II

Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut oder böse, ist

Achtung vor dem Besitz des andern Menschen angeboren.

Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits eine anarchische

Seelenstimmung, die unmittelbar in die Verzweiflung mündet. Ehe solcher

Zweifel Wurzel faßt, muß der Glaube an die eigene Kraft verschwunden

sein; es kann keine Idee mehr vorhanden sein, die der Brutalität der

Wirklichkeit entgegentritt und sie unter sich läßt; das persönliche

Wertgefühl ist ertötet.

Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang Idee. Nicht das, was mir

vorenthalten wird, ist der fremde Besitz, sondern das, was mir

unerreichbar ist; nicht das, worum ich durch Fügung oder Tücke betrogen

worden bin, sondern das, was außerhalb meiner Sphäre liegt.

Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die Norm der sittlichen

Verfassung vorausgesetzt, kommt es nicht in Frage, ob der Nachbar, der

Freund, der beliebige Andere Vorrat und Anhäufung von Dingen hat, an

denen ich Mangel leide. Auch seine Würdigkeit kommt nicht in Frage, sein

Wagnis nicht, seine Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den

Andern, sondern nur, was mich betrifft.

Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. Was ich von der Welt

erringe, um meinen leiblichen oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist

Besitz. Besitz ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Faßbares,

Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium meiner Person und

innerhalb ihres Wirkungskreises irgend Leben erhält.

Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von Besitz, ein

Unschaubares, Unfaßbares, Unbrauchbares, das Unding schlechthin. Deshalb

entsteht Täuschung und Lüge, wo es für Besitz genommen wird, Haß und

Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt es sich nicht in das Ding, gibt

es seinen Charakter als Vorwand nicht auf, bleibt es als häßliche

Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz und gar Gespenst

von Besitz, so ist es verzeihlich und logisch, daß unter denen, die von

seinem widrig-geheimnisvollen Zauberring ausgeschlossen sind, die in Not

verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, eines Schattens, einer Formel

nicht bemächtigen können, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, eine

finstere Erbitterung, schließlich ein Wahnsinn, Massenwahnsinn, der

genau das Bild unserer Tage malt.

Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das Unding ist eines mit

dem Ungeist.

Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens die Würde seines

Seins. Am Ding kann ich mich messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann

es mir inkarnieren, es kann mich nähren, kleiden, schützen, tragen,

fördern; es ist, je nachdem, Schmuck oder Lehre, Lohn oder Geschenk,

Waffe oder Trophäe, Beute oder Erwerb.

Die ursprüngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen dem Ding

gegenüber ist die Ehrfurcht vor seiner Bestimmung. Und davon ging ich

aus. Es knüpft sich hieran von selbst der Glaube an die persönliche

Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. Das quälende

Mißverhältnis in der sozialen Wirtschaft, die unüberbrückbare Kluft

zwischen den aufs äußerste gesteigerten Extremen fällt allein dem Dämon

zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, denen trotzdem

Tauschgeltung eignet, das den Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung

entwertet und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung der

sozialen Kräfte herbeiführt.

Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges und

Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser ist für den, der besitzt,

kennzeichnet es auch die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es

sind dies, tiefer betrachtet, zwei völlig verschiedene Gattungen von

Menschen und demgemäß zwei völlig verschiedene Eigenschaftsgruppen, die

zu betrachten sind.

Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phänomen, daß zwischen dem

Verlangenden und dem verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung

herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinität, die auf die

Schnelligkeit der Erfüllung Einfluß hat, ein seelisches Fluidum, das mit

größerer oder geringerer Gewalt das Zueinandergehörige zueinander

bringt. Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, kann man auch vom

Schicksal zwischen Mensch und Ding sprechen.

Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, das zu entscheiden,

ist nicht einfach. Das Erwägen solcher Möglichkeit freilich fordert

bereits die Entrüstung der Rationalisten heraus, und ich möchte in

diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und Wirkung eines

Magnetismus dürfte auch von Grobnervigen nicht geleugnet werden; er

kommt ja in alltäglichen und trivialen Vorgängen oft genug zur

Erscheinung. Bemerkbar ist natürlich das Verhalten des Menschen, der

zum Ding steht.

Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, Fähigkeit,

Überlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte Wert, der Wert im

Bewußtsein der andern und die Weite des trennenden Wegs bringen die

Summe des Müheaufwandes hervor und ergeben die moralische Schätzung für

ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; Pläne werden erdacht; Anstrengungen

wiederholen sich beständig; der Geist wird gebunden und auf ein Ziel

gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt werden müssen;

Hindernisse erheben sich außen, Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der

Wunsch trübt sich, erglüht wieder; alles dies in niedriger wie in hoher

Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei dem Ringen um ein kostbares

Gut. Das Bild dessen, was errungen werden soll, ist das fortwährend

verjüngende und erneuernde Movens, der Kräftespeicher, der Feuerspender;

es diktiert den Rhythmus, die Flughöhe, schafft die Züge und die Gestalt

des Lebens, es ist das Leben geradezu.

Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen Lebensgesetz

stehen, sind hiervon in gleicher Weise umschlossen. Wo das Unding nicht

die Herzen und Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschöpf

einerseits zur Maschine oder gar zum Teil einer Maschine erniedrigt hat,

andererseits die, die sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in

feige, stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, nur

menschenähnliche Hüter und Zuchtmeister verwandelte, überall dort ist

Spiel freier Kräfte, Spannung und Ausgleich, Begehren und Befriedigung,

Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren Stufen auf obere, von

oberen auf untere, Aufstieg und Fall, edle Sucht und gemeine,

eigennütziger Trieb und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung in

der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des Besitzes die Deutung

und der Inbegriff der vitalen Bewegung.

Sogar jene Unglücklichen, die Hingewürgten und ihre Würger, kennen sie

auch nicht den Besitz als schöpferisch treibendes Element, so kennen sie

ihn doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhängnis des

Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden der Fetischismus, bei den

entseelt Besitzlosen die Rauschillusion und Aufpeitschung durch das

Stimulans.

Die opfervolle Bemühung, das engverstrickte Maschenwerk von Interessen

und Leidenschaften, das erschütternde Theater des Empor und Hinab der

Existenzen nennt man sozialen Kampf. Es ist, näher besehen, der Kampf

des einzelnen um sich, um das, was er liebt, um den Boden, um die Luft,

um das, was er braucht, damit er sein kann, was er ist.

Geprüft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt durch die Prämie. Je

spezifischer, persönlicher, einmaliger, einzigartiger die Leistung,

desto höher die Prämie, sei sie nun von materieller, moralischer oder

geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange vorenthalten, auf

lange Sicht gebucht, und wird, in ihrer letzten Entmaterialisation als

Ruhm, als Kult bezahlt; völlig unterschlagen kann sie nur in seltenen,

tragischen Fällen werden.

Darum löst die Prämie, wenn sie im harmonischen oder wenigstens

annähernd harmonischen Verhältnis zur Leistung steht, das Gefühl

vollzogener Gerechtigkeit aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner

Betätigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf des ganzen

Gesellschaftsorganismus in ihr seinen Herzpunkt hat, ist auch jeder

irgendwie für sie in Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das

System befehden, mögen List, Betrug, Verbrechen die Prämie verdrängen,

verkleinern, abwendig machen, den natürlichen Gang beeinflußt es nicht.

Der Fähige fordert und wird bezahlt. Im Unfähigen schlummert neben der

Traurigkeit des Unbelohnten auch ein heimliches Bewußtsein von Schuld.

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 6 / 106 题