Der Literat, ein geheimnisvoll beschlossenes Wesen, hat der Kultur
unserer Zeit seinen unverwischbaren Stempel aufgeprägt. Ja, man könnte
sagen, daß alles, was sich heute gemeinhin unter dem Titel Kultur
begreift, ein Werk des Literaten ist.
Was ist ein Literat? Die nachfolgenden Untersuchungen wollen diese Frage
beantworten; sie wollen die Art und die Wirkung des Literaten, die
Bedingungen seines Lebens, die Fundamente und Ziele seines Geistes mit
Hilfe einiger typisierter Charaktere erforschen.
Die damit aufgestellten repräsentativen Figuren werden sich natürlich in
der Wirklichkeit kaum so unterschieden und formelhaft finden lassen; das
Leben gibt Mischungen. Man wird im Psychologen viel vom Tribun, im
Dilettanten viel vom Psychologen, im Apostel viel vom Schöngeist
nachweisen können. Auch ist es möglich, daß in einer einzigen Person die
Elemente von mehreren jener Typen stecken, daß Schöngeist und Psycholog,
oder Dilettant, Tribun und Apostel vereinigt sind. Sogar im
schöpferischen Menschen sind Züge des Literaten vorhanden, vielleicht
hat die moderne Zeit überhaupt keinen schöpferischen Menschen
hervorgebracht, der davon ganz frei wäre. Beim Literaten werden aber die
bezeichneten Eigenschaften von einem jener Repräsentanten immer in
bestimmter und auffallender Art zur Erscheinung gelangen, und die
Besonderheit und das wechselnde Ausmaß der Mischung sind dazu angetan,
ihm in seiner menschlichen und künstlerischen Wirkung das Interessante,
reizvoll Problematische und Unergründliche zu verleihen.