kleine Richard, mitten zwischen dem frischen Heu, das süßer roch als
Tee und Honigkuchen, und hatte eine grüne Sammtmütze auf, mit einer
herrlichen Pfauenfeder dran. Die hatte seine liebe Mutter ihm selbst
angenäht; und deshalb, und weil sie gar so herrlich grün und blau und
goldbunt aussah, war seine Mütze ihm schrecklich lieb.
Auf einmal, als er in dem süßen Heu schon beinah einschlafen wollte,
kam hui ein Wind übers Feld, nahm ihm die Mütze mir nichts dir nichts
aus den Locken und warf sie auf die Erde.
Der kleine Richard, der immer schon ein großer Wildfang war, bekam erst
einen mächtigen Schreck, dann sprang er schnurstracks seiner lieben
Mütze nach, bautz von dem hohen Wagen herunter.
Eine Weile lang sah er nichts als schwarze Nacht und hörte immerfort
den Himmel brausen. Die Erde fühlte er überhaupt nicht mehr, blos einen
furchtbaren Ruck im Kopf, der garnicht aufhören wollte, als ob ein
hohles Faß mit ihm durch einen dunkeln Keller rollte, und seine Beine
lagen ganz weit weg von ihm.
Endlich wurde es wieder etwas heller: viel tausend silberne Sterne
tanzten durch die schwarze Nacht. Und zwischen den Sternen sah er seine
Pfauenfeder fliegen, und sah sie größer und immer größer werden, und
immer grüner, blauer und goldbunter funkeln, wie eine große goldbunte
Schaukel. Und plötzlich saß auf dieser großen Schaukel seine liebe
Mutter, und hatte hellblaue Engelsflügel an, und flocht sich ihre
langen schönen Haare, und schwebte immer höher vor ihm her.
Da fing der wilde Richard an zu weinen, weil seine liebe Mutter ihn
garnicht dabei ansehen wollte; und so sehr weh war ihm ums Herz, daß er
die kleinen Arme hochheben mußte, immer höher, bis über die silbernen
Sterne hoch -- und da auf einmal wurde der ganze Himmel hell, denn
seine liebe Mutter hatte ihn angesehen, so tief ins Herz, daß er die
Augen zumachen mußte.
Und wie er sie schüchtern wieder aufmachte, da hatte Mutter ihn auf
dem Schooß und streichelte seine heißen Locken, und sagte weinend: du
böser, böser Junge du!
Im Grase aber, neben ihr, lag seine schöne Sammetmütze mitsamt der
Pfauenfeder; und als er nun verwundert danach langte, da sah die liebe
Mutter gleich wieder ebenso selig aus, wie oben über den Sternen, und
küßte ihn. Und seht ihr, da merkte der kleine Richard, daß er vom
Heuwagen ’runtergefallen und dann im obersten Himmel war, und daß der
auf der Erde liegt.
Das Märchen vom Maulwurf
Vor vielen tausend Jahren, als die Menschen noch keine Kleider trugen,
lebte mitten in der Erde ein Zwerg, so tief unten, daß kein Mensch
etwas von ihm wußte. Und er selber wußte von den Menschen auch nichts;
denn er hatte sehr viel zu tun. Er war ein König über die andern
Zwerge, und schon fünf mächtige Höhlen hatte er sich ausputzen lassen,
und war ganz alt und grämlich dabei geworden, so viel hatte er zu
befehlen.
Es war aber nicht dunkel da unten in den Höhlen, sondern eine glänzte
immer bunter als die andre, so viel Diamanten und Opale hatte das
Zwergvolk drin aufgebaut, und die Wände waren von blankem Kristall,
jede in einer besonderen Farbe. Und da saß nun der König der Zwerge,
in seinem Mantel von schwarzem Sammet, auf einem großen grünen
Smaragdstein, und faßte sich an seine spitze Nase und überlegte mit
seinen alten Fingern, ob auch alles hell genug wäre. Er fand es aber
durchaus nicht hell genug.
Da machten ihm die andern Zwerge eine sechste Höhle zurecht, mit Wänden
von lauter Rubinen, die wie ein einziger Feuerschein glühten, und das
dauerte tausend Jahre; aber er fand auch Das noch nicht hell genug. Als
er nun immer trauriger wurde in seinem schwarzen Sammetmantel, kamen
die andern alle zusammen, und die Jüngsten sagten zu den Alten: kommt,
laßt uns eine +blaue+ Höhle machen!
Dafür wären sie beinahe totgeschimpft worden, denn bis dahin hatte das
Zwergvolk die blaue Farbe nicht leiden können. Weil aber alle andern
Farben in den sechs Höhlen schon durchprobiert waren, sagten endlich
auch die ältesten Zwerge ja und gaben den jungen die Hände. Dann gingen
alle an die Arbeit und putzten heimlich eine siebente Höhle aus, mit
Wänden von echten Türkisen, die so hell und blau wie der Himmel waren,
und das dauerte wieder tausend Jahre.
Die gefiel nun dem König wirklich, und der allerälteste Zwerg, der
fast so alt wie der König selbst war, schoß vor Verwunderung einen
Purzelbaum. Darauf trugen sie den großen Smaragdstein in die neue Höhle
hinein, und der König setzte sich auf ihn und freute sich, wie schön
sein schwarzer Sammetmantel zu den hellblauen Wänden paßte. Nachdem
er aber fünfhundert Jahre so gesessen hatte, fand er auch Das nicht
mehr hell genug; er wurde trauriger als je zuvor und seine Nase immer
spitzer.
Fünfhundert Jahre saß er noch und überlegte seinen Kummer, sodaß er
schon ganz fett zu werden anfing. Endlich ertrug er das nicht länger,
ließ sich die jüngsten Zwerge kommen und sagte: macht mir eine Höhle,
die ein Licht hat wie alle Farben in +eine+ verschmolzen! Das aber
verstanden auch die allerjüngsten nicht, und glaubten, ihr König sei
verrückt geworden.
Da beschloß er, sie zu verlassen und selbst nach seinem hellen Lichte
zu suchen. Er stieg herunter von seinem Smaragdstein, und schnitt den
schwarzen Sammetmantel etwas kürzer, sodaß er Hände und Füße frei
bewegen konnte, und fing an zu graben. Weil aber unten in der Erde die
Andern schon alles abgesucht hatten, so meinte er, das Licht, wonach
er solche Sehnsucht fühlte, müsse wohl weiter oben liegen, und grub
sich in die Höhe; und weil das Zwergvolk damals den Spaten noch nicht
erfunden hatte, so mußte er die Finger zum Wühlen nehmen. Das tat ihm
nun sehr weh, denn er war das nicht gewohnt; aber er hatte solche
Sehnsucht nach dem Licht.
Dreitausend Jahre wühlte der König der Zwerge und grub sich höher
und höher hinauf. Die Haut um seine Finger war schon ganz dünn davon
geworden, sodaß die kleinen Hände ganz rosarot aus seinem schwarzen
Sammtmantel kuckten; aber immer sah er das Licht noch nicht. Nur tief
von unten schimmerte noch ein blaues Pünktchen zu ihm herauf, aus
seiner siebenten Höhle her; aber um ihn und über ihm war alles schwarz.
Auch etwas magerer war er geworden, und die Nase noch spitzer.
Da überlegte er, ob er nicht lieber zu seinem Volk zurückkehren sollte;
aber er fürchtete, dann würden sie ihn absetzen und wirklich in ein
Irrenhaus sperren. Also ging er aufs neue an die Arbeit mit seinen
rosaroten Zwerghänden, und grub nochmals dreitausend Jahre lang, und
es wurde immer dunkler um ihn her, bis schließlich auch das blaßblaue
Pünktchen tief unten hinter ihm verschwand. Als er nun garnichts mehr
sehen konnte, hörte er auf zu wühlen und sprang in die Höhe und wollte
sich den Kopf einstoßen, so furchtbar traurig war ihm zumute.
Da ging auf einmal die Erde entzwei über ihm, und er schrie laut auf
vor Entzücken und schloß die Augen vor hellem Schmerz, so viele Farben
gab es da oben, als ob ihn tausend bunte Messer stachen, bis ins Herz.
Denn hoch im Blauen über der Erde, viel höher als er gegraben hatte,
so hell wie alle Farben in +eine+ verschmolzen, stand eine große
strahlende Kugel, und Alles war Ein Licht.
Als er es aber ansehen wollte und seine Augen wieder aufschlug, da war
er blind geworden und fiel auf die Stirn. Und er fühlte, wie schwach
sein Königsherz war, und wie sein schwarzer Mantel vor Schreck mit
ihm zusammenwuchs, und daß er kleiner und kleiner wurde und seine Nase
immer spitzer, und plötzlich rutschte er zurück in die Erde.
Seit dem Tage gibt es Maulwürfe hier oben, und darum haben sie ein
schwarzes Sammetfell und rosarote Zwerghände und sind blind. Und
manchmal, wenn die Sonne recht kräftig scheint, dann stoßen sie ein
Häufchen Erde hoch und stecken die spitze Nase an die Luft, vor
Sehnsucht nach dem Licht.
Die bekümmerte Löwenkröte
Ein Märchen für kleine und große Leute
Nun will ich euch eine Geschichte erzählen, die mir einmal vor einem
Schaufenster eingefallen ist, als ich eine kleine chinesische oder
vielmehr koreanische Porzellandose betrachtete, die in sonderbarer
Verschnörkelung einen schwermütigen Löwen vorstellte. Ich tue es
nur, damit ihr Lust kriegt, euch bei merkwürdigen Dingen, die ihr
seht, selber allerlei Neues zu denken. Wenn ihr das dann mit rechter
Lebendigkeit Andern mitteilt, kommt ihr in den Ruf, daß ihr furchtbar
tiefsinnig seid und schreckliche Dinge in euerm Herzen beherbergt, die
ihr nur deshalb den Leuten aufbinden wollt, damit sie euch für ein
Wundertier halten. Und außerdem habt ihr noch das Vergnügen, daß ihr so
klug bleibt, wie ihr wart, während die Andern sich so die Köpfe über
euch zerbrechen, daß sie manchmal rein dumm davon werden. Also paßt auf!
In einem asiatischen Urwald lebte zu Olims Zeiten ein großes Tier, wie
vorher noch keins zur Welt gekommen war und wohl auch nie mehr eins
wiederkommen wird, von so erstaunlicher Mißgestalt. Es hatte den Kopf
eines Löwen und den Leib einer Kröte, das heißt einer Riesenkröte,
sodaß es noch größer war als ein gewöhnlicher Löwe. Dabei war es nicht
etwa ein bösartiges Tier, obwohl es mit seinem gewaltigen Rachen
und seiner dicken Panzerhaut allgemeines Entsetzen erregte; sondern
weil es eben den Magen einer Kröte hatte, nährte es sich wie alle
Kröten von unnützen kleinen Kriechtieren. Besonders den Giftschlangen
stellte es nach, trieb sie aus ihren Schlupflöchern und ließ sich ihre
Eier schmecken. Sonst machte es von seinen Raubtierkräften nur dann
Gebrauch, wenn irgend ein anderes großes Tier sich einmal gar zu dreist
aufspielte; dann brachte es ihm Mores bei, war also im ganzen den
Urwaldbewohnern recht nützlich.
Auch war es durchaus kein häßliches Tier. Seine harte runzlige
Krötenhaut schimmerte goldbunt wie ein Paradiesvogelsittig, mit großen
tiefblauen Tupfen gesprenkelt, wovon sich die hellbraune Löwenmähne
in majestätischen Locken abhob. Nur etwas schwerfällig war es gebaut;
der breite Leib war zwar nicht so plump wie bei den gewöhnlichen
Riesenkröten, drückte aber die mächtigen Löwentatzen beim Gehen doch
etwas zu Boden, und das bekümmerte sein Gemüt. Es gelang ihm wohl,
riesige Sprünge zu machen, die selbst die Sprünge der Löwen übertrafen,
aber richtig rennen konnte es nicht und gemächlich laufen auch nicht
recht; und das traurige Untier meinte immer, wenn es das könnte, würde
es lustig werden.
Je älter es wurde, umso bekümmerter wurde es, weil es immerfort drüber
nachdachte, was es wohl mit sich anstellen solle, um einmal recht
lustig lachen zu können. Besonders wenn es frühmorgens hörte, wie
der ganze Urwald vom Gelächter der Affen und Papageien zu schallen
begann, stierte es eifrig aus seiner Höhle nach den Zweigen hinauf
in den blauen Himmel, als müsse ihm dorther die Erleuchtung kommen.
Aber so sehr ihm der Himmel auch in die Augen lachte: jedesmal wenn es
meinte, nun werde das Herz ihm vor Freude schwellen, und lustig ins
Grüne hinausrennen wollte, dann konnte das langsame Krötenherz mit dem
raschen Löwengehirn nicht mit, und der ganze Tag war ihm verleidet.
Endlich fragte die Löwenkröte einen alten Papageien um Rat, der klüger
als die andern zu sein schien und nur in seltenen Fällen lachte, dann
freilich umso kräftiger. Weil sie sich aber nicht verraten wollte, da
sie befürchtete ausgelacht zu werden, stellte sie ihre Frage so: Wie
kommt es denn, daß du so selten lachst? und warum lachst du dann so
kräftig?
Weiß nicht! krächzte der Papagei; frag mal das heilige Kameel! Und dann
lachte er wie besessen.
Daraus merkte die Löwenkröte, daß der alte Papagei närrisch war. Denn
von dem heiligen Kameel war allgemein im Urwald bekannt, daß es nicht
im geringsten lachen konnte, nicht einmal lächeln; und lächeln konnte
die Löwenkröte, wenn auch nur ziemlich mühsam. Bei näherer Überlegung
bedachte sie aber, daß die Narren mitunter gescheitere Einfälle haben,
als sie selber in ihrer Narrheit wissen. Vielleicht verstand sich das
heilige Kameel im stillen wirklich sehr gut aufs Lachen und hatte
sich’s nur abgewöhnt aus irgend einem triftigen Grunde. Also begab sie
sich auf den Weg nach dem Tempel, wo das Kameel sich verehren ließ.
Das heilige Tier erschrak nicht wenig, als es das fremde Untier
erblickte. Dann jedoch witterte es wohl, daß sich das bunte Riesenvieh
in freundlicher Absicht näherte, dachte wohl auch an das schützende
Gittertor, steckte daher den Kopf heraus und fragte von oben herab
feierlich: Was wünschen Sie?
Die Löwenkröte, da sie nicht zu befürchten brauchte, von dieser ernsten
Person belächelt zu werden, erwiderte treuherzig: Ich möchte gern
wissen, Euer Hochehrwürden, wie ich wohl lachen lernen kann.
Das heilige Kameel, das wohl nicht recht gehört zu haben glaubte, oder
nicht wußte, ob es die Frage ernst nehmen sollte, steckte den Kopf noch
ein bißchen weiter heraus und fragte noch feierlicher: Wie meinen Sie?
Da brüllte die Löwenkröte: +lachen+! ich will +lachen+
lernen, Ehrwürden! Und nun zog das Kameel rasch den Kopf zurück; denn
nun wußte es, daß es ernst gemeint war.
Es besah sich durch die Gitterstäbe die unwirsche Mißgeburt genauer,
nahm eine teilnehmende Miene an, wobei es seinen höckrigen Rücken
noch etwas krummer machte als sonst, und bog und wiegte den langen
Hals nachdenklich hin und her. Dann sagte es noch viel feierlicher:
Besänftige dich, betrübte Seele! Da wird uns der Himmel auf meine Bitte
wohl an den Weg der Erleuchtung führen. Da wirst du entweder ganz ein
Löwe oder ganz eine Kröte werden müssen.
Das hab ich schon selbst gewußt -- knurrte die Löwenkröte. Aber wie hab
ich das anzufangen?!
Das heilige Kameel bog nochmals den Hals gewichtig hin und her, machte
den Buckel noch krummer und sagte: Auch dazu wird uns das himmlische
Licht den rechten Weg der Erleuchtung weisen. Da wirst du aber dem
gütigen Himmel erst eine kleine Opfergabe darbringen müssen. Du darfst
sie einstweilen zu meinen Füßen, der ich der Diener des Lichtes bin,
vor diesem Gittertor niederlegen.
Die Löwenkröte besann sich ein bißchen, was sie dem Himmel wohl
Wohlgefälliges darbringen konnte, und fragte dann schüchtern: Willst du
vielleicht ein paar Giftschlangenköpfe? ich habe heut Mittag ein ganzes
Nest voll getötet.
Nein -- sagte das heilige Kameel und schüttelte sich von oben bis
unten -- Giftschlangen sind hier nicht am Platze, insonderheit keine
getöteten; denn des Himmels Gnade läßt auch die Giftschlangen leben.
Aber zuweilen sollen sich in den Nestern der Schlangen kostbare
Edelsteine finden; wenn du deren vielleicht eine kleine Portion geraubt
haben solltest, die würden dem Himmelslicht angenehm sein! -- Und ganz
verklärt verdrehte das heilige Tier bei diesen Worten seine Augen.
Da fiel der Löwenkröte ein, daß ihr am Mittag, als sie den Schlangen
die Köpfe abbiß, etwas sehr Hartes ins Maul geraten war, das sie nicht
hatte zerknacken können, und das ihr noch immer im Rachen steckte. Das
spie sie nun schleunigst durch das Gitter dem Diener des Lichtes vor
die Füße.
Das Kameel, als ihm der heftige Strahl so plötzlich
entgegengeschleudert wurde, tat erst wieder einen entsetzten Satz.
Als es aber vor sich im nassen Sande den großen Edelstein funkeln
sah, gewann es seine Fassung zurück, nahm wieder eine würdige Haltung
an und sprach mit gnädiger Halsneigung: Es ist zwar nur ein einziger
Edelstein, aber dem Himmel ist auch Geringes willkommen, wenn es aus
willigem Herzen kommt; ich werde für deine Erleuchtung beten.
Also werd’ich nun endlich Antwort kriegen? brauste die Löwenkröte auf,
die schon vor Ungeduld zitterte.
Sobald ich gebetet habe -- sprach das Kameel und zog sich etwas tiefer
in seine Zelle zurück, den Edelstein mit dem Fuß an sich scharrend.
Dann ließ es sich umständlich, wie die Kameele zu tun pflegen, auf
beide Vorderkniee nieder, den Höcker so krumm wie nur möglich machend,
und die Löwenkröte mußte warten, obgleich ihr die Mähne schon schwoll
vor Zorn. Endlich erhob sich das heilige Tier, blieb weihevoll im
Hintergrund stehen und sagte mit prophetischer Stimme: Der Himmel hat
mein Gebet erhört. Er läßt dir durch seinen Diener sagen: wenn du
wissen willst, wie dein Leib sich verwandeln soll, damit deine Seele
zum Preise des Lichtes lachen lerne, dann mußt du dich auf den Weg
machen und entweder die Löwen oder die Kröten danach fragen --
Aber das wollt ich ja grade nicht! brüllte die Löwenkröte verzweifelt.
Warte, du ruppiges buckliges Biest! Und damit sprang sie in voller Wut
gegen das Tor der Tempelzelle.
Aber auf solche Überfälle mußte dies wohl schon eingerichtet sein;
denn trotz ihrer Riesenkräfte vermochte die wütende Löwenkröte das
eiserne Gitter nicht zu sprengen, nur ein paar Stäbe verbogen sich. Und
das Kameel blieb ruhig im Hintergrund stehen, besah sich das rasende
Ungetüm, als könne es dessen Grimm nicht begreifen, und sagte nur mit
tiefster Entrüstung: du undankbare Kreatur! Dann wandte es langsam dem
Gitter den Rücken zu, und die Löwenkröte hatte den Eindruck, als ob
sich’s nun wirklich im stillen die Hucke voll lachte.
Das brachte sie wieder zur Besinnung. Und da ihr nichts andres mehr
übrig blieb, faßte sie jetzt in der Tat den Entschluß, bei den
gewöhnlichen Löwen und Kröten so höflich wie möglich ihr Glück zu
versuchen. Ihr braves Krötenherz schämte sich schon des löwenhäuptigen
Wutanfalls, und sie verzieh dem gekränkten Kameel seine unerträgliche
Redseligkeit. Vielleicht hatte es doch sein dummes Getue von A bis Z
völlig ernst gemeint und hielt sich nur in seiner Dummheit für einen
Ausbund von himmlischer Weisheit.
Mit solchen Gedanken kam sie an den Sumpf, in dem die Riesenkröten
hausten, und hörte richtig schon von ferne ihr glucksendes Lachen
durchs Röhricht tönen. Halt! sagte sie sich in ihrem Löwensinn: da
brauch ich vielleicht erst garnicht zu fragen, sondern sehe, was sie so
fröhlich macht.
Vorsichtig schlich sie im Röhricht näher und spähte durch die
dichten Halme. Da saß eine ganze Krötengesellschaft um ein riesiges
Wasserpflanzenblatt, auf dem es von kleinen Schnecken und Würmern,
Maden und Schlammkäfern wimmelte, und die Kröten glucksten vor
Vergnügen über die fette Abendmahlzeit und patschten sich die feisten
Bäuche, daß der Sumpfboden davon wackelte.
Nein! dachte unser trauriges Untier in seinem vornehmen Löwensinn:
Wenn +das+ ihre ganze Freude ist, dann will ich lieber darauf
verzichten; das ist denn doch zu ekelhaft! -- Also beschloß es, die
Löwen aufzusuchen.
Inzwischen war die Nacht angebrochen, und im Urwald herrschte bereits
tiefe Stille, sodaß die Löwenkröte schon meinte, den Besuch bis morgen
aufschieben zu müssen. Aber es war eine helle Mondnacht, und plötzlich
erscholl durch die Dämmerung ein so gewaltig donnerndes Lachen, daß es
nur von mehreren Löwen herrühren konnte, und zugleich ein jämmerliches
Geschrei.
Unser Untier kroch durch das dunkle Dickicht so rasch wie möglich der
Stelle zu, wo der seltsame Lärm sich erhoben hatte, und kam an eine
schmale Lichtung, die ganz verklärt vom Mondschein war. Da sah es nun,
wie vier große Löwen einen armen Affen an Händen und Beinen gepackt
hielten und ihn so bei lebendigem Leibe in vier Stücke zerreißen
wollten. Der schnitt natürlich mit seinem Gesicht die fürchterlichsten
Grimassen dabei, und das machte den Löwen solchen Spaß, daß sie wieder
ihr brüllendes Lachen ausstießen und so den Gequälten ein wenig locker
ließen; der schrie dann natürlich noch jämmerlicher, worauf sie noch
gräßlicher an ihm rissen und dazwischen wieder laut loslachten.
Unser Untier konnte nicht länger still zusehn; sein gutmütiges
Krötenherz empörte sich schließlich bis in sein wildes Löwengehirn,
und plötzlich sprang es mit einem Gebrüll, wie noch nie eins im Urwald
erschollen war, mitten hinein in den scheußlichen Knäuel. Erst schlug
es den armen Affen tot, daß der sich nicht länger zu quälen brauchte;
dann fuhr es mit seinen klotzigen Tatzen auf die verdutzten Löwen los.
Der eine hatte vor Schreck gleich Reißaus genommen; die andern drei
merkten nach einigem Katzbalgen, oder wußten auch schon von Hörensagen,
daß sie der bunten Panzerhaut der Löwenkröte nichts anhaben konnten,
und zogen sich nach etlichen Maulschellen, die sie weniger ausgeteilt
als empfangen hatten, mit respektvollem Grunzen ins Dickicht zurück.
Da saß nun das siegreiche Ungetüm in der vom Mondschein verklärten
Lichtung neben der blutigen Affenleiche; und da auf einmal -- wie
ihr euch denken könnt -- ging ihm durch Herz und Hirn zugleich eine
unendliche Erleuchtung. Es konnte zwar immer noch nicht lachen; aber
mit einem Lächeln gen Himmel, das jeder Traurigkeit hellen Hohn sprach,
ergab es sich in sein Untierschicksal, gern eine Löwenkröte bleibend.
Und auch die Affen sind Affen geblieben, die Papageien Papageien, und
das heilige Kameel ein Kameel.
Die Geschichte vom alten Wodtke und Michel Krist
oder der Weg über den Balken
Eine Geschichte die wirklich einmal geschehen sein soll
Nämlich, Jungens -- die Leute waren schon jahrelang unzufrieden mit
dem alten Wodtke, alle Leute in der ganzen Gegend. Er aber saß oben
auf seinem Berge, in seinem einsamen Wärterhäuschen, und kümmerte sich
nicht darum.
Eigentlich hätte er tun müssen, was die Leute unten im Land verlangten;
so wenigstens meinten diese selber, besonders die reichen unter ihnen,
denn die hatten ihn angestellt. Er sollte die große Wasserleitung
in Ordnung halten, die oben auf dem Berge lag, und deren Röhren
hinabliefen in alle Felder und Wiesen und Bauernhöfe, um alle richtig
mit Wasser zu versorgen. Und er hielt sie auch ganz gut in Ordnung;
aber wenn einer mal viel Wasser brauchte, dann meinte der Nachbar, er
kriege zu wenig, oder wenn dieser nun nachbekam, dann schrieen alsbald
die andern Nachbarn, das sei die reine Überschwemmung, und schließlich
wars keinem recht gemacht.
Darum hatte der alte Wodtke sich eines Tages anders besonnen: hatte den
Leuten den Zutritt versperrt zu seinem amtlichen Gebiet und kümmerte
sich um Niemandes Wünsche mehr. Sondern er saß da hinter seinem Zaun,
zwischen den mächtigen Wasserbecken, die in Terrassen über einander
lagen; und auf der obersten Terrasse, mitten im größten der großen
Becken, stand wie ein Turm sein steinernes Häuschen, zu dem nur ein
langer schmaler Balken über das stille Wasser führte. Von dort aus
besah er mit seinem einen Auge -- denn auf dem andern war er blind
-- durch ein Fernrohr die ganze Gegend, die Dörfer und das flache
Land, bis dahin wo die Wälder anfingen und bläulich in den Himmel
verschwanden, und ließ zu jedermann soviel Wasser laufen, wie’s ihm von
oben gut und nötig schien.
Das gab nun zuerst einen wahren Aufstand unter den Leuten ringsherum,
obgleich sie im ganzen nicht schlechter versorgt wurden, vielleicht
sogar etwas besser als früher; doch weil sie nicht mehr dreinreden
durften, fühlte sich jeder zurückgesetzt, und kamen in hellen Haufen
herauf und wollten das Wärterhäuschen stürmen. Je näher sie aber
an den Zaun kamen, umso stiller und stiller wurden sie; die großen
Wasserbecken, die alle den Himmel spiegelten, lagen da so feierlich,
daß sich keiner mehr laut zu reden traute. Blos etwa ein Dutzend der
ärgsten Murrer, die kletterten dennoch über den Zaun und näherten sich
dem einsamen Turm.
Der alte Wodtke stand ganz ruhig in seiner weitgeöffneten Türe, blickte
erst auf die Leute drüben, dann auf den langen Balken vor sich, und
lachte in seinen grauen Bart; hinter ihm blitzten die hundert Hähne und
Drehklinken der Leitungsröhren. Da merkte das Dutzend Störenfriede,
daß man nur einzeln hinüberkommen könne; und wie der Alte sein eines
Auge funkelnd von Mann zu Mann richtete, hatte keiner den Mut dazu.
Und plötzlich erhob sich in dem Turm ein seltsames Kreischen und
Gekrächze, daß jeder verwirrt in den Himmel glotzte; worauf der Alte
ihnen den Rücken wandte und schließlich alle froh waren, daß sie zum
Zaun zurücklaufen konnten. Dort sagten sie den Wartenden, es gehe hier
nicht mit rechten Dingen zu, der alte Wodtke habe den Zauberblick und
stehe mit bösen Geistern im Bunde; und also zog der ganze Haufen wieder
hinunter ins flache Land.