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Der Literat ist der vom Mythos losgelöste produktive Mensch.

Er ist auch der von der Gesellschaft losgelöste Mensch, der einzelne,

innerhalb eines nur durch äußere Gesetze verkitteten Gemeinwesens.

So wie er aber ohne das Vorbild des schöpferischen Menschen nicht zu

denken ist, bleibt er auch in seinem Tun und Lassen, durch sein

Persönlichkeitsbestreben, durch die Notwendigkeit der Spiegelung, durch

das Element des Ehrgeizes und durch das Element des Verrats der

Gesellschaft verbunden.

Der Literat ist vergeßlich. Er ist lieblos, weil er allzusehr in sich

selbst verstrickt ist. Er anerkennt keine Konvention, weil nur seine

eigene Person ihm den Maßstab für die Welt und die Dinge gibt. Dieser

Mangel an Konvention verführt ihn zu einer künstlichen Originalität mit

Hilfe der seltenen Beobachtung, des seltenen Wortes, des seltenen

Rhythmus.

Der Literat ist eitel und sehnsüchtig, eitel selbst, wo er sich

bloßstellt, und sehnsüchtig am meisten dort, wo er sich verliert. Er ist

friedlos, immer nach Veränderung begierig, versteht aber nicht zu

wandern. Sein Verhältnis zu Menschen ist selten dauernd; er stellt die

höchsten Ansprüche von seiner Seite, ohne die billigsten von der andern

Seite zu befriedigen.

Er kontrolliert seine eigenen Handlungen, Gedanken und Gefühle sehr

scharf, ja grausam. Es mangelt ihm an jener Ehrfurcht vor sich selbst,

die den schöpferischen Menschen auszeichnet. Weil er so unbarmherzig und

rücksichtslos gegen sich selbst ist, glaubt er es auch gegen andere sein

zu dürfen, aber er vergißt, daß jenes Wüten gegen die eigene Seele nur

ein Vorwand zum Verrat ist, nicht aber ein Mittel zur Reinigung,

Steigerung und Befreiung. Selbstbeobachtung, Selbstzerfaserung ist ein

Unglück, wie es größer kaum zu denken ist; alle ursprüngliche Kraft des

Glaubens, alle Fähigkeit zur sittlichen Erhebung, zur Umwandlung, geht

daran zugrunde. Auch der religiöse oder der schöpferische Mensch

beobachtet sich selbst, aber er wird sich dabei zum Gleichnis; durch

diese Gleichniswerdung kann er sich korrigieren und bescheiden.

Nicht ohne tiefen Grund findet sich eine so große Zahl von Literaten

unter den Juden. In der Existenz des Juden gibt sich die schärfste

Gegensätzlichkeit geistiger und seelischer Eigenschaften kund. Er ist

entweder der gottloseste oder der gotterfüllteste aller Menschen; er ist

entweder wahrhaft sozial, sei es in veralteten, leblosen Formen, sei es

in neuen, utopischen, das Alte zerstörenden, oder er will in

anarchischer Einsamkeit nur sich selber suchen. Entweder ist er ein

Fanatiker oder ein Gleichgültiger, entweder ein Söldner oder ein

Prophet. Das Schicksal der Nation, ihre Vereinzelung unter fremden

Nationen, ihre ungeheuren wirtschaftlichen und geistigen Anstrengungen

im Kampf gegen die widrigsten Umstände, der fortwährende Zustand der

Abwehr, der Selbstbehauptung, das plötzliche Erwachen am Morgen eines

Kulturtags, das leidenschaftliche Ergreifen der Hilfsmittel und Waffen

dieser Kultur und die darauf erfolgte gewaltsame Unterdrückung und

Zerschneidung der Tradition, all das hat die Juden als ganzes Volk zu

einer Art von Literatenrolle vorbestimmt. Wo sich hingegen der einzelne

wieder des großen Zusammenhangs bewußt wird, wo er im Schoß der

Geschichte, der Überlieferung ruht, wo urewige Symbole ihn tragen,

urewige Blutströme ihm Adelsbewußtsein verleihen und zugleich alles

Errungene und Erworbene organisch damit verschmilzt, da mag er wohl den

Weg zu Göttlichem leichter als andere finden. Der Jude als Europäer, als

Kosmopolit ist ein Literat; der Jude als Orientale, nicht im

ethnographischen, sondern im mythischen Sinne, als welcher die

_verwandelnde Kraft_ zur Gegenwart schon zur Bedingung macht, kann

Schöpfer sein.

Alle Berufe und alle Stände haben ihre Literaten. Man kann den Satz

aufstellen: Jeder Fachmann ist ein Literat, jeder Laie trägt noch etwas

von Mythos in sich. Denn alles Fachwesen und Spezialistentum ist nur ein

Merkmal des großen Individualisierungsprozesses der Zeit. Vertiefung

zwingt zur Absonderung, die Fülle zur Arbeitsteilung. Das ist gut und

unerläßlich. Nun ereignet sich aber das Seltsame, daß gerade bei dieser,

die Selbstbescheidung gebieterisch fordernden Tätigkeit der einzelne die

argwöhnische Wachsamkeit des Psychologen, die Herrschsucht des Tribuns

bekundet, daß er sich von allem, was nicht sein Fach betrifft, in

trotziger und gleichgültiger Entfernung hält und ein Leben außerhalb des

Fachs oft kaum mehr kennt. Der Literat ist der geborene Zünftler.

Laien geben einem Literaten bisweilen den Rat, er möge, um in seinem

Erwerb nicht ausschließlich auf die Kunst angewiesen zu sein, daneben

ein Amt oder einen Brotberuf wählen. Das ist geradeso, als wollte man

einen ärztlichen Spezialisten dazu überreden, nebenbei die Tischlerei zu

betreiben, weil er zu wenig Patienten hat. Mit Recht würde er antworten:

Mein Fach fordert den Menschen ganz und gar, meine ganze Zeit, meine

ganze Anstrengung und alle Gedanken. Der Literat ist eben nur Literat,

er kann nichts anderes sein. Der Vorschlag des Laien ist freilich in

jedem Sinne töricht. Amt und Brotberuf taugen bloß dem Dilettanten; je

innerlicher sein Verhältnis zur Kunst ist, je mehr muß er unter

abziehender Beschäftigung leiden. Dem schöpferischen Menschen wird sie

vollends zur Qual; auch ihn fordert seine Sache ganz, wenn schon in

anderer Weise, nicht weil er Literat ist, der erobern will und muß,

sondern weil er Mensch ist, weil Mythos und Menschheit von ihm

verlangen, daß er sich unbedingt und ohne Vorbehalt hingebe. Erwerb oder

Nichterwerb irdischer Güter kommt dabei in höherem Betracht nicht mehr

in Frage; schlimm genug, wenn es in niederem Betracht zu erwägen ist.

Indessen gehört die nackte und aufrichtige Gegenüberstellung der

ökonomischen und der geistigen Mächte zum Bild unserer Epoche. Kapital

will Leistung; Leistung will Nutznießung, Arbeitskraft und Lebensgefühl

steigern sich wechselseitig; Erfolg, Bestätigung und Lohn sind dem

einzelnen rascher und reichlicher zugemessen als je, und wenn auch der

Lockung oft nur gefolgt wird, weil eine Erfüllung so nahe scheint, der

Ruf nur deshalb so viele Hörer findet, weil in ihm die Befriedigung

ausschweifender Ansprüche verheißen wird, so kann doch kaum eine Prämie

ausbezahlt werden ohne den vollen, ja leidenschaftlichen Einsatz von

Tüchtigkeit und Intensität.

Diese Leidenschaft, dieser Schwung, der unermüdliche Wetteifer, sie sind

vielleicht Zeichen für die Heraufkunft einer größeren Zeit; schüchterne

Zeichen, weil sie noch ganz am Persönlichen und Egoistischen haften.

Aber wie Eisenteile im Feuer des Hochofens zusammengeschmolzen werden,

so kann die Zerstücktheit und die Zersplitterung einer individualistischen

Gesellschaft durch einen alle Glieder ergreifenden, stetigen Strom von

Leidenschaft, gleichviel wo er entspringt, zu organischer Einheit

verwandelt werden. Leidenschaft ist ja die erste und letzte

Lebensgewalt; in ihr vereinen sich Element und Wille; sie kann eine

unproduktive Ordnung zum Chaos führen, aber aus dem Chaos wieder eine

neue Welt erzeugen, Sammlung aus der Diaspora. Dann mag sich ein Weg

auftun zum Mythos und zu Gott.

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 19 / 106 题