Geschrieben 1919

Die Zeit erschüttert die Begriffe und wühlt den Boden auf, dem sie

entwachsen sind.

Es hebt eine Geschichtsepoche an, in der es sich vor allem darum zu

handeln scheint, den Wert, das Ausmaß und die Rechtsgrundlagen von dem,

was bisher Eigentum hieß, zu revidieren und umzuformen.

Der Anspruch des einzelnen auf sein Gut, den er bisher mit

unwiderlegbaren Argumenten verteidigen konnte, ja der geradezu ein

Gesellschaftsgesetz war, wird ihm plötzlich streitig gemacht mit

Gründen, denen, wollte man sie auch nicht gelten lassen, Nachdruck

verliehen wird durch Drohung von Gewalt. Gewalt ist nicht zu widerlegen.

So tief hat kein Vorgang der Geschichte in die private Existenz

gegriffen, daß der Bürger, das Mitglied einer Gemeinschaft, die nur zum

Schutz ihrer selbst besteht, von einem andern Teil dieser Gemeinschaft

in seinen durch Gewohnheit, Brauch und Gesetz geheiligten

Lebensbedingungen entrechtet werden soll, und daß ihm zugemutet wird,

die anscheinende Willkür und Unbill nicht bloß geduldig zu ertragen,

sondern auch eine Notwendigkeit, eine neue, bessere Ordnung darin zu

erblicken.

Hier ist nicht die Absicht, diese neue Ordnung gegen die alte

wissenschaftlich zum Vergleich zu stellen; dazu fehlt mir die Befugnis

und die Kompetenz. Es soll auch nicht von Schlagworten des Tages die

Rede sein: Imperialismus, Sozialismus, Kapitalismus, Kommunismus; sie

haben die Köpfe genug verwirrt, die Leidenschaften genug erregt. Ich

möchte das Wesen des Besitzes untersuchen, seine Wirkungen nach

verschiedenen Seiten, auf das innere und auf das äußere Leben, das

soziale und das individuelle, seine Legitimität und seine Schädlichkeit,

seine Fruchtbarkeit und seine Unnatur.

I

Wer darbt, dessen Seele wird von Bitterkeit erfüllt gegen den, der

Überfluß hat. Es gibt Verstoßene, die durch keine Anstrengung dahin

gelangen können, wo die Lieblinge des Glückes sich am ersten Tage

befinden. So entsteht in Hunderttausenden, Millionen Gemütern

Bitterkeit, Haß, Neid und Auflehnung.

Für den, der darbt, ist das geringste Mehr, das der andere hat, schon

Überfluß. Wer nur ein einziges Hemd besitzt, für den ist der Besitzer

von zwei Hemden ein mit Glücksgütern Gesegneter. Wer sich nicht

sattessen kann, für den ist der sorgenvollste Satte ein Krösus. Wer kein

Bett sein eigen nennt, in dem er schlafen kann, für den ist der auf dem

Strohsack Ruhende beneidenswert.

Die gegenwärtige Gesellschaftsordnung hat so unendlich viele

Abstufungen der Armut, wie sie Abstufungen des Besitzes hat. Zwischen

dem in einer Tonne oder Kiste verborgenen blinden Passagier im

Frachtraum eines Luxusdampfers und dem amerikanischen Nabob in der

ersten Kajüte mit Bade- und Speisesalon dehnt sich eine Skala aus, auf

der alle Leidenschaften, Begierden, Niedrigkeiten, Verbrechen, alle

Sehnsucht und Verzweiflung und fast alle ausdenkbaren Schicksale der

modernen Welt spielen.

Irgendwo in der Mitte dieser Skala ist eine scharf trennende Linie. Sie

scheidet diejenigen, die ihre Lebensnotdurft nicht stillen können, von

denen, die in der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse eine

selbstverständliche Voraussetzung erblicken. An dieser Linie teilt sich

die moderne Welt in zwei Lager. An ihr wütet der soziale Kampf in seiner

ganzen Furchtbarkeit.

Da aber die Gesellschaftsordnung, wie sie heute besteht, ein

Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende altes Gefüge ist, so muß man sich

fragen, weshalb das eine Lager der Menschheit in seinem Jammer, seiner

Bedrückung, seinem Leiden die bevorzugte Situation des andern so lange

erduldet hat, ohne einen nachhaltigen, allgemeinen, gewaltsamen Eingriff

vorzunehmen. Ein Zustand, der so offensichtlich den Charakter der

Ungerechtigkeit an sich trägt, mußte doch umsomehr zum Umsturz

herausfordern, als die zahlenmäßige Übermacht zu allen Zeiten auf Seite

der Entrechteten lag. Waren sie nicht genug durchdrungen von ihrem

Recht, dem Recht auf Brot und Wärme, auf Luft und Licht? Hat man ihnen

Schaustellungen des Prunkes erspart? Wußten sie nicht, was erreichbar

war? Kannten sie nicht die Bevorzugten in ihrem Übermut und ihrer Härte?

Warum also die Geduld?

Einige werden antworten: darum, weil die Gewalt auf Seite der Reichen

war; sie konnten die Gewalt bezahlen, und unter denen, die bezahlt

wurden, befanden sich die aus dem feindlichen Lager, die ihre Brüder

verrieten, eben weil sie bezahlt wurden.

Andere werden sagen: darum, weil ein tiefbedachtes, raffiniertes und

uraltes System von Einschüchterung, Betäubung und Verdummung die Masse

der Unterdrückten in Bann gehalten hat, und weil zudem die Sorge für den

Tag, die dringende Notwendigkeit, Obdach, Nahrung und Kleidung zu

beschaffen, den größten Teil der verfügbaren Kräfte absorbierte.

Es ist ein Stück der Wahrheit, aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es

ist die äußerliche Wahrheit, aber nicht die innere.

Nehmen wir an, es fände heute eine vollkommen gerechte und gleichmäßige

Verteilung aller vorhandenen Güter statt, beweglichen und unbeweglichen;

jedem wäre so die Unabhängigkeit gesichert, die Arbeitsfreiwilligkeit,

die Möglichkeit, seinen Anteil nach seinen Gaben und Kräften nutzbar zu

machen. Dieser paradiesische Zustand würde genau so lange dauern wie

ein Tüchtiger braucht, um einen Trägen aus dem Feld zu schlagen, ein

Listiger, um einen Dummkopf zu betrügen, ein Glückspilz, um über einen

Pechvogel zu triumphieren, eine talentvolle und feurige Persönlichkeit,

um Anhänger für eine Sache oder Idee zu gewinnen, der sie sich

versprochen hat.

Daß in der von Menschen (so wie Menschen einmal sind) bevölkerten Welt

eine Besitznivellierung stattfinden kann, halte ich für denkbar,

obgleich ich fürchte, daß sie ohne Raub, Bedrückung, Gewalt und

Ungerechtigkeit nicht durchzuführen ist. Daß sie aber auch nur auf kurze

Dauer rechnen kann, halte ich bei einer Gemeinschaft, die nicht

ausschließlich aus Ackerbauern, Fischern, Jägern und Viehzüchtern

besteht, für undenkbar. Und auch hier würden sich die Schlauen, die

Tätigen, die Erfinderischen bald absondern, und Herren würden Sklaven

finden. Eine Binsenweisheit im übrigen.

Freilich, die Forderung, die eine verzweifelte Kaste von allzulange

hörig Gewesenen erhebt, ist auf den katastrophalen Moment dieser Epoche

gestellt; sie lautet: Anrecht auf das Lebensmindeste. Die Ungleichheit

hat den Charakter krankhafter, ja verbrecherischer Hypertrophie

erreicht. Das über und über gehäufte Mehr auf jener Seite soll

abgetragen werden zu gunsten derer, die das Mindeste entbehren. Ich weiß

nicht, wie das geschehen soll, ich weiß nicht, ob es geschehen kann,

auf eine vernünftige, ersprießliche, rettungversprechende Art nämlich.

Daß es wichtig, daß es würdig und menschlich wäre, wenn es geschähe,

weiß ich, auch wenn mir die Sachverständigen mit klugen und

wahrscheinlichen Berechnungen vor Augen führen, daß es den Zusammenbruch

der gegenwärtigen Gesellschaft bedeute, und sich dieser in Rußland ja

bereits vollzogen habe. Kein Bestand irgendeiner Ordnung vermag dafür zu

entschädigen, daß lebendige Seelen dadurch zugrunde gehen, daß sie

besteht.

Es fragt sich nur, ob sie gerade dadurch zugrunde gehen. Eine Wut der

Materie hat sich des Zeitalters bemächtigt, die gegen alle Einflüsse des

Geistes, der Seele, des Schicksals blind macht. Kurzfristige

Nutzanwendung wirft überall die Logik der Dinge und der Geschehnisse aus

der Bahn. Forderung überschreit Entwicklung und Gesetz. Ein Hexentanz

der Zahl ist im Schwange, der Praktiken und der Theorien, beide gleich

seicht und unfruchtbar. Jeder steht beziehungslos zu sich selbst, in

einer durch die Materie getrübten Beziehung zum andern und zur Welt,

abgetrennt vom sittlichen Verlauf, weil völlig geblendet oder erschreckt

vom sinnlichen. Niemand will zu einer Sache geboren sein, alle wollen

sich ihrer bemächtigen.

Jede Tätigkeit, wie jede Errungenschaft, hat ihre unverbrüchliche

Legitimität. Diese Legitimität ruht nicht in der Materie, sondern im

Geiste.

Die Drohnen seien preisgegeben. Fluch dem Leben und Andenken der

gierigen und unempfindlichen Raffer und Wächter toten Eigentums, die das

Blut schaffender Geschlechter vergiftet haben. Die denkfaul und

achselzuckend sich auf die gottgewollte Institution beriefen, wenn die

Lohnsklaven im Dunst der Schwefelgruben erstickten, wenn schlagende

Wetter ihre Leichname zerfetzten, wenn der Hunger sie zur

Selbsterniedrigung zwang; die sich in ihren gesicherten Asylen

verschanzten, beschützt von Polizei und Militär, wenn die Not zu ihnen

schrie, das tausendfältige Elend der Städte sich verzweifelnd erhob, der

tausendfältige Schmerz seine fahlen Züge zeigte. Wehe den

Aktienparasiten, den gelangweilten Müßiggängern, den Spielern mit

Menschenseelen und Wucherern mit Menschenkräften, den Petrefakten und

dem schillernden Geschmeiß einer untergehenden Welt!

Aber diese Schädlichen und Hinderlichen haben und hatten von jeher im

Lager der Armen und Geknechteten ein unabsehbares Heer von Lakaien,

Agenten, Anwälten, Profitmachern, Kulis, bestochenen und ergebenen

Kreaturen, die, gefällig jedem Wink, auf das Erträgnis ihrer Dienste

angewiesen, in Schranken gehalten durch die Stimme des Eigennutzes,

zitternd vor der Macht- und Rachebefugnis ihrer Auftraggeber, durch die

Zwangsmittel des Staates zum Gehorsam, die nach wirkende Zucht der

Kirche und der Schule zur Indolenz und Scheinüberzeugung gebracht,

stützendes Element auf der einen, hemmendes auf der andern Seite der

Linie waren.

Daraus jedoch schließen zu wollen, als hätte die Stabilität der

bisherigen Gesellschaftsverfassung nur in unreinen Gesinnungen und

niedrigen Interessen, in der Trägheit und Knechtseligkeit der Massen

ihre Ursache, hieße der billigen Demagogie das Wort reden, die heute die

Straße und die politische Schaubühne beherrscht und die die menschliche

Natur und das Wissen von ihr entweder berechnend ausschaltet oder sie

überhaupt nicht in den Bereich der Argumente zu ziehen vermag. Was

ebenfalls ein Merkmal geistigen Abstiegs ist.

Imaginäre Brücken: Studien und Aufsätze · 第 5 / 106 题