Hoheit, ich danke für Ihr Entgegenkommen.

Und da Sie gütigst in die Scheidung willigen,

und da uns das Geschick den Erben genommen,

und um Verwickelungen zuvorzukommen,

möchte ich fragen, ob Sie’s völlig billigen,

daß mir auch jetzt, das heißt nach Bruch der Ehe,

die Hälfte meiner Mitgift noch zustehe;

sonst will ich mich trotz meines Anspruchs verpflichten,

so weit wie möglich zu verzichten.

Jener wehrt mit gnädiger Bewegung;

hierauf hört man nur das Gaslicht raunen.

Und nach flüchtigem Erstaunen

nimmt ein Mann das Wort, fast mit Erregung:

Hoheit, auch mich verlangt es, Dank zu sagen --

ich leg ihn nicht mit leeren Händen nieder;

hier bring ich die Archivpapiere wieder,

die ich gewillt war zu unterschlagen.

Ich möchte aber nicht, daß Hoheit glauben,

ich sei aus Leichtsinn zu der Tat geschritten;

ich trat mein Amt an mit dem Zweck, zu rauben.

Ich möchte nur, daß Hoheit mir erlauben,

als Mensch den Menschen um Verzeihung zu bitten.

Er legt errötend ein Bündel auf den Tisch;

Jener wehrt, als ob er Staub wegfächelt.

Wieder hört man nur das Gasgezisch

Zwei Menschen fühlen: der Dritte lächelt.

7.

Ein Stübchen schwimmt voll Zigarettenduft;

zwei Menschen hauchen Ringe in die Luft.

Immer umwölkter blickt und sinnt der Mann

das Weib an:

ihren herrischen Wuchs, ihr sorgsam schlicht Gewand,

ihr schwer zu glättendes Haar, die große Hand,

den kühnen Hals, das sanft geschwungene Kinn --

Endlich wirft er gezwungen hin:

Du hast es äußerst talentvoll angestellt,

dich mir als reiche Frau zu entpuppen;

ich hoffe, daß mirs immer öfter wie Schuppen

von den verliebten Augen fällt.

Ich bin dir dankbar für das charmant posierte

Schauspiel der Armut, das du mir geboten;

beinah so dankbar wie der Toten,

die mir zu Liebe Demut simulierte.

Nur glaube nicht, mit allerhand geschickten

Künsten sei Klarheit zu erzielen;

im Leben führt das Rollespielen

zu arg verwirrenden Konflikten.

Da wird die Wahrheit denn statt Ziel

ein offenherzig Lügenspiel.

Sein Blick wird schärfer; sie hält ihn aus.

Sie scheucht den Rauch weg, sie sagt klar heraus:

Wundert dich das, du freier Mann?

Du wolltest doch, ich sollt dir zeigen,

ob ich verstünde, planvoll zu schweigen;

du schuldigst deine eignen Künste an!

Was unterschied mich denn von einer Dirne,

bevor ich glauben durfte, wir sind Eins?

Der Schutz des Reichtums! nicht des schönen Scheins:

ich biete aller Welt die Stirne.

Die Tote aber lehre uns fürs Leben:

nur volles Selbstgefühl kann voll sich selbst hingeben!

Sie blickt ins Freie; er hat die Augen geschlossen.

Zwei Menschen sitzen rauchumflossen.

8.

Die Georginen schütteln sich im Wind;

gefallnes Obst liegt auf den Gartensteigen.

Am Straßenzaun steht scheu ein armes Kind

unter den brausenden Pappelzweigen

vor einer Frau; sie schenkt ihm von den Früchten.

Selig rennt’s weg, als müßt es flüchten.

Sie tritt zu einem Mann, sie sagt gelind:

Jetzt stand gewiß dein Töchterchen vor dir,

ob ich wohl reif sei, ihm zuzureden

zu seinem Glück -- o glaube mir:

ein rechtes Kind vergißt für jeden

Apfel den ganzen Garten Eden,

drum ist es glücklicher als wir.

Wir schwelgen ewig im Geist und putzen

zu Vorbildern einander aus,

Einbildung träumt von ihrem Nutzen,

bis wir verdutzt im Lebensbraus

zum Sinn des alten Gebots erwachen:

du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis machen!

Statt uns getrost an allen neuen

Reizen wie Götter frei zu freuen --

Ein fallender Apfel macht sie stocken.

Er liegt zerplatzt. Der Mann sagt trocken:

Du hast sehr reizend gepredigt -- aber

mich sticht nicht mehr der Götterhaber.

Im Geist zwar gehts schön glatt vom Fleck

auf dem beliebten hohen Pferde;

aber der Leib liebt halt die Erde,

und eh mans denkt, liegt man plattweg

-- pardon -- im Dreck.

Bis wir nicht lenkbare Lufthäuser bauen,

wohnen wir nicht auf Wolkenauen;

inzwischen zeigt uns jeder Kinderdrachen,

der Mensch muß +Alles+ zum Gleichnis machen.

Die Georginen schütteln sich im Wind.

Zwei Menschen spüren: der Herbst beginnt.

9.

Die Sonnenblumen beugen sich im Regen;

zuweilen rauscht’s vom Dach wie Geisterklopfen.

Der wilde Wein hängt schlaff dem Sand entgegen,

die roten Blätter scheinen Blut zu tropfen.

Der Mann steht trommelnd an der Fensterscheibe.

Plötzlich sagt er zu dem Weibe:

Ich will dir einen Traum erzählen.

Wir standen feierlich in einem Saal,

als sollten wir vor Zeugen uns vermählen.

Ich hielt und bot dir einen vollen Pokal,

um durch den Trunk den Trauschwur zu besiegeln.

Mit einem Mal

seh ich tief unten in dem dunkeln Wein,

wie hoch von oben her, vollkommen rein

ein lächelndes Gesicht sich spiegeln:

die Tote lebt. Sie schwebt. Sie lächelt wieder.

Sie nimmt ein Fläschchen Gift aus ihrem Mieder.

Sie träufelt es in unser Kelchglas nieder.

Und ich: ich lächle mit -- und lass dich trinken --

und trinke selbst -- mir weiten sich die Glieder --

ich fühle fern mich in die Welt versinken.

Und ich -- beginnt das Weib zu überlegen

und starrt abwesend in den rauschenden Regen --

ich stand heute Nacht allein im Traum;

ich war ein leuchtender Schneeglöckchenbaum.

Aber fern kam furchtbar ein Funkeln an,

als wollt’s mich zerstören: ein sturmgesträubter Tann,

ein Wald wilder Lichter, braungolden, grün, blau,

wie ein riesenhaft sich spreizender Pfau,

und mir gehts bis ins Mark, so eilt das Ungeheuer.

Da wird aus mir ein einziges Blütenfeuer;

von weißen Flammen stiebt die ganze Au

und flammt frei hoch mit mir, hoch, immer freier --

und unten prasselt der verbrennende Pfau.

Und wieder rauscht’s vom Dach wie Geisterklopfen.

Zwei Menschen hören’s wie Herzblut tropfen.

10.

Licht kämpft mit Wolken über Forst und See.

Durchs Wasser jagen Schatten, gleich Kentauern

aufbäumend an den düstern Kiefernmauern,

die rings im Bodenlosen schauern;

durchs Uferdickicht rauscht ein flüchtendes Reh.

Zwei Menschen treten aus der Waldesruh.

Innig schaut ein Weib dem Lichtkampf zu.

Ich fange an, dein märkisches Land zu lieben;

es liegt wie wartend, was der Himmel bringt.

Und wenn ich seh, wie dort die Winde stieben

und hier die Stille mit sich selber ringt,

und wie sich all die Sehnsucht nach dem Licht,

die aus dem grauen Wasserspiegel bricht,

paart mit der Sehnsucht in die Nacht

des Weltenschooßes, drin die Sonne wacht,

und selbst die Bäume beben, als ob sie ringen

den Umschwung der Gestirne mitzuschwingen:

dann geht mir auf, was uns ans Leben bannt

und doch uns lockt, dem Tod anheimzufallen,

und immer freier streckt sich meine Hand

nach deinen Freunden, nach den Menschen allen.

Und gleißend öffnet sich ein Wolkenspalt;

den See durchfährt ein schlangenhaftes Blenden,

hinschillernd an den starren Kiefernwänden,

die rings ins Bodenlose enden --

ein Mann sagt kalt:

Jawohl, es ist im Himmel wie auf Erden.

Was sich noch unfrei fühlt, das sehnt sich frei

und möchte immer freier werden;

für mich ist dies Gelüst vorbei.

Ich lernte meine Sehnsucht stillen;

ich bin so gotteins mit der Welt,

daß nicht ein Sperling wider meinen Willen

vom Dache fällt.

Grell greift ein Sonnenstrahl ins Waldesgrauen;

zwei Menschen müssen zu Boden schauen.

11.

Die Nacht der Großstadt scheint ins Land zu wogen:

Laternen lauern bleich den Fluß entlang.

Gleich trunknen Nixen zucken schwank

die Widerscheine unterm Brückenbogen,

vom Takt der Strömung hin und her gezogen;

zwei Menschen bleiben stehn am Uferhang.

Ein Mann, wie von dem Zerrspiel mitgezwungen,

weckt schwanke Erinnerungen:

Ellewelline tanzt Serpentine --

o, wie war der Maitag wunderbar!

als der Herr Eidechs im Sonnenschein erwarmte,

als ich im Weib noch die Welt umarmte;

da hatt ich noch kein graues Haar.

Da hatt ich blaue Himmelschuh an

und war ein schön feuriger Reitersmann;

jetzt zieh ich durch die Nacht im Hundetrott.

Und könnt doch spornstreichs, wie rüstige Witwer dürfen,

aus „allen neuen Reizen“ Freude schlürfen --

gelt, Fürstin? freier als ein Gott!

Er lacht. Er lacht sie an. Sie rührt sich nicht.

Es zuckt wie buhlend in den Wassergrüften.

Sie wills nicht sehn -- wegblicken -- Nein, nicht -- o Licht:

heilig strömt’s über -- sie flammt, sie spricht,

schauernd bis in die schwangern Hüften:

Ich bin nicht mehr Fürstin! ich bin dein Weib!

ich trage dein Blut in meinem Leib!

Du wirst Mein bleiben! du wirst mich nicht schänden!

du hältst mein nacktes Leben in Händen!

Das ist die tötlichste Schmach für ein Weib,

verschmäht ein Mann ihren willigen Leib!

Das wars, was Jene zum Äußersten trieb;

was ihr nicht ahntet, wie Wir jetzt, Wir!

drum gingst du pflichtlos, schuldlos von ihr.

Mich aber hast du blutpflichtig lieb!

Sie zittert; sie will seine Hände fassen.

Er starrt; er wehrt ihr. Zwei Menschen erblassen.

12.

Der Mond erleuchtet scheu ein kleines Zimmer;

das Licht durchranken Schatten, viele, viele.

Ein Mann umschreitet schweigend, wie zum Spiele,

die schwarzen Fensterkreuze auf der Diele.

Doch nun, als löse sich ein Blatt vom Stiele,

bebt eines Weibes Stimme durch den Schimmer:

Ich trag ein Kind -- von Dir, von Dir --

ich tu meine Wonne auf vor dir --

o trag sie mit mir! gemeinsam! grenzenlos!

Du mußt ja; fühl’s doch! ich weiß es und ich sag’es,

mit jedem Pulsschlag sagt mirs Herz und Schooß:

Wir Beide, wir sind Eines Schlages! --

Was quälst du uns! o denk an die Nacht zurück,

als sich’s erfüllte, dein Weisheitswort vom Glück!

Ja: alle Torheit, alles Leid

sind Ausgeburt der Einsamkeit.

Die Stimme schweigt; der Raum schweigt mit, wie leidend.

Die Fensterkreuze flehn ins kahle Feld;

doch drüber schwebt die fremde fahle Welt.

Der Mann sagt schneidend:

O, ich denke an viele Nächte zurück;

jede war voll Wonne -- doch Glück? ist Das Glück?

Dein Schooß, ich hab ihn nicht erschlossen:

ein Andrer hatte ihn vor mir genossen.

Und dein Herz -- ich wollt mich nicht danach fragen,

aber wieder und wieder mußt ich mir sagen:

die reinste Glückseligkeit zwischen Uns Beiden

ist die zwischen Heiden --

und daß dein Leib dir nicht heilig gewesen ist,

das zu vergessen vermag nur ein Christ!

Er stiert plötzlich: es war, als flog

jäh ein Glanz hoch, überirdisch schlank.

Da machts ihn aufschrein: Lea! -- Sie wankt --

will fliehn -- Er -- Licht, Schatten, Alles schwankt --

er schwankt ans Herz ihr: ich log, ich log! --

Zwei Menschen weinen -- o Glück! -- o Dank! --

13.

Nun krümmt das welke Laub sich sacht zum Falle;

nun bringt’s die lange verhüllten Früchte alle

in Feld und Garten voll zu Ehren.

Die Eberesche schwenkt die hundert schweren

hochroten Büschel kühn vorm Ziegeldache.

Nur des Hollunders purpurschwarze Beeren

betrauern sich am dunkelgrünen Bache,

zu dem sie lastend niederschwellen.

Ein Mann verfolgt die Bilder in den Wellen:

Eins greift ins andre -- keins ruht -- nichts ruht --

o hilf ein Ziel sehn! -- wie’s lockt, wie’s warnt, dies Drängen!

Es bringt kein Glück, du, still Brust an Brust zu hängen;

so trieb’s die Tote -- das fraß an ihrem Blut.

Ich war ihr Vampyr. Du wirst der meine,

wenn ich noch länger in dir ruh.

Schon immer bannender werfen deine

Augen mir ihre Blicke zu.

Dann kreist die Welt mir, als will sie mich befreien,

als sind auch Wir nur einsam zu zweien.

Im dunkeln Wasser kreist Bild in Bild.

Er faßt das Weib an, wie innerst aus den Gleisen.

Sie neigt sich zu ihm, muttermild:

Du Ungestümer -- so laß die Welt doch kreisen --

sie kreist durch mich wie dich; was wehrst du ihr!

Bald wirst du dankbar das Wunder preisen,

daß dir die Tote aufersteht in mir.

O Du! wie lag ich einst voll Grauen,

vom Geist der Unterwelt durchwütet;

da lehrtest Du mich, ihm vertrauen,

der Lust wie Leid zur Reife brütet.

Nun sieh, wie dort ums Dach die Früchte lachen,

rot uns ins Herz, still wirkende Gebote!

Heute fühlst du nur das Rote;

morgen wirst du froh erwachen.

Leis umweht ihr Haar ihm Bart und Wangen.

Zwei Menschen sehn die Welt gen Himmel prangen.

14.

Doch bei Halblicht, grau um etwas Dunkles,

hocken Menschen in einem Raum, der dumpf ist,

wie Kaninchen um eine Schlange.

Denn da läßt von allen möglichen Geistern

ein berühmtes Medium sich bemeistern,

und man lauscht ihm immer neugierbanger.

Und nun zuckt die Schlafende, wimmert, röchelt;

und ein Weib, das eben stolz noch lächelte,

rauscht zum Saal hinaus, blaß, fliehend,

hastig einen Mann mitziehend.

Draußen, tief ausatmend, haucht sie glühend:

Empörend -- schamlos -- diese entmenschten Augen!

Nun weiß ich, daß ich nicht zum Vampyr tauge;

verzeih mein Bitten, dies Schauspiel zu besehn!

Erniedrigend! Noch fühl ich mein Herz mitpochen

mit diesem Weibsbild, als könnt’s mich unterjochen --

und Dich? Auch? Sprich doch! -- Sie späht ihn an im Gehn;

um sie braust die Weltstadt, zur Nacht auf, lichtdurchbrochen.

Mich? fragt er ruhig und bleibt hell stehn:

Was schiert mich diese feile Verzückte,

was diese geflissentlich Verrückten,

die wichtig tun mit dem Geschäfte,

den überirdischen Geist zu fassen,

um dann vom Dunst der irdischen Säfte

ihr bißchen Geist noch benebeln zu lassen.

Hol sie der Teufel, die hirnschwachen Tröpfe,

die mit dem Anspruch gottgleicher Geschöpfe

vor lauter Tiefsinn danach gieren,

zurückzukehren zu den Tieren!

Ein Pferd, das Nachts die Ohren spitzt,

wo Wir, die’s lenken, froh sind Nichts zu hören,

weiß mehr von derlei Geisterchören

als solch ein Mensch, das Od ausschwitzt.

Komm, fasse dich! Das Unfaßbare

bedeutet nur: bring +Dich+ ins Klare!

Zwei Menschen schreiten weiter, lichtumblitzt.

15.

Windfackeln lodern. Rot rauschen die Bäume

um scharrende Pferde, bunt blinkernde Zäume;

hoch leuchten die Blätter in der Umnachtung.

Hoch Wimpel und Seile! und drüber die Sterne!

so zeigen die fahrenden Leute gerne

die Künste ihrer Todesverachtung.

Froh staunt das Dorfvolk unten im Kreise.

Abseits lehnt ein Paar. Ein Mann rühmt leise:

Ja, sie tun mir wohl, diese Vogelfreien,

mit ihrer Geistesgegenwart.

Als ob eine uralte Mannszucht sie feie:

jeder Griff bedacht, zielbedacht, willenshart.

Nur auf sich bedacht -- klar im Wirbel des Traums

der Mitgefühle: nur die Tat gilt, die Tat!

So üben sie auf schwankem Draht,

im Flitter der Armut Beherrscher des Raums,

die großen Tugenden der Zeit:

Gefaßtheit und Gelassenheit!

Und erregt, als ob er mitschwingen möchte,

umspannt sein Blick ihr Spiel immer funkelnder.

Und des Weibes Blick schwankt immer verdunkelter.

Heftig faßt sie seine vernarbte Rechte.

Lux! was schwärmst du! -- Scheinen dir deine Ziele

auf einmal nur noch Träume und Spiele?

bin Ich’s, die dein Gefühl entzweit?

Ich denke anders von deinen Handlungen!

Mir winkte strahlend aus all deinen Wandlungen

die große Tugend der Ewigkeit:

die Kraft, den Willen der Welt zu fassen

und nichts, rein nichts beim Alten zu lassen!

Und da ist mein Stern still dem deinen genaht:

wie du mich fühlst, ist das nicht meine Tat?!

Und da schmettern Trompeten und Trommelton,

und das Volk klatscht Beifall den kühnen Springern;

und sie bitten stolz um den kleinen Lohn.

Zwei Menschen geben mit hastigen Fingern.

16.

Rauch und Funken flüstern im Kamin:

Unruh ist, wo Feuergeister hausen,

Unruh, wo die kühlen Wolken ziehn --

horch, die halbentlaubten Pappeln brausen.

Horch -- da legt sich das Gemurr der Flammen,

ein Weib nimmt all ihr Selbstgefühl zusammen:

Mir sagt der Geist, wir wollen Ruhe haben!

Und sperr ich dir den Weg zur Tat, nun gut:

du sollst nicht sagen, ich sei dein Wankelmut:

geh hin, sei frei! und nimm mein Hab und Gut

in deinen Dienst wie andre Freundesgaben! --

Was stehst du nun und staunst mich lächelnd an?

Lukas! -- welch Rätsel bist du, Mann --

Sie will in seinen Augen lesen;

es blaut ein Glanz darin wie nie zuvor.

Die Flammen geistern hell und laut empor.

Ein Mann bekennt sein stillstes Wesen:

Ja, staun ihn an, den Mann -- hier steht er, lacht,

der einst mit furchtbar heiligem Ernst gedacht:

ich bin bös gut, ich bin ein Geist,

an dem die Überlebten sterben,

verführt von ihm, sich vollends zu verderben,

damit der Weltlauf schneller kreist --

so macht sich der gebrechlichste Verbrecher

im Handumdrehn zum Richter und zum Rächer,

bis ihn die Welt in seine Schranken weist.

Das wars; drum hatt ich Helfershelfer vonnöten.

Drum steh ich jetzt und beichte mit Erröten:

Gewichtige Mittel zu nichtigen Zwecken,

das ist die Taktik der Gaukler und Gecken;

ein einzig Fünkchen neue Tugend wecken

frommt mehr, als tausend alte Sünder töten.

Und bist du jetzt noch mein mit Hab und Gut,

dann, Fünkchen, sieh: hell lacht die Glut!

Die Flammen murmeln eine Wunder-Erzählung:

zwei Geister feiern ihre Vermählung.

17.

Und sie staunen ins Land: es atmet Glanz ohne Ende.

Mittagsnebel wandern und weiten alle Grenzen;

aus jedem der tausend Schleier scheint die Sonne zu glänzen.

Und der Mann berührt des Weibes gefaltete Hände:

Also morgen geh ich uns mein Töchterchen holen.

Du wirst dich wundern, Lea -- vielleicht auch nicht:

sie wird dein Ebenbild -- Gang, Haltung, Gesicht --

nur daß sie blond ist wie ein Goldfuchsfohlen.

Ja, Meine, du hast mir schon im Geist geschlafen,

bevor sich unsre wachen beiden Körper trafen;

und nun begreifst du wohl mein Mannesbangen.

Der Geist, der Alles antreibt, in Eins zu gehören,

der strebt das Einzelgeschöpf zu zerstören;

denk, wie wir todeslüstern am Meer uns umschlangen!

Da jauchzten wir den irresten Lebenstrieben;

da hätte die Liebesgier uns aufgerieben,

hätt ich nicht Botschaft von der Toten empfangen.

Jetzt seh ich dort die Nebelgeister walten

und freu mich unsrer festeren Gestalten.

Es wogt; und blaß, wie ferne Inseln, erscheinen

die Wälder durch die leuchtend wehenden Falten.

Das Weib legt schwer die Hände in die seinen:

So laß uns denn den Leib recht heilig halten;

die Seele weiß sich schon allein zu frommen.

Mir ahnt ohnehin, uns wird von deinen alten

Geistesfreunden noch Unheil kommen.

Nimms nicht für Furcht! O, umso stolzer bin ich,

daß du nicht loskonntest von mir.

Und umso demutwilliger weiß ich innig,

daß ich nicht lassen kann von Dir.

Und so, leibhaftig, ist dein Kind auch mein;

ich will ihm eine Mutter sein,

als hätt’s in meinem Schooß geruht,

es ist ja Blut von Deinem Blut.

Und blaß und blasser wehn die Nebel ins Leere.

Zwei Seelen segnen ihre Erdenschwere.

18.

Doch funkeln Sterne wie von je.

Der Nachtwind irrt ums Haus mit Sehnsuchtsrufen

und rüttelt an den morschgewordenen Stufen;

die Pappeln brausen wie die See.

Ergriffen lauscht das Weib den hohen Bäumen,

ein Mädchenseelchen ruht vor ihr in Träumen;

sie dämpft besorgt das Lampenlicht.

Sie tritt ans Fenster zu dem Mann. Sie spricht:

Lieber! wir müssen nun wohl streben,

dem kommenden Geschlecht zu leben.

Wenn meine schwere Stunde naht,

dann ist kein Raum hier. Noch kann ich reisen,

und -- gelt? uns wird auf jedem Pfad

das Wunder der Ehe sich neu erweisen,

beim alleroffenherzigsten Treiben

uns doch ein reizend Geheimnis zu bleiben --

und drum: frei heraus, Lux: ich möcht, wir fahren

nach den Inseln, wo wir +selig+ waren!

Da kann keine fremde Hand uns hindern,

ein Paradies zu bauen mit unsern Kindern.

Und deine alten Eltern, so sehr sie jetzt grollen,

ich glaube, dann werden sie mitbauen wollen.

Die Sterne funkeln wie von je.

Der Nachtwind rauscht ums Haus wie Wogenrollen.

Der Mann blickt lächelnd auf die dunkle Chaussee:

Und wenn die alten Eltern nun niemals wollen?

kannst du die Welt zu Deinem Glück bekehren?

Willst du den kommenden Geschlechtern lehren,

man brauche Inseln, um selig zu sein?

Ja, komm, wir reisen! hoch steht dein Schloß am Rhein!

Da rauscht das Leben rings kreuz und quer,

an dem alles Menschenstreben sich mißt!

Wer in der weiten Welt nicht selig ist,

der wirds auf einer Insel nimmermehr.

Und horch: da dehnt ein Hauch den engen Raum --

zwei Menschen sehn: ein Kind lächelt im Traum.

19.

Und es glänzt ein Strom im Tal; Rebhügel steigen

von kleinen Städten zu Berg und Burg empor.

Herbstfeierlich in letzter Prunksucht umzweigen

die Wälder sie mit hundertfarbigem Flor.

Am Schloßteich spielt ein Mädchen im Sonnenschein

und schmückt sich mit den sterbebunten Blättern;

ihr goldrot Haar huscht durch den alten Hain --

Husch -- lacht der Mann -- gleich wird’s ein Eichkätzchen sein

und über uns im Efeu klettern.

Und der Himmel, schau, wie hochzeitsblau!

ich möcht am liebsten, wir gingen beide

in edlem Sammet und lautrer Seide,

wie deine Ahnen einst hier schritten.

Wir dürftens wagen, aus diesem Freiherrnbau

die Toten alle heraufzubitten

zur Feier der Freiheit, die Unsern Bund umschwebt:

Vivat, ihr Herrn! wie schwarz das Grab auch nachtet,

Erinnrung schimmert, und wer’s recht betrachtet,

der hat das Leben hundertmal gelebt;

hier soll der Odem eines Glückes wehn,

das Macht hat, tausend Tode zu bestehn!

Das Weib lächelt; sie hat das Wappen besehn,

das unterm Efeu nistet überm Tor.

Sie weist empor:

Schau dort: da lugt dasselbe Glück hervor:

für diesen Sternschild hat manch Herz gelodert,

das einst die Welt zu stürmen sich verschwor,

und das jetzt unter unsern Füßen modert.

O Lux, hier rührt mich jeder Strauch und Baum,

und jeder raunt mir doch: die Welt ist Traum.

Nur Du, du bist wie ich so wirklich mir;

du lebst, du leibst, du liebst mit mir.

Da raschelt’s. Blätter flattern; durchs Buschwerk schlüpft

das Kind, den Lockenkopf umrankt mit Reben.

Bin ich nicht schön?! jubelt’s und hüpft es.

Zwei Menschen öffnen beide Arme dem Leben.

20.

Und Kerzen schimmern; und still ins Schlafgemach

dürfen die Träume Ewigen Lebens treten.

Rings im gebräunten Schnitzwerk beten

Engel aus Erz und hüten immerwach

die Sterne auf den silberblauen Tapeten.

Die hohen Spiegel stehn gleich Lichtportalen,

aus denen, in verklärte Schatten getaucht,

die Leiber zweier seliger Geister strahlen --

das Weib haucht:

Bin ich nicht schön? O wie das liebreizend klang,

als unser Eichkätzchen so vor uns sprang;

ich sah uns nackt vor Gott in Wonne stehn --

wie jetzt. O Meiner! Uns hat mit Urgewalt

das Meer getraut! Und diese Muttergestalt,

nicht wahr, du kannst sie fromm beschauen

wie Meister Dürers benedeiete Frauen,

und sie darf jubeln: in Himmelshöhn

brennt keine Scham mehr! -- sag: Bin ich noch schön? --

Die Schatten beben; die Kerzenflammen wehn.

Es flimmern Menschensterne rings im Blauen.

Des Mannes Blick scheint über weite Auen

hinzugehn:

Als du auf wildem Meer mit mir

wogtest im Boot, sahst weg von mir,

sahst unter uns das Grab hinschwanken

und über uns den grauen Himmel wanken

und bebtest nicht -- da warst du schön.

Jetzt aber, hier, vor diesem klaren Spiegel,

wo jeder deiner Makel mir ein Siegel

auf meine eignen Häßlichkeiten drückt,

und siehst mich an und fühlst nun, wie wir rangen,

bis wir das wüste Element bezwangen,

und bebst beglückt --

o Du, jetzt sind wir mehr als schön!

Es schimmern Erzengel aus Lichtportalen.

Zwei Menschen strahlen.

21.

Und Kerzen wehn noch in den hellen Tag;

entzückte Lippen glühn, verschämte Wangen.

Geburtstagsblumensträuße prangen.

Das Kind hat seinen Glückwunsch aufgesagt;

nun darf’s mit Gärtnersmann und Magd

und mit dem riesigen Rosinenkuchen

wohlgemut das Weite suchen.

Und während draußen Tanz und Trubel lacht,

nimmt zart der Mann des Weibes Blick gefangen:

Komm, Seele -- weißt du noch? heut jährt sichs grad,

als ich, ein Lohnmensch, vor dich trat

und deinen Blick empfing, der Ketten sprengte.

Und nun, in diesem freien Turmgemach,

an diesem lichterloh gekrönten Tag,

der dir und mir dein Leben schenkte,

der jedes Wort belebt zum Dankausruf,

daß uns die Welt zu denkenden Wesen schuf,

daß wir uns nicht mehr dumpf im Urnebel drehn,

daß wir zu weinen und zu lachen verstehn,

nicht mehr in Sümpfen uns ungetümlich plagend,

nicht mehr wie Brüllaffen mondsüchtig klagend,

auch nicht mehr wie solch Kindlein handelnd,

das sich, von jeder Laune betört,

sein eignes Himmelreich verstört --

wir, Adam und Eva, gen Eden wandelnd --

Komm --: Siehst du dort den Schieferberg im Tann?

da ließ dein Ururahn sechs Knechte henken!

Willst du mir diesen kahlen Berg heut schenken,

der hundert freie Menschen nähren kann,

wenn wir sie mitmenschlich zum Werk anlenken?!

Sie blickt den Berg, sie blickt den Himmel an:

er scheint sich auf ein Zukunftsland zu senken.

Sie blickt zu Tal, wie übermannt vom Denken --

sie lacht: hab Dank, mein Herr und Lehensmann!

Und talher prangt voll Sonnengold der Fluß.

Zwei Menschen tauschen einen Festtagskuß.

22.

Und eine Mondverfinsterung beginnt;

den blanken Ball beschleicht ein scharfer Schatten.

Der Schatten schwillt und macht mit seinem matten

Erdschwarz den Himmelskörper blind.

Der kahle Burghain steht um Turm und Erker

wie ein Gespensterschwarm um einen Kerker.

Das Weib sinnt:

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) · 第 10 / 16 段