»Ja, eine gute Tschechin ist sie, und darum hat auch Ihr Vorgänger,

der Pater Sloczek, einen Stein bei ihr im Brette gehabt. Aber

gerade notwendig ist es nicht, daß Sie das Böhmische verstehen. Das

Dorf ist eigentlich ganz deutsch und nur die Filiale Květau ist

gemischtsprachig. Aber da genügt's, wenn ich des Böhmischen mächtig

bin. Doch jetzt will ich Sie auf Ihr Zimmer bringen und Ihr Gepäck von

der Station holen lassen, und zum Abendbrot sehen wir uns dann hier

wieder.« --

Es waren zwei mäßig große Räume, welche dem jungen Kaplan zur Wohnung

angewiesen waren, so einfach eingerichtet, wie das Zimmer des Pfarrers,

und mit weiß getünchten Wänden. Die Fenster des einen, welches als

Schlafgemach diente, gingen nach dem Hofe hinaus und über diesen hinweg

nach der Dorfgasse, diejenigen des andern schauten ins freie Land, auf

grüne Wiesen, wogende, goldschimmernde Felder, kleine Wälder, und im

Hintergrunde fern verdämmernd blaute eine Bergkette. Hier hatte Peter

Frohwalt hinausgeblickt und von seiner Zukunft geträumt. Der tiefe

Gottesfrieden ringsum, der gleichsam durch das offene Fenster mit dem

milden Abendhauche hereinzuwehen schien, that ihm wohl und wiederum

wie am Morgen dachte er daran, daß er auf diesem kleinen, stillen

Erdenflecken, wohin ihn Gott gestellt, Segen bringen wollte nach seinen

besten Kräften.

Die Dienstmagd rief ihn zum Abendbrot. Er fand den Pfarrer bereits am

Tische sitzend. Auf dem nicht mehr ganz sauberen Linnen stand Brot,

Butter, Käse, einige Eier und aufgeschnittener Schinken, dazwischen

wieder der große Zinnkrug, aus welchem der Pfarrer die Gläser füllte.

Dieser sprach nicht viel während des Essens, erst nach demselben lehnte

er sich behaglich in seinen Stuhl zurück und begann, während er seine

Pfeife stopfte, den jungen Kaplan nach seinen Familienverhältnissen zu

befragen.

Dann trat die Köchin ein und schien den Tisch abräumen zu wollen, aber

sie setzte sich auf einem Stuhle neben dem Pfarrer nieder, stemmte den

Arm vor sich hin und sagte:

»Der Waldbauer war da, aber den Pachtzins für die Wiese hat er noch

immer nicht gebracht; eine Kuh wär' ihm gestorben, und er hätt' eine

andere kaufen müssen, und da will er noch acht Wochen Frist haben --

aber das geht nicht, er ist ein verlogener Lump, und ich hab' ihm auch

gesagt, daß wir nicht länger warten können und daß wir ihn verklagen,

wenn er nicht bei acht Tagen zahlt.«

Das Weib sprach so resolut und selbstbewußt, daß Peter Frohwalt den

Pfarrer einigermaßen befremdet und erstaunt anblickte. Dieser schien

auch verlegen; er räusperte sich, trank einmal mit kräftigen Zügen sein

Glas leer und sagte dann:

»Er hat wirklich das Unglück gehabt mit der Kuh, Barbara -- wir wollen

doch nicht hart sein; er wird schon zahlen!«

»Ach was, Sie sind immer viel zu gut, und darum kommen wir zu nichts.

Na, mir soll's recht sein -- aber ich halte den Waldbauer für einen

Lumpen. Na, wie wird's denn heute abend mit einem Spiel? Kann er's

denn?«

Die letzte Frage war von einem Seitenblicke auf den Kaplan begleitet,

den sie bisher so gut wie gar nicht beachtet hatte, und der Pfarrer

geriet dabei, wie es schien, noch mehr in Verlegenheit. Er fuhr sich

mit der Hand über das Gesicht, rieb sich die Nase mit dem Zeigefinger

und sprach endlich:

»Ja, sehen Sie, Herr Kaplan, wir leben hier sehr abgeschieden und

eingezogen; Gesellschaft giebt es nicht -- wenigstens gehe ich nicht

gern ins Wirtshaus, und da haben wir denn gewöhnlich abends in der

Pfarrei zusammengesessen, ich, der Kaplan und die Barbara und haben ein

Kartenspiel gemacht. Es wär' hübsch, wenn das wieder so paßte und Sie

mitthun wollten.«

»Ich bedaure sehr, ich kann nicht Karten spielen!« sagte Frohwalt

ziemlich kühl, aber die Köchin rief: »Nicht einmal Karten spielen! Ja,

das müssen Sie lernen -- da wollen's wir gleich heute probieren!«

»Ich danke -- ich habe auch gar keine Neigung und kein Interesse für

Karten --« erwiderte der junge Priester.

»Aber, was wollen Sie denn machen, besonders an den langen

Winterabenden?« fragte der Pfarrer beinahe kläglich.

»Ich habe besondere Freude am Studium des kanonischen Rechts, sowie

an jenem der italienischen Sprache und finde in der Beschäftigung mit

beiden einen ganz besonderen Genuß.«

Einen Augenblick saßen die beiden andern stumm, mit halb geöffnetem

Munde da, als hätten sie ein Wunderding gehört, dann beschaute der

Pfarrer seinen jungen Amtsgenossen beinahe respektvoll, schob das

Seidenkäppchen weiter hinaus nach dem Wirbel und sagte:

»Aber Italienisch! -- Was wollen Sie denn damit?«

»O, es macht mir Vergnügen, italienische Werke zu lesen, und die

Sprache selbst ist an und für sich so schön!«

Der alte Priester sah ihn noch immer mit großen Augen an, während das

Weib mit dem Kopfe schüttelte und spöttisch dreinschaute; da kam die

Magd herein.

»Hochwürden, Herr Pfarrer,« sagte sie, »die Pilz-Rosalie in Květau

liegt im Sterben und Sie möchten so gut sein und sie versehen, der

Kirchendiener ist schon nach der Kirche gegangen.«

»Das paßt jetzt auch schlecht,« warf die Köchin hin, während der

Pfarrer mit einem Seufzer nach dem großen Zinnkruge blickte --

Frohwalt aber, der wohl merkte, daß der alte Herr nicht von besonderer

Berufsfreudigkeit erfüllt war, und der gleichzeitig damit die ihm wenig

erfreuliche Unterhaltung abbrechen wollte, erklärte:

»Ich will gehen, Herr Pfarrer, doch müssen Sie mir, da meine Sachen

noch nicht hier sind, Ihre Klerik borgen.«

Das Gesicht des alten Mannes leuchtete vor Vergnügen; er zog eine

kräftigere Rauchwolke aus seiner Pfeife, gab dem Kaplan dankbar die

Hand, und wenige Minuten später war Peter Frohwalt in der Kirche,

legte die geweihte Hostie in die Bursa, hing sich diese um den Hals

und schritt nun, im Amtsgewande des Pfarrers, hinter dem Küster drein,

dessen Glöcklein fast unablässig ertönte.

Die Dämmerung war eingebrochen, und das letzte Abendrot verglühte

im Westen; aus Feld und Flur stieg ein Düften, und auf Wiesenwegen

schritten die beiden hin. Wo ihnen Menschen begegneten, sanken sie auf

die Knie vor dem Leib des Herrn und neigten die Häupter, und der junge

Priester ging mit gehobener Seele.

Noch vor dem Dörfchen Květau, am Saume eines Gehölzes stand das

Häuschen, in welchem die Kranke lag, welche die letzte Wegzehrung

begehrte. Frohwalt sah in der dunklen Stube, in welcher jetzt eine

geweihte Kerze einen müden Schein verbreitete, ein steinaltes

Weiblein, dessen verwittertes Gesicht aus dem Deckbett hervorschaute

mit sterbensmüden Augen, in denen es noch einmal aufleuchtete, als der

Priester kam.

»O mein Jesus -- Sie sind wohl der neue Herr Kaplan?« fragte sie mit

leiser Stimme, und als der Gefragte es bejahte, fügte sie bei:

»Ach jetzt bin ich schon glücklich, daß Sie kommen und mir den lieben

Heiland bringen. Ich denk', mit mir geht's nimmer lang. Geh' hinaus,

Susel, -- sprach sie zu dem kleinen Mädchen, das noch in der Stube war

-- damit ich dem hochwürdigen Herrn meine Sünden sagen kann!«

Die Kleine ging zugleich mit dem Meßner, und mit einem seltsamen

Empfinden nahm Peter Frohwalt das erste Sündenbekenntnis eines Menschen

entgegen und noch dazu eines sterbenden. Das alte Weiblein hatte nicht

viel zu beichten, aber dennoch hob sich seine Seele von einem heiligen

Schauer, als er an Gottes Statt die lateinischen Worte der Vergebung

sprach. Dann reichte er der Alten den Leib des Herrn, und nun blieb er

noch eine Weile bei ihr sitzen.

»Ach, mir ist jetzt so sehr wohl,« sagte sie -- »beinahe wie in meinem

ganzen Leben nicht; es ist doch schön, wenn man mit seinem Herrgott

gut steht und ruhig an den Augenblick denken kann, da er einen

heimrufen wird. Vergelt's Gott, daß _Sie_ gekommen sind. Sehen Sie,

der Herr Pfarrer ist ein seelenguter Herr, er hat mir heimlich manchen

Guldenzettel zugesteckt, von dem die Barbara nichts weiß -- aber die

Barbara ... Gott verzeih' mir's, ich will nichts weiter sagen, nein,

nein -- der Herr Pfarrer ist eben auch ein armer sündiger Mensch, aber

Sie haben noch nicht lange die heilige Weih' erhalten, die wirkt noch

bei Ihnen, und darum freut's mich, daß Sie gekommen sind.«

Das Weib redete mit unverkennbarer Anstrengung, aber die

Geschwätzigkeit des Alters verließ sie auch jetzt nicht. Frohwalt

jedoch wünschte nicht durch müßiges Reden den Eindruck des heiligen

Abendmahls zu stören, darum erhob er sich und reichte der Alten die

Hand. Sie faßte dieselbe in ihre beiden hagern, harten Hände und sagte:

»Bewahre Ihnen der liebe Gott die Freude an Ihrem Beruf, der so schön

ist!«

Dann zog sie seine Rechte ehrerbietig an ihre welken Lippen und sank

auf das Lager zurück. Der junge Priester verließ den schwülen, dumpfen

Raum, und trat ins Freie. Die angenehme Kühle that ihm wohl, noch mehr

aber das Bewußtsein, gleich in den ersten Stunden seiner Amtsthätigkeit

einer Menschenseele Trost und Erquickung gebracht zu haben, und so

schritt er jetzt neben dem Meßner, der ihn erwartet hatte, langsam

wieder Nedamitz zu, wobei er nur mit halbem Ohr auf den geschwätzigen

Gefährten hörte, der ihn über die Verhältnisse des Kirchspiels im

allgemeinen und besondern zu unterrichten bemüht war.

Im Zimmer des Pfarrers sah er noch Licht. Er trat darum ein, um die

Klerik zurückzustellen und fand den alten Herrn auf dem grünen Sopha,

wie er mit Barbara »Mariage« spielte. Der Zinnkrug stand noch auf dem

Tische. Er hielt sich nicht auf, ihn widerte dies Bild an nach dem, was

er vor kurzem geschaut hatte, und er ging nach seinem Zimmer, wo er

seinen Koffer vorfand, welchen der Knecht von der Station geholt hatte.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Viertes Kapitel.

Der Aufenthalt im Nedamitzer Pfarrhause ward für Frohwalt eine Schule

der Prüfung und der Selbstverleugnung. Immer mehr erkannte er, daß

der Pfarrer ein schwacher Mann und ganz in den Händen der Köchin war,

welche hier völlig wie eine Hausfrau schaltete. Der Kaplan, welcher von

vornherein ihr Wohlwollen verscherzt hatte, kam dabei nicht besonders

gut weg. Seine Zimmer wurden nur mangelhaft in Ordnung gebracht, sein

Frühstück erhielt er meist kalt und in dürftigster Weise, und selbst

mittags war es vorgekommen, daß für den Pfarrer etwas Besonderes

gekocht war, während er sich mit den aufgewärmten Resten der vorigen

Mahlzeit begnügen mußte.

Frohwalt nahm alles ruhig hin; er sah manchmal den hilflosen,

entschuldigenden Blick des Pfarrers, und das genügte ihm. Dabei war

er in seinem Amte unermüdlich und nahm, soweit es anging, dem alten

Herrn die mühevollen Arbeiten gern ab; dafür hatte er wenigstens die

Genugthuung, daß ihm die Leute überall mit Achtung begegneten, was ihm

dem Pfarrer gegenüber nicht immer der Fall zu sein schien, und daß die

Kinder der Gemeinde geradezu mit Liebe an ihm hingen. Seine Erholung

waren Spaziergänge in der Umgebung, seine Freude seine Privatstudien.

So war der Sommer hingegangen, und herbstlich wehte es über die

Stoppeln und durch die Obstgärten. Die Zeit, da man überall

Kirchweihfeste feierte, war gekommen, und Peter hatte bei einem

derselben die Festpredigt zu halten. Es war in demselben Orte, aus

welchem Barbara stammte und wo sie noch Verwandte hatte. Der Pfarrer

des Kirchweihdorfes hatte seinen Wagen geschickt, um den Kaplan

abzuholen, und die Köchin hatte es für ganz selbstverständlich

angesehen, daß sie mit ihm fahren könne. Im größten Putze war sie

darum herbeigekommen, um ohne weiteres ihren Platz einzunehmen, aber

Peter erklärte, soviel er wisse, sei der Wagen für den Festprediger

geschickt worden, und ihm wäre es lieb, ihn allein benützen zu können.

Barbara glühte vor Zorn über die nach ihrer Meinung ihr angethane

Schmach, sie lärmte im Hofe der Pfarrei, so daß Peter dem Kutscher

befahl, schleunigst fortzufahren, und es wenigstens nicht mit anzusehen

brauchte, wie der verlegene alte Pfarrer alles aufbot, um sie zu

besänftigen und ihr zuletzt -- da er selbst über Pferde nicht verfügte,

-- einen Wagen von einem Bauern verschaffte, in welchem sie auch zur

Kirchweih fuhr.

Der alte Herr blieb gegen seine sonstige Gewohnheit zurück, da er

mit seinem Amtsbruder in Obernitz, wo das Fest stattfand, nicht in

besonders freundlichen Beziehungen stand; der Mann war ihm zu rigoros.

Für Peter war es ein wirklicher Feiertag gewesen; er hatte mit der

ganzen Wärme seines Herzens gepredigt, dann hatte der Gottesdienst

in würdiger Weise stattgefunden, unterstützt von einem trefflichen

Kirchenchor, und der Mittag war im Kreise älterer und jüngerer

Amtsbrüder, Dank dem feinen Takte des Gastgebers und dessen ungesuchter

Liebenswürdigkeit, lebendig und anregend zugleich gewesen, so daß

Frohwalt, der zur Rückkehr den Wagen abgelehnt hatte, mit einem

unverkennbaren Behagen dem zwei Stunden entfernten Nedamitz wieder

zuwanderte. Auf dem Dorfplatze bei der Kirche, wo einige Verkaufs- und

Schaubuden aufgestellt waren, hatte er auch Barbara gesehen, aber sie

hatte ihm, sobald sie ihn erblickte, den Rücken zugewendet.

Als er in seinem Kirchdorfe anlangte, war es Abend geworden, und

leichte Dämmerung hüllte schon das Pfarrgehöft ein, als er dasselbe

betrat. Im Zimmer des Pfarrers brannte die Lampe, und da er demselben

Grüße zu bestellen hatte, auch dieser vielleicht mit dem Abendbrote

auf ihn wartete, so ging er, ohne sich umzukleiden, dahin. Als er die

Thür öffnete, erschrak er. Auf dem Tisch stand der bekannte Zinnkrug

neben der Lampe, auf dem Boden davor, mit dem Rücken gegen das Sopha

gelehnt, lag der Pfarrer, und sein Gesicht schien bei dem zweifelhaften

Lichtschimmer bläulichrot. Er röchelte laut und unheimlich, und dem

Kaplan war's nicht zweifelhaft, daß hier ein Schlaganfall vorliege.

Hier that schnelle Hilfe not.

Er eilte darum hinaus, den Knecht zu suchen, damit dieser ihm helfe,

den schwerkranken Mann zu Bette zu bringen und einen Arzt herbeihole.

Er flog die Treppen hinab nach dem Hofe. Der zottige, braune Hund

blinzelte nach ihm und wedelte mit dem Schweife, im Stalle klirrte ein

Rind an seiner Kette; er aber eilte nach der Kammer des Knechts, die

in einem kleinen Wirtschaftsgebäude neben dem Stalle sich zu ebener

Erde befand. Hastig riß er die Thür auf und rief, indem er in den

halbdunklen Raum blickte, den Burschen beim Namen. Zwei erschrockene

Menschen fuhren auseinander, und ein Weib, das ohne Mieder, nur im

Unterrock und Hemd sich hier befand, suchte sich in einem dunkeln

Winkel zu verbergen; es war zweifellos die junge Magd.

Peter Frohwalt war sich im Augenblick gar nicht klar über den Vorgang;

er rief nur:

»Komm schnell, Jakob, den Herrn Pfarrer hat der Schlag getroffen --

hilf ihn mir ins Bett tragen und hole den Arzt!«

Dann lief er davon, und der Knecht, welcher hastig eine Jacke

überstreifte, rief der Dirne noch ein leichtfertiges Wort zu, dann

folgte er dem Kaplan. Sie betraten das Zimmer des Pfarrers, der noch

in derselben Stellung lag wie vordem, nur war das Haupt noch tiefer

gesunken und das Röcheln ähnelte mehr einem Schnarchen. Der Knecht trat

heran, betrachtete ihn, kratzte sich am Kopfe und sprach halb heiter,

halb verlegen:

»Ich denke, er ist tot? -- Hochwürden, Sie glauben, daß das ein Schlag

ist? -- Hm -- hm -- der Herr Pfarrer ist nicht krank, er ist nur -- er

hat nur ...«

Der Bursche wies nach dem großen Kruge, und Peter Frohwalt ging zu

seiner Bestürzung eine trübe Erkenntnis auf. Das also war's! --

Betrunken! Und dazu hatte er den Knecht geholt! Er schämte sich, zumal

er die Empfindung hatte, daß der Bursche mit seinem dummen Lächeln auf

dem breiten Gesichte einen solchen Anblick schon kannte. So gebot er

denn diesem zuzugreifen, gemeinsam kleideten sie den Pfarrer aus, der

sich auch jetzt nicht ermunterte, sondern nur mit halb geschlossenen

Augen unverständliche Dinge murmelte und nach Barbara verlangte, und

dann brachten sie ihn zu Bette. Nun huschte der Knecht davon, denn ihm

war es unbehaglich, wenn er daran dachte, daß ihn der Kaplan wegen der

Magd zur Rede stellen könnte; auch wartete die Dirne vielleicht auf

ihn. Frohwalt aber löschte das Licht und ging tieftraurig nach seinem

Zimmer.

Am andern Morgen schien ihm der Pfarrer auszuweichen; es mochte

doch eine Erinnerung in ihm aufdämmern, daß sein Kaplan ihn zu Bett

gebracht, aber er rührte nicht an der Sache. Auch Frohwalt that dies

nicht, aber ein anderes lag ihm auf der Seele, die Beziehung von

Knecht und Magd. Er war sich erst in schlafloser Nachtstunde über den

Vorgang in der Knechtkammer bekannt geworden und entsetzte sich über

die Unsittlichkeit unter dem geistlichen Dache. Hier mußte Abhilfe

geschafft und einer von den beiden, oder alle beide aus dem Dienste

entlassen werden.

Er brachte am Abend, als er mit dem Pfarrer allein zu Tische saß, die

Rede darauf. Der alte Mann geriet sichtlich in Verlegenheit; er sprach

nach vielem Räuspern:

»Mein lieber junger Amtsbruder, Sie fassen die Dinge etwas zu rigoros

auf. Sehen Sie, das ist auf dem Lande nicht anders und läßt sich, wenn

die Leute nicht selber die sittliche Kraft haben, nicht gut ändern.

Hier hilft kein Zureden und kein Entlassen. Wenn ich andere Dienstboten

nehme, geht es genau wieder so, weil's junge Leute sind, und alte kann

ich nicht brauchen!«

»Aber mein Gott, das ist ja entsetzlich. Das kann ja nicht sein, daß

gute Mahnung ganz umsonst sein sollte. Ich will selber einmal mit Jakob

sprechen und ihm ans Gewissen klopfen; im Pfarrhause wenigstens muß

es in sittlicher Beziehung sauber sein und von da aus muß ein gutes

Vorbild und Beispiel gegeben werden.«

Der Pfarrer wurde noch verlegener und suchte sich mit »Ja, ja -- hm,

hm« zu helfen; er war froh, als Barbara eintrat und das Gespräch damit

unterbrochen wurde.

Der Kaplan aber suchte schon in den nächsten Tagen eine Gelegenheit,

mit dem Knechte, der ihm sichtlich auswich, allein zu sein. Er

redete ihm scharf und doch warm ins Gewissen und verlangte mit

Entschiedenheit, daß er keine solche Schande über das Haus bringe,

weil er -- Frohwalt -- dann in jedem Falle auf seiner Entlassung

bestehen müsse schon im Interesse der guten Zucht und der Verhinderung

allgemeinen Aergernisses.

Der Bursche grinste ihn dummdreist an und sagte mit einem blöden

Lächeln:

»Je ja -- Hochwürden -- ich will ja die Franziska heiraten -- wir sind

eben Brautleute -- und ist alles in Ehren! Wenn Sie so sein wollen,

dann wär' über Manches zu reden -- ich spreche nicht vom Pfarrhause,

Gott behüte -- aber im Dorfe! Der untere Wirt lebt mit seiner Magd --

und da spricht niemand mehr drüber --.«

»Ich werde aber drüber sprechen! Das muß anders werden, im Hause und

im Dorf, verlaß Dich drauf, Jakob! Und richte Dich danach samt der

Franziska!«

Den jungen Priester hatte ein heiliger Zorn ergriffen, sein Gesicht

glühte, als er fortging, der Knecht aber sah ihm kopfschüttelnd mit

seinem dummen Lächeln nach.

Nun begann Frohwalt erst nach dem und jenem im Dorfe zu fragen und

erfuhr denn so manches, was in einer kirchlich gut geleiteten Gemeinde

nicht sein sollte. Das war ja ein kleines Sodom! Besonders die

Geschichte mit dem untern Wirte, die sich bestätigte und in der niemand

ein Aergernis sah. Der Mann war Witwer und die Magd ein stattliches

Weibsbild.

An dieser Stelle mußte der Hebel zuerst angesetzt werden. Wiederum

sprach Peter Frohwalt zuerst mit dem Pfarrer, der hin- und herredete

und, wie es schien, doch nicht den Mut hatte, hier vorzugehen. Es wäre

doch nichts zu machen. Man könnte ja mit Exekutivmitteln die Entfernung

des Weibsbildes durchsetzen, aber einen Zweck würde das kaum haben,

sie ginge zu einer Thür hinaus und käme bei der andern wieder herein.

Am besten wär's da, ein Auge zuzudrücken, so lebe man wenigstens in

Frieden mit den Leuten.

Damit aber mochte sich der Kaplan nicht beruhigen, und als er eines

Nachmittags den unteren Wirt behäbig vor seiner Thüre stehen sah, und

dieser ihn mit einem biedermännischen Schmunzeln beinahe vertraulich

grüßte, trat er auf ihn zu und fragte, ob er vielleicht für eine

Viertelstunde unter vier Augen mit ihm reden könne.

Der Mann war verwundert und bat ihn einzutreten. Er führte ihn nach

dem Obergeschoß des Hauses, wo die Wohnzimmer waren. Auf der Treppe

begegnete ihnen die Magd, ein blühendes, dralles Weib, das ihnen

freundlich zulachte und das der Wirt ohne jede Scheu auf den nackten

Arm tätschelte.

In der Stube angelangt und unter vier Augen hörte der Mann beinahe

verwundert, weshalb der junge Priester gekommen war. Er ließ ihn reden,

und Frohwalt wußte nicht, ob die Röte, die jenem ins Gesicht stieg,

Scham oder Unmut bedeute. Er sprach mit warmer Herzlichkeit, aber

auch nicht ohne eine gewisse Strenge, und gerade die schlug bei dem

heißblütigen Manne und angesichts der Jugend des Kaplans dem Fasse den

Boden aus.

»So?« -- polterte er. -- »Was sagen Sie mir da von Unrecht und Sünde?

Potz Element, da kehren Sie doch erst einmal in der Pfarrei aus. Herr

Kaplan, Sie sind zu jung hier am Orte und darum kann ich Ihnen nicht

allzu sehr übelnehmen, wenn Sie am verkehrten Ende anfangen. Der Herr

Pfarrer ist jetzt auch etwas älter geworden, aber vor zwanzig und zehn

Jahren noch ist's wunderlich hergegangen im Pfarrhof, und wir haben's

ihm im Dorfe gar nicht übel genommen, er ist eben auch ein Mensch, und

die Barbara war hübsch --.«

Frohwalt war bleich geworden bis in die Lippen und lehnte sich

tiefatmend in seinen Sitz zurück, ihn traf jedes Wort wie ein

Keulenschlag, und die Hände wie zur Abwehr vorgestreckt, stammelte er:

»Das kann ja nicht sein -- das ist ...«

»Eine Lüge, wollen Sie sagen, Hochwürden?« fragte der andere, ohne

jeden Hohn und völlig ruhig -- »na, da wissen Sie auch nicht, was

hier jeder weiß, daß ein Sohn von ihm in der Welt herumläuft, ein

verkommener Bursche, der ihm viel Sorgen macht und den er gar

nicht einmal verleugnet! Da giebt's nichts zu lügen und nichts zu

verheimlichen, und darum ist's besser, man rührt an solchen Sachen

nicht. Und ich hätt's auch nicht gethan, wenn Sie mir nicht so gekommen

wären, aber wie man in den Wald schreit, so hallt's heraus ...«

Der Kaplan vermochte nicht mehr zu sprechen; er ließ den Wortschwall

des anderen über sich ergehen, ihm war die Kehle wie zugeschnürt.

Zusammengebeugt, elend an Körper und Gemüt, verließ er das Haus, das er

mit solcher sittlichen Entrüstung betreten hatte, und die schöne Magd

sah ihm lächelnd von der Schwelle aus nach.

Seit jener Stunde fühlte er sich unglücklich in Nedamitz. Anfangs

hatte er daran gedacht, selbst dem Pfarrer einen Vorhalt zu machen,

aber das gab er auf, was hätte es auch nützen sollen! Er empfand mit

dem alten, schwachen Manne Verachtung und Mitleid zugleich und suchte

sich einigermaßen damit zu beruhigen, daß er sich an die Züge von

Herzensgüte hielt, die versöhnlich neben seine Schwächen traten. Die

Köchin jedoch haßte er, und mit ihr sprach er nur, was unbedingt nötig

war; Barbara aber vergalt ihm diese feindliche Stimmung mit Gleichem

und ließ ihn, wo es nur anging, empfinden, daß sie in diesem Hause das

Heft in der Hand habe.

So kam der Winter. An den langen Abenden saß Frohwalt in seiner Stube

und arbeitete. Er hatte eine größere kirchenrechtliche Abhandlung

unter der Feder, die er zu veröffentlichen gedachte, und bei dieser

Thätigkeit fand er Freude und Ruhe. Seine Pflichten erfüllte er dabei

mit größter Pünktlichkeit und nahm nach wie vor das Beschwerlichste dem

Pfarrer ab, der ihn mit unverkennbarer Zuneigung und zugleich mit einem

fast scheuen Respekt behandelte.

Es war Weihnachten erschienen, das Fest der Freude. Der junge Kaplan

hatte wenig von der letzteren gemerkt. Mutter und Schwester hatten ihn

mit kleinen Geschenken bedacht, und die hatte er am heiligen Abend vor

sich hingelegt, als er bei einsam brennender Lampe an dem vor den Ofen

gerückten Tische saß. Kein Christbaum, kein Freund -- zum ersten Male

wurde ihm in diesen Stunden wehmutsvoll zu Sinne. Er sah hinaus auf die

Dorfgasse, aus den kleinen Fenstern der Häuschen fiel der Lichtschein

und ihm war's, als höre er durch die Stille der Nacht das Jauchzen

fröhlicher Kinderstimmen. O, die Entsagung war nicht immer leicht, das

Sichselbst und sein Empfinden besiegen hart. Da fiel ihm das kleine

Buch von Vetter Martin in die Hand, das Laienbrevier, und wie er es

aufschlug, las er:

-- -- Du gewinne Augenblicke!

Denn hast Du jeden Augenblick besiegt,

Hast Du das ganze Leben Dir gewonnen!

Das ganze Leben Dir geschmückt! Dir leicht

Die ungeheure Last der Zeit gemacht!

So trägt ein Kind den Baum in Spänen fort!

Das Leben ist nicht schwer dem Immer-Guten.

Allein dem selten oder oft nur Guten

Verwirrt es sich, wie dem verschlafenen Weber!

Das Leben ist so leicht dem Immer-Guten!

Das Wort gab ihm eine wunderbare Ruhe und Klarheit. Den Augenblick

besiegen, immer gut sein! Darin lag ja alles, und der das sagte, der

ihm in dieser Weihnacht solchen Trost verlieh, war -- ein Protestant,

aber der Gedanke vermochte ihn heute nicht zu erregen, um so mehr, als

er manches Goldkorn schon in dem Büchlein gefunden hatte, das ihn bald

abstieß, bald wieder seltsam anzog. Mit dem Gelöbnis, stets aufs neue

danach zu streben, immer gut zu sein, ging er um Mitternacht, als die

Glocken klangen, hinüber nach der Kirche zur Mette.

Der erste Weihnachtsfeiertag brach wenig freundlich an; er brachte

kalten Wind und Schnee, und Frohwalt empfand sein ganzes Unbehagen,

als er nach dem Filialdorfe Květau hinüberwanderte, um in der dort

befindlichen Kapelle die heilige Messe zu lesen. Es war immer ein

Stündchen Wegs, und selbst auf der Straße schlechter Pfad, aber, den

Kragen seines Ueberrockes heraufgeschlagen, die Klerik hochgeschürzt,

so schritt er wacker aus.

Das kleine Gotteshaus war ganz gefüllt von Andächtigen, zu dem Klange

der bescheidenen, dünnstimmigen Orgel tönte der fromme Gesang des

Weihnachtsliedes:

Ein Kind geboren, gar wunderschön,

Zur Erd ist kommen aus Himmelshöhn --

Hallelujah!

Bei dem alten Lehrer trank er nach dem Gottesdienste eine Tasse Kaffee

und hörte dessen Klage über die Feindseligkeiten zwischen den Deutschen

und den Tschechen im Dorfe, welche durch die Tagesblätter, besonders

die tschechischen, gegen einander gehetzt würden; er hätte manchmal

mit der Jugend schon seine liebe Not. Dann ging er wieder gen Nedamitz

zurück. Das Wetter war besser geworden und über dem winterlichen

Landschaftsbilde lag ein wärmerer Sonnenstrahl, so daß sein Kirchdach

recht freundlich aus der weißen Schneehülle herauslugte.

Dann saß er am Mittagstische mit dem Pfarrer beisammen. Der Gänsebraten

duftete, und in den Gläsern perlte heute goldiger Czernosecker. Der

alte Herr fühlte sich angesichts dessen besonders behaglich und heiter,

aber auch hier sollte es sich bewähren, daß »der bösen Mächte Hand

zwischen Lipp' und Kelchesrand schwebt.«

Die Köchin kam plötzlich recht eilfertig herein und hinter ihr ein Mann

aus Květau. Sie rief:

»In Květau hat's nach der Kirche eine Rauferei gegeben, und der Jiři

Pacak ist gestochen worden. Er wird wohl sterben, und da möcht' jemand

kommen und ihm das Sakrament geben. Da haben die Deutschen wieder

angefangen, die Mörderbande!«

»Ach nein« -- suchte der Bote dazwischen zu reden -- »der Jiři ist

selber Schuld gewesen, er hat ...«

Die beiden Geistlichen waren erregt aufgestanden und der Pfarrer sagte

seufzend:

»Na, da will ich doch gleich -- weil der Bursche nicht gut deutsch

kann -- --«

»Ach, das wär' noch schöner!« rief die Köchin -- »Sie werden doch nicht

bei dem Wetter -- es hatte eben wieder zu schneien angefangen -- selber

gehen? Da geht allemal der Pater Peter. Schaun's, daß Sie fortkommen«

-- wandte sie sich an den Kaplan -- »geben's dem Burschen die Oelung

und reden's dabei dem verdammten Gesindel, den Deutschen, mal ins

Gewissen! Nu ja -- auf was warten's denn noch, da essen Sie mal ein

Stückel Gans weniger!«

Im ersten Augenblick stand Frohwalt ganz verdutzt da, und der Bote aus

Květau machte ein seltsam verwundertes Gesicht; der junge Priester

erwartete, daß der Pfarrer etwas sagen würde auf solche Aeußerungen,

die noch dazu im unhöflichsten Tone gesprochen wurden, und als dies

nicht geschah, stieg ihm eine heiße Röte ins Gesicht und er sprach:

»Nun möcht' ich doch endlich wissen, ob ich vom hochwürdigsten

Konsistorium oder von der Pfarrköchin in Nedamitz angestellt bin?

-- Sie haben wohl die Güte, dieselbe darüber zu unterrichten, Herr

Pfarrer, denn ich bin der Quälerei dieses Weibes müde.«

[Illustration: Der junge Priester sprach: »Nun möchte ich doch

endlich wissen, ob ich vom hochwürdigsten Konsistorium oder von der

Pfarrersköchin angestellt bin?« (Seite 69).]

»Was -- Quälerei? -- Ich bin noch mit jedem geistlichen Herrn

drausgekommen, aber so stolz und hochnäsig hat noch keiner gethan; ich

bin 25 Jahre -- --«

»Barbara, Barbara,« rief der Pfarrer fast bittend dazwischen, Frohwalt

aber sagte:

»Ich behalte mir vor, die Antwort auf meine Frage vom Konsistorium

selbst zu erbitten! Jetzt wartet ein Sterbender -- kommen Sie!«

Und während der Pfarrer und die Köchin noch sich stumm und befremdet

anblickten, ging der junge Priester mit dem verdutzt dreinschauenden

Boten hinaus. Er eilte, nachdem er diesen zum Meßner geschickt hatte,

seine Klerik anzuziehen, und bald darauf schritt er zum zweiten Male

durch Schnee und Wind gegen Květau, diesmal mit beschleunigtem Fuße,

sodaß er in einer halben Stunde dort anlangte. Er fand, noch im

Wirtshause, wo der böse Streit stattgefunden, einen Sterbenden, um

welchen sich der herbeigerufene Arzt vergebens bemühte, und dem er nur

die letzte Oelung zu reichen vermochte.

Der Anblick des blutbefleckten, regungs- und bewußtlosen Menschen

hatte ihn tief erschüttert, mehr noch aber die Erzählung des Wirtes,

nach welcher er selbst die unschuldige Veranlassung der furchtbaren

That geworden war. Er hatte am Ende der Messe drei deutsche Vaterunser

gebetet -- der Pfarrer hatte immer noch eins oder zwei in tschechischer

Sprache eingefügt; -- da hatte der Jiři im Wirtshause, wo sich die

Bauern nach dem Gottesdienste zusammenfanden, sich darüber lustig

gemacht, und so lange auf die Deutschen gestichelt, bis der Streit

anhob, in welchem er selber zuerst das Messer gezogen hatte; ein

Deutscher hatte es ihm entwunden, und als der trotzige Bursche mit

diesem rang, glitt er aus und fiel in die noch immer offene Schneide.

Der Heimweg nach Nedamitz war für Frohwalt fürchterlich. Ihm lag es

auf der Seele, daß er sich, noch dazu in Gegenwart des fremden Boten,

im Pfarrhause von seinem Zorn hatte überwältigen lassen -- er hätte ja

auch schweigend fortgehen können, noch entsetzlicher aber war ihm dies

letzte grauenhafte Erlebnis. Er ging, einem Automaten gleich, dahin,

und seine Füße waren ihm schwer.

Als er im Pfarrhause ankam, schien der Pfarrer bereits auf ihn zu

warten. Er war in Verlegenheit und in Sorge zugleich. Die Drohung

des Kaplans mit dem Konsistorium war ihm nicht gleichgültig, da er

wußte, daß er manches auf dem Kerbholz hatte. Darum suchte er Barbaras

Ungehörigkeit zu entschuldigen, und bat ihn, die Sache nicht so ernst

zu nehmen; er habe der Köchin ins Gewissen geredet, und Aehnliches

werde ganz gewiß nicht wieder vorkommen. Frohwalt hörte nur mit halbem

Ohre hin; er sprach einige beruhigende Worte, denn der alte Herr, der

in den Händen des Weibes war, that ihm leid, und dieser ging zuletzt

gedrückt und verstimmt fort.

Zum Abendbrot kam der Kaplan nicht, sodaß die Sache selbst der Köchin

unbehaglich ward; er betete lange, aber er fand keine rechte Ruhe.

Immer sah er das bleiche, verzerrte Gesicht des erstochenen Burschen

vor sich, und erst spät begab er sich zu Bette. Doch fand er lange

keinen Schlaf. Er hörte das Heulen des Windes um das Haus, dazwischen

ab und zu das Schlagen der Uhr vom Kirchturme, und wälzte sich

fieberheiß von einer Seite nach der andern. Die Last seines Amtes lag

zum erstenmale mit erdrückender Wucht auf ihm, und er hatte keine

Menschenseele, in die er etwas davon hätte legen und der er hätte

klagen können.

Gegen Morgen war er entschlummert, und mit dem grauenden Wintertage

stand er wieder auf und ging nach der Kirche zur Messe. Dann war er

aufs neue daheim in seiner Stube -- einsam, bange und trüb. Was war das

für ein Weihnachtsfest! Hatte denn der Himmel für ihn keinen Tropfen

Freude?

Um die Mittagszeit stand er am Fenster, das nach der Dorfgasse hinsah

und schaute hinaus. Heute lag es wie eine blaue Glocke über der Welt,

und der Sonnenschein blitzte auf dem weißen Schnee. Kleine Mädchen

rollten ihn zusammen zu Klumpen, um sie zu einem ungefügen Manne

zusammenzusetzen, und neckende Knaben warfen sie dabei mit den weißen,

weichen Bällen. Und sie jauchzten und lachten, daß es dem jungen

Priester wunderlich in der Seele widerhallte. Das gab ihm einige

Heiterkeit wieder, aber es sollte noch besser werden.

Da kam am Ende der Gasse, soweit er sie überschauen konnte, ein Mann

her mit einer Pelzmütze auf dem eckigen Kopfe, um den die grauen Haare

flatterten, einen wunderlichen langen Mantel umgehangen, einen Ranzen

auf dem Rücken und in der Faust den derben Knotenstock. Das war der

Vetter Martin, wie er leibte und lebte.

In Frohwalts Gesicht stieg die Röte der Freude; er riß das Fenster auf,

und rief einen lauten Gruß hinaus, so daß die liebe Jugend erstaunt

empor sah, der alte Wanderer aber riß die Mardermütze vom Kopfe und

schwenkte sie lustig. Bald darauf stampfte er herein in die Pfarrei.

»Na, komm ich recht? -- Hab' mir Dein Nest einmal zur Winterszeit

ansehen wollen, da paßt mir's am besten! Gesegnete Feiertage!«

»Ach, Vetter Martin, Dich schickt der Himmel! Keinen Menschen könnt'

ich just so gut brauchen, als Dich!«

»Na, siehst Du wohl -- mein Ahnungsvermögen! Ja, so ein alter

Naturforscher hat eine höllisch feine Nase. Drückt Dich's irgendwo?

Herunter damit, wir wollen schon fertig werden zusammen.«

Und da saß der Alte am Ofen und streckte seine Beine weit von sich,

und hatte sich seine kurze Thonpfeife angebrannt, und Peter Frohwalt

erzählte ihm nun alles, alles: Vom Leben in der Pfarrei, von der Köchin

Barbara, von den faulen Zuständen in Haus und Gemeinde und von dem

gestrigen Morde in Květau und es that ihm wohl, sich endlich einmal

entlasten zu können.

Vetter Martin hatte ihm schweigend, manchmal mit leisem Kopfschütteln

zugehört, und sagte nun:

»Ja, mein lieber Peter, ich hab's Dir's ja vorausgesagt, daß Dich das

Leben erst noch abschleifen werde, und das thut allemal ein wenig

weh. Dein alter Pfarrer, Deine liebe Barbara, der muntere Wirt, der

verliebte Jakob und wer sonst noch sind die Wetzsteine für Dich und

zeigen Dir zugleich, daß unser Herrgott sehr wunderliche Kostgänger

hat, und daß man nicht alles mit Gesetzen und allgemeinen Regeln abthun

kann. Der liebe Gott füttert und erhält sie alle in gleicher Weise

und thut jedem ein wenig Liebe an, und zuletzt bringt er alles in den

richtigen Topf. Mach's ebenso! Deinen Pfarrer und seine Köchin will

ich mir erst näher besehen und dann Dir meine Meinung sagen, auch den

untern Wirt möcht' ich kennen lernen und sein »Aergernis«. Was aber

die Květauer Geschichte betrifft, so weiß ich nicht, warum Du Dich gar

so erregst; traurig ist sie, aber auf Deine Rechnung kann sie nicht

kommen. Du hast Deine Vaterunser gebetet, wie deine gute Mutter es Dich

gelehrt hat und in ihrer Sprache, weil Du eine andere nicht verstehst.

-- Das ist doch keine Schuld und keine Sünde, das ist doch gerade so,

wie wenn sich die Bengels darüber totstechen wollten, weil Du Dich

zufällig nicht in ein Schnupftuch mit den tschechischen Nationalfarben

geschnäuzt hast. Thu', was Du in Deinem Gewissen für gut und recht

hältst und fürs übrige laß unsern Herrgott sorgen! Basta -- das ist die

ganze Moral und die gilt für Christen, Juden, Türken und Kalmücken!«

Die Thüre öffnete sich und der Kopf des Pfarrers zeigte sich; er hatte

laut sprechen hören, und war, von Neugier geplagt, gekommen, angeblich,

um den Kaplan zu Tische abzuholen. Frohwalt stellte ihm seinen Gast

vor, und der alte Herr lud mit liebenswürdigem Eifer denselben ein, am

Mittagsmahle teilzunehmen. Vetter Martin ließ sich nicht drängen, und

so gingen die Drei nach dem Speisezimmer und der Pfarrer erteilte der

Köchin den Auftrag, noch für ein Gedeck zu sorgen.

Das Weib zeigte sich zur Verwunderung des Kaplans ganz besonders

freundlich und höflich, und die Mahlzeit verlief, zumal der Gast mit

seinen reichen Erfahrungen und seinem köstlichen Humor den Löwenanteil

an der Unterhaltung nahm, in sehr angenehmer Weise. Auch der Pfarrer

hatte sich dabei von einer so vorteilhaften Seite gezeigt, wie ihn

Frohwalt noch gar nicht kannte. Er wurde lebhaft und sogar witzig,

harmlos, heiter und liebenswürdig gesellig, und Vetter Martin mußte

versprechen, im Pfarrhofe über Nacht zu bleiben und wenigstens

noch einen Tag hier zuzubringen. Der Pfarrer hatte früher sich mit

Botanik beschäftigt, später fehlte ihm ein anregender Genosse und er

hatte die Sache liegen lassen, aber er wollte seine wohlverwahrten

Pflanzensammlungen auskramen und Martin sollte ihm einiges bestimmen

helfen.

Als dieser nach Tische mit Peter allein zusammen war, sagte er:

»Sieh' mal, Dein Pfarrer ist ein Mensch, der viel besser verbraucht

werden könnte, als es geschieht. Er ist einfach hier -- wie man sagt

-- versauert, und weil er keinen besseren Umgang fand, in die Hand

der Jungfrau Barbara gefallen. Er hat ein gutes, menschenfreundliches

Herz, und daran mußt Du Dich halten, das söhnt mit Manchem aus; seine

Schwächen mußt Du in Kauf nehmen, er ist zu alt, um sie noch abzulegen.

Deiner lieben Barbara aber mußt Du die Zähne zeigen, ordentlich ...

dann wird sie zahm. Mich behandelt sie wie ein rohes Ei, und es war

mir, als ob sie auch Dich ein- ums andere Mal achtungsvoll angesehen

hätte ... da siehst Du, wie's gut thut, wenn man zu Zeiten einmal

aufmuckt! Thue recht und scheue niemand, nicht einmal eine Pfarrköchin!

Also mein Lieber, die Leute nicht nach der allgemeinen Regel und nach

dem Kirchenrecht behandelt, sondern nach der Art, wie sie verbraucht

werden müssen! Wenn Du erst soweit gekommen bist, dann stehst Du auf

freier Höhe, von der aus Du den rechten Segen bringen kannst!«

Am Abend saß der wunderliche Gast wieder mit den beiden Priestern

zusammen, und es wurde ziemlich spät, ehe man zur Ruhe kam. Seltsamer

Weise hatte der Pfarrer an diesem Abend viel weniger getrunken als

sonst, nicht bloß, weil er sich vor dem Fremden scheute, sondern weil

er dazu kaum die Zeit fand. Er hatte seine getrockneten Pflanzen

gebracht, und ging wie in alten, schönen Tagen, wieder in der Botanik

auf; er wollte von neuem anfangen zu sammeln, und Martin versprach,

ihn auch aus der Ferne zu unterstützen.

Frohwalt hatte an diesem Abend mehr als je den Eindruck, daß er von

Vetter Martin noch Vieles lernen könne, namentlich im Umgang mit

Menschen. Und er sollte noch mehr in dieser Hinsicht erleben. Der

seltsame, sonst so unruhige Gast ließ sich sogar noch zwei Tage in

der winterlichen, stillen Dorfpfarre festhalten und wohnte auch dem

Begräbnis des in Květau erstochenen Burschen bei, das der Pfarrer

abhielt, und bei welchem zahlreiche Gendarmerie anwesend war, weil

man von der Erregung der Tschechen Unannehmlichkeiten und Störungen

fürchtete. Aber die Sache ging ziemlich ruhig ab.

Als die beiden Männer nach Nedamitz zurückgekehrt waren, fanden sie im

Pfarrhause den untern Wirt, welcher auf den Pfarrer wartete und bei

diesem das kirchliche Aufgebot mit seiner Magd bestellte. Martin war

dabei zugegen, und der Mann reichte ihm, nachdem er mit dem Pfarrer

gesprochen, treuherzig die Hand und sagte:

»Na, ist's so recht, Herr Martin?«

»Ja, mein lieber Herr Polzner, -- ich freue mich sehr drüber!«

erwiderte dieser, und das Gesicht des Wirtes strahlte vergnüglich,

als er fortging und so heiter wie selten in seinem Leben durch die

Dorfgasse schritt.

Peter Frohwalt war angenehm überrascht und erfreut über diese Kunde,

und Vetter Martin, der sie ihm zuerst hinterbracht hatte, lächelte

dabei so seltsam, daß er diesen verwundert und fragend anschaute.

»Nun ja, mein lieber Peter, ich bin gestern im untern Wirtshause

gewesen, habe ein Glas Bier getrunken und mich dabei mit dem Wirte,

den ich allein traf, unterhalten. Er schien mir ein ganz vernünftiger

und zugänglicher Mann zu sein, und da habe ich denn nach meiner

Weise ihn gefaßt. Mit der Thür ins Haus fallen darf man dabei nicht,

von Aergernis in der Gemeinde reden und dergleichen ist hier ganz

ungeschickt, man muß immer wieder sehen, aus welchem Holze der Mensch

geschnitzt ist, und wo er eine weichere Stelle hat. So sagte ich ihm:

›Sie haben ja eine prächtige, stattliche Wirtin, hübsch, jung, flink --

's ist wohl Ihre zweite Frau?‹ -- Er wurde ein bißchen verlegen, dann

druckste er so langsam mit der Wahrheit heraus. ›I, sehen Sie mal --

aber eine schönere, passendere Frau könnten Sie doch nicht finden, der

Himmel schickt Ihnen ja förmlich das Glück ins Haus -- sonst schnappt's

ein anderer weg, greifen Sie zu! -- Na, und wissen Sie, 's ist auch

wegen dem Mädel selber, das nur einmal seinen guten Ruf hat, und wenn

die Leute Ihnen nichts ins Gesicht sagen, hinterm Rücken reden sie

doch, und das arme Frauenzimmer kommt dabei am schlimmsten weg. Ich

thät' die Lästermäuler stopfen -- Sie sind der reiche untere Wirt, Sie

brauchen sich um niemanden zu kümmern -- und Sie sollen sehen, was Sie

erst gelten, wenn Sie den Trumpf ausspielen.‹ So ungefähr habe ich

ihm zugeredet, und dabei haben wir wie zwei Brüder am Tische gesessen

und miteinander getrunken und dies und das gesagt, bis er mit einem

Male seine Hand auf meine legte und sprach: ›Sie sind ein vernünftiger

Herr -- Sie haben recht -- und dann, man soll meine Johanne nicht mit

der Pfarr-Barbara in einem Atem nennen -- ich bestelle morgen mein

Aufgebot!‹ Und heute ist er dagewesen. Siehst Du, mein lieber Peter,

daß es auch ohne Kirchenrecht manchmal geht!« --

Als Vetter Martin am andern Morgen seinen Ranzen aufschnallte und

seinen »Schweizer« ergriff, hatte der Pfarrer Thränen im Auge; ihm

war's, als zöge ein lieber Verwandter fort, ein Mensch, der ihn

verstanden hatte, wie seit langem keiner.

Peter Frohwalt begleitete den Wanderer noch ein gut Stück Wegs, und als

er endlich auch mit kräftigem Handdruck von ihm schied, kehrte er mit

seltsam gehobener Stimmung in das Dorf zurück.

Es war, als ob ein guter Geist durch das Pfarrhaus gegangen wäre; der

Pfarrer war heiterer und voll Interesse für manches, was ihn vordem

gleichgültig gelassen; er begann wieder eifrig mit botanischen Studien,

und als das Frühjahr die ersten Gräser und Blumen brachte, begann er

wieder zu sammeln und zu ordnen, und dabei kam er viel seltener zu

dem vorigen übermäßigen Trinken; Frohwalt selbst war nachsichtiger

in seinem Wesen, verständiger in Behandlung der Menschen und ruhiger

geworden, und selbst bei Barbara schien entweder der Besuch Martins,

oder das entschiedene Auftreten des Kaplans zu Weihnachten gewirkt zu

haben, denn sie behandelte den letzteren höflich, ja mitunter sogar

freundlich.

Und gerade, als die Verhältnisse sich zu bessern anfingen, erhielt

Peter Frohwalt den Ruf in einen andern Wirkungskreis. Er hatte

die Abhandlung, an welcher er im Herbst bereits geschrieben,

veröffentlicht, und hatte die Freude gehabt, daß namhafte Gelehrte, so

besonders der Professor des Kirchenrechts an der Prager Hochschule,

~Dr.~ _Holbert_, sich ungemein anerkennend darüber ausgesprochen

hatten. Das hatte wohl die Aufmerksamkeit seiner geistlichen

Vorgesetzten auf ihn gelenkt; man erinnerte sich außerdem, daß er seine

sämtlichen theologischen Prüfungen mit Auszeichnung bestanden hatte,

und so bekam er eines Tags ein Schreiben, das seine Ernennung zum

Adjunkten an dem Priesterseminar in Prag enthielt: die erste Staffel

zur theologischen Professur, oder auch zum Kanonikat.

Sein Herz schlug ihm höher vor Freude, als er die Berufung las, und

da er dem Pfarrer Mitteilung machte, sagte dieser, indem er ihm Glück

wünschte:

»Dort passen Sie hin, und ich gönn's Ihnen von Herzen! Aber wenn Sie

dort sind und einmal die violette Halsbinde[3] tragen, denken Sie

nachsichtig an einen alten Landpfarrer!«

[3] Abzeichen der Domherren.

Es klang eine schmerzliche Wehmut aus den Worten des greisen Priesters,

und verständnisvoll drückte ihm Frohwalt die Hand.

Als der Frühling seinen Einzug hielt und die Bäume in den Gärten von

Nedamitz blühten, verließ der Kaplan die Stätte seiner bisherigen

Wirksamkeit. Der Knecht -- es war nicht mehr Jakob, welcher vor kurzem

wegen Unredlichkeit entlassen worden war -- brachte sein Gepäck nach

der Station, er selbst ging, wie er zu Fuße einst gekommen, ebenso

wieder hinaus aus dem Dorfe. Der Pfarrer gab ihm das Geleit und

Barbara, die ihm noch eine gebratene Ente in seine Umhängtasche gepackt

hatte, wischte sich sogar das Auge aus mit dem Schürzenzipfel und küßte

ihm die Hand. Es geschah vielleicht aus Klugheit, nachdem sie wußte,

daß er jetzt am Sitze des allmächtigen Konsistoriums wohnen würde.

Die Leute in der Dorfgasse grüßten ihn freundlich, und er gab allen,

die ihm begegneten, die Hand; besonders die Kinder aber drängten

sich noch einmal heran, ihn mit dem Handkusse zu begrüßen. Beim

untern Wirtshaus stand der Wirt mit seinem jungen Weibe unter der

Thüre. Der Mann lüftete lustig sein grünes Sammtkäppchen und rief ihm

herzlich-freundliche Worte zu, und Peter reichte auch den Beiden seine

Rechte. Vor dem Dorfe sah er noch einmal zurück. Die erste Station

seiner Berufsthätigkeit! Der Gottesfriede, der über dem freundlichen,

blühenden Landschaftsbilde lag, ergriff ihn mächtig, und erst in dieser

Minute wurde ihm der Abschied wirklich schwer.

»Gottes Segen über alle, die hier wohnen!« sprach er halblaut, und sah

mit schimmernden Augen in das Angesicht des gleichfalls tiefbewegten

Pfarrers.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Fünftes Kapitel.

Der Uhrmacher Freidank war thatsächlich zum protestantischen Bekenntnis

übergetreten. Die Sache hatte sich in aller Stille vollzogen, und

selbst in der kleinen Stadt, wo es nicht allzuviel Gesprächsstoff

gab, wurde nicht lange darüber geredet. Das Ereignis schien sogar für

Freidank günstige Folgen zu haben. Man hatte ein gewisses Interesse

für ihn gewonnen, und die Zahl seiner Kunden mehrte sich, trotzdem

der heißblütige junge Kaplan in seinen Kreisen gegen ihn eiferte.

Ja selbst die gehässige Weise, in welcher dies geschah, blieb nicht

ohne Folgen. Zwei Familien, in welchen die Gatten verschiedenen

Glaubensbekenntnissen angehörten, traten, um solchen Vorkommnissen, wie

sie beim Tode von Freidanks Frau sich abgespielt hatten, von vornherein

die Spitze abzubrechen, ebenfalls zum Protestantismus über, und diese

Uebertritte vollzogen sich in aller Stille in dem kleinen Kirchlein von

Burgdorf.

Marie Frohwalt aber lebte Wochen lang mit sich selber in herbem

Zwiespalt. Es zog sie hin zu dem verwaisten Kinde der Freundin, und

doch fürchtete sie einerseits den Bruder, der von etwaigen Besuchen

erfahren konnte, und dann hatte sie doch eine mädchenhafte Scheu,

die sie abhielt, das von diesem bereits angedeutete Gerede der Leute

herauszufordern.

Zuletzt überwog die Liebe zu der kleinen Grethel, und Marie suchte

die Nachbarin Becker auf, und spielte auf deren Stube mit dem Kinde.

Dem Vater derselben wich sie sorgfältig aus, wenigstens konnte

niemand sagen, daß er sie allein mit ihm im Gespräche gesehen hätte.

Freidank selbst war ihr gegenüber zurückhaltend, beinahe ängstlich und

einsilbig; er verstand wohl, was in der Seele des Mädchens vorging und

wußte, daß er ihren Ruf zu schonen hatte.

Im Juli fiel der Namenstag seines verstorbenen Weibes, den er immer

durch eine freundliche Gabe gefeiert hatte. Diesmal konnte er ihr

nichts bringen, als eine Handvoll Rosen aus seinem Gärtchen von

demselben Strauche, den sie selbst bald nach ihrer Hochzeit gepflanzt

hatte. Am Morgen betrat er den Friedhof und ging, sein kleines Mädchen

an der Hand, nach dem abgelegenen Grabe an der Mauer. Das weiche

Gras machte seinen Schritt unhörbar, und so vernahm ihn auch die

jugendliche Frauengestalt nicht, die ihm den Rücken zuwendete und über

das schlichte Holzkreuz geneigt an dem wohlgepflegten Hügel stand. Erst

als er grüßte, sah sie beinahe erschrocken empor. Es war Marie, die

einen kleinen Kranz von Feldblumen -- wie die Verstorbene sie besonders

geliebt hatte -- auf dem Grabe niedergelegt hatte. Freundlich lugten

die blauen Kornblumen aus dem grünen Grase.

»Sie haben doch auch d'ran gedacht -- das ist hübsch von Ihnen,

Fräulein Marie,« sagte der Mann, während das Kind schon nach den Händen

der »guten Tante« gehascht hatte und sich daran hing.

»Vor einem Jahre hat sie noch gelebt!« antwortete fast verlegen das

blonde, hübsche Mädchen.

»Ja, aber zwei Tage später lag sie, und sollte nicht wieder aufstehen.

O dies Einsamsein ist schrecklich, und das Kind muß auch darunter

leiden. Die Frau Becker meint's ja gut, aber sie hat selber keine

Kinder gehabt und weiß nicht mit solchen umzugehen. Ich bin manchmal

so trostlos, so elend -- ach, Sie glauben's gar nicht, Fräulein Marie.

Ja, wenn Sie einmal mit Grethel wieder geredet und gespielt haben, da

lebt das Kind auf, und ich mit ihm ... aber es kommt selten. Ich weiß

ja, daß es nicht anders sein kann, die Welt hat eine zu böse Zunge, und

ich kann mir's denken, daß Sie auch jetzt wieder auf Kohlen stehen,

wenn uns jemand hier zusammen sähe, und doch ist's uns beiden hier

ein geheiligter Boden. Nun, Gott dank's Ihnen, daß Sie heute an meine

Grethe gedacht haben -- ich will Sie aber nicht aufhalten -- --«

Marie konnte sich aus ihrer Verlegenheit nicht herausfinden. Sie sprach

endlich stockend:

»Ja, Sie wissen's ja, Herr Freidank, wie lieb mir Ihr Grethel ist, und

wie ich mich immer freue, wenn ich das Kind sehe -- nicht wahr, kleine

Maus?« wandte sie sich an das Mädchen, das sich mit ganzer Zärtlichkeit

an sie schmiegte und mit den kleinen Aermchen ihren Leib umschlang.

»Adieu, Grethel!«

Sie beugte sich, noch immer verlegen und ängstlich, nieder, küßte das

Kind, und dann reichte sie dem Manne die Hand:

»Leben Sie wohl, Herr Freidank -- Sie wissen ja, wie ich's meine!«

Er nickte stumm, und wie sie nun rasch zwischen den Kreuzen hinschritt,

hinüber nach dem Grabe ihres Vaters, schaute er der schlanken Gestalt

noch einmal nach, dann hob er seine Kleine empor und drückte sie fest

an sein Herz.

Etwa drei Wochen später ging Marie gegen Abend durch die Berggasse.

Da kam der Vetter Martin ihr entgegen. Er war erst vor kurzem

wiedergekommen von einer seiner Reisen und mußte wegen eines Fußübels

unfreiwillig Rast halten in der Heimat. Er ging langsamer als sonst,

und stützte sich schwer auf seinen derben Stock. Seine Miene, die

sonst immer ungetrübt war, drückte heute eine gewisse Besorgnis aus und

er rief dem Mädchen zu:

»Soeben sagt mir der Doktor Winkler, daß Grethel Freidank Diphtheritis

habe, ein böser Fall!«

Marie fühlte, wie ihr das Blut aus den Wangen lief und wie ihr beinahe

der Herzschlag stockte.

»Na, was ist Dir denn Mädel, Du wirst ja so weiß wie Dein Sacktuch« --

sprach der Alte und humpelte hastig heran.

Marie that einen tiefen Atemzug, dann sagte sie mit gesenktem Blick und

unsicherer Stimme:

»Glaubst Du, Vetter Martin, daß ich hingehen und das Kind pflegen kann

die Nacht hindurch?«

»Na, warum denn nicht? -- Ja so! Der Mann ist ein junger Witwer,

und die Leute wären dumm genug, selbst bei Angst und Sorge noch die

ungewaschenen Mäuler dazwischen zu hängen. Na, weißt Du, wir gehen

mit einander. Ich denke, da hat's keine Gefahr, und ich wollt' auch

niemandem raten, den Schnabel weiter aufzuthun, als er verantworten

kann. Ich könnte zwar allein auch die Sache versorgen, aber eine

Frauenhand ist bei so einem kleinen Wurm allemal besser, und dann hängt

das Kind auch an Dir. Freidank wird den Kopf schon halb verloren haben,

und die alte Becker'n ist ein Schaf -- also hier hilft's nicht: Wir

thun's um Gottes Lohn. Jetzt gehen wir erst einmal zu Deiner Mutter,

damit sie Bescheid weiß und nicht erst unnötige Redensarten macht, und

dann wollen wir mal zusehen, ob wir mit vereinten Kräften das kleine

Mädel wieder gesund kriegen.«

So gingen sie beide erst nach dem alten Burgthor zu und, obgleich Frau

Frohwalt eine bedenkliche Miene machte und einige bescheidene Einwände

versuchte, Vetter Martin hatte heute seinen Tag, an dem er keinen Spaß

verstand, und da konnte er sehr unangenehm von der Leber weg reden. Es

that auch Eile not.

Als sie zu Freidank kamen, schien dieser aufzuatmen. Ihm war's, als ob

jetzt die Hilfe für sein kleines Mädchen kommen müßte, und aus tiefster

Verzweiflung ging er zur Hoffnungsfreudigkeit über.

Es war eine böse Nacht. Das fieberheiße, geängstigte Kind, das bald in

unruhigen Schlummer fiel, bald wie in Atemnot aufschreckte, hielt fast

unablässig die Hand der lieben Pflegerin in seinen glühenden Händchen,

und wenn es die furchtbare Angst überkam, dann schlang es derselben

wohl auch die zuckenden Aermchen um den Hals und suchte mit heiserer

Stimme ein Kosewort zu flüstern.

Vetter Martin war sich völlig im Klaren, daß er hier nicht mehr war,

als der Ehrenwächter, aber er bewunderte still die Hingabe und das

Geschick Mariens, und es war ihm außer Zweifel, daß das Kind sich von

keinem Menschen -- auch von seinem Vater nicht -- diese Einspritzungen

und Einpinselungen, diese Umschläge und Packungen hätte mit solcher

Geduld machen lassen wie von dem Mädchen, auf dessen Auge kein Wehen

des Schlummers kam, das unverwandt die kleine Kranke beobachtete und

mit peinlichster Sorgfalt alle Vorschriften des Arztes beobachtete.

Gegen Morgen war der Schlummer der Kleinen ruhiger, und Vetter Martin

nötigte Marie, jetzt wenigstens auch einige Stunden nach Hause zu gehen

und zu schlafen; sie ging erst, nachdem er ihr heilig versichert hatte,

daß er bei der geringsten Verschlimmerung sie augenblicklich wieder

holen lassen wolle.

Der Arzt fand das Kind viel besser, wenngleich noch nicht außer Gefahr,

und noch eine zweite Nacht saßen die Pfleger, der unruhige Vater, der

grauhaarige Vetter Martin und das vom Nachtwachen bleiche Mädchen an

dem kleinen Lager. Mit erneuter Heftigkeit schien die Krankheit in

dieser zweiten Nacht loszubrechen -- es war die Entscheidung, aber als

der Morgen in die Fenster leuchtete, begann die heiße Röte aus dem

Antlitz des Kindes zu weichen, und seine Atemzüge wurden ruhiger. Unter

solchen Anzeichen ließ Marie sich leichter bereden, heimzugehen, zumal

sie selber nach der Aufregung der letzten Stunden das Gefühl einer

tiefen Abspannung hatte. Noch einmal beugte sie mit ihrem bleichen

Gesichte sich über die schlafende Kleine und lauschte auf ihren Atem,

dann gab sie den beiden Männern die Hand, welche Freidank in tiefer

Bewegung küßte.

Das Kind genas in der That und zwar rascher, als selbst der Arzt

gehofft hatte, der diesen Erfolg unverhohlen der unendlichen Sorge

der treuen Pflegerin zuschrieb. Schon nach etwa acht Tagen konnte

die Kleine, zumal das Wetter wundersam schön war, ins Freie gebracht

werden, und langsam ging sie an der Hand des Vaters durch die Gasse.

Alle Nachbarn und Bekannten bekundeten eine freundliche Teilnahme

und sahen dem Paare nach, das seine Schritte nach dem alten Thore

hinlenkte, in dessen Nähe das Häuschen des Sportelschreibers stand.

Dort sah am Fenster zwischen den blühenden Blumen ein blonder

Mädchenkopf heraus, um gleich darauf zu verschwinden. Marie sah Grethel

zum ersten Male wieder und wollte hinauseilen, um das Kind zu begrüßen,

da stand auch schon Freidank auf der Schwelle. Sie war einigermaßen

verlegen, aber sie bat ihn, einzutreten in die Stube, in welcher die

Mutter am Tische saß, mit einer Handarbeit beschäftigt. Sie selber

nahm das Kind auf den Arm, welches sich mit größter Innigkeit an sie

anschmiegte.

Der Uhrmacher, welcher den ihm gebotenen Stuhl angenommen hatte, schien

einigermaßen in Verlegenheit zu sein, als ob ihm das rechte Wort fehle;

endlich sprach er:

»Es drängt mich, noch einmal von ganzem Herzen Fräulein Marie zu danken

für das, was sie meinem Kinde gethan hat; meine Grethel wär' heute bei

ihrer Mutter, wenn Sie nicht gewesen wären,« wandte er sich zu dem

Mädchen, welches sich wieder an dem Fenster niedergelassen hatte.

»Der liebe Gott hat geholfen, und wir wollen ihm alle dafür danken,

nicht wahr, Mäuschen?« sagte Marie zu dem Kinde, das auf ihrem Schoße

saß und mit dem Kreuzchen spielte, das auf ihrer Brust hing.

»Ja, ja, freilich der liebe Gott,« erwiderte Freidank, »aber er thut's

manchmal durch seinen Engel, und der sind Sie diesmal gewesen.«

»Ich hab's gethan, weil ich doch meiner guten Grethe versprochen hatte,

über ihr Kind zu wachen, wenn sie's selber einmal nicht mehr könnte!«

»Haben Sie das wirklich versprochen?« rief lebhafter der Uhrmacher --

»ja, wenn Sie nur auch ...«

Er wußte offenbar nicht recht, wie er sich ausdrücken sollte, und

suchte nach Worten.

»Sehen Sie, das Kind ist so verlassen, und ich auch. So kann's nicht

weiter gehen, dabei gehen wir beide zu Grunde. Die alte Becker hat ja

den guten Willen, aber sie muß doch zuerst auf ihre Wirtschaft und auf

ihre Verwandtschaft sehen, und dann ... sie versteht auch nicht mit

dem Kinde umzugehen. Nein, so kann's nicht gehen, und wenn Grethel

mir wieder krank würde, denken Sie nur, was das werden soll! Das arme

kleine Ding braucht eine Mutter ... und da dacht' ich ... ob Sie nicht,

da Sie auch meiner seligen Grethe versprochen haben ... ob Sie nicht

-- -- mein Weib werden wollten!«

Er hatte stockend, wie mit beklemmtem Atem gesprochen und endlich die

letzten Worte hastig hervorgestoßen.

Das Mädchen war errötet und hatte das Kind auf die Erde gestellt, das

sie aber nicht losließ, gleich als wüßte es, um was es sich handle;

die alte Frau am Tische jedoch hatte erschrocken und wie abwehrend

beide Hände nach dem Manne ausgestreckt, der mit bleichen Wangen und

erwartenden Augen auf seinem Stuhle saß; sie rief:

»Um Gotteswillen, Herr Freidank -- wohin denken Sie -- das kann ja

nicht sein!«

Eine scheinbar unendlich lange Pause trat ein. Es war still, auch

das Kind regte sich nicht, und man hörte nur die tiefen Atemzüge des

Mädchens am Fenster; endlich sagte Freidank:ä

»Ach Gott, ich weiß ja, was Sie meinen -- der hochwürdige Herr! Sollte

er aber denn nicht auch glauben, daß er das Glück zweier Menschen --

ich meine mich und meine Kleine -- in der Hand hat, und daß es schön

sein müßte, das Glück nicht zu zertreten? Ich bin doch kein schlechter

Mann und was ich gethan habe, mußte ich eben thun. Ach, wenn ich nur

besser zu reden verstände! Sehen Sie, Fräulein Marie, eine so heiße,

glühende Liebe, die alles vergißt, was in der Vergangenheit liegt, kann

ich Ihnen nicht entgegenbringen und meiner seligen Grethe wird immer

ein Stück meines Herzens gehören. Aber ich habe gemeint, Sie werden das

verstehen und begreifen, denn Sie haben sie ja auch lieb gehabt. Und

unser aller Liebe kommt zuletzt in dem Kinde zusammen. Ihm gönne ich

vor allem Ihre Liebe, und wenn Sie für mich nur ein wenig Zuneigung

hätten, ich wär' schon zufrieden und glücklich, wenn Grethel Sie zur

Mutter hätte. Ich will heute keine Antwort, ich bin ja mit der Thüre

ins Haus gefallen. Ueberlegen Sie sich das drei Tage, acht Tage oder

noch länger, und seien Sie nicht böse, daß ich geredet habe. Aber es

mußte jetzt sein, wo ich gesehen habe, wie Ihnen mein Kind ans Herz

gewachsen ist.«

»Ja, ja, sie ist mir ans Herz gewachsen!« sagte Marie, welche wieder

die Kleine an sich gezogen hatte, die nun ihre Wangen streichelte und

küßte, als ob sie die Worte ihres Vaters unterstützen wollte.

»Gut, Herr Freidank, lassen Sie mir Zeit ... das kommt mir zu

rasch -- --«

»Aber Marie, wozu denn Bedenkzeit? Das kann ja nicht sein!« wiederholte

beinahe angstvoll die alte Frau. »Erst müssen wir an Peter schreiben!«

»Ach seien Sie nicht hart, Frau Frohwalt,« bat der Mann, »und lassen

Sie Ihrer Tochter wenigstens den freien Willen -- ich habe ja noch

keinem Menschen Böses gethan, warum wollen Sie mir Böses thun?«

»Das will ich ja nicht, Herr Freidank, ich will nur keinen Zwiespalt in

meinem Hause, unter meinen Kindern!«

»Das wird der liebe Gott schon alles schlichten, wenn nur überall der

gute Wille ist. Für heute lassen Sie uns friedlich und freundlich

auseinander gehen, und Fräulein Marie, wenn Sie überlegen, denken Sie

immer zuerst an Ihre verstorbene Freundin und deren Kind, und dann erst

ein wenig an mich!« Marie hatte feuchte Augen, als sie dem schlichten

Manne die Hand reichte, der nun seine Kleine zu sich aufhob und langsam

dem Ausgang zuschritt. »Wenn's nicht sein kann, schreiben Sie mir's mit

einer Zeile, und wenn ich eine solche in acht Tagen nicht erhalte, dann

komme ich wieder!« sagte er noch, und Marie nickte stumm.

Als die beiden Frauen allein waren, erhob sich die Mutter; sie schlang

die Hände in einander, trat an ihre Tochter hin, sah ihr tief in die

Augen und sprach: »Marie -- Du willst ihn doch heiraten!«

»Um des Kindes willen, Mutter -- ja! Seit ich Grethel dem Tod

abgerungen habe, ist sie recht eigentlich mein geworden, und ich kann

mir nicht denken, daß sie eine andere Mutter einmal erhalten könnte.

Das habe ich so kommen sehen, als ich in der letzten Nacht am Bette der

Kleinen wachte und als mir Freidank im Gefühle der überwundenen Angst

die Hand küßte.«

»Und Peter?« fragte die Frau.

»Schreibe Du ihm, Mutter, aber so, daß Du daran denkst, daß auch _ich_

Dein Kind bin. Du wirst bessere Worte finden, als ich!«

Die beiden hielten sich stumm in den Armen, dann riß sich Marie los und

ging hinaus. Nicht lange darnach schritt sie durch die stille, heiße

Gasse. Das Herz war ihr zum Zerspringen voll; sie mußte sich jemandem

mitteilen, und der, zu welchem sie das meiste Vertrauen hatte, war der

Vetter Martin.

Sie fand ihn daheim unter seinen Schätzen, ordnend und sichtend, und da

er sie sah, kam er herzlich ihr entgegen.

»Na, solcher Glanz in meiner Hütte! Ich dächte, Du wärst recht

lange nicht bei mir gewesen, das heißt innerhalb der vier Pfähle,

denn Gartenbesuch zählt nicht. Willst wohl einmal sehen, was ich an

Kuriositäten von meiner letzten Reise mitgebracht habe?«

»Das ist's eigentlich nicht, Pathe Martin, sondern ich brauche Deinen

Rat und Deine Hilfe!«

»Steht Dir zu Diensten, soweit der Vorrat irgend reicht! Setze Dich!«

Er schob ihr einen alten Polstersitz zu und nun saßen sie in dem

kühlen, dämmerigen Gemache einander gegenüber und Marie erzählte von

dem, was sich vor kurzem begeben hatte. Als sie zu Ende war, sagte der

Alte:

»Na, ich bin schon manches gewesen in meinem Leben -- Heiratsvermittler

noch nicht; versuchen wir's auch damit! Meinen Rat und meine Hilfe!

Mein Rat ist der: Nimm ihn, wenn Dich Dein Herz dazu drängt! Ich halte

ihn für brav und tüchtig, und das bist Du auch, und wenn zwei solche

Menschen sich finden, kann's nur zum Segen sein. Das denkt -- glaube

ich -- Deine Mutter auch, aber sie traut sich's nicht zu sagen, weil er

jetzt evangelisch ist. Und das ist's wohl, wo Du meine Hilfe brauchst,

denn um die ist Dir's doch mehr zu thun, als um meinen Rat.«

Das Mädchen nickte errötend mit dem Kopfe.

»Also, mit Deinem Herzen bist Du im Klaren, und Du hast nur Angst vor

dem hochwürdigen Herrn Bruder. Daß dem die Sache gegen den Strich

geht, ist mir auch klar; aber hier giebt's nur eins, was notwendig

ist: Mut und Festigkeit. Auch Dein Herz hat sein gutes Recht, und das

mußt Du verteidigen. Auf mich kannst Du rechnen: Ich will den Stier

bei den Hörnern packen, schriftlich oder mündlich, denn ich vermute

fast, daß die Nachricht Peter hierher treiben wird, und das wäre

_mir_ wenigstens lieber: Ich schreibe nicht gerne. Es wäre traurig,

wenn die Verschiedenheit des Glaubensbekenntnisses Euch aus einander

bringen sollte, und wenn ich hier dem religiösen Uebereifer die Spitze

abbrechen kann, so weiß ich doch, warum mir unser Herrgott die linke

Hinterpfote gerade jetzt lahm gemacht hat.«

Marie dankte mit überströmenden Augen: »Ach Pathe Martin, es ist mir ja

besonders um das Kind. Heiraten _muß_ Freidank, und wenn Grethel eine

Mutter bekäme, die sie nicht lieb hätte, eine rechte Stiefmutter -- das

könnt' ich nicht ertragen.«

»Zu der Hacke wird sich schon der Stiel finden lassen, behalte nur

ruhig Blut und denke: Ehen werden im Himmel geschlossen, und wenn's

unser Herrgott so bestimmt hat, kommt ihr zusammen, auch wenn der Herr

Pater Peter seinen Segen nicht dazu giebt.«

Ruhig, beinahe freudig und glücklich, verließ das Mädchen das kleine

Haus in der Berggasse und kehrte nach Hause zurück, wo sie die Mutter

mit dem Briefe an Peter beschäftigt fand.

Schon zwei Tage später gegen Abend traf dieser in dem Heimatstädtchen

ein; er kam aus Prag, wo er seit einigen Wochen in seiner neuen

Stellung weilte. Als er eigentlich unerwartet in die Stube trat,

schraken Mutter und Schwester auf und begrüßten ihn mit verlegener

Herzlichkeit. Er selbst war von vornherein ernst, und sobald er es

sich einigermaßen bequem gemacht hatte, ging er auch geraden Wegs auf

sein Ziel los. Er sei bestürzt gewesen über die Mitteilung, welche

ihm die Mutter gemacht hätte, und hoffe, nicht zu spät zu kommen, um

eine Verlobung seiner Schwester mit einem Ketzer, einem Abtrünnigen,

hintanzuhalten.

Die alte Frau war ängstlich und befangen; sie liebte ihre beiden

Kinder; freilich hatte Peter bei ihr ein höheres Ansehen.

»Ach, ich habe ihr ja schon gesagt, und auch ihm, daß das ganz

unmöglich sei, daß wir Dir schuldig seien ...«

»Auch das, aber das ist ja nebensächlich, doch ich kann gar nicht

daran denken, daß Marie ihr Seelenheil so leichtfertig opfern will.

Du hast Dir wohl noch nicht überlegt, daß Dir Dein Beichtvater die

Sündenvergebung verweigern müßte und daß Du der Gnadenmittel der Kirche

Dich beraubtest -- --«

»Ich habe an alles gedacht« -- sprach halblaut und mit gesenktem Kopfe

das Mädchen -- »aber wenn die verstorbene Grethe evangelisch war

und dabei doch so gut und brav, wie wenige Menschen, so möchte ich

gleichfalls evangelisch werden.«

Der junge Priester sprang heftig auf. Er stieß den Stuhl zurück, auf

welchem er gesessen hatte, und in seinem Gesichte flammte es:

»Hat Dich denn der Teufel verblendet, Marie, daß Du so reden magst?

-- Das ist Dein Ernst nicht! -- Du hast die Wahl zwischen uns,

Deiner Mutter und Deinem Bruder einerseits, und zwischen Freidank

andererseits, zwischen dem Segen, den der Himmel ausdrücklich dem Kinde

verheißt, das seine Eltern ehrt, und zwischen dem Fluche, den die

Kirche auf das Haupt der Abtrünnigen schleudert. Ehe Du wählst, denke

aber auch an Deinen toten Vater, dem Du im Grabe noch eine Schande

anthun würdest, wenn Du seinen Glauben verläßt!«

Die Mutter zitterte an allen Gliedern, und sah bald eins, bald das

andere ihrer Kinder an, und aus den Wangen Mariens schien jeder

Blutstropfen gewichen zu sein. Peter Frohwalt aber stand da, wie einst

der Racheengel mit dem flammenden Schwert vor dem verlorenen Paradiese

und hob seine Stimme mit wärmerem Klange:

»Noch ist das entscheidende Wort nicht gesprochen -- o sprich's

nicht, Marie! Opfere nicht der Hölle, was dem Himmel gehört, Deine

unsterbliche Seele! Du hast sie nur einmal zu verlieren, und wenn der

unselige Bund erst geschlossen wäre, so wärest Du unrettbar verloren in

Deiner maßlosen Schuld vor dem Herrn! Und bedenke das Aergernis, das Du

Hunderten von guten Christen geben würdest -- --«

[Illustration: »Noch ist das entscheidende Wort nicht gesprochen -- o

sprich's nicht, Marie! Opfere nicht der Hölle, was dem Himmel gehört,

Deine unsterbliche Seele!« (Seite 91).]

»Ach höre auf ihn, Marie, er meint's doch so sehr gut mit Dir, thu' mir

die Freude und die Liebe, daß ich meine Kinder in Eintracht sehe und

einmal mit dem Glauben sterben kann, daß wir uns alle, gemeinsam mit

Deinem guten Vater, in _einem_ Himmel wiedersehen werden.«

Die alte Frau hing sich schluchzend an den Hals des Mädchens, das bei

diesem doppelten Ansturm beinahe die Fassung verlor -- da kam diesem

eine unerwartete Hilfe. In der Thüre stand mit einmal die alte Frau

Becker und hatte die kleine Grethel an der Hand.

»Sie haben wohl mein Klopfen nicht gehört und da bin ich so eingetreten

-- nehmen Sie's nicht übel ... ach, der geistliche Herr!«

Sie knixte einige Male und fuhr zungenfertig fort:

»Die Kleine hat ja nicht geruht, und wollte, weil wir gerade hier

vorbeikamen, durchaus zu Ihrer lieben Marie und da habe ich ihr denn

den Willen gethan. Na sehen Sie nur!«

Das Kind war ohne weiteres zu dem blonden Mädchen hingeeilt, und das

hatte es beinahe stürmisch aufgehoben, es an sich gepreßt und küßte

es jetzt wortlos, aber immer wieder. Endlich rang es sich wie ein

Schluchzen aus Mariens Brust und sie rief:

»Wir bleiben beisammen, Grethel, wir bleiben beisammen!«

Frau Becker sah verdutzt von einem zum andern, und ihr schien ein

Verständnis aufzudämmern.

»Wir haben hier wohl gestört?« fragte sie halb verlegen, halb mit

forschender Neugier.

»Nein, nein, Frau Becker« -- stieß Marie hastig hervor -- »ich habe nur

soeben meinem Bruder mitgeteilt, daß ich Freidank heiraten will!«

Jetzt stand das Mädchen wie von heißem Blute übergossen da, das Kind

noch immer fest an der Brust haltend, das alte Weib aber schlug die

Hände zusammen:

»Ach Du lieber Gott -- na, das hab' ich mir gedacht! Ach, Sie passen

auch für ihn, und besser konnt' er's gar nicht treffen, da muß der

Himmel seine Freude daran haben!«

»Schweigen Sie! Lästern Sie nicht!« rief Peter dazwischen, und zu

seiner Schwester gewendet sprach er mit bebender Stimme:

»Soll das die Antwort sein auf das, was ich Dir gesagt habe?«

»Verzeih mir, Peter, aber ich kann nicht anders!« stieß Marie hervor,

und hielt noch immer das Kind fest umklammert, das mit großen,

verwunderten Augen nach dem schwarzgekleideten Manne schaute. Jetzt

merkte auch Frau Becker, daß sie überflüssig war, außerdem drückte ihr

die Neuigkeit, die offenbar noch keiner im Städtchen wußte, das Herz ab

-- sie sagte darum:

»Komm, komm, Grethel, der Vater wird warten, und wir wollen auch nicht

stören!«

Sie langte nach der Kleinen, welche nur widerwillig den Hals Mariens

losließ, und ging nach vielen Knixen. Draußen setzte sie sich beinahe

in Trapp und rannte an der Ecke der Berggasse ziemlich unsanft an

Vetter Martin, dem sie zurief:

»Wissen Sie schon -- Marie Frohwalt wird Freidank heiraten, und der

geistliche Herr ist auch da!«

Dann sauste sie weiter, der Vetter Martin aber hielt sich einen

Monolog, indem er sich einen Augenblick auf seinen Stock stützte:

»So ist's recht! Da ist ja die Geschichte schon im Gange und bei der

Beckern auch gleich ins richtige Maul gekommen. Da steht das arme Mädel

wohl schon im ersten Sturme, und um ihretwillen will ich dem alten

Weibe den Stoß verzeihen, der mir bis auf das Zwerchfell gegangen ist.

Da gilt's sogleich die Reserven vorrücken zu lassen, damit sie mir das

Kind nicht kopfscheu machen. Vorwärts, Martin Hinkebein -- auf nach

Valencia!«

Und rascher humpelte er an seinem Stocke fort nach dem Thore zu

und betrat die Stube bei Frohwalt just zur Zeit, wo die Wogen der

Empörung seitens des jungen Priesters hoch anbrandeten gegen die

verzweiflungsvoll sich wehrende Widerstandskraft des armen Mädchens.

»Gott zum Gruße und da wären wir ja glücklich!« sagte er beim Eintreten

und reichte Peter die Hand. Verlegen nahm dieser sie an, aber er

vermochte dabei nichts zu sprechen. So herrschte ein peinliches

Schweigen in der freundlichen Stube, während die hellen Augen des alten

Mannes von einem zum anderen schweiften.

»Hier ist wohl Vehmgericht -- da komme ich, denke ich, gerade recht!«

Peter fand nun das Wort wieder:

»Ja, Vetter Martin, Du kommst recht, um eine Verirrte wieder auf den

rechten Weg bringen zu helfen. Du bist bei uns seit langen Jahren wie

an Vaters Stelle gewesen, nun sprich auch diesmal ein Wort, wie es

unser seliger Vater gesagt hätte. Marie will nämlich -- --«

»Den Uhrmacher Freidank heiraten -- weiß ich, mein lieber Peter, und

es ist mir lieb, daß Du mich an Deinen seligen Vater erinnerst. Der

war aber kein blinder Eiferer, und hielt dafür, daß jeder Mensch selig

werden könne, wenn er nur rechtschaffen an den lieben Gott glaube und

ihn und alle seine Mitmenschen lieb habe. Darum würde er auch jetzt

sagen: ›Was Gott zusammengefügt, das soll der Mensch nicht scheiden!‹«

»Aber das ist ja Gotteslästerung! Das fügt doch Gott nicht

zusammen -- --«

»Wie kannst Du das behaupten? Wenn ohne ihn kein Haar von Deinem Haupte

fällt, finden sich ohne ihn auch nicht zwei Herzen zusammen ...«

»O Vetter, Du verwechselst Fügung mit Zulassung; Gott läßt auch Mord

und Verbrechen zu -- --«

»Richtig, aber darum handelt's sich hier nicht!«

»Doch -- es ist ein Verbrechen, das Marie begehen will an ihrer Seele,

die ich kraft meines Amtes mit zu hüten und zu schützen habe.«

»Sage, Peter, aber ganz aufrichtig: Hättest Du etwas gegen die

Verbindung Deiner Schwester mit Freidank einzuwenden, wenn er nicht

evangelisch wäre?«

Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben · 第 10 / 21 题