Die Psychologie des schöpferischen Menschen ist, mit einem Gleichnis aus
der Chemie gesprochen, ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die
Psychologie zur Idee, was ungefähr so viel sagen will, als ließe sich
jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen Kompaß besitzt.
Der Psycholog hält alles für erlaubt, denn er kann alles erklären. Er
hat für jede Tat ein Für und Wider, für keine ein Entweder – Oder.
Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der
Psycholog die Menschheit und sich selbst verrät. Dieser Prozeß des
Verrats ist wichtig genug, um näher betrachtet zu werden.
Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein
isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur.
Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum
schöpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß
seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen
Gefühl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen,
sondern daß sie vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher Strom
des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel vieler, verschiedener,
oft einander entgegengesetzter Strömungen ist, wider die er sich zu
behaupten hat, woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand
der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein
wirklich Kämpfender, nicht bloß wie der Literat als Dilettant einer der
in den hintersten Reihen zuschaut.
Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie
sind unkompliziert geboren. Der schöpferische Mensch ist ebenfalls
unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der
anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene,
derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes
Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewußte Mitwirkung
der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war,
ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer
Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt
mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen von rückwärts und
vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein
Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige
Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen den Kreis der
Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen
sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich
selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich zu verantworten,
er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmäßig, seine
ganze Existenz heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine
innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer
zumute, als ob er verneint würde, er fühlt sich als zufällig, er spürt
keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glühende Verneinung, und
deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und
Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen
Werke dämonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was
er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen Lüge.
So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine
Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr
als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des
Menschen und im Wesen der Kunst begründet, daß sein Werk ein Ganzes, ein
Gebilde von allgemeiner Gültigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen
strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto
enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden stellt sich sein
Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto auffälliger und
schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem
objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je
stärker Talent und Potenz sind, desto mehr verführt ihn die Sprache, das
Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf sich
selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen,
desto mehr verführt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine
Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter,
während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist stets der Sklave
seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schöpferische
Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit,
Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto mehr muß er seine
Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit seiner Sinne dem
Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals das
Göttliche, höchstens das Titanische ist sein Gipfel.
Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste Wachsamkeit kaum zu
denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt.
Wo der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur
Folge, daß er über alle Vorgänge seines Innern und zuletzt über die Art
und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste
unterrichtet ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; in
jedem Augenblick fällt die Entscheidung anders, und er selbst darf die
Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im
Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen;
sich von sich selbst loslösen wollen und doch einsehen müssen, daß man
unlösbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen
rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen
Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das
dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem
Betäubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die
Psychologie.
Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu
halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schöpferischen Menschen
in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die
Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt
eine Wandlung hervor, jedoch diese Fülle von Wandlungen führt keineswegs
zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so
daß es ein Ziel darüber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg,
der schöpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, – auf
dem Weg, und das beständig; der schöpferische Mensch verwandelt sich, –
am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus
dem diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, die nach
seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaßen ist das Verhältnis des
Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, daß die
Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist.
Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, daß das
schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es
mag so erstaunlich wie möglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die
Überwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein
Mensch vor uns entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er sich
selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrät. Dies ist ihm
die Brücke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung.
Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase.
Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat,
er reißt dich in seine Abgründe, begräbt dich in seinen Finsternissen,
schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und
am Eingang steht er, nur er, Pförtner und Totengräber. Der
schöpferische, der handelnde Mensch übernimmt die Leiden der Welt und
reinigt die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine Leiden über die
Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um
dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses »du
bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden Belauerns
konstatiert, bringt etwas wie eine künstliche Sozialität bei ihm hervor,
indes ihm die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist sein
Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich
zu opfern durch den Verrat, und er muß verraten, weil die einzige Form
seiner Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in Stücke zu
reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung und Zertrümmerung die
Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische
Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem
menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles
Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt
und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lösen kann. Er
richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch
nie um Gerechtigkeit.
Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden mag, ist sie
der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur,
der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie
ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das
Wörtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische,
der Weg und nicht das Ziel.
Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, die Gesellschaft
hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja beständig
in Anklagezustand versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt,
beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie das ertragen?
Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, daß er alles
Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (während der
schöpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird
allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von
großer Leidenschaftlichkeit, gegründeter Bewegtheit und seelischer
Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher Einheit zumeist, je
geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene
Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst
zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das Verfahren des
Psychologen – in höherem Betracht – einen Kniff, denn er deckt sich
damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er
einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein
Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit verhindert, die Willkür in den
Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn
man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem er sich als einen
leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und
zugleich darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen zur
Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt.
Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie als
Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in
der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine
analytische Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, nicht mehr
eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, sondern eine Realität an
sich. Sie verpflichtet und verbindet das künstlerische Gebilde der Erde,
verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon
Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares Gesetz, seelische
Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die
Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die
Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst
erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger
als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er
in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschöpfen, er weiß
sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie
ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee das Göttliche
vorstellt, von dem er abgeschnitten ist.
Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische Talent, die in
sich selbst beschlossene Realität zu gestalten, wird nun die Menschheit,
die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, über den begangenen
Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht erst seit gestern.
Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und
sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche
Kerngedanke ist eigentlich die vollständige und freiwillige
Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale
Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: allein dastehen
gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, wird die Menschheit erlöst.
Es konnte bei der Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee
nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, mißverstanden werden
mußte und das Christsein schließlich nur hieß: erlöst werden durch das
Leiden eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das
welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der
sozialen Seite hin nutzbar gemacht.
Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende Idee ist die
der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos
konnte der Kunst nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige Gemüter
den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die
Strenge der Überlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der
Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen
Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken fremd waren. Es konnte
also nur das leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende
Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frömmigkeit
erforderlich war, oder es mußten übernommene Vorstellungskomplexe eine
immer wiederholte Darstellung finden, deren persönliche Beseelung aber
unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive
verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt
ausschließlich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in
Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur
scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am längsten bewahren; die
Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen
der Sprache und des Wortes auf eine stärkere geistige Existenz gestellt.
Dies bedingt einerseits eine größere Kälte, größere Ferne und geringere
Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird aber dadurch jede
Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflösung der
unerläßlichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit
führen würde.
Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger vom Religiösen
befreien, je mehr dies Religiöse seines national-mythischen Gehalts
entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer
staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der
Absonderung, der leben-, form- und freudezerstörenden Individualisierung
zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung
auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelösten, vom Volk
abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus
dem Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen
Mythos beraubt, und dies bedeutet: daß er seinen Mythos selbst
erschaffen mußte, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter
befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres Volkes, der stets
identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese
Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles
Schöpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die
wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe
Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, die jene Genien besaßen, die von
einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon
getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wäre denn sonst das
christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an großen
Dichterpersönlichkeiten? Die wenigen von Rang führten nur ein privates
Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, »Sänger«,
Kostgänger, Mitläufer, nicht Führer, nicht Propheten.
Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es
geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Völker,
der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die
fortschreitende Dezentralisation und die beständige Verschiebung der
Kasten und Klassen beständig wachsende Fülle von Schicksalsmöglichkeiten,
alle diese Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. Kaum
daß noch Familien ein natürliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes
bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon
künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von
Millionen Einzelnen bietet freilich ein großes Schauspiel; es ist nur
die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben
ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert wird.
Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des
nationalen Mythos fehlt, muß er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die
Stelle der lebendigen Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und
statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen
spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein
Geträumtes, sein Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung der
Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhältnis zur Natur, dies
alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schönheit
verwandelt, wird nun für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn
er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen
umgeschmolzen und das Persönliche in ein Göttliches verwandelt hat.
Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus,
eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und
Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe
machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch
bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen
ist und die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, zunächst
wenigstens; später greift dann die Tradition von Bildung, Stil und
Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die
er zugleich bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich
nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und
das Mißverständnis zeugt, nicht das Einverständnis.
In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das
Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer
eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es
gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen,
selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam
auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem
Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls
alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt
tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt,
bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das
andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und
er ist fern von den Menschen – wie der schöpferische Mensch, und fern
von Gott – wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das
Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die
ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten
Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende,
Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von
ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine
Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes
Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten.
Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an
Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten
Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein
Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine
Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht
sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut
sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie,
seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein
Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres,
Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie
ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese.
Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat,
die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der
Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die
an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein
Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten,
eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen,
Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der
tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall
und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die
Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos
ist?
Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück des Darüberstehens ist,
mag er auf den blicken, der geradeswegs für das »Publikum« erschaffen
wurde und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist.
Das ist: