sie band sich selber die Hände.
Da kam die Ruhe: Nun bist du gefeit.
Ich halt dich umfangen wie Raum und Zeit:
unser Band hat nicht Anfang noch Ende.
Nun seh ich ohne Sehnen und Bangen
um unsre Sterne das ewige Dunkel hangen;
wir wissen ungeblendet heimzufinden.
Und selbst der Mond, der alte Bösewicht
mit seinem unheimlich geborgten Licht,
kann uns das Sonnenband nicht mehr entwinden.
Im Mond der Schatten schwillt und schwillt;
im dunkeln Weltraum blinkt immer befreiter
das Licht, das von den Sternen quillt.
Der Mann sinnt weiter:
Und man erkennt: Verbindlichkeit ist Leben,
und Jeder lebt so innig, wie er liebt:
die Seele will, was sie erfüllt, hingeben,
damit die Welt ihr neue Fülle giebt.
Dann wirst du Gott im menschlichen Gewühle
und sagst zu mir, der dich umfangen hält:
du bist mir nur ein Stück der Welt,
der ich mich ganz verbunden fühle.
Bei Tag, bei Nacht umschlingt uns wie ein Schatten
im kleinsten Kreis die große Pflicht:
wir alle leben von geborgtem Licht
und müssen diese Schuld zurückerstatten.
Im Mond der Schatten schickt sich an zu weichen;
zwei Menschen sehn den Himmel voller Zeichen.
23.
Und immer kühner greift der Morgenwind
durch Wolken in die nebelvollen Täler;
die Wolken flüchten immer schneller,
die Nebel eilen stromgeschwind.
Von Berg zu Berg wehn breite Sonnensträhnen.
Der Mann steht auf von Rechnungen und Plänen:
Sieh, jetzt im Zwielicht kannst du deutlich sehn,
wie mächtig unser Zukunftsland sich streckt;
wenn wir im Frühjahr an den Schachtbau gehn,
ist schon zum Herbst das Lager aufgedeckt.
Dann soll mein Grubenvölkchen bald verstehn,
daß freies Land noch freiere Leute heckt,
auch +ohne+ die soziale Republik;
und unsern Kindern wird ein Licht aufgehn,
wozu sich da vom Schornstein der Fabrik
die Rauchfahne der Arbeit reckt,
wenn hier zum Turm her Sonntags längs des Flusses
von Hütte zu Hütte auf allen Höhn
die bunten Wimpel des Genusses
um dein Sternenbanner wehn.
Gelt, das wird schön? und mehr als schön!
Er legt beide Fäuste auf seine Pläne.
Die Nebel eilen stromgeschwind.
Die Sonne streift mit ihrer Strahlenmähne
die kleinen Städte unten, Schiffe, Kähne.
Mit strahlt das Weib, hell lacht der Wind:
Es wird! Wo kreisend die Sterne sich rühren,
da greift jeder Bannkreis in andre ein!
Und wenns statt Hundert nur ein Dutzend spüren,
dann wird das Dutzend unermeßlich sein!
Und mitgebannt mit dir in alle Sphären,
o Mann, ich helf dir Freiheit gebären!
Sie lehnt sich an ihn muttergroß.
Die Berge schwellen im Morgenduft.
Es ragt sein Haupt, es wogt ihr Schooß.
Zwei Menschen schaun wie Götter in die Luft.
24.
Doch erdschwer stockt die weiche Luft und läßt
noch manch verblichnes Blatt zu Boden schauern;
der alte Hain steht bis ins Mark durchnäßt,
der Nebel trieft vom Moos der Mauern.
Das Weib, die Hände unters Herz gepreßt,
unterdrückt ein fröstelnd Trauern:
Du meinst, du hast mehr Willen als ein Baum?
Und lernte nun dein eigen Kind uns hassen
mit unserm herrischen Freiheitstraum?
Lux -- unser Eichkätzchen -- dir zeigt sie’s kaum --
weiß sich vor Heimweh nicht mehr zu lassen!
Ich hätt’s im zehnten Jahr +auch+ schlecht ertragen,
so jählings in ein ander Land verschlagen;
wir aber können allerorten bestehn.
Du kannst jedwedem Erdfleck Zukunft spenden;
und halt ich erst mein Mutterglück in Händen,
dann laß uns heim in Deine Heimat gehn!
Sie sieht, er nickt -- schwer, ohne aufzusehn;
er streicht den grauen Fleck in seinen Haaren --
Meinst du, mir sei dies Leid nie widerfahren?
Bei deinen Worten hört ich fern am Rhin
die Schnitter ihre Sensen dengeln
und sah zum Hammerschlag gleich Engeln
die Nebel durch die Haide ziehn.
Ich lief vor Heimweh noch mit fünfzehn Jahren
fünf Meilen weit in einer Nacht nach Haus.
Da, Morgens, trat mein Vater zur Tür heraus:
Du?? Marsch, zurück! -- Und da: ich habs halt müssen:
da lernt ich zähneknirschend mit wunden Füßen
in jedem Straßenbaum die Heimat grüßen;
und so -- so muß auch +mein+ Kind durch die Welt!
Ihr kleiner Wille möge sich nur bäumen;
dann wird sie einst wie Wir so herrisch träumen,
so frei von Weiberlaunen -- gelt?!
Er sieht, sie nickt -- sie atmet auf im stillen.
Zwei Menschen baun auf ihren Willen.
25.
Und rauher wetterts über die Berge herab.
Die hohen Tannen fangen den Wind und juchen;
aus den Taltiefen langen die kahlen Buchen,
als ob sie oben Kräfte zu schöpfen suchen,
so sehnig schlank. Der Mann weist hinab:
Da sieh, wie’s wächst, wo Leidenschaften sich drängen!
Hier reckt sich jeder Baum mit kühnerer Kraft;
wie riesige Schlangen, die sich im Kampf hochzwängen.
O, ich erfuhr’s, wie man nach Raum ringt im Engen,
immer bestärkter vom Leid der Leidenschaft!
Wer’s aber zu ersticken versucht,
dies tierisch Trübe, göttlich Klare,
von Lust und Liebe Unlösbare,
der ist von Anfang an verflucht:
verdammt zur Ohnmacht: verrückt, verrucht,
wird er an jedem Glück zum Diebe,
zu schwach zum Haß selbst -- aus Liebe zur Liebe.
Er rührt das Weib an, weiter zu schreiten.
Sie steht wie wehrend; und sonderbar
bäumt sich im Wind ihr schwarz schlängelnd Haar.
Sie glättet’s. Ihr Blick flammt wie vor Zeiten:
Wem sagst du das? Kam mir je ein Leid,
das ich nicht hinnahm mit rüstigen Händen?!
Wußt ich nicht jedes in Lust zu wenden,
seit wir einander eingeweiht:
derselbe Geist eint und entzweit --
ich seh ihn walten nun aller Enden.
Ich sehe im Geist sogar die Zeit,
da wird sich Menschenwitz getrauen,
die Erde aus ihrer Axe zu biegen
und anders um die Sonne zu fliegen --
ich sehe das Eis der Pole tauen,
der Blitz wird uns auf Wolken wiegen --
doch bis in alle Ewigkeit
wird Haß und Liebe alldem obsiegen!
Zwei Menschen schüttelt ein Wonnegrauen.
26.
Doch ruhig geht der Schein der Sonne unter.
Durchs Rebgelände kriecht der Abendrauch
der kleinen Talstadt und der Moderhauch
des welken Laubes wie verzagt.
Ein Baum wirft sacht ein letztes Blatt herunter.
Das Weib fragt:
Doch die dort unten? sind sie je zu belehren,
daß ihnen unser herrischer Wandel dient?
Einst ritt der Held gepanzert und geschient;
heut muß sich Jeder wie ein Handelsjud wehren.
Ich will an deinem menschlichen Zukunftsglauben
nicht mit Zweifelsfingern klauben,
aber gläubiger hüt ich unser göttlich Glück.
Die Welt befeindet’s. Denk dich zurück:
dein nächster Freund, wie hat er’s uns erschwert!
Scheint er dir jetzt nicht hassenswert?
Ihre Stirn treibt Schatten in die Flucht;
in ihrem dunklen Blick zuckt erwachend
ein Irrlicht alter Eifersucht.
Der Mann sagt lachend:
Er ist mir doch zu gottvoll zum Hasse:
ein so urdeutscher Menschheitstyrann,
daß nur der Vollblutjude Liebermann
ihn malen könnte: so schön voll Rasse.
Was sind denn hassenswerte Kreaturen?
Vorwand für unser eigen häßlich Wesen!
Der Deutsche reißt am Zopf des Chinesen,
den Britten wurmt der Eigennutz des Buren.
Du fühlst, wir leben widersittig --
doch laß uns drum den Gott nicht schmähen,
mit dem die Sittsamen sich blähen;
uns treibt er zum Aufschwung mit seinem Fittig.
Wir haben durch ihn den Weg zur Liebe gefunden!
Ich hasse nur in meinen schwachen Stunden.
Da glänzt ihre Stirn auf wie die Abendflur.
Zwei Menschen schweben über ihrer Natur.
27.
Und an fernen Dächern und Kirchen hin wie an Särgen
fliegt der Morgen mit phönixgoldnem Schweif.
Die Nebel lösen sich von den kalten Bergen
und schmücken die Tannen mit reinstem Reif.
Und im Geist aufgehend in den verklärten Landen,
sagt der Mann dem Weib, als sei aller Kampf überstanden:
Sieh, Seele: so werd ichs immer wieder spüren,
und bin ich noch so menschenmüd, Du:
nur dein Blick braucht sonnig mich anzurühren,
dann fliegen mir Gotteskräfte zu.
Nicht so wie damals, als wir uns noch
hochtrabende Götternamen gaben --
die hab ich mit der Toten begraben;
jetzt tragen wir willig das Menschenlebensjoch.
Jetzt weiß unser Wille erst recht die Flügel zu breiten,
jeden Augenblick kann er hinaus über Räume und Zeiten;
denn selig Seel in Seele ergeben
begreifen wir das Ewige Leben,
das Leben ohne Maß und Ziel,
selbst Haß wird Liebe, selbst Liebe wird Spiel.
Dann ist der Geist von jedem Zweck genesen,
dann weiß er unverwirrt um seine Triebe,
dann offenbart sich ihm das weise Wesen
jedweder Torheit -- durch die Liebe.
Er sucht ihren Blick; er will ihr Dunkelstes lesen.
Sie steht, als höre sie ferne Glocken klingen.
Sie spricht, als sei sie in der Zukunft gewesen:
Dann wird uns Segen aus jedem Werk entspringen.
Dann lebst du nicht mehr mit dem Leben in Streit.
Dann kann uns ganz die Lust der Allmacht durchdringen.
Nicht Mann, nicht Weib mehr wird um die Obmacht ringen.
Klar über aller Menschenfreundlichkeit
steht Mensch vor Mensch in Menschenfreudigkeit!
Sie öffnet die Arme, als will sie die Welt umschlingen.
Fern flammt der Himmel in goldner Herrlichkeit.
Mit flammt ein Seelenpaar auf Geistesschwingen.
28.
Doch weit und hoch und funkelnd spannt die Nacht
ihr Grauen aus um Turm und Hain und Garten.
Im Tal bezeugt ein Lichtlein ihre Macht.
Die Stadt schläft, von den Sternen bewacht.
Und über die Wipfel deutend, die frosterstarrten,
fragt das Weib mit Vorbedacht:
Doch wenn nach unsern göttlichen Augenblicken
die menschlichen Stunden das Herz beschleichen?
können wir uns wie diese Eichen
mit sichern Wurzeln in jedes Schicksal schicken?
Das Kind kanns noch -- da sprachst du wahr;
sie denkt schon dran, hier Spielgefährten zu finden.
Sie kann ihr Herz noch frei an Alles binden;
selbst ihren Büchern bringt sie’s dar.
Wir aber, die wir nicht mehr einsam sind
und doch den Zwiespalt dieser Welt empfinden,
dürfen wir träumen wie ein Kind?
Das Licht im Tal erzittert; sie sehn’s verschwinden.
Des Mannes Lächeln wird seltsam wild.
Es ist ein Lächeln, das allem Schicksal gilt.
Sein Blick erhebt sich in die nächtigen Fernen,
als lese er die Antwort aus den Sternen,
seltsam mild:
Es ist in uns ein +Ewig+ Einsames --
es ist Das, was uns Alle eint.
Es tut sich kund als Urgemeinsames,
je eigner es die Seele meint.
Sie wurzelt rings im grenzenlos Alleinen;
sie liebt es, sich im Weltspiel zu entzwein,
um immer wieder selig sich zu einen
durch Zwei, die grenzenlos allein.
So lebt die Liebe; das ist kein Traum.
So, Herz, erlebst du’s mit am dürrsten Baum,
was ihm wie dir wohl oder wehe tut;
nur leiser, ferner, nicht so nah dem Blut.
Zwei Menschen lächeln über Zeit und Raum.
29.
Und der Wald schweigt wie von Andacht gepackt;
der erste Schnee liegt tief und schwer.
Aus Höfen und Scheunen vom Talgrund her
tönt gedämpft der Dreschertakt.
Fern, groß, im weißen Sonnenglast,
steht eine Bäurin und worfelt Korn;
zuweilen blitzt ihr Sieb auf wie voll Zorn,
dann flattern Spatzen. Der Mann macht Rast:
Dieses Schauspiel ergreift mich immer,
als sei’s der Mutter Menschheit Bild.
Da steht das riesige Frauenzimmer,
ihre Worfel schüttelnd, wild, schaffenswild,
die Körner hütend mit harten Tatzen,
vor Eifer glühend, vor Freude rot:
tanzt auch manch leichtes zu den Spatzen,
die schweren geben Menschenbrot.
Und jetzt auf einmal fühl ich’s mit Beben:
deines Schooßes Frucht ist der Allmacht vonnöten!
Und käme auch dieses Kind blind ins Leben
und du hast nicht wieder die Kraft, es zu töten,
dann will ich glauben, du hast die höhere Kraft,
die Licht aus tiefstem Dunkel schafft.
Er will sie küssen -- ihm stockt das Herz:
sie steht wie weit hinweggetragen.
Ihrem Blick entquillt ein Licht in sein Herz:
das stillt alle Wonne, allen Schmerz:
ein Licht goldner Ruhe -- er hört sie sagen:
Bei deinen Worten hat dein Kind
die Augen in mir aufgeschlagen --
es wird nicht blind.
Es sah mich an wie aus tiefem Bronnen.
Seine Augen waren zwei blaue Sonnen.
Es wird wie Du durchs Leben gehen.
Ich hab’s gesehen.
Traumhaft flüstert sie: Dein Kind und meins.
Traumhaft schauern zwei Herzen in eins.
30.
Und die Sonne küßt den Schnee vom Dach,
und leise summt die Glut in den Kaminen.
Lächelnd tritt das Weib ins Turmgemach;
breit vom Morgenglanz beschienen
sinnt der Mann auf seine Arbeit nieder.
Er blickt nicht auf. Sie lächelt wieder.
Leise naht sie ihm in heller Freude,
weich umwogt vom Mutterhoffnungskleide:
Lukas -- mir war so fröhlich eben:
ich saß und dachte in dich hinein:
der Name, den wir unserm Kind bald geben,
soll auch der Name deines Bergwerks sein.
Und mir kam ein Wort, das wie vom Himmel
nimm all dein Schicksal als Kinderspiel!
Denn gelt: den reichen Seelen
darf das Glück +nicht+ fehlen,
das sie Andern zeigen als ein Ziel --
Da blickt er auf -- sie fühlt sich erbleichen:
seine Augen gleißen, Spott nistet drin.
Seine Hand weist auf einen Bauplan hin:
da liegt ein Brief mit seltsamen Zeichen.
Die Chiffern wogen ihr wie ein Meer.
Rauh kommt seine Stimme zu ihr her:
Ja, ein Spiel -- nenn’s Schicksal, nenn’s Glück, Gott, Welt --
nur: lerne verlieren, willst du gewinnen!
Ich werde mein Werk hier nicht beginnen.
Du wirst bald allein hier auf Namen sinnen;
was du ahntest, hat sich eingestellt.
Hier: aus alter Freundschaft hat man mir diesen
gnädigen Wink „von oben“ verschafft:
binnen vier Wochen bin ich verhaftet
oder verbannt -- auf amtsdeutsch: landesverwiesen.
Nun heißt es, stolz an neue Arbeit gehn,
damit wir vor dem Gott in uns bestehn!
Aus seinen Augen weicht aller Spott.
Zwei Menschen beugen sich vor Gott.
31.
Und es tanzt der Schnee; kalt flimmern die Flocken
wie Sterne im schwachen Sonnenschein.
Immer stiller starrt das Weib landein.
Aber wärmer immer, als will er sie feien,
streicht der Mann ihre schwarzen Locken:
Wir haben einst als Menschen gefehlt,
nun kommt die Menschheit und will uns strafen.
Aber sieh: ihr Geist hat uns so beseelt,
daß wir wie Kinder, wenn Mutters Schläge trafen,
nur umso lieber an Mutters Herzen schlafen,
der eignen Unvollkommenheit entrückt,
vom Glück aller Seelen mitbeglückt.
Und gleich den Flocken, die irrend vom Himmel tanzen
und findet doch jede ihr irdisch Ziel,
laß uns nun hingehn, als seis zum Spiel,
und in fremdes Land deutsche Edelsaat pflanzen.
Denn im blutigen Ernst deiner schweren Stunde
-- o, ich fühls, ich sehs: dann liegst du allein --
aber eilend winkt dir jede Sekunde:
bald wirst du wieder bei mir sein,
wie unsre Kinder mit leichtem Schritt,
und bringst mir die Heimat in jede Ferne mit.
O schweig nicht länger -- ja blick mich an:
sieh, hilfebittend steht hier ein Mann,
den keine Einsamkeit mehr quält,
langsam durch heißen Haß zur Liebe gestählt,
und dem nun heimlich die Heimwehwunde klafft --
o sage mir ein Wort voll tiefer Kraft!
Und er sieht, er fühlt: er muß niederknien --
und ein Blick, eine Stimme, so unermessen
wie rings die Stille, kommt über ihn:
Hast du das Machtwort „Wir Welt“ vergessen? --
Und es tanzt der Schnee, und die Flocken wehn
wie Saat des Lichts von Himmel zu Erden.
Keine Grenze mehr. Zwei Menschen sehn
ihr Vaterland unendlich werden.
32.
Doch eine Nacht kommt, da drohn die Weiten;
da hat der Mond Macht. Grausig rein
erleuchtet sein erlauchtes Licht den Hain.
Und das Weib schluchzt auf, wild auf, wie vor Zeiten:
Ich trag ein Kind -- o Du, von Dir --
ich tu meine Schwachheit auf vor dir!
Du hast meine Seele von mir befreit,
nun kommt leerer als je die Einsamkeit!
Wenn du gehst, und ich taste nach einer Hand
in meiner jammervollen Stunde --
Und sie wirft sich an ihn mit stammelndem Munde,
und mit schmerzgekrümmten Fingern umspannt
seine lahme Rechte sie hart wie Stahl
und rafft sie auf aus ihrer Qual:
Dann laß mein Töchterchen bei dir stehn!
Dann wirst du stark sein! laß sie es sehn!
sehn, wie das Mutterwehe dich schüttelt!
daß sie’s mit heiligem Schrecken durchrüttelt!
daß sie bei Zeiten lernt, sich dem Leben
opferherrlich hinzugeben!
daß unsre Kinder einst einfach handeln,
wo wir noch voller Zwiespalt wandeln,
einfältig lieben oder hassen,
mit ganzem Willen die Welt umfassen,
sich heimisch fühlen selbst zwischen den Sternen
und mit jedem Feuer spielen lernen!
Und wehrt mir der Tod, euch wiederzusehn,
dann laß mich in dir verklärt auferstehn!
Und lebt dir ein Sohn, dann lehr ihn mit Lachen
aus jeder Not eine Tugend machen!
Und unsre Mädchen, die leite an:
das Recht der Frau ist der rechte Mann!
Allen Beiden aber leg ins Herz
die Macht der Liebe über den Schmerz!
Und es leuchtet wie seines ihr Gesicht.
Zwei Menschen sehn sich eins mit allem Licht.
33.
Und es sprießen wohl Sterne aus der Erde,
so strahlt der Schnee im Mittagsglanz,
so sind die Berge Ein Silberkranz.
Aber strahlender noch als all der Glanz
wird nun des Mannes Blick und Geberde:
Nun schau und lausche, ganz wie wir sind,
ganz Geist in Leib, nicht trunken blind,
klar aufgetan bis ins Unendliche,
Unüberwindliche, Unabwendliche,
bis wir im Schooß alles Daseins sind:
und du wirst sehn, Herz, daß die Erde
noch immer mitten im Himmel liegt,
und daß Ein Blick von Stern zu Stern genügt,
damit dein Geist zum Weltgeist werde.
Es ist ihm eingefügt jeder Leib,
vom kleinsten Stäubchen bis zum herrlichsten Sterne,
verknüpft noch in verlorenster Ferne,
Weltkörper alle, auch wir, mein Weib!
Und so, schon jetzt durchkreist vom Schwung
der einst im Tod uns ureins wirrenden Triebe,
aus innerster Erinnerung
im Leben eins durch wissende Liebe,
sieh mich nun stehn in ferner Nacht, allein,
vom Anschaun der Gestirne so durchglutet,
wie wenn die Wonnewelle zwischen uns flutet:
in diesem Anschaun bin ich Ewig Dein
und kann dir treuer als je mir selber sein.
Ja, neige dich her -- o Mein -- o wunderbar:
nun schmückt auch Dich ein erstes graues Haar --
Er schlingt es los aus ihrer Lockennacht;
ihm scheint kein Schnee so zart und rein
wie dieses Silberfadens Schein --
Sie nickt und flüstert wie erwacht:
es ist bis in die Seele Gottes Dein -- --
Und Sterne sprießen, soweit die Sonne scheint.
Zwei Seelen wissen, was sie eint.
34.
Doch die Stunde des Scheidens naht und naht,
wie wenn die Zukunft eilender rollte.
Und sie gehn noch einmal den steinigen Pfad,
wo das Werk ihres Geistes wachsen sollte.
Und inmitten der kahlen, vereisten Flächen
muß das Weib einen alten Zweifel aussprechen:
Wenn ich spüre, wie’s wächst, mein Fleisch und Blut,
und still neuen Sinn ins Dasein tut,
als fasse der Mensch das Göttliche nur
kraft seiner tierischen Natur,
als hülle, was wir reden, nur Handlungen,
die wir im Grunde nicht verstehen,
und was wir lehren, nur Verwandlungen,
die währenddem mit uns geschehen --
dann frag ich mich: blickt nicht der blödeste Tor
gottvoller noch als wir zu Gott empor?
Und schauernd sinnt sie nach: zu Gott --
Da sagt der Mann mit mildem Spott:
Zu welchem? Zu dem biblischen Erdaufseher?
Ja, dem tats not, Weltweisheit zu verbieten;
die Hunde meines Vaters sind ihm näher
als alle Priester und Leviten.
Wir aber, wir Menschen der wachsenden Einsicht, kennen
ihn anders, den Gott in unsrer Brust,
dank jenem Geist allrühriger Liebeslust,
den ich nicht wage „Gott“ zu nennen.
Gott ist ein Geist, der klar zu Ende tut,
was er zu Anfang nicht gedacht hat --
dann sieht er Alles an, was Ihn gemacht hat,
und siehe da: es ist sehr gut! --
Und beugst du dann vor ihm das Knie
und weihst ihm willig deinen Menschenschmerz;
dann spricht der heilige Geist des Fleisches: sieh,
so spielt Gott mit sich selbst, o Herz!
Und kindlich lächelnd, göttlich klar,
schweigt Herz an Herz ein Geisterpaar.
35.
Und Seel in Seele neu begnadet
umschreiten sie die alte Ahnengruft.
In den verschneiten Wäldern badet
ein goldenblauer Morgenduft.
Und Hand in Hand vorbei an Baum und Baum
erzählt der Mann dem Weib einen Traum:
Es war, als ging ich irr auf Schicksalswegen,
und nur das Eine wußte ich:
ich kam vom Tod und ging dem Tod entgegen --
da fand ich in der dunkeln Wüste Dich.
Dein Haupt beschirmend hob zur Sternenzone
ein Palmbaum seine starre schwarze Krone;
doch eins der Blätter neigte sich,
als sollten wir’s auf einen Friedhof bringen.
Und da wir’s nun zu uns herniederzwingen,
da fängt es an zu knistern und zu glühen,
und seine zitternden Adern sprühen
ein leuchtendes Gefäßnetz aus.
Und von dem Ätherglanz mit dir umschlungen,
entschweb’ich, aller Irrsal hell entrungen,
still heimathin durchs Weltgebraus.
Und Hand in Hand vorbei an Baum und Baum
erzählt das Weib: Es muß dein Traum
in meinen Schlaf geleuchtet haben:
Ich schwebte über einem breiten Graben,
und jenseits, hoch am grauen Himmelssaum,
stand deine strahlende Gestalt, doch schlief,
bewacht von sieben dunklen, die sich beugten.
Und während sie im Wasserspiegel tief
mir ihre Ähnlichkeit mit dir bezeugten,
begannen sie in dich hinein zu schwinden.
Und du, erwachend, sprachst, mir beigesellt:
wir sind so innig eins mit aller Welt,
daß wir im Tod nur neues Leben finden.
Und ringsher träumt die Waldung, weiß verkleidet.
Zwei Menschen fühlen, daß der Tod nicht scheidet.
36.
Und Tal und Berge ruhn in bleicher Pracht;
groß blühn die Sterne durch die Bäume,
und lautlos über Raum und Räume
erdehnt ins Leere sich die blaue Nacht.
Und nun ist bald das Schwere vollbracht;
schon rührt sich fern durchs Land, als schlüge
ein Herz im Schnee mit dumpfer Macht,
eisern das Bahngeräusch der Züge.
Und heiß, mit einem Lächeln heiliger Lüge,
haucht das Weib: Nun magst du gehn --
hier, wo wir noch durch unsern Himmel schreiten,
sag ich dir ruhig -- -- Sie bleibt jäh stehn,
ihre Stimme bricht, ihre Hände gleiten
ihr schützend unters Mutterherz,
ihre Lippen zwingen sich zum Scherz:
in guter Hoffnung auf Wiedersehn --
Da muß weit der Mann die Arme breiten:
Nicht aber so! -- ja weine, weine --
o sieh: aus tiefster Quelle klar
quillt meine Träne heiß in deine --
und mich verklärend mit dem Glorienscheine
um dein nachtentsprossen Haar,
steh ich hier vor dir und schwör dir: Nie
wird diese Klarheit enden! -- Sieh:
es legt das Dunkel sich in meine Hände,
als ob es Zuflucht suchte und nun fände:
zu Sternen heb’ich meinen sichern Blick!
Da -- o Glück:
ahnst du sie, die Pflicht der Welt?
Ja: von Sphären hin zu Sphären
muß sie Saat aus Saaten gebären,
bringt sie uns das Licht der Welt:
rieselnd wie aus dunklem Siebe
sät es Liebe, Liebe, Liebe
von Nacht zu Nacht, von Pol zu Pol -- --
Zwei Menschen sagen sich Lebwohl.
Ausgang
Leb wohl, leb wohl -- du hältst dich selbst in Händen.
Du sahst, o Mensch, zwei Wesen deinesgleichen
im kleinsten Kreis Unendliches erreichen.
Auch Dein Glück wird ins Weltglück enden.
Der Kindergarten
Gedichte, Spiele und Geschichten
Auswahl
Gärtnerspruch
Alle Frucht der Welt
ist nur des Keims Gewand.
Pflege das Land,
auf das dein Same fällt!
Mag Gott es hüten
vor tauben Blüten.
Muttersprache
Kindersinn und Vätergeist:
Muttersprache ist ihr Band.
Wirket, daß es nicht zerreißt,
all ihr Geister, Hand in Hand!
Vatergruß
Wandre, wandre, Seelenklang:
Berge werden Hügel.
Wird die Wandrung dir zu lang,
gibt mein Herz dir Flügel.
Gibt dir Flügel wundergut,
die kann niemand hindern:
meinen ganzen Lebensmut!
bring ihn meinen Kindern!
Der Vogel Wandelbar
Ein Märchen
War einst ein Vöglein Wandelbar,
an dem fast alles seltsam war.
Ein rechter Wildfang wollt es sein
und hatte doch ein Humpelbein
und viel zu krumme Flügel.
Allein die Flügel sah man kaum,
so schön war sein Gefieder;
das schimmerte wie Purpurschaum,
und auf der Brust der weiche Flaum
wie ein Perlmuttermieder.
Vom vielen Zwitschern eigner Art
bekam’s ein Schnäblein silberzart;
und Augen trug’s im Köpfchen
so lieblich-launisch-glitzerblau
wie morgens die Tautröpfchen.
Das gab dem Vöglein Wandelbar
ein Aussehn, sonderlich fürwahr.
Doch was das Sonderlichste war:
tief innen trug’s +un+wandelbar
ein Herz von lautrem Golde.
Und Alles war dem Vöglein gut,
wie’s humpelte und glänzte;
und Jeder nahm’s in seine Hut,
solang es brav im Hofe saß,
der hoch sein Nest umgrenzte.
Bis unser Vöglein endlich
ein Vogel wurde; ei der Daus,
da lief es aus dem sichern Haus
allein ins weite Land hinaus,
und da ergings ihm schändlich.
Die Andern liefen gar so schnell,
das Ihre zu erjagen;
da kommt mit seinem Wackelschritt
solch armes Entlein nicht gut mit,
und muß den Spott noch tragen.
Sie stießen es und traten es
und rupften es gescheit;
und in dem wilden Drängen
blieb bald sein schönes Schimmerkleid
an Busch und Dornen hängen.
Zwar mancher blieb auch stehen;
vermahnten dann und schalten
den ungeschickten Wandelbar,
und wußten doch, wie lahm er war,
und -- blieben selbst die alten.
Doch schließlich war es ihm geglückt,
mit letzten Kräften, arg zerpflückt,
ein Bäumlein zu erschwingen;
da dacht er heimlich auszuruhn
und sich in Schutz zu bringen.
Verwandelt war nun ganz und gar
der arme Vogel Wandelbar;
nur hier und da noch glänzte ein
zerschlissnes Purpurfederlein
in seinem grauen Kittel.