Er stammt zumeist aus kleinen Verhältnissen und kennt die Not, die
leibliche wie die geistige. Zwei Dinge haben ihn emporgehoben: sein
Ehrgeiz und das Wort. Sein Ehrgeiz war anfangs nur äußerlich, er zielte
auf die Verbesserung der sozialen Stellung, wurde aber später durch
geistige Zuströme sowohl veredelt wie von der Richtung abgelenkt, denn
der Dienst am Wort ist ein Frondienst, der jeden Lebensgenuß zerstört.
So spielt dieser Ehrgeiz mit dem, der ihn hegt, wie ein Irrlicht mit dem
Wanderer.
Die an die Zwecke gebundene Seele kann den Geist nicht beschwingen, aber
sie gibt ihm die vehemente Stoßkraft des von eingepreßtem Dampf
getriebenen Hebels.
Der Literat als Tribun ist der Psycholog des Tatsächlichen; er ist
Erklärer und Propagandist; Bannerträger alles Neuen; Beobachter, der
unfehlbare Schlüsse zieht; Alchimist der Überraschungen und Moralist der
Nutzanwendung; Übertreiber des Absurden, Verzerrer des Trivialen,
Widersacher des Selbstverständlichen; Leugner des Seltenen, wo Seltenes
anerkannt, und Verkündiger des Genius bis zu der Stunde, wo der Genius
sich ganz entfaltet. Er ist der Meister der Anpassung, der Aufwiegler
der Stumpfen, die Polizei der Rebellen, Brandstifter und Arzt; er ist
vieles in vielem, alles in allem. Er steht, auf den Augenblick
angewiesen, zwischen zwei Tagen, ohne des vorhergehenden zu denken, ohne
den gegenwärtigen halten zu können, ohne vom folgenden zu wissen. Er ist
wie der Kapitän eines Passagierdampfers; bei jeder Fahrt sind andere
Menschen um ihn, niemals gleichgestimmte, nie vorbereitete, nie solche,
die sich seiner Leistung von der letzten Fahrt her erinnern; er muß alle
Voraussetzungen seines Tuns und seiner Kräfte jedesmal von neuem
exponieren. Der Wechsel der Passagiere vollzieht sich unter beständigem
Bruch geschaffener Bündnisse und Übereinkünfte, beständiger Veränderung
der Formen und Normen.
Was er mitbringt, ist seine Person; dieser erinnert man sich wohl. Im
Grund ist es der Name, der Gewicht und Klang hat, der eine Luft des
Schreckens, des Befehls, der Autorität, der Leidenschaft um sich trägt.
Die Leistung wird dem Namen zugewogen, die Person schreitet über die
Leistung hinweg.
Wer ist unglücklicher als er? Vertrauen erzwingen, Anerkennung,
Billigung und Freundschaft mit Aufwand aller Mittel des Geistes erobern,
um alles wieder zu verlieren, wenn der Tag sich wendet. Immer wie am
Anfang muß er seine Person einsetzen und bloßstellen, immer mit dem
ganzen Elan oder, was nicht minder aufreibend ist, mit der Gebärde des
ganzen Elans. Hätte er nicht die Gebärde, so würde er ausgeplündert,
ausgeschlürft und ausgeleert, da die Vielfältigkeit der Aufgaben, die
ihm gestellt werden, und die Zerstreutheit der Interessen, die zu
sammeln, zu befriedigen, zu beschäftigen seine wichtigste Mission ist,
ihn nötigen, alles was er empfängt, sogleich wieder zu veräußern. Der
schöpferische Mensch verarmt nicht, ihn nähren tiefe Wurzeln; seine
wirkliche Persönlichkeit wird genährt von seiner mythisch-fiktiven. Auch
seine Einsamkeit ist nur fiktiv, denn er hat die Gestalt, die ihm
verbunden ist, auch wenn kein Ohr ihn hörte, kein Auge ihn sähe. Die
Realität ist nur ein Gleichnis für ihn; er schafft ja die Welt zum
zweitenmal.
Demgegenüber ist der Literat als Tribun der einsamste von allen
Menschen, ganz an sich geschmiedet, ganz gelöst von der Welt. Was ihn
schützt und tröstet, ihn unermüdlich, gewissermaßen verblendet macht,
was seinen Ehrgeiz in Glut erhält, ist das Wort. Er hat eine angeborene
Liebe zum Wort, und es wäre verwunderlich, wenn er sich bisweilen nicht
für einen Dichter hielte. Das Wort ist sein Gefährte, er geht mit ihm um
wie mit einem Freund, er tändelt mit ihm wie mit einem Kind, er betreut
es wie eine Geliebte und ist von der Macht des Wortes bis ins Innerste
durchdrungen. Ist er von Natur feige, so wird er durch das Wort tapfer,
ja tollkühn; hinter dem Wort verschanzt er sich, verbirgt er seine
Armut, seine Zweifel, seinen Neid, seine Unsicherheit. Das Wort gibt
ihm Charakter, steigert seinen Willen, korrigiert und verdeckt seine
Irrtümer und verleiht ihm genau die Gestalt, die er vorzustellen
wünscht. So wird er undurchdringlich mit Hilfe des Worts, als ob das
Wort ein Panzer wäre; unsichtbar und unauffindbar hinter dem Wort, ein
wunderliches Widerspiel zum schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist
hinter der Gestalt. Aber Worte schaffen nicht die Gestalt, nur
Handlungen, Bewegungen (des Körpers oder der Seele). Dann sind Worte von
ganz anderem Valeur, ja, ganz andere Organismen, Gedeutetes, nicht
Gesagtes. Das Wort als solches verhüllt die Gestalt und macht sie
unsichtbar.
In einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der ungeheuren Fülle der Dinge,
der Gesichte, der Vorgänge, der Meinungen, des Wissenswürdigen, des
Neuen, des schnellen Austausches der Werte, der enormen Vergrößerung
geistigen Bestandes bei erschreckender Haltlosigkeit des Besitzes ist
der Literat als Tribun unentbehrlich. Er ist es, der wägt, der urteilt,
der vermittelt, der die Großmünze der geistigen Regierungen in die
Kleinmünze des Verkehrs umsetzt, der Bildung verbreitet, Kenntnisse
weckt, Einsichten fördert und in allen Angelegenheiten des öffentlichen
Lebens höchste und letzte Instanz ist.
Das wäre nun eine sehr segensreiche Tätigkeit mit heilsamen Wirkungen,
müßte man glauben. Man müßte glauben, daß eine so stetige und heftige
Teilnahme am allgemeinen Wohl, an Kunst und Kultur, an seelischem
Wachstum und geistigem Fortschritt ohne Selbstlosigkeit, ohne Opfersinn
und ohne wahre Sachlichkeit nicht denkbar sei. Sehen wir näher zu.
Kann von Opfersinn die Rede sein, wo ein Lohn, auch nur der
allergeringste Lohn in Aussicht steht? Kann von Selbstlosigkeit die Rede
sein, wo eine Handlung dazu dient, den Glanz eines Namens zu erhöhen? Es
mag einer mit wahrer Leidenschaft eine Sache führen, und er besitzt doch
nicht die wahre Sachlichkeit, sobald es unter dem Schutz seiner Person
und unter dem Schild seines Namens geschieht. Opfersinn und
Selbstlosigkeit, das wäre Auflösung der Anonymität, – rein betrachtet,
meine ich, denn ich will ja keine Kompromisse mit den Begriffen und mit
den Erscheinungen schließen. Daß die Anonymität des Tribuns ja zuweilen
sogar seiner Ehre schaden kann und muß, gehört auf ein anderes Feld; es
ist dies ein bedeutsames Kulturzeichen, welches die Kultur, nicht _das_
anklagt, was ich unter Anonymität verstehe.
Was aber verlangst du? hält man mir dawider. Ist der Opfersinn, die
Selbstlosigkeit, die Sachlichkeit unzureichend, die der Literat als
Tribun in seinem edelsten Typus darstellt, was wäre dann zureichend? Was
geschähe ohne ihn? Wer würde seine Arbeit verrichten, die, wie gesagt,
unentbehrlich ist, schon weil sie der Gewohnheit und den eingefleischten
Neigungen entspricht? Vielleicht diejenigen, die der Auflösung und der
Anonymität fähig sind? Die wirken durch die Tat, durch die Gestalt,
nicht durch das Wort. Ist jedoch der schöpferische Mensch anonym? Er
erreicht einen gleichwertigen Zustand durch den Mythos, in dem er
entschwindet wie Zeus in der Wolke. Wo läge aber der Mythos für den
Literaten als Tribun? Er kann ihn nicht haben, denn das Wort ist das dem
Mythos schlankweg Entgegengesetzte.
Dafür wäre also abermals die Zeit zu beschuldigen, die eine Kultur
geschaffen hat aus einer Summe von Einzelkulturen, die auf den
Individualismus schwört und in ihren subtilsten Regungen, in ihren
ahnungsvollsten Stunden noch, sie weiß kaum wie sehr, der Materie
huldigt. Die Person, das ist eben die Materie in nuce. Man fragt, was
ohne die segensreiche Tätigkeit geschehen würde, die der Literat als
Tribun entfaltet. Die Wege der Bildung würden veröden; gewiß. Aber ist
es nicht schon genug der Bildung, die nur auf eine Vervollkommnung des
Persönlichen, persönlicher Macht, persönlicher Ausdrucksmöglichkeit,
persönlicher Steigerung zielt? Sollten nicht alle Federn einmal ruhen,
um eine wohltuende Geistesdämmerung eintreten zu lassen, in der die
Seelen einander finden würden, der Streit der Meinungen, die Schlacht
der Worte zum Austrag gelangen könnte? Ich behaupte nicht, daß diese
Bildung nur ein Äußeres sei, sie kann auch ein Inneres sein, Kräftigerin
des Gemüts, Reinigerin des Herzens; aber ein Religiöses ist sie nicht,
niemals wird sie den Menschen zum Mythos führen, ihm die große Fülle,
die große Stille, die große Bescheidung, den großen Zusammenhang
schenken und sein Herz der Trägheit entledigen, die eine Folge der
individuellen Isolierung ist; immer wird sie ihn verpersönlichen, zum
Knecht des Wortes machen, zum Wörtlichen, zum Einzelnen.
Dafür eben ist _das Wort_ ein Merkmal, das Merkmal geradezu. Es hat alle
Gebiete des Denkens und des Gefühls, die Geisteswelt und die Sinnenwelt
erobert. Es ist der nützliche Kolonisator jeder Wildnis und der
voreilige Zerstörer des Geheimnisvollen. Es hat nur kurzen Atem, eine
flüchtige Existenz, aber es hat die Kraft, sich immer wieder aus sich
selbst zu erneuen. Was es berührt, bezeichnet hat, tritt unveräußerlich
in den Bezirk des Gewußten und Bewußten, in den Bannkreis der Meinungen
und Urteile, wird studiert und klassifiziert, ist da und ist fertig wie
Raritäten in einem Museum, wie Naturalien in einer Sammlung, wo sie
aufhören, ein freies, organisches und anonymes Dasein zu führen. Was
gestern noch Ahnung war, heute ist es Gewißheit, morgen ist es ein
Schall. Der Weg vom lebendigen Wort zum Schlagwort entscheidet die Kürze
des Wegs vom Glauben zur Entgötterung, von der Gebundenheit zur
Anarchie. In der Mitte des Wegs schwebt ein Scheinbild von Glauben und
Gesetz; es ist nicht Glauben, es ist Angst, Fatalismus; es ist nicht
Gesetz, es ist Trägheit, Rationalismus – Schranken vor dem Chaos.
Will der Literat als Tribun über das Wort hinaus, so gelangt er in die
Sphäre des Dilettanten oder in die des Psychologen, wobei er Schatten
beschwört, die er für Gestalten nimmt. Aber innerhalb seines Bereichs
ist er unnachahmlich und wird seine Gaben zur Vollendung entwickeln. Da
er in der Luft der Worte lebt, atmet er alle Worte ein, die über den
Dingen schweben, über den Menschen, über der Kunst und über der Natur.
Er vermag sie so zu binden, so zu schleifen, daß sie unter allen
Umständen seinen Charakter und die Farbe seiner Persönlichkeit annehmen.
Dies ist noch nicht Stil; zum Stil gehört Distanz und Ruhe, Bild und
Rhythmus; es ist das Wort in seiner Sinnlichkeit und Nähe, seiner
Einschichtigkeit und Einzelligkeit, das naive, parteinehmende, werbende
und symbollose. Damit es an seinem Platze sei, fehlt ihm die Rede. Dies
enthüllt sein Zwittertum wie auch den Zwiespalt des Literaten als
Tribun. Die Rede fordert Hörende, nicht Neugierige, Wißbegierige, nicht
Gelangweilte, die flüchtig aufhorchen und wieder vergessen, wenn der Tag
sich wendet, deren Teilnahme für Gelesenes nur eine Maske der Müdigkeit
und der Überfütterung, deren Enthusiasmus sogar, weil sie sich dadurch
von einer Verpflichtung loskaufen, nur eine künstliche Form von
Gleichgültigkeit oder sagen wir Objektivität ist; sondern die Rede
fordert eine von gemeinsamem Band vitaler Interessen umschlungene
Gemeinde. Der Literat als Tribun sitzt also, trivial gesagt, zwischen
zwei Stühlen. Zur Rede mangelt ihm die soziale Grundlage, eine
einheitlich beteiligte Gesellschaft; das geschriebene Wort hat ganz
andere Resonnanzen und Ansprüche; an die Stelle des Willens zur Tat
tritt der Ehrgeiz am Wort; er ist zum Schriftsteller geworden, ohne zu
spüren oder zuzugeben, daß dies nur ein Surrogat ist, und über die
Unmöglichkeit einer allgemeinen, politischen, besser: verwandelnden
Wirkung tröstet er sich mit der Anerkennung der Einzelnen, mit dem
Enthusiasmus der Gleichgültigen, mit der Zustimmung der Fachgenossen und
einem Ruhm, der aus Papier besteht.
Eine unausbleibliche Folge des Mangels an Hörenden ist die zunehmende
Zahl derer, die selbst etwas sagen wollen. Es beruht dies auf dem
seltsamen Irrtum der menschlichen Natur, daß sie das geben zu müssen
glaubt, was sie nicht empfängt. Die fortschreitende Individualisierung
wirkt auf den einzelnen verlockend, ein Phantom der Freiheit äfft ihn,
und er tritt selbsttätig aus der Kette, bevor zur Reife gelangt ist, was
durch die stumme Arbeit der Geschlechter vollendet werden muß. Jeder
solche einzelne ist ein »Talent«. Das Talent ist ein Losgelöstes, vom
Mythos Getrenntes, auf eigene Faust Wirkendes. Die Talente sind
Zauberer, nicht Priester in der modernen Welt, Sektierer, nicht
Apostel, und was ihnen die Zeit verdankt, Unterhaltung, Zerstreuung,
Spannung, Anspannung (der die Abspannung wie eine Rache nachgeht), dafür
machen sie sich bezahlt durch eine geistige Tyrannei und eine
Vorherrschaft ihrer spezifischen Art, welche den innerlich Unsichern,
zufällig Erhobenen nicht verleugnen. Das Talent ist wie der Mond; es
zeigt immer nur eine Seite: die literarische; die menschliche ist
unsichtbar, – eine Entzweiung von verhängnisvoller Beschaffenheit, die
irgendwo und -wann zum Bankerott führen muß.
Wie oft sehen wir, daß zugunsten des »Literarischen« das Menschliche
geopfert wird. Wir müssen auf ein Antlitz verzichten, um uns an
Verkleidungen zu ergötzen. Die Kunst trennt sich vom Leben. Nun gibt es
Fälle, wo ein Mann so von einem Erlebnis erfüllt ist, daß er sich
gedrängt fühlt, es darzustellen. Es handelnd auszulösen, ist ihm aus
vielen Gründen versagt, unter welchen der Mangel eines echten
gesellschaftlichen Zusammenschlusses am schwersten wiegt; er greift zur
schriftlichen Mitteilung – als Beichte; zur übertragenen Form des
gestalteten Bildes – als Spiegelung. Mag es Klarheit für ihn,
Aufklärung, Bereicherung für die Freunde, für Gleichfühlende bringen,
Werbung oder Verteidigung sein, es reinigt und entlastet ihn. Anstatt es
aber dabei zu lassen, das Ungewöhnliche, Seltene, jedenfalls Einmalige
als solches zu bekräftigen, indem man die Einmaligkeit nicht zerstört,
anstatt dessen wird der Geist zur Krippe getrieben, und was zuerst
Berufung war, wird Handwerk, dann Routine, dann ekler Absud und
Selbstplagiat. Man ist Schriftsteller, denn man schreibt. Es wird immer
weiter geschrieben, ein Name wird ausgenutzt, eine Tat wird verleugnet,
Freunde werden zu Kostgängern, ehedem Ergriffene zu höflichen Jasagern,
die Seele verarmt in der Gebärde, der Geist stellt sich im Wort bloß,
Erlebnis wird sogleich als Stoff einkassiert, der Stoff hinwiederum
lähmt das Erlebnis, dem Schaffenden wird die Bahn verlegt, den
Genießenden die Unschuld und Freudigkeit getrübt, und es entsteht –
Literatur.
Das Notwendige sinngemäß vollbringen, kennzeichnet den Menschen von
Berufung. Infolge jener Entzweiung wird entweder das Notwendige nicht
sinngemäß, d. h. stilgemäß, angeborener Form entsprechend zum Ausdruck
gelangen, wenn das Menschliche prävaliert, oder das Sinngemäße wird
nicht immer das Notwendige, ganz Legitime, ganz Triebhafte sein, wenn
das Literarische prävaliert. Entweder wird also das Literarische als dem
edleren Dilettantismus verwandt, oder das Menschliche, Sittliche wird
nur wie ein zufälliges Anhängsel erscheinen.
Letzterem Schicksal ist der Literat als Tribun zumeist unterworfen. Von
Anbeginn an ist er der geschworene Feind des Dilettanten, da er
sozusagen auf Vorposten steht, niemals Zeit hat, nach vielen Seiten sich
verkettet findet und, der Öffentlichkeit preisgegeben, eine öffentliche
Person ist, von der man bestimmte Leistungen zu erwarten sich mehr
bemüßigt als gezwungen fühlt. Schon die stete Verantwortung nötigt ihn
zur Gebärde, wenn der Elan verraucht ist, um wieviel mehr erst die
Gewohnheit, das Metier. Das Wort umpanzert ihn, kommandiert ihn, und
wollte er sich auf sein Sittlich-Menschliches beziehen, wo das Wort
gesündigt hat, so fände er die Brücken abgebrochen und den Weg zu weit.
Er muß antworten, beständig antworten, als ob die Welt und das Leben
voll von Fragen wären; sie sind auch voll von Fragen, nur werden sie
nicht an ihn gerichtet, sondern an die Welt und das Leben, und die
Antwort geschieht um der Antwort, nicht um der Fragen willen, das Wort
muß ihm Maske bleiben. _Er darf sich nicht verraten_, niemals und unter
keinen Umständen. Er ist nur treu, solange das Wort ihm treu ist. Er
geht um die Ecke und sieht dich nicht mehr. Dein Gesicht ist ihm nur ein
Wort, und Worte werden vergessen (oder auch behalten), gesehen werden
sie nicht. Er kann nicht träumen, das Wort hängt mit Bleigewicht an den
Flügeln des Traums; er kann nicht genießen, das Wort verpflichtet ihn,
dem Genuß auszuweichen. Er fühlt nicht mit dir, außer mit seinem Ehrgeiz
für deinen Beifall, mit seiner Leistung für deine Schwäche, mit seiner
Virtuosität für deinen Dank. Dahinter steht ein Mensch, gleichsam
kränklich, sehr argwöhnisch, oft sentimental, ohne Vertrauen, ohne
Traditionen, Emporkömmling, Autodidakt, überaus einsam und in
unruhvoller, ja atemloser Tätigkeit.