schmückt alle Landstraßen, seht!
Jawohl, Herr Nachbar, es lohnt sich,
wenn man noch mehr versteht
als schöne Sträuße zu binden!
Mein Garten wird nicht verschmachten,
gefällt er manchem schlecht.
Er kann euern Beifall verachten,
und euer Schimpfen erst recht;
ihn pflegt ein kleiner Held.
Ein Ackersmann
Ich kann ein Ackersmann werden;
auch der muß tapfer sein.
Mit Himmel und Erde muß er kämpfen,
daß seine Felder gedeihn,
ein Kriegsmann Schritt für Schritt.
Um Haus, Hof, Heimat kämpft er,
potz Hagel, Blitz und Brand!
Mit Gleichmut ist sein Herz gepanzert,
mit Schwielen seine Hand,
hart wie das Korn, das er sät.
Und wills daheim nicht fruchten,
um Deutschland geht kein Zaun;
noch manchen Urwald gibts zu lichten,
da kann man Blockhütten baun
und neue Heimat schaffen.
Vielleicht stößt doch das Heimweh
langsam das Herz ihm ab?
Dann aber rauschen die Ähren
weithin um sein Grab:
hier ruht ein kleiner Held.
Ein Seemann
Ich kann ein Seemann werden,
Kapitän oder Steuermann.
Den macht sein Steuerrad so stark,
wie der Pflug den Ackersmann;
kommt nur, ihr Wolken und Wellen!
Der Wind pflügt tausend Furchen
von einem zum andern Strand.
Nur Eine Furche pflügt mein Schiff:
die bricht unserm Vaterland
nach allen Erdteilen Bahn.
Ob noch so undurchdringlich
ringsum der Nebel graut,
daß selbst die Sonne durch den Dunst
wie’n blindes Auge schaut:
unser Kompaß kennt den Weg.
Wenn wir die Flagge hissen,
du fremde Hafenstadt,
soll jeder Matrose wissen,
der Ehre im Leibe hat:
dir naht ein kleiner Held!
Ein Lotse
Ich kann auch Lotse werden;
da, wo die Schiffbrüche drohn.
Ich darf das Sturmboot kommandieren,
wenn vor der Wachtstation
plötzlich der Notschuß dröhnt.
Los, Jungens! an die Riemen!
Und in den schwarzen Braus
sprüht der Raketen-Apparat
Leuchtschnur auf Leuchtschnur aus;
grell klafft die Nacht ums Wrack.
Mit brüllendem Rachen schnappen
die Sturzseen über Deck.
Die Mannschaft reißt die Passagiere
vom krachenden Mastbaum weg;
der Gischt fegt ihn von Bord.
Und in den bleichen Haufen
prasselt mein Rettungstau;
da kriegen auch die Feigsten Mut,
und manche schwache Frau
wird ein kleiner Held.
Ein Taucher
Ich kann ein Taucher werden,
einsam auf Meeres Grund.
Da könnt ihr Stürme nicht hinab;
still wie in Todes Schlund
tu ich mein kühnes Werk.
Lautlose Wirbel schauern
über und unter mir;
mit dunklen Fangarmen lauert
heimtückisches Getier
zwischen den grauen Riffen.
Da muß ich die Schätze heben,
die für die Menschen taugen;
gespenstische Wesen schweben
mit bunten Phosphor-Augen
um meine Glocke hin.
Und hab ich sie gehoben,
dann sperrt wohl noch ein Hai
sein schiefes Maulwerk nach mir auf.
Dem bringt’s mein Fußtritt bei:
hier schwebt ein kleiner Held!
Ein Goldgräber
Ich kann ein Goldgräber werden
und des Erdgrunds Schätze schürfen.
Mutter Erde spendet immer mehr,
je mehr die Menschen bedürfen;
mein Lehrer hats gesagt.
Wohl kostets Schweiß in Strömen,
den Bergschutt auszuschmelzen,
oder tief aus unterirdischen Flüssen
den Schlamm heraufzuwälzen,
der die paar Goldkörner birgt.
Aber endlich ists ein Klumpen,
blitzblendeblank gewaschen!
Nun kann ich Vater, Mutter und Alle
zum Geburtstag überraschen;
auch den reichen Kurt!
Mutter Erde soll sich wundern,
wie meine Schatztaler springen:
Hand auf! nehmt hin den Plunder,
ich kann mir mehr erringen,
ich bin ein kleiner Held!
Ein Bergführer
Ich kann ein Bergsteiger werden,
der die andern alle führt.
Pfade, wo nie ein Schritt erklang:
wer hat sie aufgespürt!
Das tat meine Herzenslust!
Die treibt mich hin zu den Gipfeln,
über Schnee, durch Wetterschlag,
am Sturzbach hin, am Gletscherrand,
hinauf! Nun klettert nach,
ihr andern Wagehälse!
Mir nach mit glühendem Herzen,
hinauf ins freie Eis!
Wer stürzt, den schmückt im Paradies
die Blume Edelweiß!
Kommt! jauchzend grüß ich euch.
Aber am liebsten steh ich
hoch oben ganz allein,
mitten im stillen Himmelskreis,
und höre die Adler schrein:
grüß Gott, du kleiner Held!
Ein Luftschiffer
Ich kann ein Luftschiffer werden,
immer höher schlägt mein Herz:
da fliehn die Flüsse unter mir
wie dünne Adern Erz,
meine Gondel steigt und steigt.
Die Luft wird immer reiner;
das wirre Erdgewühl
wird alles klein und kleiner,
wird alles wie ein Spiel.
Ich gleite drüber hin.
Hin, wo die Wolken schweigen;
kaum noch ein Berghaupt blinkt.
Ich fühle mich nicht mehr steigen,
nur die Erde sinkt und sinkt;
mir träumt ein Schaukellied.
Ich schwebe nur und schwebe,
in die blaue Welt hinein.
Wer weiß wohin -- ade, ade --
der Himmel wiegt mich ein:
fahr wohl, du kleiner Held.
Ein Dichter
Ich kann ein Dichtersmann werden,
ich weiß schon, was das heißt;
das ist ein Mensch auf Erden
mit einem himmlischen Geist,
und der auf Leben und Tod pfeift.
Er pfeift: mir lacht das Leben,
weil ich unsterblich bin!
Er pfeift: ich lache aufs Sterben,
mir lebt ein Lied im Sinn,
das geht so weit wie die Welt!
So einen Dichter kenn ich;
er streicht mir manchmal die Stirn,
und wie ein Fernrohr rührt sein Blick
hell an mein Gehirn,
dann seh ich den Himmel offen.
Da tanzen die Sterne und singen:
Nur wen wir auserwählt,
dem kann das Lied gelingen;
wird er’s wohl fertig bringen,
unser kleiner Held?
Ein Engel
Ich kann ein Engel werden,
wenn ich gestorben bin.
Dann jagt wohl mit Wolkenpferden,
die wir nicht sehn auf Erden,
meine Kraft durchs Luftmeer hin.
Meine Flügel sind wohl die Stürme,
der Blitzstrahl wohl mein Pfad.
Ich weiß es nicht, ich leuchte nur;
mich treibt ein Geist zur Tat,
der braucht wohl meine Kraft.
Ich leuchte in tausend Gestalten,
vielleicht wo die Sonne loht,
vielleicht wo Sterne erkalten,
die bleich noch Nachtwache halten,
vielleicht im Morgenrot.
Da darf ich überall wirken;
und bin doch vor dem Geist,
der mich und all die andern Engel
zu Seinem Werk hinreißt,
nur ein kleiner Held.
Schluß
Ich kann noch manch andres werden,
solang ich kein Engel bin.
Aber immer trag ich armer Junge
die eine Frage im Sinn:
was wirst du auf jeden Fall?
Und trage in meinem Herzen
manch eines Mannes Bild,
der so beherzt war, daß er uns
als +großer+ Held nun gilt:
Wilhelm Tell, König Fritz, der Herr Jesus.
Dazu gehört nicht Reichtum
noch lange Lebensfrist.
Mir hat mein Dichtersmann gesagt:
jedes Kind auf Erden ist
ein kleiner Welterobrer.
Das will ich an jeder Stelle
sein, so sehr ich kann.
Dann werd ich auf alle Fälle
ein ganzer Mann -- und dann
vielleicht ein ganzer Held.
Knecht Ruprecht und die Christfee
Ein Weihnachtsspiel
Knecht Ruprecht und die Christfee treten in die Weihnachtsstube,
während am Klavier die Chorweise „Tochter Zion, freue dich“ aus
Händels „Judas Makkabäus“ ertönt.
Ruprecht
zu den Kleinen, nachdem es still geworden ist:
Ich bin der alte Weihnachtsmann,
ich hab ein’n bunten Wunderpelz an;
mein Haar ist weiß
von Reif und Eis.
Ich komm weit hinter Hamburg her,
mit langen Stiefeln durchs kalte Meer,
meinen Mummelsack
huckepack.
Er nimmt den Sack von der Schulter und stellt ihn vor sich auf den
Boden.
Da sind viel gute Sachen drin,
Nüss und Äpfel und große Rosin’n;
ich bin ein lieber Mann,
seht an!
Er öffnet den Sack und langt dabei verstohlen die Rute aus dem
Gürtel.
Ich kann aber auch böse sein.
Dann fahr ich mit der Rute drein
und schüttel den Bart:
na wart’t!
Nein, seid nicht bang; seid lieb und fein,
seid wie mein schön gut Schwesterlein!
Ist die euch hold,
schenk ich, was ihr wollt.
Die Christfee
in weißem Kleid und Schleier, mit Engelsflügeln und Sterndiadem, in
der Linken einen Tannenzweig haltend, wendet sich an die Großen:
Ich bin aus einem hellen Lande;
da wächst und blüht ein Baum, um den
wir all in strahlendem Gewande
mit silberweißen Flügeln stehn.
Der Baum ist grün, grün ohne Ende,
und seine Höhe mißt kein Sinn;
und seine Zweige sind wie Hände,
die strecken sich nach Jedem hin.
Der Baum trägt viele tausend Kerzen,
und jede ist der andern gleich;
und ihre Flammen sind wie Herzen,
die leuchten klar und warm und weich.
Er hängt voll Gold bis an die Spitze,
und seine Jahre zählt kein Mund;
und seine Wurzeln sind wie Blitze,
die dringen in den härtesten Grund.
O komm, komm! Tausend Früchte warten,
dein goldner Apfel pflückt sich leicht;
denn Jedem öffnet sich der Garten,
wer sinnt, wie man den Baum erreicht.
Kommt, seht ihn schimmern! Heut aufs neue
erfüllt sich, was die Schrift verhieß:
Einst pflanzte, daß der Mensch sich freue,
Gott einen Baum ins Paradies.
Ruprecht
hat inzwischen die Teller der Kinder mit Pfefferkuchen, Nüssen,
Äpfeln gefüllt und tritt nun zu der kleinen Veradetta:
Möchtest du wohl in den Garten,
wo so schöne Äpfel warten?
Ja? -- Dann mußt du fein
sittsam sein.
Mußt dich nicht so wild geberden,
mußt so wie die Christfee werden.
Es ist garnicht schwer;
kuck mal her!
Muß dir nur recht viel dran liegen,
auch zwei Flügelchen zu kriegen.
Wenn du groß bist, ah:
dann sind sie da.
Die Christfee
zum kleinen Peter-Heinz, eindringlich:
Und Du, mein kleiner Heinzelmann,
machst dich gern zu wichtig.
Sieh dir mal den Ruprecht an:
siehst du, +der+ machts richtig.
Jedem schenkt er was und lacht,
aber höchst bescheiden;
daß man dumme Witze macht,
kann er garnicht leiden.
Und wer mault, den haut er sehr,
und dann sagt er: schade! --
So, nun sag uns auch was her,
und halt den Kopf hübsch grade!
Heinz
sagt mit seiner verschmitztesten Miene folgende Schnurre (von
Paula und Richard Dehmel) auf:
Der Esel, der Esel,
wo kommt der Esel her?
Von Wesel, von Wesel,
er will ans schwarze Meer.
Wer hat denn, wer hat denn
den Esel so bepackt?
Knecht Ruprecht, Knecht Ruprecht
mit seinem Klappersack.
Mit Nüssen, mit Äpfeln,
mit Spielzeug allerlei,
und Kuchen, ja Kuchen
aus seiner Bäckerei.
Wo bäckt denn, wo bäckt denn
Knecht Ruprecht seine Speis?
In Island, in Island,
drum ist sein Bart so weiß.
Die Rute, die Rute,
die ist dabei verbrannt;
heut sind die Kinder artig
im ganzen deutschen Land.
Ach Ruprecht, ach Ruprecht,
du lieber Weihnachtsmann,
komm auch zu +mir+ mit deinem
Sack heran!
Ruprecht
lachend, indem er in den Sack langt:
Na! dann muß der Ruprecht wohl
seine Rute rasch verstecken;
denn er hat die Jungens gern,
die nicht gleich vor ihm erschrecken.
Hier, mein kleiner tapfrer Mann,
schenk ich dir ein Spiel Soldaten.
Noch eine Schachtel herausnehmend:
Und in diesem Kasten steckt
Handwerkzeug zu andern Taten.
Peter Heinz! Soldat sein heißt:
fürcht dich nit und lern brav hauen!
Aber noch viel braver ist es,
lernst du recht was Schönes +bauen+.
Jedes Werkzeug sagt dir: lerne
festen Griff mit Fug und Fleiß --
Die Christfee
neckend:
denn das hat der Ruprecht gerne,
daß man zuzugreifen weiß.
Dann den andern Heinz anredend:
Und Heinz Lux -- sieh blos mal her:
Rehe, Hirsche und ein Bär,
Hühner, Hasen, Füchse, Raben:
gelt, die möchtest du wohl haben?
Ja? Dann mußt du aber balde
wie der Jägersmann im Walde
aufmerksam und achtsam werden,
darfst dich nicht wie’n Tapps geberden.
Sonst wird gleich der Eber hier
dreimal größer als die Tür,
kommt und stößt dich mausetot,
ißt dich auf zum Abendbrot.
Wenn du aber orndtlich bist,
bleibt das alles, wie es ist;
und dann kannst du mit den vielen
wilden Tieren ruhig spielen.
Ruprecht:
Na, und Du, Prinzeßchen da,
Veradetta, ganz in Seide,
kannst wohl auch ein Liedchen? ja?
Ei, dann mach uns mal die Freude!
Detta
die Hände faltend:
Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all,
o kommet zur Krippe in Bethlehems Stall,
und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht!
O seht, in der Krippe, im nächtlichen Stall,
seht hier bei des Lämpchens still glänzendem Strahl
in reinlichen Windeln das liebliche Kind,
viel schöner, viel holder, als Engel wohl sind.
Da liegt es, ach Kinder! auf Heu und aus Stroh;
Maria und Josef betrachten es froh,
die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der himmlische Chor.
Ruprecht
hat dem alten Lied mit Andacht zugehört, nickt und sagt:
Das war wirklich wunderschön,
ja, das muß ich sagen!
Ein Geschenk vorholend:
Dafür krigst du, sieh mal, den
reizenden Kinderwagen.
Die Christfee:
Und in lauter Silberflaum,
ei, welch Engelspüppchen!
Und da unterm Tannenbaum,
sieh nur, steht ein Stübchen.
O, wie wird sich Püppchen freun,
wenn du’s da wirst wiegen!
braucht nicht wie arm Jesulein
in einem Stall zu liegen.
Liegt und lacht, o sieh doch, ganz
wie klein Liselotte,
Schwesterchen im Lichterglanz,
träumt vom lieben Gotte.
Träumt von einer andern Welt,
die wir hier nur ahnen;
da sät Gottes Mutter hell
ihren Sternensamen.
Ruprecht:
+Euer+ Mutting aber krigt
diese bunte Schürze,
drin ein Bündel Scheren liegt
jeder Läng und Kürze.
Damit soll sie säuberlich
Vaters Dichterflügel putzen
und ihm, übereilt er sich,
seine wilden Federn stutzen.
Er legt das Geschenk auf den Weihnachtstisch, greift dann weiter in
den Sack:
Und für Onkel Mombert hab ich
einen Leuchter aufgegabelt,
in Gestalt des rasenden Drachens,
über den die Sage fabelt,
daß er einst das ewige Licht
losriß aus den finstern Gründen;
mag er nun dasselbe Licht
dir im Kämmerlein entzünden!
Dann eine Flasche Benediktiner auspackend:
Onkel Scheerbart -- ha! -- der krigt
diesen Seelenwärmer;
seht, schon macht er ein Gesicht
wie’n religiöser Schwärmer!
Hier können, je nach Mehrbedarf, weitere Bescherungsreime
eingestickt werden; wie überhaupt die Einzelheiten der Bescherung
nur als Anleitung zu ähnlichem Mummenschanz gemeint sind.
Tante Lisbeth, brumm brum brumm,
will ich lieber meiden;
denn die kann, Gott weiß warum,
den Weihnachtsmann nicht leiden.
Aber unsre Guste hier,
unser Hausmamsellchen,
daß sie nicht beim Ausgehn frier,
krigt ein warmes Fellchen.
Er nimmt sich die Pelzjacke von der Schulter und hängt sie dem
Dienstmädchen über. Steht nun in einem abgetragenen blauen
Arbeitskittel da und sagt zur Christfee:
Na, und jetzt, mein Schwesterlein,
können wir wohl gehen.
Oder fällt dir noch was ein?
Siehst mir gar so ernsthaft drein.
Warum bleibst du stehen?
Die Christfee:
Ich hab ein Wort vernommen,
das läßt mich nimmer los.
Ich mag zum Ärmsten kommen,
und sei er ganz beklommen,
ich sage immer blos:
liebe!
O -- dann atmet Jeder wärmer;
war doch Er noch viel, viel ärmer,
der das Wort einst sprach.
Selbst die stummste Menschenseele,
ob ihr jeder Laut sonst fehle,
stammelt heimlich nach:
ich liebe.
Aller Orten, aller Zungen,
Jedem ist es schon erklungen,
selig oder scheu.
Jedem wohnt das Blümlein inne,
dem ich jetzt ein Lied beginne,
Lied so alt wie neu:
Nachdem auf dem Klavier die Weise angeschlagen ist, spricht die
Christfee jede Zeile einzeln vor und Alle singen Zeile für Zeile
nach:
Es ist ein Reis entsprungen
aus einer Wurzel zart;
wie uns die Alten sungen,
vom Himmel kam die Art.
Und hat ein Blümlein bracht,
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.
Das Blümlein war so kleine
und doch von Duft so süß;
mit seinem milden Scheine
verklärt’s die Finsternis.
Und blüht nun immerdar,
tröstet die Menschenkinder,
holdselig, wunderbar.
Ein Stern mit hellen Gleisen
hat es der Welt verkündt,
den Kindlein und den Weisen,
wie man dies Blümlein findt.
Nun ist uns nicht mehr bang,
seit aus der dunklen Erde
solch leuchtend Reis entsprang.
Ruprecht
nach kurzem Schweigen:
Amen! -- Ja, geliebte Kinder,
voller Wunder ist die Welt;
solch ein Lied ist doch noch schöner
als das schönste Spielzeug, gelt?!
Die Christfee
zu den Großen gewendet:
Fühlt denn, wie aus zweien Landen
Bruder sich und Schwester fanden;
Ruprecht, gib mir deine Hand!
Ich aus Morgen, Er aus Abend,
Ich im Silberkleid, Er trabend
in verwittertem Gewand.
Beugt euch Ihm, dem Überlegnen:
er kann wirken, ich nur segnen,
er bringt Frucht, ich will nur Licht.
Ich aus Süden, Er aus Norden,
seine Welt ist stark geworden --
Ruprecht
ihr den Mund zuhaltend:
ja, daß sie mich fast unterkrigt;
Schwesterherz, blamier mich nicht! --
Dann wieder zu den Kleinen:
Und nun wüßtet ihr wohl gerne,
wer das ist, der Weihnachtsmann --
sich den weißen Bart und alten Hut abnehmend:
das ist euer lieber Vater,
schaut ihn euch nur näher an!
Und die Christfee mit den Flügeln --
ihr den Schleier und das Diadem abnehmend:
das ist eure Mutter, seht!
Und so ists mit all den Wundern,
die ihr anfangs nicht versteht.
All das Schöne auf der Erde,
das ihr einzusehn begehrt,
wird von Vater oder Mutter,
wenn es Zeit ist, euch erklärt.
Auch die Englein, Mond und Sterne,
und das liebe Jesuskind,
und der gute Gott im Himmel,
und was sonst für Märchen sind.
Denn das alles, Kinder, alles,
was die Erde schöner macht,
ist von lieben, guten, klugen
Menschen langsam ausgedacht.
Ist drum aber nicht gelogen;
nein, was Haupt und Herz verklärt,
Abglanz ist es einer wahren
Zauberkraft, die ewig währt,
die von Stern zu Stern geheime
Lichtbefehle traumhaft schickt
und euch weihnachtshell begeistert,
wenn ihr gläubig aufwärts blickt.
Nachdem er seine Kinder der Reihe nach auf die Stirn geküßt hat:
So, nun spielt und freut euch sehr!
Übers Jahr erzähl ich mehr.
Vom Klavier ertönt aufs neue die Chorweise „Tochter Zion, freue
dich!“
Das Dichterspiel
Jedes Jahr am Sylvesterabend machte die kleine Ursula bei Tante Li
und Onkel Ri Besuch, und diesmal hatte sie ihren Vetter Heinz Peter
und seinen Freund Heinz Lux mitgebracht, die beide schon etwas größer
waren. Es sollte das Dichterspiel gespielt werden; und die Ursel, die
nun bald dreizehn Jahre alt wurde, war ganz aufgeregt vor Spannung,
ob sie wohl auch einen Preis kriegen könnte, oder ob ihr die großen
Bengels, die immer alles besser wußten, wieder eine lange Nase drehn
würden.
„Zu dem Dichterspiel“, erklärte der Onkel Ri, „gehört nichts weiter,
meine Herrschaften, als die nötige Menge Papier und Bleistifte,
ein bißchen Zeit und ein bißchen Grips. Jeder von uns sagt zwei
Hauptwörter, und die schreiben wir alle auf. Dann muß jeder um
diese Wörter herum eine kurze Geschichte dichten und natürlich auch
aufschreiben, innerhalb einer bestimmten Frist. Da wir fünf Dichter
sind, kommen zehn Wörter ins Spiel; setzen wir also zehn Minuten
Frist! Nachher liest jeder seine Geschichte vor, und wir stimmen ab,
wer die beste ersonnen hat; der darf sich als Preis ein Licht vom
Weihnachtsbaum holen. Wer den Abend über die meisten Lichter gewinnt,
der ist Sieger und krigt den Sternpreis, wenn der Weihnachtsbaum
geplündert wird.“
Der Sternpreis, das war ein Stern mit fünf Zacken, der in jedem
Jahr auf der Baumspitze stak; und an den Zacken hing immer allerlei
Süßes, wie die Ursel aus Erfahrung wußte. Ach, ob sie wohl heute
siegen würde? Wäre sie blos nicht so dumm gewesen, die zwei Bengels
mitzubringen, statt wieder ein paar Freundinnen. Grips genug hatte
sie selbstverständlich, aber an Fixigkeit waren die Buben ihr über.
Was für ausgefallene Wörter sie gleich bei der ersten Aufgabe nahmen!
+Krauskopf+, +Bewußtsein+, +Element+, +Sportkostüm+. Dann sagten die
Tante und der Onkel: +Ufer+, +Brücke+, +Jagd+, +Pfeil+. Und zuletzt die
Ursel: +Spitze+, +Stern+. Und o weh: als die zehn Minuten vorbei waren,
hatte sie richtig ihre Geschichte höchstens erst dreiviertel fertig.
Aber ein Trost war es wenigstens, daß nach der Abstimmung keiner der
Heinze das erste Licht vom Baum holen durfte, sondern einstimmig gewann
Tante Li. Ihre Geschichte lautete:
Ich stand einmal vor einer Brücke. Über diese Brücke jagte auf einem
Rappen eine junge Negerin, umflattert von einem weiten buntwollenen
Mantel. Hoch in der rechten Hand, über ihrem Krauskopf, hielt sie
einen langen Pfeil. Ihr ganzer Körper war Aufgeregtheit. Sie trieb
ihren Gaul zu rasender Hetzjagd an, und als sie die Brücke hinter sich
hatte, stürmte sie den Fluß entlang und ließ endlich ihren Pfeil in den
Ufersand sausen. Sie hob ihn auf, und wieder gings wie ein entfesseltes
Element über die Brücke zurück, dann jenseits ein Stück das Ufer
entlang, und als Ende der Jagd: der Pfeil in den Sand. Es war in diesem
verbohrten Treiben eine so schrecklich sinnlose Wildheit, daß ich immer
noch stand, als sie noch einmal über die Brücke herüberkam und wie
beim ersten Mal umkehrte und abermals zurückstürmte. Da, als sie grad
auf der Mitte der Brücke war, geht mit ruhigen Schritten eine Dame ihr
nach, ebenso jung, aber weißhäutig, mit maisgoldnem Haar, sehr hoch
und schlank, gekleidet in ein schlichtes, schwarzes, eng anliegendes
Sportkostüm. Sie trug auch einen langen Pfeil in der Hand, aber ganz
leicht und unauffällig. Als sie dort angekommen war, wo vor ihr her die
Wilde jagte, hielt sie an, zielte einen einzigen Augenblick, aber mit
äußerstem Bewußtsein, schleuderte ihren Pfeil, und dieser flog, scharf
über dem Kopf der Wilden hin, schneller als deren Pfeil, erst gradaus,
dann im Bogen über die Brückenecke, aber nicht in den Sand des Ufers,
sondern ihr Ziel war ein fünfzackiger Stern, der auf der Spitze eines
Bootmastes stak.
Die Ursel war ganz blaß geworden und strich sich ihr blondes Haar aus
der Stirn; sie hatte gemerkt, worauf die Tante anspielte, und nahm sich
vor, bei der nächsten Aufgabe vielviel ruhiger nachzudenken. Aber sie
wurde doch wieder nicht fertig, und das zweite Licht gewann der Heinz
Lux. Diesmal hießen die Hauptwörter: +China+, +Bahnhofsuhr+, +Teppich+,
+Karaffe+, +Kachel+, +Gardine+, +Elefant+, +Neptun+, +Schlafzimmer+,
+Büffett+ -- und dazu hatte der freche Lux folgende Geschichte erfunden:
Im Kaiserreich China befindet sich eine seltsame Bahnhofsuhr. Sobald
sie zwölf zu schlagen anfängt, springt aus dem Zifferblatt eine
flache Kachel, gemustert wie ein persischer Teppich, und darauf steht
ein weißer Porzellan-Elefant. Wenn du dich auf den Elefanten setzt,
trägt er dich so schnell im Kreise um die große Uhr herum, daß du die
Besinnung zu verlieren glaubst; bis er auf einmal stehen bleibt und
dich in einer Meergrotte absetzt. Nach dem ersten Erstaunen erkennst
du, daß du im Schlafzimmer Neptuns bist, des Gottes der Ertrunkenen --
und der Betrunkenen. Denn wenn du die Gardine zurückschlägst, stehst du
einem unübersehbaren Büffett gegenüber, in dem Karaffe neben Karaffe
glänzt, und jede Karaffe enthält einen Likör, worin der tolle Gott die
Träume jeder ertrunkenen Seele aufbewahrt. Davon mußt du natürlich mal
kosten; und in dem Augenblick, wo du den ersten Tropfen schmeckst,
kommst du wieder zur Besinnung, und die Uhr tut den letzten der zwölf
Schläge.
Nur die Ursel hatte dagegen gestimmt und bei dem Wort „Betrunkenen“
pfui gerufen; wofür ihr der Peter Heinz einen Puff versetzte, wofür
ihm der Onkel Ri das Punschglas entzog. „Jetzt wollen wir aber,“ fuhr
der Onkel fort, der bis dahin auch noch nichts fertig gebracht hatte
oder vielleicht auch blos so tat, „die Sache ein bißchen schwerer
machen. Jedes der aufgegebenen Wörter darf nur Einmal gebraucht werden;
dafür darf aber jeder drei Wörter aufgeben, und die Frist dauert
fünfzehn Minuten.“ Dabei plinkte er der Ursel zu, sodaß sie guten Mut
faßte. Es kamen folgende Wörter ins Spiel: +Schehresade+, +Karamelle+,
+Zitadelle+, +Abenteurer+, +Prophet+, +Gazelle+, +Winternacht+,
+Sommermittag+, +Paradies+, +Wüstensand+, +Palast+, +Feuer+, +Braut+,
+Lied+, +Quelle+ -- aber die Ursel wurde wieder nicht fertig. Doch
diesmal machte sie sich nichts draus, denn Onkel Ri hatte jetzt in
Versen gedichtet, da konnte natürlich kein Andrer siegen; und wenn
der Onkel oder die Tante den Sternpreis bekamen, dann würden sie
ihn nachher doch ihr schenken. Nun las er vor: „Morgenländisches
Preislied“ -- und indem er die Tante sonderbar ansah, schob er erst
noch die Bemerkung ein, daß ihm am heutigen Abend ein Hymnus auf
die orientalische Phantasie sehr angebracht scheine, weil ja das
Weihnachtsfest und die Neujahrsfeier aus dem Morgenland zu uns gekommen
seien. Hierauf deklamierte er:
O Schehresade, Fee der Nacht,
in der die Wunderschelle klingt,
o Fee, welch Lied ist hold genug,
die hohe Wonne anzustimmen,
die uns zu deiner Schwelle zwingt --
so hold, wie durch den Palmenhain
im Frühling die Gazelle springt,
so hold, wie aus dem Wüstensand
am dürren Sommermittag plötzlich
durchs Dorngestrüpp die Quelle dringt --
so hold, wie durch die Winternacht
die Glut der Feuerstelle singt,
wenn unterm dichtverhängten Zelt
dem heimgekehrten Abenteurer
die Braut die Lagerfelle bringt --