah Katz zusammengenommen. Wissen Sie, Ihren
Vater kenne ich, und Ihre gute Mutter habe ich gekannt mitsamt deren
Familie. Wir sind einmal im Riesengebirge mit einander gereist, haben
herrliche Tage verlebt, und Ihr Vater und ich, wir haben uns verwachsen
wie zwei gute alte Freunde, und ich bin später auch in Görlitz gewesen.
Damals hatten Sie die ersten Höschen an, und darum nehmen Sie mir's
nicht übel, wenn ich Sie heute nicht wiedererkannt habe. Mit Ihrem
Vater habe ich auch Briefe gewechselt, bis er nach ** übersiedelte,
aber ich bin ein schlechter Briefschreiber, und so ist die Sache ins
Stocken geraten. Aber nun will ich einmal das Versäumte nachholen,
und Sie sollen sehen, daß ich Sie aus dem theologischen Fangeisen
heraushole.«
»Auch das würde ich Ihnen ewig danken, lieber Herr --«
»Na, sagen Sie ruhig: Vetter Martin! Das bin ich gewöhnt, und ich habe
meine Neffen beinahe in allen Kulturstaaten sitzen, da kommt's auf
einen mehr bei meiner Erbschaft nicht an. Aber ohne Scherz: Sie sind
mir um Ihres Vaters willen wie ein lieber Verwandter, und ich helfe
Ihnen. Top! Und wenn wir Sie erst heraushaben aus dem Seminar, dann
besuchen Sie die Kunstakademie, vorausgesetzt, daß Sie Talent haben
-- ich will mir morgen einmal die Dilettantenleistungen Ihres Pinsels
ansehen -- und wenn Sie was Rechtes sind, dann gehen Sie wieder zu
Therese Holbert -- --«
»Nein, Vetter Martin,« seufzte Stahl mit kläglicher Miene -- »sie hat
mich in einer Weise abfahren lassen, daß ich fürchten muß, es sitzt
wirklich schon ein anderer im Herzen --«
»Dann lassen Sie ihn sitzen, mein Junge! Theresen giebt's noch mehr!«
»Aber nur _eine_ Therese Holbert.«
»Darüber reden wir erst in den nächsten Kapiteln. Fürs erste -- haben
Sie denn heute Urlaub, so lange auszubleiben?«
»Nein, ich habe mich eben in meinem Unmut hier festgesetzt, bereit, es
auch auf eine Ausschließung aus dem Seminar ankommen zu lassen, nur um
frei zu werden.«
»Nur ruhig' Blut, junger Freund! So geht das nicht; Sie müssen mit
Ehren abgehen. Ich begleite Sie jetzt nach Hause, erzähle Ihrem Rektor,
daß Sie einen guten Bekannten Ihres Vaters getroffen, und bitte für
Ihre Versäumnis nachträglich um seine Entschuldigung. Und dann findet
sich das Weitere!« -- --
So kam Vetter Martin an diesem Tage noch einmal nach der Kleinseite
herüber, und nachdem er im Wendischen Seminar glücklich seine Absicht
erreicht hatte, schritt er langsam und trotz des Menschengewühls auf
der Brücke doch mit einer stillen Befriedigung in der Seele wieder nach
dem »Alten Ungelt« zurück.
Am nächsten Morgen holte ihn Frohwalt beizeiten ab, und nachdem
sie zuerst im Kinskyschen Garten auf dem Smichow, der im ersten
Frühlingsschmucke ungemein freundlich war, einige Zeit zugebracht
hatten, gingen sie wieder nach der Kleinseite, um den alten Pfarrer
zu besuchen. Zuvor aber gedachte Martin, sich über die künstlerische
Befähigung Hans Stahls zu unterrichten, und während er Frohwalt nach
der Spornergasse vorausschickte, ging er nach dem Wendischen Seminar.
Der junge Theologe erwartete ihn mit einer gewissen Aufregung; er hatte
seine Zeichnungen und Malereien zusammen gesucht und legte sie nun
dem Alten vor, der, behaglich in seinem Stuhl lehnend, sie aufmerksam
betrachtete. Er besaß auch dafür einen geschulten Kennerblick, und Hans
Stahl atmete auf, als er sagte:
»Es steckt etwas drin, und in guter Schule kann aus Ihnen etwas werden.
Zum Domherrn sind Sie verdorben, Hans, aber es ist zur Seligkeit nicht
gerade notwendig, daß Sie die violette Halsbinde kriegen. Also es
bleibt dabei: Ich lege mich bei Ihrem Vater ins Mittel, wenn's notthut,
persönlich, und es wäre das erste Mal, daß ich mein Pulver umsonst
verschossen hätte, wenn er nicht zur richtigen Erkenntnis der Sachlage
gebracht werden könnte. Bis dahin treiben Sie noch ein Weilchen Ihre
Dogmatik und Moral, denn seine Pflichten muß man unter allen Umständen
thun. Jetzt Gott befohlen -- ich habe noch einen Patienten zu besuchen.«
Er ging, und bald darauf trat er bei dem alten Pfarrer ein. Der fühlte
sich heute seltsam wohler, und Vetter Martin ließ sich's nicht nehmen,
ihn sowohl als Frohwalt für diesen Tag als seine Gäste zu betrachten.
Sie aßen zusammen Mittag in einer freundlichen Restauration der
Kleinseite und nachmittags mietete der Alte, weil dem Pfarrer das
Gehen doch ein wenig sauer wurde, einen Wagen, und sie fuhren hinaus
nach dem Baumgarten, dem Lieblingsvergnügungsorte der Prager. Die
herrlichen Bäume waren freilich noch wenig belaubt, aber der Rasen
und das Strauchwerk grünte, und der Lenz hatte seine duftenden Blüten
ausgestreut über den schönen Flecken Erde, über dem ein herrlicher
blauer Himmel sich ausspannte. Der große Restaurationsgarten war sehr
besucht, die milde, warme Luft ermöglichte den Aufenthalt im Freien,
eine Militärkapelle spielte fröhliche Weisen, und als der greise Kaiser
Ferdinand der Gütige, zusammengebeugt, aber fortwährend grüßend und
nickend in seinem mit zwei Braunen bespannten Wagen vorüberfuhr, als
bei den Klängen der schönen Haydnschen Volkshymne sich alles von den
Sitzen erhob, da wurde dem alten Pfarrer die Seele weit und froh, und
er warf auf einige Stunden alles von sich, was ihn drückte und quälte.
Vetter Martin sah seine feuchtflimmernden Augen aufleuchten mit einem
fremden Glanze des Glücks und fühlte sich selber ergriffen. Er lud
den alten Herrn für den Herbst in seine Heimat ein, denn für's erste
gedachte er noch einige Zeit auf Geratewohl ins Bayernland und durch
das Fichtelgebirge, den Rhön- und Thüringerwald zu streifen -- und
jener sagte freudig zu.
Es war ein Nachmittag, mit welchem alle drei, als sie abends
heimkehrten, zufrieden waren, und als Vetter Martin mit der nächsten
Morgenfrühe aufbrach, und mit dem Ränzel auf dem Rücken und dem derben
Stocke in der Hand durch die kühlen, stillen Gassen schritt, hatte er
das Bewußtsein, hier zwei Menschen glücklich gemacht zu haben, den
Theologen Hans Stahl und den ehemaligen Pfarrer von Nedamitz.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Neuntes Kapitel.
Ueber der Altstadt Prags hingen dunkle Wetterwolken. Langsam und schwer
waren sie über die Moldau herübergekommen, und schienen sich jetzt
dicht niederzusenken über das Kloster der Kreuzherren und das alte
Klementinum. Eine drückende Schwüle brütete in den Gassen, die Leute
hasteten heimwärts, und auch der Schutzmann, welcher bei dem Denkmal
Karls IV. stand, sah sich nach einem Obdach um, sobald das Wetter
losbrechen würde. Dabei war es etwa um die zehnte Stunde vormittags.
Durch das Thor des Klementinums ging langsam mit gesenktem Kopfe ein
noch junger Mann, einfach aber gut gekleidet; es war der Uhrmacher
Freidank. Er bog hinter dem Thore nach links ab, wo der Eingang zum
Priesterseminar war, aber ehe er die Glocke zog, schien er noch einmal
mit sich zu kämpfen. Er atmete einigemale tief, hob die Hand, ließ sie
sinken und hob sie aufs neue, und als jetzt die Glocke ertönte, schrak
er zusammen.
Er trat nun in den Korridor, dessen Kühle wohlthuend berührte bei
der Gewitterhitze in den Gassen und fragte einigermaßen zaghaft den
Pförtner, ob er den Herrn ~Dr.~ Frohwalt treffen könne. Dieser
bejahte und wies ihm den Weg, und Freidank ging langsam, noch immer
mit beengter Brust, weiter, die Treppen hinan, bis vor die bezeichnete
Thür. Er pochte, und auf das »Ave!« von innen trat er ein. In demselben
Augenblicke flammte der erste Blitz des losbrechenden Gewitters nieder
und beleuchtete sein ohnehin bleiches Gesicht mit bläulichem Glanze, so
daß Peter Frohwalt zwiefach erschrak wie vor einer Geistererscheinung
und beinahe entsetzt von seinem Sitz aufsprang. Im Geroll des Donners
verklang der Gruß des Eintretenden, dem es selbst unheimlich erschien,
daß er hier bei Blitz und Donner ankam, und den das erschreckte und
dabei doch finstere Gesicht seines geistlichen Schwagers noch mehr
verschüchterte.
Frohwalt bot ihm nicht die Hand, auch nicht einen Sitz; er fragte,
nachdem das Rollen verklungen, kühl und beinahe strenge:
»Was wollen Sie von mir?«
Der andere aber drehte langsam den Hut in seinen Händen, und hob nun
sein treuherziges Auge auf; er sprach:
»Ich wäre nicht gekommen, Herr Doktor, wenn nicht Ihre Mutter und
Marie mir Mut dazu gemacht hätten, und wenn mir's nicht besonders
um die letztere zu thun wäre. Ich hatte einen Bruder, einen braven
Menschen, Herr Doktor. Er hatte das Tischlerhandwerk gelernt, und da
er eine wackere Braut hatte, hätte er gerne sich selbständig gemacht
und geheiratet. Er hatte das Zeug dazu, sich vorwärts zu bringen,
wenn er nur einmal über den Anfang hinaus war. Ich hätte ihm gerne
geholfen, aber mein kleines Kapital steckt in meinem Geschäfte, und
auf mein Häuschen kann ich nicht borgen, es ist noch verschuldet von
meinem seligen Vater her. Er fand aber einen vermögenden Mann, der
ihm achthundert Gulden vorstrecken wollte, wenn er jemanden hätte,
der für ihn Bürgschaft leiste, und die habe ich denn in Gottes Namen
übernommen. Mein Bruder heiratete nun, nachdem er Meister geworden,
und es ging recht hübsch vorwärts. Vor einigen Wochen aber hat er sich
hingelegt und ist gestorben. Jetzt verlangt der Gläubiger sein Geld.
Er ist zwar ein frommer Mann und geht jeden Tag in die Kirche, aber
der Jammer meiner Schwägerin und ihres Kindes haben ihn eben so wenig
gerührt, wie meine Bitte; er hält sich jetzt an mich und besteht auf
Zahlung, sonst will er mir mein Häuschen verkaufen lassen. Fünfhundert
Gulden, mein bischen Erspartes, will ich ihm geben, aber er will alles,
weil der Herr Kaplan ihn gegen mich hetzt -- Sie wissen ja, warum --
und die dreihundert Gulden kann ich nicht aufbringen. Und da -- wollte
ich -- bitten -- ob nicht Sie vielleicht -- mir, das heißt Ihrer
Schwester -- den fehlenden Betrag vorschießen könnten!«
Der schlichte Mann that einen tiefen Atemzug, und schaute dem jungen
Priester noch immer voll in das Gesicht. Dieser aber blickte finster
und ernst drein, als er erwiderte:
»Ich verstehe nicht, warum Sie zu _mir_ kommen? -- Was habe ich mit
Ihnen zu thun? Zwischen uns ist keine Gemeinschaft, das sollten Sie
wissen.«
»Ich komme auch nicht für mich, und ich würde es selbst ertragen, wenn
mir mein Häuschen verkauft würde, aber Marie --.«
»Sie hat freiwillig sich an Sie gebunden, sie muß Ihr Los teilen!«
In Freidanks Herzen regte sich Unmut und Bitterkeit. Aber, ob ihm auch
die Röte in die Wangen stieg ob der lieblosen Aeußerung, er bezwang
sich doch und sagte ruhig:
»Dazu ist sie auch bereit, aber ich meinte nur, wenn ihr Böses erspart
werden könnte -- gerade jetzt ... sie ist in gesegneten Umständen --
und jede Erregung, jede Sorge ...«
Frohwalt fühlte ein Unbehagen, eine Regung der Liebe rang in seiner
Seele mit dem Zorn und dem Glaubenseifer, und der letztere blieb
Sieger; er sprach:
»Ich habe Marie gebeten und beschworen, nicht Ihnen zu folgen und
ihren Glauben zu verleugnen; ich habe ihr erklärt, daß, wenn sie es
thue, keine Gemeinschaft mehr sei zwischen ihr und mir, und daß des
Himmels Gerichte sie ereilen würden. Nun kommt, was ich vorausgesehen.
Empfinden Sie nicht in all dem, was über Sie hereinbricht, die
strafende Hand des Herrn? Und ich sollte ihm in den Arm fallen wollen,
wenn er diejenigen züchtigen will, die ihn verlassen und verraten
haben?«
Der Uhrmacher hatte sich hoch aufgerichtet; das sonst so ruhige Auge
flammte, und die Wangen waren ihm heiß, als er mit bebenden Lippen
sprach:
»Verzeih' Ihnen Gott, was Sie hier reden! Das ist Herzenshärte und
Hochmut, hinter der sich Ihre Lieblosigkeit verschanzt. Ich hab' einmal
einen fremden Hund mit Lebensgefahr aus dem Wasser geholt -- bin ich
da etwa auch dem Herrn in den Arm gefallen? -- und Sie wollen Ihre
einzige Schwester und deren Kind in Not und Elend treiben. Ich beneide
Sie nicht um die Rolle, die Sie in diesem Augenblick spielen. Leben Sie
wohl, Marie und ich, wir werden tragen, was uns der Himmel schickt,
stark durch unsere Liebe, aber Ihnen wird ein Stachel bleiben von
dieser Stunde, den Sie durch tausend Vaterunser nicht wegbringen!«
Mit raschen Schritten, ehe Frohwalt noch erwidern konnte, war Freidank
hinausgegangen; er eilte durch die dunklen, dumpfigen Korridore, bis
die Pforte sich wieder hinter ihm geschlossen hatte. Der Regen rauschte
nieder, aber eine erquickende Kühle wehte den Mann an, der sie mit
tiefen, gierigen Zügen einsog, und dann, unbekümmert um die dicht
fallenden Tropfen durch die Gassen der böhmischen Hauptstadt gegen den
Bahnhof hin schritt.
Der Doktor der Theologie Peter Frohwalt aber stand eine Weile verdutzt
in der Mitte seines Zimmers; Aerger und noch ein anderes Gefühl, über
das er selbst im Unklaren war, erfüllte ihm die Seele und in tiefer
Verstimmung trat er an das Fenster. Grau und wie nebelverhüllt war
alles draußen, nur der Regen rann wie ein Schleier, und ab und zu
zuckte ein Leuchten über die Stirn des Himmels. Die Worte des einfachen
Mannes klangen im Herzen des jungen Priesters unaufhörlich nach, und
vergebens suchte sich dieser einzureden, daß er selber recht gesprochen
und gethan habe, immer wieder drängte sich etwas wie Reue zwischen
seine erkünstelten Erwägungen.
Nun ließ der Regen nach und ein heller Flecken des Himmels lugte
aus den zerrissenen grauen Wolken, Frohwalt aber mußte bei dem
blauen Schimmer an die Augen seiner Schwester denken, die feucht und
vorwurfsvoll sich nach ihm hinrichteten. Er ging mit großen Schritten
in seinem Zimmer auf und ab, unruhig, bald dies, bald jenes erfassend,
bis er von seinem Büchergestell wieder das kleine Buch nahm, das ihn
immer anzog und abstieß zugleich, das Laienbrevier; er blätterte darin
und seine Augen flogen über die Seiten, bis sie an einem Worte hängen
blieben:
_Es muß der Mensch das Gute thun._ Das ist
Sein Wesen, ist sein unterscheidend Merkmal
Auf Erden hier. _Der gute Wille ist
Des Menschen Göttlichkeit_, der freie nicht.
Sein freier Wille liegt im Irrtum nur ...
Er warf das Buch beinahe ärgerlich zur Seite.
»Soll ich mir von Protestanten und Abtrünnigen gute Lehren geben
lassen?« murmelte er vor sich hin, aber in ihm klang doch das Wort
immer wieder nach: »Es muß der Mensch das Gute thun,« und so beschloß
er, gleichsam um mit seinem Gewissen sich abzufinden, nachmittags
den alten Pfarrer aufzusuchen, um ihm einige verfügbare Meßgelder zu
überbringen und auch mit freundlichem Worte ihm etwas Gutes zu thun.
Mit diesem guten Vorsatz ging er denn auch um die dritte
Nachmittagsstunde hinüber nach der Kleinseite. Bei dem Brückenturm der
letzteren begegnete ihm Hans Stahl, und Frohwalt hielt einen Augenblick
erstaunt auf seinem Wege an, als ihn der junge Mann grüßte. Derselbe
trug einen leichten Sommeranzug, einen Strohhut mit hellem Band, und um
den Hals hatte er eine bunte, flatternde Seidenschleife gebunden. In
seinem Blicke lag beinahe etwas Triumphierendes, ganz gewiß aber etwas
sonderbar Freudiges. Daß er nicht mehr Theologe war, war zweifellos,
und dem Adjunkten fiel ein, was Professor Holbert seinerzeit über Stahl
geäußert hatte.
Der Tag war nach dem Gewitter wieder heiter geworden, aber die Schwüle,
die neuerdings in den Gassen lag, ließ eine Wiederkehr desselben
befürchten. Frohwalt wischte sich mit dem Taschentuche den Schweiß von
der Stirn und ging langsam quer über den Kleinseitner Ring nach der
Spornergasse. Als er an die Thüre des Pfarrers kam, vernahm er die
Stimme desselben mit einer gewissen Erregung, und er überlegte, ob er
anpochen sollte.
In dem Augenblick hörte er den alten Herrn beinahe heiser vor Zorn
rufen: »Hinaus mit Dir, Du Lump!« und ein höhnisches Gelächter aus
einer rauhen Kehle war die Antwort, sowie einige in tschechischer
Sprache hervorgestoßene Worte. Der Adjunkt hatte die Empfindung, als ob
er dem Pfarrer zu Hilfe kommen müsse; er klopfte einmal kräftig an die
Thüre, und trat, ohne den Bescheid darauf abzuwarten, ein.
Der alte Priester stand am Tische, die Faust geballt auf die Platte
gestemmt, auf welcher auch hier der Zinnkrug nicht fehlte. Er hatte
die Weste aufgeknöpft, so daß das wenig reinliche Hemd hervorsah, der
Hals war entblößt, weil er, wohl der Wärme wegen, das Collare abgelegt
hatte, sein Gesicht aber war gerötet, und die feuchten, schwimmenden
Augen blitzten beinahe unheimlich. Nicht fern von ihm stand ein junger
Mensch von zwanzig und etlichen Jahren, heruntergekommen in seinem
Anzuge, und von gemeinen, unangenehmen Gesichtszügen. Er schielte
nach dem Eintretenden und dabei ging ein höhnisches, böses Zucken um
seine Mundwinkel, der alte Pfarrer aber schien zu erschrecken, als er
Frohwalt erkannte. Er dankte verlegen seinem Gruße und bat ihn, sich
niederzusetzen, dann wandte er sich noch einmal zu dem andern, -- und
sprach mit erzwungener Ruhe: »Wir sind fertig mit einander -- dort ist
die Thüre!«
[Illustration: »Wir sind fertig miteinander -- dort ist die Türe!«
sprach der alte Priester zu dem jungen verkommenen Menschen. (Seite
172).]
Der Angesprochene aber blieb stehen, und der böse Zug um den Mund und
in den Augen schien sich zu verschärfen. Er sagte jetzt in deutscher
Sprache:
»Nein, wir sind nicht fertig. Es ist wohl nicht so einfach, wenn man
einen Bastard in die Welt gesetzt hat, zu sagen: Du gehst mich nichts
an, wir sind fertig. Ich erwarte bis morgen mittag unter meiner Adresse
das Geld, oder ich gehe an das Konsistorium!«
»Geh zum Teufel oder wohin Du willst!« schrie jetzt der alte Herr und
erfaßte mit plötzlich erwachender Kraft den Burschen, schob ihn gegen
die Thüre, riß dieselbe auf und gab ihm einen Stoß, daß er hinausflog.
Während man ihn draußen ziemlich laut in tschechischer Sprache
schimpfen hörte, sank der alte Mann in die Ecke seines wurmstichigen
Sophas und fing laut und heftig an zu schluchzen. Frohwalt war tief
erschüttert; er zog seinen Stuhl dicht zu ihm heran, legte ihm die Hand
auf den Arm und sagte:
»Beruhigen Sie sich, Herr Pfarrer! -- -- Was bedeutet das um Gottes
willen?«
Der andere bemühte sich zu beherrschen; er nahm, wie um der Erregung
beizukommen, einen langen Schluck aus seinem Kruge, wischte mit dem
Handrücken sich die Thränen aus dem Gesichte und rief:
»Brauchen Sie noch eine Erklärung, nachdem Sie gehört haben, was der
Lump sprach?«
Während er, zu seinem Gast gewendet, redete, roch sein Atem unangenehm
wie nach Spirituosen, so daß sich Frohwalt halb abwendete; jener aber,
halb schreiend, halb weinend fuhr fort:
»Der Bursche ist mein Sohn, mein und Barbaras Kind -- was brauche ich's
Ihnen zu verhehlen! Die Frucht der Sünde, und womit ich gefehlt habe,
damit werde ich bestraft. Ich habe ihn ein Handwerk lernen lassen, aber
er hat nirgends gut gethan, und ein Meister nach dem andern hat ihn
fortgejagt. Er wird im Zuchthause sterben. Was habe ich nicht alles für
ihn gethan und geopfert, Geld und Ehre -- und alles umsonst!«
Er schlug die Hände vor das Gesicht und sank tiefer zusammen in seiner
Ecke. Frohwalt aber fühlte sich von Widerwillen und Mitleid zugleich
erfaßt. Er hatte den Eindruck, als hätte der alte Mann auch etwas zu
viel getrunken, und darum sprach er, vielleicht etwas herber im Tone,
als er selbst es beabsichtigt:
»Wie konnten Sie aber sich so weit vergessen mit jenem Weibe!«
Der Pfarrer sah mit dem Ausdrücke fragender Hilflosigkeit ihn an, dann
lachte er bitter auf:
»So mögen Sie wohl reden, Sie sind nicht in meiner Lage gewesen. Soll
ich Ihnen die Geschichte eines verfehlten Lebens erzählen? Sie ist
erstaunlich einfach. Ich bin armer Leute Kind, habe unter Entbehrungen
das Gymnasium besuchst und ging dann ins Seminar, weil ich sonst nicht
wußte, wohin und weil meine Eltern mich hineindrängten. Damals fing
mein Unglück an. Von der Stunde an, da ich ins Klementinum kam, hab'
ich gefühlt, daß ich nicht zum Priester tauge, aber ich habe redlich
mit mir gekämpft und gerungen und gemeint, es müsse zuletzt doch gehen
und ich müßte mit der Weltlust fertig werden können. Als ich ausgeweiht
war, kam ich in eine kleine Stadt. Da herrschte ein lebenslustiger
Geist, und mein Pfarrer war selbst ein froher Lebemann. Der nahm mich
mit an den Stammtisch, wo ich mich gewöhnte, mit ihm und andern in
die Nacht hinein zu trinken -- meine Zeche wurde gewöhnlich bezahlt
-- er führte mich in Familien ein, wo es fröhlich und ausgelassen
herging, und wo wir an Pfänderspielen mit Küssen und anderem uns
beteiligten ... und wenn ich dann in meine einsame Stube kam, wollte
es mir garnicht gefallen, und der Geist der Unzufriedenheit wurde
mächtiger als je zuvor. Ich hatte das Bedürfnis nach Liebe, nach
Familienleben und Familienglück, und wenn ich in dem Entsagenmüssen
mich recht trostlos und elend fühlte, ging ich ins Wirtshaus und trank
mich in ein Vergessen und in eine falsche Lust hinein. Wenn ich einen
einzigen Menschen gehabt hätte, der sich meiner angenommen, der mich
über meine Schwäche weggetragen hätte! Dann kam ich nach Nedamitz, erst
als Kaplan, zu einem kranken, unwirschen Pfarrer, mit dem überhaupt
nicht auszukommen war, und der sich selber unglücklich fühlte in seinem
Berufe, und dann war ich Administrator in einem Dorfe in der Egerer
Gegend. Das war meine beste Zeit, da habe ich Botanik getrieben mit dem
alten Lehrer und habe mich vom Wirtshause möglichst fern gehalten und
hatte die allerbesten Vorsätze, bis seine Nichte, die Barbara, zu ihm
kam auf einige Wochen. Da bin ich zuerst unruhig geworden, wenn ich
sie sah, dann hatte ich wieder das Gefühl, daß ich unglücklich sei in
meiner Vereinsamung und in meiner Ehelosigkeit, und ich mußte wieder
trinken, um mich zu betäuben. Aber ich wollte den Teufel austreiben
mit Beelzebub. Je mehr ich trank, desto begehrlicher wurden die Sinne
-- und damals kam ich als Pfarrer nach Nedamitz. Zu allem Unglück
starb mein Freund, der alte Lehrer, seine Nichte stand allein in der
Welt, und so nahm ich sie, unter dem Vorwand, sie sei eine Verwandte
von mir, trotzdem sie das kanonische Alter nicht hatte, zu mir als
Wirtschafterin. Nun war Feuer und Zunder beisammen, nun kam's, wie's
kommen mußte und das Unglück war fertig. Oft überfiel mich die Reue,
aber ich hatte nicht die Kraft, das Wesen, das eigentlich mein Weib
geworden, aus dem Hause zu jagen, und so suchte ich über die Seelenpein
immer wieder mit dem Trinken wegzukommen. So ist eins mit dem andern
geworden ... und heute muß ich schwer büßen.«
Peter Frohwalt saß da mit gerunzelten Brauen; er war gekommen, dem
Pfarrer etwas Gutes zu sagen und zu thun, aber er vermochte es nicht.
Er sah den Zinnkrug auf dem Tische, er roch den Atem des Mannes, der
sich eben erst durch die Begegnung mit seinem Sohne einigermaßen
ernüchtert zu haben schien, und der Zorn über den Schwächling, den
unwürdigen Priester, gewann in ihm die Oberhand. Er sprach:
»Sie können nicht verhehlen, daß Sie Ihren Schwächen zu sehr
nachgegeben haben; ohne Selbstzucht geht es nicht, und zu solcher
ist es auch jetzt nicht zu spät. Der erste Fehler war, daß Sie sich
eingedrängt haben in den Dienst des Herrn, ohne den Beruf dazu zu
haben -- --«
»In der Jugend hat man nicht die Stärke, um gegen schwere Verhältnisse
und äußeren Zwang sich aufzulehnen,« bemerkte der Pfarrer schüchtern.
»Dann gaben Ihnen die vier Jahre Ihres Aufenthalts im Seminar Anlaß zur
Selbstprüfung, und wenn Sie Ihre Schwäche nicht bezwingen konnten, zum
Austritt.«
»Aber Sie hörten ja, wie ich als Alumnus den besten Willen hatte und
mit mir fertig zu werden suchte.«
»Doch Sie erlagen den kleinsten Versuchungen. Mußten Sie denn mit Ihrem
ersten Pfarrer durch Dick und Dünn gehen? Konnten Sie, wenn Sie sich zu
schwach fühlten, nicht Ihre Versetzung nachsuchen?«
»Sollte ich den sonst gutmütigen Mann anklagen?«
»Im Dienste des Herrn giebt es solche Rücksichten nicht; er verlangt
eine volle Hingabe, einen strengen Dienst. Ich begreife, daß es Sie
bedrückt, wenn Sie auf Ihr Leben und Wirken zurückschauen, aber nehmen
Sie mir's nicht übel, wenn ich es aufrichtig und in brüderlicher
Teilnahme beklage, daß Sie die Mahnungen des Herrn auch jetzt noch
nicht verstehen. Warum werfen Sie nicht diesen abscheulichen Zinnkrug,
in welchem für Sie der böse Versucher sitzt, fort, warum fröhnen Sie
noch immer der Schwäche des Trunkes? Sie haben ein verlorenes Leben
hinter sich, aber Gebet und Enthaltsamkeit könnten Ihnen immer noch
einen gewissen Seelenfrieden erwecken; soll denn auch der Abend Ihrer
Tage ein verlorener sein?«
Der junge Priester hatte die Absicht, warm und herzlich zu sprechen,
aber er sprach hart Und streng. Der alte Pfarrer saß da, die
weitgeöffneten Augen ihm zugewendet, aus seinem Antlitz war die Röte
gewichen, und mit bläulichen Lippen stammelte er:
»Sie haben recht -- Sie haben recht -- ein verlorenes Leben!«
Frohwalt erschrak vor seinem Anblick und vor diesem Worte, und er sagte
wesentlich milder:
»Noch ist es nicht ganz zu spät! Raffen Sie sich auf, Sie haben ja
mehr Gnadenmittel als viele andere. Sie sind selbst berufen, zu binden
und zu lösen, an Gottes Statt den Sündern ihre Schuld zu vergeben
und können täglich zum Tisch des Herrn treten und den lebendigen,
persönlichen Gott in Ihren priesterlichen Händen halten; sollte ein
solches Bewußtsein Ihnen nicht die Schlacken abthun helfen, die an
Ihnen haften? Zum Gutwerden ist es für keinen zu spät. Weisen Sie dem
Burschen, der Sie aussaugt, die Thüre; wenn Sie ihm Erziehung und Lehre
haben angedeihen lassen, wie ein Vater seinem Sohne, so haben Sie alles
gethan, was er verlangen darf; was er Ihnen an Schimpf und Schande
anthut, das nehmen Sie hin als eine Buße. Und dann werfen Sie dies
dickbäuchige zinnerne Ungeheuer fort, das ich schon in Nedamitz hassen
gelernt habe!«
Der alte Mann saß jetzt ganz zusammengesunken auf seinem Sitze, nickte
gleich einer Holzpuppe mit dem Kopfe und wiederholte auch jetzt nur
tonlos:
»Ein verlorenes Leben -- ein verlorenes Leben!«
Frohwalt schied endlich von ihm in tiefer Verstimmung, und da er über
die Brücke zurückging, hingen die Wetterwolken bereits schwer wieder
herein über die Kleinseite, und der Wind wirbelte den Staub hinter ihm
drein. Er wäre aber noch erregter gewesen, wenn er den Mann hätte sehen
können, den er soeben verlassen hatte.
Der alte Priester hatte sich erhoben; mit schlotternden Knieen wankte
er durch die Stube, rang die Hände und sagte nur immer wieder: »Ein
verlorenes Leben!« Mit einmal blieb er vor dem Tische stehen, erfaßte
den Krug, welcher dort stand, mit beiden Händen, umklammerte ihn
fest und schleuderte ihn mit wütender Geberde zu Boden; dann trat er
mit den Füßen darauf herum, daß das Zinn sich verbog zu einer schier
unförmlichen Masse, die von dem Reste des Bieres benetzt war. Nun eilte
er gegen das Fenster, sah hinaus nach dem Stückchen bleigrauen Himmels,
welches er erblicken konnte, und preßte den Kopf gegen die Scheibe,
bis ein grell aufzuckender Blitz ihn zurückschreckte. Und während das
Wetter niederging, und der Donner immer aufs neue gewaltig rollte,
rannte er unstät in dem kleinen, schwülen Raume hin und her.
Das trieb er bis an den Abend, dann suchte er Papier und Schreibzeug,
setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben. Es waren zwei Briefe,
die er noch einmal durchlas, ehe er sie in Umschläge packte und
versiegelte. Dann setzte er mit heftig zitternder Hand die Adressen
darauf, eine an seinen Sohn, die andere an den Doktor der Theologie
Peter Frohwalt.
Als auch das geschehen war, lief ein Beben wie ein Schauer durch seinen
ganzen Leib, er hatte das Gefühl heftigen Frostes, und seine Zähne
schlugen gegen einander. Er begann wieder auf und ab zu rennen, bis die
Dämmerung sich durch den kleinen Raum auszubreiten anfing. Vor seinem
Spiegel blieb er einen Augenblick stehen; es war ein bescheidenes,
trübes Glas, wie er es benutzte beim Rasieren und stand auf zwei
halbmorschen Holzfüßen über einem Kästchen, in welchem er Streichriemen
und Rasiermesser hatte. Aus dem Spiegel sah ihm ein fahles, verzerrtes
Gesicht entgegen, wie das eines Wahnsinnigen, Verzweifelnden.
»Ein verlorenes Leben!«
Er lachte gellend einmal auf, erschrak vor dem Laute und wankte von dem
Bilde fort, das sich ihm geboten. Bei einem Stuhle am Fenster kniete er
nieder, schlug die eiskalten Hände gegen das heiße Gesicht und wollte
beten, aber er konnte nicht, der Engel des Herrn hatte ihn verlassen ...
Als am andern Morgen ihm die Wirtin den Kaffee bringen wollte zur
gewohnten Zeit, und bei ihm eintrat, schrie sie laut auf und ließ
das Geschirr klirrend zur Erde fallen. In einer Blutlache neben dem
zerbrochenen Bierkruge lag der alte Mann mit dem blassen, fahlen
Gesichte, entsetzlich anzuschauen, und ein beschmutztes Rasiermesser
neben ihm; auf dem Tische aber fand man die beiden Briefe -- er hatte
sich die Kehle durchgeschnitten.
Als Frohwalt mit dem an ihn gerichteten Schreiben zugleich die
furchtbare Kunde erhielt, wich alles Blut aus seinem Antlitz, ein
Schwindel erfaßte ihn und er fürchtete ohnmächtig zu werden. Mit
zitternden Fingern riß er dann den Umschlag des Briefes ab und las mit
beengter Brust:
Hochwürdiger Herr Doktor!
Sie haben Recht -- es ist ein verlorenes Leben, und was
verloren ist, ist vorbei, da hilft keine Flickarbeit mehr. Ich
bin körperlich so elend, daß ich keine Widerstandskraft mehr
habe gegen meine Schwächen und kein anderes Mittel mehr weiß,
um nicht zu sündigen, als zu sterben. Den Zinnkrug habe ich
vorher vernichtet. Verwerfen Sie mich nicht ganz und beten Sie
ein Vaterunser für mich. Ich befehle mich der Gnade Gottes,
auch wenn mein Leben ein verlorenes war -- er ist ja der
Allgütige.
~P.~ _Schaffran_.
Der Brief entsank den Händen des Adjunkten; er selbst aber lehnte wie
gebrochen in seinem Sitze. Sein innerstes Wesen war gut, und weil er
nicht ein zorniger Eiferer von Herzen war, sondern nur seinem Berufe
eine gewisse Strenge schuldig zu sein glaubte, so brach ihn dies
Ereignis zusammen. Er dachte mit Entsetzen daran, daß es sein Wort vom
»verlorenen Leben« war, das den Unseligen zu der fürchterlichen That
getrieben hatte, und ihn faßte ein Grauen vor sich selbst. Wer hatte
ihn denn zum harten Richter bestellt über den alten, schwachen Mann,
dem Liebe und Güte not that, nicht aber strenges, kaltes Eifern? -- Auf
seiner Seele lag es wie ein Mord, den er begangen hatte, und er suchte
vergebens Ruhe im Gebete, Zerstreuung in der Arbeit. Er fand weder
Sammlung noch Frieden.
Am Nachmittage ging er bleich und verstört nach der Neustadt hinüber;
er mußte seine Seele erleichtern vor einem gewissenhaften und strengen
Beichtiger, er mußte aus einem Munde, der ihm wert war, erfahren, ob er
sich schuldig fühlen müsse, und wie er in diesem Falle zu büßen habe.
Auf dem weiten, freundlichen Karlsplatze befindet sich das Kollegium
der Väter der Gesellschaft Jesu bei der Kirche des hl. Ignazius von
Loyola. Dort zog er die Glocke und fragte nach einem der Priester. Er
traf ihn daheim und bat, ihm sein Herz ausschütten zu dürfen.
Der Jesuit, ein mittelgroßer, hagerer Mann, mit schlichtem grauen
Haar, und grauen Augen, die scharf und klar dem Adjunkten in die Seele
hinabzuschauen schienen, empfing ihn in seinem einfachen Gemache mit
ruhiger Freundlichkeit, und Frohwalt beichtete von dem alten Pfarrer,
und was er seit gestern mit demselben erlebt. Als er geendet, sagte der
Jünger Loyolas mit ruhiger Stimme:
»Sie haben sich keine Anklage zu machen, mein Bruder. Sie haben Gutes
gewollt, und das sieht der Herr allein an; jener Unselige aber war aus
der Gnade gefallen, und das Gericht des Herrn ist über ihn gekommen;
der Allerhöchste hat Sie nur zu seinem Werkzeuge gewählt.«
So sprach er noch eine Weile, wies auf Stellen aus den Kirchenvätern
hin, und that dies alles so kühl und bestimmt, so überlegen und
überzeugend, daß Frohwalt fühlte, wie er ruhiger ward.
Aber die Wirkung war nicht nachhaltig. Es war eine seltsame Fügung,
daß er, daheim angekommen, ein lateinisches Buch aufschlug und gerade
dort eine Stelle fand, wo der Jesuitenpater Laymann sagt: »Ein Doktor,
welcher befragt wird, kann einen Rat geben, nicht allein, der seiner
Meinung nach wahrscheinlich, sondern der auch seiner Meinung entgegen
ist, wenn er von andern für wahrscheinlich gehalten wird und wenn diese
Meinung, welche der seinigen entgegen ist, demjenigen, welcher ihn um
Rat frägt, günstiger und angenehmer wäre. Ja, ich sage mehr, daß es
nicht unrecht sein würde, ihm einen solchen Rat zu erteilen, wenn er
auch selbst versichert wäre, daß er allerdings falsch ist.«
Was war nach solchen Grundsätzen von den Trostworten des Jesuitenpaters
zu halten? -- Hier mußte das eigene Gewissen zuletzt der beste
Ratgeber sein, und das sprach Frohwalt nicht frei von einer gewissen
Lieblosigkeit und Härte, und das Bild des alten Pfarrers trat immer
wieder wie ein stummer Ankläger vor seine Seele.
Er hatte eine fürchterliche, qualvolle Nacht, in welcher der Schlaf ihn
floh, in welcher er an Vetter Martin dachte, der es verstanden hatte,
auch dem alten, verkommenen Priester freundliche Seiten abzugewinnen,
und dem er nicht wagen würde, mitzuteilen, wie er zu dem Pfarrer
gesprochen hatte. Und gerade der letztere Umstand ließ ihn fühlen, daß
er ein Unrecht begangen hatte, das er nicht einmal mehr gut machen
konnte. Aber eine Lehre wollte er wenigstens aus dem fürchterlichen
Vorgange ziehen. Er wollte in ähnlichen Fällen mehr dem Menschen, als
dem katholischen Priester gehorchen.
Als er nach wenigem Schlafe unerquickt am andern Morgen erwachte,
war sein erster Gang nach der böhmischen Sparkasse, wo er ein
kleines Sümmchen -- Erträgnisse seiner litterarischen Thätigkeit --
niedergelegt hatte. Er ließ sich dreihundert Gulden auszahlen. Die
packte er daheim in einen Umschlag, schrieb dazu einige Zeilen, und
schickte sie an seine Mutter. Sie sollte das Geld Freidank übergeben
unter welchem Vorwande immer, nur ihn sollte sie nicht nennen.
Als er den Brief bei der Post aufgegeben hatte, und heimging, überkam
ihn seit Stunden wieder einmal ein Gefühl innerer Ruhe; er hatte
die Empfindung, wenigstens nach einer Seite hin eine Lieblosigkeit
wieder gut gemacht zu haben, und ihm ging das schöne Gedicht Ferdinand
Freiligraths durch den Sinn:
O lieb', so lang Du lieben kannst,
O lieb', so lang Du lieben magst,
Die Stunde kommt, die Stunde kommt,
Wo Du an Gräbern stehst und klagst.
Dann weinst Du wohl und klagst Dich an,
Doch keine Thräne heißer Reu'
Macht eine welke Rose blüh'n,
Erweckt ein totes Herz auf's neu.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Zehntes Kapitel.
In der kleinen schlichten Klosterzelle zu St. Josef, welche Severin
bewohnte, saß dieser im Gespräche mit dem Alumnus Vogel beisammen,
als es kurz und hastig an die Thür klopfte und Hans Stahl hereintrat.
Er trug denselben Anzug, in welchem er bereits die Aufmerksamkeit
Frohwalts auf sich gelenkt hatte, und welchen auch die beiden
Anwesenden mit Verwunderung und Staunen bemerkten.
»~Et vox in faucibus haesit~ -- und sie konnten das Maul nicht
aufthun!« rief lachend der Extheologe anstatt eines Grußes -- »na, wie
paßt mir denn die neue Kluft, he?«
Der Kapuziner fand zuerst das Wort.
»Ja, sind Sie's denn wirklich, Stahl?«
»Leibhaftig, Hochwürden -- und ich habe die Anwartschaft auf das
Sakrament der Priesterweihe, da es zur Seligkeit nicht unumgänglich
notwendig ist, aufgegeben.«
Er hatte sich in einem Stuhle niedergelassen und zog sein Zigarrenetui
hervor:
»Ist's gestattet, in dieser profanen Weise hier die fromme Luft zu
verderben?«
Severin reichte ihm ein Streichholz, und nun kam erst Vogel dazu, zu
fragen:
»Ja, sagen Sie um's Himmelswillen, wie ist das gekommen?«
»Ja, wie ist das gekommen?« -- Hans Stahl erzählte kurz und bündig,
aber mit einer gewissen Begeisterung von seinem Nothelfer. Dieser
Vetter Martin! Er hatte wirklich seine Absicht durchgesetzt, und zwar
in Person. Er hatte, anstatt nach Thüringen zu wandern, seinen Stab
mehr gegen Osten gewendet, war in die Lausitz gegangen, und eines
schönen Tags bei seinem Bekannten vom Riesengebirge eingetreten.
Und nun entfaltete er seine ganze prächtige und unwiderstehliche
Beredsamkeit und wußte selbst die fromme Frau des Hauses so geschickt
bei ihren schwachen Seiten zu fassen, daß auch sie nicht länger
widerstrebte, Hans aus dem Seminar gehen zu lassen, damit er sich der
Kunst widme; nur hatte sie den Wunsch, daß er der Kirche auch als Maler
diene und sich besonders religiöse Stoffe wähle. So war dieser frei
geworden und besuchte bereits seit zwei Tagen die Kunstakademie.
Das erzählte er mit ergötzlichem Humor und schloß:
»Trotzdem hoffe ich, daß wir Freunde bleiben, denn es ist immer hübsch,
wenn man mit den Vertretern der Kirche auf gutem Fuße steht.«
»Weiß es denn schon Professor Holbert?« fragte Severin.
»Nein, aber ich gehe noch heute zu ihm, um mich als angehenden Künstler
vorzustellen -- aber Ihr sitzt ja hier in gelehrten Studien, ich habe
wohl gestört?«
»Ja, Severin sucht mir eben aus der Kirchengeschichte den Nachweis
zu liefern, daß es gar nicht möglich sei, einen Glaubenssatz von der
Unfehlbarkeit des Papstes aufzustellen,« sagte Vogel.
»Die Geschichte mit dem neuen Konzil macht Euch wohl die Köpfe
warm?« sprach Stahl -- »da bin ich doppelt froh, daß ich aus der
Gottesgelahrtheit heraus bin, und ruhig als gläubiger Laie abwarten
kann, bis es heißen wird: ~Roma locuta est!~« (Rom hat gesprochen.)
»Das ist's eben, was es in diesem Falle nicht heißen darf. Nicht, daß
Rom gesprochen hat -- darauf kommt es nicht an -- die Kirche muß ihre
Stimme abgeben, und Kirchenfürsten und Gelehrte sind jetzt schon klar,
daß ein solcher Glaubenssatz eine Unmöglichkeit ist,« bemerkte Severin.
»Man würde aber doch von Rom aus nicht die Absicht haben, denselben
aufzustellen, wenn nicht ausreichende Gründe dazu vorhanden wären« --
erwiderte der Alumnus.
»Jesuiteneinflüsse,« brummte der Extheologe.
»Da kann Stahl recht haben,« sprach der Kapuziner, »ich kann mir nicht
helfen, ich liebe, wohl auch auf Grund meiner kirchengeschichtlichen
Studien, die Gesellschaft Jesu nicht, denn sie hat nicht immer das
Beste der Kirche erreicht, aber ich meine doch, daß sie nicht über die
Köpfe der Kirchenfürsten hinweg etwas durchsetzen kann, und in den
Kreisen der letzteren scheint keine Neigung für die Neuerung vorhanden
zu sein.«
»Professor Meyer soll wenigstens im Kollegium sich ganz entschieden
gegen die Unfehlbarkeit ausgesprochen haben, und er weiß jedenfalls,
daß er damit auch im Sinne unseres Kardinals Schwarzenberg spricht,
aber trotz alledem: Die Frage ist: Was bleibt dann übrig, wenn der
Glaubenssatz doch beschlossen wird?« sprach wieder Vogel, und Hans
Stahl brummte abermals: »Unterducken!«
»Nein, das glaube ich nicht« -- sagte Severin mit einer gewissen
Erregung -- »dann führt's zur Kirchenspaltung, denn was bis heute
nach allen Ergebnissen der Wissenschaft und Moral unmöglich ist, kann
morgen nicht als wirklich angenommen werden von Männern, die als
charakterfest gelten, und unfehlbar ist der Papst niemals gewesen, das
beweist die Kirchengeschichte häufig genug, ja gerade die Geschichte
des Jesuitenordens giebt dafür ein schlagendes Beispiel. Im Jahre 1759
hat Papst Clemens XIII. in einer Bulle die Jesuiten als die frömmsten
und uneigennützigsten Menschen hingestellt, und zehn Jahre später hat
sein Nachfolger Clemens XIV. gleichfalls in einer Bulle den Orden
aufgehoben, weil er den Frieden der Welt störe. Und beide Päpste müßten
unfehlbar gewesen sein, denn ein solcher Glaubenssatz muß rückwirkend
sein. Und was soll man antworten, wenn die Gegner der Kirche
hohnlachend hinweisen auf einen Fall wie jenen mit dem Papste Vigilius?
Die Geschichte der Päpste ist in jener älteren Zeit ohnehin nicht sehr
sauber, so daß es wahrlich nicht notthut, durch solche Neuerungen die
Aufmerksamkeit besonders darauf hinzulenken.«
»Was war's denn mit dem Papste Vigilius?« fragte Stahl; »man muß, wenn
man wohlfeil dazukommen kann, sein Wissen auch in solchen Fragen zu
bereichern suchen.«
»Er war der Nachfolger des heiligen Silverius -- --«
»Halt einmal, hier weiß ich -- glaube ich -- auch etwas!« rief
Stahl; -- »war der heilige Silverius nicht der leibliche Sohn seines
Vorgängers auf dem Stuhle Petri, des heiligen Hormisdas?«
»Jawohl. Silverius wurde auf unerwiesene Anklagen des Priesters
Vigilius hin abgesetzt und in eine öde Gegend verbannt, wo er nahezu
vor Hunger starb; sein Verleumder aber wurde sein Nachfolger. Er ließ
sich unglücklicher Weise später in theologische Streitigkeiten ein,
wobei er die Unfehlbarkeit sehr wohl hätte brauchen können, aber er
hatte sie zweifellos nicht. Denn als er gezwungen wurde, sich nochmals
vor einem Konzil zu verantworten, das in Konstantinopel stattfand,
erklärte er selbst, er habe geirrt und sei ein Werkzeug des Teufels
gewesen.«
»Na, Kinder, das genügt mir, und nun habe ich wegen der Unfehlbarkeit
keine weiteren Bedenken; Eure theologische Gelehrsamkeit aber wird mir
ungelehrtem Menschenkinde unheimlich, ich gehe!«
Hans Stahl erhob sich, legte seine Zigarre beiseite, und nach einigen
Scherzworten und einer Einladung, ihn in seinem »Atelier« zu besuchen,
ging er davon.
Die Frage wegen des Konzils und der Unfehlbarkeit des Papstes war eine
brennende geworden, und die Gemüter maßgebender Kreise waren davon
noch viel mehr erregt, als die der Alumnen. Der Kardinal Schwarzenberg
hatte wiederholt mit seinen Theologen Rücksprache gepflogen, und es war
ihm zu fester Ueberzeugung geworden, daß man den Versuch, den neuen
Glaubenssatz aufzustellen, mit allen Mitteln bekämpfen müsse, und dazu
war er auch ernstlich entschlossen. Fürs Erste hielt er Umschau nach
gelehrten Helfern, die ihn nach der ewigen Stadt begleiten sollten, und
die vielseitigen rühmenden Empfehlungen, welche er über Peter Frohwalt
gehört, richteten seine Aufmerksamkeit auch auf diesen, und so kam es,
daß der junge Doktor der Theologie und Adjunkt an der theologischen
Fakultät eines Morgens durch einen fürsterzbischöflichen Diener zu
seiner Eminenz befohlen wurde.
Einigermaßen aufgeregt folgte er der Aufforderung und fuhr nach dem
Hradschin. Der Kirchenfürst empfing ihn diesmal noch leutseliger als
das erste Mal und bot ihm einen Sitz an. Sein Auge lag einige Sekunden
mit forschender Ruhe auf dem Antlitz des jungen Priesters, und die
geistvolle Frische, die aus demselben redete, der klare Blick des
blauen Auges, das sich vor dem seinen keine Sekunde senkte, gefiel ihm;
ziemlich unvermittelt fragte er:
»Haben Sie sich bereits ein Urteil gebildet in der schwebenden Frage
der päpstlichen Unfehlbarkeit?«
»Eminenz, ich habe mich damit beschäftigt vom Standpunkte meiner
Wissenschaft, aber ich wage nicht, ein Urteil auszusprechen, bevor
nicht überlegene Männer sich geäußert haben.«
»Die Hauptsache bleibt die Redlichkeit der Forschung und der gute
Wille, der Kirche zu dienen.«
»Daß ich diese beiden besitze, glaube ich ohne Ueberhebung versichern
zu dürfen.«
»Das habe ich bei Ihnen vorausgesetzt, und ich habe Sie deshalb
rufen lassen. Man hat mir Ihre Tüchtigkeit und Ihren kirchlichen
Sinn zugleich gerühmt, und ich wünsche darum, daß Sie mich nach Rom
zum Konzil begleiten; eine geeignete Beschäftigung werde ich für Sie
finden. Sind Sie des Italienischen mächtig?«
Eine heiße Blutwelle schoß Frohwalt nach dem Kopfe, die Mitteilung kam
ihm zu unerwartet und öffnete ihm mit einmal einen weiten, herrlichen
Ausblick.
Er wußte kaum Worte zu finden; endlich stammelte er:
»Ich bin erdrückt von der Gnade und Ehre, Eminenz, und was nur immer
meine schwachen Kräfte vermögen ..., das Italienische hoffe ich bei
einiger Uebung beherrschen zu können, ich habe mich schon lange damit
beschäftigt ...«
Ein freundliches Lächeln spielte um die Lippen des Kardinals, dem die
Ueberraschung des jungen Priesters offenbar Freude machte; er sprach:
»Das ist ja schön, und ich hoffe, daß wir zum Segen unserer heiligen
Kirche nach der ewigen Stadt gehen werden. Das Weitere werden Sie noch
erfahren, auch empfehle ich Ihnen, sich mit Herrn Professor Meyer ins
Einvernehmen zu setzen, welcher mich gleichfalls begleiten wird.«
Peter Frohwalt war entlassen, aber vor dem Thore des Palastes stand er
noch eine Weile wie ein Träumer und starrte um sich. Klarer Himmel lag
über ihm, in den Bäumen der Domherrnallee rauschte es leise, und in der
Brust fühlte er wie das Klingen einer Glocke, die mit jeder Schwingung
sagte: »Nach Rom! Nach Rom!«
Eben als er langsam nach der Kleinseite hinabsteigen wollte, kam
aus der Gegend von Strahow her Professor Meyer. Der Adjunkt ging
auf ihn zu, grüßte und teilte ihm, noch immer in Erregung, mit, was
soeben geschehen war. Das glänzende, glatte Antlitz des anderen
war umspielt von einem freundlichen Lächeln; ihm war die Kunde
offenbar nicht neu, und nun gingen sie selbander langsam hinab durch
die steile Spornergasse. Frohwalt lag daran, aus dem Munde des
angesehenen Theologen eine Meinung zu hören über seine Auffassung der
Unfehlbarkeit, und mit seiner gewöhnlichen Ruhe und in schlichter,
klarer Weise sprach dieser aus, was er seinerzeit schon dem Kardinal
gegenüber geäußert hatte: Ein solcher Glaubenssatz würde zur
Beunruhigung der Gemüter beitragen und sei vom Standpunkte der Moral
wie der Kirchengeschichte schwer anfechtbar.
Beim Klementinum schieden sie von einander, und Frohwalt, noch
immer erregt von der Unfehlbarkeitsfrage, wie von der ehrenvollen
Aufforderung, schritt durch den Korridor des Seminars. Da sah er den
Alumnus Vogel, und in der Freude seines vollen Herzens, das nach
Mitteilung drängte an einen, von dem er wußte, daß er ihn lieb habe,
rief er ihn heran und sagte:
»Vogel, ich werde mit dem Herrn Kardinal nach Rom reisen zum Konzil!«
Der Seminarist sah mit einem geradezu bewundernden Blicke zu seinem
Landsmann auf, und wünschte ihm Glück zu solcher Auszeichnung. Dann
aber setzte er beinahe schüchtern hinzu:
»Meinen Sie, Herr Doktor, daß man den Glaubenssatz aufstellen wird?«
»Daran ist kaum zu denken; es widerspricht nach den berufensten
Meinungen der Lehre der Kirche, der Kirchengeschichte und dem
kanonischen Recht. Die Bischöfe, zumal die deutschen, werden niemals
zustimmen.«
Mit dieser bestimmten Versicherung verließ Frohwalt den Alumnus und
trat in sein Zimmer, wo er mit großen Schritten auf- und abging, um
einigermaßen ruhiger zu werden. Dabei überkam ihn beinahe ein Unbehagen
über den zuversichtlichen Ton, in welchem er zu Vogel gesprochen hatte,
und er beschloß, nachmittags zu Professor Holbert zu gehen, und auch
die Meinung dieses ausgezeichneten und wahrhaft kirchlich gesinnten
Mannes zu hören.
Diesen Vorsatz führte er auch aus, und sobald es das Gesetz des
Anstands gestattete, machte er sich auf nach der Zeltnergasse. Therese
empfing ihn, so heiter lächelnd, ja fast strahlend, daß ihm erst
diesmal die Schönheit des Mädchens auffiel, und sie führte ihn in das
Arbeitszimmer ihres Vaters.
Der Professor saß an seinem Schreibtische in dem weiten, freundlichen
Raume, welcher seine Bestimmung bis in die Einzelheiten hinein nicht
verleugnete. Er empfing den Adjunkten herzlich und unterbrach dessen
Entschuldigung wegen der Störung in liebenswürdigster Weise. Er
setzte sich neben ihn auf das Sopha und Frohwalt berichtete, was ihn
herführte, und bat um seine Anschauung in der schwebenden Frage.
~Dr.~ Holbert wurde ernst.
»Mein lieber Herr Doktor! Ich gönne Ihnen von Herzen, daß Sie die
ewige Stadt sehen, aber, aufrichtig gestanden, hätte ich eine andere
Veranlassung dazu gewünscht. Ich fürchte, Sie werden wenig Freuden dort
erleben, um so mehr aber Enttäuschungen. Dieses Konzil wird der Kirche
keinen Segen bringen, und was man dabei in Szene setzen will, ist
mehr als bedenklich. Sie wollen meine ehrliche Meinung, und, wenn ich
Sie recht verstehe, vor allem jene des Kirchenrechts-Lehrers. Nun, da
sage ich kurz und bündig: Ein Glaubenssatz von der Unfehlbarkeit wäre
geradezu ein Frevel. Was ist dann überhaupt noch Kirchenrecht, wenn der
Papst unfehlbar ist? Es verliert alle und jede Festigkeit, denn das
Oberhaupt der Kirche kann nach Belieben jeden durch die Ueberlieferung
geheiligten Satz desselben vernichten, _jeden_ die Kirchenzucht
betreffenden neu einführen. Er kann beliebig jede Diözeseneinteilung
aufheben, alle Benefizien beseitigen, Ehehindernisse nach Gutdünken
schaffen und verwerfen, jedes Recht des einzelnen Bischofs aufheben,
nach Belieben eingreifen in die heiligsten Verhältnisse der Ehe, der
Kindererziehung, in die Ausübung der Sakramente, so daß man ohne
weiteres behaupten darf, daß es unter einem solchen Glaubenssatze
in der Kirche überhaupt kein eigentliches Recht mehr gebe, sondern
eine Herrschaft der reinen Politik. Wohin das führen sollte, ist
ersichtlich. Dem Papste gegenüber gäbe es kein Recht eines Bischofs
oder Erzbischofs mehr, derselbe urteilte in allem ganz wie es ihm
beliebte, und wehe dem Kirchenfürsten, der nun nicht ganz mehr so
tanzen wollte, wie von Rom aus gepfiffen würde. Lüge, Verleumdung und
Angeberei gerade gegen die besten, ehrenwertesten Bischöfe käme an
die Tagesordnung, die schmutzigste, ultramontane Presse, sobald sie
nur dem Papste zu schmeicheln verstünde, wäre oben auf ... ach, und
in dogmatischer Hinsicht selbst -- welch ein trostloser Gedanke für
das gläubige Gemüt, daß es unter diesem neuen Glaubenssatze überhaupt
feste Glaubenslehren nicht mehr gäbe. Bis jetzt wußte der gläubige
Katholik -- und das konnte ihm eine schöne Beruhigung gewähren -- daß
nur das gelehrt werden dürfe, was aus der Bibel und den Kirchenvätern
als immerwährender Glaube in der Kirche vorhanden war, und nun sollte
auf das Gebot des Papstes hin alles Beliebige zum Glaubenssatze gemacht
werden können?«
»Aber so weit würde das doch nicht gehen -- von allem Beliebigen könnte
doch wohl nicht die Rede sein,« wendete Frohwalt etwas zaghaft ein.
»Und weshalb nicht? Warum sollte der Papst nicht die konstitutionelle
Staatsverfassung, die Parität und anderes von seinem Stuhle aus
als ketzerisch erklären? Betrachten Sie doch den Syllabus und die
Encyklika, und bedenken Sie, daß, wenn der Papst für unfehlbar erklärt
wird, auch alle seine Erlasse, von Anfang seiner Regierung an unfehlbar
und darum unabänderlich sein müssen. Ich weiß nicht, welchen Standpunkt
Sie einnehmen, ich bin duldsam auch gegen Andersgläubige und sehe
gerade darin das Wesen des wahren Christentums; ich würde mich, falls
die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatze würde, trotz meiner kirchlichen
Gesinnungen als unter dem Banne betrachten müssen, denn Nummer siebzehn
des Syllabus erklärt es für einen Irrtum, daß man hoffen dürfe, daß
auch Andersgläubige die ewige Seligkeit erlangen können. Ich habe einen
lieben Freund, seine Frau ist protestantisch -- ein prächtiges Weib --
und ich sollte annehmen müssen, daß der Mann alle Hoffnung darauf, daß
seine Frau die ewige Seligkeit erlange, aufgeben müsse? -- Das ist nach
meiner innersten Ueberzeugung Gotteslästerung! Sie kennen ja auch den
Syllabus, und ich glaube, es genügt dieser Hinweis.«
Frohwalt wurde es einigermaßen unbehaglich. Er schätzte ~Dr.~ Holbert
ganz außerordentlich, und empfand beinahe etwas wie Beschämung, als er
diesen von Duldung reden hörte. Er hatte nicht den Mut, einzugestehen,
daß er gerade den erwähnten Passus des Syllabus ganz besonders hoch
gehalten und geradezu bethätigt hatte. Er zwang sich beinahe zu der
Frage:
»Und welchen Zweck sollte man mit dem neuen Glaubenssatze eigentlich
anstreben?«
»Aber, mein lieber Herr Doktor, das ist ja sonnenklar; man will die
unbeschränkte kirchliche Macht damit feststellen.«
»Sollte man nicht einfach bemüht sein, das in den Augen der Welt
einigermaßen erschütterte Ansehen der Kirche wieder herzustellen?«
~Dr.~ Holbert zuckte die Achseln.
»Ich zweifle nicht, daß man dies als Beweggrund betonen wird, um
die Sache unverfänglicher erscheinen zu lassen. Sehen wir aber
genauer zu, wo das Ansehen der Kirche am meisten gesunken ist, so
zeigt es sich, daß es da geschah, wo man es am stärksten betonte,
in den strengkatholischen Staaten, in welchen eine unbeschränkte
Regierungsgewalt mit dem Jesuitismus Hand in Hand gegangen ist.
Und wohin das jesuitische Erziehungssystem geführt hat, ist den
sachlich Urteilenden nicht unklar. Eine Fülle von Aeußerlichkeiten in
Wissenschaft und religiösem Wandel ist dabei zu Tage gekommen. Prüfen
Sie doch die Jesuitenzöglinge auf ihre Gründlichkeit und vor allem auf
ihre wissenschaftliche Unbefangenheit, und Sie werden Wunder erleben.
Ich weiß es aus Erfahrung. Die ganze Erziehung arbeitet lediglich nach
der Schablone, und wie die Wissenschaft nur rein äußerlich angeeignet
wird, so ist es auch mit dem Glauben. Auf beiden Gebieten ist darum
eine bedauerliche, aber geflissentlich großgezogene Unselbständigkeit
vorhanden. Das können Sie bei jeder Mission sehen. Die Leute sind wie
weiches Wachs in den Händen der Jesuitenprediger, drängen sich zu
den Beichtstühlen, zerfließen in Thränen, und im nächsten Augenblick
begehen sie die alte Sünde wieder, um am andern Tage wieder scheinbar
reuevoll vor dem Missionar auf die Kniee zu fallen. Glauben Sie mir,
die Sittenlosigkeit, die ohne Zweifel zumal in den romanischen Ländern
vorhanden ist, ist die Folge der durch dieses System großgezogenen
rein äußerlichen Werkheiligkeit, bei welcher der Mensch noch überdies
in ununterbrochener Angst lebt, daß er nur nicht eines der Gebote
übertrete. Und darin sehen deshalb Tausende ihre ganze religiöse,
kirchliche Lebensaufgabe, während ihr Gottesdienst ein Lippengebet,
ihre Buße die mindest einmalige jährliche Beichte ist, und das genügt,
wenn sie im übrigen nur das Ansehen der Kirche, richtiger das des
Pfarrers, Bischofs und so weiter gebührend anerkennen und sich vor ihm
demütig beugen.«
»Sie malen mit düsteren Farben, Herr Professor.«
»Ich male nach der Natur, mein lieber Herr Doktor, und ich wollte,
ich könnte etwas Freundlicheres auf der Palette haben. Ihnen scheint
es düster, weil Sie -- und Sie dürfen mir die Aeußerung nicht übel
nehmen -- infolge Ihrer ganzen theologischen Erziehung nicht unbefangen
sind, ich aber lasse mich nicht beeinflussen von irgend welchem
Standesvorurteil, und dabei finde ich bei größtem Wohlwollen für die
Kirche und ihre Priester, bei treuester Anhänglichkeit an dieselbe, die
Gebrechen leichter heraus.«
»Sie sind also kein Freund des Jesuitenordens?«
»Ich kann mich für ihn und seine Grundsätze nicht erwärmen. Sie
beurteilen ihn nach den Vertretern, welche Sie hier persönlich kennen
gelernt haben und nach dem Umgang mit ihnen, und ich gebe Ihnen
gern zu, daß man mit einem ~P.~ Klinkowström und andern sehr gut
verkehren kann. Die Predigten des Erwähnten sind zudem geistvolle
Feuilletons, die aber, wenn Sie ganz ehrlich sein wollen, zwar angenehm
unterhalten, auch eine geistige Anregung bieten -- erbauen, in tiefster
Seele erfassen, hinausheben über das Zeitliche können sie nicht --
vielleicht sollen sie es auch nicht, denn man hat Rücksicht zu nehmen
auf das Publikum, und dies vergißt der Jesuitismus nie. Doch um auf
unsern eigentlichen Gesprächsstoff und den Zusammenhang mit diesem
zurückzukommen: Meinen Sie, daß Papst Pius IX. jemals von selbst auf
den Gedanken gekommen wäre, die Unfehlbarkeit zum Glaubenssatz erheben
zu lassen, wenn nicht die Jesuiten ihn darauf gebracht hätten? --
Sie sind es, die den schwachen Greis völlig in der Hand haben, und
es ist zuletzt nicht die Macht des päpstlichen Stuhles, sondern ihre
eigene, wofür sie arbeiten. Und das ist für mich gleichfalls ein Grund,
mich gegen den neuen Glaubenssatz auszusprechen. Ich werde das um so
entschiedener thun, als ich mir darauf hin die Jesuitenmoral etwas
genauer angesehen habe und mich nicht überzeugen kann, daß dieselbe
der Welt oder der Kirche zum Segen sei. Sehen Sie hier -- diese
Auszüge!«
Der Professor nahm eine Anzahl einzelner Blätter von seinem
Schreibtische.
»Wollen Sie das Wesentliche ihrer Grundsätze? Das ist die Lehre vom
Probabilismus und: der Zweck heiligt die Mittel. Ihnen wird man stets
vorgehalten haben, daß das Letztere eine Erfindung der Feinde des
Ordens sei, daß trotz aller Aufforderungen und Preisaussetzungen noch
niemand diesen Ausspruch habe einem Jesuiten nachweisen können, aber
auch das ist echt jesuitisch. Gefallen ist dieses Wort in so offener
Weise vielleicht niemals, aber die Thatsache, daß ihre Moral darauf
hinausläuft, ist nicht wegzuleugnen. Oder ist es etwas anderes,
wenn selbst die ärgsten Laster je nach den Umständen nicht bloß
entschuldigt, sondern sogar gebilligt werden von ihren Schriftstellern?
Ich habe hier die Schriften eines Vasquez, Perez de Lara, Suarez,
Gomez, Veracruz, Dias, Dealkozer und vieler anderer, und Sie können
mir glauben, daß ich sie vorurteilsfrei und gewissenhaft studiert
habe, und was ich fand, hat mich traurig und zornig zugleich gemacht.
Sehen Sie, ich greife auf Geratewohl in meine Zettel. Hier der Pater
Kaspar Hurtado sagt ~de sub. pecc. diff.~ 9: ›Einer, der eine Pfründe
besitzt, kann ohne eine Todsünde den Tod desjenigen wünschen, welcher
eine Leibrente auf diese Pfründe hat; auch kann ein Sohn den Tod seines
Vaters wünschen und sich erfreuen, wenn derselbe erfolgt, jedoch nur
um des zu erhaltenden Genusses willen, nicht wegen eines persönlichen
Hasses.‹ Was sagen Sie dazu? -- Und hier, bei Sanchez und Filutius:
›Man darf auch eine Unwahrheit beschwören, wenn man einen geistlichen
Vorbehalt macht, das heißt, das Entgegengesetzte bei sich denkt.‹
-- Ist das nicht: Der Zweck heiligt das Mittel? -- Hier Eskobar im
Kapitel über den Diebstahl: ›Frauen, welche am Spiele Freude haben,
dürfen ihren Männern das Geld dazu entwenden.‹ -- Hier, Sanchez in
seiner Moraltheologie, 2. Buch, Kap. 89, billigt den Zweikampf, und bei
derselben Materie sagt Navarrus, man dürfe einen Feind, der uns durch
einen Prozeß unseres Gutes berauben will, sogar heimlicherweise töten.
Auch Eskobar behauptet, seinen Feind zu töten, sei kein Verrat, selbst
wenn es hinterrücks geschehe, ja selbst dann nicht, wenn man sich mit
ihm ausgesöhnt und versprochen habe, seinem Leben nicht nachzustellen
-- vorausgesetzt, daß keine sehr enge Freundschaft bestehe. -- Hier,
Eskobar: ›Versprechen verpflichten zu nichts, wenn man, während man sie
macht, sich vornimmt, sie nicht zu halten.‹ Hier der Pater Valentia
im dritten Bande, Seite 2039: ›Wenn man ein zeitliches Gut für ein
geistliches giebt, nämlich Geld für ein Benefizium oder eine Pfründe,
so ist das eine augenscheinliche Simonie. Wenn man es aber giebt als
ein Mittel, um den Willen desjenigen, der sie zu vergeben hat, zu
bewegen, daß er dieselbe uns giebt, so ist dies keine Simonie, obwohl
derjenige, der sie vergiebt, das Geld als sein vornehmstes Augenmerk
betrachtet und erwartet.‹ Dasselbe findet sich bei dem Jesuiten
Tanner im 3. Bande, Seite 1519. Heißt das nicht: Der Zweck heiligt
das Mittel? -- Ich will Ihnen nicht mehr Proben vorlegen, auch nicht
von der Probabilitätslehre, nach der man unter mehreren Meinungen
derjenigen zu folgen berechtigt ist, welche einem am besten gefällt,
auch wenn eine andere wahrscheinlicher ist. Hier habe ich die Belege
bei dem Jesuiten Emanuel Sa, im ~aphorismo de dubiis p. 183~, bei ~P.~
Filutius aus Rom in ~Mor. Quaest tr. 21, cap. 4, no. 128~, bei Sanchez
und vielen anderen. -- Aber verzeihen Sie: ich halte Ihnen hier eine
Vorlesung über Jesuiten und Jesuitenmoral -- das kommt davon, wenn
man in einer Materie arbeitet, auch wenn sie wenig erquicklich ist --
aber es soll mir lieb sein, wenn Sie aus alledem erkennen, wie sehr es
nötig ist, angesichts des Konzils und der neuen Lehre auf der Hut zu
sein vor einer Ueberrumpelung, denn nicht im Vatikan, sondern bei dem
Jesuitengeneral laufen die letzten Fäden der gegenwärtigen Bewegung
zusammen.«
Frohwalt hatte mit steigender Erregung den im ruhigsten Tone gehaltenen
Auseinandersetzungen gelauscht, und fand auch nun, nachdem Professor
Holbert schwieg, nicht gleich das geeignete Wort. Endlich sagte er:
»Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Mitteilungen, wenn ich auch gestehen
muß, daß sie eine Umwälzung in mehr als einer Hinsicht in mir
zu bewirken geeignet sind. Das alles kommt mir zu plötzlich, zu
überwältigend, das muß ich mit mir verarbeiten, und Sie verzeihen,
wenn ich betreffs der Jesuiten nicht sogleich volle Zustimmung und das
richtige Wort finden kann. Betreffs der Unfehlbarkeit aber bin ich
durch Ihre Darlegung befestigt worden in der Meinung, welche ich bisher
besessen, und ich weiß nun, daß ich ruhig nach Rom gehen werde, um
so mehr, als ich auch nach den Aeußerungen des Herrn Professor Meyer
die Zuversicht habe, daß Seine Eminenz und zweifellos auch andere
Kirchenfürsten niemals einem solchen Glaubenssatz zustimmen werden.«
Holbert zuckte leicht mit den Achseln:
»Hoffen Sie nicht zu viel, mein lieber Freund! Wir wollen den Himmel
bitten, daß er Unheil abwende von unserer heiligen Kirche und wollen
selbst fest bleiben bei ihrer alten, guten Lehre, geschehe auch, was
wolle!«
»Ja, Herr Professor, das wollen wir!« sagte Frohwalt warm und herzlich,
und die beiden Männer legten einen Augenblick schweigend Hand in Hand.
»Und nun kommen Sie zu einer Tasse Kaffee, Therese wird sich freuen ...«
»Entschuldigen Sie mich heute, Herr Professor, mir ist die Seele zu
voll, ich muß einige Stunden für mich allein sein!«
»Ich verstehe Sie und darf Sie nicht zurückhalten!«
Noch einmal reichten sie sich die Hände, dann ging der Adjunkt. Als
er in das Vorzimmer kam, stürzte aus dem Salon Hans Stahl in höchster
Erregung an ihm vorüber, ohne Gruß und Wort. Langsam folgte er ihm die
Treppen hinab; auf der Straße aber konnte er keine Spur mehr entdecken
von dem Extheologen. Er kümmerte sich um denselben auch nicht weiter,
sondern schritt durch die Hibernergasse hinaus gegen die Bastei, und
dort ging er mit gesenktem Haupte, nach innerer Ruhe ringend.
Durch seine Seele fegte es wie ein Gewittersturm, und zwei Dinge
vor allem waren es, die ihn mächtig bewegten, zwei Worte, die wie
zündende Blitze ihn durchzuckt hatten. Das eine war das, was Holbert
von der Duldung gesprochen hatte, das andere dessen Ansichten über den
Jesuitenorden. Hätte ein anderer solche Aeußerungen gethan, so würde
Frohwalt von heiligem Zorn erfüllt worden sein, aus diesem verehrten
Munde aber hatten sie ein gewaltiges Gewicht. Der Professor galt bei
allen nicht bloß als ein durchaus charakterfester Ehrenmann, sondern
auch als das Muster eines wahrhaft religiös gesinnten Mannes; seine
Worte waren darum auch seine Ueberzeugung und ein Mann von seiner
Bedeutung sprach eine solche nicht aus, ohne sie zuvor in seiner
Seele fest und sicher begründet zu haben. Es mußte doch etwas an der
Forderung der Duldung sein, wie sie dieser herrliche Mann in derselben
Weise wie der Vetter Martin betonte; sie mußte menschenwürdig und edel
und mit dem innersten Kerne des Christentums im Einklang sein. Das gab
ihm zu denken.
Noch mehr aber das andere. Er war durch seine Studie und seine
Erziehung im Seminar gewöhnt worden, die Jesuiten als die edelsten
und mutigsten Vorkämpfer der katholischen Kirche zu betrachten; er
hatte darum in eigenen Gewissensnöten gerade bei ihren Beichtstühlen
Rat und Trost gesucht, aber er mußte sich in dieser Stunde gestehen,
daß er, als er zum letzten Male nach dem Tode des alten Pfarrers bei
St. Ignaz auf dem Karlsplatze gewesen, unbefriedigt und wenig erhoben
von dannen ging, ja daß er daheim gerade durch einen jesuitischen
Ausspruch betreff des Probabilismus schwankend und unsicher geworden
war. Was er heute von der Moral der Jesuiten auf Grund unanfechtbarer
Belege -- und an deren Echtheit war bei dem Charakter Holberts nicht zu
zweifeln -- erfahren hatte, ließ ihn sein ganzes eigenes theologisches
Wissen höchst unsicher und einseitig erscheinen. Warum wurden von den
Moraltheologen derartige Lehren verheimlicht, beziehungsweise nicht
verurteilt? Lag in dem Orden wirklich eine solche Macht, daß man nicht
den ehrlichen Mut fand, seitens der kirchlichen Gelehrten gegen ihn
vorzugehen, oder hatte derselbe wirklich die höchste Gewalt in der
Kirche, so daß er daran denken konnte, auch das Papsttum zu seinem
Werkzeug zu machen?
Wie dem auch war, Frohwalt fühlte, daß sich in seinem Geistesleben eine
Wandlung zu vollziehen anfing, aber er wußte auch, daß dieser Vorgang
noch Stunden schwerer Kämpfe im Gefolge haben werde. Wenig beruhigt kam
er gegen Abend heim, und bis tief in die Nacht brannte an seinem Tisch
die Lampe.
Auch Hans Stahl fand an diesem Abend keine Ruhe. Er war am Nachmittage
mit pochendem Herzen zu Professor Holbert gegangen, und in der stillen
Hoffnung, nachdem er der Theologie untreu geworden, auf Therese einen
günstigen Eindruck zu machen. Er nahm es als ein gutes Vorzeichen, als
das Mädchen ihn empfing, und, da ihr Vater zur Zeit mit Frohwalt in
seiner Studierstube war, ihn nach dem freundlichen Salon führte. Eine
kleine Befangenheit, welche sie bei seinem Anblick in Erinnerung an den
Vorgang im Beth Chajim erfaßt hatte, überwand sie mit der Sicherheit
der Weltdame rasch genug, und so kam sie ihm wie immer entgegen, und
als ob jene Stunde nie zwischen ihnen gewesen wäre.
Gerade das ermutigte Hans Stahl. Sie hatte ihm ihre Verwunderung
ausgesprochen über seine äußere Erscheinung und nun erzählte er ihr mit
einer gewissen freudigen Erregung von der Wandlung, welche in seinen
Verhältnissen eingetreten war. Dann fuhr er, beim Anblick des schönen
Mädchens wärmer werdend, fort: »Ich habe den Drang, mit ganzer Kraft
mich der Kunst zu widmen, und wage zu behaupten, daß ich nicht der
schlechteste ihrer Jünger sein werde, wenn ich die schönste Hoffnung
hegen darf, meinen jungen Lorbeer einst zu Ihren Füßen niederlegen zu
dürfen.«
Theresens Antlitz überflog eine Röte; der Jüngling aber schien dieselbe
zu mißdeuten, und so faßte er nach ihrer Hand, und hielt sie fest,
obwohl das Mädchen sie ihm zu entziehen strebte, und dabei stammelte er
mit stockendem Atem:
»Sie wissen, wie unendlich lieb ich Sie habe, daß Sie die Sonne meines
Lebens, das Licht meines Schaffens sind, daß ein Wort von Ihnen mich
selig und elend macht. Heute darf ich mit mehr Recht von meiner Liebe
reden als damals -- o Therese, lassen Sie einen Schimmer des Glückes
auf mich fallen, in Ihnen lebt mir ja alles, was mir das Dasein
begehrenswert macht -- --«
Das Mädchen war aufgesprungen und hielt wie abwehrend die Hände gegen
Stahl ausgestreckt; jetzt unterbrach sie den heißen Fluß seiner Rede:
»O mein Gott, Herr Stahl, ich darf Sie ja nicht anhören, sprechen Sie
nicht weiter! Ich will Ihnen sagen, daß Sie mir lieb und wert sind,
daß ..., aber weshalb davon sprechen, ich muß Ihnen Mut und Hoffen
rauben, wenn Sie es wirklich auf mich gesetzt hatten -- ich bin so gut
wie verlobt mit ~Dr.~ Haller, und unsere Beziehung wird in den nächsten
Tagen veröffentlicht!«
Hans Stahl fühlte, wie alles Blut aus seinem Antlitz wich, wie er, von
einem Schwindel erfaßt, zurücktaumelte auf seinem Sitze, dann schlug
er beide Hände vor die Augen, aber ein Wort fand die gequälte junge
Seele nicht. Therese wurde von tiefem Mitgefühl erfaßt; sie legte ihre
Hand leicht auf seinen Arm, die Wahrheit und Tiefe seines Empfindens
erschütterte sie:
»Fassen Sie sich, Hans ... wir wollen recht gute Freunde bleiben!«
»Ein Bettelbrot!« preßte er hervor, dann stieß er beinahe heftig die
Hand des Mädchens von seinem Arme hinweg, sprang auf und eilte hastig,
ohne Gruß, davon.
Er war lange in den Straßen hin- und hergelaufen, ehe er heimging in
die freundliche Stube, welche er in der Eisengasse bewohnte. Er hatte
eine Leinwand auf der Staffelei beim Fenster; die stieß er hinab und
trat mit dem Fuße hinein, ihm war die Kunst und beinahe sein Leben
verleidet. Mit seinem Schmerz über den Verlust der Geliebten mischte
sich aber der Zorn gegen den glücklichen Nebenbuhler, und dieser begann
zuletzt bei ihm zu überwiegen. Er haßte diesen ~Dr.~ Haller, so lang er
ihn kannte, er hatte die Empfindung, als könne derselbe Therese niemals
wirklich glücklich machen, und immer mehr lebte er sich in den Gedanken
hinein, daß er sie auch nicht besitzen dürfe.
Seinem etwas phantastischen Wesen erschien es in dieser Stunde als
das Richtigste, seinen Nebenbuhler herauszufordern und zwar gleich zu
einem Pistolenduell über das Taschentuch. Ihm war es ganz gleichgültig
in seiner jetzigen Stimmung, wenn er dabei zu Grunde ging, wenn nur
auch der Verhaßte nicht die Braut heimführte. So kam es, daß er nach
manchem Erwägen noch in der Nacht sich hinsetzte und thatsächlich eine
Herausforderung an ~Dr.~ Haller schrieb, die er auch noch zur selben
Stunde hinabtrug nach dem nächsten Briefkasten. Er schlief erst gegen
Morgen ein und hatte die wunderlichsten und zugleich beängstigende
Träume, so daß er wie in Schweiß gebadet erwachte.
Doch bereute er am Morgen nicht, was er gethan hatte und sah mit
Spannung der Antwort ~Dr.~ Hallers entgegen. Sie traf bereits gegen
Abend bei ihm ein: ein Dienstmann hatte sie überbracht und lautete:
»Mein Herr Stahl! Ihre Stilübung ist mir zugegangen und ich
glaube nicht, daß Sie bei ruhiger Erwägung mir zumuten werden,
dieselbe ernst zu nehmen. Ich habe sie darum auch nicht dem
Staatsanwalt, sondern dem Papierkorb übergeben und erachte
damit die Sache für erledigt.