Stuttgart

Verlag von Carl Weber & Cie.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck des Süddeutschen Verlags-Instituts in Stuttgart.

Vorwort zur ersten Auflage.

Wer abenteuerliche Verwicklungen, romantische Liebesbeziehungen, oder

jenen Naturalismus sucht, der die Wahrheit der Lebensverhältnisse

nur in Sumpf und Schmutz finden zu können glaubt, für den ist diese

Geschichte nicht geschrieben. Und doch macht sie gerade darauf

Anspruch, wahr zu sein und Verhältnisse zu schildern, die dem Leben

entnommen sind.

Nahezu 25 Jahre sind vergangen, seit der Glaubenssatz von der

päpstlichen Unfehlbarkeit in Rom aufgestellt wurde. Es war ein

Ereignis, welches die Gemüter der ganzen gebildeten Welt bewegte

und die Herzen der katholischen Christen mit bangen Zweifeln und

mit Schmerz erfüllte; die Verkündigung jener Lehre hat die volle

selbstherrliche Macht Roms einerseits, die Schwäche und Haltlosigkeit

kirchlich angesehener Kreise andrerseits bekundet.

Schwere Seelenkämpfe wurden damals von manchem ehrlich denkenden

Katholiken, zumal von manchem katholischen Priester durchgestritten,

und ein Bild solcher Kämpfe habe ich versucht, in diesem Werke

vorzuführen. Ich habe gemeint, daß ich nicht ganz unberufen dazu sei;

habe ich doch zum Teil an mir selbst erfahren, was ich berichte, und

was man auch immer dem Werke zum Vorwurfe machen möge, eines wird nicht

bestritten werden können, daß die Verhältnisse des katholischen Klerus,

sein Leben und Empfinden, seine Anschauungen und deren Bethätigung auf

Grund von Thatsächlichem geschildert sind. Die Gestalten der Erzählung

sind _wirkliche Typen_ und gezeichnet ohne jede Gehässigkeit.

Ich habe wiederholt beinahe mit einem Gefühl des Mitleids Werke

gelesen, zumeist aus weiblicher Feder -- denn es mag besonders in dem

Cölibat und seinen Folgen für Schriftstellerinnen ein verlockender Reiz

liegen -- welche von katholischem Priester- und Mönchsleben handeln,

und welche trotz aller Lobsprüche der mehr oder minder berufenen

Kritik von Unwahrheit in Situationen und Charakteristik strotzen.

Ueber solche Verhältnisse vermag nur der zu schreiben, der einerseits

ihre ganze erdrückende Schwere und andererseits ihre besondere und

tiefere Bedeutung eingehend kennen gelernt hat, und darin liegt,

wie ich anzunehmen wage, die Eigenart und die Berechtigung dieser

Geschichte zugleich.

Ich darf wohl hoffen, daß ich darum auch von Einsichtsvollen weder

mißverstanden, noch falsch beurteilt werde, wenn ich derselben mit

einer kleinen Abweichung das Wort, welches Lessing von seinem »Nathan«

gebraucht, voranstelle: »Wenn man mir sagt, daß ein Werk von so eigener

Tendenz nicht auch einen gewissen Wert habe, so werde ich schweigen,

aber mich nicht schämen. Ich bin mir eines Ziels bewußt, hinter dem man

auch weiter mit Ehren bleiben kann«.

Der Verfasser.

[Illustration: Dekoration]

Vorwort zur zweiten Auflage.

Unter dem Titel »Los von Rom« geht das ursprünglich »Das neue Dogma«

genannte Werk zum zweitenmale in die Welt, um zu erzählen, wie der

Held »los von Rom« kam. Die Zustände in Oesterreich, wo dasselbe

abspielt, haben sich in den letzten Jahren bedeutsam geändert; aus der

nationalen Bewegung ist eine kirchliche hervorgewachsen, und sie hat

das Schlagwort »Los von Rom!« geschaffen, und ähnliche Verhältnisse,

wie die in der vorliegenden Geschichte geschilderten, haben Tausenden

die Augen geöffnet. Darum dürfte das Buch neuerdings wieder besonders

zeitgemäß erscheinen, und ich gebe mich, zumal eine ununterbrochene

Nachfrage nach dem seit Jahresfrist vergriffenen Werke stattfand, der

angenehmen Erwartung hin, daß es auch in seiner neuen Ausstattung und

im Schmucke seiner Bilder eine freundliche Aufnahme finden werde.

Dr. Anton Ohorn.

[Illustration: Dekoration]

[Illustration: Dekoration]

Erstes Kapitel.

Feierlicher Glockenklang zog weit hinein ins Land. Blauer Himmel lag

über der Erde; auf den Feldern wiegten sich schwer die goldgelben

Aehren, reif für den Sensenschnitt, und auf den Straßen und den grünen

Wiesensteigen kamen von allen Seiten Leute im Sonntagsstaat heran nach

der kleinen, freundlichen Stadt, die im Thale lag.

Sie hatte ein altertümlich-trauliches Gesicht. Der Rest einer alten,

verwitterten Mauer drängte sich da und dort aus grünen Gartengehegen

hervor, ein dicker, schwerfälliger Kirchturm sah hoch hinaus über die

an einandergedrückten roten und grauen Dächer und über den bescheidenen

Genossen, der das kleine Kloster der Bettelmönche am letzten Ende des

Städtchens überragte.

Und die Glocke läutete noch immer mit langsamen, aber vollen und

weichen Schlägen, als ob sie gute Botschaft zu sagen hätte.

Auf der hochgelegenen Straße, von der man in die sonnige Landschaft

und auf die wandernden Menschen ringsum schauen konnte, saß bei einem

Kapellchen auf einer Steinbank ein fahrender Gesell. Der erhob sich,

als jetzt eine kleine Schar von Landleuten herankam, lüftete zum Gruße

seine Kappe, rückte sich das Ränzel zurecht auf dem Rücken und fragte:

»Mit Verlaub, da unten wird wohl heute ein besonderes Fest gefeiert?«

Der weißhaarige Bauer, welcher mit seinem Weibe dem Zug voranging,

stützte sich einen Augenblick auf seinen Weißdornstecken, sah sich

den Burschen an, und weil er ihm zu gefallen schien, sagte er im

Weiterschreiten -- denn er setzte voraus, daß der andere sich ihm

anschließen wolle:

»Des seligen Sportelschreibers _Frohwalt_ Sohn hat heute seine Primiz,

sein erstes heiliges Meßopfer. Ein solch' Fest ist seit langen Jahren

nicht mehr hier gewesen und darum kommt, wer nur immer kann, herbei,

um demselben beizuwohnen. Bei uns heißt's, man soll, wenn's notthut,

ein paar neue Schuhe auf dem Wege zerreißen, um den Segen eines

neugeweihten Priesters zu erhalten, der eine besondere Kraft hat.

Und diesmal ist's noch etwas anderes. Wir haben den alten, braven

Sportelschreiber gekannt, und von Kindesbeinen an auch seinen Sohn,

den Peter, und da wollen wir erst recht nicht fehlen am Ehrentag. Der

Vater hätt' es noch erleben müssen, denn es ist ein großer Stolz für

ein schlichtes Haus, wenn ein geistlicher Herr daraus hervorwächst

und besonders einer wie der hochwürdige Herr Pater Peter, der gar so

gescheit und fromm sein soll. Na, der Mutter und der Schwester ist auch

die Freude zu gönnen, sind brave Leute, die sich recht und schlecht

durchbringen und denen niemand etwas nachreden kann.«

Der Alte ging mit weitausgreifenden Schritten dahin, und sein Weib

trippelte hastig nebenher, hinterdrein aber kamen Kinder und Enkel,

Knecht und Magd. Die Glocke hatte jetzt ausgeklungen, und der Bauer

sprach halb zurückgewendet:

»So, nun ist das erste Läuten vorüber, und in der Kirche wird's kaum

noch Platz geben -- das kommt davon, daß bei euch jungem Volk kein

Fertigwerden ist.« Dann redete er wieder leutselig mit dem wandernden

Gesellen und frug nach seinem Handwerk und seiner Heimat, und so kamen

sie ans Städtchen.

Durch einen altertümlichen Thorbogen führte der Weg hinein in die

Gasse, und gleich zu ihrem Anfang stand zur Rechten ein kleines Haus,

einstöckig, mit vier spiegelblanken Fenstern in der Front, dessen Thür

umwunden war mit grünem Kranzwerke.

»Das ist des Sportelschreibers Haus!« sagte der Bauer, und der Geselle

hätte sich's wohl denken können, denn Kinder und neugierige Frauen

standen in der Nähe, den Ausdruck frommer, scheuer Spannung in den

Gesichtern. Er sah einen plätschernden Brunnen unter einer Statue des

heil. Johann von Nepomuk, dabei war eine Linde und eine Bank ringsum

dieselbe; da sprach er:

»Hier bleibe ich und will warten, bis der Zug nach der Kirche geht.

Gott befohlen!«

Und im Lindenschatten ließ er sich nieder neben einem Kindermädchen,

das einen kleinen Knaben auf dem Arme schaukelte, stützte das Kinn auf

den Griff seines Wanderstockes und wartete.

Im Erdgeschoß des kleinen Hauses aber war alles so blitzblank. Der Flur

war gescheuert und mit weißem Sande bestreut, und in der großen Stube

war kein Stäubchen zu sehen. Vor den Fenstern hingen weiße Vorhänge,

und auf den Brettern standen blühende Blumen, die altertümlichen

Möbel waren aufpoliert und an der Wand, der Thüre gegenüber, war ein

einfacher Altar errichtet worden. Auf der blütenweißen Tischdecke

befand sich ein Kruzifix, daneben zwei Leuchter mit brennenden Lichtern

und in zwei kleinen Vasen duftende weiße und rote Rosen.

Vor dem Altar aber stand der junge Priester, _Peter Frohwalt_, eine

jugendlich schöne Erscheinung, hochgewachsen und schlank, mit einem

frischen, von froher Erregung geröteten Antlitz, aus welchem zwei

große, schöne, blaue Augen schauten. Das blonde Haar war kurzgeschoren

und weiß schimmerte daraus die Tonsur hervor. Er trug das dunkle,

wallende Priestergewand, und um den Hals den ringsum geschlossenen

Kragen mit dem weißen Bändchen darum, das Collare. Zur Seite des Altars

standen seine Mutter und seine Schwester. Erstere war eine Frau mit

festen aber gutmütigen Zügen, in denen heute eine mühsam verhaltene

Rührung lag, angethan mit einem dunkeln, verschossenen Seidenkleide,

das wohl schon manchen Ehrentag des Hauses gesehen hatte; die Schwester

war ein hübsches, hochgewachsenes Mädchen, dem Bruder ähnlich, und

unter dem schlichten Hütchen, welches sie trug, drängten sich ein paar

prächtige blonde Zöpfe hervor. Sie mochte vielleicht ein Jahr jünger

sein als der neugeweihte Priester.

Dem Altar und den letzteren gegenüber standen um den alten Pfarrer des

Ortes gereiht ältere und jüngere Geistliche, darunter die Mönche des in

der Stadt befindlichen Kapuzinerklosters. Der Pfarrer, ein weißhaariger

Herr mit milden, freundlichen Zügen trug den goldschimmernden

Vespermantel, die andern zumeist weiße Chorhemden und darüber die Stola.

Der Pfarrer hatte seine Ansprache geendet, in welcher er den jungen

Priester beglückwünscht und begrüßt hatte. Seine Worte waren ruhig und

herzenswarm gewesen, und da er des verstorbenen Vaters des Primizianten

gedachte, weinten Mutter und Tochter in Wehmut still für sich hin. Nun

nahm der Jüngling vor dem Altare das Wort:

»~Laetatus sum in his, quae dicta sunt mihi: In domum Domine ibimus~ --

ja, erfreut bin ich darüber, daß man mir sagt: Wir wollen hingehen in

das Haus des Herrn!«

Mit diesem Ausspruch des Psalmisten hob er an, und seine anfangs

bewegte Stimme wurde ruhiger und sicherer und gewann einen weichen,

wohlthuenden Klang. Vom Elternhaus ins Gotteshaus -- welch ein schöner

Weg! Von der Stätte, von welcher er Liebe empfangen, zu jener, von

welcher aus er sie spenden wollte. -- Das war der Grundgedanke, den er

kurz und weihevoll ausführte, und dann schloß er:

»Mit reinem Herzen und mit reinen Händen will ich hintreten an den

Altar des Herrn. Wer je mich gekränkt hat in meinem Leben, dem

sei verziehen vom Grund der Seele, und wem ich wissentlich oder

unwissentlich weh gethan, der möge mir verzeihen um dieser Stunde

willen, in der Gott mich würdigt, der Wunder größtes zu vollbringen und

Brot und Wein in seines ewigen Sohnes Fleisch und Blut zu verwandeln.

Und wie ich meines toten Vaters gedenken werde bei meinem ersten

heiligen Opfer, so will ich auch für euch beten, Mutter und Schwester.

-- Der Herr hat heute Großes gethan an uns allen, gepriesen sei sein

Name -- Amen!«

Hochaufgerichtet trat der junge Mann zu der beinahe fassungslosen alten

Frau, die sich in seine umschließenden Arme schmiegte und nach der

geweihten Hand des Sohnes faßte, um sie zu küssen, was dieser jedoch

abwehrte, dann umarmte er die blühende, errötende Schwester -- durch

die kleinen Fenster aber flutete wärmer der Sonnenglanz herein und

glänzte auf den priesterlichen Gewändern, auf den Rosen um das Kruzifix

und auf dem blonden Scheitel des jungen Priesters.

Nun ordnete sich der Zug. Der alte Pfarrer und der Vorsteher des

Kapuzinerklosters nahmen den Neugeweihten in die Mitte, die andern

schlossen sich paarweise an, und den Priestern folgte Mutter und

Schwester, sowie eine Anzahl Freunde der Familie. Im Flur des Hauses

aber traten vor den Zug vier kleine, weißgekleidete Mädchen, die aus

Körbchen, welche sie am Arme trugen, Blumen und Rosenblätter auf den

Weg streuten.

Jetzt hoben die Glocken aufs neue an zu tönen -- auch jene von dem

Klösterchen klangen darein -- und langsam ging es im hellen Sonnenglanz

durch die Gassen nach der Kirche.

Das Gotteshaus war umschlossen von dem Friedhofe, und ehe noch das

Kirchenportal den Zug aufnahm, hatte der junge Priester dem Pfarrer

einige Worte zugeflüstert und dieser den kleinen Mädchen eine Weisung

erteilt. Sie bogen seitwärts ab nach dem Eingang zum Gottesacker, und

zwischen den Kreuzen und Steinmälern ging der Zug zur Verwunderung der

Neugierigen hin, bis er anhielt, wo hart am Wege auf einem schlichten

Denkmal geschrieben stand:

Los von Rom: Eine Geschichte aus dem Leben · 第 8 / 21 题