so hold, wie der Prophet den Mond

aus Allahs Zitadelle schwingt

und dann beim goldnen Sternetanz

feucht aus dem Mund der schönsten Huri

die Honigkaramelle schlingt --

so, Fee der tausendzweiten Nacht,

die uns zu Deiner Schwelle zwingt,

so hält uns dein Palast im Bann,

bis deinen bunten Zauberteppich

die rosige Morgenhelle schminkt --

bis uns das ganze Firmament

wie eine Wunderschelle klingt,

bei deren Ton das Paradies

samt allen Wonnen dieser Erde

in jede ärmste Zelle sinkt! --

Aber der Onkel bekam den Preis nicht. Tante Li erklärte mit strenger

Miene das Gedicht für „unverständlich“; und die Ursel merkte, wie

sich die beiden Heinze unterm Tisch mit den Beinen anstießen, und daß

der Lux dem Peter was ins Ohr flüsterte, worin das Wort „unanständig“

vorkam. Da fuhr sie aber entrüstet dazwischen: „Was! Ihr? Erst

vorgestern hab ich euch alle beide an meinem Bonbon mitlutschen lassen,

und das hat euch sehr nach mehr geschmeckt! Und überhaupt sind die

Gedichte von Onkel Ri genau so verständlich, wie die von Onkel Goethe

und Schiller! Und Tausendundeine Nacht hab ich auch gelesen!“ Die

Heinze waren krebsrot geworden, und der Peter brummelte: „dummes Jöhr!“

Aber die Tante legte ihm die Hand auf den Mund, und mit der andern Hand

fuhr sie der Ursel liebkosend über die heißen Backen. Dann sagte sie zu

Onkel Ri, der still in sein Punschglas hineinlachte: „Es ist aber gegen

die Spielregel, daß du uns hier mit Versen den Kopf verdrehst; also

hat diesmal keiner gewonnen. Von jetzt an wird wieder blos zehn Minuten

gedichtet, und in ebenso einfacher Sprache, wie Schehresade gedichtet

hat. Ich glaube, das Einfache ist das Schwerste; andre Schwierigkeiten

sind überflüssig. Wers am einfachsten kann, krigt das nächste Licht.“

Die zehn Hauptwörter lauteten nun: +Trauerweide+, +Vogel+, +Rock+,

+Hütte+, +Arbeit+, +Spieldose+, +Kinderjubel+, +Pfauenauge+, +Prinz+,

+Bettler+. Und wirklich: die Ursel wurde zur rechten Zeit fertig, sogar

schon eine Minute zu früh, während Onkel Ri mit gerunzelter Stirn noch

allerhand verbesserte und die beiden Buben noch lauter Unsinn klierten.

O, wie sie die Bengels verachtete! besonders aber den frechen Heinz

Lux! Freilich, das Licht gewann sie drum doch nicht. Sondern, wie sie

sichs schon gedacht hatte, da der Onkel sich solche Mühe gab: die Tante

holte ihm selbst das Licht, er hatte eine richtige Fabel gedichtet:

Neben einer Hütte stand eine Trauerweide; darunter saß ein alter Mann

und flickte seinen zerlumpten Rock. Da flog ein Pfauenauge vorüber,

ohne daß der Mann es bemerkte; und aus der Krone des Baumes kam ein

Vogel und verfolgte den Schmetterling. Zugleich begann im Innern der

Hütte eine Spieldose zu klingen, so entzückend wie ferner Kinderjubel,

sodaß der Mann von seiner Arbeit aufsah, und da verschlang der Vogel

den Schmetterling. Der Mann aber, der das mitansah, dachte: Weil ich

ein alter Bettler bin, möchte ich sterben wie dieses Pfauenauge; wenn

ich ein junger Prinz wäre, wollte ich leben wie dieser Vogel.

Die nächste Aufgabe hörte sich lustiger an. Sie bestand aus den

Wörtern: +Löwe+, +Strohwisch+, +Strumpfband+, +Tür+, +Bart+, +Igel+,

+Hampelmann+, +Tintenwischer+, +Badehose+, +Käsestulle+. Da machte die

Ursel sich wenig Hoffnung; da würde gewiß der ulkige Peter gewinnen. Er

kam auch gleich als erster zum Vorlesen dran, und seine Geschichte war

wirklich gelungen:

Einst schlief ich am Weihnachts-Heiligabend über meinen Spielsachen

ein. Nach etlicher Zeit erwachte ich und sah das Zimmer in sehr

verändertem Licht. Die Wände waren blutrot tapeziert, und durch den

Fußboden floß ein blanker, durch und durch himmelblauer Fluß, an

dem lauter knallgrüne Bäume standen, einer genau wie der andere.

Auf einmal öffnete sich die Tür, und mein alter Hampelmann trat mir

entgegen, in einer nagelneuen Uniform, und hinter ihm her ein ganz

Regiment Soldaten. Die Soldaten waren aber nicht etwa Bleisoldaten,

sondern Igel in Kürassier-Uniform, die auf gepanzerten Löwen ritten.

Es sollte großes Manöver sein; darum hatte sich jeder Igel an seiner

Waffe einen Tintenwischer oder auch Strohwisch angebracht, um nur ja

niemand zu verletzen. Jeder Löwe hatte außer dem Panzer noch eine

Badehose an, von der ein Strumpfband als Ordensband herabhing. Nun gab

der Hampelmann ein Zeichen, und die Soldaten stellten sich zu beiden

Seiten des Flusses auf, schlugen sich und schossen sich und machten

kolossal viel Musik dazu. Bald darauf war Frühstückspause, und jeder aß

eine Käsestulle. Ich hatte mich immerfort geärgert, daß mein Hampelmann

als Soldat keinen Schnurrbart trug. Jetzt in der Pause bemerkte ich

plötzlich, daß ihm aus seinen Nasenlöchern ein riesenhafter „Es ist

erreicht“ wuchs. Davon krigte ich solchen Schreck, daß ich nun wirklich

aus meinem Traum erwachte.

Die beiden Heinze sahen sehr siegesbewußt aus, denn Onkel Ri hatte

mehrmals Beifall genickt, und der Lux war natürlich sofort bereit, dem

Peter seine Stimme zu geben. Aber ihre Gesichter veränderten sich, als

jetzt die Tante ihre Geschichte vorlas:

Mitten in der Nacht, denkt mal, erscheint neulich bei verschlossener

Tür ein Hampelmann vor meinem Bett. Kinder, Kinder, wie sah der aus!

Ein grüner Bart -- denkt nur: ein grüner Bart -- hing ihm von den

Augenwimpern bis auf sein gelbes Strumpfband herab, das er aber nicht

ums Bein, sondern um den Hals trug. Von seiner übrigen Kleidung läßt

sich wenig erzählen, denn er hatte nichts weiter an als eine weiße

Badehose. Und auf was kam das Männlein dahergeritten? Ihr denkt auf

einem Strohwisch? Falsch. Ihr denkt auf einem Igel? Noch falscher.

Auf einem Löwen kam er daher! Aber der Löwe war so sanft, als hätte

er niemals Menschen und Tiere gefressen, sondern als wäre er mit

Käsestullen großgefüttert worden. So glich denn auch sein Haarschmuck

mehr einem Tintenwischer, als einer königlichen Mähne. Aber jetzt

öffnete er seinen Rachen; sogleich riß der Hampelmann auch seinen

Mund auf, beide rollten wie rasend die Augen, sie verknäulten sich

ineinander, und ich wüßte meiner Treu nicht zu sagen, ob der Löwe den

Hampelmann oder der Hampelmann den Löwen verschlungen hat, denn schon

im nächsten Augenblick war von Beiden keine Spur mehr übrig.

Heinz Peter erklärte ritterlich, dagegen sei seine Geschichte ein

Quark; und nun stimmte der Lux auch für Tante Li. Aber da sagte Onkel

Ri, indem er lächelnd sein eignes Blatt zerriß: „Aber Peters Geschichte

ist einfacher!“ Worauf die Tante ebenso lächelte und ihre Stimme dem

Peter gab. Also stand die Entscheidung bei der Ursel, und sie ging

schon mit sich zu Rate, ob sie wirklich großmütig sein und als dritte

für ihn stimmen sollte, als er plötzlich großspurig auftrumpfte, er

wolle nicht aus Gnade gewinnen. Worauf der Onkel ihm erst die Schulter

klopfte und ihm dann das Punschglas gefüllt zurückgab. „Da also“,

fügte der Onkel hinzu, „wieder keiner gewonnen hat, wollen wirs jetzt

noch einfacher machen, d. h. so schwer wie irgend möglich. Außer den

ausgegebenen Wörtern darf kein anderes Hauptwort benutzt werden; jedes

aufgegebene Wort darf nur einmal verwendet werden und nur in der

vorgeschriebenen Reihenfolge. Je knapper die Sätze sind, desto besser.“

Die Ursel war nahe daran, zu weinen; der Onkel Ri hatte sicher

gemerkt, daß sie den Bengels den Sternpreis nicht gönnte, darum

stellte er so verschmitzte Spielregeln auf, die ihr den Kopf ganz

wirblig machten. Und noch dazu wurden auch diesmal wieder lauter

Ulkwörter vorgeschlagen; sogar sie selber nannte solche, sie wußte

garnicht wieso eigentlich. Die zehn Wörter standen in folgender

Reihe: +Elefantenküken+, +Ballettdame+, +Aquavit+, +Hundekuchen+,

+Stricknadel+, +Menschenfeind+, +Rosenkranz+, +Pfropfenzieher+,

+Monokel+, +Kiste+. Da konnte doch wirklich kein artiges Mädchen,

das eine richtige Dame werden wollte, einen vernünftigen Sinn

hineinbringen. Trotzdem brachte sie zu ihrem Erstaunen eine ganz

hübsche Schnurre zustande, worin das Elefantenküken, die Ballettdame

und der Menschenfeind mit all den andern Dummheiten in eine große Kiste

gepackt und so lange geschüttelt wurden, bis der Menschenfeind sich zu

bessern versprach. Sowohl der Onkel wie die Tante waren sehr zufrieden

damit; blos das Wort Menschenfeind hatte sie zweimal gebraucht. Und das

Licht gewann doch der Peter Heinz, er trug im Leutnantston Folgendes

vor:

Äh, wissen schon? Elefantenküken. Äh: verliebt in Ballettdame. Sie

abjeschnappt, er sich in Aquavit besoffen und Hundekuchen dazu

jefressen; äh, mit Stricknadeln notabene, janz verrückt. Menschenfeind

dabei jemimt: äh, Rosenkranz jebetet, Pfropfenzieher jeschluckt,

Monokel injeklemmt, krepiert. Dolle Kiste.

Da mußten sie alle so kreuzvergnügt lachen, daß er einstimmig das

vierte Licht bekam. „Und nun,“ sprach der Onkel Ri mit erhobenem

Zeigefinger, „nachdem wir nun zur Genüge gelernt haben, worauf es bei

dem Dichterspiel ankommt, darf sichs jeder wieder so leicht machen,

wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nur muß es nachher auch allen

Andern ebenso leicht in den Schnabel passen; das nämlich ist das

Allerschwerste. Und deshalb darf sich diesmal jeder zwanzig Minuten

Zeit lassen.“ Aber das ließ die Ursel nicht gelten; was sollte

denn der Lux von ihr denken! „Höchstens fünfzehn Minuten,“ rief sie

beharrlich; denn sie wußte sehr wohl, daß Onkel Ri blos ihretwegen

zwanzig vorschlug, und daß die Buben sie beim Nachhauseweg immerfort

damit foppen würden. Und dann nahm sie sich so mächtig zusammen, daß

sie garnicht mehr an den Sternpreis dachte und schon nach neuneinhalb

Minuten als allererste fertig wurde. Die ausgegebenen Wörter hießen:

+Bücherschrank+, +Drehorgel+, +Roastbeef+, +Schnapsflasche+,

+Radieschen+, +Blauschwänzchen+, +Kirchturm+, +Gemüsewagen+,

+Puppentheater+, +Glasfabrikation+. Und siehe da: das fünfte Licht

wurde auf Antrag der beiden Heinze einstimmig der Ursel zugesprochen.

Ihre Geschichte lautete:

Ein Blauschwänzchen hatte Freundschaft mit einem Radieschen

geschlossen. Sie waren aber beide sehr arm, und das Blauschwänzchen

litt manchmal großen Hunger. Das Radieschen, dessen Kusinen öfters auf

dem Gemüsewagen zur Stadt gefahren waren, sagte zu dem Blauschwänzchen:

Fliege doch auch mal in die Stadt, da gibt es Roastbeef und Leipziger

Allerlei. Aber das Roastbeef war zu grob für das Blauschwänzchen, und

das Leipziger Allerlei war versalzen. Da wollte es sich bei einem

Puppentheater als Singvögelchen anstellen lassen; aber es kam nur ein

Mann mit einer Schnapsflasche, und eine Drehorgel wurde gespielt, und

auf der Bühne stand ein Bücherschrank, aber zu essen gab es nichts.

Der Mann war der Theaterdirektor und sagte zu dem Blauschwänzchen: Ich

rate dir die Glasfabrikation zu erlernen, dabei kann man viel Geld

verdienen und sich die feinsten Sachen kaufen. Aber die Glasfabrikation

war für das Blauschwänzchen eine viel zu heiße Arbeit. Da flog es

auf den Kirchturm hinauf und sah sich nach allen Seiten um und flog

wieder zurück aufs Feld; und weil es noch immer hungrig war, fraß es

das kleine Radieschen auf. Als es aber damit fertig war, fiel dem

Blauschwänzchen plötzlich ein, daß das Radieschen sein Freundchen

gewesen war; und nun grämte es sich so sehr, daß es wie unsinnig hin

und her flog und sich endlich zu Tode flog. Dicht bei dem Kirchturm in

der Stadt ist es aus der Luft heruntergefallen.

Die Ursel konnte es garnicht fassen, daß die Andern die Geschichte so

lobten. Und kaum hatte der Heinz Lux ihr das Licht geholt, als die

Uhr Mitternacht zu schlagen anfing, und draußen auf der Straße wurde

„Prost Neujahr“ gerufen. Nun stießen sie alle mit den Punschgläsern

an, und da fiel der Ursel der Sternpreis wieder ein, denn nun wurde ja

gleich der Weihnachtsbaum geplündert. Merkwürdig, daß ihr jetzt auf

einmal garnichts mehr an dem Leckerkram lag; es war doch eigentlich

das Schönste, daß schließlich jeder gesiegt hatte. Aber da sprach der

Onkel Ri: „Jeder von uns, meine Herrschaften, hat heute Abend ein Licht

gewonnen, aber die Ursula ist die Jüngste und weiß noch am wenigsten

von der Welt; also hat sie am meisten aus sich selbst ersonnen, und

deshalb gebührt der Sternpreis ihr.“

Und als nun die Heinze ganz ehrlich Beifall klatschten, da stieg ihr

die Glückseligkeit so siedend heiß in die Augen hoch, daß sie der

Tante Li um den Hals fiel, damit die Andern das Tränchen nicht sehen

sollten. Und sie nahm sich vor, die leckersten Zacken beim Nachhauseweg

den Buben zu geben, besonders aber dem frechen Heinz Lux, den sie doch

eigentlich garnicht leiden konnte.

Der Allerseelenspiegel

Eine Traumgeschichte

Es fing schon an dunkel zu werden, und Liselotte saß noch immer ganz

alleine in dem großen Hause, in dem es so schaurig nach Essig roch und

weißen Blumen. Denn vorgestern Nacht war der Großvater gestorben, und

jetzt waren Alle hinaus nach dem Friedhof, um ihn begraben zu helfen;

darum saß sie allein.

Sie fürchtete sich aber garnicht. Denn sie war schon fast sieben Jahre

alt, und Großvater hatte immer gesagt: wer sich fürchtet, der kommt

nicht in’n Himmel.

Blos hungern tat sie ein bißchen. Aber von Tante Agathens Topfkuchen,

der in der dunklen Stube stand, mochte sie lieber nichts nehmen heute:

weil alles so sehr nach Essig roch. Also sah sie zum Fenster hinaus.

Sie traute sich aber nicht aufzumachen: weil sonst auch der schöne

Blumengeruch mit wegging. Darum legte sie nur das Kinn auf das

Fensterbrett, und sah hinunter über den Fluß, und drüben den schwarzen

Bergwald hinauf, wo oben der runde Mond schon glänzte, ganz still wie

ein Spiegel.

Wenn der nun auf einmal herunterrollte! den hohen Berg und ins Wasser.

Denn Großvater hatte immer gesagt, es sei gar kein Spiegel; es sei eine

schwere steinerne Kugel, viel schwerer als ein Zentner.

Die würde dann also alles totschlagen: die Bäume, die Schiffe und die

Häuser, und Großvaters Lehnstuhl, in dem sie saß. Und Liselotte machte

die Augen zu: weil sie sich doch nicht fürchten wollte.

Denn er konnte ja garnicht herunterrollen. Er war ja festgebunden an

den Himmel, vom lieben Gott, mit unsichtbaren Ketten.

Wenn er nun aber +doch+ herunterrollte? -- Da faltete sie die

Hände zusammen, und machte die Augen noch fester zu, und betete

heimlich ein Lied, das Großvater ihr gedichtet hatte:

Ich heiße Liselotte,

ich will zum lieben Gotte.

Ach, Mondchen, leuchte mir empor

und öffne mir das Himmelstor,

ich bin so sehr alleine!

Ich will dir auch was schenken:

lila Bulabenken.

Die wachsen hinter Wundertal

alle hundert Jahre mal;

such, dann sind sie deine!

Und als sie das gebetet hatte, kam ihr der Mond auf einmal so

wunderlich vor, daß sie die Augen garnicht mehr aufmachen mochte, wie

im Traum. Ganz hell und offen stand der goldne Kreis da oben, daß man

nur einfach hineinzugehn brauchte, dann war man im Himmel.

Blos großen Hunger mußte er auch wohl haben; noch größeren als sie

selber. Denn solchen großen dunkeln Mund, wie er in seinem blanken

Gesicht jetzt machte, hatte sie nie im Leben gesehen.

Aber von Tante Agathens Topfkuchen konnte sie ihm doch wirklich nichts

bringen; da waren ja nicht einmal Mandeln drin. Also nahm sie ihr neues

Handkörbchen mit, das silberne, und ging durch den Garten die Gasse

hinunter, wo der Konditor Friedrich Zerwes wohnte, und kaufte zwei

Stückchen frische Nußtorte; davon wollte sie ihm eins abgeben.

Als sie nun immer weiter wanderte, über die Brücke den Berg hinauf, kam

sie auch an dem Friedhof vorbei, in dem der Großvater begraben lag;

dicht neben Mutterchen, hatte Vater gesagt. Und auch ihr Schwesterchen

Liselore lag da; das hatte sie aber nicht mehr gekannt. Und als

sie durch das dunkle Gittertor sah, da brannten lauter Lichter auf

all den Gräbern, und weiße Blumen blühten dazwischen, denn es war

Allerseelentag.

Da wollte sie schnell noch erst nachsehen, ob Großvaters Seele wirklich

noch lebte; denn neulich hatte er ihr erzählt, daß man die Seele nicht

mitbegraben könne. Aber da suchten schon so viel fremde Leute nach

Seelen, daß sie sich zwischen den tausend Lichtern verirrte; und als

sie endlich müde beiseite ging, da war auch der Mond oben weggegangen,

und Keiner kümmerte sich um sie.

So stand sie traurig mit ihrem Körbchen im Dunkeln, da wo die Gräber

der Armenkinder sind, und wollte fast schon zu weinen anfangen, so sehr

alleine war ihr zumute.

Auf einmal regte sich etwas hinter ihr, und als sie erschrak und sich

umdrehte, kam zwischen den Gräbern ein kleines Mädchen auf sie zu, mit

einem geflickten Röckchen an und einer lila Schürze darüber. Das hatte

solche goldigen Augen, daß Liselotte im stillen dachte: noch schöner

als mein silbernes Körbchen.

Das arme Mädchen aber sprach leise: ich habe nichts weiter für mein

Schwesterchen -- und dabei holte es unter der Schürze einen kleinen

kreisrunden Spiegel hervor und stellte ihn auf ein kahles Grab.

Da wollte doch Liselotte sie trösten, und streichelte freundlich den

kleinen Hügel und kniete wie sie vor dem Spiegelchen nieder. Als sie

nun aber hineinblickte so: siehe, da waren die tausend Lichter des

ganzen Friedhofs darin zu sehen, und alle die weißen Blumen dazwischen,

daß ihr das Körbchen fast hinfiel vor Staunen, und war Ein Glanz und

Eine Herrlichkeit.

Das arme Mädchen aber lächelte nur und nickte Liselotten still zu;

und ganz glückselig zeigten sich beide, wie reich nun das Grab des

Schwesterchens war, viel reicher als irgend ein anderes.

Und manchmal kamen auch fremde Leute vorbei; die merkten, wie sehr sie

sich freuten zusammen, und wollten nun sehen, warum und wieso, und

bückten sich neugierig über das Hügelchen.

Aber mit ihren dicken Köpfen, sobald sie dem Spiegel zu nahe kamen,

sahen sie nichts als ihr eignes Gesicht, als ob sie selbst da im Grabe

säßen, bis an den Hals. Da krigten sie Furcht vor dem armen Mädchen,

und alle liefen rasch wieder weg.

Blos Liselotte, die niemals sich fürchtete, blieb wie im Himmel neben

ihr sitzen, und strich ihr das Röckchen glatt und sagte: Wie wird sich

nun aber dein Schwesterchen freuen, daß alle Seelen vom ganzen Friedhof

in ihrem Spiegel beisammen sind! Mein Großvater ist auch darunter! und

Mutterchen!

Dann machte sie heimlich ihr silbernes Körbchen auf und wollte die

Nußtorte mit ihr teilen, und dabei fragte sie: Wie heißt du denn?

Da lächelte wieder das arme Mädchen, und blickte noch goldiger vor sich

hin, und sagte leise, als ob sie träumte:

Ich heiße Liselore.

Ich komm vom Himmelstore.

Ich sah mein Schwesterchen hier stehn,

es wollte in den Mond hingehn,

es stand so sehr alleine.

Es wollt dem Mond was schenken:

lila Bulabenken.

Komm, Schwesterchen, nach Wundertal

in den Allerseelensaal:

sieh, nun sind sie deine!

Und während sie das sagte, war sie aufgestanden, und hatte ihr lila

Schürzchen abgebunden, und schwenkte es hoch im Kreise mit beiden

Händen über sich. Und plötzlich war sie gar kein kleines Mädchen mehr,

sondern eine große lila Blume; die neigte sich tief zu Liselotte

hernieder und nahm sie mit den Blättern zu sich hoch und setzte sie

sanft in ihren Blütenschooß.

Und als nun Liselotte nach dem Spiegelchen sah, da wurde es größer und

immer größer, viel größer als der Mond vorhin, und stand weit offen

wie ein goldener Saal, und drinnen bewegten sich leuchtende Säulen;

die waren durchsichtig wie Lichter im Wasser, viel tausend tausend und

immer mehr, als ob sie mit einander tanzten. Und plötzlich schrie sie

laut auf vor Schreck und mußte weinen vor Seligkeit; denn ganz weit

hinten kam auch ihr Mutterchen her und leuchtete heller als alle die

andern.

Und als sie die Augen noch weiter aufmachte, stand Vater im Mondschein

neben Großvaters Lehnstuhl, und Tante Agathe wischte die Tränchen vom

Fensterbrett, und Alle lobten die kleine Liselotte, wie schön allein

sie zuhause geblieben war, und daß sie sich garnicht gefürchtet hatte.

Kleinkindergeschichten

1) Tippel und Tappel

Ist euch schon einmal langweilig zumute gewesen? Dann paßt mal auf, wie

lustig man mit sich selber spielen und sich die Zeit vertreiben kann!

Auf dem Dachsfell vor Großvaters Schlafstube saß der kleine Peter, und

hatte seine Schuhchen ausgezogen, und besah sich seine dicken, drallen,

rosablanken Beinchen mit den blau und rot gestreiften Socken dran. Auf

einmal aber waren es gar keine Beinchen mehr, sondern er legte sich auf

den Rücken und hob sie in die Luft, da waren es zwei große richtige

Soldaten, und der eine hieß Tippel, der andere Tappel.

Tippel hatte eine rote Nasenspitze, und Tappel eine blaue; denn sie

waren eben erst von draußen gekommen, und draußen war es furchtbar kalt.

Nun kommandierte der kleine Peter: rrührt euch, marrsch -- ganz wie der

große Herr Leutnant auf dem Exerzierplatz. Und da schwenkte erst Tippel

die rote und dann Tappel die blaue Nasenspitze hin und her, und hatten

wunderschöne blau und rot gestreifte Jacken an, und Peter kommandierte

immerfort: rrechts schwenkt, llinks schwenkt -- rechts schwenkt,

marsch! --

Das ging so eine ganze Weile lang; bis Tippel und Tappel wütend wurden.

Denn sie waren währenddem warm geworden, und waren nun beide eigentlich

müde, und wollten dem kleinen Peter nicht mehr recht gehorchen. Also

fingen sie an zu zappeln und zu strampeln.

Halt! schrie da plötzlich der kleine Peter, ganz wie der große Herr

Leutnant auf dem Exerzierplatz. Denn er war nun auch warm und wütend

geworden und wollte Großvaters lange Flinte aus der Schlafstube holen

und die beiden faulen Soldaten totschießen.

Aber da krigten die solchen Schreck, daß sie bautz zurück auf das

Dachsfell fielen; und da waren es wieder zwei kleine dicke Beinchen mit

blau und rot gestreiften Socken dran.

2) Der Sonnenstrahl

Ganz hoch oben über den Wolken wohnte einmal ein Sonnenstrahl, ein

richtiger Spinnefix; dem war die Zeit zu lang, und deshalb ging er

immer mit den Wolken spielen. Ich sage euch, ganz prachtvoll kann man

damit spielen! Morgens spielte er Ball mit ihnen, oder Greifen, und

Abends Schaukelpferd; und manchmal ließ er seine langen gelben Beine

bis auf den Mond herunterbaumeln, oder er schoß kobolz, quer über die

blaue Himmelsrutschbahn. Und wenn er einmal hinpurzelte, dann tat es

garnicht weh; denn wißt ihr, Wolken sind noch viel, viel weicher als

ein Federbett.

Eines Tages aber purzelte er nicht auf eine Wolke, sondern zwischen

zweien mittendurch, und fiel auf die Erde, in den Potsdamer Schloßpark;

da lag er unter einer großen Kastanie, nachmittags um sieben, ganz blaß

und schmal, im grünen Gras. Doch weil es ringsherum sehr still war,

bekam er wieder Mut und fing ein lustiges Liedchen zu summen an, das

seine Mutter Sonne ihm eingelernt hatte:

Ich bin so blank wie Butter,

ich hab eine goldne Mutter,

ich laufe schneller als alle Pferde,

und manchmal fall ich auf die Erde;

kribbel, krabbel, kringel,

was wird nun aus dem Schlingel?

Auf einmal kam der Bäckermeister Paul Lommatsch anspaziert, der

die schönen gelben Prezeln zu backen versteht, und sah den blanken

Sonnenstrahl so durch den grünen Schatten krabbeln, und blieb stehen.

Na! dachte der Sonnenstrahl: was will denn +der+ von mir? und

machte sich ganz klein vor Angst. Der dicke Herr Lommatsch aber

sah ihn doch und brummelte vergnügt: „Ei, was für’n schöner gelber

Sonnenstrahl! Da wolln wir mal ’ne Prezel draus backen; und wenn so’n

rechter braver Goldbub in meinen Laden kommt, dann krigt er die.“ Und

grips-graps hob er den Sonnenstrahl auf und steckte ihn in die Tasche.

Nun braucht ihr aber nicht traurig zu sein, weil einer von euch die

Prezel vielleicht geschenkt bekommt und den schönen Sonnenstrahl dann

mit aufißt. Denn seht ihr, ich kenne den Herrn Lommatsch, und der hat

mir neulich ins Ohr gesagt: das schad’t dem blanken Spinnefix nix. Denn

wenn ihr dann recht fröhlich hinaufguckt in den blauen Himmel, dann

wird der Sonnenstrahl wieder lebendig und kommt aus euern hellen Augen

herausgekrabbelt und springt mit Einem Blutz auf die nächste weiße

Wolke hinauf und fliegt zurück zu seiner goldenen Mutter.

3) Die Pfauenfeder

Jetzt will ich euch aber eine ganz, ganz wahre Geschichte erzählen; die

fängt auf einem Heuwagen an und hört im obersten Himmel auf.

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) · 第 14 / 16 段