Und, ach Gnädigste, diese Sterne

tanzen auf manchermanns Nase gerne.

Und auf solchermanns Nase, gnädige Frau,

zertanzen sie zu Tränentau.

Zertanzen flink wie kichernde Lieder:

morgen, morgen tanzen wir wieder!

Gnädige Frau, leb wohl! Schluß, Kuß!

Frechheit -- aber wer muß, der muß.

Orientalisches Potpourri

Gestern Nachmittag, meine braune Geliebte,

die du nach Ruhm begehrst vor allen Frauen

deines Volkes, saß ich in einem Treibhaus,

und von allen Palmen und andern Gewächsen

flogen mir neue Gedichte zu.

Hier ist eins von einem Agavenwildling:

Meine Geliebte!

Grau in staubiger Wüste

stand mein dorniges Blattwerk

jahrlang mit durstig schwellendem Fleisch.

Plötzlich schoß über Nacht

ein steiler Schaft, knospengekrönt,

aus dem staubgrauen Schooß

in die feurige Morgenluft.

Schick mir zu Mittag, Geliebte,

deine tausend durstigen braunen Bienen:

viertausend goldgelbe Blütenglöckchen

haben sich aufgetan und triefen,

triefen, triefen von Honigsaft.

Oder eins von einer verschulten Musa:

Meine Geliebte!

Wen mit deinen üppig langen

Blättern willst du denn umfangen,

die du überreichlich treibst?

Fühlst du nicht den Abend glühen?

Wenn du ohne Blüte bleibst,

Schönste, kannst du nie verblühen,

Ärmste, nie mit Früchten prangen.

Oder von einer seltnen Wasserviole:

Meine Geliebte!

Mondblau steht mein Kahn,

himmeltief der See;

fern beim hellen Uferschilf

ziehn zwei weiße Enten

ihre Bahn.

Sehnsüchtig und rot

spiegelt sich mein Mund:

tauche auf, Geliebte, Dunkle,

aus dem blauen Grund,

hol mich in den Himmel!

Oder von einem gewöhnlichen Igelkaktus:

Meine Geliebte!

Ich bin so rund wie die Erde,

mein Fleisch hat Heilkraft,

und meine Blume ist zum Küssen schön.

Aber hebe mich nicht aus meinem Erdreich:

mein Fleisch hat Stacheln,

und leicht entroll ich deiner Hand.

Willst du mich küssen,

bitte, knie nieder!

Solche Gedichte, meine braune Geliebte,

könnt ich dir noch viertausend und einige dichten

an Einem Nachmittag;

und die würden meine vielen verehrten

neuen deutschen und neuesten jüdischdeutschen

lyrischen Brüder sicher furchtbar rühmen --

Aber du bist mir zu lieb dazu ...

Jesus bettelt

Schenk mir deinen goldnen Kamm;

jeder Morgen soll dich mahnen,

daß du mir die Haare küßtest.

Schenk mir deinen seidnen Schwamm;

jeden Abend will ich ahnen,

+wem+ du dich im Bade rüstest --

oh, Maria!

Schenk mir Alles, was du hast;

meine Seele ist nicht eitel,

stolz empfang ich deinen Segen.

Schenk mir deine schwerste Last:

willst du nicht auf meinen Scheitel

auch dein Herz, dein Herz noch legen --

Magdalena?

Benedeiung

Gestern hobst du verzweifelt die Hände,

deiner heiligen Namenschwester gleich,

als ihr ein Schwert durch die Seele ging.

Heute breit’ich entzückt die Arme,

allen Heiligen mich vergleichend,

weil mir Dein Schwert durch die Seele ging.

Neige dich zu mir, Maria,

laß uns lauschen,

wie die himmlischen Heerschaaren über uns jubeln!

Erfüllung

Daß du auch an Meinem Herzen,

Herz, nur neue Sehnsucht fühlst

und dich in die Menschenschmerzen

schmerzlicher als je verwühlst:

ist das nicht Erfüllung, du?

Wenn die Erde schmilzt vom Eise,

daß die Luft nach Frühling schmeckt,

und in immer neuer Weise

wild ihr Grün zum Himmel reckt:

+ist+ das nicht Erfüllung, du?

Wenn wir dann noch Ostern feiern,

weil ein Mensch sein Leben ließ,

der den Frevlern wie Kasteiern

gleiche Seligkeit verhieß:

ist das +nicht+ Erfüllung, du?

Laß die tragische Geberde,

sei wie Gott, du bist es schon:

jedes Weib ist Mutter Erde,

jeder Mann ist Gottessohn,

+Alles+ ist Erfüllung, du!

Heilandswort

Ich trat in ein Haus,

da gingen viel Sünder ein und aus,

aber auf einer grauen Wand

und mit leuchtenden Lettern stand:

Nur selig!

Ich sah eine Menschengestalt,

mit Leidenszügen mannigfalt,

aber im Gruß der blassen Hand

und im Lichte der Augen stand:

Nur selig!

Ich ging bald fort,

durch einen trüben, armseligen Ort,

aber über dem ganzen Land

und mit leuchtenden Lettern stand:

Nur selig!

Zwischen Ostern und Pfingsten

Und jeden Abend kannst du so aufatmen:

du horchst ins Dorf hin, was die Glocken wollen,

du gehst ins Freie,

der Rauch der Hütten umarmt die Eichenkronen:

auf, Seele, auf!

Dann raunt dir frühlingsheimlich ein Echohauch

unter den knospenvollen Wipfeln zu:

ins Freie auf -- so frei ins Freie,

wie dort der Vater mit seinem Kindchen Ball spielt.

Und über dir, lichtgrün im Blauen,

spielt eine Birke

mit einem strahlend blühenden Ahorn Braut.

Die Glücklichen

Nun will ich mir die Locken

mit Birkenlaub behängen;

der Frühling sitzt am Wocken,

von dem er mit Gesängen

um meine Wildnis grüne Schleier spinnt.

Und du auf deinem Throne

im Astwerk unsrer Linde,

beglänzt mit deinem Sohne

vom goldnen Mittagswinde,

bist meine Jungfrau mit dem Wunderkind.

Ein Lamm mit weißem Felle

auf unserm Wiesenlande,

mit einer Silberschelle

und blauem Seidenbande,

bringt uns zum Lachen, wenn wir traurig sind.

So würden wir uns gerne

mit aller Welt vertragen,

nicht Sonne, Mond noch Sterne

um unser Glück befragen,

doch -- manchmal haben wir kein Brot im Spind.

Drum stehn im jungen Schilfe

mit aufgesperrter Miene,

als schnappten sie nach Hilfe,

zwei steinerne Delphine

am Wasser, das um unsre Insel rinnt.

Erhebung

Gieb mir nur die Hand,

nur den Finger, dann

seh ich diesen ganzen Erdkreis

als mein Eigen an!

O, wie blüht mein Land!

Sieh dir’s doch nur an,

daß es +mit+ uns über die Wolken

in die Sonne kann!

Hochsommerlied

Golden streift der Sommer meine Heimat,

brotwarm schwillt das hohe reife Korn,

wie in meiner goldnen Kinderzeit;

habe Dank, geliebte Erde!

Schwalben rufen mich hinauf ins Blaue,

weiße Wolken türmen Glanz auf Glanz,

wie in meiner blauen Jünglingszeit;

habe Dank, geliebte Sonne!

Mit heiligem Geist

Liebe Mutter! mir träumte heute

von der Insel der seligen Leute.

Da saß auf einem Hügel der Au

eine nackte gekrönte Frau;

in ihrem Herzen stak ein Schwert,

aber sie lachte unversehrt.

Denn neben ihrem natürlichen Thron

stand ihr lieber großer Sohn;

in seinen Fingern, voll Sonnenglanz,

hing ein blutiger Dornenkranz.

Der begann sich mit grünen Spieren

und raschen Blüten zu verzieren;

und umringt von den seligen Leuten,

die sich an dem Wunder freuten,

suchte mir Er die Blumen aus

zu einem leuchtenden Osterstrauß.

Den umflocht er mit blauem Bande

von seiner Mutter früherm Gewande

und gab ihn mir und sprach dazu:

Sag Deiner lieben Mutter du,

+weil ihr auf Erden niemals wißt,

wann die Zeit erfüllet ist,

sollt ihr immer glauben und hoffen,

der Tag sei endlich eingetroffen+.

Und bis einst jedes Weib gewinnt

den rechten Vater für ihr Kind,

soll jede Irrende die Treue

dem falschen brechen ohne Reue,

soll ihre Sehnsucht nicht verfluchen,

ihren Qualen den Heiland suchen

und seinen liebenden Gewalten

Leib wie Seele empfänglich halten.

Wenn das mit heiligem Geist geschehn,

wird sie die Heimsuchung bestehn,

wie meine Mutter sie bestand,

beseligt im Gelobten Land.

Böser Traum

Was kannst du gegen Träume, Mensch, die tückisch

selbst auch den Männlichsten, mit Engelshänden

oder mit Teufelsfäusten, in den Himmel

samt Hölle seines Kinderglaubens führen?

In solchem Traum erschien mir heute Nacht

der böse Feind und sah mich furchtbar an.

Er hatte das Gesicht von einem Freunde,

dem ich sein Weib in aller Freundschaft nahm,

und setzte auf mein wehrlos Herz ein Messer

und sprach -- nein, was er sprach, vergaß ich schon.

Er sah mit Wollust, wie die rostige Spitze

auf meiner Haut im Takte meiner Pulse

sich hob und senkte, sah mich gierig an.

Ich aber bohrte meine blauen Augen

in seine braunen tief empor und sagte:

Wenn du mich kenntest, zögertest du nicht.

Und als sein Blick ineins mit meinem sank

und bläulich wurde, dacht ich: Wärst du nicht

der böse Feind, so müßtest du mich lieben,

ich habe dich von einer Last erlöst.

Was ich dir nahm, ist niemals dein gewesen;

was du mir nehmen kannst, war niemals mein.

Drum, wenn du mußt, so töte mich! mein Tod

wird dir viel weher tun als je mein Leben,

das Keinem weher tat als Mir -- „Wach auf!“ --

Leiser Besuch

Eine treue Seele lag

still zuhaus mit krankem Leibe;

zwischen ihren Fingern staken

zwei drei blühende Weidenzweige,

und die Sonne schien aufs Bett.

Zögernd rührte sich die Hand,

tastete nach meinem Haupt;

aus den sanften Blütenfasern

fiel der gelbe Samenstaub,

wie am Morgen unsrer Liebe.

Trat ein Mädchen blaß herein,

brachte eine blasse Rose,

legte die gebeugte Blume

nieder neben meinem Schooße,

wie zum Abend unsrer Liebe.

Folgte eine hohe Frau;

rot von Nelken eingefaßt

duftete in ihrem Arme

goldgelb eine Ananas,

wie der Mittag unsrer Liebe.

Und die treue Seele sprach:

Sieh, aus allen Himmelsstrichen

bringt mir heute deine Liebe

Frucht und Blüten und Gerüche.

Und ihr stiller Ausblick stach

uns ins Herz.

Der Strauß

Nun nimm drei weiße Nelken du,

mein Weib. Und du, Geliebte, nimm

diese drei roten noch dazu.

Und in die nickenden Nelken tu

ich eine dunkelgelbe Rose.

Seht: ist es nicht ein lockender Strauß,

ganz Eins aus diesem schwarzen Tuch?

Und sieht so farbenfriedsam aus.

Und nur von doppeltem Geruch:

die je drei Nelken und die Rose.

Nein, laßt! entzweit den Stengelbund

nicht! laßt! Sonst scheint so kalt und tot

blos Gelb zu Weiß, und glüht so heiß

und brennt so wild blos Gelb zu Rot;

dann, ja, dann hass ich wohl die Nelken!

Dann hass ich wild das zahme Weiß

und hasse kalt die rote Glut,

wohl bis zur Mordlust! Ja, es tut

mir weh, daß von Geruch und Blut

so reizend gleich sind alle Nelken!

Was willst du so entsetzt? Nein, bleib,

Geliebte, nimm, still seh ich zu:

nimm jetzt die weißen Nelken Du!

und die drei roten Du, mein Weib!

und ich die dunkelgelbe Rose.

Finale

Da hast du dich von meiner Brust gelöst.

Doch als ich fürchtete, das Fest sei aus,

hobst du mir meinen Kranz auf,

meinen Kranz auf.

Vierter Teil

Einsiedler, Schmetterling und Tempelherr

Du weißt, Poet -- begann der Tempelherr

und lächelte durch seinen weißen Bart --

ich las sie auf vom Weg, die jetzt mein Weib ist.

Und daß sie, wider Sitte und Gesetz

des Ordens, mitging nach Jerusalem

und nicht den Weg zurückging, den sie kam,

-- ich selber hieß sie mitgehn --: das ging +so+ zu.

Wir trugen schon das Abschiedswort im Sinn,

es war an einem heißen Frühlingstag,

schier blendend flimmerte das junge Gras,

und die Gefallne ließ es still geschehen,

daß ich mit ihr den Pfad vom Schloß zum Ufer,

wo andern Tags das Schiff anlegen sollte,

gleichsam zur Herzensübung niederstieg.

Der Pfad bog sehr abschüssig hin und her;

ich brauchte sie, die stets wie ich gewillt war

-- ihr Herzschlag geht dem meinen völlig gleich --

kaum mit der Hand zu stützen, so gefaßt

vermied sie jeden lockern Stein im Gras,

als sie auf einmal fest um meinen Arm griff.

Dicht vor uns sonnte sich, beinah berührt

von meinem Schuh, auf einem Blütenkelch

des gelben Löwenzahns, ein saugender

ganz trunkner Schmetterling, ein Trauermantel.

Nun flog er taumelnd weg, zum nächsten Kelch,

dicht vor uns her, wir sahn ihn weitersaugen,

kaum atmend beide, wenn die bleichgesäumten

tiefschwarzen Flügel vor Entzücken zuckten,

und immer weiter so, von Kelch zu Kelch,

dicht immer vor uns her den Pfad hinab,

fast bis zum Fluß; da krigte ihn der Wind

und blies ihn fort, wir blieben stehn im Wind.

Und plötzlich sieht, durch diesen Schmetterling

mir vorgerückt, vor meinem innern Blick

ein jahrelang vergessner Tag: ein Herbsttag.

Ich bin bei einem Freund, Einsiedler ist er;

er war’s -- man wußte nicht warum -- geworden,

an Jahren konnt er gut mein Vater sein.

Wir sind verloren in Gedanken; draußen

zerzaust der Bergwind seinen Blumengarten.

Er macht sein Bett, ein seltsam ungeschlachtes,

nach Bauernart bemaltes Ehebett;

da klopft es an die Tür. Er geht und öffnet;

und vor der Klause steht, bei seinen Blumen,

zerzaust wie sie, in schlechter schwarzer Tracht,

ein altes Weiblein, elend, scheu, verkommen,

das blickt ihn bettelnd an. Ich seh ihn noch:

auf seine große Stirne treten Flecken

wie von Faustschlägen, seine Finger beben,

die guten blauen Augen glänzen grausig,

er sagt: geh weg! ich kenne dich nicht mehr.

Er will die Tür zudrücken, sie versperrt sie:

Ich hab nur Dich geliebet! bettelt sie.

Er tritt zurück, die rote Stirn wird blaß,

die Augen kalt, er sagt: geh weg, du lügst.

Sie schleppt sich nach: Verzeih mir! bettelt sie.

Er sagt noch kälter: ich verzeih dir, geh.

Da faßt sie seine Hand, und wieder fliegt

der grauenhafte Glanz durch seine Augen --

Du hast mich nit verstanden, Meiner! fleht sie:

ich war -- Doch eh sie enden kann, erbebt

der ganze breite Mann: Verstanden? schreit er

und hebt die Faust, ich will zuspringen, da:

laut schluchzend, Blut ausschluchzend vor ihn hin

knickt sie zusammen, schluchzt sie auf zu ihm:

ich war ein armer Schmetterling im Wind! --

Da hat er sich mit mir gebückt zu ihr

und nahm das alte Weiblein an sein Herz

und trug sie weinend in ihr altes Bett;

drin ist sie lächelnd andern Tags verstorben.

Nun weißt du -- endete der Tempelherr

und lächelte durch seinen weißen Bart --

warum, Poet, trotz Sitte und Gesetz

des Ordens, sie, die jetzt mein Weib ist, nicht

den Weg zurückging, den sie zu mir kam.

Ich sagte ihr am Morgen meiner Abfahrt,

was mir in jenem stillen Augenblick,

als wir am Fluß im Wind beisammenstanden

-- sie hatte mich mit keinem Hauch gestört,

ihr Atem geht dem meinen völlig gleich --

vor meinem innern Blick gestanden hatte,

und hieß sie mitgehn nach Jerusalem.

Der Verbannte

Durch die fremde Stadt

geht mir eisig der Wind nach,

der die Birken bewegte,

der die Schneeglöckchen schüttelte,

als ich die Heimat verließ.

Durch die fremde Stadt

kommt mir sonnig ein Bild entgegen:

eine Mutter mit ihren Kindern,

die vor Frühlingsfreude glühn.

Unterwegs

Vor meinem Lager liegt der helle

Mondschein auf der Diele.

Mir war, als fiele

auf die Schwelle

das Frühlicht schon;

mein Auge zweifelt noch.

Und ich hebe mein Haupt und sehe,

sehe den fremden Mond

in seiner Höhe

glänzen. Und ich senke,

senke mein Haupt und denke

an meine Heimat.

Heimatgruß

an Hans Thoma zu seinem 60. Geburtstag

Wo die Heimat liegt,

das ist mir erst aufgegangen

im fremden Land.

O, mit welchem Bangen

schaue ich manchmal vom Fenster herunter

durch die enge Hafengasse

wie von einer Festungsterrasse

auf den kahlen Inselrand

da mitten in dem grauen Fluß!

Doch geht die Sonne unter,

dann steigen durch den Rauch und Ruß

der lauten Dampfschiffe und dunkeln Schornsteine

die Nebel wie reine Geister;

und immer mahnt mich das an Deine

Insel, Hans Thoma,

du heimatseliger Meister.

An die Insel, die du gemalt hast

-- wie du mir selbst erzählt hast -- aus Heimweh,

wo hold und heiter, ohne Heimweh,

unter den schlanken, gen Himmel breiten,

stillen Bäumen Deines Landes

Frauen und Männer schlichten Gewandes

in Eintracht mit stolzen Tieren schreiten,

geweihten Hirschen, frei laufenden Pferden,

und rings mit sorglosen Geberden

schaukeln auf den wirbelnden Wogen

Liebespaare, von Schwänen gezogen --

wirklich, dann glaub ich, so muß es wohl sein

auf deiner Insel bei Frankfurt am Main,

oder wo sonst deine Heimat liegt;

denn daß der Schwarzwald dich großgewiegt,

das ist mir nicht immer gleich im Klaren,

denn auf einmal liegt dann zwischen den Stämmen

meine eigne Heimat, der Wald von Kremmen,

und ich schaue auf Wiesen, worüber sich fern

im Nebel Himmel und Erde paaren,

und suche kindlich den höchsten Stern --

bis mich das Heulen der Hafensirenen

aufstört aus meinem Sinnen und Sehnen.

Doch Einmal, ja, da +sah+ ich den Stern:

-- noch war in der Luft kein Rauch und Lärm,

die Morgenröte küßte den Fluß,

und die kahle Insel schien aufzuleben --

da sah ich fern den Genius

aller Heimat darüber schweben:

leicht aus dem Wölkicht kam er einher

mit ruhigen Flügeln durchs himmlische Meer,

kaum die kräftigen Schwungfedern spreitend,

auf einer durchsichtigen Kugel gleitend,

drin spiegelte sich die bunte Erde

samt meiner überraschten Geberde:

den Stern, den trug er als Blume in Händen,

kein Gewand um die hellen Lenden,

eine Einsicht auf dem Jünglingsgesicht

wie im Traum, im Halbtraum, ich weiß es nicht --

so flog er, ohne sich umzuwenden,

an der fremden Insel vorüber,

aus der Heimat

in die Heimat

hinüber ...

Hoher Mittag

Da ich nun in Einsamkeiten

träume von dem goldnen Land,

von den fernen Seligkeiten

unerfüllbar schöner Zeiten,

und der blaue Kreis der Weiten

weiter sich und weiter spannt,

rührt auf einmal mich ein Bangen:

Sonne, welchem Ziele zu?

tief und tiefer ein Verlangen:

Urquell meiner Sehnsucht du!

Stimme im Licht

Dunkles Herz,

dunkles Herz,

was bebst du denn?

Sieh doch die Nacht glänzen;

dir lebt ein Licht in den Weiten,

zu allen Zeiten,

über Grenzen,

da kann kein Mond, kein Stern hinan!

Dulde nur deine Dunkelheiten

ohne Schmerz:

ein andres Herz

möchte in deinem Schatten ruhn.

Brauchst kaum durch seine Träume zu beben,

alle Himmel fühlt ihr dann in euch schweben;

dunkles Herz,

dunkles Herz,

wie strahlst du nun!

Nachtgebet

Du tiefe Ruh,

laß deinen Schleier sinken,

und schling dein dunkles Haar um meine Brust,

und laß mich deinen Atem trinken,

Du,

bis alle meine Lust

und letzter Schmerz in einen Hauch verschweben,

den deine Lippen mir vom Herzen heben,

dann laß mich deinen Kuß erleben,

du tiefe Ruh.

Durch die Nacht

Und immer Du, dies dunkle Du,

und durch die Nacht dies hohle Sausen;

die Telegraphendrähte brausen,

ich schreite meiner Heimat zu.

Und Schritt für Schritt dies dunkle Du,

es scheint von Pol zu Pol zu sausen;

und tausend Worte hör ich brausen

und schreite stumm der Heimat zu.

Masken

Du bist es nicht, du greiser Tempelritter

im Panzerkleid, auf das die Kerzenstrahlen

des bunten Saals mit täuschendem Gezitter

geheimnisvolle Charaktere malen;

dein Blick ist schwarz, laß das Visier nur zu!

Du bist es nicht -- doch Ich bin Du.

Du bist es nicht, Zigeuner mit der Geige,

der wild sein Lied läßt in die Zukunft bluten.

Dein roter Bart ist kraus wie Urwaldzweige,

um die rauchprasselnde Frühfeuer gluten.

Dein Blick ist grau; laß nur die Maske zu!

Du bist es nicht -- doch Ich bin Du.

Du bist es nicht, Traumkönigin. Seerosen

trägst du im wolkendunkeln Haargeflechte,

und keuschen Asphodellos, und Skabiosen,

die sanfter blühn als purpursanfte Nächte.

Dein Blick ist braun; laß deinen Schleier zu!

Du bist es nicht -- doch Ich bin Du.

Du bist es nicht, mein blonder Puck. Dein Röckchen

ist viel zu kurz für deine Mädchenbeine;

man sieht es doch, daß dein hell Klingelstöckchen

ein Totenköpfchen krönt, du freche Kleine.

Dein Blick ist stahlblau; laß dein Lärvchen zu!

Du bist es nicht -- doch Ich bin Du.

Und Du, bist Du’s, du Domino im Spiegel,

in dessen Blick die Farben meerhaft schwanken,

du masken+los+ Gesicht? Zeig +her+ das Siegel,

das mir ausdrückt den Grund deiner Gedanken!

Bin ich das selbst? Ausdruck, du nickst mir zu.

Grundsiegel -- Maske -- Bin Ich Du? --

Nacht für Nacht

Still, es ist ein Tag verflossen.

Deine Augen sind geschlossen.

Deine Hände, schwer wie Blei,

liegen dir so drückend ferne.

Um dein Bette schweben Sterne,

dicht an dir vorbei.

Still, sie weiten dir die Wände:

Gieb uns her die schweren Hände,

sieh, der dunkle Himmel weicht --

Deine Augen sind geschlossen --

still, du hast den Tag genossen --

dir wird leicht -- --

Lied vor Tag

Was bewegt dich, stiller Himmel?

Was beschwingt die schweren Wolken?

Herz, wie kommt die helle Höhe

übers tiefgraue Meer?

Durch die Wolken schwebt ein Vogel;

schwebt vorbei mit hellen Flügeln,

trägt die goldne Morgenröte

übers tiefgraue Meer.

Komm zurück, du goldner Vogel!

Nimm mich hoch in deine Höhe!

Trag mein Herz, du helle Hoffnung,

übers tiefgraue Meer!

Gondelliedchen

Bitte, bitte, Vögelchen:

Schiffchen hat ein Segelchen,

segelt übers Meer:

Vögelchen, komm her!

Komm und setz dich, laß dich wiegen,

warum willst du immer fliegen,

machst es dir so schwer!

Singe, kleiner Passagier!

Wenn die großen Wellen krachen,

wird dein Lied uns ruhig machen;

still vergessen wir

Erde, Mensch und Tier.

Griechische Pfingsten

Wie anders nun! -- Ihr blumigen Auen,

ihr wilden Berge: irrt mein Geist?

Bin ich nicht jüngst mit heiligem Grauen

durchs blaue Meer zu trunknem Schauen

ins Land der Mythe hergereist?

Nun grast hier hinter krüppligen Säulenstümpfen,

vorbei an ausgegrabenen Götterrümpfen,

mein müder Klepper mit Gestöhn.

Man blickt noch manchmal zurück nach ihnen:

man sieht, es sind und bleiben Ruinen --

aber +ihr+, ihr Berge, seid ewig schön!

Drum still, du graue Mythe,

mit deinem trüben Sinn!

Ganz Hellas steht in Blüte,

noch heut, so wahr ich bin!

Hier lernt man heiter schreiten:

über den Schutt der Zeiten

geht immergrün die Zeit dahin.

Eine Rundreise in Ansichtspostkarten

1. Straßburger Münster

Der Ansicht aller Welt zum Trotz

steht dieser Turm und krönt -- was? -- einen Klotz.

Er stand beim jungen Goethe sehr in Gunst

als Voll-und-Höchstbeweis echt deutscher Kunst.

Er steht, wie ihn der alte Goethe sah,

noch heut höchst unvollendet da.

2. Rheinfall bei Schaffhausen

Blickst du ihn an, so wird dir wirr

von all dem stürzenden Flutgeirr.

Doch horch hinein, da steigt vom Grund

klar ein steter Einklang und

Aufklang.

3. Gotthard-Tunnel

Klänge im Eilzug

Über der Einfahrt grausen verquollen

eisige Gipfel durch Wolken herab.

Unter der Ausfahrt weisen die Schollen

finstrer Felsen zu nebelvollen

Schluchten und neuen Schachten hinab.

Immer durchs Dunkel von Stollen zu Stollen

fühlst du dich immer dem Licht zurollen,

und so setzt dich endlich mit tollen

Sprüngen der Himmel ins Blaue ab.

4. Isola Bella

Das konnten wohl die seligen Inseln sein,

wenn’s nicht auch hier, wenn’s regnet, regnete.

Wie arme Sünder schaudern die Cypressen

vor ihrem Spiegelbild im trüben See;

und während sich des Himmels Gnade reichlich

auf sie und mich und übers Schiff ergießt,

steht, einem Engel ähnlich an Geduld,

mit höchster Höflichkeit mein Haupt beschirmend,

ein Doganiere neben mir und prüft

bis auf den Grund mein zollpflichtschuldiges Herz.

5. Mailand

Und ward dir vor den tausend Heiligen schwach,

die, eitel Marmor, rings den Dom garnieren,

dann steige auf sein flaches Dach,

das neunundneunzig einzelne Türmchen zieren.

Das wird dich, Alles Marmor, wie ein Hain

kandierter Weihnachtsbäumchen delektieren --

auf einmal siehst du fern im Sonnenschein

die Alpen -- --

6. Certosa bei Pavia

Schmuckkästlein schlichter Einsamkeit:

hinter der Prachtwand der Fassade

bat mancher Mönch in weiser Schweigsamkeit

die Jungfraun Borgognones einst um Gnade.

Jetzt möcht ich in den leeren Klausen

mit dir, Geliebte, noch verschwiegner hausen.

7. Genua

Kaufherrin stolze: immer strahlenbreiter

trägt sie bergan die meerentnommene Krone,

und ihr geringstes Frachtschiff fährt heut weiter

als je die kühnste Doria-Traumgallione.

8. Campo Santo in Pisa

Geisterhafter Bildertraum

dehnt den schmalen stillen Raum.

Sieh: das Viereck der Arkaden

strebt den Himmel einzuladen.

Horch: der Erde reinsten Hauch

opfert stumm ein Rosenstrauch

voller weißer Blüten.

9. Orvieto

Willst du den Tag der Auferstehung sehn,

den Signorelli sah? Komm, Seele: dort

staun sich Gewitterwolken, schon ziehn Schatten.

Bald werden um dies trotzige Felsennest

durchs weite Talfeld der Chiana unten

die schrägen Strahlen der verhüllten Sonne

fahl wie aus Gräbern aufgescheuchte Schemen

nach Zuflucht schweifen, taumelnd, und nun fährt

der Blitz dazwischen -- o Erleuchtung -- ja:

dort sah der Künstler, was er dann nur malte.

10. Campagna vor Rom

Hier spannt sich alles, Landschaft, Bäume, Tiere,

als habe sich die Welt zur Ruh gezwungen;

erwartungsvoll ist jede Form geschwungen,

die Hörner selbst der silbergrauen Stiere.

Denn dort am Horizont hebt einsam groß,

so einsam groß, daß auch die Berge nur

Mitglieder sind der staunenden Natur,

das Haupt der Ewigen Stadt sich zum Azur:

die Peterskuppel Michelangelos.

11. Im Pantheon

Wer faßt dein Innres, Rom: du Kirchhof der Kulturen:

Verwesung glänzt darin mit immer frischen Spuren.

Im Pantheon zumal, kraft göttlicher Beschlüsse,

erlebt man wundersame Grundwasser-Überflüsse.

Durch solch ein Wunder sah ich: auf einer Altarplatte

saß eine magre Katze, die sich gerettet hatte.

Kläglich miauend saß sie, begafft vom Fremdenstrom;

da hast du deine Göttin, modernes Rom!

12. In den Abruzzen

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) · 第 3 / 16 段