Und auch der Augen helles Licht

war blaß, wie welk Vergißmeinnicht

nur noch das Silberschnäbelein

war ihm geblieben, blank und rein,

wenn’s auch recht kläglich zirpte.

So saß er weitab vom Gewühl

und fragte sich voll Wehgefühl,

warum er so verlassen;

und wußte doch, daß Lahme nicht

zu soviel Schnellen passen.

Ein Rabe aber kam vorbei;

den ärgerte die Melodei

und auch das Silberschnäbelein.

Er schrie: „Ich mag nicht solch Geschrei!

marsch, lamentier wo anders!

Ich will mir hier mein Nest her baun,

und für uns Beide ist kein Raum!“

und stieß das Vögelchen vom Baum

und riß ihm aus dem Kleide

auch noch sein letzt Geschmeide.

Da war ihm aller Mut dahin,

der Mut sogar zum Klagen.

Mit seinem müden Humpelbein

lief’s weinend in die Nacht hinein

und dachte voll Verzagen:

Jetzt ist rein garnichts mehr an mir,

jetzt kann ich nur gleich sterben;

jetzt will ich in die Wüstenei,

wo Keinen ärgert mein Geschrei,

und still für mich verderben.

Ja, garnichts, garnichts mehr war sein

von all dem schönen bunten Schein;

sogar das Schnäblein hatte ganz

verloren seinen Silberglanz

von all den vielen Tränchen.

Und als das Vöglein Das gesehn,

ist fast sein Herz gebrochen.

Zum Sterben hat sich’s hingesetzt.

Da kam der goldne Mond zuletzt

und hat zu ihm gesprochen:

„Du armes Vöglein Wandelbar,

was grämst du dich denn immerdar

um deine paar Juwelen?

Du dummes Vöglein Wandelbar,

vergaßest du denn ganz und gar,

was Keiner dir kann stehlen!

Hast du denn nicht viel mehr in dir

als diese ganze Lust und Zier,

worauf die Andern sinnen?

Was weinst du denn und machst dir Schmerz?

denkst du denn garnicht an dein Herz

von lautrem Gold tief innen!“

Da ward dem Vogel Wandelbar

auf einmal alles licht und klar,

und lebte gerne weiter;

da pfiff er bis an seinen Tod

auf allen Spott, auf alle Not,

unwandelbarlich heiter.

Kutscher Tod

In einem Wagen, einem schönen Wagen,

fahren zwei Menschen seit vielen schönen Tagen.

Sie fahren bei Regen wie bei Sonnenschein

immer gradaus ins Blaue hinein.

Auch das schlechteste Wetter ist ihnen nicht grau;

hell lacht der Mann, warm lächelt die Frau.

Sie schaukeln das Glück auf ihren Knien,

und an einem Sommertag fragt sie ihn:

Wenn wir so immer weiter reisen

und lassen den Weg uns einzig vom Himmel weisen,

kümmern uns um kein irdisch Ziel,

treiben nur mit dem Glück unser Spiel,

aber endlich wird’s uns vom Kutscher Tod weggenommen --

was meinst du wohl, wohin wir kommen?

Der Mann blickt nach den milchweißen Kühen,

die den bunten Wagen ruhig ziehen,

er blickt nach dem Kutscher, der Augen macht

so unergründlich schwarz wie die Nacht --

dann sagt er heiter:

Ich meine, wir kommen immer weiter!

Der Kutscher nickt. Der Himmel ist blau;

warm lächelt der Mann, hell lacht die Frau.

Und die weißen Kühe sagen sich beide:

zwei Menschen fahren auf lebensgrüner Weide.

Triumphgeschrei

Alle kleinen Kinder

schrein Hurrah, Hurrah.

Mutterchen liegt still zu Bett,

Kindchen schreit Hurrah.

Vater steht daneben,

steht und brummt: ja ja,

ist ein schweres Leben.

Kindchen schreit Hurrah.

Mutterchen brummt garnicht,

selig liegt sie da.

Denn das kleine Menschenkind

schreit Hurrah, Hurrah.

Schnurrige Predigt

Na lach doch, Kind! Dein Zuckerschneckchen,

schwarz Sammetjäckchen, rote Bäckchen,

dein ausgestopftes Häschen,

dein Mäulchen, Händchen, Näschen

hat all der liebe Gott gemacht.

Ei, Herzekindchen, rasch: zerbeiß,

zerreiß, zerschmeiß --

hei, wie der liebe Gott nun lacht! --

Käuzchenspiel

Kinder, kommt, verzählt euch nicht,

Jeder hat zehn Zehen;

wer die letzte Silbe krigt,

der muß suchen gehen.

Suche, suche, warte noch,

Käuzchen schreit im Turmloch,

macht zwei Augen wie Feuerschein,

die leuchten in die Nacht hinein,

fliegt aus seinem Häuschen,

sucht im Feld nach Mäuschen,

husch, husch, huh,

das Käuzchen, das -- bist -- du! --

Fliegerschule

Kommt, wir lernen fliegen!

Woher denn Flügel kriegen?

Von den achtzig Winden.

Wo sind die zu finden?

Überm ewigen Eise.

Wer bezahlt die Reise?

Da oben steht ein goldner Stern,

der belohnt die Sieger gern;

holt euch nur die Preise!

Der Reitersmann

Von Paula und Richard Dehmel

Schimmel, willst du laufen,

will ich dir was kaufen!

Heißa, lauf nach Mexiko,

da kaufe ich dir Bohnenstroh;

laufe nach der Mongolei

da kauf ich mir ein Oster-Ei.

Eile, Schimmel, eile,

oder du krigst Keile!

Hopßa, lauf nach Hindostan,

da kaufe ich mir Marzipan;

laufe nach Kap Morgenrot,

da kauf ich dir ein Dreierbrot.

Geschäftsleutchen

Lottchen will Jahrmarkt spielen,

Musik ist schon bestellt.

Nur ach, es fehlt die Warenbude;

der Peter hat kein Geld.

Ach, hab dich nicht! sagt Lottchen;

als ob das nötig wäre.

Wir nehmen Vaters Sorgenstuhl,

jetzt sind wir Millionäre.

Geburtstagsgeschenke

I

Lieber Vater! ich kann dir garnichts schenken,

blos mein kleines Herz und alle meine Küsse,

und -- eins, zwei, drei, vier, fünf Haselnüsse,

dabei kannst du dir

was Wunderschönes denken.

Du kannst dir denken, jede Nuß

hat ein kleines Herz, noch kleiner als das meine;

und hätte sie auch zwei kleine Beine,

liefe sie auf dich zu und gäb dir einen Kuß,

einen wundervollen, herzhaften Geburtstagskuß!

II

Liebe Mutter! Du zählst sie gerne,

alle deine vielen Geburtstagssterne.

Hier stehn sie strahlend; und daneben

siehst du zwei silberne Halbmonde schweben.

Das sind zwei Lampen fürs Klavier,

eine von Vater, die andre von mir.

Kommt nun der Abend mit müden Beinen,

dann läßt du deine Monde scheinen

und spielst; und wir, wir hören und träumen

von den hohen himmlischen Räumen,

von deinem Sternenringelreihn --

Vater wacht noch, ich schlafe ein.

Abendgebet

Müde bin ich, geh zur Ruh;

lieber Himmel, deck mich zu!

Laß die Sterne alle dein

meines Schlafes Hüter sein!

Schick im Traum ihr Licht mir zu,

daß mein Herz in Reinheit ruh!

Flecken, die der Tag gemacht,

lösch sie gnädig aus, o Nacht!

Amen.

Freund Husch

Von Paula und Richard Dehmel

Husch, husch, husch,

ich putze meinen Busch.

Der Mond ist da, der Mond ist hell;

der Mond, der ist mein Spielgesell,

husch.

Husch, husch, husch,

ich schlüpfe aus dem Busch.

Ich stecke mein Laternchen an,

ich zünde uns die Sternchen an,

husch.

Husch, husch, husch,

ich schüttel meinen Busch.

Die Kinderchen sind all zur Ruh,

ich schüttel ihnen Träume zu;

die haben wir vergangne Nacht,

der Mond und ich, uns ausgedacht,

husch.

Husch, husch, husch,

ich schlüpfe in den Busch.

Ich puhste mein Laternchen aus,

ich suche mir ein Sternchen aus,

das lass ich droben Wache stehn,

nun kann ich ruhig schlafen gehn,

husch, husch, husch,

im Busch.

Das Maiwunder

Von Paula und Richard Dehmel

Maikönig kommt gefahren,

in seinem grüngoldnen Wagen,

mit Saus und Gesinge.

Seine Zügel sind Sonnenstrahlen;

große blaue Schmetterlinge

ziehn ihn über Busch und Bach,

daß die weißen Blütenglocken

in seinen Locken

schwingen und springen.

Und Hans kuckt ihm nach

und hört sein Lied:

wer zieht mit? zieht mit?

Kommt das Maienweibchen,

trägt ein weißes Kleidchen,

trägt ein grünes Kränzchen,

sagt zu unserm Hänschen:

Eia, Hans,

komm zum Tanz!

Einen Schritt Frau Nixe,

einen Schritt Herr Nix,

Ringeldireih, Ringeldireih,

Dienerchen,

Knix!

Puhstemuhme

Krause, krause Muhme,

alte Butterblume,

Puhsterchen, nanu?

Wo hast du denn dein Hütchen,

dein gelbes Federschütchen?

worauf wartest du?

„Warte aufs Kindchen,

auf ein lieb Mündchen,

ich alte griese

Trauerliese,

puh, puh, puh.

Ach bitte, puhst mich doch

rasch in den Himmel hoch:

tausend kleine Nackedeys

spielen da im Gras,

tausend kleine Nackedeys

lachen sich da was.“

Das große Karussell

Im Himmel ist ein Karussell,

das dreht sich Tag und Nacht.

Es dreht sich wie im Traum so schnell,

wir sehn es nicht, es ist zu hell

aus lauter Licht gemacht;

still, mein Wildfang, gib Acht!

Gib Acht, es dreht die Sterne, du,

im ganzen Himmelsraum.

Es dreht die Sterne ohne Ruh

und macht Musik, Musik dazu,

so fein, wir hören’s kaum;

wir hören’s nur im Traum.

Im Traum, da hören wirs von fern,

von fern im Himmel hell.

Drum träumt mein Wildfang gar so gern,

wir drehn uns mit auf einem Stern;

es geht uns nicht zu schnell,

das große Karussell.

Aurikelchen

Aurikelchen, Aurikelchen

stehn auf meinem Beet,

und sehn den blauen Himmel an,

wo schon den ganzen Morgen

die goldne Sonne sieht.

Aurikelchen, Aurikelchen,

was guckt ihr denn so sehr?

Ihr seid ja selbst so gelb wie Gold,

und habt ein hellrot Herzchen,

was braucht ihr denn noch mehr!

Der Schatten

Nach R. L. Stevenson

Ich hab einen kleinen Schatten;

der geht, wohin ich geh.

Aber wozu ich ihn habe,

ist mehr, als ich versteh.

Er ist ganz ebenso wie ich,

blos nicht ganz so schwer;

und wenn ich in mein Bettchen hüpfe,

dann hüpft er hinterher.

Das Sonderbarste an ihm ist,

wie er sich anders macht;

garnicht wie artige Kinder tun,

hübsch alles mit Bedacht.

Nein, manchmal springt er schneller hoch

als mein Gummimann;

und manchmal macht er sich so klein,

daß Keiner ihn finden kann.

Neulich ganz früh, da stand ich auf,

noch eh die Sonne schien,

und ging spazieren durch den Tau,

im Gras, und suchte ihn.

Aber mein kleiner fauler Schatten,

als wenn er Schnupfen hätt,

lag wie ein altes Murmeltier

noch fest im Bett.

Morgenlied

Tapp tapp, wer kommt da querfeldein?

Nur rasch, nur rasch, Herr Morgenschein,

trab trab!

Die Jungfer Tauduft putzt sich hier;

sie schlägt den Schleier auf vor dir,

klapp klapp!

Klapp klapp, sie lädt dich ein zum Tanz;

nur hol erst deinen goldnen Kranz,

trab trab!

Wer zu ihr will, muß früh aufstehn;

wers tut, dem patscht sie auf die Zehn,

schwapp!

Der kleine Sünder

Von Paula und Richard Dehmel

Gestern lief der Peter weg,

spinnefix verstohlen;

setzt sich Mutter den Bänderhut auf:

wart, ich will dich holen!

Sausepeter,

Flausepeter,

kleiner Sünder, wo bist du?

Hahnematz steht auf der Wiese,

„kiek ins Grüne!“ kräht er;

sag mir, bunter Kickeriki,

wo ist unser Peter?

Bummelpeter,

Schummelpeter,

kleiner Sünder, wo bist du?

Wie sie sich im Garten umkuckt,

ist er nicht zu sehen;

bleibt sie neben dem Spargelbeet

unterm Pflaumbaum stehen.

Aber Peter,

nirgends steht er;

kleiner Sünder, wo bist du?

Hört sie etwas lachen, horch,

oben aus dem Baume;

sitzt der Peter seelenvergnügt,

pflückt sich eine Pflaume.

Wirft ein Steinchen,

schwenkt die Beinchen,

wupptich --: Mutter, da +bin+ ich!

Fragefritz und Plappertasche

Von Paula und Richard Dehmel

Fritz, ich möcht den Spaten haben.

„Mutterchen, warum?“

Möchte eine Grube graben.

„Mutterchen, warum?“

Möchte drin ein Bäumchen pflanzen.

„Mutterchen, warum?“

Wird mein Fritze drunter tanzen.

„Mutterchen, warum?“

Wird das Bäumchen Kirschen tragen.

„Mutterchen, warum?“

Ei, du mußt die Spatzen fragen,

die sind nicht so dumm! --

Kommt die kleine Plappertasche:

„Mutterchen, nicht wahr,

ich bin klüger als der Fritze,

bin schon bald sechs Jahr!

Mutterchen, nicht wahr, der Fritze

ist ein Schaf, o jee!

Ich kann schon bis zwanzig zählen

und das A-B-C!“

I, du kleine Plappertasche,

laß den Fritz in Ruh!

Plappertasche, wische wasche,

halt das Mäulchen zu!

Übermorgen in acht Wochen

kommt der Weihnachtsmann;

wenn du dann noch immer plapperst,

was bekommst du dann?

Einen großen Maulkorb! --

Furchtbar schlimm

Vater, Vater, der Weihnachtsmann!

Eben hat er ganz laut geblasen,

viel lauter als der Postwagenmann.

Er ist gleich wieder weitergegangen,

und hat zwei furchtbar lange Nasen,

die waren ganz mit Eis behangen.

Und die eine war wie ein Schornstein,

die andre ganz klein wie’n Fliegenbein,

darauf ritten lauter, lauter Engelein,

die hielten eine großmächtige Leine;

und seine Stiefel waren wie Deine.

Und an der Leine, da ging ein Herr,

ja wirklich, Vater, wie’n alter Bär,

und die Engelein machten hottehott;

ich glaube, das war der liebe Gott.

Denn er brummte furchtbar mit dem Mund,

ganz furchtbar schlimm! ja wirklich! und --

„Aber Detta, du schwindelst ja;

das sind ja wieder lauter Lügen!“

Na, was schad’t denn das, Papa?

Das macht mir doch soviel Vergnügen!

„So? -- Na ja.“

Fitzebutze

Lieber ßöner Hampelmann,

deine Detta sieht dich an!

Ich bin dhoß, und Du bist tlein;

willst du Fitzebutze sein?

Tomm!

Tomm auf Haterns dhoßen Tuhl,

Vitzlibutzki, Blitzepul!

Hater sagt, man weiß es nicht,

wie man deinen Namen sp’icht.

Pst!

Pst, sagt Hater, Fitzebott

war eimal ein lieber Dott,

der auf einem Tuhle saß

und sebratne Menßen aß.

Huh!

Huh, sei dut, ich bin so tlein

und will immer a’tig sein.

Fitzebutze, du bist dhoß;

kleine Detta spaßt ja blos.

Ja?

Ja, ich bin dir wirktlich dut!

Willst du einen neuen Hut?

Tlinglingling: wer b’ingt das Band?

Königin aus Mohrenland!

Tnicks!

Tnix, ich bin F’au Tönidin,

hab zvei Lippen von Zutterrosin;

Fitzebutze, sieh mal an,

ei, wie Detta tanzen kann!

Hoppß!

Hopßa, hopßa, hopßassa:

Tönigin von Af’ika!

Flitzeputzig, Butzebein,

wann soll unse Hochzeit sein?

Du!

Du! Mein tleiner lieber Dott!

Du?! sonst geh ich von dir fo’t! --

Ach, du dummer Hampelmann,

siehst ja Detta garnicht an!

Marsch! --

Käferlied

Maiker, Maiker, surr,

bleib schön sitzen, burr!

Breite deine Fühler aus,

mach zwei kleine Fächer draus,

schwing sie kreuz und quer,

zähle mir was her!

Zähle, ich will mit dir zählen,

wieviel noch Minuten fehlen,

bis Herr Heuschreck wuppt

und mir auf die Nase huppt.

Maikäber, Maiker,

sonst holt dich der Deiker.

Die Reise

Tipp, tapp, Stuhlbein,

hüh, du sollst mein Pferdchen sein!

Klipp, klapp, Hutsche,

du bist meine Kutsche,

wutsch!

Wipp, wapp, zu langsam;

hott, wir fahren Eisenbahn!

Alle meine Pferde,

um die ganze Erde,

rrrutsch!

Tipp, tapp; zipp, zapp;

halt, wann geht das Luftschiff ab?

Fertig, Kinder, eingestiegen!

wollen in den Himmel fliegen!

futsch!

Die Schaukel

Auf meiner Schaukel in die Höh,

was kann es Schöneres geben!

So hoch, so weit: die ganze Chaussee

und alle Häuser schweben.

Weit über die Gärten hoch, juchhee,

ich lasse mich fliegen, fliegen;

und alles sieht man, Wald und See,

ganz anders stehn und liegen.

Hoch in die Höh! Wo ist mein Zeh?

Im Himmel! ich glaube, ich falle!

Das tut so tief, so süß dann weh,

und die Bäume verbeugen sich alle.

Und immer wieder in die Höh,

und der Himmel kommt immer näher;

und immer süßer tut es weh --

der Himmel wird immer höher.

Das richtige Pferd

Von Paula und Richard Dehmel

Wer schenkt mir ein lebendiges Pferd,

mein Schaukelpferd ist garnichts wert,

es hat so steife Beine.

Es stampft nicht, frißt nicht, wiehert nicht,

und macht solch ledernes Gesicht;

es weiß nicht, was ich meine.

Wenn mir der Weihnachtsmann ein Pferd,

ein wirklich richtiges Pferd beschert,

dann reit ich über die Brücke,

und reite durch den Kiefernforst

nach Vehlefanz und Haselhorst,

und noch fünf große Stücke.

Dann bin ich mitten in der Welt;

da such ich mir ein Haberfeld

und lasse meine Pferdchen grasen.

Und dann, dann reit ich ans Ende der Welt,

wo der Riese den Regenbogen hält,

und -- schick euch ’ne Ansichtspostkarte.

Die ganze Welt

Wo hängt der größte Bilderbogen?

Beim Kaufmann, Kinder! ungelogen!

Man braucht blos draußen stehn zu bleiben,

kuckt einfach durch die Ladenscheiben,

da sieht man ohne alles Geld

die ganze Welt.

Man sieht die braunen Kaffeebohnen;

die wachsen, wo die Affen wohnen.

Man sieht auf Waschblau, Reis und Mandeln

Kameele unter Palmen wandeln,

und einen Ochsen ganz bepackt

mit Fleischextrakt.

Man sieht auch Zimmt und Apfelsinen,

und Zuckerhüte zwischen ihnen.

Man sieht auf rot lackierten Blechen

Matrosen mit Chinesen sprechen;

und manchmal steht ein bunter Mohr,

der lacht, davor.

Am Eingang aber lehnt ’ne Leiter

mit Hasen, Hühnern und so weiter.

Und manchmal hängt an ihren Sprossen

ein großer Hirsch, ganz totgeschossen;

dann kommt so’n kleiner Hundemann

und schnuppert dran.

Lazarus

Nach R. L. Stevenson

Ich bin der kleine Lazarus,

der still zu Bette liegen muß;

die Nacht ist immer schrecklich lang,

ich bin schon sieben Tage krank.

Ich weiß, im ganzen Hause gehn

die großen Leute auf den Zehn;

ich mach mir aber garnichts draus,

ich packe sacht mein Spielzeug aus.

Ich schicke mein Soldatenheer

durch meine Kissen kreuz und quer,

von Tal zu Tal, bergauf bergab,

und manchmal kommt ein tiefes Grab.

Und auf dem Laken weiß wie Schnee

ziehn meine Schiffe über See;

und um die Wellen geht ein Wall,

da bau ich Burgen überall.

Ich bin der Riese groß und still,

der Alles tun kann, was er will,

vom Bettberg bis zum Lakenstrand

im Reich der weißen Leinewand.

Der kleine Held

Eine Lehrjungen-Dichtung

Allen braven Trotzköpfchen zugedacht.

Bengels, daß ihr Kerls aus euch macht!

Inhalt:

Wie ein ganz armer Junge sich sagt was er alles werden kann.

Anfang

„Du bist ein armer Junge“

sagt Mutter oft und weint,

wenn ich Herr Rittersmann spielen will.

Aber Vater hat gemeint:

„er ist ein kleiner Held!“

Neulich nahm ich ganz einfach

meinen Drachen mit als Schild,

und dem reichen Kurt sein Schwesterchen

hat mich geküßt wie wild:

„du bist ein kleiner Held!“

Ich ließ meinen Drachen steigen,

dann ging es in die Schlacht;

ich wollt meinen Schild blos +zeigen+,

ich hab ihn selbst gemacht,

ich bin ein kleiner Held!

Ich wills schon machen, daß Mutter

nicht mehr weint um mich.

O! sie soll mal sehn und lachen,

was ich alles werden kann, ich

kleiner Held! --

Ein Zimmermann

Ich kann ein Zimmermann werden,

dann zimmr’ich mir ein Haus;

hoch überm höchsten Giebelbalken

krönt meinen Richtfeststrauß

-- Achtung! -- mein Meisterhut.

Dann zimmr’ich noch viele Häuser;

meine Richtschnur knippst und knappst,

die Spähne schießen vor Angst kobolz

um meine blanke Axt,

und hurr, wie knirscht meine Säge!

Meine Säge knirscht mit den Zähnen:

mir ist kein Holz zu hart,

ich werd’s schon kirre kriegen,

wart nur, wart nur, wart!

So knirscht meine große Säge.

Fertig! Nun fix nach oben,

wo der Wind mich kämmt und küßt;

und mag er rütteln und toben,

ich fall nicht vom Gerüst,

ich bin ein kleiner Held!

Ein Dachdecker

Ich kann ein Dachdecker werden,

denn ich bin schwindelfrei.

Ich kletter bis auf den Kirchturmhahn,

und die Dohlen und Krähn schrein: ei,

was will der Herr denn hier?

Der will die Kirchtürme flicken,

es tut schon lange not!

Die Glocken, wenn mein Fahrstuhl kommt,

brummen: ßapperlot,

da baumelt ’ne Himmelsleiter!

Und unten kribbeln die Leutchen,

und steigt kein Laut mir nach.

Blos mein Freund, der Schornsteinfeger,

ruft manchmal vom nächsten Dach:

Komm, Bruder, es gibt ein Gewitter!

Aber dann bleib ich lieber

ruhig auf meinem Sitz

und hör, wie der Donner losbrüllt:

Bravo! Sieh, Bruder Blitz,

das ist ein kleiner Held!

Ein Feuerwehrmann

Ich kann Feuerwehrmann werden;

kaum daß die Brandflamme prasselt,

kommt schon galopp mit Fackelgesprüh

unser Wagen angerasselt,

alle Mann wie auf Sprungfedern stehend.

Wie mit Donner und Blitz um die Wette:

unsre Fackeln sind Rettungszeichen!

Meine Pfeife gellt: beiseit, beiseit!

und alle Menschen weichen

uns voll Ehrfurcht aus.

Denn dort die glühenden Fenster --

horch: durch den Qualm ein Schrei!

Da wird nicht lange gefackelt mehr:

rasch den Rauchhelm auf, die Spritzen in Reih,

und mit Beil und Seil wird gerettet!

Vielleicht ein schönes Mädchen;

das wird dann meine Braut.

Oder ein kleiner Betteljunge;

der schießt dann wie ich ins Kraut

und wird ein kleiner Held.

Ein Schmied

Ich kann Schmiedemeister werden;

knuff! sagt mein Hammer und saust,

dann springen die Funken vor Freude

um meine rußige Faust

bis an den Blasebalg.

Herr Blasebalg, was stöhnst du?

Nur zu! die Glut geschürt!

Und laß die Schlacken nur spucken,

wenn meine Zange drin rührt;

gut Eisen will auf den Ambos!

Dem soll ich den Rücken klopfen,

dann lacht er und trällert ein Lied:

Lieb Hammergeläut, lieb Hammergeläut,

gut Eisen dankt dem Schmied,

er klopft es hart zu Stahl.

Drum streut’s vor Freude Funken

und hüpft bei jedem Streich;

die Heuchler und Halunken,

die klopft er windelweich,

knuff, der kleine Held.

Ein Maschinenbauer

Ich kann Maschinbauer werden;

da sträubt sich manchem das Haar.

Das ist viel toller als Märchenspuk,

da hausen wirklich wahr

tausend Zauberkräfte.

Die toben, wirbeln, krachen

mit Kolben, Kurbeln, Gelenken,

mit feuerschnaubenden Rachen,

man muß an die Hölle denken,

an die großen Tiere der Urzeit.

Und sind viel stärker als Riesen;

was können sie alles tun!

Bergwerke bohren, Dampfschiffe treiben,

Bahn brechen mit eisernen Schuhn;

weh dem, der ihnen zu nah tritt!

Schnurstracks reißt Schwungrad und Riemen

die täppische Hand in Fetzen.

Mit solchen Ungetümen

auf guten Fuß sich setzen

lernt nur ein kleiner Held.

Ein Eisenbahner

Ich kann Eisenbahn-Zugführer werden;

nein, Lokomotivführer lieber.

Dann bin ich kleiner Menschenknirps

der größten Maschine über,

die tausend Pferdekraft stark ist.

Und tausend andre Menschen

regiert Ein Griff meiner Hand,

tagein tagaus, bei Nacht, bei Nebel,

im Sturm von Land zu Land;

Bahn frei! schreit meine Maschine.

Bahn frei -- was schreit da wider?

im Dunkeln welch Gestampf?

Woher, wohin? Vorwärts, zurück?

Halt! bremsen! Gegendampf!

jetzt gilts, Mensch: Einer für Alle!

Und fliegt der Kopf vom Kragen,

so stirbt sichs ohne Grämen;

dann braucht man sich doch wenigstens

des Lebens nicht zu schämen!

So denkt ein kleiner Held.

Ein Weltreisender

Ich kann Weltreisender werden,

wo keine Eisenbahn geht:

wo überm ewigen Eismeergrab

die Nordlichtkrone steht,

die Krone der ganzen Erde.

Oder wo heiß die Wildnis

nur Grüße Gottes haucht,

und wo die liebe Seele

keinen andern Wegweiser braucht

als Sonne, Mond und Sterne.

Und treff ich mal auf Menschen,

die sind wohl nicht wie ich;

ihr Gott, der heißt wohl Fitzebutze,

ihr Häuptling Duckedich --

hurra, das gibt einen Hauptspaß!

Ich ducke sie noch ein bißchen

tiefer zum Schabernack;

und wollen sie’s übel nehmen,

dann los! habt Mut, ihr Pack!

hier steht ein kleiner Held!

Ein König

Ich kann ein König werden;

nicht etwa bei uns, i wo!

Bei uns, da muß man Kronprinz heißen,

dann wird man’s sowieso.

Ich werd bei den Negern König!

Die fragen nicht nach dem Taufschein,

wenn man nur orndtlich regiert.

Erst zähm ich mir ein Dutzend Löwen,

dann komm ich ankutschiert,

acht Zebras vorgespannt:

Was lauft ihr weg wie die Affen?

Mein Reich ist vogelfrei!

Wer stark ist, darf’s erobern helfen;

die Klugen sind stark für zwei!

Kommt, Kinder, dankt euerm Herrgott!

Ihr habt einen König und Priester,

der braucht keinen Polsterthron,

keinen Feldherrn, Hofherrn, Minister

und sonstige Dienstperson;

euch führt ein kleiner Held!

Ein Tierbändiger

Ich kann Tierbändiger werden,

ich bin den Bestien gut;

sie würden gerne Menschen sein,

nur Qual ist ihre Wut,

drum sind ihre Augen so traurig.

So wie in Wahnsinn versunken,

so gläsern manchmal, so stier.

Aber man braucht sie blos zu lieben,

das fühlen sie ganz wie wir

und lernen Vernunft annehmen.

Neulich am Raubtierkäfig

bot ich dem Tiger die Hand.

Er sah mich lange schnurrig an,

bis er mein Herz verstand;

dann ließ er sich ruhig tatzeln.

Er gähnte wie im Zirkus

und bog die Schwanzspitze sacht.

Ich wette, den dürft ich karbatschen,

er dachte: Du hast die Macht,

du bist ein kleiner Held.

Ein Kunstreiter

Ich kann ein Kunstreiter werden,

das kann nicht jedermann;

nur wer bis in die Zehenspitzen

sich selber bändigen kann,

bis in die Turnschuhspitzen!

Hei, wenn beim großen Luftsprung

meine stolzen Pferde sich bücken!

Die Herren Leutnants lächeln vor Neid,

die Damen vor Entzücken;

ich lächle immer mit.

Ich lächle, ihr schönen Damen:

Klatscht Beifall! still, Musik!

freut euch, gleich kommt der Doppel-Luftsprung,

vielleicht brech ich’s Genick!

Ich werde auch dann noch lächeln.

Dann kommt ihr angefahren

mit Kränzen und Trauermärschen;

ich aber lächle noch im Sarg,

ich kann mich selbst beherrschen,

ich bin ein kleiner Held.

Ein Jägersmann

Ich kann ein Jägersmann werden,

ich hab eine sichre Hand;

ich werde von der Schießbudenfrau

immer „klein Tell“ genannt.

Ich hab auch kaltes Blut.

Ich zucke nicht mit der Wimper,

drück ich die Knallbüchse ab.

Mir soll kein Wilddieb ins Handwerk pfuschen;

ich bringe ihn auf den Trab,

und wär er schlau wie ein Teckel.

Ich würde wohl selber wildern,

hätt ich kein eigen Revier.

So aber, Kerl: Mann gegen Mann,

ich schütze den Forst vor dir,

das ist meine Pflicht, Halunke!

Gewehr her! oder -- gib Feuer!

Auge in Auge! Laß sehn:

piff paff, wen’s trifft, dem wird noch

sein ärgster Feind gestehn:

da liegt ein kleiner Held.

Ein Gärtner

Ich kann ein Gärtnersmann werden,

mit allen Pflanzen vertraut.

Mir schadet keine Treibhausluft

und auch kein giftiges Kraut;

ich bin so zäh wie ein Buchsbaum.

Ich nutze die giftigen Kräuter,

ich züchte Heilkräuter draus,

mitunter auch Küchenkräuter;

nur die Unkräuter reiß ich aus

oder veredle sie.

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) · 第 12 / 16 段