da droht ein Gott: die Welt ist Mein.
Und nicht hinauf: da gähnt sein Grab.
Nur hin, nur hin -- dann ist sie Dein!
Dann wird sie dir das Ziel enthüllen,
zu dem der Gießbach stürzend springt:
mit Willigkeit den Willen zu erfüllen,
der alles Leben zu Todeslüsten beschwingt:
du wirst dir selbst, in weltlichen Parabeln,
der unbekannte Gott der alten Fabeln.
Er winkt ihr, hält sie, läßt sie schweben;
zwei Menschen sehn ins ewige Leben.
10.
Und sie steigen den bleichen Firnen zu,
von dem fernen stummen Blitzdunst umhaucht,
der die schwülen Almen, die Pfade, die dunkle Fluh,
die Hütten, die Heerden in Geisterlicht taucht --
wie verzaubert staunt der Blick einer Kuh.
Groß voll Ruhe, weitauf trunken,
schlürft das Auge die Himmelsfunken,
reglos ragt das Hörnerpaar --
Wie die Götterfürstin starrte,
wenn sie auf den Gatten harrte,
dessen Gruß der Blitzschlag war --
raunt der Mann dem schauenden Weibe
seltsam zu und macht sich frei.
Ein erstickter Schrei --
sausend zuckt sein Bergstock an ihr vorbei --
und ein Schritt, und funkelnd mit peitschendem Leibe
speit unter seinem knirschenden Schuh
eine Viper den letzten Blick ihr zu,
noch tötlich lauernd.
Schützend, schauernd
naht ihr seine Stimme: Du --
innig bis ins bangste Mark:
Lea! meine Löwin! sei stark!
Sie hat die großen Augen geschlossen;
wie ein klein Mädchen steht sie da
mit ihrer Haut voll Sommersprossen,
bleich vom Glanz der Blitze umflossen.
Wie verzaubert nickt sie: Ja --
ich weiß nit, wie mir eben geschah --
halt mich noch ein Weilchen umfangen,
du warst so ruhig, bleib mir nah --
ich wußt ja nicht: mir +graut+ vor Schlangen --
bis unters Herz ist mirs gegangen --
o geh mit deiner Löwin, du:
ich glaub, ich bin -- lach nit -- dei’ Kuh --
Und zwei Menschen segnen ihr Todesbangen.
11.
Und sie seufzen auf aus Sturm und Nacht;
ohne Grenzen fühlt sich Arm in Arm.
Durch die rauschende Hütte, unendlich warm,
wogt und weht das Dunkel hin. Und der Schacht
des Rauchfangs funkelt so sternenweiß
wie auf den Bergen das schmelzende Eis.
Das Weib flüstert heiß:
Und brächen da jetzt Lawinen herein,
ich würd aufjubeln: wir leben, leben!
Nicht Leib, nicht Seel mehr fühl ich Mein,
wenn ich mich dir entgegenhebe
und du dringst immer tiefer in mich ein.
Noch rauscht dein Blut mir, dein Herzschlag, durch alle Poren!
o sag mir, sag mir: solche Sekunden
hast doch auch Du nie früher empfunden?!
Ach, hätt ich dich doch selber geboren!!
Sie breitet die Hände zum Firmament.
Pulsend wogt das Dunkel, unendlich warm.
Mit suchenden Fingern umglüht sie ein Arm,
ein Mann bekennt:
Ja, greif nach den Sternen, als ob sie wüßten,
was Menschenherzen Reinstes verlangen!
Du hast mich geheilt von allen Lüsten,
die nicht der Einen Lust entsprangen,
die ganze Welt im Weib zu umfangen;
du bist es, bist mir, was mich gebar.
Du tauchst mich wieder in die Erde,
als sie noch Eins mit dem Himmel war;
in Dir fühl ich ihr feuerflüssig Werde
dem kreisenden Weltraum noch immer sich entwühlen,
und hingenommen von den Urgefühlen
bringt ihre Glut uns der ewigen Inbrunst dar.
Er nimmt sie an sich wie ein Riese.
Durchs Dach der Hütte funkelt die Nacht
des Sturms mit überirdischer Pracht.
Zwei Menschen nahn dem Paradiese.
12.
Und sie schweben in steiler Gletscherspalte;
die Seile knirschen, der Atem raucht.
Aus dämmernden Grabesgründen taucht
die blaue Klarheit, die schneidend kalte.
Und sie finden Halt. Der Mann horcht und haucht:
Da kommen die großen Ströme her,
wo die Tiefen weinen vor eisigem Grausen.
Hörst du die tausend Tropfen brausen?
die fernen Wasserstürze? das Meer?
Hörst du im Brausen das Todesschweigen
aus den leuchtenden Grüften steigen?
sieh: es scheint, ein Wanken weitet Allvaters Hallen!
Lea -- wenn jetzt die Wand zerrisse
und wir würden einsam ins ungewisse
Reich des ewigen Daseins fallen:
wärst du im Sturz noch meine Göttin der Freude?
oder wieder die Fürstin Herzeleide?
Er sucht ihren Blick; er sieht blaue Kreise,
er faßt fester Fuß -- der Gletscher schreit.
Dumpf dröhnt’s im fern zerreißenden Eise;
meergrün furcht sich die Dunkelheit,
die starre Wand bebt. Das Weib fragt leise:
Bist du des Todes so kalt gewahr?
Allmutter sieht in Allvaters Hallen
einen heimlichen Brunnen überwallen,
drin dämmert’s warm und wunderbar.
Es scheint, Opale schmelzen auf seinem Grunde.
Da entsprießt dem märchenfarbenen Schlunde
eine rosige Knospe, morgenklar.
O, die möchte Allmutter Herzeleide
blühn sehn voll göttlicher Augenweide;
und ihr Schooß erbebt, des Lebens gewahr.
Sie starrt beklommen. Es starrt der Mann,
als ob er selbst Tod und Leben erschuf.
Da schallt von oben der Führerruf;
zwei Menschen schweben himmelan.
13.
Und es ist keine Erde mehr zu sehn.
Über Meeren von Dampf, Schatten, Wolkenschaum
dehnt und wölbt sich der reine Raum.
Höher als die Sonne stehn
zwei Menschen in gärendem Wetterbrodem,
führerlos vom Glanz umbrandet,
der von Berghaupt wild zu Berghaupt strandet;
alle Gipfel wogen. Das Weib zürnt zu Boden:
Lukas, wir haben uns verstiegen.
Lächle nicht! War Das dein Ziel?
mich in stolze Mutterhoffnung zu wiegen,
um dem irren Zufall zu erliegen?
Du bist zu ernst für solch ein Spiel! --
Du kannst in deinem Schwerpunkt ruhn,
du brauchst nicht bodenlos zu gären;
es ist nicht Flugkraft, wenn Opale tun,
als ob sie Seifenblasen wären.
Sie sucht seinen Blick. Der folgt dem Dampfe.
Zuckend glühn die Narben in seinem Bart;
seine Nüstern spannen sich wie zum Kampfe.
Er fragt sehr zart:
Sprach das die Frau, die einst fliegen wollte?
Nun, der Morgennebel wird bald zergehn;
dann wirst du die Straßen wiedersehn,
auf denen gestern da unten dein Glücksrad rollte.
Auch die Felswände stehn noch unverrückt,
die meine freie Ebne vermauern --
Lea! Lea! soll ich bedauern,
daß ich Seelen verließ, die +Mein+ Glück beglückte?!
Steht der Himmel dir nur im Gleichnis offen?
Mutter Isis! -- Ah: nun lächelst auch Du!
Ja, dann +juble+, Seele: im Himmel herrscht keine Ruh --
und du wirst noch viel stolzer, viel göttlicher hoffen!
O sieh die Adler dort, die beiden,
wie sie strahlend den Dunst zerschneiden --
Strahlend blicken zwei Menschen der Sonne zu.
14.
Und es blaut eine Nacht, rings von Monden hell:
der Gießbach braust in elektrischer Glorie vom Berg.
Der Mond des Himmels krönt das Menschenwerk;
einem Zauberschloß gleicht das stille Hotel.
Fern schwebt silbern die eisige Gipfelkette,
gleißt in jedes Fenster herein,
beglänzt ein seidnes Himmelbette.
Wirr entsinnt sich der Mann: er träumte ein Schreien.
Auf der schimmernden Lagerstätte
liegt das Weib, ein Bild starrer Pein.
Lea! -- er reißt sie aus dem Schlaf --
Du! wach auf! komm! was hat dich bedroht?
Du machst ja Lippen, blaß wie zum Tod.
Küsse mich! lebe! sei Meine! sei brav!
sei wieder braun! sei ringe-range-rot!
Er richtet sie hoch mit schmeichelndem Zwange.
Sie versucht ein Lächeln zum Erbarmen.
Sie horcht in das Brausen hinaus, lange, bange.
Klagend greift sie nach seinen Armen:
Es wollt eine Seele sich befrein,
da band ihre Tat ihr die Hände!
Ich sah in zwei blinde Augen hinein;
die starrten mich an ohne Ende.
Sie starrten weiß, wie dort das Eis.
Eine Kälte wehte; es kam eine Mauer von Särgen.
O Lux, führ mich weg von diesen Bergen!
hilf mir dies tote Leben versenken!
Lux, du +darfst+ nicht mehr an dein Töchterchen denken!
o wär’s doch Mein! o wär’s! -- Nein! nein:
ich will mich wehren, wehren mit allen Gelenken!
schüttle mich! bis mirs vom Herzen schmilzt!
Ich will dir ein viel schöner Kind schenken!
Ich will mich in Dein, ganz in Dein Herz versenken!
Nimm mich! führ mich, wohin du willst!
Sie umschlingt ihn, schlotternd, vor Wonne schluchzend, vor Grausen;
zwei Menschen hören die Mondnacht brausen.
15.
Und sie kehren zurück auf bestaubte Bahnen,
Rad an Rad im Fluge durch graue Schlüfte,
durch Blütenmatten ohne Düfte.
Immer dunkler blaut das Moos von Enzianen;
als wolle der glühende Tag die Lüfte
tief an himmlische Nächte mahnen.
Immer finstrer schaut das Weib in die Klüfte:
Lukas, mich peinigt schon seit Stunden ein Ahnen,
als habest du versucht dort oben,
meine Weibesohnmacht zu erproben;
tu das nie wieder, ich bitte dich!
Wie du heut dich über den Abhang bücktest
und mir das einsame Edelweiß pflücktest,
kam eine Empörung über mich:
ich hätt dich hinunterstoßen können,
blos um dich keiner Andern zu gönnen.
Sie wirft die Blume wild hinter sich.
Ein Ruck: sein Rad bäumt. Sie wankt, schreit auf:
er scheint zu stürzen im Rückwärtslauf.
Nein: er greift zu Boden in blitzendem Schwunge,
ist wieder bei ihr mit lachendem Sprunge,
in der Hand die Blume, und steht, fängt sie auf:
Ja! Ja, du: das +hab+ ich versucht dort oben!
und wills immer wieder, immer wieder erproben,
weil du Mein bleiben sollst, weil du stark sein kannst!
Du +sollst+ nicht an deine alten Sünden denken,
wenn du mit mir durchs heilige Leben rollst,
dem du ein Kind von mir geben sollst!
Nein, die göttliche Unschuld wolln wir ihm schenken;
und das Edelweiß hier wird zum Andenken
in deine schwarze Seele gepflanzt,
bis der Heiland mit den Engeln drum Ringelreih tanzt!
Sieh, mein ganzes Herz lacht: du Weib, ich Mann,
o selig, wer dein Gott sein kann!
Er steckt ihr den blühenden Stern ins Haar;
bräutlich glüht der Tag um ein Menschenpaar.
16.
Und der Himmel eilt über Täler und Tau.
Und im Haar einen Kranz von Windenranken,
rollt durch den Glanz voll Wundergedanken
eine irdische Frau.
Wie die weißen Blüten ins Herz ihr schwanken!
wie die Straße mitfliegt mit den schlanken
stählernen Rädern, den sonneblanken!
Und der Mann jauchzt ins helle Morgenblau:
Heia! All Heil, Welt! jetzt gehts bergab!
Achtung! gleich wird dein Herz was erleben.
Flügel, Frau Göttin! Füße heben,
Augen schließen! hei, ich schwebe,
alle Sterne sprühn in mein Dunkel herab.
Das lenkbare Luftschloß ist erfunden,
Wolken fallen mir in den Schooß;
und an keine Erdaxe mehr gebunden,
läßt dein Herrgott auch noch die Lenkstange los.
Los! frei weg! gradaus ins Blaue,
wie Herr Andree der Nordpolfahrer!
Sieh, wie saust die Welt gleich klarer!
Aufgepaßt: da kommt ein wahrer
Eisbär! huh, ein griesegrauer!
Er schwingt beide Hände, ein Hökerweib grüßend,
das brummend durch den Straßenstaub zieht,
wütend die lachende Dame besieht.
Die ruft blütenumflattert vorüberschießend:
Aber Lux! Mann! Mensch! die stirbt ja vor Schreck!
Halt! mein Kranz! na wart du: ich hol dich schon ein,
du Unmensch! dann renne Ich dir weg --
Und --: ein Stoß, als stürze das Weltall ein:
Sterne sprühn: nachtwolkenbedeckt
kommt sie zu sich aus Stahl, Staub, Stein:
da liegt er blutend hingestreckt.
Und oben steht das Hökerweib
und lacht und schlägt sich vor den Leib.
Zwei Menschen stimmen stöhnend ein.
17.
Und ein Regen perlt an zitternde Scheiben;
ein Bahnzug stampft durch sanfte Gelände.
Ins Polster gedrückt, verbunden Arme und Hände,
sieht der Mann die Tropfen rinnen und treiben.
Seine Augen werden immer grauer;
er scheint die Frau, die neben ihm lehnt,
nicht zu fühlen. Sie sagt voll Trauer:
Du hast dich in die Ebne gesehnt,
nun kommt sie, und -- du sprichst kein Wort;
als wär dir die ganze Seele verbunden.
Und ich -- ja, ich weiß, ich stieß dir die Wunden;
aber sie werden wieder gesunden;
soll ich denn mitleiden fort und fort? --
Fühl’s doch endlich, wie Ort bei Ort
und Tal an Tal sich zur Ernte kränzt!
das feuchte Korn, wie’s brotgelb glänzt!
die Obstalleeen, die weidenden Pferde --
sieh: tausend Freuden wachsen aus der Erde!
Und immer sanfter rinnt das Gelände;
wilder stampft der Zug und schüttelt die Frau.
Unwillkürlich hebt der Mann die Hände.
Sein grauer Blick wird dunkelblau:
Ja, ich fühls, ich sehs! sehr, sehr genau!
seh schon die Arme der Schnitter sich regen,
und muß die meinen erbärmlich zur Ruhe legen,
weil ich mich gehen ließ -- ich! -- ja: Ich --
meine ganze Seele beschuldigt mich.
Zu jeder Handlung braucht sie die Hand,
für unser Wort selbst als Unterpfand;
wehe dem Menschen, der das vergißt!
Wie dies Stampfen mich höhnt! Das Gangwerk der Maschine,
das unsrer Glieder lenksames Nachbild ist,
mir kann es jetzt als Vorbild dienen!
Er verstummt mit selbstbeherrschter Miene.
Der Regen rinnt von den zitternden Scheiben.
Zwei Menschen bedenken ihr Tun und Treiben.
18.
Und ein Lichtstreif schielt von getünchten Wänden
nach blitzenden Messern zwischen Verbänden;
dunkle Rosen glühn über frischem Blut.
Ohnmächtig ringt der Duft des Straußes
mit der Luft des Krankenhauses;
und lähmend sticht die Mittagsglut
durch die verhängte Fensterscheibe.
Ein Mann eröffnet einem Weibe:
Also -- die Ärzte haben befunden,
meine rechte Hand wird +nicht+ wieder gesunden.
Ich werde sie wahrscheinlich verlieren,
oder man wird sie mir lahm kurieren,
was ungefähr dasselbe sagt;
kurz, ich hab mich für immer zur Schandgestalt gemacht.
Nach unserm Gottrausch lieg ich da,
hilfloser als der Urmensch. Ja:
stelle dich nur recht aufrecht hin!
Bei jeder Umarmung wirst du’s erkennen,
daß ich meiner, deiner nicht mehr mächtig bin.
Das ist kein Mann mehr nach deinem Sinn --
auch nicht nach meinem --: wir müssen uns trennen.
Geh! machs kurz! sei Du! schon seit gestern
mahnt mich dein Wesen an eine Andre;
sie würde für mich durch jedes Fegfeuer wandern;
uns aber schaudert vor barmherzigen Schwestern.
Geh! Noch kannst du zurück in dein Leben.
Du sollst einst nicht davor erröten,
dein Kind einem Krüppel ans Herz zu heben.
Auch nach Klarheit brauchst du nun nicht mehr zu streben;
die wird das Kind dir auf jeden Fall geben,
auch falls du wieder geruhst, es zu -- töten.
Er lächelt eisig; er glüht. Sie schweigt.
Sie steht wie über ihr Innres geneigt;
ohnmächtig duftet ihr Rosenstrauß.
Sie hebt die Stirn, sie schreitet hinaus,
ohne Gruß, ohne Blick. Zwei Menschen erbeben.
19.
Doch von fernen Höhen springt das Licht
über Land und Stadt durch den trüben Morgen;
zwischen rings aufglitzerndem Grün verborgen,
hebt der Mann sein verwachtes Gesicht.
In dem einsamen Garten knirschte der Sand.
Er lauscht noch, ob er träumte, ob wachte
-- eine Meise huscht um den Laubenrand --
da steht sie vor ihm, an die er dachte.
Sie nimmt die lahme, vernarbte Hand.
Er will sie ihr entreißen, entringen;
aber heiße Tränen dringen
über ihr und sein Gesicht,
er kann es nicht --
Nein, Meiner! -- und würdest du jetzt mich schlagen,
was wär mirs gegen dies Wiederfinden!
O, ich wär ja am liebsten mit vier Wagen
nach allen vier Winden
auseinandergejagt, dir endlich zu sagen:
was Du kannst, kann auch Ich ertragen!
alle, alle Weibeskraft sollst du in mir finden! --
Sieh: hier hast du +zwei+ Hände statt der einen.
Ich bin ja nicht mehr wie früher. Schau:
da mußt ich mein Menschlichstes verneinen,
um der Welt und mir etwas vorzuscheinen.
Jetzt +bin+ ich etwas: Deine stolze Frau! --
Ja: sieh auf! mir ist, als müßt ich ersticken,
bis die Leute mit menschenfreudigen Blicken
uns wieder nachschaun: welch strahlend Paar!
Und schlichest du, so die Stirne hebend, an Krücken,
ich hör ihr Geflüster: Wunderbar,
wer muß das sein, was für ein Mann,
dem solch ein Weib gehören kann!
Sie lacht: seine Hand bebt auf ihrem Haar.
Von den fernen Höhen lacht der Morgen.
Um die Laube lachen die Vögel gar.
Zwei Menschen fühlen sich geborgen.
20.
Und ein Abend rötet die Dächer alle.
Eine Taubenschaar kreist mit flammenden Schwingen,
als habe sie dem schwülen Tale
eine Himmelsbotschaft herabzubringen.
Da erklärt das Weib mit einem Male:
Lukas, nun muß ich dir etwas sagen:
ich hab einen Brief an dich unterschlagen.
Ich mußt endlich wissen, was du triebst,
wenn du zuweilen Nachts heimlich schriebst --
du brauchst dein Erblassen nicht zu verstecken:
auch mich kam Furcht an, Schmerz, Verwirrung, fast Schrecken.
Ich konnt die sonderbaren Chiffern
zwar nit ganz und gar entziffern;
aber dieser Freund benutzt dich als Helfershelfer zu Zwecken,
die lichtscheu sind! er spricht von deinem Leben,
als wärst du gewohnt, falsche Karten zu geben.
O Lux, vertrau mir! Ich hab nichts, nichts zu verlieren
als Dich! Ich will mich in jede Armut finden;
selbst verachtet zu werden, könnt ich verwinden.
Nur: laß dir nicht für Geld die Hände binden!
Sag mir --: was ists mit den Archivpapieren? --
Kalt blickt der Mann nach den flammenden Tauben.
Seine Rechte hat versucht, sich zu ballen.
Er sagt, und seine Worte fallen
wie metallen:
Es ist Nichts! ich fordre von dir Glauben.
Und bis du +reif+ bist, Näheres zu erfahren,
und um dir weiteres Mißtraun zu ersparen,
wird dieser Briefwechsel einfach unterbleiben;
denn ja -- ich kann jetzt nicht mehr heimlich schreiben.
Einstweilen aber sollte dein eigen Treiben
dir die Erleuchtung innerst nahe legen:
kein Licht kommt anders als auf dunklen Wegen! --
Hier: blick mir in die Augen hinein:
sag, meinst du wirklich, Ich kann lichtscheu sein??
Zwei Menschenseelen schimmern sich entgegen.
21.
Und Wolke über Wolke kommt gekrochen
und drückt das offne Land in dumpfe Schranken;
es liegt im Halblicht wie gebrochen,
der Bergforst steht gesträubt.
Der Donner brodelt schon, und Blitze wanken;
und wenn die Funken fahl durchs Dunkle kochen,
dann ists, als atmeten des Tales Flanken.
Der Mann macht Halt wie dunstbetäubt:
So sind wir rings umhüllt vom Unbekannten;
dem Qualm der Niederungen kaum entklommen,
stehn wir vom Schwall der Höhen schon benommen
und gehn vielleicht erst recht der Tiefe zu.
Und wenn der Bann, dem unten wir entrannten,
hier oben uns ereilt mit glühendem Schuh,
wenn dann im letzten taumelgrellen Nu
die eine Frage noch in uns entbrannte:
ist nicht des Lebens Mißgeschick
nur unsres Wesens Ungeschick --
dann wirbelt noch durch unsre tiefste Ruh
als einzige Antwort aus der Ewigkeit
des Daseins grausige Unsicherheit.
Und drohender erschallt das Lichtgebebe,
die hohen Tannen fangen an zu schauern.
Bis ganz ins Land hängt alles in der Schwebe;
es ist, als ob das Tal die Flügel hebe.
Das Weib zeigt in die rollenden Wolkenmauern:
Wenn sonst die Blitze so den Raum durchschossen,
war mir so grenzenlos, so haltlos bange
wie damals vor der Todeswut der Schlange;
jetzt scheint durch jeden mir der Himmel erschlossen.
Ich brauche blos mit dir ins Licht zu schauen
und habe vor nichts, vor nichts mehr Grauen.
Und jählings reißt sich aus der Dunkelheit
blendend und knatternd der erste klare Strahl.
Mit prasselnder Sohle springt der Regen ins Tal.
Zwei Menschen atmen wie befreit.
22.
Und sie schreiten durch verwüstete Fluren.
Von Hügel nieder zu Hügel hingeschwemmt
ziehn sich des Wolkenbruches Spuren.
Die Bäume stehn noch wie gekämmt.
Das reife Korn am Weg ist wie geplättet.
Fern am durchbrochnen Bahndamm hängen,
Strickleitern gleich, Reste von Schienensträngen;
die Brücke liegt zerrissen im Fluß gebettet.
Die Sonne blitzt aus hundert Spiegelflächen.
Des Weibes Blick folgt den gefüllten Bächen:
Wie wird nun nach dem ersten Staunen und Grauen
der Mensch hier rings mit doppelt mächtigem Mut
bahnen und bauen,
bis die Natur ihm seinen Willen tut!
So stand ich einst -- o endlich kann ichs sagen --
nach frischer Tat vor meinem getöteten Kind.
Im Garten draußen stöhnte die Nacht, der Wind.
In meinem Innern sah ich Blutstürme jagen.
Ein Paradies reifer Hoffnungen lag mir zerschlagen.
Aber ein Glaube schwoll draus auf, so groß,
als bebe die Erde vor Drang, mich hochzutragen:
o, unerschöpflich ist der Mutterschooß! --
Gib mir die Hand, Lux; jedes Mißgeschick
macht uns geschickt zu neuem Glück.
Sie greift nach seiner gelähmten Rechten,
eine Himmelsklarheit im dunkeln Augenpaare
gleich den glanzgefüllten Bächen.
Er will noch wehren. Er möchte sprechen.
Da --: ein Schauer reckt sie -- seine Finger umflechten
ihre stolzen Hüften, ihn zieht das Unsagbare --
er steht und stammelt, kaum bewußt:
du Liebe, Schöne, Gute, einzig Wahre!
du Mörderin aus Lebenslust!
du Kind, du Engel an meiner Brust! --
Der Himmel glänzt aus jeder Wasserrinne;
zwei Menschen sehn’s wie eines Wunders inne.
23.
Und schwarz aus dunklem Erntefeld
bäumt sich das Denkmal einer Schlacht.
Tief hinter den Garbenreihen hält
der große Mond im Dunst blaßrote Wacht.
Es tränkt ein Duft die weite warme Nacht,
der jeden Busch zur Wolkenblume schwellt.
Die Wiesenraine sind wie Geistergleise.
Ein Mann sagt leise:
Es wollt eine Seele sich befrein,
da band ihr die Freiheit die Hände.
Nun sinnt sie in Tod und Leben hinein;
da schließt eins innerst das andre ein,
aller Zwang hat willig ein Ende.
Sieh dort: wie stehn, wie schimmern die vollen Ähren!
als ob sie stolz die Opfer verklären,
die einst hier fielen für fremdes Glück.
Kein Denkmal ruft die Tausende zurück,
die noch als Leichen Kindeskinder nähren;
auf diesem Hügel aber stand der Feldherr
und fühlte sich im Siegesglück als Weltherr.
Er hat den Arm wie zum Befehl gehoben.
Da schmiegt das Weib ihr Haupt in seine Hand
und Brust an Brust, und raunt ins dunkle Land,
als höre sie das Mordgewühl noch toben:
Und fühlte doch vielleicht sein Herz erbeben,
und hätte gern die Tausende geschont,
wenn nicht auch Er bereit war, Blut und Leben
so rückhaltlos der Welt zurückzugeben,
wie dort sein Licht vergießt der rote Mond.
Glaub’s, Meiner, glaub’s: kein Glücklicher fühlt einsam:
was ihn beglückt, er geht drin auf, gemeinsam!
Und warm und wärmer schließt im Nebelkreise
sich Herz an Herz mit überströmender Macht.
Die Erde schwillt gen Himmel, leise, leise.
Die Wiesenraine werden Göttergleise.
Zwei Menschen sinken in den Duft der Nacht.
24.
Und aus verwildert stillen Gärten steigt
ein altes Städtchen in die Mittagsglut.
Um die zerborstenen Mauerwehren zweigt sich
Epheu, Hexenbart, Pfaffenhut;
weiße Rosen blühn am Tore.
Im Schatten ruht ein Mann und träumt und schweigt
zur Giebeluhr hinauf, die nicht mehr zeigt.
Ein Weib zupft ihn am Ohre:
Du machst ja Augen, so voll entlegener Wonnen,
als sähst du die Jahrhunderte sich sonnen
auf den Ruinen.
Ja: die steinernen Jungfraun hoch am Tor,
die beten gar „reif“ um ihr Stündlein empor
mit ihren verwitterten Mienen.
Wir aber -- o -- wir haben Zeit;
sehn wir nicht auf zu ihnen
voll ewiger Seligkeit?!
Der Träumer hat den zarten Spott vernommen.
Sein Blick ist freudig aufgeglommen.
Die Gärten glühn. Er lächelt sonderbar.
Er sucht nach Worten, Blick in Blick gegründet.
Er spricht, als säh er tief ein Licht entzündet,
das früher nicht in ihrer Seele war:
Vielleicht sah ich in meinen entlegenen Wonnen
ein kommendes Jahrhundert schon sich sonnen,
nicht auf romantischen Ruhestätten zwar.
Ich sah nach dem edlen Ritter im Fries,
der seinen Mantel weiland den Bettlern ließ,
um hilflose Blößen zu decken.
Vielleicht ist heimlich nach Bettlerart
mancher edlere Ritter heut auf der Fahrt,
Helfershelfer zu wecken
zu jetzt noch „lichtscheuen“ Zwecken --
Er schweigt. Die Gärten glühn. Es ist, als schliefe
verstohlenes Leben hinter allen Hecken.
Zwei Menschen sinnen in die Tiefe.
25.
Und hoch durch Hallen, die fast blenden,
braust Dampf; und dumpf donnert Rad bei Rad.
Hohl durch die offenen Bogen-Enden
schweelt wie ein Herd mit tausend stillen Bränden
die Lichter-Dunstnacht einer großen Stadt.
Bahnzüge dröhnen rhythmisch hinaus, herein,
hin am Wirrwarr der scheinbar ziellosen Menge.
Zwei Menschen überschaun das stete Gedränge.
Ein Mann weist nach den fernen Häuserreihn:
Ists nicht, als wärens Äonen seit ehemals,
seit wir vom Haus deines Herrn Gemahls
die finstern, lichtdurchfurchten Mauern
auch so am Horizont sahn kauern?
Und ists nicht wieder, nicht immer noch, als lauern
die roten Fensterhöhlen auch hier wie Augen,
die alle trüben Begierden einsaugen,
auf Habsucht Notdurft speichern, und Haß zum Neide?
Und treibt doch Alle die Liebe, wie uns Beide,
sich Geist an Geist mit seelenvollen Händen
zu gleichen Lebenszwecken zu vollenden!
Wärs da nicht not, daß Freunde des Lebens sich fänden,
nur zu dem einen Endzweck auserlesen,
klar Alle dem Willen Aller zuzuwenden?!
bis einst der Geist, von jedem Zweck genesen,
nichts mehr zu wissen braucht als seine Triebe,
um offenbar zu sehn das weise Wesen
verliebter Torheit wie der großen Liebe?!
Und einer Seherin gleichend steht das Weib,
und näher drängt um sie das Köpfegewimmel.
Sie fragt, und hält die Hände in das Getümmel,
als schütze sie den Mutterleib:
Und wenn nun Einst und Jetzt auch Mir sich einen,
sodaß ich furchtlos deine Freundin bleib,
trotz meiner Eheschuld und trotz der deinen?!
Sie schweigt, als ob sie heimlich etwas versprach.
Zwei Menschen sinnen der Menschheit nach.
26.