Es ist das Wesen des Apostels, völlig hingegeben einer Idee zu dienen.
Das Wesen des Literaten ist es, sich selbst unterworfen zu sein. Der
Literat als Apostel: das wäre also der Widerspruch kat exochen, das
Paradox an sich, denn wie könnte man einer Idee dienen, wenn man nur der
eigenen Person dient? Wie könnte einer, dessen Schicksal es ist, vom
Mythos getrennt zu sein, sich berufen glauben, den Mythos zu erzeugen?
Dieser Widerspruch löst sich nur in einer einzigen Weise: indem er seine
eigene Person zur Idee erhebt, in der er darauf ausgeht, aus sich selbst
einen Mythos zu machen, aus seinem stabilierten Ich; nicht aus
Anschauung und Erlebnis der Welt, nicht hingegeben, sondern verlangend,
wollend und in der Bezauberung des Willens.
Der Literat als Apostel ist der fanatisch auf das Künstlertum gerichtete
Mensch. Genuß des Lebens, verweilende Ruhe sind ihm unbekannt. Man
könnte glauben, es sei der Ehrgeiz, der ihn befeuert, der Erfolg, der
ihn lockt, die Macht, die ihn reizt, und es ist wahr, etwas von alledem
gibt seinem Streben den Flug und die Ausdauer, seinem Geist die
Elastizität. Doch laßt seiner Ruhmsucht so viel Genüge geschehen, als
sie überhaupt begehrt, laßt seinen Namen an der Spitze von allen
stehen, laßt ihn den Einfluß eines Herrschers und den Reichtum eines
Großbankiers haben, – es ist ihm zu wenig; er kann es wünschen, glühend
darnach eifern, doch den Besitz solcher Güter spürt er kaum. Er ist ein
Besessener, ein von der Kunst Behexter. Es ist ihm nicht darum zu tun,
das Leben zu genießen. Sich selbst will er genießen, sich selbst
ausschöpfen, sich selbst in allen Menschen und Dingen erkennen, und das
ganze All, Gott und die Kreaturen, ist ihm eigentlich nur sein vielfach
zerteiltes Ich, gesehen durch das Medium Kunst, zu sammeln und zu
gestalten ihm anbefohlen durch das Idol Kunst.
Der schöpferische Mensch ist von einer wunderbaren Bescheidenheit
durchdrungen. Immer bleibt er gleichsam Bürger der Welt; er findet sich
eingeordnet, nie bevorrechtet; gesteht man ihm höhere Rechte zu, so wird
er schon an sich zu zweifeln beginnen. Er hat das feinste Ohr für die
Musik des Lobes und setzt dem geringsten Zuviel seine Verachtung
entgegen. Er ist gelassenen Gemüts, weise und gehorsam, sich selbst
gehörig und der Welt und der Gottheit dienstbar, sein Künstlertum
wahrend, keineswegs aber es als Schild benutzend oder gar als Postament.
Vielleicht ist es der Mythos, der ihn so bescheiden macht, so
stolz-bescheiden, ähnlich wie der Abkömmling eines alten Geschlechts
stolz-bescheiden ist, indem er seine Fähigkeiten und das Vermögen zu
repräsentieren nicht allein seiner losgelösten Person zuschreibt,
sondern es der Kette der Ahnen mitverdanken will. So auch der
schöpferische Mensch. Es wirken in ihm Kräfte von oben, von den Toten
her, von der Erde, vom Volke her.
Ganz anders der Literat als Apostel. Er ist der Rebell wider alle
Ordnung, es sei denn, die Ordnung habe keinen andern Bezug als auf ihn.
Ihm ist alles erlaubt, nicht weil er wie der Psycholog alles erklären
kann, sondern weil er es ist, durch den die Dinge und Einrichtungen
sind. Insoferne verhält er sich zum Psychologen wie ein Gesetzgeber zu
einem Winkeladvokaten. Ihm ist Lobes nie genug, obwohl er Lob verachtet;
es gibt keinen Beifall, der ihn beschämte, keinen Tadel, der ihm anderes
wäre als die Frechheit des Neides oder der Dünkel des Unverstands. Er
ist ausschweifenden Gemüts; seine Nerven sind der höchsten Schwingungen,
der tiefsten Ermattungen fähig, und die Menschen sind ihm nichts als
Futter; Futter für seinen Ruhm, seine Zwecke, seine Kunst. Er ist ein
Menschenjäger, ein Menschenfresser, keines Freundes Freund, kein
Geliebter, kein Gatte, kein Vater, nur Künstler. Ist der Literat als
Schöngeist der Schauspieler seiner selbst, so ist der Literat als
Apostel der Priester seiner selbst.
Beachten wir jedoch, daß er ein großer Künstler ist und sein Werk von
hohem Belang, daß er unter Umständen ganzen Zeitabschnitten die
geistige Prägung verleiht, und es wäre zu fragen, ob dies nicht
Entschädigung genug sei für das Übermaß und die Selbstintronisation.
Da ist denn zu erwidern, daß unsere Zeit ohnehin geneigt ist, sich mehr
an den Wirkenden als an das Werk zu wenden. Dem genialen Individuum ist
eine unbegrenzte Machtbefugnis fast von vornherein zugestanden. Die
Leistung, das ist die Person; der Effekt, das ist die Person; Glorie,
Dankbarkeit und Enthusiasmus knüpfen sich an die Person. Die Person ist
schon Partei, wo das Werk kaum noch die Geister erweckt hat; sie
gebietet den Unschlüssigen, schüchtert die Zweifler ein und bricht den
Widerstand der Stumpfen. Wohlgemerkt aber nicht die reale Person, nicht
der handelnde Mensch an sich; dieser hat wenig Spielraum, ist
eingezwängt in ein verwickeltes gesellschaftliches Gewebe, ein
engmaschiges Netz von Pflichten und Gesetzen und führt meist ein
privates, kleines Leben voller Hemmungen. Will er derjenige sein, als
der er gilt, so muß er den Kreis seines Wirkens durch die Fackel seines
Namens erleuchten, er muß das Zeugnis seiner Leistung vorweisen können.
Dann allerdings wird ihm die Ehrfurcht gezollt, deren die Kunst, als
Idee, sonst völlig verlustig geht.
Man kann also sagen: Die reale Person wirkt erst durch das Medium der
Werke, die fiktive durch das Medium des Künstlers, was natürlich das
Verkehrte ist. Es liegt darin nichts Religiöses und Verwandelndes mehr,
sondern Aberglauben und Götzendienst. In einer religiösen,
mythisch-bewegten, sachlich, nicht individuell fixierten Zeit trennen
sich Schöpfer und Gestalt überhaupt nicht voneinander, führen nicht ein
von der Gemeinschaft der Menschen losgelöstes Dasein, der Schöpfer als
Literat, als »Schriftsteller«, die Gestalt im Buch oder höchstens als
ästhetische Metapher im Leben; nein, der Schöpfer, in seiner
Bescheidenheit, bleibt Teil der Gemeinschaft, und seine Gestalten
umgeben ihn wie Glieder einer Familie den Patriarchen; sie allein sind
die Träger seines Namens, nicht aber die literarische Idee, die er von
ihnen abstrahiert.
Der große Künstler wird in seinem Persönlichkeitsbewußtsein leicht einem
Übermaß verfallen, da er es immer dort gefährdet findet, wo er von
seiner Gestaltenwelt gelöst auftritt, also in seiner privaten Existenz,
oder in seiner öffentlichen, wenn er keine Harmonie spürt zwischen
künstlerischer und persönlicher Wirkung, und die kann er nur selten
spüren bei der Zerstücktheit, Unverläßlichkeit und Zufälligkeit aller
Wirkungen. Es erscheint ihm notwendig, sich zu steigern, sich in Szene
zu setzen, sich geheimnisvoll zu machen, sich zu kommentieren und sich
selbst als Idee vor das Werk zu setzen.
Davon hat die Zeit sich mehr und mehr täuschen lassen und sich gewöhnt,
Persönliches für Sachliches zu nehmen. Gierig greift sie nach
Persönlichem, wo das Sachliche fremd oder spröde ist, und sie tut es
schon deshalb mit instinktiver Vorliebe, weil das Sachliche stets in
irgendeiner Weise menschlich verpflichtet. Von solcher Verpflichtung
will man sich jedoch, wo es angeht, freihalten; man will reden und
urteilen, nicht aber durch handelndes Gefühl anteilvoll verkettet sein.
Nicht umsonst sind wir überschwemmt von Mitteilungen aus dem Privatleben
der Künstler. Nicht umsonst werden Briefe, Tagebücher, Aufzeichnungen,
Skizzen, Fragmente der Neugier verfrüht preisgegeben. Wird der Alkoven
geöffnet und die Werkstatt ausgekehrt, so mag der Wissensdurstige sicher
bisweilen befriedigt, der Forscher belehrt werden, doch vorzüglich wird
nur dem Hang der Gesellschaft nach Sachverschleierung gedient. Das
Göttliche wird beleidigt, indem man den Menschen vergöttert. So ist
z. B. der Mythos Goethe eine Beute der Persönlichkeit Goethe geworden,
und Goethe selbst hat durch einen Subjektivismus, der ihm anstand und
einen Teil seiner Genialität ausmachte, einen Kult des Redens über die
Dinge, der Meinungsäußerung, der persönlichen Ausholung und Zwecksetzung
und damit eine Armee von Literaten in die Welt gerufen, die sehr wohl
Bescheid wissen über alle Probleme des Lebens, die aber sehr wenig
vermögen, wo es gilt sich einzusetzen, sich hinzugeben, sich, d. h. die
Meinung zu vergessen, um einer Sache zu dienen.
Der Literat als Apostel ist bis zu einem Grad Eroberer, Mensch des
Willens und der Sucht, daß er sogar seinem Werk einen Willen verleiht,
eine Sucht über die Kunst hinaus. Er will es gültiger haben, als es der
Kunst eigen ist zu gelten, und durch die Kraft seines Künstlertums
vermag er es in ungeheurer Weise so zu steigern, daß es dieses Ziel
wirklich zu erreichen scheint. Hier ist eine Schwäche, die mit
erstaunlicher Täuschungsmacht das Schauspiel einer Stärke bietet, um
später freilich, wenn die Gewalt der Persönlichkeit dem Walten des
Schicksals gewichen ist, sich wieder als Schwäche, als Irrtum zu zeigen.
Nur das Göttliche, das Schöpferische hat Bestand; das Menschliche ist
flüchtig, auch Vergötterung ist nur Finsternis. Haben wir es nicht
erlebt, wie die Idee des Gesamtkunstwerks als bizarre Laune eines Genies
in sich zusammenstürzte? Es war etwas anderes und tieferes als bizarre
Laune. Es war das Mißverständnis am Mythos.
Denn es ist klar, daß der Literat als Apostel, da er keine
Selbstlosigkeit besitzt, keinen Mythos aus sich schaffen kann. Auch wo
er äußerlich zum Mythos greift, zu einem Mythos, der mehr Sage ist als
lebendig gebliebene Bildung, und ihn durch Kunst vergegenwärtigt, wird
er nur Allegorie geben, privates Leiden, persönliche Kämpfe, seine
egoistischen, wenn auch großartigen Entfaltungen und Wandlungen in
Umrissen, die vom Mythos nur erborgt sind. So wird auch die Menschheit
bloß den spezifizierten Schmerz darin erkennen; jeder einzelne wird in
diesem Schmerz doppelt allein mit sich sein, aufgereizt zu sich,
verlangend nach sich, behext, berauscht, aber nicht verwandelt, nicht
erlöst.
Dieselbe Herrschsucht, die den modernen großen Künstler dazu verführt,
sein Werk über die Grenzen der Kunst hinauszutreiben, ihm gleichsam,
nach Hamlets Worten, die Bescheidenheit der Natur zu rauben, kann den
Philosophen, sofern er Literat ist, dazu überreden, sich zum Märtyrer
seiner Lehre zu machen. Daß diese Lehre eine lebenverneinende ist,
versteht sich nach allem Dargelegten von selbst; der Literat ist ja
wesensnotwendig ein Pessimist. Nun kann der Pessimismus allerdings in
einem freien System als Gestaltung auftreten, die sternhaft oder
kosmisch existent ist wie ein Kunstwerk; in diesem Fall stellt eben die
schöpferische Kraft des Bildners oder Architekten als lebensbejahendes
Element den Ausgleich her. Wenn aber der Pessimist den Beweisantrag auf
das eigene Ich stellt und durchführt, ist aus dem Symbol ein Wörtliches
geworden; da ist nicht mehr der Dualismus, der den schöpferischen
Menschen in die Mitte von Irdischem und Himmlischem führt, da ist die
Sackgasse, das Persönliche, persönlich Endliche, und das Prinzip und
Gesetz des Schaffens selbst wird verneint.
Der Literat kommt aber nicht von der Psychologie los, von der
theoretischen nicht und von der angewandten nicht. Man möchte sagen, er
nimmt es mit der Wahrheit zu genau, – soweit er Künstler ist, und er
hütet sich, als Mensch, zu wenig vor der Verzerrung. Seine
Unabhängigkeit schenkt ihm keine Freiheit, sein Ichbewußtsein entfernt
ihn von der Liebe; er ist die tragische Figur der modernen Welt und, zum
Apostel berufen, bricht er auf dem höchsten Gipfel seiner
Persönlichkeit, seiner Einsamkeit und seines vergeblichen Gottverlangens
vor dem Unerreichbaren zusammen.