»Also der Mensch ist Deiner Ueberzeugung nach brav, ehrlich, tüchtig,
und hat nur den Fehler, daß er nicht Deinem Bekenntnis angehört --«
»Und daß er ein Abtrünniger ist!«
»Na, und wer hat ihn denn dazu gemacht? Ihr mit Euern frostigen,
lieblosen Satzungen habt ihn selber hinausgedrängt aus der Kirche, und
nun wollt ihr ihm ein Verbrechen aus dem machen, was ihr im letzten
Grunde -- ihr mögt es drehen und wenden, wie ihr wollt -- selbst
verschuldet habt. Und nun soll dem armen Menschen auch alles andere
Lebensglück zertreten werden? Wenn er jetzt für sich ein braves Weib,
für sein Kindchen eine gute Mutter sucht, wollt ihr wieder mit euren
kalten Satzungen dazwischentreten? Deine Schwester will den Weg der
Nächstenliebe gehen, Du aber den Weg des Hasses -- wer handelt mehr im
Geiste Gottes, dem nicht gedient wird durch blindes Eifern?«
Das Gesicht Peter Frohwalts verzog sich beinahe schmerzlich, da er
sagte:
»Aber, Vetter Martin, das verstehst Du nicht! Du weißt nicht, was ich
meiner heiligen Kirche, und was ich mir schuldig bin!«
»Das weiß ich wohl, aber ich fürchte, daß Du es nicht weißt. Du sollst
ein Diener Gottes sein im Geiste und in der Wahrheit, das bist Du der
Kirche und Dir schuldig -- so diene dem Geiste, der ein Geist der Liebe
ist, und diene der Wahrheit und kümmere Dich nicht um den Schein. Und
wenn man Dir nachsagt, daß Deine leibliche Schwester einen Protestanten
geheiratet hat, so habe den ehrlichen Mut und sprich:
›Er ist ein braver Mann, und glaubt an denselben Gott wie ich!‹«
»Aber Marie will selber evangelisch werden!« stöhnte der junge Priester.
»Das find' ich in der Ordnung. Ich bin kein Freund von gemischten Ehen,
und was dabei herauskommt, hat sich bei Freidank bereits gezeigt. Nein,
nur keine Halbheiten! Und da nicht zu verlangen ist, daß der Uhrmacher
wieder katholisch wird, so wird sein Weib evangelisch werden -- meinst
Du, daß darum Deine Schwester eine schlechte Person wird, daß das, was
jetzt gut an ihr ist und was alle Menschen an ihr lieb haben, dadurch
mit einmal zur Scheusäligkeit verkehrt wird?«
»Und ich dulde es nicht, und werde es niemals dulden!« schrie jetzt
Peter mit Heftigkeit auf -- »und wenn sie dennoch wagt, mir und ihrer
Mutter, die mit mir empfindet, zu trotzen, so werden wir vergessen, daß
sie zu uns gehört und uns von ihr wenden für alle Zeit, und wie sie dem
Fluche der Kirche verfällt, so soll sie ...«
Die alte Frau kam bleich, mit aufgehobenen Händen an den Sohn heran,
auch Marie stand fassungslos und klammerte sich mit der Rechten an die
Lehne eines Stuhles, indes sie die Linke heftig gegen das pochende Herz
preßte; Martin aber trat ganz nahe zu dem erregten Priester und sah ihm
fest und ruhig in das gerötete Angesicht:
»Halt -- nicht weiter -- Verkünder der göttlichen Liebe! -- Ich habe
gemeint, daß Dir das Leben in Nedamitz schon eine Lehre gegeben haben
würde, daß mit Eifern und mit blinder Gehässigkeit nichts gethan ist
-- ich sehe, Du hast wenig gelernt und mußt noch in eine härtere
Schule kommen, und, will's Gott, zu guten Lehrern. Du bist nicht aus
dem Holze, aus dem man sonst Glaubenseiferer schnitzt, und aus Dir
redet nicht das Herz, sondern die Schulweisheit. Das will ich Dir
zugute halten, und darum sage ich nichts weiter als: ›Wenn Marie hier
hinausgeworfen wird aus dem Elternhause, so soll sie bei mir eine
Heimat finden; eine solche Tochter ist mir zu jeder Stunde willkommen!‹«
Aufschluchzend warf sich das Mädchen an die Brust des Alten, der ihr
liebkosend über die blonden Haare strich und in einem unendlich milden
Tone, der bei ihm fremd und deshalb gerade ergreifend war, sagte:
»Folge Deinem Herzen, mein Kind! Das ist wie Gold gewesen zu allen
Zeiten, und das kann nicht über Nacht zu wertlosem Messing werden. Wenn
sie Dich quälen, komm zu mir, noch heute, ich will Dich halten, wie
Dein seliger Vater Dich gehalten hätte -- dafür bin ich Dein Pathe!«
Er küßte sie auf die Stirn, und in dem Zimmer war es tiefstille.
Finster blickend lehnte Peter an dem Tische, und neben ihm stand die
Mutter noch immer mit gefalteten Händen. Vetter Martin aber führte
Marie langsam hinaus.
Am andern Morgen in aller Frühe verließ der junge Priester seine
Vaterstadt, ohne seine Schwester noch einmal gesehen zu haben,
die hinter dem Fenstervorhang in ihrem kleinen Stübchen versteckt
dem Postwagen nachschaute, der ihren Bruder entführte. Sie weinte
bitterlich.
Gegen Abend traf Peter Frohwalt auf dem Bahnhofe ein. Er war tief
verstimmt und sein Kopf schmerzte ihn; er hatte das Gefühl des
Unbehagens und der Unzufriedenheit und mußte sich immer wiederholen,
daß er seiner Pflicht gemäß gehandelt habe. Langsam ging er durch
die belebten Straßen der böhmischen Hauptstadt, sah den breiten,
menschenvollen »Graben« entlang und schritt durch den Pulverturm hinein
in die Zeltnergasse und nach dem Altstädter Ringe.
Nahe an der Moldau, unmittelbar bei dem Kloster der Kreuzherren mit dem
roten Stern und angesichts des Turmes, der das Portal zu der alten,
stattlichen Karlsbrücke bildet, steht die St. Klemenskirche und mit ihr
in Verbindung ist ein weitausgedehnter, mehrere Höfe umfassender Bau,
der den Jesuiten seine Entstehung verdankt. Ein Teil derselben enthielt
die Hörsäle der theologischen und der philosophischen Fakultät der
Prager Hochschule, die damals noch ausschließlich deutsch war, der nach
der Moldau zugekehrte Teil umfaßt das erzbischöfliche Priesterseminar.
Hier war Peter Frohwalt als Adjunkt der theologischen Fakultät und
als Aufseher über die Alumnen daheim. Er läutete an der Pforte; der
Pförtner öffnete und grüßte ergeben, und der Priester ging langsam,
beinahe müden Schrittes durch die gelbgetünchten Korridore, in denen
eine feuchte, kühle Luft herrschte, hin. Einzelne »Seminaristen« mit
der schwarzen Klerik und der violetten Binde um den Leib begegneten
ihm und grüßten -- im ganzen aber war es fast unheimlich still in dem
weitläufigen Gebäude.
Er betrat sein Zimmer, das einfach, aber freundlich möbliert war und
ließ sich verstimmt und ermüdet auf einem Sopha nieder. Es war noch
Zeit bis zu dem gemeinsamen Abendessen, und er nahm ein Buch zur Hand,
um den Druck, der ihm auf Kopf und Herzen zugleich lastete, wenigstens
auf einige Zeit zu vergessen.
Da pochte es. Auf sein »Ave!« trat ein Alumnus herein, ein hübscher,
etwas bleicher Jüngling, mit kurzgeschorenen, dunklen Haaren. Es war
ein junger Landsmann Peters, dem dieser schon manche Freundlichkeit
erwiesen und der sich gewöhnt hatte, sobald es not that, bei ihm Rat
und Trost zu suchen.
»Was bringen Sie mir denn, Vogel?« fragte der Adjunkt -- »Sie sehen ja
so aufgeregt aus!«
Der Alumnus war noch ein wenig näher getreten und sagte nun mit
unsicherer Stimme:
»Verzeihen Sie, Hochwürden, wenn ich Sie belästige, aber es drängt
mich, Ihnen mitzuteilen, daß ich hier im Seminar nicht bleiben kann.
Sie wissen, daß ich mich gerne dem geistlichen Stand gewidmet habe
und bereit war, manches Schwere auf mich zu nehmen, aber hier wird es
unerträglich!«
Peter Frohwalt war aufgestanden und legte dem Jüngling die Hände auf
die Schultern, indes er ihm freundlich in das gerötete Gesicht schaute.
»Was giebt's denn? -- Setzen Sie sich und erzählen Sie!«
Vogel folgte der Aufforderung und sprach, indem er sich bemühte ruhig
zu werden:
»Die Tschechen machen uns Deutschen hier das Leben zu sauer und kränken
uns durch Rücksichtslosigkeiten und Ungezogenheiten, wo es nur angeht.
Ich sitze bei den Mahlzeiten an einem Tisch mit lauter solchen, und
obwohl sie wissen, daß ich kein Wort Tschechisch verstehe, reden
sie absichtlich nur in dieser Sprache, und sehen mich dabei immer so
höhnisch und herausfordernd an, daß ich wie verkauft und verraten
bin. Will ich sprechen, so sagen sie: ~nerozumime~[4] und lachen
mir ins Gesicht. Wenn in ihrer Zeitung, der »Politik«, irgend ein
boshafter Ausfall gegen die Deutschen geschrieben steht, finde ich
ihn gewiß in der Studierstube auf meinem Platz liegen, und wo man mir
einen Schabernack, selbst der gemeinsten Art, anthun kann, geschieht
es. Dabei habe ich keinem etwas in den Weg gelegt, und den anderen
Deutschen geht es nicht besser. Einer und der andere hat sich wohl auch
schon beschwert, aber denen ist gesagt worden, sie sollten nur ganz
ruhig sein, sie wären wohl selber auch nicht ohne Schuld! Das macht
Verbitterung unter den deutschen Alumnen. Wenn man erst hier in Prag
vier Jahre lang alle Quälereien tschechischen Uebermuts ertragen und
dann die ärmlichsten Kaplanstellen in kleinen Gebirgsdörfern übernehmen
soll, während die besseren und angenehmeren Stellen selbst in deutschen
Orten den Tschechen gegeben werden, dann verliert man die Freude an
seinem Berufe. Wo bleibt denn da die christliche Liebe? Den Tschechen
geht Huß über Jesus Christus und mancher hat das Bild des Ketzers in
seinem Gebetbuche. Mir widerstrebt es, Namen zu nennen, denn ich will
nicht denunzieren, aber ich möchte nicht, daß Sie mich verurteilen,
wenn ich meinen Austritt anmelde.«
[4] Wir verstehen nicht.
Der Adjunkt hatte den Jüngling ausreden lassen; er wußte, daß derselbe
nichts übertrieb; er war ja selbst Alumnus in diesem Hause gewesen und
hatte manche ähnliche Erfahrung gemacht. Nun sprach er:
»Mein lieber Vogel! Ich denke, das mit dem Austritt überlegen Sie sich
doch noch. Ich werde dafür sorgen, daß Sie an einen anderen Tisch
kommen und werde ein Auge haben auf die nationalen Heißsporne. Fassen
Sie die Sache auf als eine Uebung in der Geduld, welche Ihnen der
Himmel schickt, der Sie damit zur Selbstüberwindung erziehen will,
welche der schönste und größte Sieg ist.«
»Ach Gott, Hochwürden -- Geduld habe ich schon, und habe sie lange
bewiesen, aber die Unduldsamkeit der andern ist zu groß, und die
brüderliche Liebe, mit welcher einer den andern ertragen soll, fehlt
bei ihnen ganz. Und Unduldsamkeit und Lieblosigkeit ist doch das
Schlimmste, und, wenn ich mir denke, daß daraus Priester werden sollen,
dann thut mir's in der Seele weh.«
Peter wurde es bei diesen Worten seltsam zu Sinne. Wohl sprach der
Alumnus von Unduldsamkeit und Lieblosigkeit zunächst im nationalen
Sinne, aber ihm klang doch wie ein Vorwurf für ihn selbst durch und er
fühlte sich mit einmal befangen. Er suchte nach beruhigenden tröstenden
Worten für den Jüngling und war froh, als derselbe, wenigstens
einigermaßen besänftigt und mit dem Versprechen, noch weiter aushalten
zu wollen, ging.
Nun setzte er sich aufs neue auf das Sopha und lehnte sich sinnend
in die Ecke. Die tiefe Verstimmung, mit welcher er aus der Heimat
zurückgekommen, schien sich noch zu steigern. Er sah überall Haß bei
den Dienern der Kirche, Kampf, Fehde und Lieblosigkeit, und der Vetter
Martin erschien ihm den berufenen Vertretern Gottes auf Erden gegenüber
als ein wahrhaft frommer Mann, der mit aller Welt den Frieden suchte
und überall die Liebe hintrug und die Versöhnung.
Verstimmt ging er zum Abendbrot. Er hatte die Aufsicht in dem
Speisesaal und schritt langsam zwischen den Tischen hin. Bei jenem, an
welchem Vogel saß, blieb er stehen, und redete mit den tschechischen
Alumnen hier in freundlicher Weise. Ehe er weiter ging aber fragte er
mit gewinnender Sanftmut und Milde, ob es nicht anginge, daß während
des Essens deutsch gesprochen werde, damit auch Vogel am Gespräch
teilnehmen könne. Die Seminaristen senkten die Köpfe, einige sahen
ihn beinahe spöttisch an, und da er weiterschritt, hörte er, wie man
tschechisch hinter ihm drein redete: Der Fanatismus war größer als die
Liebe!
Am nächsten Mittag hatte er Vogel einen anderen Platz verschafft. --
Die Sommerferien, während welcher sich die meisten der Alumnen in ihre
Heimat begaben, so daß es in den Räumen des Seminars noch stiller,
wie gewöhnlich war, hatte Peter in Prag zugebracht. Er hatte die ihm
gegönnte Muße zu wissenschaftlichen Arbeiten benützt und bereitete sich
zur Erlangung des theologischen Doktorgrades vor. Nach acht stillen
Wochen kehrten die Seminaristen zurück, und das frisch pulsierende
Leben brachte wenigstens vorübergehend einen neuen Reiz. Auch Vogel war
gekommen und hatte Grüße von Peters Mutter und Schwester, welche dieser
mit einem einfachen Danke! entgegennahm.
Das neue Semester an der Hochschule begann, und der junge Adjunkt hatte
die Freude, für einen beurlaubten Professor eintreten und Vorträge aus
dem Kirchenrecht halten zu können; dadurch stieg er bei den Alumnen im
Ansehen, und selbst die Tschechen begegneten ihm jetzt höflicher und
bescheidener als zuvor.
Es war an einem Samstag Nachmittag. Die Seminaristen befanden sich zum
Teil in einem der Höfe und verkehrten hier gruppenweise. Auf einer Bank
in der Ecke unter einem der wenigen Sträuche saßen drei junge Leute
neben einander. Der eine war Vogel, der andere hatte das Ordenskleid
der Kapuziner, die braune, härene Kutte mit dem weißen Strick um die
Lenden gegürtet, und der Dritte, ganz in Schwarz gekleidet, trug
eigentlich gar kein geistliches Abzeichen, obgleich auch er Student
der katholischen Theologie war. Er war aus dem auf der Kleinseite
gelegenen Wendischen Seminar, in welchem zumeist aus der sächsischen
Lausitz stammende Angehörige der Bautzener Diözese Aufnahme fanden.
Er hieß _Stahl_ und war ein hübscher Mensch mit frischen Wangen und
feurigen dunklen Augen, dem das gelockte Haar gar keinen geistlichen
Anstrich gab. Der junge Kapuziner, Frater _Severin_, war eine Art
Heimatgenosse Vogels; er stammte aus einem Dorfe in der Nähe der
kleinen Stadt, in der auch Peter daheim war, und hatte den Alumnus
schon manchmal besucht; Stahl hatte sich an diesen angeschlossen, weil
er im theologischen Hörsaal zufällig neben ihn zu sitzen kam, und weil
er ein Deutscher war.
Severin spielte mit den Fingern an den Knoten seines Gürtels und sagte
mit einem tiefen Atemholen:
»Heute in drei Wochen habe ich meine Profeß, dann bin ich für immer an
die braune Kutte gebunden!«
»Es paßt Ihnen wohl nicht ganz recht?« fragte Stahl.
»Wie man's nimmt. Einerseits ist's gut, wenn man sich dem Orden für
alle Zeit verpflichtet und endgültig weiß, wie man in seinem Leben
dran ist; andererseits aber faßt einen doch ein bängliches Gefühl.
So lange man noch denken kann, daß man es jeden Tag in der Hand hat,
das Ordenskleid abzulegen, lebt man so in den Tag hinein, aber wenn
das entscheidende Gelübde abgelegt ist, und es kein Zurück mehr
giebt, fürchte ich, daß das Wort: ›Das Ordensleben ist der schwerste
Kriegsdienst,‹ erst zur vollen Wahrheit wird.«
»Du hast aber doch freiwillig Deinen Stand gewählt, Severin,« bemerkte
Vogel.
»So ganz und gar nicht. Meine Eltern sind arme Leute, und ich habe
mich auf dem Gymnasium jammervoll durchschlagen müssen, sodaß ich froh
war, als ich sechs Klassen hinter mir hatte und nun den ersten besten
Ausweg ergreifen konnte, ein Kapuziner oder Franziskaner zu werden.
Das Klösterchen in Deiner Vaterstadt hat etwas so Trauliches und
Idyllisches, daß ich als Junge mir gar nichts anderes gewünscht hatte,
als einmal drin zu wohnen, und mit einem langen Barte ehrwürdig in dem
schönen Garten desselben spazieren gehen zu können. Na, und meine
Mutter war ja glücklich darüber, daß ich die braune Kutte nahm, und sie
wäre _sehr_ unglücklich, wenn ich sie ablegte; ich darf schon der alten
Frau nicht die Freude verderben.«
»'s ist bald wie bei mir,« brummte Stahl und wippte lebhaft mit seinem
Fuße auf dem Boden, ein Beweis, wie ihn das Gespräch erregte. »Halb zog
sie ihn, halb sank er hin, da war's um ihn geschehen -- die »sie« ist
nämlich meine Stiefmutter. Mein Vater ist sehr fromm erzogen worden,
einige Verwandte von mir sind Priester, teilweise in sehr angesehenen
Stellungen, und da fand es denn meine liebe Stiefmutter im Interesse
ihrer eigenen drei Kinder sehr zweckentsprechend, daß ich Theologe
werde, und da mein Vater ihr gegenüber ein schwacher Mann ist, und
meine geistlichen Vettern auch noch in die Kohlen bliesen, so bin ich
-- der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe -- hier ins Wendische
Seminar gekommen. Lieber wär' ich Maler geworden, und ich glaube, ein
wenig Talent hätt' ich dazu. Aber ich durfte keine richtige Anleitung
bekommen, damit mich die Kunst nicht auf Irrwege bringe, und so
verschmiere ich denn jetzt, ganz meinem Genius folgend, ab und zu ein
Stück Leinwand. Vogel, ich denke Sie sind der Glücklichste von uns
Dreien?«
»Niemand ist glücklich vor seinem Ende!« sagte halb heiter, halb
elegisch der Alumnus, und Stahl bemerkte:
»Das hat wohl der selige Krösus gesagt, oder Solon, na ob der nach
seinem Ende glücklich war, darüber sind wohl die Kirchenväter auch
nicht einig ... aber was gaffen denn die da uns an, als wenn sie dafür
bezahlt hätten?«
Die letzte Wendung galt einigen Alumnen, die in die Nähe gekommen
waren, und mit unverkennbar spöttischen Gesichtern nach den drei
Freunden blickten. Jetzt sagte der eine ganz vernehmlich in deutscher
Sprache:
»Das ist die deutsche Dreifaltigkeit!«
»Ach bewahre, die deutsche Einfältigkeit!« sprach der andere und
beide lachten. Aber nur einen Augenblick, denn blitzschnell war der
heißblütige Stahl vorgesprungen und hatte dem zweiten eine schallende
Ohrfeige versetzt. Dieser schrie zornig auf und warf sich gegen den
Angreifer, Vogel und Severin traten abwehrend dazwischen, aber schon
lockte der Lärm die andern Seminaristen herbei, die im Hofe waren, und
ehe noch alle recht wußten, was geschehen war, wurde es schon recht
laut. Da stand mit einmal Peter Frohwalt, welcher die Aufsicht hatte,
zwischen den Streitenden und deren geballten Fäusten.
»Was giebt's denn?« fragte er.
»Ich habe dem Herrn da eine Maulschelle versetzt, weil er uns Deutsche
ohne jede Veranlassung beleidigt hat.«
Die Tschechen schrieen dazwischen, und der Adjunkt hatte zum ersten
Male Gelegenheit, seine volle Autorität zu zeigen.
»Es ist auf beiden Seiten gefehlt worden,« sagte er ernst, »und ich
werde veranlassen, daß auch beiderseits eine Sühne geleistet werde.
Sie, Kubik«, sagte er zu dem Tschechen, »gehen sofort hinauf, das
Weitere wird sich finden, und betreffs Ihrer Person, Herr Stahl, werde
ich mit dem Herrn Rektor des Wendischen Seminars Rücksprache nehmen!«
Die tschechischen Alumnen murrten noch da und dort halblaut, aber
als das klare Auge des jungen Priesters, der sich hoch aufgerichtet
hatte, sie scharf ansah, duckten sie scheu und schweigend nieder; Hans
Stahl aber machte dem Adjunkten eine stumme und durchaus respektvolle
Verbeugung und entfernte sich.
Zwei Tage später erhielt er von seinem Rektor eine strenge Vermahnung
wegen grober Verletzung der theologischen Sitte und des geistlichen
Anstands.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Sechstes Kapitel.
Es war ein Sonntag zu Anfang des Oktober. Der Himmel machte kein
besonders freundliches Gesicht, und der Wind peitschte einen
Regenschauer nach dem andern durch die Gassen der böhmischen
Hauptstadt. Die vielen Kirchen waren wenig besucht und ihre Hallen
sahen bei dem grauen, unfreundlichen Wetter trübe drein.
Am Pořič, wo die Straße hinabführt nach der schönen
Franz-Josefs-Brücke, steht das kleine Kloster zum heiligen Josef. Hier
sind Kapuziner daheim, und die freundliche Kirche wird von Andächtigen
besonders gern besucht, denn das Volk hat zu den bärtigen Bettelmönchen
mit ihrem schlichten Wesen von altersher eine gewisse Zuneigung.
Auch heute sind die heiligen Hallen trotz des schlechten Wetters
ziemlich gefüllt, denn die Kunde, daß ein junger Bruder seine Profeß
ablegen werde, war immerhin bekannt geworden, und so lockte neben der
Frömmigkeit auch die Neugier.
Mit gelbem, müdem Lichte flackerten die Kerzen vor dem Hochaltare,
rötlich schimmerte der Schein der ewigen Lampe, und die Orgel klang
schwertönig und stimmungsvoll. Vor den Stufen des Altars aber lag
Frater Severin in seiner braunen Kutte mit dem Angesicht zur Erde
gebeugt, während der Brüder ernster Gesang über ihn hin erklang. Dann
sang er selbst mit seltsam zitternder Stimme:
»~Suscipe me Domine secundum eloquium tuum et vivam et non confundas me
ab expectatione mea.~«[5]
[5] Nimm mich auf, o Herr, nach Deiner Verheißung und ich werde
leben.
Im ernsten Chor erklang die Antwort und noch zweimal mit stets erhöhter
Stimme sang der junge Professe. Dann erhob er sich und ging langsam
die Stufen des Altars hinan, vor welchem in einem Polstersessel der
Provinzial des Ordens saß. Nun verlas Severin -- und seine Stimme
war ungleich sicherer geworden als vorher, die lateinische Formel,
mit welcher er sich dem Orden und seinen ernsten Satzungen auf
Lebenszeit verband. Darauf ergriff er eine ihm dargereichte Feder und
langsam schrieb er auf der Altarsplatte selbst seinen Namen unter das
bedeutsame Schriftstück. Er zwang sich, ruhig zu scheinen, und nur an
der Blässe des Gesichts vermochten die ihm Nahestehenden die innere
Erregung zu ermessen, welche ihn ergriffen hatte.
Nun kniete er vor dem Provinzial nieder, der mit ernsten, milden Augen
ihm wie in die tiefste Seele hinabsah; er legte seine gefalteten
Hände in die Hände des greisen Priesters und sprach: »~Promitto
obedientiam!~«[6] Dann umarmte ihn der Greis und gab ihm den Bruderkuß.
Auch die andern Brüder näherten sich, und jeden begrüßte Severin in
gleicher Weise mit den Worten:
[6] Ich gelobe Gehorsam.
»~Do tibi osculum verae et sincerae confraternitatis!~«[7]
[7] Ich gebe Dir den Kuß wahrer und aufrichtiger Brüderlichkeit.
Dann klang die Orgel und helle, schöne Menschenstimmen sangen von dem
Chore herab. Ein freundlicher Sonnenstrahl kam wie ein tröstlicher
Himmelsbote herein durch das Fenster, und Severin durchschauerte es
wundersam, als ihn das himmlische Licht traf; es war ihm wie eine
schöne Verheißung, daß eine höhere Macht ihm das tragen helfen wollte,
was er auf sich genommen.
Niemals hatte er dem Gottesdienste in größerer Ergriffenheit
beigewohnt. Nach demselben traf er im Sprechzimmer seine Eltern. Den
beiden schlichten Leuten liefen die Thränen über die gebräunten Wangen,
und sie drückten, ohne Worte finden zu können, den Sohn an ihre Brust.
Die Mutter war besonders gerührt, und nahe daran, dem Jüngling die Hand
zu küssen, welche noch nicht einmal die Weihe empfangen hatte.
Am Abend war er wieder allein in seiner kleinen Zelle, die so eng
und einfach war mit dem harten Lager in der Ecke, und die im Winter
nicht geheizt wurde. Das war seine Welt! Er sah an sich hinab, auf
das braune, härene Gewand und den weißen geknoteten Strick, und zum
ersten Male kam ihm dieser vor wie eine Fessel, mit der man ihn
gebunden hatte. Die Brust wurde ihm eng, er suchte tiefer zu atmen und
vermochte es kaum, so daß er mit einem Rucke das Fenster aufriß und das
heiße Gesicht in den kühlenden Abendhauch hinaushielt. Aus dem trüben
Regenmorgen war ein freundlicher Tag geworden. Er sah blauen Himmel und
hörte von der Straße her das verhallende Geräusch der rollenden Räder,
und ein leises Summen, wie es das Leben der großen Stadt verursacht.
Das war die Welt, mit der er abgeschlossen hatte für immer, für die
er nicht mehr vorhanden war, und die nicht für ihn dasein durfte. Was
blieb ihm? -- -- Sein Brevier, um zu beten, seine wenigen Bücher -- es
waren meist kirchenhistorische Werke, die er mit Vorliebe studierte --
und die Musik.
Daheim in seiner Dorfkirche hatte ihm der Lehrer Unterricht im
Orgelspiel gegeben, und er hatte so schnell begriffen, daß er seinen
Meister bald erreicht hatte. In Prag hatte er sich noch vervollkommnet,
und in seinen Mußestunden war ihm die Orgel der liebste Freund
geworden. An ihr saß er manche Stunde, indes irgend ein freundlicher
Bruder, wohl auch ein Knabe, der es aus Vergnügen that, die Bälge
bearbeitete. Dann klang es durch die kleine freundliche Kirche oft so
weihevoll und schön, daß auch einer und der andere der Mönche herbeikam
und, in einen Winkel gelehnt, lauschte. Und wegen seines Orgelspiels
hatten ihn auch alle ganz besonders lieb.
An dem heutigen Tage aber trieb es ihn noch mehr als sonst, seinem
Empfinden Ausdruck zu geben in Tönen, und so ging er nach dem Chore,
nachdem er noch einen Laienbruder gebeten hatte, ihm den nötigen
Wind zu machen. Da saß er vor dem lieben Instrument und vergaß seine
Profeß und alle Welt. Die Orgelstimmen sangen so weich und so mild,
aus frommen Melodieen und volkstümlich getragenen Weisen wob sich ein
wundersamer Kranz von Tonbildern, und das dämmernde Abendlicht, das
über dem Gotteshause lag und in welchem wie ein rotglühender Punkt das
ewige Lämpchen schwankte, erhöhte den Zauber der Stimmung.
Das empfanden ganz besonders zwei Menschen, die in den hintersten
Kirchenstühlen sich niedergelassen hatten. Die Kirche war wie stets des
Sonntags geöffnet und der Orgelton hatte selbst manchen Spaziergänger
noch gelockt, daß er durch die Pforte herein kam und das Kirchlein
betrat. So waren auch diese beiden gekommen: Ein stattlicher Herr
im eleganten Promenadenanzug mit geistvollem Gesichte, das ein
graumelierter Vollbart umrahmte, und ein blühendes Mädchen im lichten
Gewande mit dunklerem Ueberwurfe. Sie hielt den feinen, zierlichen
Kopf mit den dichten braunen Flechten, die unter dem Hute reich
hervorquollen, gesenkt und lauschte mit Ohr und Seele, bis endlich die
Töne verklangen.
Nun erhoben sich die beiden und schritten dem Ausgange zu. In der Nähe
desselben lehnte ein älterer Mönch mit wallendem Barte. Er grüßte den
Herrn und dieser wandte sich zu ihm und fragte:
»Was haben Sie denn hier für einen trefflichen Orgelspieler, Herr
Guardian?«
»Das ist unser Frater Severin, der heute Profeß gemacht hat, Herr
Professor. Wir sind ein wenig stolz auf ihn.«
»Das dürfen Sie auch; hier ist Technik und Seele zugleich!« Der
Sprecher reichte dem Priester die Hand, und schritt hinter dem Mädchen
weiter, das bereits die Pforte erreichte und eben die Fingerspitzen
trotz der Handschuhe in den Weihwasserkessel tauchte. Der Herr folgte
diesem Beispiel und hörte wohl noch, wie hinter ihm drein ein junger
Mann, der mit einem Genossen gleichfalls in die Kirche gelockt war, zu
diesem sagte:
»Das ist ~Dr.~ _Holbert_, der Professor des kanonischen Rechts, mit
seiner Tochter!«
»Ein reizendes Mädchen!« erwiderte der andere -- was freilich der
Professor nicht mehr vernahm.
Dieser schritt mit seiner Begleiterin nach der Brücke zu, um nach der
Kleinseite zu gelangen. Auf dem Wege sprach das Mädchen:
»Weißt Du, Papa, um was ich Dich zu meinem demnächstigen Namenstage
bitten möchte? Ich habe ja einen Wunsch noch frei.«
Der Professor lächelte freundlich, indem er seinem Kinde den Arm bot
und fragte:
»Das wäre?«
»Laß mich das Orgelspiel erlernen. Es wird mir, da ich auf dem Klavier
leidliche Fertigkeit besitze, keine allzugroßen Schwierigkeiten machen,
und ich liebe das königliche Instrument so ungemein: Es hat Kraft und
Fülle bei Weichheit und Milde und erhebt das Herz wie kein anderes. Die
Macht der Töne voll entfesseln, in gewaltigen Fugen sie einherbrausen
lassen zu können, hätte für mich einen wundersamen Reiz.«
»Aber _Therese_, ich kann Dir doch keine Orgel in Deinem Zimmer
aufstellen lassen,« sagte, noch immer lächelnd, der stattliche Mann.
Das Mädchen aber, das sich fester an seinen Arm schmiegte, erwiderte:
»Das sagst Du doch nur im Scherz. Ich weiß, daß zur vollen Wirkung
der Orgel die Räume eines Gotteshauses gehören in Rücksicht auf die
Klangwirkung, wie bezüglich der ganzen Stimmung, aber Du kennst ja den
Pater Guardian von St. Josef gut genug, um mir die Erlaubnis auswirken
zu können, die dortige Orgel benutzen zu dürfen ...«
»Aha, der junge Virtuose hat Dir's angethan. Und Du meinst, daß
derselbe Dein Lehrmeister werden könnte?«
»Weshalb nicht, Papa?« fragte sie, aber es huschte in diesem Augenblick
doch ein leises Erröten über das liebliche Gesicht.
»Na, es fragt sich doch, ob der Pater Guardian dazu seine Erlaubnis
geben würde.«
»Dann kann's ja auch ein anderer sein, aber nicht einer, dem die bloße
Technik über alles geht; ich möchte mehr lernen als das Pedal treten
und die Register beherrschen -- --«
»Ich kenne Dich, Kind -- und wir wollen sehen, was sich thun läßt!«
Sie waren über die schöne Franz Josef-Brücke gegangen und die Höhe
hinangestiegen. Dann schritten sie über das grüne Belvedere hin und
sahen die alte königliche Stadt zu ihren Füßen liegen mit ihren hundert
Türmen und mit dem breiten Silbergürtel der Moldau. Der Abend war
für die Jahreszeit besonders mild und schön, und von den zahlreichen
Spaziergängern wurde der Professor häufig gegrüßt.
Jetzt kam Peter Frohwalt ihnen entgegen. Er war eine prächtige
Erscheinung, der vielfach die Augen auf sich zog, hoch gewachsen, mit
klarem, geistvollem Gesicht, dessen Frische noch durch den weißen
Saum des Collares um den Hals gehoben schien. Als er den Hut zog,
blieb ~Dr.~ Holbert einen Augenblick stehen. Er kannte den jungen
Geistlichen, der ihm bei seiner Ankunft in Prag einen Besuch gemacht
hatte, um ihm für die anerkennende Beurteilung seiner Schrift zu
danken. Sie wechselten heute einige freundliche Worte, der Professor
stellte Frohwalt seine Tochter vor, und dann schieden sie mit
herzlichem Händedruck, nachdem Holbert den anderen eingeladen hatte,
ihn bald einmal wieder zu besuchen.
»Ein tüchtiger Kopf!« hatte dann der Gelehrte zu Therese gesagt.
»Hoffentlich behält er in der Enge seiner Verhältnisse klaren Einblick
in das, was uns bei unsern Priestern notthut. Er wird jedenfalls noch
im Laufe des Winters den theologischen Doktorgrad erwerben und hat Zeug
dazu, eine Zierde seiner Fakultät zu werden.«
Als es anfing zu dunkeln, schritten Vater und Tochter durch die
belebten Straßen heimwärts. Schon am nächsten Tage nahm der Professor
Gelegenheit, mit dem Guardian von St. Josef Rücksprache zu halten
wegen des Wunsches seiner Tochter. Der war gern bereit, dem berühmten
Gelehrten, welcher außerdem in kirchlichen Kreisen besonders hohen
Ansehens sich erfreute, gefällig zu sein; selbstverständlich sollte
Therese die Orgel benützen dürfen nach Belieben -- nur betreffs des
Lehrmeisters --
Der alte Herr strich sich mit beiden Händen abwechselnd durch seinen
wallenden Bart.
»Ich weiß, Hochwürden, was Sie meinen,« sprach ~Dr.~ Holbert; »es
thut nicht gut, Feuer und Zunder zusammen zu bringen, aber Sie müssen
Ihren Frater Severin kennen. Für meine Tochter sage ich gut: Therese
ist lediglich erfüllt von musikalischem Interesse und wird jedes Wort
vermeiden, das nicht damit zusammenhängt, aber in Versuchung führen
möchte ich den jungen Bruder nicht -- --«
»Hm, hm -- ich halte Severin für eine ernste und tüchtige Natur, die
nicht leicht einen Schritt vom Wege weicht. Außerdem geht auch ihm die
Liebe zum Orgelspiel über alles, und ich glaube, er würde glücklich
sein, einen Schüler oder eine Schülerin zu haben. Wir wollen's
versuchen -- vorausgesetzt, daß er einverstanden ist; denn hier hört
die Forderung des Gehorsams auf -- und dabei die Vorsicht nicht außer
acht lassen. Ich will, scheinbar aus Interesse am Unterricht, ab
und zu dabei erscheinen, und wenn ich Unrat wittere, machen wir der
Sache unverzüglich ein Ende.« Severin wurde gerufen. Anfangs war er
einigermaßen verlegen, da er vernahm, um was es sich handle, aber
nicht, weil es eine junge Dame war, die in Frage kam, sondern weil er
seiner Begabung als Musiklehrer nicht genügend vertraute. Doch empfand
er Freude bei dem Gedanken, jemanden im Orgelspiel unterrichten zu
sollen, und er ging darauf ein.
Und nun kam Therese wöchentlich eine Stunde in die kleine Kirche.
Als der Guardian zum ersten Male die beiden jungen Leute einander
vorstellte, war Severin linkisch und schüchtern; er fühlte sich in der
braunen Kutte etwas unbeholfen und hätte -- er wußte selbst nicht recht
warum, den Unterricht lieber in der Laientracht erteilt. Das junge
Mädchen dagegen mit seinen feinen, sicheren Formen fand ohne weiteres
den rechten Ton: Freundlichkeit ohne Vertraulichkeit, Anmut ohne
Koketterie, klare Verständigkeit ohne Vorkehren der Ueberlegenheit in
den Umgangsformen, das war es, was der Guardian für sich selbst an ihr
rühmte, und was ihn um Severins willen mit großer Beruhigung erfüllte.
Für diesen aber waren es schöne Stunden, wie er sie in seinem Leben
bis dahin nicht gekannt hatte, wenn er, mit voller Seele bei seinem
Spiel, sah, welch' eine gelehrige Schülerin er gefunden hatte, und
wenn diese schlanken weißen Finger so kraftvoll in die Tasten griffen,
während er selbst, je nach der Stimmung, die Register zog, schien ihm
das Instrument, dem er lange genug vertraut geworden war, immer neue
Vorzüge und Schönheiten zu entwickeln.
Der Guardian war ab und zu anwesend gewesen während dieser Stunden, und
überzeugte sich mehr und mehr, daß ausschließlich die Freude an der
Musik die beiden jungen Herzen erfüllte, und so gab er sich selbst gern
dem Genusse hin, welcher in der Beobachtung lag, wie der junge Lehrer
zu geben, die Schülerin aufzunehmen verstand.
So lief der Herbst in den Winter hinein, und eines Tages erhielt Peter
ein Schreiben aus der Heimat, in welchem Freidank ihm in bescheidener
und höflicher Weise anzeigte, daß er noch vor der Adventszeit sich mit
Marie vermählen und daß die Hochzeit in der kleinen Kirche zu **dorf
in aller Stille stattfinden werde. Für den Adjunkten war es klar, daß
seine Schwester bereits Protestantin geworden war, obgleich man ihm
dies nicht mitgeteilt hatte, und der Gedanke daran ergriff ihn so
mächtig, daß er sich der Thränen nicht erwehren konnte; es war ihm, als
wäre Marie gestorben, und nach seiner Meinung war das, was sie gethan
hatte, schlimmer als der Tod. Darein mischte sich zu dem Schmerze der
Zorn; er zerriß den Brief Freidanks in kleine Stücke, die er in das
flackernde Ofenfeuer warf und mit diesem symbolischen Thun riß er
nach seiner Absicht alle Fäden entzwei, welche ihn an seine Schwester
knüpften; der ihm aufgezwungene Schwager war überhaupt nicht für ihn
vorhanden.
Er suchte seine Gedanken abzulenken und ging nach dem Krankenzimmer
des Seminars, in welchem seit einiger Zeit Vogel nicht unbedenklich an
Brustfellentzündung darniederlag. Peter Frohwalt hatte eine Zuneigung
für den Jüngling, die nicht bloß auf dem landsmännischen Verhältnis
beruhte, sondern in dem ganzen ehrlichen, frischen und berufsfreudigen
Wesen des Alumnus begründet war, und er hatte sich deshalb während der
Erkrankung seiner mit besonderer Liebe und Sorgfalt angenommen, und
war täglich wiederholt gekommen, um nach ihm zu sehen.
Diesmal traf er mit dem Arzte zusammen. ~Dr.~ Otto war ein kleiner,
lebhafter alter Herr, immer freundlich und liebenswürdig, dessen
Besuch allein schon günstig auf seine Patienten wirkte; er hatte etwas
Herzliches und Ermutigendes, und so leuchteten auch die Augen Vogels
frischer, und auf seinem jungen Gesichte lag Zuversicht der Genesung.
Der Arzt versicherte auch Frohwalt, den er mit warmem Händedruck
begrüßte, daß es nun mit der Gesundung rasch vorwärts gehen werde, und
da er sich entfernt hatte, setzte sich der Adjunkt neben dem Bette
des Kranken nieder. Es war zur Zeit kein weiterer Patient im Raume,
und Vogel konnte ganz dem Zuge seines Herzens folgen. Er ergriff in
aufwallender Freude und Dankbarkeit die Hand des Adjunkten und küßte
sie innig.
»Sie haben mir so viel Liebes und Gutes gethan, Hochwürden, wie einem
Bruder -- das vergesse ich Ihnen in meinem ganzen Leben nicht.«
Peter Frohwalt suchte den Erregten zu beruhigen, aber seiner eigenen
gedrückten Seele that die Liebe und die Dankbarkeit des Jünglings wohl.
Er verließ denselben heiterer, als er gekommen war. Aber da er langsam
durch den Korridor hinschritt, klang ihm fortwährend ein Wort in den
Ohren, eine mahnende Stimme, von der er nicht wußte, woher sie kam:
»Wer Liebe säet, wird Liebe ernten!«
Sollte er nicht doch auch in der Heimat Liebe säen, in den Herzen
seiner Schwester und Freidanks? -- Wenn ihm der Fremde so dankte, wie
würden dies erst die Seinen thun! Und wieder kam das alte Unbehagen
über ihn, als er sein Gemach betrat, und er griff nach seinen Büchern,
um über seinem Studium zu vergessen, was seine Seele quälte.
Er wurde indessen gestört durch einen Besuch, welchen er wohl kaum
erwartet hatte. An der Thüre hatte es gepocht wie mit einem zaghaften,
unsicheren Finger, und auf sein »Ave!« trat der alte Pfarrer von
Nedamitz ein. Frohwalt freute sich, ihn zu sehen, und war doch
erschrocken. Der Mann sah nicht gut aus. Sein Haar schien in der kurzen
Zeit, seit ihn der Adjunkt nicht gesehen hatte, spärlicher und bleicher
geworden zu sein, die hagere Gestalt war zusammengebeugt, und die Augen
lagen glanzlos und tief in dem fahlen Gesichte.
Peter hatte ihm sogleich einen Sitz angeboten. »Was führt Sie einmal
aus Ihrer ländlichen Idylle in die große Stadt?« frug er.
»Es ist aus mit der Idylle, Herr Adjunkt« -- sagte der alte Priester
mit einem wehmütigen Lächeln -- »ich bin abgesägt worden.«
Frohwalt sah den zusammengesunkenen Mann mit dem ungesunden Gesichte
und den schwimmenden Augen teilnahmsvoll an, und dieser fuhr fort:
»Barbara ist gestorben, ziemlich schnell und ohne lange Krankheit; der
Herr geb' ihr die ewige Ruhe; sie hat ihre Schwächen gehabt, aber sie
war ein tüchtiges Weibsbild. Und nach ihrem Tode habe ich wohl wieder
ein wenig mehr ab und zu getrunken, als gut war. Ihr Nachfolger war ein
lebenslustiger Herr, der auch etwas leisten und vertragen konnte, und
wir haben so manchmal bis in die Nacht hinein gesessen. Recht war's
ja nicht, und ich hätte auch den Verstand für uns alle beide haben
müssen. Wenn Sie in Nedamitz geblieben wären, wär's auch nicht so weit
gekommen. Ich glaube, der Gemeindevorstand hat zuletzt den Vikar auf
mich gehetzt, und da ich beim hochwürdigen Konsistorium nicht gerade
gut angeschrieben war, haben sie mich pensioniert. Die Pension -- zu
wenig zum Leben, zu viel zum Sterben -- ist erbärmlich klein, und wenn
ich auch nicht viel brauche, so ist's doch nicht zum Auskommen. Darum
komm' ich zu Ihnen, um Sie zu bitten, mir, falls Sie Gelegenheit
haben, einige Meßgelder zuzuwenden.«
Der alte Mann seufzte und wischte sich mit seinem blau- und
rotgewürfelten Taschentuche die feuchten Augen.
»Das thut mir leid, Herr Pfarrer, daß wir uns so wiedersehen,« sagte
nun der Adjunkt, den, wenn er auch in all dem Gehörten eine gerechte
Fügung erkannte, doch das Mitleid ergriffen hatte. »Ich werde mich
gerne bemühen, Ihnen etwas zuzuwenden. Vielleicht gelingt es auch,
Sie einem der Herren ~Canonici~ als Vikar zu empfehlen -- freilich
müssen Sie Ihre Lieblingsneigung, Ihre Schwäche will ich lieber sagen,
bekämpfen.«
»Mit leerem Beutel wird sich das leicht machen lassen,« sprach beinahe
bitter, mit einem Lächeln um die schlaffen, herabgezogenen Mundwinkel
der Pfarrer -- »und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie etwas thun
wollten.«
»Wissen Sie was?« sagte Frohwalt in einer augenblicklichen milden
Regung, denn wiederum klang ihm das Wort vom »Liebe säen« in der Seele
-- »ich habe heute vormittag Zeit, wir gehen gleich jetzt mit einander
zum Herrn Kanonikus Kupetz, den ich persönlich ziemlich gut kenne, und
der ein freundlicher und wohlwollender Herr ist.«
»Na, wenn Sie meinen -- ich bin zwar den Domherren immer lieber aus
dem Wege gegangen, aber wenn ich mich vorstellen soll, ist mir's doch
lieber, ich habe Sie zur Seite und Sie reden für mich.« --
Bald darauf schritten die beiden Geistlichen über die Karlsbrücke.
Es war ein herrlicher Wintertag, mild und klar, und die gelblichen
Wellen des Flusses rollten, frei von der Eisfessel, unter ihnen hin und
brachen sich an den mächtigen Strebepfeilern. Im Sonnenglanze lag der
prächtige Hradschin da mit seinem weithin gedehnten, hundertfenstrigen
Königsschlosse, mit dem stattlichen Bau des adeligen Damenstifts,
das ehedem der Palast des berühmten Hauses Rosenberg war, und mit
dem rötlichen Gemäuer des massiven Palais Lobkowitz, welches die
schwerfälligen beiden Türme des alten St. Georgklosters überragten,
über welche der mit einer unpassenden Haube versehene Turm des
herrlichen St. Veitdomes noch hinwegsah. Es war ein prächtiges Bild,
das scharf sich abgrenzte von dem klaren Winterhimmel, und das selbst
dem Pfarrer, der lange nicht in Prag gewesen, eine Aeußerung des
Wohlgefallens entlockte.
Sie schritten über den Kleinseitner Ring, an dem schönen Denkmal
des Feldmarschalls Radetzky vorüber und gingen langsam die steile
Spornergasse hinauf. Bei einem grauen, schmalbrüstigen Hause in der
Nähe der Liguorianer blieb der Pfarrer einen Augenblick stehen und
sagte: »Hier wohne ich, in dem dritten Stockwerk nach hinten hinaus --
wenn Sie mich ja einmal besuchen wollten. Ich hab's nicht geräumig und
auch nicht gerade freundlich -- die Aussicht geht auf die Dächer --
aber ein alter abgesägter Priester darf nicht viele Ansprüche machen.«
Sie gingen weiter und kamen an dem erzbischöflichen Palais vorüber
nach jener stattlichen Häuserreihe, welche sich an dem freundlichen,
mit grünen Anlagen versehenen Platze hinzieht, und die der Volkshumor
die »Gimpel- (Dompfaff-) Allee« zu nennen pflegt. Hier wohnen die
Mitglieder des fürsterzbischöflichen Domkapitels, jeder in einem
besonderen Hause.
Wieder blieb der alte Pfarrer stehen, sah zu den spiegelnden
Fensterscheiben der vornehmen Häuserfront, deren Eingangsthüren meist
mit der Mitra geschmückt waren, und sprach seufzend:
»Sehen Sie, der Herr Domprobst bezieht jährlich dreißigtausend, ein
Kanonikus etwa zwölftausend Gulden -- was machen die Herren mit dem
vielen Gelde?«
»Sie müssen bedenken, daß ihre Stellung im Interesse des Ansehens der
Kirche höhere Einkünfte verlangt.«
»Na, die Apostel haben's aber doch auch nicht gehabt!« sagte der
Pfarrer mit halb humoristischer Bitterkeit, die seinem schlaffen
Gesichte einen beinahe weinerlichen Zug verlieh.
An einem der Häuser zog Frohwalt an dem Klopfer. Ein Glockenton
erklang, und gleich darauf erschien ein junges, schmuckes Dienstmädchen
mit weißer Schürze, das, nachdem es erklärt hatte, daß der Herr
Kanonikus zu Hause sei, die beiden durch einige Zimmer bis nach einem
kleinen Salon führte, wo sie einstweilen warten sollten. Hier zeugte
alles von Eleganz und Bequemlichkeit; die ganze Wohnung war vornehm:
Polstermöbel mit reichen Ueberzügen, hohe Spiegel, Erzeugnisse der
Malerei und Bildhauerei, ausländische Pflanzen und Vögel ...
Der schlichte, alte Landpfarrer sah sich um, wie in einer fremden Welt,
und wagte nicht, sich in einen der sammtnen Fauteuils zu setzen. Das
war anders als im Nedamitzer Pfarrhause. Er seufzte halblaut und sagte
nun flüsternd zu seinem Begleiter:
»Der hier hat keine Not und keine Sorgen!«
[Illustration: Der Besuch Frohwalts mit dem alten Pfarrer beim
Kanonikus (Chorherrn) (S. 118).]
»Wer weiß?« erwiderte Frohwalt, aber als ob er Lügen gestraft werden
sollte, so klang jetzt nebenan helles Lachen von Frauenstimmen und das
Klingen von Weingläsern. Darauf folgte das Rücken eines Stuhles, und
gleich darauf kam durch die Flügelthüren der Kanonikus herein. Er war
ein kleiner, wohlbeleibter Herr mit einem geröteten Gesicht, das mit
seinem Doppelkinn, seinen hängenden Wangen und den kleinen, gutmütigen
Augen recht wohlwollend aussah. Er trug einen schwarzen Gehrock und
um den Hals das violette Collare; an der Weste waren einige Knöpfe
geöffnet -- er schien sich eben vom Frühstück erhoben zu haben.
Der Domherr war nicht unfreundlich; er forderte die beiden auf, sich
niederzulassen und hörte mit einem gewohnheitsmäßigen Lächeln um den
breiten Mund dem Adjunkten zu, der in warmen Worten ihm den Pfarrer
empfahl und anfrug, ob nicht vielleicht eine Vikarstelle erledigt sei.
Der Kanonikus ließ seine Augen auf dem Gesichte des Pfarrers ruhen; er
schien sich zu erinnern, warum dieser seines Amtes enthoben war; der
letztere wagte übrigens selbst gar nicht zu sprechen, und so entstand
eine kleine Pause. Der Herr des Hauses zog eine wertvolle Tabakdose
hervor, spielte ein wenig mit derselben, nahm darauf mit zwei Fingern
behäbig eine Prise heraus und bot das blinkende Gefäß leutselig den
beiden andern, welche dankend ablehnten. Nun erst sagte er:
»Es trifft sich gut, und ich will einmal annehmen, daß Sie der
Himmel mir schickt, Herr Pfarrer. Mein Vikar, der an meiner Stelle
das kirchliche Gebet im Dom verrichtet, wenn ich verhindert bin, ist
gestern vom Schlage gerührt worden und wird wohl nicht mehr werden. Ich
will Ihnen seine Stelle übertragen und Ihnen dieselbe Entschädigung
geben. Ich weiß, daß Sie es brauchen können. Aber« -- fügte er lächelnd
und mit erhobenem Zeigefinger bei -- »über die kleine Schwäche, -- na,
Sie wissen schon -- müssen Sie wegkommen!«
In das fahle, schlaffe Gesicht des Pfarrers war eine Röte gestiegen,
vielleicht der Freude, vielleicht der Scham, und er stammelte einige
Dankesworte. Der Kanonikus teilte ihm kurz noch das Weitere mit, und
dann verabschiedete er die beiden Besucher mit dem Bemerken, daß er den
Geburtstag seiner Schwester feiere.
Frohwalt schritt mit seinem Begleiter langsam über die weichen
Teppiche; auf dem Flur begegneten sie einer hochgewachsenen Dame in
dunklem Seidenkleide, die ihren Gruß steif herablassend erwiderte, und
wenige Augenblicke später standen Sie unter den grünen Bäumen vor dem
Hause.
Jetzt wurde der Pfarrer in der Freude seines Herzens gesprächig und
redete von vergangenen Tagen, von seiner Dankbarkeit und fragte auch
nach dem »Vetter Martin«, den er gern einmal wiedersehen möchte,
und dessen Adresse er sich ausbat. Die konnte der Adjunkt ihm nicht
geben, denn der Alte war bereits auf einer seiner Wanderungen, wie er
von Vogel erfahren hatte, und diesmal noch nicht einmal in das alte
heimatliche Winterquartier zurückgekommen.
Sie gingen langsam wieder die Spornergasse hinab, und vor dem grünen
Hause, in welchem der Pfarrer wohnte, sagte derselbe:
»Wollen Sie nicht einen Augenblick mit heraufkommen, damit Sie
wenigstens sehen, wo ich stecke.«
Frohwalt ging mit. Durch einen dunklen Flur kamen sie auf einen
schmutzigen Hof, und im Hintergebäude stiegen sie eine enge Treppe
hinauf, dumpfiger Geruch erfüllte die Räume, Kindergeschrei erscholl
aus einigen Wohnungen, und im obersten Stockwerk war die Behausung des
Pfarrers. Er öffnete die Thür und ließ seinen Besuch eintreten.
»'s ist nicht ganz wie beim Herrn Kanonikus!« sagte er mit einem Anflug
wehmütigen Humors, und der Gegensatz, den er hervorheben wollte, war
allerdings groß genug. Das Wohnzimmer, an das noch ein kleiner Alkoven
stieß, war klein, und trotz der beiden Fenster nicht hell, denn
diese gingen nach dem Hofe. Die Möbel waren beinahe ärmlich, und das
wurmstichige Kanapee mit dem geblümten Kattunüberzuge ächzte, als sich
Frohwalt darauf setzte.
»Ich habe meine Möbel verkauft,« sagte der Pfarrer; »der Transport
hätte mich zuviel gekostet, und die da thun's ja auch für mich.
Nur Einiges vom Hausgerät, das mir besonders lieb war, habe ich
mitgenommen.«
Der Blick des Adjunkten fiel eben jetzt auf den wohlbekannten Zinnkrug,
der von einem alten Schrank herabgrüßte, und er hätte gewünscht, daß
derselbe mitsamt den Möbeln in Nedamitz geblieben wäre. Er hielt sich
nicht lange auf in dem Raume; die Luft war muffig und lag ihm auf der
Brust: Es war eine Mischung von Tabaksqualm und Kohlendunst.
Er war froh, als er langsamen Schrittes unter dem klaren Winterhimmel
über die Brücke nach der Altstadt zurückkehrte. Bei dem Brückenturm
begegnete er Professor Holbert, an dessen linker Seite Hans Stahl mit
dem Ausdruck des Stolzes in dem frischen Gesichte einherschritt. Der
erstere kam auf ihn zu und sagte ihm mit einem Händedruck:
»Sie sind mir noch immer einen Besuch schuldig, Hochwürden. Wie wäre
es denn nächsten Sonntag nachmittag zu einer Tasse Kaffee? -- Meine
Tochter würde sich gleichfalls freuen.«
»Ich komme, wenn Sie gestatten, Herr Professor!«
»Schön -- also, auf Wiedersehen!«
Und der Professor schritt mit Hans Stahl weiter nach dem Franzensquai,
während der Adjunkt sich nach dem Seminar wandte.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Siebentes Kapitel.
Professor Holbert wohnte in der Zeltnergasse, nicht weit vom Pořič.
Einfache Vornehmheit zeichnete die Räume aus, welche er innehatte,
und das entsprach völlig seinem eigenen Wesen. Abhold jedem Prunk und
Schein, gerade und ehrlich in Wort und Wirken, verschmähte er das
Gehaltlose und Unechte auch in seiner Wohnung, und die geschnitzten
Möbel, die wenigen aber trefflichen Bilder, die künstlerisch
vollendeten Büsten, und die ganze Anordnung im allgemeinen zeugten von
gediegenem Geschmack und von wohnlicher Behaglichkeit zugleich, so daß
jeder Besucher sich bei ihm wohl fühlte, zumal er mit ungezwungener
Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit empfangen wurde. Seine Gattin hatte
der Professor seit einigen Jahren verloren, und Therese mußte ihm die
Hausfrau ersetzen. Dazu besaß sie alle Fähigkeit: Klarheit des Geistes
und Umsicht, gefälligen Schliff der Umgangsformen und Sinn für alles,
was Anmut und Behagen in die Häuslichkeit zu bringen vermochte; der
Professor nannte sie den Sonnenschein seines Hauses. Und dabei war sie
noch jung, etwa neunzehn Jahre alt.
Es war der Sonntag, für welchen ~Dr.~ Holbert den Adjunkten eingeladen
hatte. Der Nachmittag war unfreundlich, Schneeschauer verfinsterten
die Gasse, und manchmal schlug der Wind sausend gegen die Fenster, daß
sie leise klirrten. Im wohlgewärmten Salon aber war es hier ungemein
traulich und behaglich. Frohwalt war gekommen, herzlich begrüßt, wie
es Brauch in diesem Hause war, und lernte zunächst noch einen Gast
kennen, einen jungen Arzt, ~Dr.~ Moritz _Haller_, einen hübschen und,
wie es schien, weltgewandten Mann mit etwas blasierten Manieren, der
behaglich, wie wenn er hier zu Hause wäre, in einem Fauteuil beim
Kamin saß, in einem bildergeschmückten Reisewerke blätterte und zu den
Bildern seine Bemerkungen machte, worin er sich auch durch die Ankunft
Frohwalts nicht stören ließ.
Diesen nahm der Professor in Beschlag, und während er sich mit ihm
über eine kirchenrechtliche Frage unterhielt, welche den Adjunkten
interessierte, plauderte der Doktor mit der Tochter des Hauses, wobei
sich manchmal seine Stimme zu halbem Flüstern dämpfte.
Gewinnend schien der letztere dem jungen Geistlichen nicht, zumal
er im Laufe des Nachmittags sich fortwährend bemühte, eine Art
geistiger und gesellschaftlicher Ueberlegenheit herauszukehren, die
er in letzterer Beziehung zweifellos, in ersterer nicht unbestritten
besaß. Der Professor wußte indes geistvoll und gewandt allen etwaigen
Unannehmlichkeiten die Spitze abzubrechen, so daß die allgemeine
Stimmung keine Trübung erfuhr.
Es hatten sich noch zwei Gäste eingefunden: Frater Severin als
Lehrer Theresens im Orgelspiel und Hans Stahl, der mit seinem weißen
Stehkragen und der koketten schwarzen Schleife, sowie mit dem ganzen
frischen und lebendigen Wesen nicht den Eindruck eines katholischen
Theologen machte. Sein Vater und der Professor waren Jugendbekannte,
und so hatte der Jüngling Eingang im Hause des Letzteren gefunden. Er
bewegte sich gesellschaftlich sicher und gewandt, mit einigermaßen
burschikosem Anstrich, der aber nichts Rohes und Verletzendes hatte,
wogegen der junge Kapuziner, dem solche Gesellschaft fremd war, sich
einigermaßen befangen fühlte.
Aber auch einem solchen Gaste wußte der Professor gerecht zu werden,
indem er die Musik ins Feld führte. Er veranlaßte Therese, sich an den
Flügel zu setzen, und unter den gewandten Fingern perlte in köstlicher
Reinheit eine Mozartsche Sonate hervor, und die Augen des jungen
Mannes begannen zu leuchten. Er hatte sich, alles andere vergessend,
zurückgelehnt in seinem Sitze, und hielt die Blicke unverwandt auf die
weißen, schlanken Mädchenhände gerichtet, welche auf den glänzenden
Tasten meisterten, und da das Stück endete, that er einen tiefen
Atemzug. ~Dr.~ Haller und Hans Stahl sprachen, der erstere in etwas
überschwänglicher Weise -- ihr Lob aus; auch Frohwalt äußerte sich in
gleichem Sinne, der junge Kapuziner aber sagte mit einem tiefen Erröten
nur:
»Ich danke Ihnen, Fräulein.«
Nun begann Therese zu singen. Sie hatte einen volltönigen, milden Alt,
der ungemein wohlthuend klang, und das schlichte Lied im Volkston
gewann dabei einen herzgewinnenden Ausdruck. Es war die Ballade von den
zwei Königskindern, die nicht zusammenkommen konnten
-- das Wasser war viel zu tief.
~Dr.~ Haller spielte die Begleitung, gewandt und feinsinnig, Hans
Stahl aber lehnte an der Fensterbrüstung und sah mit flimmernden Augen
nach den beiden hin. Severin jedoch sank wieder tiefer in seinen Sitz
und hielt den Kopf gesenkt, als ob er träume. Seine Seele war voll
von seltsamen Empfindungen, wie er sie niemals gehabt hatte; er hätte
jauchzen und zugleich weinen mögen.
Dann sang auch Hans Stahl, der einen frischen Tenor hatte, wenig
geschult, aber klangvoll; es war das Mendelssohnssche:
Leise zieht durch mein Gemüt,
Liebliches Geläute -- --
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling' hinaus in's Weite!
Vor den Fenstern sang der Wintersturm, um so anmutender wirkte der
Frühlingsgruß:
Wenn Du eine Rose schaust,
Sag' ich laß sie grüßen!
Dann setzten sich das Mädchen mit ~Dr.~ Haller und Stahl zusammen an
den kleinen Tisch bei dem Kamin, in der Nähe des Fensters aber saßen
die drei andern. Hier wurden wissenschaftliche Fragen behandelt, und
dem jungen Kapuziner war es ein Genuß, die anderen beiden sprechen zu
hören; nur als eine kirchengeschichtliche Frage gestreift wurde, wagte
auch er einige Worte dazwischen zu werfen, die den Beweis lieferten,
daß er auf diesem Gebiete wohl daheim war.
Da es zeitig dunkelte an dem Nachmittage, waren die Gaskronen
angezündet worden, die ein freundliches Licht durch den behaglichen
Salon ausgossen und den traulichen Eindruck desselben noch erhöhten.
Leuchtender hob sich das helle Gewand des Mädchens von den dunklen
Anzügen der Herren, sowie von dem tiefblauen Sammtbezug ihres Sitzes
ab, und das Bild am Kamin war zum Malen hübsch.
Die drei jungen Leute blätterten in einer Mappe, die in
photographischen Nachbildungen Meisterwerke der Malerei enthielt.
Auch hier liebte es ~Dr.~ Haller, einen lehrhaften Ton anzuschlagen,
wie einer, der gewohnt ist, mit unantastbarer Sicherheit über
Kunstleistungen abzuurteilen. Hans Stahl hatte ab und zu eine Bemerkung
dazwischen gethan, mehr zu dem Mädchen, als zu dem Arzte, aber es klang
immer wie eine feindselige Gereiztheit in dem Tone. Die überlegene Art
des andern schien ihn offenbar zu verdrießen.
»Ja, mein lieber Herr Stahl, das verstehen Sie doch wohl nicht zu
beurteilen,« sagte jetzt der Doktor, sehr vernehmlich und nicht ohne
Geringschätzung, so daß die Drei am Fenster unwillkürlich hinhorchten.
»Meinen Sie, Herr Doktor, daß man dazu Medizin studiert haben müsse?«
entgegnete Stahl ziemlich scharf.
»Das nicht, wohl aber Kunstgeschichte und Aesthetik!« war die kühle,
überlegene Antwort.
»Das ist meine Meinung auch, aber ich fürchte, Sie sind darin nicht
weit genug gekommen.«
»Herr, solche Anzüglichkeiten verbitte ich mir!«
Therese war unruhig geworden und suchte lächelnd zu vermitteln, wobei
sie ihre Hand auf den Arm des Doktors legte, der auch sogleich, das
Unhöfliche des ganzen Vorganges erkennend, sich zu ihr wandte mit
einem Worte der Entschuldigung. Aber auch das trug so den Stempel
des Verletzenden für Stahl, daß dieser nach seiner heißblütigen Art
aufstand mit dem Worte:
»Ein Unwissender auf diesem Felde bleiben Sie aber doch!«
Jetzt hatte auch der Professor sich erhoben und rief milde und
freundlich herüber:
»Das klingt ja bitterböse. Darf man wissen, um was es sich handelt?«
~Dr.~ Haller hatte sich zu beherrschen gesucht; er sprach:
»Wir haben hier eben das Bild »Jakob und Rahel« von Giorgione
Barbarelli, von dem nach der Behauptung des jungen Theologen« -- die
Stimme des Redenden hatte hier einen spöttischen Klang -- »das Original
sich in der Dresdener Galerie befinden soll -- --«
»Ich habe es oft genug dort gesehen,« warf Stahl dazwischen.
»-- und dessen Maler nach der Meinung Herrn Stahls der älteren
venetianischen Schule angehören soll.«
»Nicht bloß nach _meiner_ Meinung -- --«
»-- während derselbe ganz zweifellos zu dem Florentiner Kreise gehört.«
»Ich bin zwar nicht allzufest in den Einzelheiten der Kunstgeschichte«
-- sprach nun der Professor, noch immer lächelnd -- »aber diesmal hat
Herr Stahl doch Recht. Giorgione da Castelfranco hat zu Anfang des 16.
Jahrhunderts in Venedig gelebt und ist dort gestorben.«
Haller wurde weiß bis in die Lippen, und seine Augen zuckten einmal
gehässig über den jungen Theologen, der hochaufgerichtet, schweigend,
aber mit dem Ausdruck eines Siegers im Antlitz dastand. Professor
Holbert erkannte das Peinliche für den Doktor, und fügte bei:
»Ein solcher Gedächtnisfehler ist verzeihlich, mein lieber Doktor,
und ein einzelner kann nicht auf allen Gebieten ausgezeichnet sein.
Herr Stahl hat diesmal sein Recht mit jugendlichem Eifer verfochten,
gönnen Sie ihm den kleinen Triumph, denn der alte Giorgione steht doch
nicht dafür, daß sich seinethalben zwei liebe Gäste erhitzen. Zuletzt
freuen wir uns doch der Werke eines Meisters alle gleich, und ob er
Florentiner oder Venetianer, das ist dabei nebensächlich. Die wahre
Kunst stammt aus göttlichen Höhen und ist überall daheim, soweit die
Erde Gottes ist. Auf sie lassen Sie uns anstoßen!«
Er hatte sein Weinglas herbeigeholt, und die Gläser klangen.
»Und nun -- daß die Kunst auch ihre versöhnliche Kraft übe, mag Therese
uns noch ein Lied singen!«
Das Mädchen ließ sich nicht weiter nötigen; sie setzte sich an das
Instrument, und indem sie sich selbst begleitete, sang sie das
ergreifend schöne, schlichte Mendelssohnsche Lied:
Herr, zu Dir will ich mich retten,
Wenn die Welt mich kränkt und schlägt,
Will in Deinen Schooß mich betten,
Wund und müd' von argen Ketten,
Die meine schwache Seele trägt ...
Ein beinahe weihevoller Hauch ging durch die Herzen, und als die
Sängerin geendigt hatte, und eine augenblickliche Stille mehr als
lauter Beifall redete, erhob sich der junge Kapuziner und sagte
halblaut:
»Das wird mir in der Seele bleiben! Nun muß ich gehen!«
»Ich begleite Sie, Frater Severin,« rief Stahl, der gleichfalls
aufstand. Er fand mit seiner gewandten Manier einige verbindliche Worte
für Therese, die ihm, wie dem jungen Mönche die Hand zum Abschiede
reichte; die Rechte des letzteren zitterte leise in der warmen, weichen
Hand des Mädchens. Der Professor selbst begleitete seine jungen Gäste
hinaus und entließ sie mit freundlichem Worte, dann kehrte er zu den
andern zurück, welche jetzt an dem Mitteltische saßen.
»Ein junger Hitzkopf!« sagte er lächelnd mit Bezug auf Stahl -- »aber
es ist gute Rasse. Nur meine ich, er hätte besser zum Künstler,
vielleicht auch zum Soldaten gepaßt, als zum Theologen.«
Der Adjunkt bestätigte dies insofern, indem er den Vorgang im Seminar
erzählte, bei welchem der junge Theologe sein nationales Bewußtsein so
entschieden zum Ausdruck gebracht hatte.
Ueber das Gesicht Holberts zog ein leiser Schatten; er sagte:
»Das ist bezeichnend für unsere ganzen Verhältnisse. Die nationale
Erregung ist auf beiden Seiten im Steigen und dürfte noch wunderliche
Blüten treiben. Die Tschechen haben sich allmählich in einen Größenwahn
hineingelebt, der sie Anstand, Gerechtigkeit und ernstes Streben ganz
vergessen läßt. Daß der Ton ihrer Blätter sein Echo selbst unter
der jungen Priesterschaft findet, ist höchst bedauerlich, und es
kommt vielleicht bald die Zeit, da in der Prager Diözese ein Mangel
an deutschen Priestern eintritt. Und wenn erst auf deutschem
Boden tschechische Geistliche amtieren, die Huß mehr verehren als
die Apostel, und die ihre Stellung anstatt zu friedfertigem Wirken
zu nationalen Gehässigkeiten ausnützen werden, wird man seitens der
Staatsgewalt wie seitens des Konsistoriums vielleicht zu spät beklagen,
daß man nicht bei Zeiten diesem Treiben ein Ende gemacht hat. Das ist
ein unerquickliches Thema, lassen Sie uns auf einen anderen Boden
zurückkehren. Wie weit sind Sie mit Ihren Rigorosen, Herr Adjunkt?«
»Ich hoffe noch vor Ostern den Doktorgrad zu erlangen,« sagte Frohwalt.
»Das freut mich -- an Ihnen gewinnt die Hochschule und vor allem die
theologische Fakultät eine Zierde.«
Der Adjunkt suchte das Lob bescheiden abzuwehren, aber der Professor
fuhr fort:
»Ich will Ihnen keine Schmeichelei sagen, aber ich wünsche im
Interesse der Sache, daß es so werden möge. Denn die Zustände an
Ihrer Fakultät sind nicht erfreulich. Ich habe keine Ursache, mich
darüber auszuschweigen, und habe auch vor maßgebenden Persönlichkeiten
darüber gesprochen. Sie haben ja selbst erfahren, in welcher Weise
die Hörer der Theologie gedrillt werden, und wie es dabei auf leeren
Gedächtniskram in der Hauptsache hinausläuft: Gemüt und Geist bekommt
dabei herzlich wenig ab. Das sind doch wahrlich nicht frische, freie
Studenten, welche hier vor dem Katheder sitzen, sondern ganz armselige
Schuljungen in der Kutte, welche auf die Worte des Lehrers schwören.
Und wenn nur die Lehrer immer noch darnach wären! Ich schätze einige
Herren Ihrer Fakultät sehr hoch, sie haben als Männer der Wissenschaft
ihre Verdienste, aber wirklich bedeutende Gelehrte sind doch hier
eine Seltenheit. Denn während die Professoren anderer Fakultäten und
Hochschulen durch Herausgabe von Werken der Wissenschaft zu nützen
bemüht sind, zeigt die Liste unserer theologischen Fakultät im
wesentlichen -- nur Namen!«
Auf Frohwalts Gesicht stand eine hellere Röte. Er sagte mit
einigermaßen verschleierter Stimme -- die Anwesenheit Hallers schien
ihm dabei Unbehagen zu machen:
»Sie haben ja völlig recht, aber es ist nicht abzusehen, wie das sich
ändern soll.«
»So lange man nicht ein anderes System bei Berufungen einführt, weiß
ich es auch nicht. Wer als Seminarist das Rädchen des Gedächtnisses
am besten schnurren ließ, sich hübsch fügen und schmiegen konnte und
sonstige nicht gerade zu wissenschaftlicher Bedeutung notwendige
Eigenschaften besaß, so daß er es vielleicht zum Präfekten unter den
Alumnen gebracht hat, der wird, wenn er sonst gut paßt, Adjunkt, und
nun klettert er sachte an der Leiter der akademischen Würden in die
Höhe und -- wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand, das ist
ja ein altes, bekanntes Sprichwort. Ein Deutscher hat übrigens seltener
das Glück, zu solcher Laufbahn zu kommen, und das spricht bereits für
Sie -- abgesehen davon, daß ich Sie aus Ihren litterarischen Arbeiten
aufrichtig hochschätze. Aber -- nehmen Sie mir meine freimütige
Aussprache nicht übel ... mir thut das Herz weh, wenn ich an diese
Verhältnisse denke ... Therese, singe uns noch ein Lied, damit wir auf
andere Gedanken kommen!«
Das Mädchen hatte schweigend dagesessen, und ~Dr.~ Haller hatte nach
seiner Gewohnheit in einem Buche geblättert; um seine Lippen lag ein
leiser Zug des Spottes. Therese erhob sich und ging an das Instrument,
und wieder klangen die Töne der weichen Altstimme mild und freundlich
durch den traulichen Raum.
Indessen waren auf der Gasse draußen Severin und Stahl langsam
gegen den Pořič hingegangen. Der Wind hatte sich gelegt, aber die
Flocken spielten dicht durch einander, so daß die Gasflammen beinahe
verschleiert erschienen und nur einen matten Schimmer ausgossen. Der
Verkehr war geringer geworden, und es herrschte in der sonst belebten
Straße ziemliche Ruhe. Hans Stahl aber sagte:
»Ein unausstehlicher Bengel, dieser Haller, mit seinem
Alles-Besser-Wissen-Wollen. Es ist geradezu empörend, wie jeder
Laffe gerade uns Theologen meint über die Achseln ansehen zu dürfen,
und dabei sind wir die erste und angesehenste Fakultät. Und wissen
Sie, Severin, was mich am meisten wurmt? -- Daß dieser aufgeblasene
Aeskulap, an dem seine hübsche Larve zweifellos das Beste ist, das
schöne Mädchen, die Therese, heiraten will. Sie können sich darauf
verlassen, ich habe beobachtet, wie er mit ihr verkehrte!«
Der junge Kapuziner war froh, daß es dunkel war, und daß sein Begleiter
die Röte nicht gewahren konnte, welche ihm in das Gesicht stieg; die
kühlen Schneeflocken, die an seine Wange flogen, thaten ihm wohl. Er
erwiderte:
»Daß er sie nehmen möchte, glaube ich wohl, aber ob auch ihrerseits das
Entgegenkommen erwidert wird -- --«
Hans Stahl pfiff halblaut durch seine Zähne.
»Lieber Frater Severin, Sie sind kein Menschenkenner oder wenigstens
kein Mädchenkenner. Der Mensch _ist_ etwas, _hat_ etwas, weiß etwas aus
sich zu machen und sieht auch wirklich nach etwas aus. Das besticht
Mädchen, selbst von viel geringeren Eigenschaften, als Therese Holbert,
aber, hol's der Henker, wenn ich nicht Theologe wäre, ich stellte dem
Burschen ein Bein, ehe es so weit käme, daß sie ihr Jawort giebt.«
Der junge Kapuziner fühlte neuerdings etwas wie ein Erschrecken und
wußte wenig zu solchen Aeußerungen zu sagen. Er war eigentlich froh,
als er an der Pforte von St. Joseph stand und hier die Glocke zog. Hans
Stahl drückte ihm warm die Hand und stapfte dann mit heraufgeschlagenem
Rockkragen auf dem beschneiten Wege durch die Zeltnergasse zurück, dem
Altmarkte und der Karlsbrücke zu. Bei der Wohnung Professor Holberts
sah er einen Augenblick hinauf zu den erleuchteten Fenstern und an
seinen Ohren klang das Lied:
Es waren zwei Königskinder ...
Die konnten zusammen nicht kommen ...
Severin aber hatte seine Zelle betreten; er hatte noch eine
Viertelstunde Zeit bis zum Abendessen, und so setzte er sich im Dunkeln
auf sein Bett. Das Zimmer war kalt, und obwohl er den Schnee von seiner
Kutte abgeschüttelt hatte, empfand er doch ein feuchtes Frösteln. Durch
das Fenster fiel nur ein ganz matter Schimmer, und der schien von einem
einzigen Stern zu kommen, der von hier aus zwischen grauem Gewölke
sichtbar war. Severin wußte selber nicht, warum er bei dem glänzenden
Punkte, der wie ein freundliches Auge herblinzelte, an Therese denken
mußte, und dasselbe alte Volkslied, das Hans Stahl wieder zu hören
vermeinte, klang auch ihm in der Seele:
Sie konnten zusammen nicht kommen ...
Als die Glocke zur Abendmahlzeit rief, schrak er zusammen, als wäre
er auf unrechtem Wege ertappt worden, und langsam ging er nach dem
Refektorium. Hier war eine angenehme Wärme und trauliches Licht, ein
Behagen, das ihn stets an Winterabenden angeheimelt hatte, aber er war
schweigsamer als sonst, seine Erinnerung haftete an dem wohnlichen,
vornehmen Salon und an den Menschen, mit denen er dort verkehrt hatte.
Nach dem Abendbrot spielte er, wie es Brauch war, mit den Brüdern noch
ein Kartenspiel, aber er war zerstreut und mußte sich darob manchen
scherzhaften Vorwurf gefallen lassen. Früher als sonst ging er,
unter dem Vorwande, daß er sich abgespannt fühle von der ungewohnten
Gesellschaft, nach seiner kalten Zelle zurück. Er brannte seine Lampe
an und wollte, sich in seine Bettdecke hüllend, lesen, aber er
schweifte in seinen Gedanken immer wieder von der Kirchengeschichte ab.
Zum ersten Male in seinem Leben hatte der schlichte Mönch, der aus
ärmlichen Verhältnissen hervorgewachsen war und nichts von dem Glanz
und der gefälligen Außenseite der Welt wußte, den Schritt in diese
gesetzt, und er bezahlte das mit einer nie gekannten Unruhe. Er schloß
die Augen und sah dann sofort wieder den vornehmen Raum vor sich und
das Mädchen im hellen Gewande am Instrument, und seine Seele schien
sich in der Erinnerung noch immer festzusaugen an den Tönen der vollen,
weichen Altstimme.
Severin faltete die Hände heiß in einander und hielt zwischen ihnen
die derben Knoten seines Gürtelstricks so fest, daß es ihn beinahe
schmerzte; aber er wünschte sich körperlichen Schmerz. Immer zitterte
in seiner Brust das Lied von den zwei Königskindern mit seiner
einfachen, bestrickenden Melodie, und er suchte in seinem Gedächtnis
umsonst nach jener anderen, Mendelssohnschen Weise, die mit ihrer
frommen Innigkeit ihn so tief ergriffen hatte.
Er war aufgestanden, ging in dem kleinen Raum hin und wieder und
blieb endlich am Fenster stehen. Das Schneetreiben hatte aufgehört,
der Himmel war klar geworden, und heller noch als vordem schien der
bläuliche Stern herabzuwinken, wie ein himmlisch-tröstendes Licht.
Und in diesem Augenblicke fand der junge Mensch das Wort, welches er
gesucht hatte:
»Herr, zu Dir will ich mich retten ...
Will in Deinen Schooß mich betten,
Wund und müd' von argen Ketten,
Die meine schwache Seele trägt.«
Am liebsten wäre er jetzt nach der Orgel gegangen, aber das war nicht
möglich, und so sank er auf dem harten, rohen Betschemel vor dem
schlichten, geschnitzten Kreuzbilde auf die Kniee, senkte den Kopf tief
in die Hände und betete lange.
Dann verlöschte er die Lampe und legte sich, angethan mit seinem
Ordensgewande, nieder. Er schlief auch ein, aber in seinen Traum hinein
klangen süße Mädchenlieder. -- --
Die Orgelstunden waren im Laufe des Winters, wenn die Temperatur in der
ungeheizten Kirche gar zu niedrig erschien, wiederholt ausgefallen, und
mit einer gewissen Aufregung, wie er sie nie zuvor bei diesem Anlasse
empfunden hatte, sah Severin dem Mittwoch entgegen, ob das Wetter
wohl ein Kommen seiner Schülerin ermöglichen würde. Der Morgen brach
herrlich an, und der Tag hielt, was jener verheißen hatte. Die Stunden
selbst fanden unmittelbar nach Mittag statt, und Therese erschien auch
diesmal.
Sie trug ein mit braunem Pelzwerk verbrämtes Jäckchen über dem dunklen
Wollkleide, ein entsprechendes Pelzmützchen, unter dem ihr frisches
Gesicht mit den hellen, freundlichen Augen munter hervorlachte, und
grüßte liebenswürdig wie immer ihren jungen Lehrmeister. Dieser aber
war heute befangener als sonst, und weniger bei dem Spiele selbst als
bei seiner Schülerin, so sehr er sich auch zwang, seine Aufmerksamkeit
auf ersteres zu konzentrieren.
Sie spielte eine Variation über ein Thema von Sebastian Bach, und
dem jungen Mönche war es, als höre er dieselbe zum ersten Male,
und als sehe er auch dabei zum ersten Male diese feinen, schlanken
Finger, welche kraftvoll und gewandt die Tasten beherrschten, und die
zierlichen kleinen Füße, welche das Pedal traten. Nur wie im Traume
kam es ihm vor, daß er ab und zu einige Worte der Erläuterung spreche,
ein oder das andere Register ziehe oder selbst in die Tastatur greife.
Bei dem letzteren war es ihm geschehen, daß er die kühle, weiße Hand
berührte, und es durchzuckte ihn plötzlich wie mit einem heißeren
Empfinden.
Er stand hinter dem Mädchen, aber er heftete seine Augen nicht mehr auf
die Noten, sondern hielt sie auf das Haupt mit den weichen, braunen
Flechten gewendet, von welchen ein feiner, berückender Duft auszugehen
schien. Aus dem Pelzjäckchen hob sich anmutig der blütenweiße Hals
ab mit einem ganz feinen schwarzen Schnürchen, das seine Helle noch
mehr hervortreten ließ, die zarten Ohrmuscheln waren leicht rötlich
angehaucht, und die kleinen Perlen darin blinkten. Auf der Orgelbank
lag neben dem Mädchen ihr Mardermuff, und Severin fühlte, wie es
seine Hand nach diesem hinzog, immer mehr, bis sie auf dem kühlen
Pelzwerk lag und leise kosend darüber glitt. Er empfand ein unsägliches
Wonnegefühl dabei, und als er gar die Oeffnung des Muffes fand, wo die
Hand Theresens geruht haben mußte, war er heftiger erregt. Er sah nur
wie durch einen völligen Schleier die hüpfenden Punkte der Noten, die
weißen Finger auf den weißen Tasten, den zierlichen Kopf und beugte
sich immer mehr vor.
O, wenn er nur eine Sekunde lang dies glänzende Haar berühren -- nein,
wenn er nur mit seinen Lippen das Pelzwerk ihres Gewandes streifen
dürfte! Therese ahnte nichts von der heftigen Gemütsbewegung Severins.
Ganz versunken in ihrem künstlerischen Thun fühlte sie auch nicht den
heißen Atem, der ihr Haupt umspielte, kraftvoller faßten ihre Hände in
die Tasten, ein Meer von Tönen wogte und brauste durch die hallende,
leere Kirche und durch das Herz des jungen Mönchs ... und nun hatte er
sich niedergebeugt, und nur einen Pulsschlag lang berührte sein Mund
das Gewand des Mädchens.
[Illustration: ... und nun hatte er sich niedergebeugt, und nur einen
Pulsschlag lang berührte sein Mund das Gewand des Mädchens (S. 135).]
Es war, als stocke ihm der Herzschlag ... mit einem machtvollen Akkorde
klang die Variation aus, und Therese wandte sich um. Sie sah in ein
gerötetes Gesicht, in flimmernde Augen und hatte doch keine Ahnung, was
in dem jungen Bruder in diesem Augenblicke vorgehe; sie vermeinte, das
Musikstück habe ihn so gewaltig ergriffen. Aber sie stand auf, sah nach
ihrer Uhr, und da sie fand, daß die Zeit abgelaufen, zog sie langsam
ihre Handschuhe an und machte sich zum Fortgehen fertig.
»Nun, Sie sagen mir ja heute gar nichts über mein Spiel?« fragte sie
halb scherzend, und er zwang sich zu dem Worte:
»Es war herrlich ... ich kann Sie nichts mehr lehren!«
»O, sagen Sie nicht so! Das nächste Mal spielen Sie mir die Variationen
vor, damit ich höre, wie viel mir noch fehlt!«
»Ja, ja -- das nächste Mal!« stammelte er, indem er sie bis an die Thür
des Chors begleitete.
Keines von beiden aber hatte bemerkt, daß der Guardian während der
letzten Viertelstunde unbemerkt auf dem Chore gewesen war und sich erst
entfernt hatte, als sich Therese erhob.
Severin wankte in seine Zelle; er hatte das Bewußtsein einer ungeheuren
Schuld, die ihn fast zu erdrücken drohte. Er griff nach seinem
Brevier, und, über sein Betpult gebeugt, murmelte er die Bußpsalmen
des königlichen Sängers David, vor allem das ergreifende: ~Miserere
mei, Deus, secundum magnam misericordiam tuam!~ (Erbarme Dich meiner, o
Herr, nach Deiner großen Barmherzigkeit!)
Er wurde ruhiger im Gebete, aber er wußte, daß die Erkenntnis der
Schuld noch nicht ausreiche, und daß er sich demütigen müsse auch im
Bekenntnis derselben. Darum schritt er langsam, aber festen Fußes nach
der Zelle des Guardians. Der alte Priester sah ihn verwundert an, und
unter seinem milden Blicke fühlte Severin, wie er errötete; er bat, ob
er ihm beichten dürfe.
Der Guardian bejahte und ließ sich, nachdem er die Zelle von innen
verschlossen, auf einem alten Lehnstuhle am Fenster nieder; der junge
Mönch aber hatte einen Fußschemel herbeigeholt; auf diesem kniete
er zur Seite des anderen demütig nieder, und mit halblauter Stimme
berichtete er den Vorgang auf dem Chore. Als er zu Ende war, that
er einen tiefen Atemzug, dann fügte er die übliche Formel von seiner
Bereitwilligkeit, zu büßen, sowie die Bitte um Absolution bei.
Der alte Priester schien ergriffen zu sein, denn er sprach mit ungemein
milder, bewegter Stimme:
»Wohl Dir, mein Bruder, daß Du selbst den Weg gefunden hast zu
Deinem Heil, und daß Du ihn schnell gefunden hast, nachdem Du wohl
gestrauchelt, aber nicht gefallen bist. Ich habe auf Dich gewartet
in dieser Stunde, denn ich bin Zeuge gewesen von Deiner Schwachheit,
und daß Du kommst, erfüllt mein Herz mit Freude und seliger Hoffnung.
Halte fest an diesem Gesetz Deines Gewissens, laß die Sonne niemals
untergehen über einer Schuld, und Du wirst den Frieden finden, den
der Herr verheißen hat. Wer so bereut wie Du, schnell und tief, der
hat sich die Verzeihung erworben, und so absolviere auch ich Dich im
Namen des Vaters, Sohnes und heiligen Geistes. Zur Ehre Gottes aber
bete heute fünf Vaterunser mehr als gewöhnlich. Und nun noch eins: Der
Orgelunterricht soll nicht fortgesetzt werden, aber kein Mensch braucht
zu ahnen, weshalb. Ich kann Ihnen mitteilen, lieber Bruder, daß der
hochwürdige Herr Provinzial bei dem Mangel an Priestern in unserem
Orden nachgesucht hat, daß Ihre Ausweihung zum Priester bereits zum
Weihnachtsfeste erfolgen möge, und man hat der Bitte stattgegeben. Die
würdige Vorbereitung zu diesem heiligen Akte macht das Aufhören jeder
ablenkenden Nebenbeschäftigung von selbst nötig. Und nun gehen Sie mit
Gott!«
Severin küßte tiefbewegt und wortlos die Hand des Guardians und verließ
mit gesenktem Haupte, aber mit leuchtenden Augen dessen Zelle.
[Illustration: Dekoration]
[Illustration: Dekoration]
Achtes Kapitel.
Peter Frohwalt hatte sein letztes theologisches Rigorosum mit
Auszeichnung abgelegt und stand vor seiner Promotion zum Doktor der
Gottesgelehrtheit früher, als er selbst vermutet hatte. Der Tag, an
welchem die letztere stattfand, war für ihn ein schöner Festtag. Er
hatte seine Mutter dazu eingeladen -- seine Schwester dagegen nicht --
und die alte Frau war auch am Vorabend bereits in Prag eingetroffen
und von ihrem Sohne auf dem Bahnhofe abgeholt worden. Er brachte sie
in einem einfachen, guten Gasthause in der Nähe des Klementinums
unter. Gerne hätte er auch Vetter Martin hier gesehen, aber der Alte
kam nicht, obwohl er wieder daheim war. Er schickte nur mit der Mutter
ein Brieflein, in welchem er nach seiner ehrlichen Manier gerade
heraus erklärte: die Lieblosigkeit, mit welcher bei einem solchen
Anlasse Marie übergangen worden sei, würde ihm die Freude an der Feier
verderben.
Das war ein bitterer Tropfen für Peter Frohwalt, der ihm nun
thatsächlich Unbehagen schaffte; aber die Sache war nicht zu ändern,
und zuletzt wäre es doch mehr als seltsam gewesen, wenn der Doktorand
der Theologie eine Abtrünnige eingeladen hätte.
Am Morgen des Promotionstages fuhr er in einem Fiaker bei dem Gasthause
vor, in welchem seine Mutter wohnte, und holte die alte Frau ab, welche
aus Stolz und Ergriffenheit an diesem Vormittage nicht herauskam. Peter
Frohwalt trug über der Klerik heute einen mit Seide ausgeschlagenen
Talar, den er über den linken Arm gelegt hatte, und seine Erscheinung
war auffallend schön und vornehm, so daß, als er mit der schlichten
Frau die Stufen im Carolinum hinaufstieg, alle, die ihn sahen, ihm
nachschauten. Er führte seine Mutter in dem kleinen Saal zu einem Sitze
in der vordersten Reihe der hier befindlichen Stühle und ging in ein
Nebengemach um dort zu harren, bis er gerufen wurde.
Der Saal hatte sich beinahe völlig gefüllt, als er wieder
eintrat. Auf erhöhtem Platze saßen die Würdenträger der alten
Carl-Ferdinands-Universität um den Rektor gereiht, angethan mit den
goldenen Ketten, außerdem zahlreiche Doktoren der Theologie, die
ihr Recht auf einen Sitz in diesem Kollegium heute ausübten, und
tiefer stand der Oberpedell, sowie der Pedell der theologischen
Fakultät in ihren altertümlichen Gewändern; der erstere hielt das
Universitätsszepter, bei dem nachher der Eid geleistet werden mußte, in
der Rechten.
Die Feierlichkeit verlief in der gewohnten Weise. Peter Frohwalt neigte
das Haupt, empfing die goldene Kette und den Doktorring, und, so
geschmückt, sprach er in lateinischen wohlgesetzten Worten die übliche
Danksagung. Seine Mutter verstand nicht, was er sagte, aber der volle,
wohlklingende Ton der Stimme, die ganze Erscheinung ihres Sohnes, auf
dessen Brust das Ehrenkleinod hell aufblinkte von dem dunklen Grunde
der Klerik, hatten etwas überwältigendes, so daß sie in ihr Taschentuch
hineinschluchzte in Wonne, Seligkeit und Wehmut zugleich, denn sie
mußte in diesem Augenblicke wieder ihres verstorbenen Mannes und --
ihrer Tochter denken.
Als der Rektor und die anderen Herren vortraten, um sie zu
beglückwünschen, vermochte sie nur durch ein Neigen des Hauptes und
durch den Druck der Hand zu danken, und sie war unendlich froh, als sie
wieder mit ihrem Sohne allein in dem geschlossenen Wagen saß und durch
die belebte Straße hinfuhr.
»Es wäre doch schön gewesen, wenn Marie das hätte mit ansehen dürfen.«
Das war ihr erstes Wort, und der junge Doktor fühlte, wie sich abermals
ein Hauch des Unbehagens über seine Seele legte, als empfände er
das Bewußtsein einer Schuld. Er antwortete darauf nicht, sondern
machte seine Mutter auf einen Vorgang auf der Straße aufmerksam. Den
ganzen übrigen Tag war er mit ihr beisammen, zeigte ihr die reichen
Sehenswürdigkeiten Prags, und erst am Abend verließ er sie in ihrem
Gasthause. Er aber schritt langsam nach dem Seminar.
In der Stille seines Zimmers ließ er die Ehren des heutigen Tages
noch einmal an sich vorübergehen, und die Brust hob sich ihm von
einem freudigen Stolze. Aber mitten in dieser Stimmung trat ihm mit
einem Male wieder das Bild der Schwester vor die Seele und schien
ihn mit freundlichen Augen traurig anzublicken. Es führte ihn, ohne
daß er es wollte, zurück in die Tage seiner Jugend, da er mit ihr
zusammen geweint und gelacht in dem kleinen Hause bei dem alten Thore,
und er empfand, daß er sie im Grunde doch lieb hatte trotz dessen,
was zwischen ihm und sie getreten: Sie war ja seines Vaters, sein
Blut. Es fiel ihm ein, daß das kleine Buch vom Vetter Martin, das
»Laienbrevier«, einige Verse enthielt von der Liebe zu den Seinen, und
er holte es herbei und blätterte, bis er fand, was er suchte. Und beim
Lampenschimmer in der tiefen Stille des Seminars las er halblaut:
Drei Dinge stehen jedwedem Menschen zu,
Die niemand niemals ihm verkümmern darf:
Die Gabe Gottes, daß er sei und froh sei;
Die Hilfe seiner Lebensmitgenossen;
Das Dritte macht ihn aber erst zum Menschen:
Das Recht, den Gott zu ehren, und _die Seinen
In Not und Tod zu lieben_. Ohne Liebe
Fällt dieses große Haus der Welt zusammen,
Ein jedes kleine Haus und jedes Herz.
Drum ohne dies Recht muß er lieber sterben,
Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.
Er las die Verse zweimal, dreimal, als ob er sie recht fest seinem
Gedächtnis einprägen wolle, und dabei überkam ihn eine freundliche
Ruhe. Mit dem Gedanken an seine Lieben schlief er ein, und so ging ihm
der schöne Tag schön zu Ende.
Am anderen Morgen reiste seine Mutter heimwärts; er hatte sie nach
dem Bahnhofe begleitet und stand mit ihr bereits auf dem Perron. Sie
drückten sich noch einmal die Hände, und jetzt erst sagte schüchtern
die alte Frau:
»Darf ich Marie nicht grüßen von Dir? -- Es braucht's ja niemand zu
erfahren. Du und ich, wir haben eine große Freude gehabt, gönne ihr
auch ein Teilchen!« Frohwalt sah einen Augenblick zur Seite, that einen
kurzen Atemzug und sprach dann, wieder der Mutter zugewendet:
»Ja, grüße sie von mir!« -- --
Der Zug brauste pfeifend, stöhnend hinaus aus dem Bahnhofe, der Adjunkt
aber ging mit leichtem Herzen und mit einer gewissen Freudigkeit heim.
Noch an demselben Vormittage fuhr er in Begleitung des Syndikus der
Universität nach dem Hradschin, um sich, wie es Brauch war, als
neugeschaffener Doktor dem Kanzler der Hochschule, dem Erzbischof,
vorzustellen.
Sie wurden, ohne im Vorzimmer lange warten zu müssen, bei dem
Kirchenfürsten vorgelassen. Der Kardinal Fürst Schwarzenberg war eine
in jeder Weise aristokratische Erscheinung, hochgewachsen und schlank,
mit einem länglichen, feinen, frischgeröteten Gesicht und klaren
Augen, und seine Persönlichkeit erschien noch vorteilhafter gehoben
durch die hochrote Soutane, welche in eine wallende Schleppe auslief;
auf dem kurzen, silbergrauen Haare lag ein kleines, gleichfalls
hochrotes Seidenkäppchen. Frohwalt war nach tiefer Verneigung zu ihm
herangetreten, und küßte die feine Rechte, der Kardinal aber sprach in
leutseligster, herablassender Weise mit ihm über seine Studien, zumal
sein Lieblingsstudium, und befragte ihn zuletzt auch nach seiner Heimat
und seinen Angehörigen.
»Ob seine Schwester verheiratet sei?«
Der junge Doktor errötete und fühlte eine Sekunde lang den Atem beengt;
er hatte die Empfindung, daß der Kirchenfürst, der ihm mit seinem
klaren Blicke tief in die Augen schaute, im nächsten Momente auch nach
seinem Schwager fragen müsse. Es geschah nicht, im Gegenteil, die
Audienz war zu Ende, aber Frohwalt war, indem er wieder nach seinem
Seminar zurückfuhr, ernst und still. Er dachte daran, wie er sich im
Grunde doch seiner Schwester schämen müsse, und beinahe reute ihn der
Gruß, welchen er der Mutter für sie aufgetragen hatte. -- --
Einige Tage später hatte sich im erzbischöflichen Palais an der
Tafel des Kirchenfürsten eine besonders erlesene Gesellschaft
zusammengefunden: Zwei Domherren, darunter Kanonikus Kupetz, einige
Professoren der theologischen Fakultät und Professor ~Dr.~ Holbert,
der sich besonderer Beliebtheit bei dem Kardinal erfreute. Kaum minder
angesehen war der gleichfalls anwesende Professor der Moraltheologie
~Dr.~ Sales Meyer. Er trug das Ordensgewand der Cisterziensermönche,
die weiße Tunik mit dem schwarzen Skapulier und der schwarzen Binde.
Sein etwas volles, gerötetes Gesicht sprach von Geist und Klarheit,
Frische und Energie, und die Augen sahen klar und scharf durch die
spiegelnden Brillengläser.
Das Gespräch hatte ein ernstes und bedeutsames Thema erfaßt. Für den
8. Dezember des laufenden Jahres, des Jahres des Heils 1869, war eine
allgemeine Kirchenversammlung nach Rom berufen worden, und die Herzen
der katholischen Christenheit waren bewegt, die der Kirchenfürsten und
der gelehrten Theologen erregt. Man war noch im Unklaren, um was es
sich handle, und der Kardinal selbst gab diesem Empfinden Ausdruck:
»Seit dreihundert Jahren hat ein solch' Ereignis nicht stattgefunden,
und es ist begreiflich, daß es unsere Gemüter erfaßt, umsomehr, als
eine besondere Veranlassung nicht erkennbar ist. Wir haben keine
Spaltung in der Kirche und keine neue Irrlehre zu bekämpfen, auch keine
großen theologischen Streitfragen, die der Entscheidung auf solchem
Wege harrten.«
»Wäre es nicht möglich, Eminenz,« -- nahm Kanonikus Kupetz das Wort
-- »daß angesichts der zersetzenden, auf Umsturz von Altar und Thron
gerichteten Bestrebungen der Sozialdemokratie oder der Freimaurer
der heilige Vater Gelegenheit nehmen wollte, durch eine großartige
Kundgebung der gesamten Kirche dem Vordringen derselben einen Damm zu
setzen?«
Der Kardinal schüttelte wie ungläubig das Haupt, und Professor Meyer
sprach mit seiner klaren, ein wenig trocken lehrhaften Stimme:
»Ich erachte das für wenig wahrscheinlich, obwohl ich die Bedeutung
eines solchen Vorganges auch in diesem Sinne nicht unterschätzen würde.
Befremdlich erscheinen muß es jedoch, daß man mit dem eigentlichen
Zweck geheimnisvoll hinter dem Berge hält -- wozu in Dingen, welche
alle Gläubigen interessieren müssen, sich in den Schleier des
Geheimnisvollen hüllen?«
»Wozu, wenn es sich um keine Streitfrage handelt, die Geister zuvor
entfesseln und durch theologische Zänkereien schon vorher die Gemüter
verbittern?« fragte der Kardinal dagegen.
Jetzt nahm Professor Holbert das Wort:
»Verzeihung, Eminenz -- aber ich bin vielleicht in der Lage, eine nicht
unwichtige Andeutung der kommenden Dinge geben zu können. Mir ist
heute früh erst eine italienische Zeitung zugegangen, ein Blatt, das
in streng kirchlichem Sinne und unter dem Einfluß des Jesuitenordens
redigiert wird, und da steht es ziemlich unverblümt zu lesen, daß es
bei dem bevorstehenden Konzil sich um nichts Geringeres handle, als dem
heiligen Vater die _Unfehlbarkeit_ zuzusprechen.«
Das Wort fuhr wie ein zündender Strahl durch den ganzen Kreis. Eine
Falte legte sich zwischen die feinen Augenbrauen des Kirchenfürsten:
»In welchem Sinne glauben Sie, daß man eine solche verkünden wolle?«
»Ich fürchte, Eminenz, in völlig persönlichem Sinne, insofern es sich
um eine der Zustimmung der Kirche nicht bedürfende Unfehlbarkeit des
Papstes in Glaubens- und Sittensachen handelt.«
»Aber, Herr Professor« -- sagte der Kirchenfürst im Tone des Vorwurfs
-- »ist es nicht unbillig, dem heiligen Vater solch' selbstsüchtige
Pläne zu unterschieben?«
»Er ist so ergeben, so milde, wie sollte er dazu kommen?« fragte der
andere Kanonikus, der Professor Holbert aber blieb völlig ruhig, und
erwiderte:
»Ich darf wohl annehmen, daß meine kirchliche Gesinnung, die mir
Herzenssache ist, in diesem Kreise genugsam bekannt ist, ebenso wie
der Freimut, mit welchem ich meine Anschauungen und Ueberzeugungen
auszusprechen gewohnt bin; mit Rücksicht auf beides bitte ich Eure
Eminenz um Verzeihung, wenn ich in einem derartigen Glaubenssatze
nur den letzten Schluß eines seit Jahren verfolgten Vorgehens
erblicken kann. Wenn ich denke, welche Fülle von Ablaßerteilungen,
Heilig- und Seligsprechungen der Papst auf Anlaß seiner Berater aus
dem Orden der Gesellschaft Jesu in den letzten Jahren vollzogen hat,
ja wie man geflissentlich sogar die Kunde von angeblich durch ihn
ausgeübten Wundern verbreitet hat, so will mich bedünken, als ob man
damit nur die Voraussetzungen geschaffen zu dem Schlusse, der nun
gezogen werden soll. Auch die Art, wie vor Jahren der Glaubenssatz
von der unbefleckten Empfängnis Mariä entstand, hat nicht bloß mir
zu denken gegeben, aber der Vorgang wird mir heute verständlicher.
Etwa 100 Bischöfe, darunter circa 80 italienische, die zusammen
nicht so viele Seelen vertreten, als Seine Eminenz, unser Herr
Kardinal-Fürsterzbischof, haben bei einem Zusammensein in Rom durch
einfachen Zuruf zu dem vom Papste vorgelegten Glaubenssatz dessen
Aufstellung als Glaubenssatz bewirkt. Wo hat man sich dabei viel um die
Kirche gekümmert?«
»Die Sache war ja immerhin anders,« nahm Professor Meyer das Wort.
»Damals wurde etwas, was der fromme Sinn des katholischen Volkes
schon lange glaubte, weil es seinem Herzensbedürfnis entsprach, zum
Glaubenssatz erhoben -- aber ein Glaubenssatz von der persönlichen
Unfehlbarkeit des heiligen Vaters wäre eine Neuerung, welche die
Gemüter verwirren müßte und schweres Unheil bringen könnte.«
»Aber, meine Herren, das ist ja Schwarzseherei! Die Sache liegt doch
einfach: Entweder die Unfehlbarkeit ist eine bereits alte Lehre, oder
wenn dies nicht nachgewiesen werden kann, kann sie nicht aufgestellt
werden,« sprach der Kardinal.
»Ja, ein Glaubenssatz kann doch nur dann für die Kirche Gültigkeit
haben, wenn die Mitglieder eines Konzils denselben einhellig oder
nahezu einhellig annehmen. Das ist aber in diesem Falle kaum zu
erwarten,« bemerkte einer der theologischen Professoren.
»Das sollte man meinen, Herr Kollege,« erwiderte ~Dr.~ Holbert, »ich
fürchte aber, daß man in Rom auch vor einer Majorisierung nicht
zurückschreckt, wenn es sich um einen fest vorbereiteten Plan handelt.«
»Aber da würden wir doch auch noch auf dem Platze sein,« meinte der
Kardinal mit einem feinen Lächeln, und ~Dr.~ Holbert senkte schweigend
den Kopf.
Den sonst so ruhigen Professor Meyer schien die Angelegenheit besonders
zu erregen:
»Ich kann noch nicht an solche Absicht glauben; es würde den
geschichtlichen Ueberlieferungen, den geschichtlichen Thatsachen ins
Gesicht schlagen und sich niemals aus Ueberlieferung und Schrift
begründen lassen. Man kann aus vielen Gründen dem katholischen Volke
nicht zumuten, daß es glaube, der Papst könne auf dem ganzen Gebiete
des Glaubens und der Sitten der höchste Lehrer, Richter und Gesetzgeber
sein, und tausend fromme und gelehrte Kirchenfürsten und Kirchenlehrer
ständen auf dem Boden des Irrtums, wenn der heilige Vater, der weder
gelehrt zu sein braucht, noch auch -- dafür spricht ja leider die
Geschichte -- immer tugendhaft, für gut befindet, eine besondere
Meinung zu haben.«
»Und wohin sollte das im Staatsleben führen« -- sprach wieder Holbert
-- »wenn der jeweilige Papst mit seiner unfehlbaren Meinung in die
Rechte der Staaten und der Völker eingreifen würde? Die Völker sind
nicht mehr wie im Mittelalter, sie sind mündig geworden und lassen
sich von Rom nicht mehr Gesetze geben, die unter Umständen der bloßen
Willkür ihre Entstehung verdanken. Heute haben wir einen milden, guten
Herrn auf dem Stuhle des heiligen Petrus, wer aber kann für seine
Nachfolger bürgen?«
»Ich glaube, meine Herren, wir regen uns unnützer Weise auf« -- sagte
der Kardinal mit der Absicht, das Gespräch, das eine unbehagliche
Wendung zu nehmen drohte, zu wechseln, und seine Gäste waren taktvoll
genug, ihn zu verstehen. -- Die Wogen der erregten Gemüter glätteten
sich, man kehrte zu harmloseren Tagesfragen zurück, und Seine Eminenz
verstand auch hier, den feinsinnigen, liebenswürdigen, vornehmen Wirt
zu machen. Unter andern kam die Rede auch auf ~Dr.~ Peter Frohwalt, der
dem Kardinal nach seiner äußeren Erscheinung wie nach seinem ganzen
Wesen einen sehr guten Eindruck gemacht hatte; er hörte mit Vergnügen,
daß auch Professor Holbert sich lobend über den jungen Adjunkten
äußerte, und sprach aus, daß er denselben im Auge behalten wollte.
Der Frühling brachte für Prag wie alljährlich das Fest des
Landesheiligen Johannes von Nepomuk, der bekanntlich als Märtyrer des
Beichtgeheimnisses in den Fluten der Moldau gestorben sein soll. Da,
wo auf der steinernen Brücke heute sein Standbild steht, ließ ihn, wie
erzählt wird, König Wenzel, der Luxemburger, in die Wellen schleudern,
aber ein Kranz von sieben hellen Sternen umleuchtete noch das Haupt
des Toten, dessen Leib nachher im Dome von St. Veit beigesetzt wurde,
dessen Gedächtnis am 16. Mai jeden Jahres festlich begangen wird. Seine
angeblich unversehrte Zunge wird in kostbarer Monstranz der Verehrung
des Volkes ausgestellt.