recht glaubten, und meinten, sie würden den Alten schon unterkriegen;
das waren natürlich die Unzufriedensten. Die schlichen jetzt öfters
allein um den Zaun, weil keiner dem andern das Wasser gönnte, und
dachten jeder dem alten Bären einen besonderen Vorteil abzuluchsen. Sie
hatten auch bald herausgekundschaftet, daß er Nachmittags gewöhnlich
ein Schläfchen machte, und was es mit dem Gekreisch und Gekrächze für
eine einfache Bewandtnis hatte.
Vollkommen einsam nämlich lebte der alte Wodtke nicht. Sondern er hatte
sich zwei Vögel gezähmt, einen weißen und einen schwarzen, eine Möwe
und eine Krähe. Die saßen meistens bei ihm im Turm; nur wenn er bei der
Arbeit war oder bei seinem Nachmittagsschläfchen, dann flogen sie über
den großen Wasserbecken wie eifrige Wächter hin und her. Sie flogen
dann ganz leise und lautlos, immer im Zickzack schwarz und weiß, als ob
sie Tod und Leben spielten. Ich habe sie selbst mal so fliegen sehen,
als ich vorbeiging und über den Zaun kuckte; doch braucht ihr drum
nicht etwa zu denken, ich hätte hinüberklettern wollen, denn ich bin
mit dem alten Wodtke niemals unzufrieden gewesen.
Die unzufriedenen Schlauköpfe aber, wenn sie sich auch bei Nacht nicht
hinauftrauten, weils ihnen mit den wachsamen Vögeln doch nicht recht
geheuer schien, die wollten sich seine Nachmittagsruhe heimtückisch
zunutze machen und ihn dabei überrumpeln und zwingen.
Wenn dann so einer -- ich habe von weitem mal zugesehen und sage euch,
es war sehr komisch -- vor den langen Balken kam, dann stand er zuerst
wie angewurzelt und sah sich furchtsam um wie ein Dieb. Er faßte sich
aber doch ein Herz und setzte einen Fuß vor den andern, bis etwa in
die Mitte des Balkens. Wenn er dann aber ins glatte Wasser sah, wo
sich tief unten der Himmelkreis spiegelte, und sah sich selbst da im
Wasser hängen, den Kopf nach unten, am schmalen Balken, und nirgends
ein Halt im tiefen Luftraum, und plötzlich kamen die stillen Vögel mit
Kreischen und Krächzen herbeigeschossen, ihm immer kreuz und quer um
den Kopf, und unten im Himmel ebenso, bis alles ihm drunter und drüber
ging und ihm vorm Tod wie vorm Leben schwindelte: da wollte er wohl die
Augen schließen, lag aber plumps schon drin im Wasser. Und während er
pruhstend mit Mühe und Not ans Ufer des Beckens zurückschwamm, erschien
der alte Wodtke wieder in seiner weitgeöffneten Türe, und lachte daß
das Echo dröhnte, und streichelte seine beiden Vögel, die sich auf
seine Schultern setzten.
Ein Einziger hat es einmal versucht, bei Nacht über den Balken zu
kommen; das war der dicke Herr Landgendarm. Der hatte eigentlich gar
kein Recht, sich um die Wasserleitung zu kümmern, besonders da der alte
Wodtke selbst eine Art Polizeiperson war und ohne Aufseher über sich.
Aber der dicke Herr Landgendarm hatte die Andern immer gefoppt, wenn
sie so pudelnaß vom Berge kamen, und wollte den Bauern mal beweisen,
daß er der schlauste von allen sei; dachte vielleicht auch eine
Belohnung zu kriegen, wenn er den alten einäugigen Kerl mal orndtlich
bei den Ohren nähme und ihm die Hochmutsmucken austriebe.
Also faßte er den Plan, nicht aufrecht über den Balken zu gehen,
sondern rittlings bei Nacht hinüberzurutschen, indem er meinte, dann
schliefen die Vögel. Die Vögel schliefen aber nur abwechselnd; und als
er mit seinen dicken Beinen in der Mitte des Balkens saß, weckte die
Möwe den alten Wodtke. Schwapp, kippte er den Balken ein bißchen. Und
der erschrockene Herr Gendarm, den seine enge Uniform und der schwere
Säbel am Schwimmen verhinderten, wäre beinahe elendig ertrunken, wenn
nicht im letzten Augenblick der alte Wodtke den Hahn gedreht und das
Wasser des Beckens hätte ablaufen lassen; da konnte der zappelnde
Reitersmann, naß wie er war, zurückwaten.
Seit der Zeit meinten die Leute im Ernst, die Möwe und Krähe seien zwei
böse Geister, und da begann erst der Schabernack arg zu werden. Wenn
der Alte bei seiner Arbeit war, gingen sie hinterrücks an den Zaun und
warfen mit Steinen nach seinen Vögeln. Die Vögel konnte zwar keiner
treffen, weil sie zu hoch und zu schnell im Zickzack flogen; aber die
Steine fielen herunter und schlugen in seine Gartenbeete, die rings
um die Wasserbecken lagen. Anfangs nahm er es ruhig hin und warf sie
einfach zurück übern Zaun; das machte die Leute aber nicht friedlicher,
sondern im Gegenteil nur noch erboster, und sie ließen sich einen
Geisterbeschwörer kommen, der ihm die Vögel wegfangen sollte. Na! den
bespritzte der alte Wodtke so gründlich mit einem kalten Strahl, daß
er schleunigst wieder nach Hause reiste; und nun erging es den Bauern
schlimm.
Denn der Alte vom Berge -- so nannten sie ihn jetzt -- war durch die
ewige Einsamkeit allmählich menschenfeindlich geworden, und beschloß es
ihnen mal einzutränken. Er ließ auf einmal am nächsten Tag so mächtig
viel Wasser ins Land laufen, daß nun wirklich eine Überschwemmung
entstand, und die dauerte von Ostern bis Pfingsten. Mancher bekam
dadurch ein Einsehn, aber grade die reichsten nicht; denn die meinten,
sie hätten den größten Schaden, und warfen ihm Briefe über den Zaun,
worin sie drohten ihn abzusetzen, trotzdem sie ihn lebenslänglich
angestellt hatten. Worauf er einfach sofort den Haupthahn abstellte
und gar kein Wasser mehr laufen ließ, sodaß eine schreckliche Dürre
eintrat. Und Niemand wußte mehr aus noch ein, denn in der ganzen Gegend
war Keiner, der von der Wasserleitung genug Verstand, um rasch sein
Nachfolger werden zu können.
Da lebte nun dort in einer Hütte ein armer kleiner Hirtenjunge. Seine
Eltern stammten aus einer fremden Gegend und hatten deshalb kein eigen
Land, und er mußte den Bauern die Schafe hüten. Er war an Heiligabend
geboren und letzte Weihnacht zwölf Jahre alt geworden; und mit Namen
hieß er Michel Krist. Es konnte ihm eigentlich gleichgiltig sein, daß
es den Bauern jetzt so schlecht ging; denn er war das Hungern und
Dursten gewohnt, auch wenn sie gute Ernten hatten. Aber es tat ihm
trotzdem leid, wenn Menschen und Tiere jammerten, besonders wenn seine
Schafe blökten auf den vertrockneten Weidefeldern.
Dem war es nun immer ein Rätsel gewesen, warum sich der alte einäugige
Mann so einsam auf seinem Berge hielt, und warum die Leute ihn
schimpften und ärgerten, und warum er sie dann noch ärger ärgerte.
Denn Michel Krist hatte zwei helle Augen, die in jedermann etwas Gutes
entdeckten; und wen er mit diesen Augen anlachte, der mußte unfehlbar
mitlachen, selbst wenn man ihm vorher böse sein wollte. Drum hatte
er auch vor bösen Geistern nicht die geringste Furcht im Leibe; ihm
waren noch niemals welche begegnet, obwohl er sehr oft im Dunkeln
allein war, und kannte alle Vögel des Himmels, wie sie bei Tag und
bei Nacht herumfliegen. Und über einen Balken zu gehen, schien ihm
erst recht kein gefährliches Kunststück; denn er war von klein auf
barfuß gegangen, und an den breiten Wiesengräben, wo seine Heerde am
liebsten weidete, lief er tagtäglich zum Zeitvertreib, ohne daß ihm je
schwindlig wurde, über die längsten Brückengeländer.
Als die Gräben nun immer mehr austrockneten, kam er zuletzt auf den
Gedanken, den Alten vom Berge mal zu besuchen und ihn einfach zu
fragen und zu bitten, ob er nicht wieder gut sein wolle. Also begab
er sich eines Morgens in aller Frühe auf den Weg; ging aber erst auf
einen Acker und grub sich einen Engerling aus. Den wollte er der Krähe
mitbringen; denn unser kleiner Michel wußte, daß Krähen die Engerlinge
gern essen. Und aus einem Gemüsegarten nahm er sich eine recht fette
Schnecke mit; die sollte für die Möwe sein.
Damit sie ihm nicht die Tasche beschmutzten und unterwegs nicht
etwa erstickten, wickelte er die zwei kleinen Tiere säuberlich in
ein großes Kohlblatt und trug sie behutsam in der Hand. Natürlich,
Jungens, wie ihr euch denken könnt, tat es ihm auch etwas leid um sie,
daß sie lebendig aufgefressen werden sollten. Aber der kleine Michel
wußte, daß alles Lebendige einmal sterben muß auf Erden; und seine
halbverdursteten Schafe und die vielen unzufriedenen Menschen taten
ihm doch noch etwas mehr leid als so ein häßlicher Engerling und eine
schleimige Gartenschnecke. Und er wollte doch auch den Vögeln was
zukommen lassen.
So kam er oben auf dem Berge an und brauchte garnicht erst über den
Zaun zu klettern, weil er die Pforte offen fand; denn die hatte neulich
der Geisterbeschwörer mit seinen Geheimschlüsseln glücklich aufgekrigt,
und der alte Wodtke hatte vergessen, sie nach der Bespritzung wieder zu
verriegeln.
Michel Krist sah die beiden Vogel fliegen, und als er an den Balken
kam, wickelte er das Kohlblatt auf, nahm den Engerling in die rechte
Hand, die Schnecke in die linke, und ging mit ausgebreiteten Armen
ruhig der Tür des Türmchens zu. Als die Vögel in seinen flachen Händen
die fetten Gewürme kribbeln sahen, vergaßen sie ihren Zickzackflug,
womit sie den Leuten immer die Köpfe verwirrt hatten, dachten auch
nicht an Kreischen und Krächzen, sondern freuten sich über die
Leckerbissen, und die Krähe flog rechts, die Möwe links neben dem
kleinen Michel entlang, bis er auf einmal drüben stillstand und ihnen
die kribbligen Dinger reichte. Dann trat er in das Wärterhäuschen.
Der alte Wodtke war grade dabei, seine Leitungshähne und Klinken zu
putzen, und wunderte sich natürlich nicht wenig, als plötzlich der
barfuße Junge vor ihm stand, begleitet von seinen zahmen Vögeln. Und
ehe er noch den Putzlappen weglegen konnte, gab Michel Krist ihm schon
die Hand und sagte dazu mit lachenden Augen: Guten Morgen, lieber Vater
Wodtke!
Vater Wodtke brummte guten Morgen, legte den Lappen an seinen Platz,
sah sich mit seinem einen Auge den kleinen Michel durch und durch an,
griff dann in seinen weißen Bart und fragte etwas weniger brummig: Was
willst du denn hier oben bei mir?
Unser Michel hatte den funkelnden Blick mit ruhigem Herzen ausgehalten
und gab ganz einfach und wahr zur Antwort: Ich wollte blos fragen,
warum du böse bist, und warum du von den Menschen nichts wissen willst,
und ob du nicht wieder gut sein möchtest?! Ich will dir auch helfen die
Hähne putzen.
Der alte Wodtke lachte grimmig, und sein Blick wurde dunkler, während
er sprach: Sie wollens nicht besser haben, die Menschen! Wenns ihnen zu
gut geht, werden sie übermütig! genau so wie deine Schafe im Frühling.
Eine Weile wußte Michel Krist auf diese Worte nichts zu erwidern und
ließ den Kopf ein bißchen hängen. Dann aber hob er wieder die Stirn
und blickte mit seinen zwei hellen Augen den Vater Wodtke groß an und
sagte: Ja aber, ich lasse doch meine Schafe, wenn sie verbiestert sind,
ruhig blöken, und treibe sie nicht weg von mir, und laufe auch nicht
weg von ihnen! Laß doch die Menschen zu dir kommen, und wehre ihnen
nicht zu reden; du kannst ja nachher doch tun, was du willst! -- Und
dabei mußte er leise lachen.
Und als Vater Wodtke nun mitlachen mußte, nahm Michel Krist ihn wieder
beim Arm und fuhr mit rechter Bitte fort: Und wenn du’s ihnen nicht
selber gestehen willst, dann laß mich hinuntergehen zu ihnen und ihnen
sagen, du bist wieder gut! Ich werds schon alles so ausrichten, daß sie
sich gerne mit dir vertragen -- genau so wie meine Schafe mit mir.
Da mußte der alte Vater Wodtke so furchtbar laut und herzlich lachen,
daß seine beiden zahmen Vogel verschüchtert zum kleinen Michel hüpften.
Und während er sich heimlich ein Tränchen aus seinem einen Auge
wischte, schrie er und schlug mit der andern Faust an seine größte
Leitungsröhre: Junge, du sollst mein Nachfolger werden! --
Und Michel Krist ging hinunter ins Land und richtete alles richtig
aus. Und Sonntags kam er immer herauf und durfte die Hähne putzen
helfen, bis er sich bald auf die Wasserleitung so gut verstand wie
sein Lehrvater selber. Und als der schließlich sterben mußte, zog er
wirklich statt seiner hinauf in das Wärterhäuschen, und die Leute sind
heut noch zufrieden mit ihm. Den alten einäugigen Wodtke aber, trotzdem
sie sich mit ihm versöhnt und ihn in Ehren begraben haben, halten sie
doch noch für einen Hexenmeister; und manche behaupten, er lebe noch
heimlich.
Druck der
Spamerschen Buchdruckerei
in Leipzig