Der Literat als Dilettant

Eine Kunst aus Liebe zur Sache üben, das macht den Dilettanten in der

edlen Bedeutung des Wortes. Der Dilettant und der Künstler unterscheiden

sich vielleicht nur durch die Konsequenz eines leidenden Zustandes,

welcher den Künstler im Bereich seiner Kunst gefesselt hält, während der

Dilettant frei bleibt. Der Künstler ist gefesselt, nur seine Sehnsucht,

das Vermögen seines Geistes, sich mit allen Dingen dieser Welt zu

identifizieren, macht ihn scheinbar frei. Beim Dilettanten ist es

umgekehrt. Der Dilettant identifiziert sich wirklich mit den Dingen

dieser Welt, indes sein Geist gebunden ist. Seine Sehnsucht richtet sich

daher nicht gegen die Welt als gegen etwas, das erobert, begriffen,

gedeutet werden soll, sondern gegen die Kunst, deren er sich bemächtigen

will. Der Künstler hat die Kunst innen und möchte sich gleichsam ihrer

entledigen im Austausch gegen Göttliches und gegen ein Stück Welt; der

Dilettant hat sie draußen und wünscht sie zu gewinnen, indem er Welt und

Gott in seinem Innern dadurch zu beruhigen und in Harmonie zu bringen

sucht.

Der Literat als Dilettant hat aber weder Welt noch Gott noch Kunst in

sich selbst. Ihm ist nicht nur die Kunst ein Äußeres, zu Erraffendes,

sondern auch Welt und Gott. Er tritt leer auf den Plan. Wahrscheinlich

ist er ermüdet von Erlebnissen. Er ist nicht von stark organisierter

Seele, sonst würden geringe Kämpfe nicht imstande sein, ihn zu ermüden.

Er hat einer Schlacht beigewohnt; in den hintersten Reihen hat er den

Kanonendonner gehört und zugesehen, wie man Verwundete und Tote

vorübertrug. Das hat genügt, ihn mit Abscheu gegen den Krieg zu

erfüllen, ja, er ist der gründlichste Hasser alles Kriegswesens

geworden, ein Quietist aus Philosophie, da ihn die Beschaffenheit seines

Geistes zwingt, seine Schwäche wie eine Stärke zu behandeln.

Schon daraus läßt sich schließen, daß er nicht aus innerer Notwendigkeit

am Kampf teilgenommen hat, sozusagen aus Vaterlandsliebe oder aus Lust

am Soldatenleben oder aus Begierde nach Auszeichnung. Man hat ihn

einfach wie so viele andere Rekruten dazu ausgehoben, und er war von

vornherein ein skeptischer Soldat, also der schlechteste Soldat, der zu

denken ist. Da man etwas treiben muß in der Welt, ist er Soldat

geworden; nimmt er den Abschied, so ist er, mit Ausnahme des gewonnenen

Ekels und Abscheus, wieder so leer wie er vorher war, und er weiß nicht

recht, was jetzt beginnen. Er tritt daher nicht nur leer, sondern auch

unentschieden auf den Plan, und weil ihn kein Muß befehligt, ist er

nicht hungrig. Nur Leute, die unter einem tyrannischen Muß knirschen,

sind hungrig, alle andern sind mehr oder weniger satt.

Er merkt es wohl, daß Hunger dazu gehört, um sich zu entscheiden:

Hunger, Spannung, Sehnsucht, eine ideelle Begierde. Die Welt, die

Menschen, die Erscheinungen des Lebens erregen seine Teilnahme kaum oder

nur insoweit, als seine Person dadurch berührt wird. Auf einmal richtet

sich seine Begierde, seine ganze Spannung und Sehnsucht gegen die eigene

Person. Er entscheidet sich ganz und gar für seine eigene Person, deren

er sich bisher, in den hintersten Reihen der Kämpfenden, nur dumpf

bewußt geworden war. Seine eigene Person enthüllt sich ihm plötzlich als

ein Gegenstand von ungeahnter Wichtigkeit, als ein unentdeckter Bezirk,

von dessen Schönheit und Vorzügen die übrigen Menschen zu unterrichten

jetzt sein gebieterischster Trieb ist. Alles was er tut, denkt und

empfindet, erscheint ihm erstaunlich, besonders und in hohem Grade

mitteilenswert. Je unbeachteter und dunkler sein Dasein bis nun gewesen,

je mehr drängt es ihn, sich in einen Mittelpunkt zu stellen. Wie aber

fängt er dieses an?

Er geht mit instinktiver Pfiffigkeit ans Werk. Er schmückt sich; und

zwar schmückt er sich mit seinen Leiden, mit seinen Erfahrungen, mit

einer in auffallender Weise zugespitzten, verschärften und

nachdrücklichen Meinung über Menschen und Schicksale. Damit reizt er die

Neugierde, und sein Instinkt hat ihn trefflich geführt, denn Neugierde,

in einem gemeinen wie in einem höheren Sinn, ist der hervorstechendste

Zug der Gesellschaft, aus der er kommt und deren Mittelpunkt er sein

möchte, deren Mittelpunkt der schöpferische Mensch wirklich ist. Auch

der schöpferische Mensch übertreibt das Bild der Welt, aber dadurch,

indem er es vergrößert, dadurch allein schon, indem er die eigene Person

aus seinem Werk ausschaltet und an dessen Stelle etwas setzt, was ich

fiktive Persönlichkeit nenne. Dem schöpferischen Menschen ist seine

Person nur ein Vorwand, ein Ausgangspunkt, der Literat als Dilettant

sieht in ihr die Essenz und das Ziel. Der schöpferische Mensch ist

einsam, von Natur und durch Bestimmung; dennoch lebt er unter den

Menschen, weil die Menschheit ihm ein unentbehrliches Element ist, durch

welches er leidet, weil er geboren ist, um zu leiden, weil das Leiden

derjenige Seelenzustand ist, der ihn befähigt zu schaffen. Der Literat

als Dilettant ist niemals einsam; je weniger, je mehr er bei sich und in

sich selber steckt. Er stellt sich abseits, um in der künstlichen

Einsamkeit einen Ersatz für die natürliche des schöpferischen Menschen

zu gewinnen; er schmückt sich mit Einsamkeit, und auch dies ist ein

Mittel, um Neugierde zu erwecken. Die Menschen sind ihm entbehrlich,

obgleich er sie sucht; er ist der Menschen überdrüssig und satt, nur

seiner eigenen Person wird er niemals satt, sie erscheint ihm stets

interessant, begehrenswert, wichtig und ausgezeichnet. Nicht durch die

Menschen leidet er, sondern durch sich selbst, und je nach Rang und Art

seines Geistes und Charakters in allen Graden und Möglichkeiten;

angefangen von unerfüllten Ansprüchen niedriger Sorte bis zum Durst nach

Stillung eines bedeutenden Ehrgeizes.

Dieser Ehrgeiz ist sorgfältig zu trennen von dem, was die Griechen

Ruhmsucht genannt haben, als welche ein übersinnliches Verlangen und in

ihren Wurzeln mit dem Unsterblichkeitsgedanken identisch ist. Der

Ehrgeiz hat nichts mit Anonymität zu tun, der Ehrgeizige gibt sich nicht

grenzenlos und unbedingt hin wie der Ruhmsüchtige, er löst sich nicht

auf in der Idee; er leitet seine Sache, er steht vor seinem Werk, er ist

immer der Herr, immer sichtbar, und sein Name umflammt seine Tat wie ein

Programm. Die antik-heroische Eigenschaft der Ruhmsucht ist den modernen

Zeiten und Menschen fast abhanden gekommen. Vielleicht ist darum unsere

Kultur, oder was wir mit diesem Namen bezeichnen, so zerstückt, brüchig

und disharmonisch, weil sie völlig auf einzelnen, auf »namhaften«

Trägern ruht. Jede wahre Kultur setzt Anonymität voraus.

Der Literat als Dilettant verabscheut die Anonymität, denn tritt er ohne

seinen Namen auf, so ist es, als wenn ein General ohne Uniform zu Hof

ginge. Durch seinen Willen getragen, von seinen Zwecken befehligt,

abhängig von der Gunst der Menschen und der Umstände und somit von dem,

was die Gesellschaft den Erfolg nennt, kann er in keinem Fall auf äußere

Bestätigungen verzichten, und die edle Selbstvergessenheit des

lediglich von der Sache erfüllten schöpferischen Menschen ist ihm fremd

bis zum Unbegreiflichen.

Doch sehen wir von jener höchsten Selbstvergessenheit vorläufig ab, die

nur eine ideale Annahme sein mag. Der Ehrgeiz des Künstlers würde auch

dann in Kraft treten, wenn dieser Künstler auf einer einsamen Insel

lebte, denn sein Ehrgeiz ist der Ruhmbegierde insofern verwandt, als er

von dem Bestreben, das Werk zu möglichster Vollkommenheit zu führen,

nicht zu trennen ist. Der Literat als Dilettant hingegen ist besessen

von der Sucht nach der Prämie. Eines seiner untrüglichsten Kennzeichen

ist, daß er der Selbstkritik ermangelt. Selbstkritik ist das Vermögen zu

vergleichen. Der Literat als Dilettant kann sich nur mit sich

vergleichen, aus diesem Grunde erscheint er sich bald überklein, bald

übergroß, da sein einziger Spiegel nur das eigene, beständig

schwankende, beständig wechselnde, niemals ruhende, losgelöste und

isolierte Ich ist. Er kann seine Arbeit nicht allgemein an Arbeit und

Leistung messen; nur an sich selber kann er sie messen, an den

verbrachten Stunden, gefühlten Anstrengungen; seine Intensität zu sein

und zu schaffen dünkt ihm die stärkste überhaupt erreichbare, und ein

solches Bewußtsein genügt ihm, um alle Erinnerungen an Qualität

auszulöschen oder zu trüben. Im Grunde seiner Seele hält er die höhere

Geltung, welche die Meisterwerke genießen, für einen Zufall, wenn nicht

für Schlimmeres; auch jedes Gelingen hält er für einen Zufall, da ihm

entweder das Talent zu inspirieren oder das Talent zu administrieren im

Gegensatz zum elementaren Künstler fehlt. Wer ohne Selbstkritik ist, hat

zu keinem Ding eine wahrhafte Distanz; so betrachtet er alle Künstler

als seine Kollegen, und das unterscheidende Merkmal zwischen ihm und

ihnen besteht nur in der Tatsache der größeren oder geringeren Prämie.

Wohl vermag er zu bewundern, aber seine Bewunderung ist von persönlichen

Vorbehalten niemals frei; er gibt sich nicht hin, er will insgeheim

profitieren, er will denen, die die höhere Prämie erhalten haben, den

Handgriff absehen, und das scheint ihm ausführbar, weil er die Distanz

nicht kennt. Die Prämie, nach der er strebt, kann er nie erhalten – ein

Kater zeugt nicht Löwen. Er aber, der da wähnt, alles Vierbeinige sei

letztlich von gleichem Rang, dem die Art und die Natur der Löwen völlig

fremd sind, weil er in einem ganz anderen Klima lebt, muß

notwendigerweise zu der Überzeugung gelangen, daß er das Opfer einer

Ungerechtigkeit sei; die Vergeblichkeit seiner Forderungen erfüllt ihn

nach und nach mit Eifersucht und Neid, so daß er alle Menschen gegen

sich verschworen glaubt, vom niedrigsten Skribenten an, um dessen

Ermunterung er buhlt, bis hinauf zu Homer, der eine allzu reichliche

Menge des in der Welt vorhandenen Beifalls verzehrt hat.

Eifersucht und Neid vermögen am Ende seine Fähigkeiten ungeahnt zu

steigern; fast allein durch Eifersucht und Neid ist er zuweilen

imstande, die Gebärde, die Rhythmik, die Melodik des Künstlers zu

treffen und wenn er sich auch nicht hingeben kann, so verliert er sich

doch manchmal, verliert sich in einer seltsamen Form übertragener

Nachahmung, in welcher die großen Werke wie abgeblaßt und

wiederempfunden, schattenhaft, stimmungshaft ein zweites, unwirkliches

Leben führen. Er übertreibt das schon Vergrößerte, verwickelt das schon

Vereinfachte, und die Welt, die ihr Bild in einer immer auffälligeren

egoistischen Verzerrung erblickt, wendet sich beleidigt und gequält ab,

auch wenn sie dem Urheber vorübergehend gehuldigt hat.

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 13 / 106 题