Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den Boden auf, dem sie
entwachsen sind.
Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu
handeln scheint, den Wert, das Ausmaß und die Rechtsgrundlagen von dem,
was bisher Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen.
Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit
unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein
Gesellschaftsgesetz war, wird ihm plötzlich streitig gemacht mit
Gründen, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck
verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen.
So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz
gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum
Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft
in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten
Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und daß ihm zugemutet wird,
die anscheinende Willkür und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen,
sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu
erblicken.
Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte
wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis
und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die
Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie
haben die Köpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich
möchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach
verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das äußere Leben, das
soziale und das individuelle, seine Legitimität und seine Schädlichkeit,
seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur.
I
Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt gegen den, der
Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die durch keine Anstrengung dahin
gelangen können, wo die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage
befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemütern
Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung.
Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon
Überfluß. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, für den ist der Besitzer
von zwei Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich nicht
sattessen kann, für den ist der sorgenvollste Satte ein Krösus. Wer kein
Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, für den ist der auf dem
Strohsack Ruhende beneidenswert.
Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele
Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen
dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im
Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der
ersten Kajüte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf
der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle
Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der
modernen Welt spielen.
Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie
scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen können, von
denen, die in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine
selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich
die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wütet der soziale Kampf in seiner
ganzen Furchtbarkeit.
Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein
Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefüge ist, so muß man sich
fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner
Bedrückung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange
erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff
vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der
Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch umsomehr zum Umsturz
herausfordern, als die zahlenmäßige Übermacht zu allen Zeiten auf Seite
der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem
Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen
Schaustellungen des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar
war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem Übermut und ihrer Härte?
Warum also die Geduld?
Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen
war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt
wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brüder
verrieten, eben weil sie bezahlt wurden.
Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und
uraltes System von Einschüchterung, Betäubung und Verdummung die Masse
der Unterdrückten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge für den
Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu
beschaffen, den größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte.
Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es
ist die äußerliche Wahrheit, aber nicht die innere.
Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte und gleichmäßige
Verteilung aller vorhandenen Güter statt, beweglichen und unbeweglichen;
jedem wäre so die Unabhängigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit,
die Möglichkeit, seinen Anteil nach seinen Gaben und Kräften nutzbar zu
machen. Dieser paradiesische Zustand würde genau so lange dauern wie
ein Tüchtiger braucht, um einen Trägen aus dem Feld zu schlagen, ein
Listiger, um einen Dummkopf zu betrügen, ein Glückspilz, um über einen
Pechvogel zu triumphieren, eine talentvolle und feurige Persönlichkeit,
um Anhänger für eine Sache oder Idee zu gewinnen, der sie sich
versprochen hat.
Daß in der von Menschen (so wie Menschen einmal sind) bevölkerten Welt
eine Besitznivellierung stattfinden kann, halte ich für denkbar,
obgleich ich fürchte, daß sie ohne Raub, Bedrückung, Gewalt und
Ungerechtigkeit nicht durchzuführen ist. Daß sie aber auch nur auf kurze
Dauer rechnen kann, halte ich bei einer Gemeinschaft, die nicht
ausschließlich aus Ackerbauern, Fischern, Jägern und Viehzüchtern
besteht, für undenkbar. Und auch hier würden sich die Schlauen, die
Tätigen, die Erfinderischen bald absondern, und Herren würden Sklaven
finden. Eine Binsenweisheit im übrigen.
Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste von allzulange
hörig Gewesenen erhebt, ist auf den katastrophalen Moment dieser Epoche
gestellt; sie lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit
hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer Hypertrophie
erreicht. Das über und über gehäufte Mehr auf jener Seite soll
abgetragen werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. Ich weiß
nicht, wie das geschehen soll, ich weiß nicht, ob es geschehen kann,
auf eine vernünftige, ersprießliche, rettungversprechende Art nämlich.
Daß es wichtig, daß es würdig und menschlich wäre, wenn es geschähe,
weiß ich, auch wenn mir die Sachverständigen mit klugen und
wahrscheinlichen Berechnungen vor Augen führen, daß es den Zusammenbruch
der gegenwärtigen Gesellschaft bedeute, und sich dieser in Rußland ja
bereits vollzogen habe. Kein Bestand irgendeiner Ordnung vermag dafür zu
entschädigen, daß lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, daß sie
besteht.
Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde gehen. Eine Wut der
Materie hat sich des Zeitalters bemächtigt, die gegen alle Einflüsse des
Geistes, der Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige
Nutzanwendung wirft überall die Logik der Dinge und der Geschehnisse aus
der Bahn. Forderung überschreit Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz
der Zahl ist im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide gleich
seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos zu sich selbst, in
einer durch die Materie getrübten Beziehung zum andern und zur Welt,
abgetrennt vom sittlichen Verlauf, weil völlig geblendet oder erschreckt
vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren sein, alle wollen
sich ihrer bemächtigen.
Jede Tätigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrüchliche
Legitimität. Diese Legitimität ruht nicht in der Materie, sondern im
Geiste.
Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben und Andenken der
gierigen und unempfindlichen Raffer und Wächter toten Eigentums, die das
Blut schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul und
achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution beriefen, wenn die
Lohnsklaven im Dunst der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende
Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger sie zur
Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren gesicherten Asylen
verschanzten, beschützt von Polizei und Militär, wenn die Not zu ihnen
schrie, das tausendfältige Elend der Städte sich verzweifelnd erhob, der
tausendfältige Schmerz seine fahlen Züge zeigte. Wehe den
Aktienparasiten, den gelangweilten Müßiggängern, den Spielern mit
Menschenseelen und Wucherern mit Menschenkräften, den Petrefakten und
dem schillernden Geschmeiß einer untergehenden Welt!
Aber diese Schädlichen und Hinderlichen haben und hatten von jeher im
Lager der Armen und Geknechteten ein unabsehbares Heer von Lakaien,
Agenten, Anwälten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen
Kreaturen, die, gefällig jedem Wink, auf das Erträgnis ihrer Dienste
angewiesen, in Schranken gehalten durch die Stimme des Eigennutzes,
zitternd vor der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, durch die
Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, die nach wirkende Zucht der
Kirche und der Schule zur Indolenz und Scheinüberzeugung gebracht,
stützendes Element auf der einen, hemmendes auf der andern Seite der
Linie waren.
Daraus jedoch schließen zu wollen, als hätte die Stabilität der
bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in unreinen Gesinnungen und
niedrigen Interessen, in der Trägheit und Knechtseligkeit der Massen
ihre Ursache, hieße der billigen Demagogie das Wort reden, die heute die
Straße und die politische Schaubühne beherrscht und die die menschliche
Natur und das Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder sie
überhaupt nicht in den Bereich der Argumente zu ziehen vermag. Was
ebenfalls ein Merkmal geistigen Abstiegs ist.