Und sie stehn vor einer Domfassade.

Unvollendet hockt der eine der hohen Türme

im Kranz der gotischen Höllengewürme,

als bitte er den andern um Gnade.

Aber vor vermessenem Himmelsverlangen

scheint die irdische Tragkraft ihnen ausgegangen;

unten gähnen wie Grüfte die kunstgerechten Pforten.

Demütig Gebeugte nahen von allen Seiten.

Und das Weib winkt dem Mann, auch hineinzuschreiten.

Und die Orgel erbraust zu ihren Worten:

Komm, laß uns einmal wieder voller Kindheit sein.

Horch, wie die alten Lieder Alle benedein.

Da spürt kein Herz mehr Sünde;

die Mutter mit dem Kinde

schließt ja auch Uns die Gründe

der Welt und Menschheit auf und ein.

Doch die Orgel verstummt. Dumpf tönen Gesänge

einer verborgenen Priesterschaar.

Und über dem weihrauchumdampften Altar

sehn sie bleich einen Gekreuzigten hängen

mit gräßlich wahr gemalten Wunden

und schrecklich schön geformtem Munde --

Da neigt fromm der Mann dem Weibe sich dar:

Vor deinem künftigen Kinde

könnt ich dir beichten, den Heiligen gleich:

ich suchte einst ein bißchen Sünde

und fand das ganze Himmelreich.

Hier aber dünkt es ein Wortspiel mich,

wie dieses Schauspiel stimmungsgeil durchtrieben.

Komm! Draußen steht’s von Grund auf in Stein geschrieben,

das schwere Wort: Vollende Dich!

Und die Orgel braust wieder. Er sucht einen Pfad

ins Freie, scheu umkauert von Betern.

Ein feister Küster im Ornat

blickt ihnen nach wie frechen Spöttern.

Zwei Menschen fliehn vor fremden Göttern.

27.

Und ein wüster Traum scheint Wirklichkeit geworden:

durch grabesstille Säle tobt ein Farbenmeer:

Nackte Leiber hängen an den Wänden umher,

und geputzte Damen, Tiere, Bäume, Herren mit Orden.

Neben blühenden Feldern sieht man arme Leute jammern.

Aus vergoldeten Rahmen stieren elende Kammern.

Endlich seufzt der Mann und lächelt schwer:

Ich segne wahrhaftig meine gelähmte Hand,

wenn soviel gesunde auf käuflicher Leinewand

mit ihrer natürlichen Ohnmacht Stimmung machen.

Ob diese Künstler nicht über sich selber lachen,

wenn sie mit kindischer List vom vollen Leben

den Schaum abschöpfen? -- Aber eben:

Stimmung -- die Sprache sagt es -- läßt sich „machen“,

Gefühl und Geist sind Wenigen voll gegeben.

Sieh dort: in all dem Schwall das schmale Bild,

von dem wir hier nur eine Klarheit erkennen,

die kühn aus tiefem Grau ins Blaue schwillt:

und magst du’s arm vielleicht an Farbe nennen,

du fühlst doch, daß da Einer spricht,

der innerlich so reich ist wie das Licht,

und der drum Schatten wirft auf das Gelichter

dieser dürftigen Flunkerwichter.

Sie treten näher. Sie sehn am Strand

des Nachtmeers schlafend einen Knaben liegen:

ein großer Stern scheint seinem Atem entstiegen,

in dessen Glanz sich alle Wellen wiegen.

Endlich nimmt das Weib des Mannes Hand:

Und stimmt das nicht zum Frieden deinen Geist?

Mir deucht, vom sichern Ufer kann man dreist

auch einem Irrlichtschwarm Reiz abgewinnen.

Ich glaube, dir ist das Herz durch Andres schwer.

Ich hab auf einmal Sehnsucht nach dem Meer;

uns fehlt wohl nur der freie Himmel hier drinnen.

Sie lächelt: komm! Er stutzt. Dann nickt er nur.

Zwei Menschen folgen ihrer Natur.

28.

Und es rauscht nur und weht.

Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen.

Es kommen wohl Vögel durch die Glut geflogen,

die blaue Glut, die stumm und stet

die Dünen umschlingt.

Da gebiert die Erde im Stillen wohl ihr Empfinden

und nimmt ihre Träume und giebt sie den Wellen, den Winden.

Die Seele eines Weibes singt:

O laß mich still so liegen,

an deiner Brust, die Augen zu.

Ich sehe zwei Wolken fliegen,

die eine Sonne wiegen;

wo sind wir, du? --

Und es rauscht und weht.

Es liegt eine Düne, wohl zwischen tausend andern.

Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern,

der über den bleichen wilden Hügeln steht

und golden schwingt.

Die Seele eines Mannes singt:

Still, laß uns weiter fliegen,

Beide die Augen zu.

Ich sehe zwei Meere liegen,

die einen Himmel wiegen.

O Du --

es rauscht, es weht;

über die heißen Höhenzüge geht

höher und höher der goldne Schein

ins Blaue hinein,

wo das Dunkel schwebt.

Und aus dem Dunkel herüber, auf großen Wogen,

kommt die Einsamkeit gezogen.

Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt,

wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden,

die will uns wohl endlich leibeigen werden:

es schwellen die Wogen herüber, wie Herzen klingen,

Menschenherzen! -- Zwei Seelen singen -- --

29.

Und sie sehn fünf Sonnen im Nebel stehn,

von Glanz umzingelt vier blasse kleine

im Kreise um die große eine;

der stille Kreis scheint den Nebel zu drehn.

Und im Dünensand hat im Windeswogen

jeder Halm um sich einen Kreis gezogen.

Plötzlich lacht der Mann zu dem Phänomen:

Ists nicht, als will uns der Himmel aus seinen Schätzen

rings deinen verkauften Perlring ersetzen,

von dem wir die tolle Überfahrt bezahlten!

O, wie deine Augen herzehell strahlten,

deine dunkeln Augen im Sturm neben mir,

daß michs trieb, dich auf offnem Schiff zu umarmen!

Und da lagen diese Mitmenschlein zum Erbarmen

und waren seekrank! -- Hah: da dankt ich dir,

Du, für deine wellenwild schwungvolle Körperschwere,

die mich auf den Grund aller irdischen Rhythmen tauchte!

Da fühlt ich wie ein sintflutlich Tier

unsre Urverwandschaft mit dem Meere!

Ja, meine Erlauchte:

Was +ist+ denn diese äußere Welt,

dies öde Eiland um uns her?

nur was die Seele davon hält:

ein Ufer für das innre Meer!

Er hat sich erhoben. Der Dünensand

fegt singend über den feuchten Strand.

Die vier Sonnen im Nebel verschwimmen zu blassen Axen,

die sacht der leuchtenden Mitte zuwachsen.

Das Weib streckt die Hand:

Zieh mich hoch! -- ja, rück es mir ins reinste

Licht, daß deine Welt meine umspannt!

O, wie schmückt unsre Sonne mein schlicht Gewand!

Und jeder Flimmer, jeder kleinste,

verflicht uns mit ins Allgemeinste

und hat doch hell für sich Bestand --

sieh! -- Zwei Menschen umschlingt ein Strahlenband.

30.

Und sie stehn von Morgenschauern erfaßt,

nackt. Die Küste glüht perlmutterfarben.

Die Ebbenrillen furchen den Glast

wie rosige Narben;

in der See wühlt die Windsbraut und jauchzt und tost.

Und das Weib erschauert bis in den Schooß

und wirrt ihr naß Haar vom Nacken los

und breitet die Arme: Jetzt kommt die Flut,

ich möcht ihr gleich wieder entgegenschwimmen!

Pulst sie dir auch so heiß ins Blut?

dies Branden, dies Glimmen!

Wie sie Kraft schöpft -- bis zum Horizont,

himmelan schwellend aus ihrem Rauch,

schwarzzottig, silberkraus übersonnt,

voll Spannung wie ein hochschwangerer Bauch,

und der Odem der Allmacht kreist drüber her:

O Mutter See! o Meer! mein Meer!

Und von Segeln der Morgenröte umschlossen,

schau -- lacht der Mann und knipst ihr ein Muschelchen ab --

kommt ihr liebster Sohn durch den Raum geschossen:

mein Schiff hat Regenbogenflossen

und holt dich ins Raumlose ab,

wo die fünf Sonnen noch immer am Himmel stehn!

Und da wollen wir eine zum Ballspielen nehmen,

einen Knäuel zum Glanzweben,

eine Kugel, aus der wir Lichtbrot rollen,

eine, in der wir einander spiegeln wollen,

und die fünfte bleibt stehn!

Die bleibt stehn, damit die Menschen es sehn können,

wie wir über die hohen Wellen gehn

und den freien Sternen dahinter entgegenrennen,

um die unsre Sonnen und alle sonnigen Herzen sich drehn

auf Wieder-Immerwiedersehn!

Und da weist das Weib nieder: hell wie aus Ätherhöhn

spiegelt ein Ebbentümpel ihre Geberde --

zwei Menschen sehn den Himmel durch die Erde.

31.

Und sie schaukeln im Boot.

Die Nacht kommt. Sturm droht.

Die Wogen gehn hohl wie das Segeltuch.

Grell im Westen ringt noch und schwingt ein Streifen.

Die Möwen kreischen.

Der Mann stemmt sich hoch, visiert den Bug:

Zieh die Leine straffer! so! setz dich fest!

Hast du Furcht? Ja lache, dann jauchzen die Böen!

Sahst du mich nicht im Traum einst so stehn,

über Herren mit Kronen, die Rechte ums Steuer gepreßt?

Jetzt tut’s die Linke! Los! Freiherr Nord pfeift zum Fest

wie auf meinen großen Heimatseen!

Sieh, das Grenzband drüben wird schon blasser;

nun ruft er die Geister übers Wasser.

Holla! keine Geister, die jenseits hausen:

das sind Meine Geister, allseits brausen sie!

Da: die schäumenden Wonnen mit den sprühenden Haaren.

Da das tiefschwarze Wehe treibt sie zu Paaren,

von den grauen Sehnsüchten überrannt.

Bis die schimmernde Liebe alle hinreißt und außer sich spannt

und deinen trunknen Blick ins Weiteste lichtet:

da entspringt dir, vom Odem der Brünste entbrannt,

deine eigne Inbrunst, zur Gestalt verdichtet --

halt ihr Stand!!

Denn: fühlst du selber dich Geist genug,

dann verschwindet der sinnliche Spuk:

übern Erdrand auf flüchtendem Wasserbogen

kommt die Kraft deines Ursprungs hochgezogen,

und du streckst deine Hand aus, von Toden umbellt,

und schreist in den Aufruhr: O Meine Welt!

Meine Welt -- mein Traum! -- o nicht einst -- allerwegen

seh ich dich so! -- stammelt, jubelt das Weib --:

Aus mir selbst -- letzte Nacht -- hoch durch stürzenden Regen --

mit mir selbst -- ja, ein Geist -- stieg dein lichter Leib:

Himmelfahrt! Ja, fahr zu! Ich fahr mit! allerwegen

Dein! -- Zwei Menschen steuern dem Sturm entgegen.

32.

Und es tönt aus der Brandung wie Schalmein;

helle Nacht versilbert den fremden Strand.

Langsam wälzen die Wellen den Mondschein ans Land,

in die dunkelroten Kliffe hinein;

da stürzen sie sich die Stirnen ein,

um zurück immer wieder verklärt zu sein --

Es wollt eine Seele sich befrein,

sieh -- entfaltet das Weib die Hände --:

Da ward Tod und Leben ihr zu Schein,

nur der Liebe ist kein Ende.

Ja; so sah es meine Seele im Traum:

es ging Deine Seele wie leuchtender Schaum

aus meinem Körper deinem entgegen.

Ich sah voll Angst, wie ihr doppelt standet:

Ein Haupt hell, Ein Haupt dunkel umströmt von Regen.

Bis ihr, Leib in Geist, ineinander euch fandet

und mich ergriffet. Da sprachst du ein Wort;

wie ein Wirbel klang es. Und über mich fort

stiegen wir, strömten wir lichtflutvermählt

hin in deine, meine, unsre Welt!

Es tönt aus der Brandung wie Geraun --

Horch -- raunt der Mann -- das Zauberwort:

Ja, es hieß wohl: +Wir+ Welt! Nicht Schein! nicht Traum!

horch, wie’s wirbelt: WIRWelt -- o Urakkord!

WIRWelt murmeln die Ströme, die großen,

wenn sie zusammenkommen im Meere!

WIRWelt jubeln die Sternenchöre,

WIRWelt die Stürme im Uferlosen!

WIRWelt stammelten die Menschen, als sie noch reine Tiere waren;

stammeln’s wieder, alle wieder, die als reine Götter sich paaren,

rein, wie Wellen mit Mondlichtschleiern

spielend ihre Freiheit feiern,

die Freiheit, die voll Eintracht spricht:

o gieb uns, Welt, Dein Gleichgewicht!

Es tönt aus der Brandung wie Gesang

um ein Menschenpaar im Überschwang.

33.

Und sie wirbeln im Tanz: glühend im Glanz

mächtiger Feuer bei heller Sonne, in Feiertagslust:

Männer und Weiber mit offner Brust,

mit brennenden Backen, stampfenden Hacken,

auf offner Tenne, um eine Tonne:

die paukt ein Fischer voller Wonne,

um die Wette

mit einem Hirten, der bläst Klarinette,

und fernher braust den Takt die See.

Und nun reihn sich rings die Kinder zur Kette.

Und es wogt ein Herz: Meine Flammenfee --

weißt noch? damals? unser Tanzen

zwischen den Modepuppen und Schranzen!

wie du mir wehrtest: nit erzählen --

wie du mich lehrtest: nit uns quälen --

und mich schürtest, wie einen Herd,

aus dem statt Wärme Feuerwerk sprang!

Und er schwingt sie derber die Tenne entlang,

unverwehrt;

singend schüren die Kinder den Feuerkreis.

Zur Sonne singend. Und in den Pausen

macht die See die Seelen erbrausen.

Das Weib lacht heiß:

WIRWelt, Meiner! sei Kind! dann steigt

deine Fee herab von ihrem Stern.

O, sie hätt wohl längst von Herzen gern

vor Mann und Weib den Damen und Herrn

die Zähne und die Zunge gezeigt:

Seht, hier tanz ich in selbstgestopften Strümpfen

und kann noch immer die Nase rümpfen!

ich habe seit Wochen nichts zu Tische

als Salz, Brot, Ziegenmilch und Fische,

aber bin Mutter Isis, die Herrin der Welt --

gelt, mein lieber Herr Gott: deine liebe Frau Welt!

Es braust die See; es braust ihr Blut.

Zwei Menschen jauchzen vor Übermut.

34.

Und sie sehn sich schimmern, ruhend vom Bade.

Und schimmernd ruht das öde Gestade

im warmen Wind. Sie lauschen ihm nach:

lauschen, wie die Weiten sich rühren,

wie alle Tiefen zu Höhen führen --

wie die Möwen zwischen den Wellen

schwimmend auf und nieder schnellen --

Und des Weibes Lächeln wird zur Sprache:

Lux, mein Leuchtender, wenn wir so liegen,

ich mit meinem schwarzen Windsbrauthaar,

du wie ein Flußgott der See entstiegen,

und jeder Wogenkamm bringt uns Liebreize dar,

und mir versinkt die letzte Schranke,

die zwischen Leib und Seele noch blieb,

denn dein kleinstes Härchen ist mir so lieb,

so wert wie dein größter Gedanke --

und ich denk an gestern und strahle vor Ehren,

daß ich dir Haar und Bart durfte scheren --

ach, und heut Nacht, du, hört ich dich schnarchen

wie einen braven Patriarchen

und konnt nit lachen -- Herr meines Lebens,

es war mir lieb als Äußerung Deines Lebens --

und ich sag dir dann mit fröhlichem Mut:

ich bin auch deinem Töchterchen gut --

und frag dann ohne ein Lächeln des Spottes:

bin ich nun „reif“ zur Mutter Gottes,

reif zur Lebensmeisterschaft,

tauglich, tüchtig, tugendhaft --?

Dann, mein himmlisches Freudenmädchen du,

-- reckt sein narbiger Arm sie der Sonne zu --

dann sag ich lachend ohne Spott:

wir Götter brauchen keinen Gott!

Er läßt sie thronen auf seinen Knien;

und sie, mitlachend, schaukelt ihn,

die Brüste zum Triumph gestrafft.

Zwei Menschen schwelgen in ihrer Kraft.

35.

Und es rauscht nur und glüht.

Es liegt eine Düne im schwülen Licht der Fernen.

Es füllt ein Geflimmer wie von sprießenden Sternen

die stille Wildnis; das Sandmeer sprüht.

Es loht die hohle Hügelwand,

wie auf ewig vor Schatten behütet,

ein Nest, in dem der Himmel brütet.

Und der Mann wiegt das Weib im Mittagsbrand:

Aufgewacht, Seele, aufgewacht!

Wunderland liegt aufgetan!

In uns, Seele, da träumt die Nacht;

aber hier, ein Hauch meines Mundes macht

diese dürre Insel -- ja, schau sie an --

zum Paradies und Kanaan,

wo Adam sündlos bei Eva ruht,

wo der Tag glüht wie unser Fleisch und Blut,

wo Alles Frucht ist am reinen Leib der Liebe,

selbst der Halm dort im Sandgetriebe!

selbst der Salzgeruch, der von der Küste

herquillt an deine braunen Brüste

und Milch aus deinem Mutterblut braut!

selbst deine honigwabengoldne Haut,

und deines Schooßes glückstrotzender Schwung,

und meiner Mannheit Verkörperung!

Und wenn die Seele noch so schreit:

sie führt zum Wahnsinn, diese Seligkeit:

dann, du, dann -- er stammelt plötzlich, lauscht --

das Weib in Sonnetrunkenheit

jauchzt berauscht:

dann ist der Wahnsinn eben Seligkeit -- --

und fährt zusammen: ein Schatten fällt

in ihre nackte Glut herab

wie aus einer fremden Welt:

Sand rutscht, und übern Hügel tappt

ein Herr in Reisetracht, steht starr -- o Graus:

zwei Menschen lachen einen aus.

36.

Und bis in ihre Leuchtturmklause

sucht das Walten der Welt sie auf.

Unten pocht und schwebt im Dunkeln des Meeres Gebrause;

und den kleinen Tisch deckt bunt ein Haufen

Briefe aus aller Herren Ländern.

Der Mann steht lesend; das Weib spielt zaudernd

mit den abgerissenen Rändern.

Endlich sagt sie, wie planlos plaudernd:

Lux, ich glaube: könnten die Menschen erraten,

mit welcher Eintracht wir uns beglücken,

ja, ich glaube, sie teilten unser Entzücken,

+die+ selbst, denen wir Leides taten.

Denn gelt: auch Dir doch würd’ es gelingen,

diesem Glück alles Andre zum Opfer zu bringen?

Er schweigt -- sie sucht seinen Blick -- ihr graut:

sein Mund bewegt sich, aber die bleichen

Lippen geben keinen Laut.

Er starrt auf ein Blatt mit seltsamen Zeichen.

Die Chiffern schwanken. Ihr dröhnt das Meer.

Fremd tönt seine Stimme zu ihr her:

Es hat eine Seele sich befreit --

ich hielt ihr Glück einst in Händen.

Ich versprach ihr lauter Seligkeit --

das ist nun alles zu Ende.

In williger Demut schien sie’s zu dulden;

es war Stolz -- stolz schwieg sie zu meinem Verschulden.

Ja: hier steht es von Helfershand geschrieben:

ich habe sie in den Tod getrieben.

Ich ließ die Verzweiflung über sie kommen.

Ich hab meinem Kind die Mutter genommen!

Verlangst du noch Opfer? -- Ich glaube: nit!

Mir scheint, Mutter Isis: wir sind quitt.

Er setzt sich, sonderbar gelassen.

Unten schwebt und pocht im Dunkeln des Meeres Gebrause.

Stechend bebt das Licht der einsamen Klause.

Zwei Menschen suchen sich zu fassen.

Dritter Umkreis

-- Die Klarheit --

Eingang

Schweb still, schweb still, triebseliger Geist, und dehne

dich über alle Kreise aus!

sieh: mit der Sehnsucht der gespannten Sehne

greifst du nun ein ins Weltgebraus.

Sie schnellt zurück, zurück zu ihrem Bogen,

berührt ihn, schwirrt noch, deckt ihn nie --

doch was sie mußte, wirkte sie:

der Pfeil ist frei zum Ziel geflogen.

Such’s nicht etwa bei Deinesgleichen,

sehne dich nicht in Dich zurück!

denn es gilt, o Mensch: das Glück,

oh das Weltglück zu erreichen.

Vorgänge: III, 1-36

1.

Zwei Menschen gehn durch nebelnassen Hain;

er faßt einen alten Friedhof ein.

Die feuchten Blätter hängen schwer herab,

so schwer, als möchten sie die Zweige brechen;

sie hängen um ein frisches Grab.

Ein Mann beginnt sich auszusprechen:

Nach diesen Trennungstagen,

die einen Andern aus mir machten,

will ich mein wahres Trachten

nicht länger halb im Dunkeln vor dir tragen.

Eh ich die Leiche liegen sah,

hatt ich den Traum, ihr stilles Antlitz trüge

den Mut der Tat zur Schau; der Traum war Lüge.

Ich sah in ihre zerlittenen Züge:

dem Wahnsinn schien die starre Maske nah.

Ich habe vor dem Anblick nicht gebebt:

da lag ein Herz, der Einsamkeit erlegen.

Ich stand und fühlte das Gesetz: wer lebt,

hilft töten, ob er will ob nicht.

Und aus dem gramvollen Gesicht

schlug kalt die Mahnung mir entgegen:

Keinen zu brauchen, gottgleich allein

williges Herz der Welt zu sein!

Er neigt sich, um die tropfenschweren

Blätter von sich abzuwehren.

Mitwehrend spricht ein Weib in ihn hinein:

Wie du gestanden hast an ihrer Bahre,

erkenn ich aus dem Büschel grauer Haare,

der früher nicht an deiner Schläfe drohte.

Wozu nun noch verstorbnes Leid auffrischen!

Das Leben wird dir’s ebenso verwischen

wie hier dies Zeichen -- sieh: ich geb’s der Toten.

Sie legt ihre Hand wie segnend auf das Grab:

sie drückt sich tief im feuchten Erdreich ab,

ein Tropfen schimmert in dem schwarzen Ballen.

Zwei Menschen stehn, als sei ein Schwur gefallen.

2.

Durch hohe Pappeln fingert grell der Mond,

legt harte Schatten vor ein kleines Haus;

fern hockt der Großstadtdunst, glanzüberthront.

Zwei Menschen sinnen in die Nacht hinaus.

Der Dunst der Felder schleicht, das Mondlicht dämpfend.

Ein Weib sagt zögernd, mit sich kämpfend:

Die Frau, die du bestattet hast,

hat uns befreit von einer Last;

ich weiß ihr Dank! und will ihn offenbaren.

Wo ist ihr Kind! Dein Kind! -- gib mir’s bei Zeiten;

noch können wir’s zu unserm Glück anleiten.

Was planst du immer wieder Heimlichkeiten!

soll’s etwa so ein Freund dir aufbewahren?

Der Mann am Fenster blickt ins bleiche Land;

er wirrt in seinen grauen Schläfenhaaren.

Er spricht verhalten, abgewandt:

Vorläufig darfst du dir den Dank ersparen.

Auch wird kein Freund in deinem Glück dich stören;

die Tote wußte nichts von diesen Leuten.

Mein Kind wird meine Mutter mir verwahren;

ich schwieg nur, um dein freies Wort zu hören --

nun laß dir Eins dazu bedeuten:

Mir haben mehr als eure beiden Seelen

ihr ganzes Glück geoffenbart;

in jeder schien ein Stück zu fehlen,

es lag in mir wie aufgespart.

Wohl band an Jene mich ihr Leidensfrieden,

wohl riß zu Dir mich deine Lebenslust,

doch immer blieb mir frei bewußt:

mir hat die Welt ein reicheres Glück beschieden.

Vielleicht entdeckst auch Du dies Glück bei Zeiten

und lernst mein Kind zu +seinem+ Glück anleiten!

Er kehrt seine Stirn brüsk gegens Licht;

fern hockt der Großstadtdunst, glanzüberthront.

Sie lächelt eigen; er sieht es nicht.

Zwei Menschen blicken einsam in den Mond.

3.

Sonne lacht; die Stoppelfelder schimmern.

An verfärbten Blättern zupft der Wind,

Früchte lüpfend. Heimlich Leben spinnt

weiße Fäden; rings im Blauen flimmert’s.

Scheinbar tändelnd hat ein Mann

einem Weibe solch ein zart Geflechte

um ihr schwarzes Haar gewunden --

nun streckt er seine narbige Rechte:

Was doch die Seele brav lernen kann,

hats nur der Körper erst für gut befunden!

Kaum hab ich mir die eine Hand lahm geschunden,

schon stellt sich meine Linke geschickter an

als je die Rechte. Selbst auf der Jagd:

wie hat mein Vater mich neulich ausgelacht,

als ich so schießen wollte -- und dann:

keinen Fehlschuß tat ich beim Kesseltreiben.

Ich kann auch wieder heimlich schreiben;

falls dirs vielleicht mal zuviel Mühe macht,

Frau Fürstin, meine Sekretärin zu bleiben --

Leichthin hat er das Spinngewebe

wieder ihrem Haar entnommen,

leichthin hält er’s in der Schwebe;

bis es wegschwebt, flimmernd, wehend.

Wie mit Willen nicht verstehend

sagt sie, nur ihr Atem geht beklommen:

Du tust sehr glücklich mit deinem Spiel.

Fast wie Gaukler, die sich schämen,

Lux, ein Unglück ernst zu nehmen.

Scheint +diese+ Müh dir +nicht+ zuviel? --

Doch den reichen Seelen

muß das Glück wohl fehlen,

das sie Andern zeigen als ein Ziel --

gelt? -- Er schweigt. Rings lüpft der Wind

Früchte; heimlich Leben spinnt

weiße Fäden über Zaun und Dach.

Zwei Menschen schaun dem fliehenden Sommer nach.

4.

Abendröte ruht auf alten Wegen.

Stille Mühlen stehn im kahlen Land

wie gebannt;

hohe Bäume glühn der Nacht entgegen.

Wo der dämmergraue Park sich lichtet,

unweit einer Grabkapelle,

gehn zwei Menschen, Hand in Hand.

Und als sei ein Streit geschlichtet,

weist ein Weib ins Freie, Helle:

Du mußt nit meinen, ich sei so schicksalsblind,

daß ich am Himmel niemals Wolken seh.

Hier birgt noch jeder Strauch mein einsam Weh:

hier sahst du kalt auf mein getötetes Kind.

Jetzt aber, wo dein Leben mich durchrinnt,

so warm, als klopfe unter meinem Herzen

Dein Herz mit allen Wonnen, allen Schmerzen,

jetzt will ich kämpfen, bis ich vor dir steh

so lauter wie ein wolkenloser Tag.

Wer +sind+ nun deine dunkeln Freunde? sag!

Abendröte ruht auf alten Wegen;

durch die glühenden Kiefernkronen

graut der Nacht ein fahles Haus entgegen,

hoch mit eisernem Balkone.

Ein Mann sagt willig, sagt mit Hohn:

So laß dir denn erwidern:

schon bist du selbst im Bunde.

Von allen seinen Gliedern

ist keins so reif wie du zur Stunde.

Denn diesen Bund hat nur die Sehnsucht gestiftet,

nichts wider Willen mehr mitanzusehen.

Man darf sogar Verrat begehen;

das Schlimmste ist, man wird vielleicht vergiftet.

Es folgen alle nur dem einen Satze:

dort, lieber Freund, scheint Ihre Kraft am Platze.

Abendröte ruht auf alten Wegen;

Wolken glühn zwei Menschen wirr entgegen.

5.

Morgennebel brodelt auf fernen Seeen.

Gelbes Laub tanzt über abgemähte

Wiesen und zerfahrne Chausseen

zur Musik der Telegraphendrähte;

sturmbetroffen stockt ein Menschenpaar.

Jäh ist eine Wanderschaar

Schwalben durch die brausenden Pappeln

und die Drähte hingeschossen,

unbekümmert um die zerfetzten Genossen,

die im Grase abgestürzt zappeln.

Der Mann kürzt ihre Qual mit einigen Streichen.

Nun weist er auf die kleinen Leichen:

Ja, Mutter Isis: blick nur betroffen her!

kannst du noch fliegen, Seele? und allein!?

Dein Auge hat sehr stolzen Schein --

dann ist es gut: dann brauchst du mich nicht mehr.

Zugvögeln gleich: da ziehn sie, planvoll verbunden,

und denkt doch keiner an Ich und Du --

schon sind sie, schau nur nach, im Nebel verschwunden,

von einer Heimat der andern zu --

zum jammervollsten Tod bereit

in ihrer Sehnsuchtsherrlichkeit -- --

komm weiter!

Er winkt in den Sturm, sein Stock zuckt wie ein Degen.

Da tritt das Weib ihm voll entgegen:

Lukas! Nun hast du deutlich genug gesprochen!

kennst du das Wort Selbstherrlichkeit?

Hältst du die Fürstin Lea für so gebrochen,

daß sie sich umsieht, was ihr Halt verleiht?

Nun will ich frei sein! frei auch vom letzten Band,

das mich noch fesselt an jene Welt der Gecken.

Frei, weil mirs ziemt; nicht Dir zum Unterpfand.

Dann biet ich dir vielleicht die Helfershand.

Warum nicht früher, das wirst du bald entdecken.

Sie nimmt seinen Arm; sie sieht, er lächelt eigen.

Zwei Menschen fühlen, wie’s stürmt, und schweigen.

6.

Trüber Tag und dunkle Ahnenbilder,

Gaslichtflammen, rostige Wappenschilder,

und hohe Spiegelwände. Und inmitten

stehn zwei Menschen mit höflich kühlen

Mienen neben den steifen Stühlen

und begrüßen einen Dritten.

Dieser nickt und sieht voll Schonung

und gelangweilt in die Welt.

Und nachdem man Platz gewählt,

sagt ein Weib mit merklicher Betonung:

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) · 第 9 / 16 段