Der Literat als Psycholog

Die Psychologie des schöpferischen Menschen ist, mit einem Gleichnis aus

der Chemie gesprochen, ein Nebenprodukt. Dem Literaten wird die

Psychologie zur Idee, was ungefähr so viel sagen will, als ließe sich

jemand nur darum ein Schiff bauen, weil er einen Kompaß besitzt.

Der Psycholog hält alles für erlaubt, denn er kann alles erklären. Er

hat für jede Tat ein Für und Wider, für keine ein Entweder – Oder.

Der schöpferische Mensch ist Wahrheitszeuge, Blutzeuge, indes der

Psycholog die Menschheit und sich selbst verrät. Dieser Prozeß des

Verrats ist wichtig genug, um näher betrachtet zu werden.

Ebenso wie der Literat als Dilettant ist der Literat als Psycholog ein

isolierter Mensch. Aber er ist die ungleich reichere und tiefere Natur.

Er ist auch die kompliziertere Natur, ja, im Gegensatz zum

schöpferischen, der kompliziert geborene Mensch, das will sagen, daß

seine Eigenschaften, Triebe und Instinkte nicht aus einem einheitlichen

Gefühl, nicht aus einem elementaren Sein und Betrachten erwachsen,

sondern daß sie vielfache Wurzeln haben, daß kein reiner einfacher Strom

des Lebens ihn trägt, sondern daß er ein Spiel vieler, verschiedener,

oft einander entgegengesetzter Strömungen ist, wider die er sich zu

behaupten hat, woraus sich ergibt, daß er sich fortwährend im Zustand

der Abwehr, der Verteidigung und des Kampfes befindet. Er ist ein

wirklich Kämpfender, nicht bloß wie der Literat als Dilettant einer der

in den hintersten Reihen zuschaut.

Der Wilde und das Kind sind schlechthin unkomplizierte Menschen; sie

sind unkompliziert geboren. Der schöpferische Mensch ist ebenfalls

unkompliziert, aber dort, wo sich der Ring wieder schließt, auf der

anderen Seite der Erscheinungen, ist er der einfach gewordene,

derjenige, der seine Einheit gefunden hat, nicht nur durch eigenes

Streben und eigene Bestimmung, sondern auch durch unbewußte Mitwirkung

der Geschlechter, die ihn hervorgebracht haben und deren Aufgabe es war,

ihn hervorzubringen. Der Psycholog hat nun gleichsam diese Kette stummer

Vorbereitung selbstherrlich verlassen, er hat sich losgelöst und tritt

mit dem ganzen Willen der »Kette«, mit Belastungen von rückwärts und

vorwärts, mit unerledigten Verantwortungen, eigentlich als ein

Deserteur, allein auf den Plan. Schon dies setzt schwere und nachhaltige

Erlebnisse voraus, innerhalb des eigenen Gemüts wie gegen den Kreis der

Welt und des Lebens. Sein Los ist: sich zu verantworten, ununterbrochen

sich zu verantworten, gegen Gott, gegen die Menschen und gegen sich

selbst. Der schöpferische Mensch hat nicht nötig, sich zu verantworten,

er ist eben da, er empfindet sich als notwendig und gesetzmäßig, seine

ganze Existenz heißt: Ja; seine Anschauung des Lebens ist daher eine

innerlich fundierte Hell- und Lichtheit. Jenem andern aber ist immer

zumute, als ob er verneint würde, er fühlt sich als zufällig, er spürt

keine Sicherheit, in ihm selbst steckt eine glühende Verneinung, und

deshalb ist sein Tun und Wesen, ob er will oder nicht, Schatten- und

Dunkelheit. Will er, so ist er ehrlich, und es gelingen ihm bisweilen

Werke dämonischer Art; will er nicht, so verstellt er sich nur, und was

er zutage fördert, trägt den Fluch einer geheimen Lüge.

So wie er nur ein Teil ist, Glied aus der Kette, vermag er nur eine

Teilwelt zu geben; er sieht nicht mehr als den Teil, er lebt nicht mehr

als den Teil, das ist sein Schicksal. Nun ist es aber im Wesen des

Menschen und im Wesen der Kunst begründet, daß sein Werk ein Ganzes, ein

Gebilde von allgemeiner Gültigkeit und Glaubhaftigkeit vorzustellen

strebt. Da klafft nun der Abgrund. Je mehr er sich bescheidet, desto

enger und bedingter, desto mehr persönlich gebunden stellt sich sein

Geschaffenes dar; je weniger er sich bescheidet, desto auffälliger und

schmerzlicher tritt die Kluft zwischen dem Persönlichen und dem

objektiven Gebilde hervor. Es gibt keine Rettung, keinen Ausgleich. Je

stärker Talent und Potenz sind, desto mehr verführt ihn die Sprache, das

Erlebnis, die Leidenschaft, die Intensität der Vision, sich auf sich

selbst zu stellen und sich selbst gegen Welt und Gott auszuspielen,

desto mehr verführt er die Menschen, an ihn zu glauben statt an seine

Welt und an Gott. Er ist immer zugleich Verführer und Verführter,

während der schöpferische Mensch Führer ist; er ist stets der Sklave

seiner Eingebungen, Ideen, Worte und Gestalten, indes der schöpferische

Mensch immer Herr ist. Und je mehr er seinem Werk Notwendigkeit,

Freiheit und Gültigkeit verleihen will, desto mehr muß er seine

Fähigkeit überspannen, die Empfänglichkeit seiner Sinne dem

Krampfhaften, also dem der Natur Feindlichen nähern, und niemals das

Göttliche, höchstens das Titanische ist sein Gipfel.

Dieser unausgesetzte Kampf ist ohne die äußerste Wachsamkeit kaum zu

denken; in der Tat ist der Psycholog das wachsamste Geschöpf der Welt.

Wo der Dichter träumt, ist er wachsam. Eine solche Wachsamkeit hat zur

Folge, daß er über alle Vorgänge seines Innern und zuletzt über die Art

und Wirkung des Zwiespalts, in dem er sich befindet, aufs genaueste

unterrichtet ist. Jener Kampf führt nie zu dauernder Entscheidung; in

jedem Augenblick fällt die Entscheidung anders, und er selbst darf die

Waffen nicht ablegen. Niemals sieht er ruhend die Welt. Und nun: im

Zustand der Unruhe und der Bewegung alles von sich selbst zu wissen;

sich von sich selbst loslösen wollen und doch einsehen müssen, daß man

unlösbar mit und in sich selbst verstrickt ist; sich ununterbrochen

rechtfertigen zu müssen, gegen das Werk, gegen die Menschheit, gegen

Gott und gegen die eigene Seele; in einem derartigen Zustand ist das

dringendste Verlangen das nach einem Heilmittel oder einem

Betäubungsmittel, nach einem Stimulans; dieses Stimulans ist eben die

Psychologie.

Die Psychologie entspringt der Wachsamkeit. Sie kann sich bis zu

halluzinatorischer Kraft steigern. Sie ist beim schöpferischen Menschen

in den Phasen vor der Entscheidung, beim Literaten ist sie die

Entscheidung selbst, und zwar in jeder Bewegung. Jede Bewegung bringt

eine Wandlung hervor, jedoch diese Fülle von Wandlungen führt keineswegs

zu einer Verwandlung; die Mittel sind auf dem Wege verausgabt worden, so

daß es ein Ziel darüber hinaus nicht mehr gibt. Der Literat hat den Weg,

der schöpferische Mensch hat das Ziel. Der Literat wandelt sich, – auf

dem Weg, und das beständig; der schöpferische Mensch verwandelt sich, –

am Ziel. Ein Mann, der nicht an das jenseitige Leben glaubt, wird aus

dem diesseitigen die ganze Summe von Genüssen hervorpressen, die nach

seiner Ansicht darin enthalten sind. Dermaßen ist das Verhältnis des

Literaten zur Psychologie beschaffen, und so kommt es auch, daß die

Psychologie ein fortgesetzter Verrat am Ziel, an Gott ist.

Man verfolge dies im einzelnen, und man wird stets bemerken, daß das

schlechthin, das Nur-Psychologische immer den Verrat in sich birgt. Es

mag so erstaunlich wie möglich beobachtet sein, nie wird man es ohne die

Überwindung einer geheimen und tiefen Scham hinnehmen, als ob sich ein

Mensch vor uns entblößte. Der Psycholog verrät die Welt, indem er sich

selbst in seinen geheimsten und tiefsten Regungen verrät. Dies ist ihm

die Brücke zur Welt, denn eine andere hat er nicht in seiner Isolierung.

Der Psycholog kennt keine Scham; das ist sein Rausch, ja, seine Ekstase.

Er trifft dich mit den Entdeckungen, die er in seiner Seele gemacht hat,

er reißt dich in seine Abgründe, begräbt dich in seinen Finsternissen,

schleift dich durch seine Zweifel und seine Qualen, und am Ausgang und

am Eingang steht er, nur er, Pförtner und Totengräber. Der

schöpferische, der handelnde Mensch übernimmt die Leiden der Welt und

reinigt die Menschheit davon, der Psycholog gießt seine Leiden über die

Welt, und die Psychologie ist ihm der Schlüssel zur Welt, das Mittel, um

dir zu sagen: Du bist wie ich! Ein umgekehrtes tat-twam asi. Dieses »du

bist wie ich«, mit Hilfe der Psychologie, des fortwährenden Belauerns

konstatiert, bringt etwas wie eine künstliche Sozialität bei ihm hervor,

indes ihm die natürliche von Anfang an fehlt. Wo er haßt, ist sein

Verrat ohne Hemmung, gewissermaßen sachlich; wo er liebt, glaubt er sich

zu opfern durch den Verrat, und er muß verraten, weil die einzige Form

seiner Produktivität darin besteht, das Ganze der Welt in Stücke zu

reißen und in dem Schmerz über die Zerstörung und Zertrümmerung die

Unvollkommenheit der Dinge zu gestalten. Während der schöpferische

Mensch in einem göttlichen Sinne grausam ist, ist der Psycholog in einem

menschlichen Sinne grausam, da er durch ein tragisch widerspruchsvolles

Gesetz trotz seiner Einsamkeit immer an die Menschheit gefesselt bleibt

und sich so wenig wie von sich selbst richtend von ihr lösen kann. Er

richtet nicht, er klagt an; es geht bei ihm um Recht oder Unrecht, doch

nie um Gerechtigkeit.

Psychologie ist Naturalismus. Wie sie sich auch gebärden mag, ist sie

der Feind und der Gegensatz der Schonung, der Scham, der Abbreviatur,

der Andeutung, der Deutung, der Ahnung, der Sehnsucht, der Religion. Sie

ist immer ein irdisch Erfülltes, rationalistisch Fertiges; sie ist das

Wörtliche, nicht das Bildliche, das Allegorische, nicht das Symbolische,

der Weg und nicht das Ziel.

Nun entsteht die Frage: Wie verhält sich die Welt, die Gesellschaft

hiezu, wie nehmen die Verratenen den Verrat auf? Sie werden ja beständig

in Anklagezustand versetzt, beständig ihrer Geheimnisse beraubt,

beständig in ihrer Scham beleidigt, wie können sie das ertragen?

Die Antwort ist: Der Psycholog bedient sich des Kniffs, daß er alles

Einzelne, Vereinzelte und Sonderliche zum Typus verdichtet (während der

schöpferische Mensch umgekehrt den Typus individualisiert). Dadurch wird

allem Widerspruch die Spitze gebrochen, und es entsteht ein Werk von

großer Leidenschaftlichkeit, gegründeter Bewegtheit und seelischer

Durchführung, ein Werk von je stärkerer persönlicher Einheit zumeist, je

geringer eben die Objektivierung der Welt darinnen ist. Obwohl jene

Eigenschaften nur mittelst der Kunst, und zwar einer bedeutenden Kunst

zur Erscheinung gelangen können, nenne ich doch das Verfahren des

Psychologen – in höherem Betracht – einen Kniff, denn er deckt sich

damit nach zwei Seiten: nach der einen gegen die Menschen, denen er

einen Zerrspiegel vorhält und sie dabei durch seine Leidenschaft, sein

Gefühl, seine Kunst, seine Persönlichkeit verhindert, die Willkür in den

Zerrbildern zu erkennen; nach der andern Seite gegen Gott, oder, wenn

man will, gegen das schöpferische Prinzip, indem er sich als einen

leidenden, leidenschaftlich ergriffenen Menschen preisgibt, aufgibt und

zugleich darauf pocht, daß er in unabhängigen Gestaltungen zur

Gerechtigkeit und zur Wahrheit strebt.

Ich spreche selbstverständlich nicht von der Psychologie als

Wissenschaft; diese ist eine gerade Sache und hat mit der Psychologie in

der Kunst wenig oder nichts gemein. In der Kunst ist sie nicht nur eine

analytische Methode, sondern eine Empirie höherer Ordnung, nicht mehr

eine Disziplin, die von Realitäten ausgeht, sondern eine Realität an

sich. Sie verpflichtet und verbindet das künstlerische Gebilde der Erde,

verleiht der Vision, dem Gleichnis, dem Schwebenden, dem schon

Zusammengefaßten, Verdichteten sein unverrückbares Gesetz, seelische

Anwendung, wechselvolles Leben und die Glaubhaftigkeit, die sich auf die

Erfahrung beruft. Der Literat als Psycholog will aber durch die

Psychologie die Vision, das Gleichnis, das Verdichtete, das Gedicht erst

erzeugen. Ihm ist der Teil mehr als das Ganze, das Kleinspiel wichtiger

als die Zusammenfassung, und bevor er zur Idee gelangt ist, erlahmt er

in den Wirklichkeiten. Die Wirklichkeit vermag er zu erschöpfen, er weiß

sie immer neu, anziehend, seltsam und treffend zu gestalten, denn sie

ist ja sein Persönliches, sein Erbe, während die Idee das Göttliche

vorstellt, von dem er abgeschnitten ist.

Durch das außerordentliche, zauberhafte, verführerische Talent, die in

sich selbst beschlossene Realität zu gestalten, wird nun die Menschheit,

die Gesellschaft oder das, was man Publikum nennt, über den begangenen

Verrat hinweggetäuscht. Und zwar nicht erst seit gestern.

Mit dem Eintritt des Christentums in die Welt hat die geistige und

sittliche Individualisierung der Menschheit begonnen. Der christliche

Kerngedanke ist eigentlich die vollständige und freiwillige

Selbstisolierung des Individuums unter jedem Verzicht auf soziale

Mission. Im Geist des Evangeliums Christ sein heißt: allein dastehen

gegen Gott; im Einzelnen, der sich erlöst, wird die Menschheit erlöst.

Es konnte bei der Sublimität einer derart aufs äußerste getriebenen Idee

nicht ausbleiben, daß sie, um eine Wirkung zu üben, mißverstanden werden

mußte und das Christsein schließlich nur hieß: erlöst werden durch das

Leiden eines andern, dessen nämlich, der seiner Lehre das

welthistorische Beispiel gegeben. Dadurch wurde das Christentum nach der

sozialen Seite hin nutzbar gemacht.

Die christliche, den Leib leugnende, die Form zerstörende Idee ist die

der Kunst entgegengesetzte Idee schlechthin. Der christliche Mythos

konnte der Kunst nur dort Nahrung zuführen, wo entweder gläubige Gemüter

den gläubig Schaffenden umgaben, oder wo sein menschlicher Gehalt die

Strenge der Überlieferung sprengte und Motive und gewisse Freiheiten der

Darstellung bekam, die eher alttestamentarisch oder, im ganzen

Marienkult, antikisierend und dem Erlösergedanken fremd waren. Es konnte

also nur das leidende, inbrünstige, ekstatische, lebenverzichtende

Gefühl zum Ausdruck gelangen, wozu die volle naive Frömmigkeit

erforderlich war, oder es mußten übernommene Vorstellungskomplexe eine

immer wiederholte Darstellung finden, deren persönliche Beseelung aber

unmöglich wurde, als die Tradition ermattet und die Zahl ihrer Motive

verbraucht war. Die bildende Kunst und die Musik, deren Gehalt

ausschließlich in der Empfindung wurzelt, die ihre geistigen Werte in

Form und Rhythmus verlegen, konnten einen, wenn auch meist nur

scheinbaren Zusammenhang mit dem Christentum am längsten bewahren; die

Literatur hingegen, Drama, Epos und Gedicht, sind schon durch das Wesen

der Sprache und des Wortes auf eine stärkere geistige Existenz gestellt.

Dies bedingt einerseits eine größere Kälte, größere Ferne und geringere

Unmittelbarkeit der Gefühlswerte, andererseits wird aber dadurch jede

Verschleierung und Verdunkelung der Idee erschwert, da die Auflösung der

unerläßlichen Harmonie zwischen Idee und Ausdruck zur Wirkungslosigkeit

führen würde.

Der Dichter mußte sich also um so eher und nachhaltiger vom Religiösen

befreien, je mehr dies Religiöse seines national-mythischen Gehalts

entkleidet und, was dem Geist des Christentums widerspricht, zu einer

staatlichen und sozialen Einrichtung wurde. Das christliche Gebot der

Absonderung, der leben-, form- und freudezerstörenden Individualisierung

zwang ihn, sozusagen wider seinen Willen, zu einer Individualisierung

auf geistigem Weg, vor allem zu einer losgelösten, vom Volk

abgesonderten Existenz. Das Christentum hatte ihn des lebendigen, aus

dem Volk ihm zuströmenden, im seelischen Leben des Volks gewachsenen

Mythos beraubt, und dies bedeutet: daß er seinen Mythos selbst

erschaffen mußte, aus seiner eigenen Brust heraus. Die antiken Dichter

befanden sich im Kreise des religiösen Mythos ihres Volkes, der stets

identisch war mit dem nationalen Mythos. Das Christentum zerbrach diese

Einheit nicht nur, sondern sein lebensfeindlicher und alles

Schöpferische verneinender Mythos entzog den Dichtern auch die

wesentlichste Nahrung, entzog ihrem Dasein die wunderbar tiefe

Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit, die jene Genien besaßen, die von

einem ununterbrochenen Strom mythisch vorhandener Gestalten schon

getragen wurden, bevor sie ans Werk gingen. Wie wäre denn sonst das

christliche Mittelalter, insonderheit das deutsche, so arm an großen

Dichterpersönlichkeiten? Die wenigen von Rang führten nur ein privates

Dasein, waren einsam, waren geduldet, oder auch wohlgelitten, »Sänger«,

Kostgänger, Mitläufer, nicht Führer, nicht Propheten.

Der Dichter mußte seinen Mythos selbst erschaffen. Dabei ist es

geblieben. Die Entwickelung der Gesellschaft, der Staaten, der Völker,

der geistigen und sozialen Revolutionen, die ungeheuere, durch die

fortschreitende Dezentralisation und die beständige Verschiebung der

Kasten und Klassen beständig wachsende Fülle von Schicksalsmöglichkeiten,

alle diese Umstände haben die Tendenz zur Vereinzelung verstärkt. Kaum

daß noch Familien ein natürliches, auf dem Herkommen beruhendes Ganzes

bilden; die Gemeinde, die Polis, der Staat, die Nation sind schon

künstliche und zufällige Zusammensetzungen. Das seelische Erwachen von

Millionen Einzelnen bietet freilich ein großes Schauspiel; es ist nur

die Frage, ob es durch die gegebene Freiheit im Grenzenlosen nicht eben

ins Grenzenlose und Verhängnisvolle gesteigert wird.

Da dem Dichter also die geglaubte und gesicherte Grundlage des

nationalen Mythos fehlt, muß er ihn aus seinem Innern ersetzen. An die

Stelle der lebendigen Überlieferung tritt diejenige des Schrifttums, und

statt der natürlichen Sprache, die der Mythos hat und in der er zu allen

spricht, ergibt sich der Stil. Sein Gedachtes, sein Geschautes, sein

Geträumtes, sein Werden, sein persönliches Erleben, seine Anschauung der

Welt, sein Kampf gegen die Gesellschaft, sein Verhältnis zur Natur, dies

alles verdichtet, vereinfacht, verbildlicht und zur Schönheit

verwandelt, wird nun für den Dichter zum Mythos, wird es erst dann, wenn

er zugleich Künstler ist, wenn er alle Lebenselemente zu Kunstelementen

umgeschmolzen und das Persönliche in ein Göttliches verwandelt hat.

Dies setzt nicht nur eine gewaltige Arbeit, einen heiligen Ernst voraus,

eine Kraft zur Entsagung und einen Willen zur Einsamkeit und

Selbstvertiefung, die den Dichter vollkommen zum Sklaven seiner Aufgabe

machen müssen, damit er Herr des Werkes werde, sondern es fordert auch

bei den Empfangenden eine Eigenschaft, die fast Kongenialität zu nennen

ist und die sich natürlich nur bei erwählten Geistern findet, zunächst

wenigstens; später greift dann die Tradition von Bildung, Stil und

Kultur ein, dieselbe Tradition, deren sich der Nachfahr bedienen und die

er zugleich bekämpfen muß, um sich selbst zu finden. So vollzieht sich

nie ein harmonisches Kräftespiel; alles ist Kampf und Absonderung, und

das Mißverständnis zeugt, nicht das Einverständnis.

In Kürze: der schöpferische Mensch ersetzt das Real-Mythische durch das

Fiktiv-Mythische, das um so bedeutender und großartiger ist, je größer

eben sein Geist, sein Blick, seine innere Welt, sein Genie sind. Es

gelingt ihm durch unermüdlichen Fleiß, durch glühendes Welt-Erraffen,

selbstvergessenes Welt-Erschauen, sein Egoistisch-Persönliches gleichsam

auszutilgen und dafür das Fiktiv-Persönliche zu geben. Dies ist dem

Literaten versagt; also auch dem Psychologen. Wohl schöpft er ebenfalls

alle Nahrung aus sich selbst, gräbt eine Welt aus seiner Brust, erlebt

tief und wahrhaftig, aber da er nicht die Gabe der Verwandlung besitzt,

bleibt er immer, der er war, wandelt sich nur von einem Werk in das

andere, von einer Gestalt in die andere, nie in das Göttliche empor, und

er ist fern von den Menschen – wie der schöpferische Mensch, und fern

von Gott – wie die Menschen. Er verwandelt sich nicht in das

Herrlich-Fiktive; auch seine Gestalten nicht; sie treten nicht in die

ewige Region, in die Sphäre der höheren Wahrheit, des vereinfachten

Lebens, sie bleiben ihm zugeschmiedet, bleiben Suchende, Irrende,

Leidende, Unbefreite, und sie sollen Boten sein von ihm zur Welt, von

ihm zu Gott, Boten, die er dingt, um sich selbst, seine Schmerzen, seine

Scham, seinen Ehrgeiz, seine Einsamkeit (die ihm doch ein errungenes

Gut, nicht ein erzwungenes Joch sein müßte) zu bezeugen, zu verraten.

Die Menschen aber, in ihrer Neugierde, ihrer Eitelkeit, ihrer Lust an

Spiegelbildern, an Enthüllungen, entschleierten Geheimnissen, zerstörten

Vorbehalten und unter dem Druck ihrer Not gewahren in ihm nicht ein

Gleichnis für Göttliches nicht eine Idee, sondern für Menschliches, eine

Wirklichkeit. Das danken sie ihm, das bewundern sie an ihm, das zieht

sie zu ihm. Seine Wachsamkeit hält sie wach, seine Bewegtheit zerstreut

sie, seine Treffsicherheit trifft sie, seine Gespanntheit ergötzt sie,

seine Einsamkeit verstehen und betrauern sie, in allem finden sie ein

Gleichnis für sich selbst, und das ist etwas anderes, viel Lustigeres,

Glaubhafteres und Reizenderes als beim schöpferischen Menschen, wo sie

ein Gleichnis für das Göttliche finden, die Synthese.

Freilich, so wenig der schöpferische Mensch heute das Volk für sich hat,

die belebte, organische Gesamtheit einer Kulturperiode, so wenig der

Literat als Psycholog. Jener hat eine Gemeinde, eine geistige Polis, die

an Macht zunimmt; der Psycholog hat ein Publikum. Und was ist ein

Publikum? Es sind die »Getroffenen«, die Neugierigen, die Gelangweilten,

eine ungeordnete Horde von Freischärlern der Bildung, die Wahllosen,

Gesetzlosen, Zusammenhanglosen und völlig Gottlosen. Darin beruht der

tiefste Schmerz des Psychologen, und deshalb wird ihm Erfolg, Beifall

und Echo niemals zur reinen Freude. Was kann es ihm auch bedeuten, die

Gottlosen für sich zu haben? Ihm, der doch daran leidet, daß er gottlos

ist?

Mit der Genugtuung, die nicht frei von dem Glück des Darüberstehens ist,

mag er auf den blicken, der geradeswegs für das »Publikum« erschaffen

wurde und der nicht mehr daran leidet, daß er gottlos ist.

Das ist:

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 14 / 106 题