Endlich dem Bann der Museen entronnen,

fand ich Italien auf eigne Faust schön;

fand ohne Baedeker goldene Sonnen,

silberne Monde, in Tälern, auf Höhn.

Fand auch ein Räuberpaar, in einer Grotte,

spät eines Abends, im wilden Wald,

raubten sich Küsse, die haben geknallt:

~siamo felici nel cuor della notte~!

13. Pontinische Sümpfe

Die Sterne flimmern; schwül schweigt das Moor

längs der langen Straße zur Nacht empor.

Längs der langen Straße, schwarz im Düstern,

ragen und raunen die hohen Rüstern.

Längs der langen Straße, wie aufgereiht

von einer zur andern Unendlichkeit,

raunen die Rüstern fiebertrunken:

dreiunddreißig Städte ruhn hier versunken

längs der langen Straße ...

14. Neapel

„Neapel sehn und sterben“ -- in der Tat:

dies Paradies des Pöbels ist zum sterben.

Sehr sichtbar, echter Lazzaronistaat,

liegt’s wie ein blendender Haufen Scherben

am Riesenmaulwurfshügel des Vesuv,

den Gott gewiß aus reinem Mordsspaß schuf.

15. Pompeji: Haus des tragischen Dichters

Was klagst du, Menschheit! Sieh, allerseelenvollst

lacht dir das Leben, und komisch nickt der Tod:

Da steht zerbröckelt des Dichters Gastgemach,

sein Werk und Name verbrannten im Lavaschutt,

aber das Brautpaar seines Wandgemäldes

entdeckt noch immer das Nest voll Liebesgöttchen,

wie’s Tausende Paare noch entdecken werden,

wenn dieses ausgegrabene Machwerk längst

wieder in Lavaschutt versenkt sein wird.

16. Auf Capri

Trotz aller reisenden christlichen Tugendbünde

ist hier noch Raum für einige heitre Sünde.

Trotz Badehose gleicht in der blauen Grotte

ein schmieriger Fischer einem silbernen Gotte.

Trotz Zeitung, Polizei und meckernder Ziegen

kann noch an mancher Klippe ganz verschwiegen

der Faun die Nymphe beim Schlafittchen kriegen.

17. Bergstraße von Amalfi nach Salerno

Europas reichste Damen

karriolen den Felsweg her,

hoch zwischen Himmel und Meer;

immerfort wechselt der Rahmen.

Großartig wechselt der Rahmen;

hoch zwischen Himmel und Meer

erwartet ein Bettlerheer

Europas reichste Damen.

18. Bahn nach Potenza

Und keiner ist verächtlich und schwach genug,

daß nicht auch ihn aufrüttelnd ein Stolz durchzuckt,

wenn durchs Gebirg auf dröhnender Bahn der Zug

hinstürmt von Viadukt zu Viadukt.

Denn hier hat Menschenarbeit Bogen an Bogen,

Triumphbogen durch die Natur gezogen.

19. Valle del Basente

Straße und Brücke verfallen,

das steinige Flußbett trocken;

meine Schritte hallen

laut auf Trümmerbrocken.

Und erschüttert erbeben

verdorrte Uferbäume --

Land, wo ist dein Leben?

Volk, was träumst du für Träume?

20. Erster Klasse nach Brindisi

~Scusa, Signora e Monsignore!~

und ich nehme Platz im Coupé, con amore.

Der Priester scheint auf Kohlen zu sitzen,

die Dame strotzt von Juwelen und Spitzen.

Der Priester rückt in die äußerste Ecke,

die Dame bückt sich, und ich entdecke:

sie versteckt ein besudeltes Dingrichs.

21. Corfu

Also auch hier wühlen Hühner und Schweine

in verwahrlosten Gärten und Auen.

Aber wenn wir’s von ferne beschauen,

läutert der Lichtgeist alles Gemeine.

Weiter und weiter schreit’ich ins Reine,

und der Oliven verwilderte Haine

überrauschen das menschliche Grauen.

22. Pontikonisi

Weiß steht das Kirchlein aus der blauen Flut,

Cypressen laden ein zur Himmelsreise.

Sacht naht der Fährmann mit der irdischen Speise;

ein Glöckchen tönt, das Ruder ruht.

Wärst Du, Geliebte, nicht auf Erden,

ich könnte Mönch auf diesem Eiland werden.

23. Bergweg bei Patras

Ein Schrei -- fast stürzt mein Pferd -- und aufgebäumt

ums Felseck biegend seh ich: schluchzend reißt,

im Staub knieend, mit aufgelöstem Haar,

und schreiend -- oh, so schrie Medea einst,

als Jason sie aus Überdruß verließ --

reißt sich ein schönes griechisches Bauernmädchen

die türkische Jacke von den nackten Brüsten

-- Papiergeld fliegt -- und weg von ihr bergab

jagt im Galopp, in klirrender Kutsche hockend,

ein schlotternder Stadtherr, häßlich wie ein Mops.

24. Olympia

Apollon, der die Tiermenschen bezwang,

jetzt als ein Giebelbruchstück ausgestellt,

begleitet mich durchs Tempeltrümmerfeld

und spricht gen Sonnenuntergang:

Lapithen und Kentauren ruhn im Sumpf,

Faustkämpfer preist die Menschheit auch nicht mehr,

noch aber übermannt euch seelenschwer

der Schatten selbst von diesem Säulenstumpf.

25. Tempel bei Bassä

Wohl stehn noch stolz die morschen Säulenschäfte

ob Steingeröll und niedern Krüppel-Eichen

und sind, indeß Eidechsen und Blindschleichen

den kletternden Hufen meines Gauls ausweichen,

in dieser Höhenluft ein rührendes Zeichen

himmlischen Aufbegehrs der irdischen Kräfte,

doch rührender rings die tausend Nachtigallen,

die durchs Geläut der käuenden Ziegen schallen.

26. Burg und Stadt Karytäng

Schmettert, ihr Nachtigallenheere,

helft meine Kavalkade befeuern!

dort oben herrschte einst Ritterehre,

schuf Herzogskronen aus Abenteuern!

Aber die griechischen Rosse wollen

nur noch zur Futterkrippe trollen.

27. Herberge vor Tripoliza

Hier gibt es Alles: Wasser, Häcksel, Mist,

Strohsack und Wanzen -- blos Laternen fehlen.

Schon aber geht ein frommer griechischer Christ

ein Licht aus der Dorfkirche stehlen.

28. Nauplia

Ein toter Esel fault im Straßengraben,

am Tor ein Hund.

Ein Stadtsoldat schleckt sich an Honigwaben

die Zunge wund.

Mit schmachtenden Blicken hockt ein Rudel Knaben

am Mauerwall. Und jedes Auge laben

unzählige wilde Blumen, märchenbunt.

29. Wiesen bei Argos

Das sind die Blumen aus dem Morgenland:

Sie leuchten aus der Ferne wie durch Schleier,

sie schimmern seidner als ein Festgewand,

sie duften reiner als die Braut dem Freier.

Sie scheinen in der Nähe dir bekannt;

es glimmt in ihren Kelchen wie ein Feuer,

das auch in Dir wohl einst, o einst gebrannt.

Du pflückst davon. Doch scheu und scheuer

stockt deine Hand:

du träumst die Blumen heim ins Morgenland.

30. Mykenä

Auf einmal schleppt mich Frau Historia

durch wüst Gerümpel und beginnt zu melden:

das Löwentor -- die Burg -- die Agora -- --

Was? Hier, hier hausten die homerischen Helden?

Weg! In der Dichtung ists ein Göttersaal,

hier wirds zum Hottentottenkraal.

31. Akrokorinth

Stahlblau erfunkeln mir zwei Meere,

Waffen funkeln durch meine Gedanken,

wild sich kreuzend, alle die blanken

Klingen der Krieger, die dort versanken,

Griechen, Slawen, Türken, Franken,

Landeskinder und Söldnerheere --

funkeln -- und um zerstürzte Paläste

von Strand zu Strand über Tempelreste

den Berg herauf zur verfallenden Feste

brandet Begeistrung und füllt das Leere.

32. Bei Salamis

Fischerlied

Ruhe dich, Schiffchen: hier werfen wir Netze.

Hier wurden vom Ahnherrn ertränkt die Barbaren.

Drum schenkt uns das Meer heut fetten Fisch --

ruhe dich, Schiffchen ...

Hundert Heilige wurden für uns gemartert.

Fremde Lords sind gestorben für unsre Freiheit.

Drum schenkt uns der Himmel heut weichen Wind --

ruhe dich, Schiffchen ...

33. Athen

Die Muse spricht: Narrt mich ein Fiebertraum?

Stellt nicht dort unten das Theater noch,

der Felswand angeschmiegt am heiligen Abhang,

traut wie ein Schwalbennest, den Weltkreis vor?

Was sucht der Herr da, der den Staub beriecht,

wo einst der Feldherr saß, der Opferpriester?

Und hier, wo ehmals steilgestreifte Säulen,

schwarz wie der Styx, rot wie geronnen Blut,

dem blauen Äther, der sie bleichte, trotzten,

hier steht gar einer und studiert den Schutt?

O Wunder, daß noch Meer und Himmel leuchten!

34. Fahrt zum Parnassos

Vom Dampf des Schiffes, den die Hitze ballt,

verhüllt: was strahlt aus buntem Dunst herbei?

so weiß! -- was träumte mir? -- ein Gipfel -- drei --

ein Kranz von Gipfeln strahlt den Dunst entzwei --

so weiß strahlt nur der ewige Schnee -- so frei --

+Ist’s+ der Parnaß?! -- Flieh, schwüle Träumerei!

Hinauf! dort oben ist es kalt.

35. Delphi

Mein Dämon spricht: Auf Delphi ruht ein Fluch,

da laß uns still vorübergleiten.

Mir deucht, wir hatten schon zu Olims Zeiten

an dem Orakel in uns selbst genug.

36. Zwischen Leukas und Ithaka

Durch dieses Meer trieb einst in irrer Not

Odysseus seinem treuen Weib entgegen.

Durch dieses Meer trieb wild im Liebestod

Sapphos zerbrochner Leib der Nacht entgegen.

Durch dieses Meer treibt nun im Morgenrot

mein Herz, Geliebte, +Dir+ entgegen.

37. Albanische Küste

Die Küste weicht; ich seh mein Schiff mit beiden

Bugseiten durch die Flut, die tiefblau glatte,

wie durch geschliffnen Stein sich vorwärts schneiden,

so undurchsichtig glänzt die spiegelglatte.

Ich wende mich und seh im Glanz auf beiden

Kielseiten ferne Höhenzüge scheiden;

da schwimmen sie wie sagenhafte satte

Seekühe, die sich an der Bläue weiden.

38. Hafen von Ancona

Zwischen zwei Vorgebirgen lauscht der Wind,

der sanften Gruß bringt von der Abendsonne,

ob Stadt und Hafen wohlgebettet sind.

Er fragt ein Heiligtum, worob es sinnt,

einst der Frau Venus Haus, jetzt der Madonne,

und alle Glocken künden voller Wonne:

In goldner Wiege ruht ein himmlisch Kind.

39. Assisi

Wallfahrer haben mir den Weg gezeigt;

im öffentlichen Garten rasten wir,

und mancher blickt dem heiligen Dichter gleich

beseligt auf zum lieben Bruder Himmel.

Ein junges Weib nur blickt verstört ins Land,

durch das ein Zug lobsingender Mönche wandelt.

Am Rand des Gartenberges die Cypressen

stehn wie erstarrte schwarze Flammen da,

und plötzlich regt sich eine wie entsetzt

vor dieses Himmels bleiglutblauer Last.

40. Perugia

Sei gesegnet, ruhiger Ort!

Frommer Ahnen Meistergilde

schuf aus rauhem Felsgebilde

für die Enkel dies Gefilde;

kannst du zürnen, Gott der Milde,

wenn sie nun ins Ewige fort

unter den Akazien wandeln,

nur noch schauen, nicht mehr handeln?!

41. Am Trasimenischen See

Was wohl die Unken klagen

dort um das alte Kastell?

Daß da mal Römer lagen

von Hannibal erschlagen?

Daß da den Troubadouren

von denen adligen Huren

vertrommelt ward das Fell?

Man muß nicht immer fragen,

um was die Unken klagen;

die Frösche lachen hell.

42. Florenz

Du Allerschönste, Liebling aller Welt,

einst manchem Herrn, jetzt jedem Gaffer feil,

und immer noch von Zier und Reiz geschwellt,

so lehnst du stolz auf hehrem Ruhebett,

dein Haupt wie eines Turmes Zinne steil,

dein Schooß wie offne Rosen lebensfroh,

und gar den Busen schmückt als Amulett

die heilige Kunst des Fra Angelico.

43. Ravenna

Ravenna! rief die Inbrunst: gib mir Raum!

was brütest du auf Gräbern Tag und Nacht?

Und Grüfte wölbten sich zu Farbenhimmeln,

in denen tausend Malerseelen träumen,

und über denen Dante wacht.

44. Venedig: Punta della Salute

Hier möcht ich sterben, alt, wie Tizian starb,

doch in verhängter Gondel und allein.

Durch einen Spalt nur glühn im Abendschein

verwitterte Paläste glorienfarb.

Schlaftrunken schaut die Wasserfläche drein

und haucht mir eine Seelenruhe ein,

die niemals um ein ewiges Dasein warb.

So möcht ich sterben ... aber leben: nein!

45. Verona

Auf des Amphitheaters höchstem Rand

ruht nach vollbrachtem Tagewerk ein Kerl,

die braune Stirn noch voller Schweißgeperl,

und läßt sich trocken glühn vom Sonnenbrand.

Ein simpler Steinmetz, der wohl kaum verstand,

wozu sein Flickwerk an dem alten Loch,

und hat wie Herkules geschuftet doch;

jetzt aber faullenzt er ob Stadt und Land,

als sei kein Gott so frei wie Er vom Joch.

46. Wanderstraße am Etsch

Arbeitsleute schreiten vor mir schwer,

immer schwerer dröhnt bergan ihr Schritt:

aus der Ferne graut die Fremde her.

Pfeifend halt ich ihnen gleichen Tritt,

Strom und Straße schweigen immer mehr:

aus der Ferne blaut die Heimat her --

und auf einmal pfeifen alle mit.

47. Sirmione am Gardasee

~Avanti!~ -- Heiter wie des Südens Luft

soll dich mein Abschiedsgruß, du liebliche

Halbinsel, die Catull besang, umwehn.

Hell greifst du durch den blauen See nach Norden,

gleich einer gastlich hingestreckten Hand

gefüllt mit Veilchen, Immergrün und Frucht.

Doch daß auch ernster Schmuck dir wohlsteht, zeigt

gleich einer Spange am Gelenk das düstre

Kastell, von dessen Söller mich der Ruhm

des jungen Bonaparte grüßt -- ~Avanti!~

48. Hochfeiler am Brennerpaß

Heiß auf kalter Höhe mach ich Rast,

von den Gletschern kommt ein leichter Hauch,

kommt und geht, und lichter Rauch

wird mir all die fremde Last,

von der Völkerstraße her die Hast,

und die Sehnsucht nach der Heimat auch.

49. Innsbruck

Die Berge glänzen klar im Kreis,

die Luft im Tal ist menschenheiß.

Ich trete in den alten Dom,

ich atme tief den Dämmerstrom.

Erzbilder schimmern durch den Raum,

ich träume einen Himmelstraum;

und langsam neigen sich die Stirnen

der ehernen Ritter vor den fernen Firnen.

50. Konstanz

Im offnen Garten ist Konzert am See,

der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern;

tief unter Brücken schweigt die Wasserfee,

hoch über Türmen schweigt der Alpenschnee,

schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je;

und immer noch Konzert, Konzert am See --

o Beethoven, wozu der Lärm?! --

51. Spezgart bei Überlingen

Von Schlucht und Halde weichen Morgenschleier,

die Erde dampft der Sonne ihren Dank.

Hier trieben wir, Geliebte, Frühlingsfeier;

es herzte Trieb an Trieb sich frei und freier,

bis über unsre Abschiedsfeier

der pfirsichblütne Abend sank.

Nun sind die Früchte reif zum Willkommtrank.

52. Stein am Rhein

Klosterfrieden, Weltbehagen,

lacht hier noch Italiens Glanz?

Buntbemalte Giebel tragen

frei Boccaccios Fabelkranz.

Stromschnell naht das heimatstete

Schiff, mit Gästen angefüllt.

Wenn doch jetzt Gesang herwehte!

Da: weiß Gott, man singt -- man brüllt

die „Wacht am Rhein“ ...

53. Triberg im Schwarzwald

Stimme der Heimkehr

Urweltsprache dröhnt im Wasserfall,

läßt kein Menschenwort herdringen;

was denn hör ich durch den Schwall

doch wie Muttersprache klingen? --

Nicht ein Vogelstimmchen hallt,

nur die alten Wipfel schwingen;

Welt, ich fühle wieder deutschen Wald,

höre deutsche Quellen singen! --

54. Heidelberg

Das alte Schloß ... Man zankt sich wohlgesinnt

im Akademischen Kulturverein:

Ist’s zu erneuern? -- wie! -- halb? ganz? -- ja! nein!

Der will das „Wesen“ wahren, Der den „Schein“,

Jeder lügt Leben in den toten Stein

und schilt die Andern wahrheitsblind.

Ich sehne mich nach einem Menschenkind,

das garnichts will als ganz natürlich sein.

55. Bingen am Rhein

Du kleine Stadt am Strom, mir weltengroß,

dir dank ich meine Mutter, dir das Weib,

das mir so lieb ist wie mein eigner Leib,

ich williger Pilgersmann von Schooß zu Schooß.

Du Strom, du großer, spiegelst du mein Los?

du kleine Welle, meinen Weltverbleib?

Eilt nicht auch ihr mit Seel und Leib

von Schooß zu Schooß,

von Bergesschooß zu Meeresschooß?! --

Wiedersehn

Eh du kamst, schienen mir

alle Schiffe im Hafen

Unheil zu brüten

auf der steigenden Flut.

Und nun lächelst du ihnen,

weil mein Blick drauf geruht hat;

und ich lache ihnen,

weil Dein Blick drauf geruht hat;

und alles ist gut.

Siegerin

Mit deinem Lächeln bewältigst du die Nacht:

ich fühl’s um deine Lippen schweben

und sehe Sterne aufgehn in meiner Seele.

Mit deinem Lachen bewältigst du den Tag:

ich seh’s aus deinen Augen strahlen

und fühle die Sonne in mich versinken.

Letzte Bitte

Lege deine Hand auf meine Augen,

daß mein Blut wie Meeresnächte dunkelt:

fern im Nachen lauscht der Tod.

Lege deine Hand auf meine Augen,

bis mein Blut wie Himmelsnächte funkelt:

silbern rauscht das schwarze Boot.

Zweier Seelen Lied

Lieber Morgenstern,

lieber Abendstern,

ihr scheint zwei

und seid eins.

Ob der Tag beginnt,

ob die Nacht beginnt,

findet euer Schein

in uns Zweien die Liebe wach.

Lieber Abendstern,

lieber Morgenstern,

hilf uns Tag für Tag

eins sein, bis die letzte Nacht uns eint.

Psalm zweier Sterblichen

Von Ida und Richard Dehmel

Der Mann:

Göttin Zukunft,

mit gefesselten Händen hältst du

eine geschlossene Schriftrolle,

drin mein Schicksal verzeichnet steht.

Langsam, Tag für Tag,

ringe ich deinen Fingern

Zoll für Zoll die Urkunde ab,

Zeile für Zeile.

Bis der Augenblick kommt,

wo das entrollte Papier,

eh ich das letzte Wort noch las,

meinem erschöpften Arm entfällt;

und mit gefesselten Händen

gibst du den Winden zur Sage anheim,

was ich tat.

Das Weib:

Schicksalsgöttin,

ich liege vor dir auf den Knieen.

Du hältst in deinen, ach, gefesselten Händen

eine goldene Tafel,

drin die Namen nur derer eingegraben stehn,

die Unvergeßliches taten.

Auf den Knieen, Schicksalsgöttin,

bitte ich dich:

Laß mich nicht ins Namenlose versinken!

Spreng deine Fesseln -- oder

nur einen Augenblick

reich mir die goldene Tafel,

und neben die Runen der Helden und der Weisen

schreibe ich hinsinkend:

Ich liebte.

Im Geiste

Ich steh im Geiste an ein Grab geführt,

wo Eine ruht, die so beseelend lebte,

daß ich nicht glauben kann, ihr Geist entschwebte;

ich steh wie einst vor ihr, so rein gerührt.

Und dort steht Einer, dessen Auge schürt

noch reiner an, was damals in mir bebte;

er wars, der zart ihr Reinstes mir verwebte,

und steht nun starr, als hätt er’s nie gespürt.

Du Hüter dieses heiligen Grabes, wehre

der Andacht nicht, die Geist dem Geist hier weiht;

es bebt in dir wie mir das seelvoll Leere.

Die wirren Zeiten haben uns entzweit;

hier aber rührt uns Klarheit, und ich kehre

vereint mit dir den Blick zur Ewigkeit.

Nachglanz

Einst geliebte Seele,

immer noch empfundne,

sternklar weist die Nacht mir Weiten,

die auch dich umschließen,

du entschwundne.

Gütig glänzen wieder

alle Lichter oben,

die uns je zu gleicher Andacht

von der trüben Erde

auferhoben.

Einsamkeit und Dunkel

sind nun nicht mehr Qualen.

Dankbar betet Seel in Seele:

Sterne, all ihr Sterne,

helft uns strahlen!

Verewigung

Freund in der Ferne, wer du auch seist,

Flüchtling auf der Erde wie ich,

die wir zwischen den Sternen hausen,

du ein Unvergänglicher,

ich ein Unvergänglicher,

weil wir’s fühlen --

sieh, ich feire eine Seelenbefreiung.

Ich sitze am Sarg einer lieben Gestalt,

wie ich an manchem Sarg schon saß

und an manchem noch sitzen werde:

ich habe geweint, ich lächle.

Diese liebe Gestalt wird bald zerfallen;

nie mehr wird ihr Mund mir Rätsel aufgeben,

ihre Hand mir die Stirnfalten lösen,

nie wieder werden ihre Augen

mir die Sonne ins Herzdunkel spiegeln.

Nichts wird weiterleben von ihrer schlanken Erscheinung,

nichts als ein Schemen in meinem Gedächtnis,

bald verdrängt durch ihr Bild von fremder Malershand,

durch viele andre Schattenbilder,

und auch die werden alle zerfallen.

Nur was sie seelvoll zusammenhielt,

was uns zusammenhält noch beide,

warum wir Blick in Blick einst erbebten:

nur das wird bleiben zwischen den Sternen,

wird immer neue Gestalt annehmen,

wird warten, daß auch ich mich verwandle,

bis wir einander wieder erscheinen

in den Schaaren der Ätherdämonen,

wieder erbeben.

Dann werden wir uns wohl begrüßen

wie einst auf Erden das erste Mal:

uns nicht erkennend, nur beglückend,

viel zu beseligt der neuen Gegenwart,

als daß wir alter Zeiten gedächten.

Und werden uns wohl wieder wundern,

im stillen fühlend: das letzte Mal,

da haben wir geweint zusammen,

da mußten wir uns noch befreien --

jetzt lächeln wir, jetzt lächeln wir --

wir Unvergänglichen -- --

Am Ufer

Die Welt verstummt, dein Blut erklingt;

in seinen hellen Abgrund sinkt

der ferne Tag,

er schaudert nicht; die Glut umschlingt

das höchste Land, im Meere ringt

die ferne Nacht,

sie zaudert nicht; der Flut entspringt

ein Sternchen, deine Seele trinkt

das ewige Licht.

Aufrichtung

Hörst du Nachts die leere Stille schallen?

Tote Seelen rufen dich von fern.

Eine aber war dir wert vor allen;

o, nun möchtest du vor Schmerz ihr folgen,

ihr und ihrem unsichtbaren Herrn.

Und du kannst nicht fassen,

daß du weiterlebst,

daß du deinen Arm zur Abwehr

hoch ins Dunkel hebst;

und auf einmal schweigt es,

und mit frommen Händen

legst du deinen Schmerz auf einen Stern.

Heilige Nacht

Es steht ein Stern, der leuchtet klar,

von Nacht zu Nacht, schon tausend Jahr.

Es kommt ein trüber Wandersmann,

an eine Stalltür klopft er an.

Wer bist du, Mann? was suchst du hier?

Ich suche Gott in Mensch und Tier.

Dann tritt herein, hier kannst du sehn

Ochs, Esel und ein Lämmlein stehn.

Ein Lämmlein wie im Paradies;

ein Knäblein streichelt ihm das Vlies.

Das Knäblein sitzt auf Mutters Schooß,

hat Augen wie der Stern so groß.

Es sieht der trübe Wandersmann

die stolze Magd, den Knaben an.

Ja, sieh nur in die Augen sein,

da siehst du Gottes Glorienschein!

Ich ächzte wie ein Tier fürwahr,

indeß ich lag und ihn gebar;

nun krönt auch mich der Schöpferglanz,

so schön ist keiner Jungfrau Kranz!

Es steht der Wandersmann und sinnt;

es lacht die Magd und herzt ihr Kind.

Das Lämmlein leckt an ihr hinauf;

Ochs, Esel stehn und horchen auf.

O Mutter Gottes, höre mich an,

mich vielversuchten Gottesmann!

Vor deiner Schönheit könnt ich fliehn,

vor deiner Wahrheit lieg’ich auf den Knien.

Ich ging auf Erden hin und her:

es hieß, daß Gott gestorben wär.

Doch siehe da: von jeder Magd

wird er aufs neu zur Welt gebracht.

Nun bin auch ich ein Gottessohn;

+o Mutter, nimm dies Lied zum Lohn+!

Es steht ein Stern schon tausend Jahr

und leuchtet noch wie einst so klar.

Evas Klage

Stern im Abendgrauen,

laß dein bleich Erschauern;

laß mich endlich ruhig

heim gen Eden trauern.

O Eden, mein Eden,

Garten meiner Träume,

warum gab mir Gott den Anblick

deiner Frühlingsbäume!

Deine Sommerfluren

hat er nicht behütet;

in den stolzen Garben

hat der Blitz gewütet.

In dein Herbstgefilde

ist der Sturm gekommen,

hat mir von den Ästen

Frucht auf Frucht genommen.

Warum sang der Frühling,

sang von seligem Wandern

nur auf Blumenauen,

sang von einem seligen Andern!

Ach, er kam, der Andre,

kam mit Glut und Flammen;

über meinen Blumen

schlugen sie zusammen.

Lachend aus der Asche

hat er mich getragen.

In der kalten Fremde

hat ihn Gott erschlagen.

Winter ist geworden.

Ach, ich möchte weinen.

Aber seine Seele

lacht noch in der meinen.

Still auf seinem Grabe

will ich warten, warten;

meine Kinder irren

suchend nach dem Garten.

O mein Garten Eden,

verlornes Eden,

o Eden, mein Eden,

stehst du denn noch offen?

Bis zur letzten Stunde

will ich auf dich hoffen!

Magst du, Gott, mich töten,

mag mein Traum verglühen,

aber meinen Kindern muß er

neu erblühen!

Laß dein bleich Erschauern,

Stern im Abendgrauen!

Endlich kann ich ruhig

heim gen Eden schauen.

Magst du, Stern, versinken,

mag ich selbst vergehen:

meine Kinder werden

Eden wiedersehen.

Eines Tages

Phantasieen zweier Liebenden

Morgen

„Auf, mein schwarzer Zaubrer, auf,

eile, spinne Gold, es tagt,

schmücke deine stolze Magd!

Laß die Strahlen nicht verwittern,

die dem Morgenstern entsplittern!

Heute Mittag muß die Erde

sich entzücken am Geschnauf

deiner wilden Siegespferde!

Auf, mein goldner Zaubrer, auf!“

Laß mich träumen, Zauberin,

sprich mir nicht vom Tag der Schlacht;

nimm die Strahlen, spinn sie, spinn.

Mich verstört das Marktgepränge,

wo die Erze vor der Menge

zur verstaubten Sonne dröhnen.

Überirdisch ist die Nacht,

wo die heimlichen Gesänge

meiner zahmen Schlangen tönen;

sprich mir nicht vom Tag der Schlacht,

laß uns träumen, Zauberin,

nimm den ganzen Himmel hin ...

Mittag

„Aber jetzt, mein Held, mein Sieger,

komm, mein König, komm, mein Krieger,

gib dich nicht den Gaffern preis!

Wirf sie weg, die blanken Bälle,

die so kalt, so gläsern klingen

und vor Hitze fast zerspringen;

führe mich an eine Quelle,

dies Getümmel riecht nach Schweiß!

Komm, was stehst du bei den Leuten,

du ermattest nur im Schwarm;

und bis Abend muß dein Arm

noch ein drittes Reich erbeuten!“

Königin, du störst mein Spiel.

Auf mein Volk herabzusehen,

wahrlich, das war nicht mein Ziel.

Schau: in diesem kleinen Ball,

weiß man ihn nur recht zu drehen

und das wird man bald verstehen,

spiegelt sich das große All.

Spiele mit! Komm, Siegerin,

nimm den ganzen Erdball hin ...

Abend

„+Ist+ hier nicht das dritte Reich?

ach, mein rascher Pilger, säume!

Bannt dich nicht der dunkle Teich,

über den die Lilienbäume

ihren süßen Atem breiten?

Und schon naht der Elefant,

drauf der Buddha Ewigkeiten

über unsre Seelen spannt.

Ja, mein Zaubrer: spiele! träume!“

Pilgerin, mir kommt ein Bangen;

siehst du nicht im bunten Laube

jene großen Schlangen hangen,

die mir fremd sind? und ich glaube,

daß sie Träumern Unheil brüten.

Ahnst du nicht, wonach ich suche?

Nicht nach üppigem Geruche!

laß uns wachen, Pilgerin!

Brich dir eine dieser Blüten;

und, im Haar die weiße Blume,

folge mir zum Heiligtume,

nimm die Ewigkeit da hin ...

Nacht

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) · 第 4 / 16 段