Dieses Kapitel ist eigentlich ein Einschiebsel, denn in bezug auf die
Frau als Literat ist nach allem bisher Ausgeführten nur noch
Selbstverständliches zu sagen. Immerhin gehört das Thema zur
Geistesgeschichte der Zeit, denn nie zuvor haben Frauen in solcher Zahl
und mit solcher Energie schriftstellerisch, künstlerisch produzierend
sich bemerkbar gemacht.
Die Frau besitzt keine schöpferische Phantasie. Das ist kein Streitsatz,
sondern ein Erfahrungssatz; eine Tatsache, die einem Naturgesetz
entspricht. Es ist die Aufgabe der Frau, Mutter zu werden, Leben zu
empfangen, Leben zu gebären. Als Weib, als Mutter ist sie gewissermaßen
an sich selbst schon ein Stück Mythos, und Gott hat es deshalb für
überflüssig erachtet, sie mit einer mythosschaffenden Kraft zu begaben.
Ihr Künstlertum ruht in der Liebe, ihre Idee ist die Mutterschaft, ihr
Werk ist das Kind. Wenn also die Frau sich künstlerisch hingibt, so
entsagt sie dadurch ihrer wahren Bestimmung, verzichtet freiwillig auf
das Schöpferische und wird zum Literaten, und zwar zum Literaten
schlechthin, zum Literaten ohne schöpferische Phantasie, welche ja dem
Psychologen, dem Schöngeist, dem Apostel durchaus nicht mangelt; ganz im
Gegenteil, können diesen doch Werke gelingen, die den Werken des
schöpferischen Menschen nahezu ebenbürtig sind.
Ich verkenne nicht die Arbeit der Frau; nicht den ehrlichen Willen,
nicht die Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, nicht die Fähigkeit zur
Anpassung und Ausführung, nicht die oft zutage tretende Besonderheit des
Schauens, nicht den sicheren Instinkt, nicht das vollgültige Empfinden,
nicht die Gabe des Traums und des poetischen Ausdrucks. Ich weiß, was
geleistet worden ist; ich erinnere mich zarter Gedichte, robuster
Erzählungen, anmutiger und starker Bildnisse, überzeugender Schriften;
einer Fülle von respektablen Hervorbringungen. Aber sie waren mir um so
respektabler, je weniger objektiv sie scheinen wollten, je weniger sie
zu Gestaltungen griffen, je mehr sie einem Gefühl, einem Erlebnis, einem
Unmittelbaren Stimme verliehen. Nicht Gestalt also; Stimme, das ist es,
Stimme oder Stimmung, etwas, das so fern vom Mythos liegt wie ein
Quellchen vom Meer.
Das Vermögen, ein Weltbild zu objektivieren, ist nur der schöpferischen
Phantasie gegeben. Mit Hilfe des Fleißes, bewußter oder unbewußter
Nachahmung und der Aneignung erprobter Disziplinen gelangt die Frau
bisweilen zu Gebilden von scheinbarer und äußerlicher Objektivation, und
ihre Lust wie ihr Talent zur Beobachtung befähigt sie, eine niedere
Realität von Zuständen und Geschehnissen darzustellen, welche
unterhaltend, geistig und gesellschaftlich anziehend sein und, soweit
sie auf Erlebtem und Gefühltem beruhen, der Wahrheit und Glaubhaftigkeit
nicht ermangeln werden. Das Metaphorische, das Elementare, das
Schöpferische, die Synthese ist ihr jedoch versagt, und je mehr sie
darnach strebt, je unzulänglicher müssen sich ihre Produkte erweisen;
sie stehen dann in der Luft, wurzellos, ziellos und wollen durch Unruhe,
Leidenschaftlichkeit und Fieberhaftigkeit ersetzen, was ihnen an Natur
und Legitimität, – durch Linie und Schnörkel, Seltsamkeit und
Überhäufung, was ihnen an Antlitz und Naivität fehlt.
Bisweilen fragt man sich: warum werden die Frauen zu Literaten? Ein
Buch, und noch ein Buch, und noch eine Meinung und noch ein Vers und
noch eine bemalte Leinwand, – darum handelt sichs doch schließlich
nicht. Ein Blick, ein echtes Wort, eine Wirkung von Mensch zu Mensch,
menschliches Aufmerken, Bereitschaft des Herzens können mehr, weit mehr
bedeuten. Das Übel ist auch hier in einer zerklüfteten,
anarchisch-gelösten Gesellschaft zu suchen, die keine lebendige
Organisation hat und in der deshalb jede Fülle zur Überfülle, jeder
Überfluß zur Last, jede Hemmung zu falscher Betätigung und jede
Abtrennung der einzelnen Mitglieder bei unzureichender individueller
Kraft und Bestimmung zur Katastrophe wird. Die Literatur gilt als ein
Gewerbe wie jedes andere; das sogenannte Talent genügt zum
Vorwärtskommen. Der Einfall wird überschätzt; zum Einfall gehört auch
das Detail; die Detailkrämerei beginnt schon, uns geistige
Verdauungsbeschwerden zu erregen; die Mache, die Gebärde, der fast von
selbst arbeitende sprachliche Mechanismus; die Gewohnheit, sich
meinungsmäßig zu äußern, sich einer seelischen Spannung zu entäußern,
indem man sie preisgibt und in einer quasi dichterischen Form, die meist
zur Schamlosigkeit kalter Psychologie führt, versteinert zur Schau
stellt; die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Mitteilung, dies alles
ermuntert den einzelnen immer wieder, sich literarisch zu isolieren und
sich politisch, sozial und menschlich damit abzutöten. Wenn man zur
Einsicht käme, daß das sogenannte Talent in den meisten Fällen nur ein
Wesen ist, das in freiwilliger Verbannung von einer Gemeinschaft lebt,
der es nicht nützlich sein kann, ein Parasit und Freibeuter, wäre schon
viel gewonnen, und die dreißigtausend Bücher, die jährlich in
Deutschland auf den Markt strömen, würden unter dem Druck eines weiseren
Urteils und einer sachlicheren Wahl auf eine notwendigere Anzahl
zusammenschrumpfen, die vielleicht mehr Gehalt in sich schlösse.
Die Frau als das zur Liebe und Empfängnis bestimmte Geschöpf menschlich
und geistig isoliert, in sozialer Unfruchtbarkeit und egoistischer
Verpersönlichung ihres tieferen Schicksals, ihrer schönen anonymen
Wirkung (wie vieles verdankt doch ihrer Teilnahme der Ruhm unserer
großen Künstler), ja, ihres Lebensmythos beraubt zu sehen, gewährt ein
trauriges Bild weitgreifenden Mißverständnisses. Ich spreche natürlich
nicht von der Schauspielerin, der Sängerin, von rezeptiven Künsten;
diese harmonieren, solange nicht ein literarischer Einschlag durch
übertreibenden Ehrgeiz und individuelle Zwecksetzung stattfindet, sehr
wohl mit der weiblichen Seele, mit ihrer geistigen Wandlungsfähigkeit,
Anschmiegung des Gefühls und Poetisierung der Realität. Die Tänzerin,
die lediglich ihren Körper zur Kunstäußerung verwendet, bietet
vielleicht das edelste Bild weiblicher Genialität. Nur wo das
Schöpferische vorgetäuscht wird, zeigt sich die Frau (mit Ausnahme von
zwei oder drei Fällen innerhalb der ganzen Geistesgeschichte) sogleich
als Literat schlechthin. Die Natur läßt sich nicht betrügen; auch die
Menschheit nicht; nur die Menschen lassen sich betrügen. Sie tun, als
glaubten sie, auch wo ihr Inneres unbeteiligt ist; sie nehmen das
Wunderliche für das Wunder, den Notbehelf für das Notwendige, das
Phantom für das Phänomen. Die Frau als Literat braucht sich nicht mehr
zu verraten; es ist nichts zu verraten; es ist alles von einfachster
Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und Durchschaubarkeit. Wir erblicken
einen tüchtigen, emsigen, klugen und nachdenklichen Arbeiter, dem weder
Wort, noch Rhythmus, noch Idee zur Maske werden können und der den
Schmerz der Einsamkeit nur gemütisch ahnt, nicht geistig steigert und
auflöst; keine tragische, sondern nur eine charakterisierte und
zufällige Gestalt.