Hier ruht in Gott der Sportelschreiber

_Franz Frohwalt_.

An den grauen Stein gelehnt stand hier ein Mann mit scharfgeprägten,

verwitterten Zügen, der mit hellen Augen nach den Nahenden hinschaute

und als sie ganz nahe waren, seinen alten Filzhut abnahm, so daß die

grauen Haarsträhnen sich leicht im Winde bewegten. Sein Gewand war

einfach wie das eines schlichten Handwerkers, und in der Hand hatte er

einen kräftigen Naturstock.

»Das freut mich, daß Du zuerst Deinem toten Vater Deinen Gruß bringst

und seinen Segen holst, Peter, und das hab' ich auch nicht anders

erwartet,« sagte er mit klarer, wohltönender Stimme und reichte dem

jungen Priester die Hand, welche dieser ergriff.

»_Vetter Martin!_ Das ist lieb, daß Du da bist!«

»Bin gestern abend just wegen Dir heimgekehrt, aber das wollen wir

jetzt nicht erörtern. Bete jetzt hier dein Vaterunser, und dann geh' in

Gottes Namen in die Kirche und werde ein Priester nach seinem Herzen!«

Der seltsame Mann trat zurück unter die Leute, die sich hier

angesammelt, Peter aber neigte sich über den grauen Stein, der seines

Vaters sterbliche Reste deckte ... und man hörte einige Augenblicke

nur das klangvolle Tönen der Glocken und verhaltenes Schluchzen

ergriffener Frauen. Dann erhob sich der junge Priester, bedeckte sein

Haupt, das er entblößt hatte, mit dem Barett und sprach wieder ruhig:

»~In domum Domini ibimus!~«

Dann lenkte der Zug in das von Menschen dichtgefüllte Gotteshaus ein,

und mit dem Glockenklang mischte sich der lärmende Schall von Trompeten

und Pauken, aus deren Gewirr sich endlich in klarer Majestät die Orgel

herausarbeitete, deren Töne auch hinausdrangen in den stillen Friedhof,

wo Vetter Martin noch lange an dem Grabe Franz Frohwalts stand. Die

Kirche selbst betrat er nicht.

Drinnen hatte der Gottesdienst seinen Anfang genommen. Der Guardian der

Kapuziner hielt die Festpredigt, während welcher der Primiziant zur

Seite des Hauptaltars auf einem Faldistorium, einem rotgepolsterten

Lehnstuhle, saß, umgeben von den andern Priestern, und dann folgte die

feierliche Messe, in welcher der junge Priester, gleichfalls unter

zahlreicher Assistenz, zum ersten Male von seiner Würde Gebrauch machte.

Als er die Hostie in den Händen hielt, und das Wort sprach, durch

welches nach seinem Glauben das Wunder der Verwandlung sich vollzog:

»~Hoc est corpus meum~ -- das ist mein Leib,« als er das Knie beugte

vor der Gottheit und sich in tiefem, andachtsvollem Schweigen die

Häupter aller Anwesenden neigten, rann ihm ein Schauer durch den Leib,

und er ward erst ruhiger, als nach der Wandlung die Orgel mit weichen

Tönen wieder einsetzte und zarte, süße Frauenstimmen vom Chor herab das

»~Benedictus~« anstimmten.

Nach dem Hochamte drängte das Volk heran an das Gitter, welches den

Hochaltar gegen den andern Raum absperrte, und die Vordersten knieten

nieder. Es war die Stunde gekommen, da der Neugeweihte seinen ersten

priesterlichen Segen erteilte. Die Ersten, welche ihn empfingen, waren

seine Mutter und seine Schwester. Er legte ihnen die weißen Hände auf

die Häupter und machte mit stillem Gebete über sie das Zeichen des

Kreuzes -- desgleichen allen, die sich herandrängten.

Eine schwüle Luft erfüllte das Gotteshaus, der Schweiß rann dem jungen

Priester über das Gesicht, und er trocknete sich immer wieder mit

seinem Taschentuche ab, aber unermüdlich und mit freudigem Herzen

übte er seine Pflicht, bis niemand mehr da war, welcher seines Segens

begehrte. Es war leer geworden in der Kirche, nur seine Mutter und

Schwester saßen noch in der vordersten Bank, die Seele erfüllt von

Stolz und Glück, und warteten auf ihn. Er legte in der Sakristei die

Meßgewänder ab, dann trat er in seinem schwarzen Talar hervor, beugte

vor dem Hochaltar unter der ewigen Lampe das Knie, und nun gingen die

drei Menschen, der junge Priester in der Mitte, hinaus.

Es war um die Mittagsstunde geworden, die Gasse lag still und einsam,

und langsam schritten sie hin und schweigend. Aus den Fenstern lugte

da und dort ein Gesicht und nickte ehrfürchtig-vertraulich heraus.

Peter Frohwalt war es seltsam zumute; ihm war, als wäre er eben

erst ein anderer geworden. Er mußte daran denken, wie er als Knabe

in diesen Gassen gespielt hatte, wild und lustig, wie er in manchem

dieser kleinen Giebelhäuser bis unter das Dach hinaufgeklettert war mit

fröhlichen Genossen und manchen dummen Streich verübt hatte, von dem

die Leute doch wissen mußten, die heute demütig vor ihm auf den Knieen

gelegen, um seinen Segen gebeten und ihm die Hand geküßt hatten. Seine

Mutter aber sah ihn immer wieder von der Seite her an mit glücklichen

Augen, und bei aller Ehrfurcht vor dem geweihten Sohne hätte sie ihn

am liebsten wie in Kindertagen bei der Hand genommen und hätte ihn so

durch die stille, sonnige Gasse geführt.

So kamen sie zu dem kleinen Hause beim Thore. Die Guirlande um die

Thüre war welk geworden, wie die Blumen auf der Schwelle, aber die

Fenster blinkten freundlich, und hinter der einen Scheibe sah das

scharfgeschnittene Gesicht des »Vetter Martin« durch.

Als die drei in die Stube traten, kam er ihnen entgegen und reichte dem

jungen Priester die Hand.

»Na, Gottes Segen zum heutigen Tage, Peter, und da habe ich Dir auch

ein kleines Erinnerungszeichen gebracht!«

Er reichte dem Neugeweihten ein metallenes Kruzifix, nicht groß, aber

augenscheinlich altertümlich und wertvoll.

»Ich hab's in Brüssel aufgetrieben -- 's ist eine gute flandrische

Bildnerarbeit aus dem 16. Jahrhundert, und ich denke, es paßt für Dich

und macht Dir Freude.«

Peter Frohwalt besah zugleich mit der Mutter und Schwester das kleine

Meisterwerk, stellte es dann auf den als Altar benützten Tisch zwischen

die Rosen, und dankte dem Alten in herzlichen Worten. Der hatte sich in

einem Lehnstuhl am Fenster niedergelassen und wehrte ab:

»Laß gut sein -- ist nicht der Rede wert -- weist ja, wie ich's mit Dir

meine, auch wenn ich heute nicht bei Deiner Primiz war. Morgen, wenn

Du zum erstenmal eine stille Messe lesen wirst, komme ich, aber heute,

unter den vielen neugierigen Menschen ohne Andacht, die in die Kirche

gehen wie in eine Komödie, hätte ich mich nur geärgert. Auch daß ich

mir Deinen Segen nicht habe geben lassen, nimm mir nicht übel. Ich hab'

Dich auf meinen Armen getragen und auf meinen Knieen reiten lassen und

habe Dir manchen Klaps in aller Liebe und Freundschaft gegeben, wenn

Deine Pfoten unnötigerweise mit allem Teufelsdreck besudelt waren, und

ich kann mir nicht einreden, daß Deine Hände durch das bischen Salböl

was Besonderes geworden sind ... aber freuen thut's mich doch, daß ich

just zu Deinem Ehrentag wieder im alten Neste eingetroffen bin.«

Die Mutter sah ein wenig verstimmt drein bei den Worten des

wunderlichen Alten, der, das Kinn auf seinen derben Stock gestützt,

hinaus in die Sonne blinzelte, Peter Frohwalt aber hatte einen Sitz zu

ihm herangezogen und fragte:

»Wo bist Du denn diesmal gewesen?«

»In Belgien und in Holland -- sehr interessante Länder, mein Sohn,

mit wunderlichen alten Städten, prächtigen Kunstsammlungen und einem

fleißigen, verständigen Völkchen.«

»Und Du bist wieder zu Fuße dort gewesen?«

»Na ob -- hier ist die ganze Reisegelegenheit!« -- er deutete auf den

kräftigen, knorrigen Stock -- »das ist nun das achtzehnte Exemplar

meiner Sammlung und heißt der Holländer -- 's ist dabei ein ehrliches

deutsches Eichengewächs. Ich habe manches Hübsche mitgebracht; wenn

nur die alten Sächelchen nicht so teuer wären, oder meine Einkünfte

weiter langten. Aber komm und sieh Dir's selber an. -- Manches macht

Ihnen vielleicht auch Spaß, Frau Gevatterin« -- fügte er, zur Mutter

gewendet, bei, die ihre Augen gar nicht von dem geistlichen Sohne

abzuwenden vermochte und jetzt mit einer freundlichen Antwort einen

Blick nach der Uhr warf.

»Ach so« -- sagte der Alte, indem er sich erhob -- »es wird wohl

Essenszeit; wie wird denn das heute mit Euch?«

»Der hochwürdige Herr Pfarrer hat sich's nicht nehmen lassen, heute

die Tafel auszurichten und uns einzuladen,« sagte die Frau mit

unverkennbarem Stolze, und Peter Frohwalt fügte bei:

»Du kommst mit, Vetter Martin, der Pfarrer wird sich über den Gast

freuen -- --«

»Hm,« brummte der Alte, indem er den Kopf hin- und herwiegte und das

linke Auge zukniff, »weißt Du, heute vielleicht nicht! Der Pfarrer ist

gut und mit dem Kapuzinerguardian ist auch auszukommen, die nehmen

mir's nicht übel, wenn mir einmal der Schnabel in die Quere steht,

aber die andern, die heute da sind ... na, es könnte einen Mißton

geben, wenn meine Glocke nicht immer mit den andern zusammenklingt,

und den möcht' ich heute am wenigsten ins Pfarrhaus tragen. Darum Gott

befohlen!«

»Ich gehe ein Stückchen mit Dir, Pathe Martin,« sagte jetzt Marie --

»wir haben noch Zeit bis zur Tafel, und ich will noch einmal nach

meiner armen Freundin _Grethe Freidank_ sehen.«

»Ach, das ist das Weib des Uhrmachers; was ist's mit der?«

»Sie liegt seit vierzehn Tagen schwer am Nervenfieber und gestern abend

ist's gar nicht gut gegangen.«

»Das thut mir leid ... Die Leute können doch kaum drei Jahre

verheiratet sein, das kommt noch so mitten ins junge Glück hinein, und

Freidank ist ein braver Mensch. Sie haben wohl auch ein Kind?«

»Ja, ein herziges Mädel von zwei Jahren,« sagte Marie mit leuchtenden

Augen.

»Na, da komm!«

Der Alte faßte seinen »Holländer« fester, gab dem Priester und der

Mutter die Hand und ging. Er trat mit dem schönen, frischen Mädchen

hinaus in den Sonnenschein.

»Wie ist mir's denn, ist das Weib Freidanks nicht eine Evangelische?«

fragte er.

»Ja, er hat sie auf der Wanderschaft kennen gelernt und heimgeführt,

wie er hier das Geschäft von seinem Vater übernahm. Es hat damals

viel Gerede drüber gegeben -- du warst gerade in Ungarn -- und die

fremde, junge Frau ist mit Mißtrauen angesehen worden. Aber sie war so

freundlich und so fleißig, daß jeder ihr gut sein mußte, und an mich

hat sie sich gar sehr angeschlossen, so daß wir rechte Freundinnen

geworden sind.«

»Das freut mich, Marie!« sagte Martin mit besonderer Wärme -- »und

wenn du hinkommst, sag' auch von mir einen Gruß, und ich ließe gute

Besserung wünschen. Ich komme wohl auch selber vor, denn ich habe eine

Arbeit für Freidank! Adieu!«

Er gab dem Mädchen die Hand und bog nach der Seitengasse, an deren Ende

in einem kleinen Garten sein Haus stand.

Nach einem Viertelstündchen kehrte Marie heim mit ernstem Gesicht.

»Es geht sehr schlecht!« sprach sie -- »das ist ein trüber Tropfen in

meine heutige Freude.«

Peter Frohwalt sagte nichts. Er hatte seinen Cylinderhut ergriffen

und die schwarzen Handschuhe und streifte dieselben an; die Mutter

aber band ihre Haube sich fester, und dann gingen die drei nach dem

Pfarrhause.

Das lag so freundlich und behäbig nahe bei der Kirche. Zwei alte Linden

standen davor und beschatteten den Eingang, und zur Seite schloß sich

ein kleiner, gutgepflegter Garten an. In demselben, im Schatten von

Obstbäumen lustwandelten die geistlichen Herren, bis das festliche

Mittagessen angerichtet sein würde. Mit dem weißhaarigen Pfarrer der

Stadt ging ein Amtsbruder aus der Nachbarschaft, der erst vor einem

halben Jahre in diese Stelle gekommen war und die Verhältnisse der

Gegend noch nicht kannte. Er war ein behäbiger Herr mit wohlgenährtem,

glänzenden Gesichte, in welchem nur der unruhige Ausdruck der Augen

störte. Er frug jetzt im Gespräche:

»Sagen Sie mir doch, wer war denn eigentlich der wunderliche alte Kauz,

der auf dem Gottesacker den Primizianten anredete, dieser »Vetter«

Martin? Auf mich machte er einen Eindruck wie Ahasver, der ewige Jude.«

Der alte Pfarrer lächelte gutmütig.

»Etwas von Ahasver haftet ihm wirklich an; er ist ein ewiger Wanderer,

der schon ein gut Stück Welt gesehen und viel erfahren hat. Er ist mit

Pater Frohwalt gar nicht verwandt, aber mit dessen Vater so befreundet

gewesen, daß er als Vetter in der Familie gilt. Er ist ein prächtiges

Original, welchem man gerne manches nachsieht, denn in tiefster Seele

ist er gut. Sein Vater war ein Kaufmann hier im Orte und hat sein

Schäfchen ins Trockene gebracht. Der Sohn sollte studieren und hat's

auch mit der Theologie versucht. Aber er gab's bald auf, trieb dann

Naturwissenschaften und Altertumskunde, und als damals sein Vater

starb, kam er hierher, verkaufte das Geschäft des Alten, erwarb sich

ein kleines Häuschen in der Berggasse und fing nun an zu wandern. Er

lebt sehr bescheiden -- man sagt, daß er nur Brot und Vegetabilien

genieße -- und verwendet sein bischen Rente auf seine Reisen. Er

war schon in Rußland, Frankreich, in der Schweiz, in Ungarn, in

Schweden und Gott weiß wo -- und überall zu Fuß. Wenn er wieder einmal

heimkommt, bringt er mancherlei mit, so daß er ein richtiges kleines

Museum in seinem Häuschen hat ... wie gesagt, ein Original, aber keines

von den schlechtesten.«

Jetzt kam der Primiziant mit seinen beiden Verwandten und alle wurden

herzlich begrüßt. Nicht lange darauf konnte man zu Tische gehen. Das

Speisezimmer in der Pfarrei lag ebenerdig und nach dem Garten zu, und

es herrschte eine behagliche Ruhe darin; auch das matte, durch die

rebenumrankten Fenster aufgehaltene Licht wirkte stimmungsvoll. Der

lange Tisch war mit blendendweißem Linnen gedeckt, und zwischen den

Blumenvasen standen lang- und kurzhalsige Flaschen: Der alte Pfarrer

schien zu Ehren des jungen Priesters alles aufzubieten, was sein Haus

und seine Köchin leisten konnten.

Peter Frohwalt erhielt den Ehrenplatz an der Mitte der Tafel auf

einem bekränzten Sitze; ihm zur Rechten saß seine Mutter und neben

ihm der Pfarrer, zu seiner Linken seine Schwester, welche den

Guardian als weiteren Nachbar hatte. Es wäre nicht ohne Interesse

gewesen, diese Gesichter zu betrachten: Das jugendlich frische

Antlitz des Primizianten mit seinen leuchtenden blauen Augen, die

halb verlegen, halb glückselig dreinschauenden beiden Frauen, das

milde, sanft gerötete Gesicht des greisen Pfarrers, das von dem Kranze

schneeiger Haare freundlich umrahmt war, die energischen und doch

sympathischen Züge des Guardians, dem der lange, graumelierte Bart

auf die braune Kutte weit herabsank, die feisten Wangen und lauernden

Augen des fremden Pfarrers, einige gleichgültige Dutzendgesichter

anderer Geistlicher und am untern Ende das hagere, blasse Antlitz des

jungen Stadtkaplans, aus welchem ein Paar stechende, schwarze Augen

stark hervortraten ... das alles hatte sich in dieser Tafelrunde

zusammengefunden.

Der alte Pfarrer hatte das Tischgebet gesprochen und die Stimmung wurde

bald genug zwanglos und belebt; auch die Frauen legten die anfängliche

Scheu ab, und Marie unterhielt sich heiter mit dem gesprächigen

Kapuziner. Nur der Kaplan blieb ernst und gemessen.

Toaste waren ausgebracht worden, die Flaschen auf dem Tische leerten

sich, und der Nachmittag lief gegen den Abend zu. Da klopfte es an der

Thüre, und gleich darauf trat ein alter Mann ein und kam langsamen

Schrittes auf den Pfarrer zu. Es war der Küster. Er war seit nahezu

vierzig Jahren in seinem Amte und durfte sich deshalb auch manche

Vertraulichkeit erlauben. Darum trat er ohne weitere Anmeldung hier ein.

Der Pfarrer sah darin auch nichts Besonderes; er lehnte sich behaglich

in seinem Sitze zurück, wischte sich den Mund mit der Serviette und

fragte:

»Na, was bringen Sie denn, Hummel?«

»Hochwürden, Herr Pfarrer, die Frau vom Uhrmacher Freidank ist vor zehn

Minuten gestorben, und da wollt' ich fragen, ob ich das Totenglöckel

läuten soll -- -- weil sie doch eine Evangelische -- --.«

Das Lächeln auf den Lippen des greisen Priesters erlosch, aufrichtiges

Mitleid stand in seinen guten Augen, aber zugleich auch ein gewisser

Ausdruck ängstlicher Hilflosigkeit.

»Das ist ja sehr traurig -- das thut mir herzlich leid -- -- es war

ein so rechtschaffenes, hübsches Paar! Der arme Freidank! -- Ja, das

Sterbeglöckchen -- ja -- ja -- na, ich hätte ja eigentlich -- hm -- was

meinen Sie, Pater _Ignaz_?« Mit der letzten Frage wandte er sich an den

jungen Kaplan, der mit seinen scharfen Augen ihn fest anschaute und nun

mit wenig klangvoller, ganz ruhiger Stimme sagte:

»Davon kann doch wohl nicht die Rede sein, Herr Pfarrer; das ist eine

Ehre, die nur dem katholischen Christen zukommt, dessen Seele damit dem

Gebet der Gläubigen empfohlen wird; dem Protestanten nützt das Gebet

nicht, denn er kann des Himmels nicht teilhaft werden!«

Ein lautes Aufschluchzen unterbrach die peinliche Stille, welche diesen

Worten gefolgt war, und alle Augen wendeten sich nach Marie, welche

ihr Gesicht in den Händen barg; die Todesnachricht und nun noch dieses

harte Wort schnitten ihr in die Seele, und zwischen Schluchzen und

Weinen preßte sie heraus:

»Sie war sehr gut, und ich glaube, daß sie in den Himmel kommt!«

Ein strafender Blick aus den Augen des Kaplans, die sich mit jenen des

fremden Pfarrers seltsam und verständnisvoll kreuzten, traf sie, der

alte Stadtpfarrer aber sagte mit gepreßter Stimme: »Na ja, Hummel,

dann muß es freilich unterbleiben -- ein kleiner Unterschied zwischen

Katholiken und Evangelischen wird schon gemacht werden müssen -- na ja!«

Der alte Kirchendiener ging mit gesenktem Kopfe, ohne einen Gruß, mit

langsamen, müden Schritten hinaus ... im Speisezimmer selbst aber war

es vorbei mit der Feststimmung. Peter Frohwalt erhob sich unter dem

Vorwande, daß er an diesem Tage noch eine Stunde stiller Sammlung

für sich haben wolle und entfernte sich mit Mutter und Schwester, die

Zurückbleibenden aber waren ernst und schweigsam geworden. Endlich

sagte der Guardian:

»Daß man nicht beten soll für einen guten, braven Menschen, auch

wenn er nicht unseres Glaubens ist, geht gegen meine Meinung von der

Nächstenliebe und von der Güte Gottes; ich werde der Frau Freidank in

der Messe gedenken.«

Ein heißer Strahl zuckte über die Wange des Kaplans, er preßte

die schmalen, blutleeren Lippen aufeinander, als der alte Pfarrer

hinzufügte:

»Das will ich ebenfalls thun -- Gott gebe dem armen jungen Weibe die

ewige Ruhe!«

Der fremde Pfarrer aber mit dem vollgeröteten Gesichte sprach ernst:

»Ich habe hier die Meinung des Pater Ignaz -- es nützt solches Gedenken

nicht der ketzerischen Seele und ist eine Entweihung des heiligen

Meßopfers. Wie kann man jenen die Gnadenmittel der Kirche zuwenden

wollen, welche in böswilliger Verstocktheit dem alleinseligmachenden

Glauben fernbleiben?«

Der Kaplan nickte zustimmend und seine Augen blitzten unheimlich

scharf, als er sagte:

»Es geht auch gegen kirchliche Lehre und Ueberlieferung.«

Der Stadtpfarrer sah mit seinem gutmütigen Gesichte ängstlich drein,

aber der Guardian strich mit seinen weißen Fingern sich langsam durch

seinen wallenden Bart, schaute den jungen Priester ruhig und groß an

und erwiderte:

»Der Herr verkehrte mit dem Samariterweibe und mit den Pharisäern, und

steht nirgends zu lesen, daß er verboten hat, für eines andern Seele

zu beten. Fanatismus ist zu allen Zeiten zu nichts nütze gewesen, und

die Nächstenliebe, welche Christus mit in das oberste Gesetz für die

Menschen stellt, gilt auch für Andersgläubige; darum hat der Herr die

Geschichte erzählt vom barmherzigen Samariter.«

Nun mischten sich andere in das Gespräch und es war ziemlich laut in

dem Speisesaale der alten Pfarrei, denn die Gemüter erhitzten sich an

Wort und Wein, und es war zuletzt gut, daß die fremden Gäste aufbrechen

mußten.

Während dem war Peter Frohwalt, nachdem er daheim seinen Priestertalar

abgelegt, und einen langen schwarzen Tuchrock angezogen hatte, allein

hinausgegangen in den schönen Sommerabend. Er hatte einen einsamen

Feldweg eingeschlagen, der ihn auf einen Hügel führte, und von da sah

er herab auf die friedliche kleine Stadt im Thale mit ihren weißen

Häusern zwischen den grünen Gärten, und der tiefe Sonntagsfriede,

welcher über dem ganzen Bilde lag, stimmte auch ihn ruhig und

friedlich, so daß er, da ihm das verstorbene Weib des Uhrmachers in den

Sinn kam, ein stilles Vaterunser betete. Er war in strengen kirchlichen

Anschauungen erzogen, aber sein Herz war warm geblieben, und dem Zwange

des Herzens war er in diesem Augenblick gefolgt.

Zur selben Zeit aber befand sich seine Schwester in der Wohnung des

Uhrmachers Freidank. Sie lag in der Webergasse im Erdgeschosse eines

kleinen Hauses. Sonst war in den beiden Zimmern, von welchen das

vordere zugleich als Werkstatt diente, alles sauber und in schönster

Ordnung, aber die liebe ordnende Hand hatte in der letzten Zeit

gefehlt, und heute war sie kalt und starr geworden für immer.

Als Marie eintrat, war ihr Freidank, ein hübscher junger Mann mit

dunklem Vollbart, entgegengekommen und hatte ihr die Hand gereicht. Die

Thränen liefen ihm über die Wangen, als er mit gepreßter Stimme sagte:

»Sie wissen's wohl schon -- -- o, es ist hart, es ist bitter!«

Auch das Mädchen konnte die Thränen nicht zurückhalten.

»Ich möchte sie sehen!« sprach sie leise, und der Mann führte sie

schweigend in das geräumige Nebengemach. Die abendliche Sonne spielte

zwischen grünem Laubwerk freundlich herein, und ein leiser Schimmer

wob sich um das friedliche, schöne Antlitz des jungen toten Weibes,

das, mit einer leichten Decke verhüllt, wie schlafend in seinem Bette

ruhte. An dem Lager aber stand, hochaufgerichtet auf den Fußspitzen,

ein kleines, zweijähriges Mädchen, blond wie die Tote, und haschte mit

seinen Händchen nach der kalten, erstarrten Hand, und zupfte an der

Decke, und sagte immer wieder halblaut: »Mutterchen, Mutterchen!«

[Illustration: ... tief erschüttert traten sie an das Lager des jungen

toten Weibes ...]

Da schluchzte der Mann laut auf, Marie aber hob das Kind auf ihren Arm,

zog es an sich und sprach:

»Mutterchen schläft!«

Dann sah sie tiefergriffen auf die Leiche der Freundin und hierauf nach

dem beinahe fassungslosen Manne.

»Es ist wirklich, als ob sie schliefe -- so ruhig, so schön! Gott

tröste Sie, Herr Freidank ... er wird wissen, warum er Ihnen diese

Prüfung auferlegt. Bleiben Sie standhaft um Ihres kleinen Grethchens

willen und glauben Sie nur -- alle im Städtchen nehmen an Ihnen den

herzlichsten Anteil.«

Der Uhrmacher wischte sich mit dem Taschentuche die Thränen ab und

sagte:

»Sie sind ja so herzensgut, Fräulein Marie -- vergelt's Ihnen Gott! Ja,

getragen werden muß es freilich, wenn ich auch nicht recht weiß, wie.

Ach, meine gute, liebe Grethe!«

Marie ging hin und her in den beiden Zimmern und ordnete da und dort

ein wenig. Am Fenster blühte ein Rosenstock über und über. Sie brach

eine der schönsten Blumen und legte sie still auf die Brust der Toten,

dann sprach sie:

»Ich komme morgen früh wieder, um nach dem Kinde zu sehen.«

»Die Nachbarin Becker ist auch schon dagewesen; sie will Grethel

einstweilen zu sich hinübernehmen!« antwortete der Mann; dann reichte

er dem Mädchen, das sich zum Gehen wandte, warm die Hand und sagte

noch einmal: »Vergelt's Gott!« Marie aber vermochte nicht zu sprechen;

sie eilte mit ausbrechenden Thränen hinaus.

Die Gasse herein aber kam soeben mit glücklich leuchtendem Gesicht

ihr Bruder. Sie sah ihn kommen, aber sie wartete nicht auf ihn. Seine

Seligkeit und ihr Jammer paßten doch nicht recht zusammen, und nach den

Worten, welche heute auf der Pfarrei gefallen waren, hatte sie eine

unbestimmte Furcht, mit ihm über die Tote zu sprechen.

Als sie heimkam, läutete eben die Vesperglocke, und die Mutter saß noch

in ihrem verschossenen Seidenkleide am Fenster und betete.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Zweites Kapitel.

Am andern Morgen bereits um sieben Uhr hatten der Pfarrer, sowie Peter

Frohwalt gleichzeitig ihre Messe gelesen, der erstere am Hochaltare,

der andere an einem der Seitenaltäre. Die Kirche war nur wenig besucht.

In einer der hintersten Bänke, im Halbdunkel unter dem Chor, kniete

der Uhrmacher Freidank und hatte sein Gesicht tief herabgebeugt; er

betete für die arme Seele seines Weibes, und hatte nicht im mindesten

das Bedenken des Kaplans ~P.~ Ignaz, daß sein Gebet ein verlorenes

sein müsse. Nicht weit von ihm saß der Vetter Martin, und schaute

beinahe unverwandt nach dem jungen Priester hin, der mit dem Ausdruck

aufrichtiger Andacht seines Amtes waltete.

Auch diesmal fanden sich nach der Messe einige Frauen, die sich

den Segen des Neugeweihten erbaten, und Martin trat, ohne daran

teilzunehmen, hinaus ins Freie. Der Morgen war herrlich, und der alte

Wanderer sog tief den Atem der Natur ein. Jetzt sah er Freidank und

ging auf ihn zu, um ihm die Hand zu drücken:

»Tröste Sie Gott, mein Lieber -- und sei'n Sie ein Mann! Noch liegt der

blaue Himmel über Ihnen und die blühende Erde um Sie hier, und auf

dieser lebt Ihnen ein liebes Kind -- 's ist Ihnen viel genommen, aber

auch viel geblieben.«

Der traurige Mann nickte einige Male wehmütig mit dem Kopfe, und

wandte sich mit einem Händedrucke schweigend ab nach dem Friedhofe.

Martin ließ ihn allein -- er focht es so vielleicht am besten mit

sich selber aus. Jener aber ging zwischen den grünen Hügeln hin -- er

suchte den Totengräber, um ihn zu fragen, wo er seinem jungen Weibe

das letzte Bett machen wolle. Endlich sah er ihn im fernsten Winkel

des Gottesackers mit dem Spaten hantieren. Er ging langsam auf ihn zu,

und wie er ihn grüßte, hörte der Mann mit seiner Arbeit auf, stützte

sich leicht auf den Griff seines Werkzeuges und sah teilnehmend zu dem

andern empor.

»Für wen ist denn die Grube?« fragte Freidank.

Der Totengräber war kein besonderer Gefühlsmensch, aber es stieg ihm

doch seltsam heiß in die Kehle, als er erwiderte:

»Hier soll Ihre Frau liegen!«

Der Uhrmacher schlug die Hände zusammen und warf einen Blick hinauf

nach dem lachenden Himmel, auf welchen ihn Vetter Martin eben erst

verwiesen hatte.

»Hier, wo die Verbrecher und Selbstmörder eingescharrt werden? -- O du

lieber Gott!«

Der Totengräber zuckte mitleidig mit den Achseln: »'s ist einmal so

Vorschrift!«

»Hat der Herr Pfarrer das so angeordnet?«

»Das gerade nicht, aber das ist bei solchen Fällen immer so, und der

Herr Kaplan hat mir's heute in aller Frühe wieder eingeschärft. Reden

Sie doch einmal mit dem Pfarrer, Herr Freidank -- -- ich thät's ja

gerne anders machen, wirklich, denn mir will der Unterschied doch auch

nicht einleuchten zwischen Evangelischen und Katholischen -- unser

Herrgott muß doch für alle derselbe sein!«

»Ich will einmal hingehen, Thomas -- wartet so lange mit der Arbeit!

Das wär' ja entsetzlich, wenn sie meine gute Grethe hier einscharrten!«

Der Uhrmacher ging wiederum langsam zwischen den Gräbern hin mit

gesenktem Kopfe und wandte sich vor dem Friedhofsthore nach der Pfarrei

zu. Die alten Linden rauschten ihm freundlich und traulich entgegen,

und aus dem Garten wehte Rosenduft heraus auf die Gasse. Er ging durch

den breiten Flur die altertümliche Holztreppe empor und pochte an der

Thür des Pfarrers an. Auf das »Herein!« trat er in das freundliche,

sonnenhelle Gemach, das außerordentlich einfach ausgestattet war. Zwei

zahme Kanarienvögel hüpften, auf jedem der Fenster einer, zwischen den

Blumentöpfen hin und her, und der weißhaarige Priester, der eben sein

Frühstück eingenommen, spielte bald mit dem einen, bald mit dem anderen.

Jetzt wendete er sein mildes, gutes Gesicht dem Eintretenden zu,

und mit dem Mitleid mischte sich in seinen Zügen eine unverkennbare

Verlegenheit. Er reichte Freidank sogleich die Hand und sagte:

»Mein guter Herr Freidank, ich nehme herzlichen Anteil an Ihrem herben

Verluste. Wenn ein solches Glück so plötzlich vernichtet wird, mag man

fast geneigt sein, mit dem lieben Gott zu hadern, aber glauben Sie nur,

der Vater im Himmel weiß auch, warum er _das_ gethan hat und er wird

Ihnen seinen Trost nicht entziehen!«

»Ja, ja, Herr Pfarrer -- 's ist hart,« sprach Freidank, der den Sitz,

welchen ihm der Priester anbot, ablehnte, so daß auch dieser stehen

blieb -- »sie war ein gutes, braves Weib, und nun soll sie nicht einmal

ihre letzte Ehre haben -- das ist das Bitterste.«

»Wieso? -- Was meinen Sie?« fragte der Pfarrer einigermaßen verlegen.

»Da wird ihr Grab gemacht an der Friedhofsmauer, im verlorensten,

verrufensten Winkel, wo vor zwei Jahren der Trunkenbold, der sich

im Brunnwalde aufgehängt hatte, verscharrt worden ist ... muß das

wirklich sein, Herr Pfarrer? Sie hat ja im Leben keinem Menschen ein

Leid gethan; sie hat ihren Herrgott und ihren Nächsten rechtschaffen

geliebt, sie ist ein braves Weib und die beste Mutter gewesen« -- dem

Manne stockte die Stimme vor Schluchzen -- »und nur, weil sie eine

Evangelische ist ... _muß_ das sein, Herr Pfarrer?«

Das milde Gesicht des Priesters war bleicher geworden und seine Stimme

klang unsicher:

»Hm -- na ja, mein guter Herr Freidank ... ich habe ja Ihre liebe Frau

sehr geschätzt und habe ihrer auch heute gedacht in meinem Meßopfer,

und wenn's nach mir ginge, und ich dürfte, wie ich wollte ... aber, na

ja, da sind nun ganz bestimmte Vorschriften, von denen nicht abgewichen

werden darf, und mit denen es das hochwürdige erzbischöfliche

Konsistorium in Prag sehr genau nimmt -- -- und, wissen Sie, dann ist

der Pater Ignaz, so ein junger Geistlicher hat die Augen überall ... na

ja, kurz, mein guter Herr Freidank, ich kann's nicht ändern.«

»Und da soll sie wirklich verscharrt werden wie ein Tier, meine liebe,

arme Grethe, ohne Sang und Klang, denn die Glocken werden ja auch nicht

geläutet, neben dem erhängten Säufer und Diebe? -- das ist ja wie auf

dem Schinderanger ...«

»Na -- na, so dürfen Sie nicht sagen! s'ist ja immer noch im Friedhof,

auf dem Gottesacker, und sie schläft auch dort in des Herrn Hut ...«

»Das hoff' ich« -- sagte der schlichte Mann mit Nachdruck -- »sonst

müßt ich auch an unserm Herrgott verzweifeln; an der Nächstenliebe thu'

ich's nun beinahe. Gott befohlen, Herr Pfarrer!«

Der Geistliche wollte noch etwas sagen, aber Freidank hatte seinen Hut

ergriffen und war fortgegangen. Der greise Priester holte tief Atem;

er trat ans Fenster, aber ihm war der Sonnenschein verbittert, der über

der Erde lag, und seine Vögel lockten ihn mit Zwitschern und Flattern

umsonst zu dem unterbrochenen Spiele. Ihm war das Herz schwer geworden,

und die Seele that ihm weh. So sah er traurig dem Manne nach, der eben

unten aus der Hausthüre trat, und, den Hut tief in die Stirn gezogen,

langsam in die Gasse hineinging. Dieser wandte sich nach dem Hause

des verstorbenen Sportelschreibers, dort hatte er stets freundliche

Teilnahme gefunden, dort hoffte er auch heute auf Trost, wenn er sein

Herz entlasten würde. Daß auch dort ein Priester zu Hause sei mit den

strengen Anschauungen der Kirche, daran dachte er in dieser Stunde

nicht, denn er war nicht gewöhnt, Peter in der Heimat zu treffen. Erst

als er in die Stube trat und den jungen Geistlichen am Tische sitzen

sah, schrak er leicht zusammen, aber schon hörte er die freundliche

Begrüßung der Frauen, und erblickte auch den Vetter Martin, der wie

daheim behaglich in dem Lehnstuhl lag, seinen »Holländer« zwischen den

Knieen.

Freidank ging das Herz über -- es mußte heraus, was ihn drückte, und

schon nach den ersten Worten der anderen stieß er hervor:

»Und denken Sie nur, meine arme Grethe; mein gutes Weib, soll an der

Friedhofsmauer verscharrt werden ...«

Marie fuhr von ihrem Sitze auf und schlug die Hände in einander, und

Martin räusperte sich seltsam laut; der Uhrmacher aber konnte seinen

Schmerz und seinen Unmut nicht verhalten und gab ihm heftige Worte.

Als er endlich innehielt, sagte Peter Frohwalt ruhig:

»Ich begreife Ihre Aufregung, Herr Freidank, aber ich kann sie nicht

billigen. Was wollen Sie denn? Die Protestanten haben sich selber

losgesagt von der alten Mutterkirche und auf deren Gnadenmittel

verzichtet. Sie können nicht verlangen, daß die katholische Kirche

sie ihren Kindern gleichachte und ihnen im Leben und nach dem Tode

dieselben Ehren angedeihen lasse. Auch mußten Sie und Ihre Frau bei

Ihrer Verheiratung sich über solche Folgen klar sein, die leicht

abzuwenden waren, wenn diese in unsere Kirche übergetreten wäre. Nein,

Herr Freidank, ein Unrecht geschieht damit nicht!«

Vetter Martin hatte die Augenbrauen finster zusammengezogen; jetzt

legte er die geballte Hand schwer vor sich auf den Tisch, stand auf und

sagte:

»Und doch ist's ein Unrecht! Aber mit euch Buchstabengläubigen ist

nicht zu streiten. Du bist noch jung, und das Leben schlägt Dir

vielleicht noch die Funken jener Liebe aus der Seele, welche in jeder

Religion das wahrhaft Religiöse ist. Kommen Sie, Freidank!«

Die beiden Frauen wagten kein Wort dazu zu sagen; stumm nickte Marie

Martin und dem Uhrmacher zu, als diese nach kurzem Gruße die Stube

verließen.

Peter Frohwalt stand auf und ging mit großen Schritten durch das

Zimmer; er trug noch das Priestergewand, wie er aus der Messe gekommen

war. Sein frisches Gesicht war etwas blaß geworden, als er sprach:

»Freigeisterei und kein Ende! Das sind alles schöne Worte, für mich

jedoch bestehen die Satzungen der heiligen Kirche!«

»Aber sie sind hart!« wendete Marie schüchtern ein. Der Bruder blieb

vor ihr stehen:

»Scheinbar -- in Wirklichkeit nicht, denn selbst durch solche Maßregeln

sucht die Kirche ihre verlorenen Kinder wiederzugewinnen.«

»Kann sie dadurch nicht auch treue Kinder verlieren?«

Das Wort war dem Mädchen beinahe unbewußt entschlüpft, und die Mutter

schaute erschrocken, der junge Priester erstaunt darein; er erwiderte:

»_Treue_ Kinder gewiß nicht, denn der Gutgesinnte unterstützt sie

in ihren Bestrebungen und hilft ihre Satzungen ehren. Ich hoffe,

daß dem bei dem Begräbnis der Frau Freidank auch hier wird Ausdruck

gegeben werden. Ein guter Katholik hält sich davon fern, weil es ihm

nicht zukommt, ja sogar strafbar ist, an einem kirchlichen Akte einer

ketzerischen Genossenschaft teilzunehmen.«

Ein tiefes Schweigen folgte diesen Worten; man hörte das Ticken der

Uhr und das Summen einer Fliege am Fenster, dann klang die Stimme des

Mädchens, so seltsam fremd und klar:

»Ich werde meine Freundin zu Grabe begleiten!«

»Marie!« rief warnend und drohend der Priester; aber diese fuhr

mutvoller fort:

»Ich würde es mir als Sünde rechnen, wenn ich's nicht thäte, als

Sünde an der armen Grethe, die doch nicht dafür kann, wenn sie als

Evangelische geboren worden ist und von ihrem Glauben überzeugt war,

und als Sünde an Freidank, der mehr Trost braucht als hundert andere.

Und wenn ich eine Sünde damit thue, die wird mir Gott verzeihen, der

barmherziger ist, wie mancher seiner Diener.«

Das aufgeregte Mädchen verließ das Gemach, und Mutter und Sohn sahen

sich befremdend und fragend an.

In der Gasse aber ging Vetter Martin neben dem Uhrmacher hin; er sprach:

»Lassen Sie sich's nicht anfechten -- 's ist zuletzt ganz gleich, wo

der Mensch begraben liegt, wenn ihm nur die Liebe nachfolgt. 's ist

mancher hinter'm Zaun verscharrt worden, der hundertmal besser war als

ein anderer, dem sie die ausgemauerte Gruft mit Weihwasser überschwemmt

und ein Marmordenkmal darauf gestellt haben. Zuletzt begraben wir das,

was wir an unsern Toten geliebt haben, doch nicht in der Erde, sondern

in unseren Herzen, und ob der Leib ihres guten Weibes sich in der Mitte

oder am Ende des Friedhofs in seine Atome auflöst, das macht doch

wahrlich in der Sache keinen Unterschied, so lange ihr Bild und ihr

Gedächtnis bei Ihnen und Ihrem Kinde fortlebt. Das ist die Ansicht

eines alten Weltwanderers, der's gut mit Ihnen meint. Und nun wenden

Sie sich an den Pastor der evangelischen Gemeinde in Burgdorf -- so

hieß ein kleiner Ort in der Nähe, wo eine Zahl von Protestanten vereint

wohnte -- daß er zum Begräbnis ihres Weibes komme, und Sie sollen

sehen, daß ihr die letzten Ehren nicht ganz fehlen werden.«

Freidank fühlte sich durch die Worte Martins aufgerichtet und ruhiger,

und so schied er von ihm mit herzlichem Händedruck.

Am Mittwoch nachmittag erfolgte die Beerdigung des jungen Weibes.

Der Himmel hatte sich umwölkt, und die Luft war schwül; über den

Bergen hingen Gewitterwolken. Trotzdem hatten sich bei dem Hause des

Uhrmachers wie auf dem Kirchhofe ziemlich viele Leute eingefunden,

welche wirkliche Teilnahme, aber auch Neugier angelockt hatte. Es war

seltsam genug, daß keine Glocke klang, wie es sonst Brauch war bei

dem letzten Wege eines Erdenpilgers, und die Leute, zumal die Frauen,

äußerten darüber ihren Unmut. Kein Kreuz ging dem Zuge voran; der

schlichte Sarg mit einer schwarzen Decke verhüllt, schwankte leicht

auf den Schultern von vier Trägern, hinter ihm aber schritt Freidank

einher, der sein Kind auf dem Arme trug; es sollte seiner Mutter das

letzte Geleit geben. Die Kleine sah mit großen Augen und lächelndem

Mündchen auf die Leute, dann auf die Bahre und lehnte den blonden Kopf

an die Schulter des Vaters. Manches Weib aus dem Volke wischte sich bei

dem Anblick die Thränen aus den Augen.

Zur rechten Seite Freidanks ging der Pastor aus Burgdorf, nicht in

Amtstracht, sondern im einfachen, schwarzen Anzuge, ein noch junger

Mann mit offenen, freundlichen Zügen, zur linken schritt der Vetter

Martin einher, mit einem Kranze von blühenden Blumen in der Hand. Nun

schlossen sich eine kleine Anzahl Menschen an, unter ihnen auch Marie.

Langsam, unheimlich still bewegte sich der Zug durch die Gassen, und an

den Fenstern erschienen überall neugierige Gesichter. Auf dem Friedhofe

bog er von dem Hauptwege ab und ging an der Mauer entlang bis dahin,

wo der Totengräber die Erde ausgeschaufelt hatte; unfern der Grube

wucherten Gestrüpp und Brennesseln. Freidank biß die Zähne aufeinander,

sein Atem ging kürzer, und er drückte sein Kind fester an sich. Jetzt

war man zur Stelle. Die Bahre wurde niedergestellt, die vier Träger

übten ruhig ihr Amt und ließen den Sarg auf den Seilen niederrollen, so

daß man nichts als den schlurfenden Ton vernahm in der sonnenheißen,

regungslosen, schwülen Luft.

Jetzt trat der junge Pastor an das Kopfende des Grabes und begann zu

sprechen, und schon nach den ersten Worten kamen die auf dem Friedhof

zerstreuten Leute näher heran, und bald stand um den abgelegenen Winkel

eine zahlreiche Schar. Die Stimme des Geistlichen klang hell und mild

zugleich und nahm manchmal einen weichen, an das Herz greifenden Ton

an. Das schlug so seltsam an Ohr und Seele der Versammelten:

»Versprengtes Kind des evangelischen Glaubens, dem Du treu gewesen

bist bis an das Ende -- der Herr hat Dich in seine Hand gezeichnet und

Deinen Platz Dir bereitet dort, wo alle Guten sich zusammenfinden,

die in seinem Namen gelebt und gewirkt haben und gestorben sind. Dein

Leib aber ruht auch an diesem Plätzchen still und friedlich, und Gott

läßt auch über Deinem Hügel die Sonne scheinen und schickt den Blumen,

welche hier blühen werden, seinen Tau und Regen, sowie er dem gebeugten

Gattenherzen seinen Trost verleihen wird. Und wenn am Tage des letzten

Gerichts sein Ruf alle Schläfer weckt auf der weiten Erde und er die

Seinen sammeln wird, so bist auch Du nicht vergessen und verloren, und

wirst Deinen Mann und Dein Kind wiederfinden in den lichten Höhen, in

welchen es keine Trennung mehr giebt, und in welchen eine einzige,

ewige Liebe waltet. Und dieser Liebe befehlen wir Deine Seele und

befehlen wir uns alle, indem wir beten: Vater unser ...«

Und langsam, ergreifend -- wie man es in dieser Weise vielleicht an

dieser Stelle nie gehört -- sprach der Prediger das Gebet des Herrn

und den Segen. Dann drückte er dem Uhrmacher mit einem milden Worte

die Hand, die dieser fest umklammerte. Das Kind auf seinem Arme hatte

in diesem Augenblick die näher getretene Marie gesehen und streckte

die Händchen nach ihr aus mit lautem Rufen. Das Mädchen errötete, aber

ohne Zaudern trat es heran und nahm die Kleine an sich, während es

ein dankbarer Blick des Vaters traf. Es war eine ergreifende Gruppe:

Der bleiche Mann, der jetzt den Spaten ergriff, um seinem Weibe eine

Scholle Erde auf den Sarg zu legen und neben ihm das blühende Mädchen

mit dem lächelnden Kinde. Es konnte auch festeren Gemütern die Thränen

in die Augen treiben, zumal gerade jetzt aus dem heraufziehenden

schweren Gewölk noch ein müder Sonnenstrahl hervorbrach und die drei

Menschen beleuchtete.

Freidank trat zurück von dem gähnenden Grabe, und Marie, noch immer

Grethel auf dem Arme, beugte sich nieder, hob mit der Hand ein wenig

Erde auf und ließ sie auf den Sarg fallen, dann aber drückte sie der

Kleinen eine dunkle Rose, welche sie mitgebracht hatte, in das Händchen

und sagte:

»Wirf das hier hinein, gib's deinem Mütterchen!«

Heiß stieg es dem Mädchen in die Augen, das Kind aber ließ, noch immer

lächelnd, die Rose niedergleiten und sagte voll naiver Ueberzeugung:

»Mutterchen schläft!«

»Ja, dein Mütterchen schläft!« sprach jetzt eine ernste Stimme laut,

und an das Grab trat der Vetter Martin mit seinem Kranze in der Hand.

»Möge sie schlafen in Frieden, Amen!« fügte er hinzu und ließ den Kranz

hinabfallen, und als ob der Himmel seine Zustimmung geben wollte,

grollte jetzt dumpf und fern der erste Donner.

Bald war der Totengräber nur allein noch an dem Orte und schaufelte

die Grube zu. Freidank aber ging, begleitet von dem Pastor, seinem

Häuschen zu, und Marie mit dem Kinde, ging zur Seite des Vetters Martin

hinterdrein. Die Leute aber, die sich von dem Friedhof aus zerstreuten,

sprachen untereinander:

»Das war einmal erbaulich! -- So schön ist's nicht, wenn ein

Katholisches begraben wird; das Lateinische verstehen wir nicht, und

das Vaterunser wird auch immer so schnell hergesagt ... nein, der junge

Pastor versteht's, ans Herz zu greifen.«

Am andern Morgen aber legte manche Frauenhand einen Blumenstrauß oder

ein Kränzchen nieder auf dem Grabe in dem verlorenen Friedhofswinkel,

und als bei Zeiten der trauernde Witwer kam, fand er den Hügel schon

geschmückt. Er hatte wenig geschlafen in der Nacht, und vieles war

ihm durch den Sinn gegangen, während stundenlang ein Gewitter über

dem Städtchen hing, ab und zu ein Blitz seine Stube erhellte und der

Donner langsam verhallend grollte. Jetzt am Morgen war alles frisch,

blühend, ruhig und die Sonne schien wieder; auch in seinem Herzen

war's wunderbar still geworden. Er ging von dem Grabe seines Weibes,

auf welches er einen Strauß von Rosen niedergelegt hatte, auch diesmal

wieder nach der Pfarrei.

Der Pfarrer hatte am Fenster gestanden und ihn kommen sehen, und ihn

befiel ein leises Unbehagen; trotzdem er den Satzungen der Kirche

gemäß gehandelt hatte, empfand er doch etwas wie ein Gefühl des

Unrechts gegen den Mann, und er empfing ihn darum mit ganz besonderer

Freundlichkeit.

Auch diesmal lehnte Freidank den ihm angebotenen Sitz dankend ab.

»Was ich zu sagen habe, Herr Pfarrer, thue ich besser stehend. Ich

komme nur, um Ihnen meinen Austritt aus der katholischen Kirche

anzuzeigen.«

Der greise Priester erschrak, daß er mit der Hand nach einer Stuhllehne

faßte, und er brachte kein Wort hervor als: »Herr Freidank -- --«

»'s ist mein heiliger Ernst, Hochwürden ... es kommt mir nicht leicht

an, denn ich bin ein guter Katholik gewesen -- wenigstens glaubte

ich ein solcher zu sein -- und es wäre mir auch kein solcher Gedanke

eingefallen ...«

»Aber haben Sie denn diesen Entschluß reiflich erwogen?« fragte der

Pfarrer, der jetzt erst die Fassung wiederfand. »Sie handeln zweifellos

unter dem Eindrucke einer augenblicklichen Erregung, und da das Gesetz

eine gewisse Bedenkzeit verlangt, so hoffe ich, daß der Himmel Sie

erleuchten und stärken wird, und daß Sie der heiligen Kirche treu

bleiben, in welche Sie hineingeboren sind.«

»Ich habe alles erwogen, und in dieser Gewitternacht ist mir der Weg

klar geworden, welchen ich gehen muß, und von dem mich nichts abbringen

kann. Wenn mein armes Weib, wie der Herr Kaplan behauptet, nicht in

den Himmel kommen kann, so brauche ich auch nicht hinzugelangen; sie

ist mir im Leben brav und treu gewesen, und wenn uns der Tod auch

auseinandergerissen hat, so will ich doch, wenn ich einmal sterbe,

wieder mit ihr zusammen sein. Und wenn schon die Evangelischen einen

besonderen Himmel haben sollen, oder auch gar keinen, nun, so will

ich das Schicksal meiner lieben Grethe teilen. Wo die allgemeine

Menschenliebe fehlt, kann auch nicht der rechte Glaube sein -- die

Empfindung hab' ich, wenn ich auch nur ein schlichter Handwerker bin.

Sie sind gut, Hochwürden, das weiß ich, aber daß Sie trotzdem nicht

so dürfen, wie Ihr gutes Herz will, daß Sie mein armes Weib als eine

Ketzerin verdammen müssen, obgleich Sie wissen, wie brav und tüchtig

sie war, das ist's vor allem, was mir die Kirche verleidet, und weshalb

ich noch einmal Ihnen meinen Austritt aus derselben erkläre.«

»Aber bedenken Sie doch Ihr Seelenheil, lieber Freidank! Berauben

Sie sich nicht freiwillig der Gnadenmittel, wie sie in den heiligen

Sakramenten Ihnen geboten werden.«

»Ich befehle mich der Gnade Gottes, wie mein Weib ihr befohlen worden

ist, der auch Ihre Gnadenmittel nicht zuteil wurden. -- Lassen Sie

uns abbrechen, Herr Pfarrer, ich könnte sonst die Ruhe verlieren, die

ich mir zu diesem Schritte am Grabe meiner guten Grethe geholt habe

und könnte aufgeregt und bitter werden. Ihnen danke ich für alle Ihre

Liebe, und ich hoffe, Sie verdammen mich auch nicht um dieses Schrittes

willen.«

In den Augen des alten Pfarrers stieg ein feuchter Schimmer auf; er gab

dem schlichten Handwerker die Hand und sagte:

»Gehen Sie mit Gott, Herr Freidank, und sein heiliger Geist erleuchte

Sie! Vielleicht sagen Sie mir in vier Wochen doch noch anderen

Bescheid.«

Der Uhrmacher schüttelte langsam das Haupt und ging, der Pfarrer aber

griff nach einem Gebetbuche, das auf einem Eckbrett lag: Er wollte

beten für die Seele, welche, wie er selbst nicht mehr zweifelte, seiner

Kirche verloren ging.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Drittes Kapitel.

Die Kunde, daß Freidank »evangelisch« geworden, war bereits am andern

Tage im ganzen Städtchen verbreitet, und Peter Frohwalt hatte sie in

der Sakristei der Kirche von dem Kaplan erfahren, der einige bissige

Bemerkungen daran geknüpft hatte. Er selbst hatte alle Mühe, während

des Meßopfers seine Gedanken von dieser Sache abzulenken, aber nach

Beendigung desselben kehrte die mühsam verhaltene Erregung um so

heftiger zurück. Er machte einen Gang über den Friedhof und zum Grabe

seines Vaters, und sein Auge schweifte auch nach dem Winkel hinüber,

wo Grethe Freidank beerdigt worden war. Dort stand der Uhrmacher und

schien zu beten.

Auch das erbitterte den jungen Priester, und so kehrte er nach Hause

zurück, wo Mutter und Schwester mit dem Frühstück auf ihn warteten. Er

legte seinen Hut beiseite, und indem er die Handschuhe auszog, sprach

er:

»Wißt Ihr's schon -- Freidank will Protestant werden!«

»Das habe ich beinahe gedacht,« bemerkte Marie halblaut; der Bruder

aber sagte heftig:

»So? -- Das ist eine Erbärmlichkeit, so im Knabentrotz dem Herrn und

seiner Kirche den Rücken zu kehren und sein eigen Seelenheil von sich

zu stoßen. Die Kirche freilich verliert nichts daran, denn der Mann war

schon ein räudiges Schaf, als er das protestantische Weib heimführte,

aber es ist um das Aergernis, welches eine solche That giebt. Das ist

nicht mehr Verblendung, sondern Verstocktheit und Herzenshärte, welche,

anstatt in diesem Todesfalle die mahnende Hand des Herrn zu sehen und

ihrem Winke zu folgen, denselben verrät und verleugnet. -- Für unsere

Familie kann keine Gemeinschaft mehr bestehen mit dem Hause Freidanks,

und von Dir, Marie, erwarte ich besonders, daß Du Dich fern hältst. Es

will mir auch sonst nicht schicklich scheinen, wenn ein junges Mädchen

einem unbeweibten Manne ins Haus läuft, als hätte sie es auf ihn

abgesehen.«

In das Gesicht Mariens stieg eine heiße Röte bis unter die glänzenden

Haarflechten, und ihre Stimme bebte vor Erregung, als sie sprach:

»Ich glaub's nicht, daß es Leute giebt, die so denken, denn ich sowohl,

wie Freidank haben bei diesem Jammer anderes im Sinn. Aber wüßt' ich

auch, daß man so spricht, es könnt' mich nicht abhalten, ab und zu nach

dem Kinde zu sehen, das seine Mutter mir auf die Seele gebunden hat,

noch als ich das letzte Mal mit ihr gesprochen habe. Und die Kleine

hängt auch an mir. Wenn aber der Freidank evangelisch werden will, so

kann ich's wenigstens begreifen, wenn ich's auch nicht billige. Es ist,

wie ich Dir gesagt habe, daß auf solche Weise die Kirche auch treue

Kinder verlieren kann.«

Peter Frohwalt hatte sich in seinem Sitz zurückgelehnt und sah mit

großen, starren Augen seine sonst so zurückhaltende, schüchterne

Schwester an.

»So? -- Was heißt auf solche Weise? -- Weil die Kirche auf ihren

ehrwürdigen Satzungen besteht und sie nicht um der Gefühlsduselei jedes

beliebigen Thoren willen bricht, soll sie verantwortlich gemacht

werden? Auf welcher Seite ist die Treue und die Treulosigkeit? --

Das glaube ich, daß das Grab in der Friedhofsecke bei thränenseligen

Weibern ein romantisches Mitgefühl erweckt, aber das ist vorübergehend,

und ruhige Erwägung wird der Kirche zuletzt Recht geben. Das hoffe ich

auch von Dir, und darum erwarte und wünsche ich, daß Euer Verkehr mit

Freidank aufhört. Das seid Ihr mir schuldig.«

Die Röte war aus dem Antlitz des Mädchens gewichen, und sie saß mit

gefalteten Händen schweigend da, indes die Mutter sagte:

»Gewiß, Peter hat Recht, und uns kann das niemand übel nehmen. Marie

wird sich schon fügen --« bemerkte sie begütigend zu dem Sohne und goß

ihm dabei den dampfenden Kaffee in die goldgeränderte Tasse. Dann wurde

es ganz stille in der Stube, keiner der drei Menschen fand mehr ein

Wort, Marie aber fühlte, wie ihr die Thränen über die Wangen rannen,

ohne daß sie wagte, dieselben abzutrocknen.

Am Abend war sie ausgegangen, um etwas zu besorgen. Da begegnete ihr

die Nachbarin Freidanks, welche dessen kleines Mädchen auf dem Arme

trug. Das Kind schrie schon von weitem laut nach Marie, und diese

konnte nicht anders, als dasselbe an sich nehmen. Fest preßte sie sein

Köpfchen an ihre Brust, streichelte ihm die Wangen, und hörte nur mit

halbem Ohr auf das, was das Weib redete.

»Er wird doch bald wieder heiraten müssen, schon wegen dem Würmchen da.

Was soll denn aus dem Kinde werden ohne eine Mutter?« sprach die Frau

und dabei sah sie Marie so eigentümlich von der Seite an, daß diese

fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Beinahe mit hastiger

Geberde setzte sie die Kleine auf die Erde nieder und wollte mit

raschem Gruße sich entfernen, als wie aus dem Boden auftauchend, aus

dem Schatten eines nahen Baumes Freidank trat.

Sie konnte ihm nicht ausweichen, aber in ihrer Verlegenheit und

Aengstlichkeit that sie scheu und fremd, so daß der Uhrmacher beinahe

traurig sagte:

»Sie nehmen mir's wohl auch übel, daß ich evangelisch werden will?«

Da preßte sie das Wort heraus:

»Nein, Herr Freidank ... im Gegenteil, ich fühl's, daß Sie nicht anders

können, aber ... dort kommt mein Bruder -- Adieu!«

Sie huschte, hochrot vor Erregung, hastig fort; aber Peter Frohwalt

hatte sie doch bereits bemerkt. Er kam von einem Spaziergang mit dem

Kaplan zurück, und dieser sprach mit seiner trockenen, kalten Stimme:

»Ihre Schwester sollte doch kein Aergernis geben.«

»Es wird nicht wieder geschehen,« erwiderte der andere gepreßt und

unmutig, und schweigend kamen sie näher zu der Stelle, wo das Weib mit

dem Kinde stand, sowie der Uhrmacher, welcher dem davoneilenden Mädchen

betrübt nachschaute. Jetzt grüßte er die beiden jungen Geistlichen,

indem er seine Mütze abnahm, diese aber sahen zur Seite und beachteten

seinen Gruß nicht.

Als Peter Frohwalt daheim ankam, sagte er zu seiner Mutter:

»Ich will meinem Freunde schreiben, ob ich von nächster Woche an einige

Zeit bei ihm wohnen kann, bis ich vom Konsistorium meine Berufung an

eine Stelle erhalte; ich kann nicht bei Euch bleiben, weil ich mich

Mariens schämen muß.«

Das Mädchen war eben erst eingetreten und stand mit klopfendem Herzen

beim Fenster. Das Wort war zu hart, und in ihr regte sich das verletzte

weibliche Gefühl:

»Verzeih' Dir's Gott, Peter, was Du sprichst ... das ist doch, als ob

ich eine verworfene Dirne wäre! Ich habe Freidank nicht gesucht und

bin gegangen, als er kam; der Umgang mit dem Kinde aber kann nichts

Schlechtes sein, denn Christus ließ ja auch die Kinder zu sich kommen,

weil ihrer das Himmelreich ist.«

Raschen Schrittes ging sie hinaus, um in ihrem Stübchen dem gepreßten

Herzen Luft zu schaffen, Peter Frohwalt aber sagte zu seiner Mutter:

»Gieb acht auf sie und hüte sie, Mutter! Ihr Wesen gefällt mir nicht.

Sie ist störrig und halsstarrig, und ich fürchte um ihr Seelenheil.«

Die alte Frau suchte den Sohn zu beruhigen und gab ihm die besten

Versicherungen ihrer Wachsamkeit, aber Friede und Behagen war aus dem

kleinen Hause des Sportelschreibers gewichen, und als die drei Menschen

am Abend beisammen saßen, lag es über ihnen wie ein gewitterschwüler

Hauch, und nur wenige Worte gingen hin und her.

Am andern Morgen brachte der Postbote einen größeren Brief

mit auffallendem Siegel, adressiert an Peter. Er war von dem

erzbischöflichen Konsistorium und enthielt seine Ernennung zum Kaplan

in Nedamitz. Dabei war bemerkt, daß wegen unheilbarer Erkrankung des

bisherigen Inhabers dieser Stelle es wünschenswert erscheine, wenn er

dieselbe so bald als möglich antrete.

Diese Mitteilung kam unter den augenblicklichen Verhältnissen nicht

unangenehm, wenngleich der junge Priester, welcher seine theologischen

Studien mit Auszeichnung absolviert hatte, heimlich gehofft hatte, daß

man ihm in irgend einer Stadt eine Stellung geben, oder ihn gar als

Adjunkt an die theologische Fakultät berufen werde. Aber er war nicht

unmutig -- wohin der Herr ihn rief, dort wollte er gerne wirken. Auch

die Mutter hatte vielleicht anderes erwartet, aber sie äußerte sich

nicht, sondern beeilte sich nur, alles, was an Wäsche und dergleichen

in Ordnung gebracht werden mußte, schnellstens zu besorgen, so daß

schon für den übernächsten Tag die Abreise Peters festgesetzt werden

konnte.

Dieser machte seine Abschiedsbesuche, vor allem in der Pfarrei, bei

einigen bekannten Familien und endlich auch bei dem Vetter Martin. Er

empfand ein kleines Unbehagen, als er die stille Berggasse entlang

schritt, an deren Ende in einem schlichten, wenig gepflegten Garten

das Häuschen des wunderlichen alten Herrn stand. Es hatte nur ein

Erdgeschoß, welches eine kleine Küche, ein ebenso kleines Schlafzimmer

und außerdem noch drei Räume enthielt, welche mit allerhand

Kuriositäten vollgepfropft waren. Als Knabe hatte Peter immer ein

heimliches Grauen empfunden, wenn er die wegen der mit wildem Wein

dichtumwachsenen Fenster beinahe stets halbdunklen Stuben durchschritt.

Die Gerippe von Menschen und Tieren in den Ecken, alte, blutrostige

Waffenstücke, Reste aus der Pfahlbautenzeit, verstäubte Schnitzereien,

Steine und Muscheln, eine überaus reiche Stöckesammlung deren

einzelne Exemplare nach den Ländern benannt waren, auf denen sie als

Reisegefährten gedient hatten, und vieles andere mehr fand sich hier

beisammen; der Vetter Martin aber saß in seiner »Bibliothek« an einem

großen, unbemalten Eichentische, hatte einen alten, blumigen Schlafrock

an, eine seidene Mütze mit großem Schirm auf dem etwas struppigen Haare

und blies aus einer langen Pfeife behagliche Wolken. Er war eben bei

der Sektion eines toten Hamsters, den er Gott weiß wo erwischt haben

mochte, denn die Tierchen waren sehr selten in der Gegend, und ließ

sich auch gar nicht stören.

»Ih, sieh mal, Peter -- welche Ehre! Setz dich nieder, ich bin gleich

fertig. Am Hunger ist das Vieh nicht zugrunde gegangen, im Gegenteil,

eher an einer Indigestion. Und dabei futtert sich das Biest auch noch

die Backentaschen voll, daß es eine Schande ist. Ja, 's giebt unter

Mensch und Tier Exemplare, die niemals genug kriegen und anderen nichts

gönnen, weder im Leben noch im Tode. Nicht einmal eine Scholle Erde auf

dem ... Ja so ... na, was machst Du denn Gutes?«

Peter erzählte, warum er gekommen sei. Der Alte schob seine Mütze etwas

aus der Stirne, sah ihn an und sprach:

»Nedamitz! Das Nest kenne ich nicht, obwohl ich ein gut Stück Heimat

und Fremde gesehen habe, aber so viel ich weiß, liegt's bei ***, an

der Sprachgrenze. Wirst noch tschechisch lernen müssen, fürcht' ich,

aber ich hoffe auch, daß Du das Deutsche drüber nicht vergißt. Unsere

deutschen Priester können überhaupt von den tschechischen Amtsgenossen

lernen, daß sie unbeschadet ihrer Pflichten auch ihrem Volke in Liebe

zur Muttersprache und zur Väterart ein Beispiel geben sollen. Na, der

Anfang ist gut, um den Ehrgeiz im Zaum zu halten und zuletzt kannst

Du gerade in Nedamitz recht viel Gutes stiften. Dazu giebt's auch im

kleinsten Neste Gelegenheit, denn nicht, _wo_ man schafft, sondern

_wie_ man schafft, darauf kommt's an ... Aber da halte ich Dir eine

Predigt, das ist ja die umgekehrte Welt!«

»Wer Deine Erfahrungen hinter sich hat, Vetter Martin, darf auch einmal

Unsereinem eine Predigt halten!«

»Das freut mich, wenn Du das einsiehst! Das Leben bleibt die beste

Hochschule, das hab' ich erfahren, und das schleift einem Manches

ab, wovon sich die Schulweisheit nichts träumen läßt. Grau ist alle

Theorie, sagt der große Dichter, und grün des Lebens goldner Baum.

Und das Leben lehrt einem vor allem eines: Toleranz! Wer die Menschen

gesehen hat in allen Ländern und überall Gute und Böse, Gerechte und

Ungerechte, der weiß, daß es verschiedene Wege geben kann, die alle zum

Himmel führen, aber dem thut auch jede Engherzigkeit weh, besonders,

wenn sie einer übt, den man lieb hat. Du verstehst mich, Peter!«

»Ich weiß -- Du meinst die Sache mit Freidanks Weib.«

»Meine ich. Und der Mann will Protestant werden, weil er der größern

Liebe nachgeht. Da soll einer den Stein auf ihn werfen, wenn er nicht

selber ein Pharisäer ist. Erst greifen sie ihm ans Herz und zerpressen

es ihm mit kalter Härte und mit frostiger Satzung, wovon der Himmel

nichts weiß, und dann soll der Mann sie dafür lieben und die Hand ihnen

küssen. Ihr verdammt ihn -- ich hätte mich gewundert, wenn's anders

gekommen wäre. Nur wer Liebe säet, wird Liebe ernten.«

Peter saß wie auf glühenden Kohlen. Der alte Mann vor ihm, der,

während er redete, ruhig an dem Hamster herumschnitt, war von seinen

Kindestagen an ihm eine Respektsperson gewesen, die er gleich neben

seinen Vater stellte, und im Grunde wußte er gegen seine Bemerkung auch

nichts zu sagen, als daß die Kirche ihm sein Verhalten vorschreibe.

»Es giebt ein höheres Gesetz, als das Deiner Kirche, welches nur für

einen Teil der Menschen gilt -- ein Gesetz, das für alle vorhanden

ist, die über die Erde hingehen, das ist das Gesetz der allgemeinen

Bruderliebe. Sieh, ich habe in Schweden totkrank gelegen, und bin als

wildfremder Mensch und als Katholik dazu in einem protestantischen

Pfarrhaus gepflegt worden, Wochen lang, und kein Mensch hat mich nach

meinem Glauben gefragt, und wenn ich gestorben wär', so hätten sie

mich -- das glaub' ich felsenfest -- nicht im Winkel ihres Friedhofs

eingescharrt. So, jetzt bin ich fertig mit dem da« -- er schob den

kleinen Kadaver, den er entbalgt hatte, beiseite -- »und will nach

meinen Rosen sehen.«

Er erhob sich, und Peter mit ihm. Diesem war die Kehle wie zugeschnürt;

er hätte manches sagen mögen, aber es kam ihm dem alten, braven Manne

gegenüber so leer und haltlos vor, daß er unmutig beinahe an sich

selber irre ward. So ging er an seiner Seite durch das nächste Zimmer,

in dessen Ecke nahe beim Fenster ein weißes Gerippe stand. Vetter

Martin blieb einen Augenblick davor stehen und sagte humoristisch:

»Na, was meinst Du wohl, ob der einmal katholisch oder evangelisch war?«

[Illustration: Auf das in der Ecke stehende Gerippe zeigend, sagte

Vetter Martin humoristisch: »Na, was meinst Du wohl, ob der einmal

katholisch oder evangelisch war?«]

Dann schritt er weiter. Auf einem Tischchen lag ein kleines,

abgegriffenes Buch. Das nahm er in die Hand, blätterte flüchtig drin

und indem er es Peter Frohwalt reichte, sprach er:

»Das kleine Werkchen will ich Dir schenken, ich habe in mancher Stunde

Trost und Erhebung drin gefunden, vielleicht kann's auch Dir von Nutzen

sein! Der's geschrieben hat, war ein guter, edler Mensch, und das

bleibt das Beste, was man von jemandem sagen kann.«

Der junge Geistliche nahm das Bändchen und schlug den Titel auf: Es war

Schefer's »Laienbrevier«. Er dankte für die Gabe und ging mit dem Alten

hinaus in den Garten. Hier sprachen sie noch ein Weilchen über dies und

das, dann ging Peter, nachdem Vetter Martin ihm noch zugerufen hatte:

»Und Nedamitz hoffe ich auch kennen zu lernen, und es soll mich freuen,

wenn ich Dich dort recht zufrieden wiedersehe.«

Am andern Morgen früh fuhr der junge Priester mit dem Postwagen hinaus

durch das alte Thor, in dessen Nähe sein Vaterhaus stand. Vor demselben

harrten Mutter und Schwester und winkten ihm zu; der Postillon blies in

herkömmlicher Weise das Lied, das er seit fünfundzwanzig Jahren stets

bei diesem Anlasse hören ließ: »Muß i' denn zum Städtele 'naus,« und

dann rollte der schwarzgelbe Wagen auf der staubigen Straße hin, hinein

in den sonnigen Tag.

Auf der Höhe beim Kapellchen, wo am Tage der Primiz der fahrende

Handwerksbursche gesessen hatte, stand der Vetter Martin, auf seinen

»Holländer« gestützt, die Mütze mit dem breiten Schirm weit in die

Stirn hereingezogen, und rief ihm noch einmal ein »Glückauf!« nach,

dann fuhr der Wagen bergab und hinter dem Reisenden versank die kleine

Stadt.

Er war allein in dem Wagen, hatte die Fenster geöffnet und ließ die

angenehme, kühle Morgenluft hereinstreichen. An seinem Auge gingen die

freundlichen Landschaftsbilder mit all den fleißigen Menschen vorüber,

Lerchen sangen aus der Höhe nieder, und ihm wurde die Seele weit. Er

ging mit den besten Vorsätzen hinein ins Leben und in seinen Beruf.

Nach etwa zwei Stunden hielt der Wagen kurze Rast in Burgdorf. Das

war die kleine evangelische Gemeinde mitten zwischen der katholischen

Bevölkerung, die durch Gott weiß welchen Anlaß hieher verweht worden

war. Eine schmucke Kirche mit weißen Mauern und einem zierlichen

Türmchen, dessen vergoldetes Kreuz im Sonnenschein blinkte, stand

auf einer kleinen Anhöhe, unfern davon das schlichte Pfarrhaus, von

Holzfachwerk errichtet, mit spiegelnden Fenstern. An diesem fuhr der

Wagen vorüber. Im Gärtchen vor dem Hause stand der junge Pastor, und an

seinem Arme lehnte blühend und frisch sein Weib, schmuck und einfach,

und sie sahen zwischen den Rosenbüschen hin nach dem vorüberrollenden

Wagen. Zwei Kinder spielten jauchzend vor ihnen im Sande.

Peter Frohwalt wurde von seltsamen Empfindungen erfaßt, aber er wußte

sich selbst nicht volle Rechenschaft darüber zu geben. Das Familienbild

war von so friedlicher Anmut und atmete so sehr den Duft stiller,

glücklicher Häuslichkeit, daß darüber der Unmut gegen den Ketzer

zurücktrat und ein wehmütiger Neid beinahe die Oberhand gewann. Er

wollte das Gefühl abschütteln, sobald das Dorf hinter ihm lag, aber

unwillkürlich wandte er sich von einer kleinen Anhöhe aus nochmals

zurück. Der ganze Ort war so sauber und freundlich, ja er sah geradezu

wohlhabend darein, und tiefblauer Himmel lag über den grünen Gärten und

den roten Dächern, gerade so wie über dem katholischen Lande ... unser

Herrgott machte keinen Unterschied!

Beinahe hätte ihn die Wahrnehmung verstimmt, doch er besann sich, daß

geschrieben steht, daß Gott seine Sonne scheinen läßt über Gerechte

und Ungerechte. Aber seine Gedanken wollte er doch ablenken, und so

faßte er in die Tasche, in welche er noch zu guter Letzt das von

Vetter Martin erhaltene Buch gesteckt hatte. Er schlug es auf und

fand als Anhang zu dem »Laienbrevier« noch eine Anzahl später wohl

beigebundener Scheferscher Gedichte; er las:

Nimm alle auf, schließ keinen aus. So thut

Der Gott; drum ist er's; und so thust Du göttlich.

Wer sich und seine Sache einzig will

Zu starrer Herrschaft bringen, gegen den

Erhebt sich jeder Mensch von freier Seele,

Und ihn, den _Unduldsamen, duldet Keiner_.

Der stützt nicht seine Macht, wer andre ausschließt,

Der wird unmöglich in dem Menschenschwarm ...

Gern hätte er das Büchlein weggeworfen, aber die einfache Sprache, der

edle Gedankenausdruck fesselte ihn.

Den nehmen alle an, wer alle aufnimmt.

Wer alle aufnimmt, der erweitert sich

Das Herz zum Himmel; und wer alle einschließt

In sein Gemüt, sein Glück und seinen Glauben,

Der ist der wahre Mensch, der redliche,

Der große ...

Peter Frohwalt versank in Nachdenken und kümmerte sich nicht mehr um

die Landschaftsbilder, die an ihm vorüberzogen. Was wollte er selbst

denn sein? -- Ein wahrer, redlicher Mensch, und der Weg zu diesem Ziele

sollte eine Toleranz sein, die den Satzungen seiner Kirche nicht völlig

entsprach! Es begann in seiner Seele sich ein Zwiespalt zu regen, und

er war froh, als der Wagen in der Stadt ankam, von wo aus ihn das

Dampfroß weiter tragen sollte.

Gegen Abend langte er in seinem Bestimmungsorte an. Von der letzten

Bahnstation hatte er eine gute halbe Stunde zu gehen, aber das

Marschieren that ihm wohl, nachdem er so lange in dem heißen Waggon

gesessen hatte. Langsam schritt er durch die reifenden Felder, bis

er das Dorf Nedamitz vor sich liegen hatte. Es war ziemlich groß,

die Kirche lag am letzten Ende und ringsum dehnte sich ein welliges

Hügelland aus, auf welchem da und dort ein grüner Hopfengarten sich

zeigte. Die Gegend war ziemlich einförmig.

Bei einem rotgestrichenen Holzkreuz standen zwei Kinder, Mädchen, mit

Feldblumensträußchen in den Händen; sie knixten und sagten wie mit

einer Stimme:

»~Pochválen bud' Pán Ježiš Kristus!~«[1]

[1] Gelobt sei Jesus Christus!

Er antwortete, da ihm Gruß und Antwort von seinem Prager Aufenthalte

her bekannt war:

»~Až na věky~.«[2]

[2] In Ewigkeit!

Dann ging er rascher weiter; es war ihm unbehaglich, daß der

erste Gruß, den ihm die neue Heimat entgegenbrachte, nicht in den

Mutterlauten klang, und er hatte auch die unbestimmte Furcht, die

Kinder möchten ihn tschechisch anreden und ihn in die Verlegenheit

bringen, ihnen nicht antworten zu können.

Jetzt klang vom Dorfe her die Aveglocke. Das war noch ein anderer Gruß;

jetzt grüßte ihn die Stimme seiner Kirche, und andachtsvoll entblößte

er das Haupt und betete den »englischen Gruß«. Wie er durch die Gasse

des Ortes schritt, begegnete er vielfach Landsleuten, die von den

Feldern kamen oder vor den Thüren saßen. Mancher kümmerte sich gar

nicht um ihn, andere, zumal Weiber, grüßten, fast durchaus in deutscher

Sprache, und die Kinder kamen heran und küßten ihm die Hand. Er ging

langsam und empfand jetzt beinahe ein Wohlbehagen bei dem Gedanken,

hier daheim zu sein.

Nun war er bei der Pfarrei. Es war ein ansehnliches Gehöft, von einer

Mauer umgeben, durch welche ein Thor hinein führte in den Hof. Dieser

war nicht besonders sauber gehalten; Hühner und Gänse liefen umher,

aus dem Stalle blökte ein Rind, und an der Kette lag vor seiner Hütte

ein brauner, zottiger Hund. Bei dem Wassertroge schäkerte ein älterer

Knecht mit einer jungen Dirne, einer Magd, in einer ziemlich freien

Weise.

Die Beiden fuhren auseinander, als der junge Priester herankam,

der Knecht lief nach dem Stalle zu, das Mädchen aber blieb mit dem

gefüllten Wassereimer stehen und grüßte mit einem verlegenen Knixe.

Peter Frohwalt sagte:

»Treffe ich den Herrn Pfarrer zu Hause? -- Ich bin der neue Kaplan!«

Bei diesem Worte setzte die Dirne den Eimer aus der Hand und huschte,

ohne ein Wort zu erwidern, in das Haus, und er folgte ihr langsam.

Das Pfarrhaus war ein altes, einfaches, aber umfangreiches Gebäude mit

vortretendem Obergeschoß und einer um dasselbe laufenden Holzgalerie;

es machte im ganzen einen behaglichen Eindruck. Die Schwelle war

schmutzig und Peter mußte darüber wegtreten. Da erinnerte er sich, was

das Volk bei ihm zu Hause sagte bei solchen Anlässen: Man würde sich

bald ärgern.

Kaum war er in den Flur gekommen, als ihm, wohl durch die Magd gerufen,

ein Weib von etwa 50 Jahren entgegentrat, angethan wie eine Bäuerin,

mit schwarzem Mieder, und nackten, drallen Armen; eine große blumige

Schürze hatte sie umgebunden. Ihr Gesicht war einmal hübsch gewesen,

jetzt sah es groß und gerötet aus. Sie wischte sich die Rechte an dem

Schürzenzipfel ab und reichte sie dem jungen Priester, indem sie ihn in

tschechischer Sprache begrüßte.

Peter Frohwalt hatte halb widerstrebend ihr seine Hand gegeben und

sagte:

»Es thut mir leid, aber ich verstehe das Tschechische nicht!«

»Was?« rief das Weib nun deutsch -- »Sie können nicht einmal Böhmisch?

-- Ja, wie wollen Sie denn hier durchkommen? Das begreife ich nicht,

wie das Konsistorium einen Kaplan schicken kann, der kein Böhmisch

versteht!«

Sie ließ den verblüfften jungen Mann einfach stehen oder vielmehr, sie

überließ es ihm, ihr zu folgen, indem sie jetzt die Treppe emporstieg

und ihm sehr ausdrucksvoll den breiten Rücken zuwendete. Und Peter ging

hinter ihr drein. Auf dem oberen Flur riß sie nach raschem Anpochen

eine Thür auf und rief hinein:

»Da schickt das Konsistorium uns einen, der nicht Böhmisch kann!«

Drinnen wurde ein Stuhl gerückt und gleich darauf erschien auf

der Schwelle der Pfarrer. Er war in Hemdärmeln, mit einem kleinen

Seidenkäppchen auf dem grauen Kopfe, eine hagere Gestalt, deren Gesicht

im Halbdunkel nicht gut zu erkennen war.

»Seien Sie willkommen!« sagte er mit einem etwas heiser klingenden

Organ und reichte dem neuen Hausgenossen die Hand. Er zog ihn nun

in sein Zimmer, nachdem er noch in tschechischer Sprache das Weib

gefragt, ob die Wohnung für den Herrn Kaplan in Ordnung gebracht sei

und eine mürrisch-kurze Antwort erhalten hatte. Er fuhr eilig in

einen alten, langen Hausrock, indem er sich entschuldigte, daß er bei

der herrschenden Hitze es sich bequem gemacht habe. Nun konnte Peter

Frohwalt den Mann, sowie den Raum einigermaßen mustern. Der erstere

hatte trotz seiner Magerkeit ein rotes, einigermaßen gedunsenes Gesicht

mit kräftig hervortretender Nase, ein paar seltsam feucht flimmernde

Augen, und mochte ungefähr sechzig Jahre zählen.

Das Zimmer sah einfach genug aus. Zwei Tische, einer am Fenster, ein

anderer vor einem verschossenen, ehemals wohl grünen Sopha, über

dem ein großes Bild hing -- der einzige Wandschmuck -- ein braunes,

wurmstichiges Büchergestell, das bedenkliche Lücken zeigte, vier

oder fünf Holzstühle, eine Bank in der Nähe des Ofens, ein alter

Kleiderschrank und eine Kommode, die mit ihrer hellen Farbe zu den

übrigen Möbeln nicht paßte -- das war die Ausstattung des Gemaches.

Auf dem Tische bei dem Sopha aber stand ein großer Zinnkrug und

daneben ein Glas mit einem Reste Bier.

»Ich denke, Sie werden sich hier schon einrichten,« -- sagte nun der

Pfarrer, -- »es ist gerade nicht viel zu thun, wenn man es erst richtig

anfaßt. Ihrem Vorgänger hat's gut gefallen, und wir hatten recht schön

mit ihm zusammen gelebt -- da bekam er die Schwindsucht, der arme

Teufel, und ging in seine Heimat; wiederkommen wird er nicht mehr. Er

hat's verstanden, sich mit der _Barbara_, der Köchin, gut zu stellen,

die ihm manchen besondern Bissen zugesteckt hat -- na, ich habe nichts

dawider gehabt. Machen Sie nur auch, daß Sie gut Freund mit ihr werden!

Sie ist nun schon fünfundzwanzig -- -- hm, hm ... lange Zeit bei mir,

und darum nimmt sie sich auch manchmal etwas mehr heraus. Das sag' ich

Ihnen, damit Sie wissen, woran Sie bei der oder jener Gelegenheit sind.«

»Wie es scheint, nimmt sie mir's schon übel, daß ich des Tschechischen

nicht mächtig bin,« bemerkte Frohwalt, und der andere sagte mit einem

breiten Lächeln:

Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben · 第 9 / 21 题