Dem Menschen, sei er, wer er sei und wie er sei, gut oder böse, ist
Achtung vor dem Besitz des andern Menschen angeboren.
Am Recht des fremden Besitzes zu zweifeln, ist bereits eine anarchische
Seelenstimmung, die unmittelbar in die Verzweiflung mündet. Ehe solcher
Zweifel Wurzel faßt, muß der Glaube an die eigene Kraft verschwunden
sein; es kann keine Idee mehr vorhanden sein, die der Brutalität der
Wirklichkeit entgegentritt und sie unter sich läßt; das persönliche
Wertgefühl ist ertötet.
Fremder Besitz: das ist in diesem Zusammenhang Idee. Nicht das, was mir
vorenthalten wird, ist der fremde Besitz, sondern das, was mir
unerreichbar ist; nicht das, worum ich durch Fügung oder Tücke betrogen
worden bin, sondern das, was außerhalb meiner Sphäre liegt.
Recht und Unrecht kommt gar nicht in Frage. Die Norm der sittlichen
Verfassung vorausgesetzt, kommt es nicht in Frage, ob der Nachbar, der
Freund, der beliebige Andere Vorrat und Anhäufung von Dingen hat, an
denen ich Mangel leide. Auch seine Würdigkeit kommt nicht in Frage, sein
Wagnis nicht, seine Leistung nicht. Nichts, was ihn betrifft, den
Andern, sondern nur, was mich betrifft.
Dein und Mein ist so verschieden wie Welt und Ich. Was ich von der Welt
erringe, um meinen leiblichen oder geistigen Bezirk zu erweitern, ist
Besitz. Besitz ist Ware, Gegenstand, Anschaubares, Faßbares,
Brauchbares; Besitz ist Ding, das durch das Medium meiner Person und
innerhalb ihres Wirkungskreises irgend Leben erhält.
Geld ist nicht Besitz. Geld ist Symbol, Fiktion von Besitz, ein
Unschaubares, Unfaßbares, Unbrauchbares, das Unding schlechthin. Deshalb
entsteht Täuschung und Lüge, wo es für Besitz genommen wird, Haß und
Gier, Leere und Stagnation. Verwandelt es sich nicht in das Ding, gibt
es seinen Charakter als Vorwand nicht auf, bleibt es als häßliche
Illusion, als Irrbild bestehen, lediglich Begriff, ganz und gar Gespenst
von Besitz, so ist es verzeihlich und logisch, daß unter denen, die von
seinem widrig-geheimnisvollen Zauberring ausgeschlossen sind, die in Not
verkommen, weil sie sich eines Wesenlosen, eines Schattens, einer Formel
nicht bemächtigen können, eine Gereiztheit und Unruhe entsteht, eine
finstere Erbitterung, schließlich ein Wahnsinn, Massenwahnsinn, der
genau das Bild unserer Tage malt.
Es ist der am Unding entfesselte Wahnsinn. Und das Unding ist eines mit
dem Ungeist.
Das Ding hat stets eine Art von Heiligkeit, mindestens die Würde seines
Seins. Am Ding kann ich mich messen, ich kann mich ihm stellen, ich kann
es mir inkarnieren, es kann mich nähren, kleiden, schützen, tragen,
fördern; es ist, je nachdem, Schmuck oder Lehre, Lohn oder Geschenk,
Waffe oder Trophäe, Beute oder Erwerb.
Die ursprüngliche, unverbildete Haltung jedes Menschen dem Ding
gegenüber ist die Ehrfurcht vor seiner Bestimmung. Und davon ging ich
aus. Es knüpft sich hieran von selbst der Glaube an die persönliche
Leistung des Besitzers und die Bejahung dieser Leistung. Das quälende
Mißverhältnis in der sozialen Wirtschaft, die unüberbrückbare Kluft
zwischen den aufs äußerste gesteigerten Extremen fällt allein dem Dämon
zur Last, dem Unding, das Scheinwerte aufstapelt, denen trotzdem
Tauschgeltung eignet, das den Sinn des Besitzes verdunkelt, die Leistung
entwertet und infolgedessen Verwirrung, Verzweiflung und Zersetzung der
sozialen Kräfte herbeiführt.
Besitz in seiner reinen Form ist etwas zugleich Einmaliges und
Individuelles. Wie es ein Grad- und Artmesser ist für den, der besitzt,
kennzeichnet es auch die Beschaffenheit dessen, der darnach strebt. Es
sind dies, tiefer betrachtet, zwei völlig verschiedene Gattungen von
Menschen und demgemäß zwei völlig verschiedene Eigenschaftsgruppen, die
zu betrachten sind.
Es ist ein seltsames und oft wahrzunehmendes Phänomen, daß zwischen dem
Verlangenden und dem verlangten Gegenstand eine ganz bestimmte Beziehung
herrscht, eine mehr oder minder heftige Affinität, die auf die
Schnelligkeit der Erfüllung Einfluß hat, ein seelisches Fluidum, das mit
größerer oder geringerer Gewalt das Zueinandergehörige zueinander
bringt. Wie vom Schicksal zwischen Mensch und Mensch, kann man auch vom
Schicksal zwischen Mensch und Ding sprechen.
Ob im Ding ein hinstrebender Wille vorhanden ist, das zu entscheiden,
ist nicht einfach. Das Erwägen solcher Möglichkeit freilich fordert
bereits die Entrüstung der Rationalisten heraus, und ich möchte in
diesem Punkt nicht weiter gehen. Die Existenz und Wirkung eines
Magnetismus dürfte auch von Grobnervigen nicht geleugnet werden; er
kommt ja in alltäglichen und trivialen Vorgängen oft genug zur
Erscheinung. Bemerkbar ist natürlich das Verhalten des Menschen, der
zum Ding steht.
Um zum Besitz zu gelangen, hat er Kraft einzusetzen, Fähigkeit,
Überlegung, Ausdauer, Arbeit. Der vorgestellte Wert, der Wert im
Bewußtsein der andern und die Weite des trennenden Wegs bringen die
Summe des Müheaufwandes hervor und ergeben die moralische Schätzung für
ihn. Ehrgeiz entfaltet sich; Pläne werden erdacht; Anstrengungen
wiederholen sich beständig; der Geist wird gebunden und auf ein Ziel
gerichtet; Wetteifernde tauchen auf, die besiegt werden müssen;
Hindernisse erheben sich außen, Zweifel innen: die Geduld erlahmt, der
Wunsch trübt sich, erglüht wieder; alles dies in niedriger wie in hoher
Form, bei der Jagd nach einem Wild wie bei dem Ringen um ein kostbares
Gut. Das Bild dessen, was errungen werden soll, ist das fortwährend
verjüngende und erneuernde Movens, der Kräftespeicher, der Feuerspender;
es diktiert den Rhythmus, die Flughöhe, schafft die Züge und die Gestalt
des Lebens, es ist das Leben geradezu.
Alle mit uns Lebenden, sofern sie unter dem gleichen Lebensgesetz
stehen, sind hiervon in gleicher Weise umschlossen. Wo das Unding nicht
die Herzen und Hirne gemordet, das sich selbst bestimmende Geschöpf
einerseits zur Maschine oder gar zum Teil einer Maschine erniedrigt hat,
andererseits die, die sich ihm ergaben, indem es sich ihnen ergab, in
feige, stumme, stumm-bebende, gespenstisch-vegetierende, nur
menschenähnliche Hüter und Zuchtmeister verwandelte, überall dort ist
Spiel freier Kräfte, Spannung und Ausgleich, Begehren und Befriedigung,
Verlust, Wechsel und neues Ergreifen, von unteren Stufen auf obere, von
oberen auf untere, Aufstieg und Fall, edle Sucht und gemeine,
eigennütziger Trieb und weltfreundlicher, Sturz im Wettlauf, Hoffnung in
der Niederlage, und immer ist Besitz und Art des Besitzes die Deutung
und der Inbegriff der vitalen Bewegung.
Sogar jene Unglücklichen, die Hingewürgten und ihre Würger, kennen sie
auch nicht den Besitz als schöpferisch treibendes Element, so kennen sie
ihn doch als Fetisch und Stimulans; dies eben ist das Verhängnis des
Zeitalters: bei den entseelt Besitzenden der Fetischismus, bei den
entseelt Besitzlosen die Rauschillusion und Aufpeitschung durch das
Stimulans.
Die opfervolle Bemühung, das engverstrickte Maschenwerk von Interessen
und Leidenschaften, das erschütternde Theater des Empor und Hinab der
Existenzen nennt man sozialen Kampf. Es ist, näher besehen, der Kampf
des einzelnen um sich, um das, was er liebt, um den Boden, um die Luft,
um das, was er braucht, damit er sein kann, was er ist.
Geprüft wird die Leistung; Leistung wird anerkannt durch die Prämie. Je
spezifischer, persönlicher, einmaliger, einzigartiger die Leistung,
desto höher die Prämie, sei sie nun von materieller, moralischer oder
geistiger Beschaffenheit. Manchmal bleibt sie lange vorenthalten, auf
lange Sicht gebucht, und wird, in ihrer letzten Entmaterialisation als
Ruhm, als Kult bezahlt; völlig unterschlagen kann sie nur in seltenen,
tragischen Fällen werden.
Darum löst die Prämie, wenn sie im harmonischen oder wenigstens
annähernd harmonischen Verhältnis zur Leistung steht, das Gefühl
vollzogener Gerechtigkeit aus. Da jeder in seinem Sinn und nach seiner
Betätigung Anspruch auf sie erhebt, da der Blutkreislauf des ganzen
Gesellschaftsorganismus in ihr seinen Herzpunkt hat, ist auch jeder
irgendwie für sie in Haftung. Im besonderen mag anarchischer Eifer das
System befehden, mögen List, Betrug, Verbrechen die Prämie verdrängen,
verkleinern, abwendig machen, den natürlichen Gang beeinflußt es nicht.
Der Fähige fordert und wird bezahlt. Im Unfähigen schlummert neben der
Traurigkeit des Unbelohnten auch ein heimliches Bewußtsein von Schuld.