Er ist ein Kind des Reichtums, oder wenn nicht dies, so versteht er es
doch, sich die gemeinen Sorgen vom Leibe zu halten. Nicht als ob er ein
bequemer Herr wäre; er ist im Gegenteil gar nicht bequem, er hat nur
einen leidenschaftlichen Hang zur Bequemlichkeit, der ihm oft das Leben
so unbequem wie möglich macht. Schon das bloße Nachdenken, geschweige
denn die Beflissenheit, Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen, die
einem gewöhnlichen Menschen keinerlei Kopfzerbrechen verursachen, stürzt
ihn in Qualen und aufreibende Arbeit. Bis er dazukommt, den eigentlichen
Zwecken zu dienen, ist die Hälfte seiner Seelenkraft schon aufgebraucht.
Seine Neigungen sind luxuriös in jedem Sinn. Er liebt die Fülle, die
Seltenheit, die Kostbarkeit; er liebt die Dinge dinglich, mit wahrer
Freude am Gegenstand, doch nur seltene und kostbare Dinge, oder solche,
die schon gleichsam eine Metapher bilden oder enthalten. Am Häufigen und
Niedrigen das Charakteristische zu schätzen, dazu fehlt ihm die Lust, ja
die Möglichkeit, weil er sich zu weit nach der andern Seite entfernt
hat. Da aber das Leben mehr aus Häufigem und Niedrigem besteht als aus
Seltenem und Kostbarem, so ist er kein Beobachter des Lebens, sondern
ein Beschauer. Trotzdem hat er keine Beschaulichkeit, denn er hat keine
Naivität.
Man muß seine Bildung als profund bezeichnen und seinen Geschmack als
über jeden Zweifel erhaben. Dies läßt auf große Ausdauer schließen, auf
einen sicheren Blick und ein präzis abwägendes Urteil. Eine derartige
Vereinigung von Bildung und Geschmack kann ferner nicht ohne ernsthafte
Selbstzucht erreicht werden; ist sie noch dazu einem Temperament
abgerungen, das zu Exzessen veranlagt ist, so entsteht eine geistige
Kultur edelster Kategorie, in welcher der Begriff Vornehmheit zu tiefer
Bedeutung gelangt.
Warum ist aber der schöpferische Mensch nicht in derselben Bedeutung
vornehm? Weil er mit dem Niedrigen und Häufigen des Lebens ebenso
verbunden ist wie mit dem Seltenen und Kostbaren; weil sein Wesen nicht
darauf gerichtet ist, sich zu distanzieren, sondern sich zu
identifizieren; weil er nicht Beschauer ist, sondern Mitlebender, nein,
im Innern der Dinge und der Kreaturen Lebender.
Wenn der schöpferische Mensch in sich selbst sein Werk objektiviert, so
distanziert es der Literat als Schöngeist. Das Mittel zur Distanz
verleiht ihm die Form, der Stil. So ausnahmshaft seine Person ist, so
ausnahmshaft ist sein Stil, durchaus das Niedrige und Häufige meidend,
durchaus das Unterscheidende suchend und unterschieden bis zum
Gesuchten. Keine Figur, keine Bewegung, keine Schilderung, kein Gefühl
besteht durch sich selbst, schmucklos, sachlich, eigenkräftig, sondern
sie werden durch den Stil hervorgebracht, anscheinend geläutert, in
Wirklichkeit getrübt. Denn dieser »Stil« ist nicht von der Hand und vom
Willen gelöst; er zwingt immer zur Aufnahme und Betrachtung eines
persönlichen Elements und verhindert, daß man sich hingibt und daß man
glaubt. Man glaubt nicht an den Schauspieler, der verstehen läßt, daß er
eine exquisite Rolle spielt, und der Literat als Schöngeist ist ein
solcher Schauspieler, ein Schauspieler, der sich nicht opfern und
vergessen kann, weil er vor dem Spiegel spielt statt vor Gott, der
Schauspieler seiner selbst.
Er kann ohne den Stil nicht denken, nicht träumen, nicht gestalten.
Seine Phantasie ist nicht wortgebunden. Im Wort ist er frei, durch
Bildung und Wissen sowohl wie durch einen imperatorischen Zug seines
Geistes, vermöge dessen er alles Detail der Erscheinung sammelt und
sublimiert. Aber rhythmisch gebunden ist seine Phantasie, in Schwingung,
Ton, Melodik, Absetzung und Steigerung so gebunden, daß die
Beschäftigung damit, die vorbereitende wie die ausführende, die ganze
Atmosphäre des Lebens füllt und das Leben selbst gewissermaßen zu einem
prädestinierten Verlauf zwingt. Das Formhafte wird ein Gesetzmäßiges,
und die Folge davon ist, daß das Ethische ein Zufälliges wird, zumindest
in Abhängigkeit gerät. Äußerlich wie innerlich findet beständig eine
Verdrängung der Hauptwerte, eine Verschiebung des Substantivischen
hinter das Attributivische statt, woraus sich ein ungesundes und
unklares Verhältnis zwischen der Anschauung und dem Bild, der sinnlichen
Wahrheit und der Metapher ergibt. Bild und Gleichnis werden isolierte
Faktoren, die sich eigenwillig aufdrängen; der Weg von der Anschauung
zum Bild ist oft so weit, daß der natürliche Wärmezufluß versickert und
an dessen Stelle eine künstliche Glut tritt, Überhitzung des Ausdrucks,
Überladung des Gehalts, Verzerrung der Form. Die beleidigte Ökonomie
läßt keine echte Schönheit mehr aufkommen; wir gewahren entweder ein
kaltes Gebilde, Ohr- oder Augenweide, aber im Grunde entseelt, oder
eines, das uns wie in willenlosem Trotz gegen die Überwucherung der
Metapher durch einen vergewaltigenden Subjektivismus ernüchtert und
zweckbewußt macht.
Denn es ist nicht die Leidenschaft, die mich verwandelt, sondern die
Verwandlungen der Leidenschaft verwandeln mich mit, also letzten Endes
ein Moralisches. Auf dieses Moralische muß der Literat als Schöngeist
verzichten. Er scheint es zu verschmähen, aber er muß darauf verzichten,
weil er sich nicht verwandeln kann, weil er, wie der Psycholog und wie
der Tribun, an seine Person geschmiedet ist, weil auch er nur den Weg
hat, obschon es ein anderer Weg ist, und weil er am Ziel stets bei sich
selbst anlangt. _Er kann sich nicht verraten_; er steht zu fern. Das
Moralische beschwert sein Gewissen nicht mehr, er leidet nicht
darunter, es kommt nicht mehr in Frage für ihn. Er spielt. Seine Gebilde
können leicht und schwebend sein wie Seifenblasen, sie können schwer
oder flammend sein, aber sie werden niemals jene unbedingte
Eigenlebigkeit zeigen, die dem Werke des schöpferischen Menschen
innewohnt, sie bleiben an seine Person gebunden und haben gleichwohl
nicht das Höchst-Persönliche, das erst aus dem Mythischen strömt und das
daher identisch mit höchster Sachlichkeit ist. Insofern ist sein
Schaffen Spiel: weil es nicht höchste Sachlichkeit ist. Da gibt es nur
ein Entweder – Oder.
Er mag Gemüt besitzen, doch ist es wie ein Fluch: während er seine Werke
hervorbringt, vielleicht schon in der Konzeption, verzehrt der Rhythmus
einen Teil der ursprünglichen Empfindung. Der Rhythmus herrscht; die
Einfachheit läßt ihn erlahmen, erst im Komplizierten und
Beziehungsvollen kann er sich entfalten, es sei denn, daß er das
Einfache so weit distanziert, daß es schon wieder metaphorisch wird, als
Stilisierung verblaßt, als Arabeske sich verkrümmt. Niemand kennt besser
denn der Literat als Schöngeist die ewig gültigen Werte schöpferischer
Kunst. Daß er sich an ihnen mißt, daß er immer wieder wähnt, nicht nur
mit ihnen wetteifern, sondern, wenn günstige Zufälle zusammentreffen,
sie auch erzeugen zu können, daß er sich darüber täuscht und doch
wieder, vermöge seines präzisen Urteils, die Täuschung nicht aufrecht
erhalten kann, das ist sein tiefstes Leiden. Schon dieses Leidens wegen
ist er kein Epigone zu heißen; er ist weit mehr, er ist Prätendent, der
niemals gekrönt wird, der zweitgeborene Bruder, und er versteht oft mehr
vom Regieren und von der Verwaltung als der Regent, der Erstgeborene.
Möglich, daß er aus diesem Grund etwas von einem unruhigen Diplomaten
hat. Er muß immer ein wenig Politik treiben, um Proselyten zu machen.
Denn man wehrt sich gegen ihn; die Wahrheit ist in den Menschen wie das
Herz, sie wird nur verschleiert durch die Geschäfte des Lebens und durch
unreine Zwecke abgelenkt. Aber auch aus Liebe zur Schönheit wird er zum
Politiker, da er den Rhythmus, von dem er beseelt ist, in seiner
täglichen Existenz gleichfalls nicht missen will. Er meidet dich heute,
wie er dich gestern gesucht hat, denn heute störst du seinen Rhythmus,
wie du ihn gestern beschwingt hast. Der Rhythmus macht ihn treulos und
tyrannisch, liebenswürdig oder widerspenstig. Je unfruchtbarer er als
Künstler ist, je mehr Kunst verwendet er auf sein Leben, d. h. darauf,
den Rhythmus in seine tägliche Existenz zu bringen, wobei dann ein ganz
verwickelter Umweg zum Leiden entsteht, über die Kunst und über das
Leben hin, fern von Gott und fern von den Menschen, so daß die Schönheit
als Surrogat des Göttlichen zum Wahn- und Schattenbild wird und das
Leben eine von falschen Zwecken erfüllte kalte und unglückselige
Einsamkeit. In solcher Einsamkeit gestalten wollen heißt im luftleeren
Raum Lieder singen wollen.
So wird der Literat als Schöngeist zum Sklaven der Zeit, indem er ihren
Rhythmus packt und ihre Seele nicht findet und zerrieben wird im Gefühl
einer ihm unbegreiflichen Ohnmacht; oder er ist ein Verbannter der mit
unlebendigen und eigenwilligen Formen sich für sozial und seelisch
fördernde scheinbar tröstet.