Nennst du dazu mich die Deine,
um mich langsam zu zerstören?
Ich zerfalle fast in Stücke;
wohin führt nun diese Brücke,
die der Mond in Schatten legt?
Immer neue Meilensteine!
ich bin müde! mich bewegt
keine Liebe mehr zum Ruhme,
auch zu keinem Heiligtume;
nimm mir aus dem Haar die Blume --
sieh, mein Einziger, ich weine.“
Weine, weine, wein es aus!
O, nun darf ich mich dir beugen,
Weib, dort schimmert unser Haus.
Hinter jener hellen Scheibe,
nur noch Seele, nur noch Sinn,
die du bist und der ich bin,
werden wir mit nacktem Leibe
einen neuen Menschen zeugen --
o du Meine, nimm mich hin!
Eine Lebensmesse
Dichtung für ein festliches Spiel
Chor der Greise:
Wenn der Mensch,
der dem Schicksal gewachsen ist,
sein zerfurchtes Gesicht
vor der Allmacht der Menschheit beugt,
nur noch vor der Menschheit:
dann wird seine Seele wie ein Kind,
das im Dunkeln mit geschlossenen Augen
an die Märchen der Mutter denkt.
Alle Sterne
werden dann sein Spielzeug;
durch das wilde Feuerwerk der Welt
kreist er furchtlos mit den unsichtbaren
mütterlichen Flügeln,
sieht er innig und verwundert zu,
wie das Leben
aus der Werkstatt des Todes sprüht.
Denn nicht über sich,
denn nicht außer sich,
nur noch in sich
sucht die Allmacht der Mensch,
der dem Schicksal gewachsen ist.
Eine Jungfrau:
Aber wenn auf Frühlingswegen
durch den scheinbar dürren Hain
alle Kräuter mir entgegen
wachsen, wenn im Sonnenschein
jedes Auge Osterkerzen
aus sich ausstrahlt, Mensch und Tier,
und mir geht das so zu Herzen,
daß mich meine Brüste schmerzen:
dann gerat ich außer mir!
und ich werf mich zum Erbarmen
in den rauhen Rasen hin,
und ich möchte das Schicksal umarmen,
dem ich doch gewachsen bin!
Chor der Väter:
Eine wandelnde Wage
ist der Mensch.
Mit Haupt, Herz, Händen
wägt er sein Wohl;
nur mit der Rechten gibt er den Ausschlag,
und seine Zunge schreit nach Gleichgewicht.
Fass festen Fuß,
du hast die Macht der Wahl!
Es kommen Viele
vor Sehnsucht nie zum Ziel;
gern bis zum Äußersten geht der Mensch
in seiner Ohnmacht, und Tat wird Untat.
Doch immer treibt ihn
die Sehnsucht nach Ruhe:
rastlos rast er von Brust zu Brust,
Schooß zu Schooß,
und sucht nichts als den Menschen,
der dem Schicksal gewachsen ist.
Ein Held:
Kommt mir nicht mit Euerm Treiben,
ich weiß kein Ziel, ich will kein Wohl!
ich habe nur dies mein Herz im Leibe,
das von jeher überschwoll.
Ich hatte Freunde, ich gab Gelage,
und manches Weib war mir zu Sinn;
aber an einem Sommertage
zeigte sich mit Einem Schlage,
wozu Ich gewachsen bin.
Das Spiel der Hörner und der Geigen
verstummte plötzlich wüst und irr:
mitten durch den Erntereigen
kam ein losgerissener Stier.
Und da riß mich mein Herz vom Platze,
und man griff nach mir vor Schreck;
aber mit Einem Satze
schlug ich dem Freund in die Fratze,
stieß ich das Weibsbild weg!
Und jetzt reit ich von Sieg zu Siegen
bahnfrei auf meinem Stier dahin,
bis ich dem Schicksal erliege,
dem ich gewachsen bin.
Chor der Mütter:
Mit Schweiß und Tränen
und manchem Tropfen Blut
setzen wir Kinder auf diese Erde
und lehren sie Vorsicht
und üben Nachsicht,
bis sie sich selbst mehr lieben als uns.
Und Schweiß und Tränen
und Ströme von Blut
vergießen die Kinder dieser Erde
vor lauter Vorsicht
und lehren Nachsicht
und lernen nie, was Liebe ist.
Denn Schweiß und Tränen
und alles Blut
vergessen wir entzückt, wenn Einer,
den Blick der Sonne oder fernsten Sternen zugewandt,
über die Erde hinstürmt ohne Vorsicht,
ohne Nachsicht,
über sich und Andre hin.
Jeder Lehre zuwider,
nur dem Leben zu Liebe,
rühmen wir Kindern und Kindeskindern
opferselig den Einen,
schöpferselig den Menschen,
der dem Schicksal gewachsen ist.
Eine Waise:
Ich kenne Keinen,
der mich will leben sehn:
ich möchte weinen,
aber um wen!
Bald kommt der Herbst mit seinen Stürmen,
die Blätter schwirren;
wo werd’ich irren,
wenn sie den winzigsten Gewürmen
Heimstätten türmen?
Wohl stehn mir Hütten,
Paläste offen;
aber ich möchte mein Herz ausschütten,
Einem ins Herz zu wachsen hoffen,
und dann stehn die Menschen betroffen.
Könnt ich noch weinen,
wäre mir wohl zu Sinn;
ich kenne Keinen,
dem ich gewachsen bin.
Zwei erfahrene Sonderlinge:
Wenn uns Hilferufe schmerzen,
können wir nicht abseits bleiben;
eins und gleich ist unsern Herzen,
was uns treibt und was wir treiben.
Sei getrost!
Der eine allein:
Komm an meinen stillen See,
wenn die Menschen dich nicht wollen.
Der andre allein:
Komm auf meinen wilden Strom!
sieh, wie hell die Wellen rollen!
Der Eine:
Aber unten ist es dunkel;
komm an meinen stillen See!
Bis zum Grunde welch Gefunkel,
wenn die Sonne taucht ins Feuchte;
und in Nächten welch Geleuchte,
Welten flimmern auf wie Schnee!
Kannst du dich denn noch besinnen,
wenn dir alle Himmel winken?
wenn sie dir zu Füßen sinken
und dich spiegeln und dich trinken!
Lächelnd gehst du unter drinnen.
Der Andre:
O, du kannst dich noch besinnen;
aber komm auf meinen Strom!
Da rauscht und raunt der Urton drinnen,
dem Wellen, Wolken, Wälder, Zinnen,
Berge und Burgen entgegenrinnen,
und orgelstürmisch Dom auf Dom:
der Ton des Ursprungs aller Ziele,
der Tropfenstürze um dich her,
des Abgrunds unter deinem Kiele --
Und so gehst du mit klingendem Spiele
lachend auf ins große Meer!
Die Waise:
Auf --! Ach --: weise -- lieb und weise
lachen sie mich Beide an.
Ach, wem dank ich für die Reise?
Bin ich doch nur +eine+ Waise,
die sich nicht zerreißen kann!
Die zwei Sonderlinge:
Hahahah, du liebes Kind!
Ohne Einfalt ist am Ende
alle Weisheit taub und blind.
Komm: vereine unsre Hände --
Die drei Einigen:
die dem Schicksal gewachsen sind!
Der Held:
Wenn ich Euch in Eintracht sehe,
wird mir plötzlich kalt und heiß;
durch mein Herz brandet ein Wehe,
das sich nicht zu lassen weiß.
Holt mir jene Jungfrau vom Wege,
der das Land zu eng war hier!
Schwillt mir Deren Herz entgegen,
will ich sie an Mein Herz legen,
und ich +schlacht+ ihr meinen Stier!
Und wir steigen zu Schiff und lenken
uns durch Wetter und Wasser und Wind;
und sie soll mir Kinder schenken,
die dem Schicksal gewachsen sind!
Chor der Kinder:
Dann wird ein Winter kommen,
friert alles Wasser zu:
da haben alle Wellen,
alle Schifflein Ruh.
Und ein stiller Weihnachtsengel
geht von Haus zu Haus,
hebt seine weißen Finger,
dreht alle Lampen aus ...
Bringt ein grünes Bäumchen mit,
steckt neue Lichter auf;
das glänzt wie Frühlingsblütennacht,
und sind auch Früchte drauf.
Du stiller Weihnachtsengel,
mach uns geschickt wie Du!
wir sind ja noch so klein, so klein,
und wachsen immer zu ...
Die Greise:
-- +immer zu+ -- --
Alle Großen:
Seele der Menschheit,
immer wieder
rührst du uns aus Kindermund.
Die du alle Tiere in dir trägst
und den Blumen ihre Farben sagst
und mit jauchzenden Jammerlauten,
daß sich Steine verwandeln,
Götter gebärst:
Warum suchen wir Dich,
die du +in+ uns bist,
uns in alle Welten schickst,
uns mit Übergewalten,
die den weisesten Mann empören,
zu Kindern machst,
die sich fromm in Alles schicken,
Alles, Alles,
die dem +Schicksal+ gewachsen sind?! --
Zwiegesang überm Abgrund
Des Todes Stimme:
Du pfadloser Sucher,
ich will dich heimfinden lassen.
Im Schneesturm, im Nebelbrodem,
im Blitzstrahl, im Wolkenbruch,
im berauschenden Wirbel des Lichts von Welle zu Welle
sollst du dich schaukeln traumgewiegt,
in jeder Luftspiegelung zuhause,
in jedem Steinfunken, jedem Samenflimmer,
ruhsamer Phönix im fliegenden Feuernest:
tu nur den Schritt jetzt, vor dem dir graut,
zu dem dein Grauen dich kniefällig lockt,
den einen Sprung von deinem erkrochenen Gipfel
in meine allbeschwingende,
allverschlingende,
unerschöpfliche Tiefe.
Eines Menschen Erwiderung:
Versucher, zielloser du,
ich danke dir.
Hab ich nicht schon, was du alles versprichst?
Die Jagd durchs Luftmeer vom frühen Morgen an,
die Entzückung, mich wie ein Baum zu fühlen,
wenn ich die Arme ins Blaue strecke,
vogelleicht atmend mit heißen Lungenflügeln,
wurzelhafte Schwermut im Nerven- und Adern-Geflecht,
Kopf, Herz, Schooß voller Keimtriebe!
Und hab ein Ziel:
bei der Heimkehr Abends in stiller Kammer
den dunkeln Blick meiner lieben Frau,
mit dem sie mir den Schlaftrunk reicht,
einen irdnen Krug voll Milch oder Wein
und voll Ruhe.
Am Opferherd
Komm an mein Feuer, mein Weib,
es ist kalt in der Welt.
Komm an mein Feuer und lege
dein Ohr an mein Herz.
Komm an mein Feuer und mache aus meinen Händen
eine leuchtende Schale für die Wärme,
die wir -- o +wir+, mein Weib -- verschwenden
an die Welt.
Zwei Menschen
Roman in Romanzen
Dritte Ausgabe
Leitlied
Öffne still die Fensterscheibe,
die der volle Mond erhellt;
zwischen uns liegt Berg und Feld
und die Nacht, in der ich schreibe.
Aber öffne nur die Scheibe,
schau voll über Berg und Feld,
und hell siehst du, was ich schreibe,
an den Himmel schreibe: Wir Welt!
Erster Umkreis
-- Die Erkenntnis --
Eingang
Steig auf, steig auf mit deinen Leidenschaften,
tu ab die lauliche Klagseligkeit;
lach oder weine, hab Lust, hab Leid,
und dann recke dich, bleib nicht haften!
Um den Drehpunkt des Lebens kreisen
Wonne und Schmerz mit gleichem Segen;
sieh, mit unaufhaltsamer Sehnsucht weisen
die Menschen einander Gott entgegen!
Stolpert auch Jeder über Leichen,
schaudre nicht davor zurück!
denn es gilt, o Mensch, ein Glück
ohne gleichen zu erreichen.
Vorgänge: I, 1-36
1.
Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
der Mond lauft mit, sie schaun hinein.
Der Mond läuft über hohe Eichen;
kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
in das die schwarzen Zacken reichen.
Die Stimme eines Weibes spricht:
Ich trag ein Kind, und nit von Dir,
ich geh in Sünde neben dir.
Ich hab mich schwer an mir vergangen.
Ich glaubte nicht mehr an ein Glück
und hatte doch ein schwer Verlangen
nach Lebensinhalt, nach Mutterglück
und Pflicht; da hab ich mich erfrecht,
da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
von einem fremden Mann umfangen,
und hab mich noch dafür gesegnet.
Nun hat das Leben sich gerächt:
nun bin ich Dir, o Dir, begegnet.
Sie geht mit ungelenkem Schritt.
Sie schaut empor; der Mond läuft mit.
Ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.
Die Stimme eines Mannes spricht:
Das Kind, das du empfangen hast,
sei deiner Seele keine Last,
o sieh, wie klar das Weltall schimmert!
Es ist ein Glanz um alles her;
du treibst mit mir auf kaltem Meer,
doch eine eigne Wärme flimmert
von dir in mich, von mir in dich.
Die wird das fremde Kind verklären,
du wirst es mir von mir gebären;
du hast den Glanz in mich gebracht,
du hast mich selbst zum Kind gemacht.
Er faßt sie um die starken Hüften.
Ihr Atem küßt sich in den Lüften.
Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.
2.
Die Sonne strahlt auf rauhen Reif;
Baum bei Baum steht weiß, steht steif.
Aus ihren Pelzen von Kristallen
lassen die Zweige Tropfen fallen.
Schon zeigt ein Wipfel nackte Spitzen,
die feucht und scheu gen Himmel blitzen.
Der Park will weinen, die Sonne lacht;
zwei Menschen beschauen die schmelzende Pracht.
Sie stehn auf eisernem Balkone.
Ein Mann sagt innig, sagt mit Hohn:
So, Fürstin, wars im blendenden Saale.
So standest du bei deinem Gemahl
in deinem Pelz von Silberbrokat,
als ich, ein Lohnmensch, vor dich trat.
Da: fühlst du’s noch? was war da ich,
der hergeschneite Unbekannte --
und wie sich plötzlich außer sich
dein Auge doch in meines brannte
und immer nackter sich entspannte,
als ob im glitzernden Gehölze
das Schwarze aus dem Weißen schmölze.
Ja, Fürstin, da beherrscht ich mich
und küßte nicht, o Du, die Hand,
die schon zu mir herüberfand,
sonst hätt ich auch den Mund geküßt;
so klar, so starr ergriff mich dein Gelüst,
mit mir gleich zwei erschütterten Kristallen,
die mächtig warm das ewige Licht beschlich,
in Einen Tropfen zusammenzufallen.
So bist du mir; so rein, so frei! -- Und ich??
Hoch steht der Park mit Eis befiedert.
Die starren Wipfel, Trieb an Trieb,
erschauern wirr. Das Weib erwidert:
Ich weiß nicht, wie du bist -- du bist mir lieb --
Ein Windstoß stöbert durch den Park.
Zwei Menschen fröstelt bis ins Mark.
3.
Aus erleuchteten Fensterräumen
tönt in die Nacht Musik und Tanz;
jenseits der Straße verschwimmt der Glanz
unter dunklen Trauerbäumen.
Ein Kirchhof schweigt da, Grab an Grab.
Das Licht prallt von den Leichensteinen,
die schwarz durch weiß zu huschen scheinen;
zwei Menschen wandeln auf und ab.
Am winterlich durchnäßten Zaune
tönt eines Weibes zögerndes Geraune:
Schon Einmal wollt sich bei solchen Klängen
Einer in mein Innres drängen;
ich hatt ihn Jahr und Tag gekannt.
Wenn er in meiner Nähe stand,
ging mir das Blut in Feuerflüssen.
Als er mich endlich wagte zu küssen,
war alles in mir abgebrannt.
Ich hörte nur die Tanzmusik:
was er wie Sphärenklang empfand,
war mir Gedudel und Gequiek.
Ich konnt mir nit ein Wörtchen abringen.
Jetzt -- hör ich Engelsharfen klingen.
Von den goldig glänzenden Lettern
der Gräber scheint der Glanz abzublättern,
das Licht schielt um die nassen Gitter.
Ein Mann gesteht, fast mit Gezitter:
Wir haben einander sehr ähnlich gelebt.
Unsre Liebe tanzt auf Leichen,
die keine fromme Hand begräbt.
Noch gestern sah ich ein Gesicht erbleichen:
sie will vom Leben nichts als mich,
ich konnt ihr nichts als Mitleid reichen,
in das sich noch Verachtung schlich.
Ich liebe dich.
Das Licht lacht auf den blanken Steinen.
Zwei Menschen möchten lachen und weinen.
4.
Zwischen geputzten Herren und Damen,
die durch Zufall zusammenkamen,
wiegen zwei Menschen sich im Tanz;
um sie rauscht des Saales Glanz.
Bebend legt sich im Kreis der Kerzen
sein dunkles in ihr schwarzes Haar,
legt sich über zwei bebenden Herzen
an ihr Ohr sein Lippenpaar:
Ja, du: wiege dich, laß dich führen,
und fühl’s, fühl’s: Niemand kann uns trennen!
Laß uns nichts als Uns noch spüren,
selig Seel in Seele brennen!
Zehn Jahr lang glaubt ich, daß ich liebte;
zu Hause sitzt mein Jugendglück,
sitzt und starrt auf Einst zurück,
als ich sie noch „ewig“ liebte.
Nimm mich, wiege mich! -- Hingegeben
bringt sie jetzt ihr Kind zur Ruh;
ist auch +mein+ Kind! -- Nimm mich, Leben,
wiege, wiege mich, führ mich Du!
Taumelnd drängt sich im Kreis der Kerzen
sein wirres in ihr wirres Haar,
drängt sich über zwei taumelnden Herzen
an sein Ohr ihr Lippenpaar:
Ja, es wiegt uns! Nit erzählen!
Führe mich sanfter! Nit uns quälen!
du bist mir gut, ich bin dir gut.
Hab doch auch die Seel voll Schmerzen:
spür ein Kindchen unterm Herzen,
und ist nicht von Deinem Blut.
Sanfter noch -- mir braust vor Hitze;
komm, sei lieb, mein wilder Tor,
hüte deine Augenblitze --
nick mal -- lach mal -- mir ins Ohr!
Ihr schwarzes Haar erschauert ganz.
Zwei Menschen wanken; es stockt ihr Tanz.
5.
Hitze schwingt. Ein Raum voll Schlangen
strömt durch Glas und Gitterstangen
Dunst; zwei Menschen stehn davor.
Die gesättigten Gewürme hängen
still in buntverflochtnen Strängen.
Einem Manne haucht ein Weib ins Ohr:
Du, die Schlangen muß ich lieben.
Fühlst du die verhaltne Kraft,
wenn sie langsam sich verschieben?
Eine Schlange möcht ich mir wohl zähmen;
möcht ihr nit ein Gliedche lähmen,
wenn ihr Hals vor Zorn sich strafft.
Eh sie noch vermag zu fauchen,
werden ihre Augen nächtig --
Sterne tauchen
wie aus Brunnenlöchern auf --
setz ich ein Rubinenkrönche
auf ihr Stirnche: still, mei Söhnche,
züngle, Jüngle -- Ringle, lauf,
spiel mit mir! -- Du, Das wär prächtig.
Hitze schwingt. In gleichen Zwischenräumen
tippt ihr Finger an die Scheibe;
ihre Augen stehn in Träumen.
Während sich zwei Vipern bäumen,
sagt ein Mann zu einem Weibe:
Du mit deinem egyptischen Blick,
bist du so wie die dadrinnen?
Noch, du, kann ich dir entrinnen!
Daraus knüpft man sein Geschick,
was und wie man haßt und liebt.
Komm: wir wollen uns besinnen,
daß es Tiere in uns giebt!
Hitze schwingt. Zwei Augen wühlen
brandbraun in zwei grauen kühlen;
doch die stählt ein blauer Bann.
Und zwei Seelen sehn sich funkelnd an.
6.
Durch stille Dämmrung strahlt ein Weihnachtsbaum.
Zwei Menschen sitzen Hand in Hand und schweigen.
Die Lichter züngeln auf den heiligen Zweigen.
Ein Mann erhebt sich, wie im Traum:
Ich kann zu keinem Gott mehr beten
als dem in dein-und-meiner Brust;
und an die Gottsucht der Propheten
denk ich mit Schrecken statt mit Lust.
Es war nicht Gott, womit sie nächtlich rangen:
es war das Tier in ihnen: qualbefangen
erlag’s dem ringenden Menschengeist.
O Weihnachtsbaum -- o wie sein Schimmer,
sein paradiesisches Geflimmer
gen Himmel züngelnd voller Schlänglein gleißt!
Wer kann noch ernst zum Christkind beten
und hört nicht tiefauf den Propheten,
indeß sein Mund die Kindlein preist,
zu sich und seiner Schlange sprechen:
du wirst mir in die Ferse stechen,
ich werde dir den Kopf zertreten!
Ein Weib erhebt sich. Ihre Haut
schillert braun von Sommersprossen;
ihr Stirngeäder schwillt und blaut.
Sie spricht, von goldnem Glanz umflossen:
Ich denk nicht nach um die Legenden,
die unsern Geist vieldeutig blenden;
ich freu mich nur, wie schön sie sind.
„Uns ist geboren heut ein Kind“ --
das klingt mir so durch meine dunkelsten Gründe,
durch die zum Glück, dank einer Ahnensünde,
auch etwas Blut vom König David rinnt,
daß ich mich kaum vor Stolz und Wonne fasse
und deine Schlangenfabeln beinah hasse!
Er lächelt eigen; sie sieht es nicht.
Ein Lied erhebt sich, fern, aus dunkler Gasse.
Zwei Menschen lauschen -- dem Lied, dem Licht.
7.
Kaminfeuer und blauer Tag
liebkosen ein hohes Damengemach,
die Wärme scheint schier frühlingshell;
zwei Menschen ruhn auf einem Eisbärfell.
Der Mann bestarrt die meergrün seidnen Wände.
Das Weib faßt zärtlich seine Hände:
Quälst dich schon wieder mit Alltagssachen?
Lukas! mein Traumprinz! sollst doch lachen!
Sollst uns mit Märchennamen taufen:
nit so hinterm Leben herlaufen,
nit so häßlich auf deiner Hut sein.
Weißt? wenn du lachst, Lux, muß alle Welt dir gut sein!
Er lacht und küßt die schmeichelnden Fingerspitzen,
fährt durch den dunkeln Haarbusch sich,
und seine grauen Augen blitzen:
Ja -- wenn ich traurig bin, hass ich mich;
dann wird wohl auch die Welt mich hassen.
Jetzt aber will ich dich beim Worte fassen,
Lea: höchst wirklich tauf ich dich.
Es tut nicht not, daß man dem Alltag trotzt;
es gibt kein Wort, das nicht von Märchen strotzt.
Drum bleibe nur das Wunder, das du bist,
und ich bin Lukas dein Evangelist.
Du bist die Fürstin Isabella Lea,
die löwenkühne Gottbeschwörerin;
aus deiner schwarzen Mähne, mea Dea,
lauscht Mutter Isis, Mutter Gäa
zum Lichtbringer Osiris hin.
Denn hier thront Lukas Lux, dein Sekretär,
das dunkle Raubtier mit den hellen Lichtern,
der Große Geist-Luchs der Indianermär,
verhaßt wie Lucifer den Blaßgesichtern.
So tauf und krön ich dich mit neuem Sinn:
komm, meine große Geistbeschwörerin!
Er schlägt das weiße Fell um sie und sich.
Zwei Menschen freun sich königlich.
8.
Sylvesternacht. Viel Glocken läuten.
Fern graut die Großstadt her. Zwei Menschen sehn
den Dunst des Horizontes leuchten
und drüber die Millionen Sterne stehn.
Zwangvoll, um ein Weib nicht zu berühren,
lehnt ein Mann auf eisernem Balkone,
sagt mit trunknem, heiserm Ton,
während im Hause Gläser klirren:
Dort schläft im Dunst mein Eheweib,
und Du -- besiehst mit mir die Sterne.
Und hinter uns trinkt Jemand Haut-Sauternes,
dem du gehörst mit deinem Leib,
mit deinem hoffnungsvollen Leib.
Himmel, Himmel, o könnt ich blind sein!
Lea! blind sein! wirklich noch Kind sein!
Nimm mir’s ab, dies eisige Grauen:
klar und kalt wie Gott durchschauen:
nur aus Leid ist Glück zu bauen.
Alles Leid ist Einsamkeit,
alles Glück Gemeinsamkeit --
Er stockt. Die Glocken rings verstummen;
es ist, als ob die Sterne summen.
Die Stirn erhebend sagt ein schwangres Weib:
Nur mir, nur Gott gehört mein Leib.
Mir steht ein andrer Himmel offen,
als ihn die Leidenden ermessen.
Hast du dein eignes Wort vergessen:
Gott ist der Mensch, auf den wir hoffen?!
Uns ging kein Paradies verloren,
es wird erst von uns selbst geboren.
Schon reift in manchem Schooß auf Erden
ein neuer Menschensohn -- der sagt:
so ihr das Himmelreich nicht in euch tragt,
könnt ihr nicht wie die Kindlein werden!
Es glitzern die Millionen Sterne;
zwei Menschen schauen in die Ferne.
9.
Ein Zimmer schwimmt voll Zigarettenduft,
zwei Menschen hauchen Ringe in die Luft.
Immer wieder blickt ein Weib einen Mann
verstohlen an --
seine offne Stirn, den kurzgehaltnen Bart,
den Mund von träumerisch verschlossener Art,
Hiebnarben neben den heftigen Nüstern --
und fängt wie unwillkürlich an zu flüstern:
Diese Nacht war furchtbar. Ich konnt nit schlafen:
mich quälten die unausgesprochnen Dinge.
Es war halb Traum halb Höllenstrafe.
Wie auf der Jagd -- als stäke mein Hals in Schlingen;
fern stand mein Gatte und schrie hetz-hetz!
Plötzlich ein Ruck: es war, als klinge
das Telephon am Kopfend’ meines Betts,
als wolle die Frau mich Grauenhaftes fragen,
die du -- o Lux: nit wahr? ich glaub,
Dir kann ich Alles, Alles sagen;
o furchtbar, sich mit Heimlichkeiten tragen!
Nit, du? -- Du! Lukas -- Bist du taub?!
Schweigen. Ihre Augen schauen
nachtbraun seine morgengrauen
durch den Rauch verschleiert an.
Sacht die Lider schließend sagt ein Mann:
Früher konnt ich schwer mit Leuten reden;
jetzt sprech ich mit dem Fremdesten gern.
Es geht ein Band von dir durch mich zu Jedem,
als wenn wir Alle Engel wärn.
Und doch: wer darf uns Teufeln trauen!
Schon Eva hat zu klar erkannt:
das Unerkannte ist es, was uns bannt.
Denn eine tiefe Wollust schläft im Grauen.
Sie lächelt eigen; er sieht es nicht.
Sie hauchen wieder Ringe in die Luft.
Das Zimmer schwimmt voll Zigarettenduft.
Zwei Menschen horchen, was ihr Innres spricht.
10.
Trüber Tag und dunkle Ahnenbilder,
blinde Spiegel, rostige Wappenschilder;
und hohe Aktenwände. Und inmitten
sitzen zwei Menschen mit seltsam kalten
Anstandsmienen da und halten
Konferenz mit einem dritten.
Dieser blickt korrekt gekleidet
und gelangweilt in die Welt,
während er verbindlichst leidet,
daß ein Mann ihm folgenden Vortrag hält:
Hoheit, ich fand in den Archivpapieren,
die ich die Ehre habe zu registrieren,
gewisse halb politische Dokumente,
die mancher arg mißbrauchen könnte.
Hoheit wissen, die Welt steckt heute
voll explosibler Elemente;
und da in Fürstenhäusern manchmal Leute
antichambrieren,
die andern in die Karten schauen,
möchte ich lieber meinen Dienst quittieren,
wenn Hoheit mir nicht voll und ganz vertrauen.
Hoheit räuspert sich und blickt voll Schonung
und gelangweilt in die Welt.
Da sich hierauf alles still verhält,
sagt ein Weib mit seltsamer Betonung:
Herr Doktor, wir danken voll Verständnis.
Und, um Vertrauen mit Vertrauen zu ehren:
Hoheit mein Gatte huldigt der Erkenntnis,
dem Lauf der Welt kann niemand wehren.
Ihr rascher Abschied träfe uns empfindlich;
ein Archivar von gleichen Qualitäten
scheint mir zur Zeit ganz unauffindlich.
Sie sind, Herr Doktor, voll und ganz vonnöten.
Sie neigt das Haupt seltsam verbindlich;
Hoheit verneigt sich, wie es Brauch.
Zwei Menschen lächeln; der dritte auch.
11.
Wolken flattern groß um den Mond;
als ob in staubenden goldbraunen Lappen
eine mächtige Zauberspinne thront.
Die Schritte zweier Menschen tappen
durch eine schattenflackernde Gasse.
Ein Weib sagt mit entzücktem Hasse:
Mein Herz darf Freiheit von diesem Menschen verlangen,
der nichts als meine Mitgift hat gefreit,
und der nichts liebt als ein alt Krongeschmeid,
das Einzige, was Ich von ihm empfangen.
Es ist sehr schön -- ein Nest von blinden Schlangen
mit rauchtopasenen Stirn- und Rückenflächen;
draus äugt, wie jetzt der Mond durchs Dunkel,
ein großer bläulicher Karfunkel --
den möcht ich ihm, das würde mich rächen,
über der Wiege meines Kinds zerbrechen!
Wolken wühlen schwer um den Mond;
als ob durch silbergraue Schollen
mächtige Maulwürfe dringen wollen.
Ein Mann entgegnet, sehr betonend:
Was du von ihm empfangen hast,
ist meiner Seele keine Last;
auch nicht das Kind von seinem Blut!
Aber ich hab ein unabwälzbares Grauen
vor den Gelüsten schwangrer Frauen;
die sind der Seele blindeste Brut.
Vergleich mir nicht den Reiz von toten Steinen
mit dem belebenden Licht, dem reinen;
daß du jetzt arm bist, leite dich hinauf!
Was buhlst du mit Topasen und Karfunkeln --
sei reicher --: hebe deine dunkeln
Augen mit mir zum Himmel auf!
Er staunt: sie steht jäh still im Schreiten:
in ihren Augen und Mundwinkeln streiten
Auflehnung, Pein, Verwundrung, Glück, Ermatten.
Zwei Menschen werfen Einen Schatten.
12.
Kälte glänzt auf den Feldern.
Arm in Arm, Hand in Hand
sehen zwei Menschen aus fernen Wäldern
über das starrgefrorne Land
die Sonne steigen.
Ein Mann bricht das Schweigen: