Ich möchte wissen, was es ist.
Der Wind klagt wohl die Nacht an.
Der Wind klagt aber nicht so nah.
Der Wind klagt immer in der Nacht.
In meinen Ohren klagt mein Blut,
mein Blut wohl.
Mein Blut klagt aber nicht so fremd.
Mein Blut ist ruhig wie die Nacht.
Ich glaub, ein Herz klagt irgendwo.
Über den Sümpfen
Wo wohnst du nur, du dunkler Laut,
du Laut der Gruft?
Was rinnt und raunt durch Schilf und Duft
und glüht wie Augen durch die Luft,
durch Rohr und Kraut?
Es lehnt die Nacht am offnen Tor
und weint und winkt.
Zwei graue Hunde stehn davor
und lauschen mit geneigtem Ohr,
wie’s klingt,
lockt, blinkt.
Erwartung
Aus dem meergrünen Teiche
neben der roten Villa
unter der toten Eiche
scheint der Mond.
Wo ihr dunkles Abbild
durch das Wasser greift,
steht ein Mann und streift
einen Ring von seiner Hand.
Drei Opale blinken;
durch die bleichen Steine
schwimmen rot und grüne
Funken und versinken.
Und er küßt sie, und
seine Augen leuchten
wie der meergrüne Grund:
ein Fenster tut sich auf.
Aus der roten Villa
neben der toten Eiche
winkt ihm eine bleiche
Frauenhand ...
Im Reich der Liebe
O Du, dein Haar, wie strahlt dein Haar,
das ist wie schwarze Diamanten!
O, weil wir uns als Herrscherpaar
der ewigen Seligkeit erkannten,
Du!
Schmück mir die Stirn du, nackt und bloß,
mit diesem Band aus blauer Seide!
Das ging dir los von deinem Schooß,
als wir noch strauchelten im Kleide
jener Welt.
Hier sind wir Gott gleich, sieh mich an:
oh Gott, wie Eins sind wir geworden!
Hier kannst du ruhig deinen Mann
mit mir betrügen, für mich morden,
Du -- --
Nun erst
Hab Dank! wir waren Mann und Weib,
es ist geschehn;
nun laß uns wieder aufrecht gehn,
allein und klar.
Wir wollen uns nicht trüb geberden;
wir können nun erst Freunde werden,
ganz und wahr.
Du weißt ja gut, wie’s enden kann;
am Weg ins Tal,
du sahst, da lag es, einsam, kahl,
das alte Liebesgrab im Wald.
Es war nicht Zufall, was dich führte:
ich wollte prüfen, wie’s dich rührte:
du lachtest kalt.
Das tat mir wohl, das klang so frei
aus dir heraus in mich herein.
Doch unten lag im Abendschein
der dunkle See.
Im Wasser spielten lange Streifen;
die schienen glühend sich zu greifen,
der Nix die Fee.
Die Sonne sank; die Wasserglut
ist nun zur Ruh.
Das war nicht Ich, das warst nicht Du,
was uns bezwang.
Denn ob wir unser mächtig waren,
das soll sich nun erst offenbaren.
Hab Dank!
Mannesbangen
Du mußt nicht meinen,
ich hätte Furcht vor dir.
Nur wenn du mit deinen
scheuen Augen Glück begehrst
und mir mit solchen
zuckenden Händen
wie mit Dolchen
durch die Haare fährst,
und mein Kopf liegt an deinen Lenden:
dann, du Wehrlose,
beb’ich vor dir ...
Der weise König
Ich will nicht immer küssen;
ich will nur fühlen, du bist mein!
Und wenn du noch viel nackter wärst,
ich würde lieber zu Stein,
als heut dich küssen.
Gieb mir die stillste Stille,
die du geben kannst.
Dann will ich wie der Mondschein dort,
der aus den Blättern tanzt,
bei dir bleiben.
So sprach der weise König.
Da fiel ein Blatt in ihren Schooß,
der Wind fuhr durch den Mondschein;
sie aber nickte blos
und küßte es.
Er ist bei ihr geblieben,
er riß ihr das Blatt vom Munde;
er ist die ganze Nacht geblieben
und hat sie -- Gott weiß wie still -- geküßt,
wohl hundertmal die Stunde.
Stilles Zeichen
Mir war ein Rosenblatt im Haar geblieben.
Ich saß und sann noch über die Geberde,
mit der ich mich aus deinem Arm befreit,
und sah zur Erde;
da fiel das rote Blatt
in meine Einsamkeit.
Die Kette
Du hast mir eine Kette geschenkt.
Ich soll sie um meinen Nacken legen.
Ich werde sie tragen, um meinen stolzen Hals,
offen auf meiner Brust vor allen Leuten:
Du hast mir ja die Kette geschenkt.
Ich möcht auch heimlich mein Herz dran hängen;
Himmel, mein Herz, woran hängt es schon?
An den Blicken meiner treuen Frau,
an den Locken manches treulosen Fräuleins,
an den Schmucksachen, die sie zu Weihnachten wünschten,
den Schmetterlingen, die wir im Hochsommer haschten,
an den Zugvögeln, die jetzt über uns wegziehn,
den fremden Blumen, die sich jenseits der Meere
auf paradiesischen Bäumen schaukeln,
an dem unvergeßlichen Horizont meiner Heimat
und den feurigen Sternen nie erblickter Zenithe,
an alldem, alldem hängt mein Herz,
mein armes Herz. Sprecht, gütige Sterne:
wie fass ich soviel Reichtum zusammen? --
Du hast mir eine Kette geschenkt! -- --
Ein Ring
Ich trug einen Ring mit drei Opalen.
Viel Märchen schuf der bleiche Stein;
scheu wie das Glück sind seine Strahlen,
Wasser soll ihren bunten Schein
wie Gift zernagen.
Ich kenn ein Weib, das hat all meine
bleiche bunte Sehnsucht lieb;
sie gab mir mehr als edle Steine,
doch sollt ich alles wie ein Dieb
heimlich tragen.
Ich hab eine Frau, die schenkt mir klar,
wie eine Quelle unverschlossen,
ihren Frieden immerdar;
sie weinte, ihre Tränen flossen
auf die Opale.
Ich trug den bleichen Ring zurück;
aber das Märchen hat gelogen.
Noch glänzt der Stein und glänzt mein Glück,
glänzt wie der bunte Regenbogen
im Wasserstrahle.
Der Fluß
In den abendgelben Fluß
grub mein Ruder schwarze Trichter;
ohne Wort und ohne Kuß
sahn wir auf die Wellenlichter,
sahn wir eine dunkle Bucht
still das kahle Ufer spiegeln,
sahn der Berge starre Wucht
seine wirbelvolle Flucht
vor uns, hinter uns verriegeln.
Als wir dann um Mitternacht
in der Stadt mit Flüsterlauten
auf der hohen Brückenwacht
standen und hinunterschauten,
schienen uns die schwarzen Mauern
in dem grauen Wasserschacht
ihren Einsturz zu belauern.
Still, die Sonne kommt herauf.
Klar verfolgen meine Träume
bis zum Meer hin seinen Lauf;
fern durch morgenrote Bäume
steigt der blaue Nebel auf.
Nächtliches Zwiegespräch
„Was sind das für Männer,
die dort ins Dunkel zeigen?“
Ich sehe sie nicht.
„Dort bei dem Feuer am Fluß
die glänzenden Hände!“
Seltsam.
„Der Brückenbogen steht voll Menschen!“
Totenstill.
„Und dort, sieh dort: das leere Boot!“
Was bebst du --
„Oh, mein Geliebter, verlaß mich nicht!“
Rückblick
In diesem Jahr verlor ich einen Freund.
Hier unterm Nußbaum sprachen wir uns aus.
Das Laub wird gelb; es wartet auf den Wind.
Ist das der Schluß?
Hier unterm Nußbaum gab mir eine Frau
in diesem Jahr errötend ihre Hand.
Still weht ein Blatt und treibt ins welke Gras.
Ist das der Schluß?
In diesem Jahr ... Vor meine Füße fällt
ein dumpfer Schlag zu Boden und zerplatzt,
und aus der Kapsel rollt die rauhe Frucht.
Das ist der Schluß!
Mein Wald
Der Herbst stürmt seine Tänze.
Durch dürre Blätter muß ich gehn;
in meinen Wald.
In meinem lieben Wald,
wo nicht ein Baum mein eigen ist,
gehn fremde Leute durch den Wind
und sagen: es ist kalt.
Und da steht auch mein Stein,
auf dem ich manchmal sitze,
wenn mein Herz stürmt.
Die Harfe
Unruhig steht der hohe Kiefernforst;
die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen.
Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst;
dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen.
Und dumpfer tönt mein Schritt.
Hier über diese Hügel ging ich schon,
als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte,
noch nicht bei euerm urweltlichen Ton
die Arme hob und ins Erhabne spannte,
ihr Riesenstämme rings.
In großen Zwischenräumen, kaum bewegt,
erheben sich die graugewordnen Schäfte;
durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt
die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte
wie damals.
Und Eine steht wie eines Erdgotts Hand
in fünf gewaltige Finger hochgespalten;
die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand
und langt noch höher als die starren alten
einsamen Stämme.
Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf,
als wollten sie sich aneinanderzwängen;
durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf,
als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen
einer verwunschnen Harfe.
Und von der Harfe kommt ein Himmelston
und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen.
Den kenn ich tief seit meiner Jugend schon:
dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen:
komm, Sturm, erhöre mich!
Wie hab ich mich nach einer Hand gesehnt,
die mächtig ganz in meine würde passen!
wie hab ich mir die Finger wund gedehnt!
die ganze Hand, die konnte Niemand fassen!
Da ballt ich sie zur Faust.
Ich habe mit Inbrünsten jeder Art
mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen.
Ich steh und prüfe die bestandne Fahrt:
nur Eine Inbrunst läßt sich treu ertragen:
zur ganzen Welt.
Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst!
schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben.
In scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst.
Gieb mir die Kraft, einsam zu bleiben,
Welt! --
Dritter Teil
Geheimnis
In die dunkle Bergschlucht
kehrt der Mond zurück.
Eine Stimme singt am Wassersturz:
O Geliebtes --
deine höchste Wonne
und dein tiefster Schmerz
sind mein Glück -- --
Am Scheideweg
Ich wollt dir die Stirn küssen
und dir sagen: hab Dank!
Aber da war ein Licht in deinen Augen
wie Morgenglut auf unerklommenen Bergwäldern;
und dem haben wir folgen müssen,
schweigend.
Hoch in der Frühe
Sieh, wie wir zu den Sternen aufsteigen!
Unsern glückstrahlenden Augen
leuchtet der Schnee der Gebirge,
bald blitzt dort unten die Sonne durch.
O! schon röten sich
Tiefen und Höhen;
durch den Rauch unsrer Atemzüge,
bis über das fernste Fünkchen dort oben
fern hinauf,
schimmert die Nacht deiner Geburt,
glänzt der Tag unsrer Himmelfahrt.
Immer wieder
Ehe wir uns trennen konnten,
o, wie hielt mich dein Gesicht,
sahen wir noch Einmal, dicht,
dicht an deinem mein Gesicht,
in den Winterwald zurück,
wo die Bäume sich noch sonnten,
wo die Abendwolken prangten,
wo ins feuergoldne Licht
die verworrnen Zweige langten,
und wir baten Gott um Glück.
Die Frage
Kann ich dein Herz beglücken?
liebreiche Seele, nein.
Ich kann dich an mein Herz drücken,
fühlen mußt du’s allein.
Noch im glückhellsten Gesange
schwebt ein dunkler Klang;
lausch ihm nicht zu lange,
sonst wird dir bang.
Ob ich dir tausendmal sage:
ich liebe dich --
immer doppelt bebt drin die Frage:
liebst du mich? --
Im Zwielicht
Laß uns noch die Nacht erwarten,
daß wir alle Sterne sehn.
Falt die Hände; in den harten
Steigen durch den stillen Garten
kommt das Heimweh auf den Zehn.
Kommt und bringt die Anemone,
die du einst ans Herzchen drücktest;
kommt umklungen von dem Tone
einst des Baums, aus dessen Krone
du dein erstes Fernweh pflücktest.
Und du streifst dir aus den Haaren,
was dir an der Seele frißt;
selig Kind mit dreißig Jahren,
Alles wirst du noch erfahren,
Alles, was dir heilsam ist.
Glückwunsch
Ich wünsche dir Glück.
Ich bring dir die Sonne in meinem Blick.
Ich fühle dein Herz in meiner Brust;
es wünscht dir mehr als eitel Lust.
Es fühlt und wünscht: die Sonne scheint,
auch wenn dein Blick zu brechen meint.
Es wünscht dir Blicke so sehnsuchtlos,
als trügest du die Welt im Schooß.
Es wünscht dir Blicke so voll Begehren,
als sei die Erde neu zu gebären.
Es wünscht dir Blicke voll der Kraft,
die aus Winter sich Frühling schafft.
Und täglich leuchte durch dein Haus
aller Liebe Blumenstrauß!
Ein Blütenblatt
Von deinen Tulpen fiel das erste Blatt.
Es liegt am Fuß der stolz geschwungnen Vase
und lehnt sich auf am gletscherblauen Glase,
und drüber flammt der Strauß mit dreizehn Bränden
Und eine von den Blüten züngelt so
in sich gekrümmt, als suche farbensatt
ihr Leben eine kalte Ruhestatt
und rette sich aus halbverbrannten Wänden.
Doch eine andre ist so lichterloh
geöffnet, daß wie zwischen Feuerwiegen
die gelbgekrönte Samenpuppe prangt,
die nach der Blüte nicht zurückverlangt,
wenn alle Blätter abgefallen liegen.
Das Perlgewebe
Von Ida Dehmel
Ich sitze dunkle Frau in meinem Zimmer,
stille, dunkle, große Frau.
Weiß ist das Zimmer, weit seine Wände;
weiß ist mein Kleid, mein Webstuhl weiß.
Und vor mir buntgehäuft ein Schatz Perlschnüre.
Was will ich dunkle Frau denn weben? -- Mein Leben.
Weiß, weiß und golden sind die Farben meiner Jugend,
ein morgenblauer Himmel über mir.
Himmelschlüssel blühn auf unsern Wiesen.
Viele kleine Blumen will ich weben,
zart ein glückliches Lachen dazwischen,
Alles leuchtet dem spielenden Kind.
Mutter starb. Die Farben werden blasser.
Dunkle Trauerzweige sprießen auf,
schwanke Linien aus flimmerndem Grund,
Thränen glitzern, Sehnsuchtsthränen.
Kind, ich große Frau möcht gern dich trösten;
sieh, ich setz ein funkelnd Sternlein über dich.
Und nun mischen sich die bunten Perlen:
stolz und heftig schießt ein Blutrot hoch
durch ein trotziges Gelb in schroffen Kanten,
hell im Kampf mit strengen grauen Mächten
bäumt die aufwärtsflammende Seele sich:
rot und golden sind die Farben dieser Jungfrau.
Und aus Not und Gold paart sich ein Schrei nach Liebe.
Rosen blühn aus meinen Händen auf,
jeder Kelch voll Tau und Sonnentraum;
schwer in Büscheln rankt sich ein Klematisstrauch
um die Rosen lilasanft ins Blaue;
die Verheißung glüht aus allen Blüten.
Die Erfüllung log. Nun wirren sich die Fäden.
Fahl und grell verschlingen sich die Schnüre.
Jeder Weg ein Irrweg, und kein Kreis geschlossen.
Zuchtlos drängt sich wildes Gestrüpp
über meine Wiesen, meinen Blumenteppich;
und der Stern der Mutter birgt sich hinter Nebeln.
Da -- ein klarer Klang: stark: eines Helden Ton.
Schwarz wie der Ursprung, golden wie das Licht,
und moosgrün wie der Wald, aus dem die ersten Menschen kamen.
Auch blau sein Himmel, aber mittagsblau;
auch rot sein Blut, doch nordlichtnächtig rot.
Und über Alles breitet sich sein Glanz.
O wie sich unsre Farben herrlich einen:
Leere wird Fülle, und sie strömt wie Quellen,
aus ihren Fluten steigt des Schöpfungstages Feste,
mein Stern strahlt durch des Weltbaums Blütenäste --
So kann ich meine Träume und mein Leben
zum Werk verwebt in Gottes Hände geben.
Störung
Und wir gingen still im tiefen Schnee,
still mit unserm tiefen Glück,
gingen wie auf Blüten,
als die arme Alte
uns anbettelte.
Und du sahst wohl nicht,
als du ihr die Hände drücktest
und dich liebreich zu ihr bücktest,
wie durch ihr zerrissenes Schuhzeug
ihre aufgeborstnen
blauen Füße glühten.
Ja, ein Mensch geht barfuß
im eignen Blut durch Gottes Schnee,
und wir gehen auf Blüten.
Zukunft
Du reiche Frau, du edle Frau,
mit deiner Hoffnung unterm Herzen,
du möchtest jubeln und erschrickst;
ich sehe dich in deinen Schmerzen,
wie du beim Schein der Ambrakerzen
die seidne Wiegendecke stickst.
Du zählst die Fäden, silbergrau
und schwarz und blutrot, und dir schweben
viel tausend Hände vor, die weben,
viel tausend graue Mutterhände,
die weben, weben ohne Ende;
ich seh dich, wie du grausig nickst
und dunkel durch dein Zimmer blickst.
Und tausend Kinder siehst du stehen,
die still an einem Stricke drehen,
früh alt vor Hunger und Gebrest.
Und siehst die Väter sich erheben,
alle, die häßlich müssen leben,
damit es Schönheit könne geben,
sie stürmen dein geschmücktes Nest:
Madam! dies blutige Garn, wer spann es?!
Da würdest Du in Todeswehen
entzückt sein, könntest du dich sehen,
wie sich zum mörderischen Fest
die schmutzige Faust des Arbeitsmannes
um deine weiße Kehle preßt.
Enthüllung
Du sollst nicht dulden, daß dein Schmerz dich knechte;
du bist so gern vor Freude wild.
Komm vor den Spiegel! -- O, wie schwillt
dein düstres Haar, wie lebt dein Bild,
wie blüht dein Mund --: als wenn durch Nächte
der Blitze bläuliches Geflechte,
der Honigduft der roten Disteln quillt!
Dein weißes Kleid ist wie zum Hohne
mit türkischen Märchenblumen toll durchzackt.
Ich träume dich auf schwarzem Throne.
Du bist verschleiert bis zur Krone.
Doch wärst du keusch wie Magelone,
wir Träumer sehen alles nackt!
Gib her, gib her den Trauerschleier,
ich reiß ihn lachend dir entzwei!
Ich bin dein Einziger, dein Befreier,
dein Herr! -- Was starrst du so ins Feuer,
so schmerzhaft? -- O verzeih -- verzeih --
Beschwörung
Du bist nicht hier. Ich fühle schwer,
wie deine blasse Hand mich preßte;
und wie Todfeinde sind mir plötzlich
die lachenden Geburtstagsgäste.
Immer verdrehter wird das Fest,
die Blumen welken in den Kränzen.
Um meinen Bart sind die Gerüche
der Medizinen und Essenzen
von deinem Krankenbette her;
es ist vielleicht dein Sterbelager.
Ich seh dein glanzlos Haar daliegen
und dein Gesicht blutleer und mager.
O sieh nicht so die Bäume hoch,
warum sie mit den kahlen Zweigen
so starr und schwarz vor deinem Fenster
ins graue Himmelsdickicht zeigen.
Sieh tief in deine Nacht hinab!
da glänzt mein Bild mit Gottesfarben
und läuft vom Blute derer über,
die Dir zum Opfer in mir starben.
O sieh, sieh, wie mein Blick dich tränkt
und meine Lippen nach dir beben
und meine Hände zu dir beten
und dich beschwören: bleib mir leben!
Aus schwerer Stunde
Ich konnte nur noch lächeln;
ich war so traurig im Grunde,
daß meine eigne Stimme mir fremd klang.
Da traf mich Deine Stimme,
und ich konnte wieder lachen wie als Kind,
und einmal weinten wir vor Glück.
O, ich danke dir,
in dieser schlaflosen Nacht,
wo du fern von mir
zwischen Tod und Leben liegst.
Sieh, ich falte wie als Kind die Hände:
bleib mir, laß mich nicht allein,
ich habe Furcht bekommen
vor den einsamen Nächten.
Wenn du stürbest,
nein, ich würde nicht weinen,
meine Seele ist geübt im Trauern;
aber ich würde nie mehr lachen können.
Zuversicht
Ich hab dich selig gemacht,
mein Geliebter,
und du mich, du bist mein,
und darfst nicht bei mir sein
in meinen furchtbaren Schmerzen.
Bis in Mark und Bein
bin ich dein,
und darf nicht nach dir schrein
vor den Menschen,
wenn ich sterben muß
ohne deinen Kuß.
Nein nein nein,
Du hast mich selig gemacht!
Tag und Nacht
fühl ich mich an deinem Herzen
leben, das an +mein+ Herz schlug!
Ja, ich fühls, ich bleibe leben,
hab dir noch soviel zu geben,
all mein Leben,
gab dir nie, noch nie genug!
Gleichnis
Es ist ein Brunnen, der heißt Leid;
draus fließt die lautre Seligkeit.
Doch wer nur in den Brunnen schaut,
den graut.
Er sieht im tiefen Wasserschacht
sein lichtes Bild umrahmt von Nacht.
O trinke! da zerrinnt dein Bild:
Licht quillt.
Weihnacht im Krankenhaus
Schönen guten Abend, ihr im Leidensgewand;
neue frohe Botschaft hört aus Gnadenland!
Wir haben lang gesucht nach einem heilsamen Sterne,
bis er sich finden ließ in seiner nächtlichen Ferne.
Da haben wir ihm gewunken,
da ist er uns ans Herz gesunken.
Dann haben wir ihn festlich mit Liebe umwunden
und auf ein immergrünes Bäumlein gebunden.
Nun seht ihn! hier glänzt er, samt anderen Schätzen;
an denen mögt ihr euch später ergetzen.
Erst sollt ihr Mut schöpfen aus seinem Schimmer,
denn die Nacht ist lang, und dies Haus glänzt nicht immer.
Hier kämpft oft das Todesgrauen schwer
mit der Lebensröte um die Wiederkehr.
Hier suchen oft Seelen nach gnädigen Sternen
und finden nichts als lichtleere Fernen.
Hier strahlt jetzt, o Wunder, ein heiliger Baum
mitten im eisigen Weltenraum
und spiegelt sich
und euch und mich
im warm aufquellenden Tränentau
einer genesenden, lächelnden, liebenden Frau.
Die Mutter des Heils ist überall zugegen,
wo Menschen eine Hoffnung hegen.
Lied im Winter
Trüb sucht dein Blick: wann wird sie wieder blühn?
Die harte Erde läßt mit kaltem Schweigen
die Wipfel in den klaren Himmel zeigen
um die verschneite Bank im Wald,
auf der du einst ein Frühlingsglück umarmtest;
nun sprießt Reif an den starren Zweigen.
Dann willst du weitergehn den alten Gang,
da schluchzt ein Vogelherz, du weißt nicht wo,
die Stille klingt ihm nach: sie blüht, sie blüht!
Lichtblüten glitzern über allen Steigen!
Eva und der Tod
Der Wintermorgen schien ein Frühlingsmärchen;
der Reif der Zweige sproß im Sonnenschein
zum blauen Himmel auf wie Blütenpärchen.
Ein Lüftchen, das sich hob und stumm verfing,
trieb Silberflocken von den hohen Ulmen
des langen Weges, den ich einsam ging.
Ich hörte noch, daß fern ein Schlitten schellte;
dann wurde Schweigen auf dem schweren Schnee.
Ich schritt und sann, und fühlte nichts von Kälte.
Denn gestern war mir ein geliebtes Wesen
nach heißer Seelennot und Leibesqualen
von einem Sohn, nicht meinem Sohn, genesen.
Und der das Kind von ihr entgegennahm,
empfing ein Pfand des Lebens, nicht der Liebe;
sie aber gab es mit zu später Scham.
Ich suchte tief nach trübem Dankesworte,
da sah ich fern am Ende meines Weges
auf einmal eine schwarze Gitterpforte.
Zu ihren Seiten dehnten sich zwei Mauern;
die waren überwipfelt von Cypressen.
Ihr starrer Wuchs bedrohte mich mit Schauern.
Und aus der Pforte traten schwarz und groß
und langsam nach einander sieben Männer;
die kamen langsam, schweigsam auf mich los.
Aus fremdem Lande schienen sie zu sein,
so lange Mäntel, breite weiße Kragen.
Und plötzlich rief ich außer mir: Nein! Nein!
Denn aus der Pforte trat da noch ein achter,
der war ganz dürr und größer als die andern,
und stand und nickte, sacht, und immer sachter.
Und eisig lief es mir durch Blut und Bein:
die sieben wollen sich mein Liebstes holen.
Ich stand und bettelte und bebte: Nein!
Und seh durch Tränen, wie die schwarzen Schemen
den Sonnenschein verdunkeln und den Schnee,
und glaube fern ein Lachen zu vernehmen.
Und als ich mir die Augen mühsam reibe,
steht hoch ein nacktes Weib vor jenem Gitter,
mit schwarzem Haar und Blick und braunem Leibe.
Und lacht ganz hell und winkt dem dürren Mann
und hebt im andern Arm ein zappelnd Kindchen
und sieht mich fernher lebensselig an.
O dieses Blickes Herrlichkeit und Hohn!
Nur Einer hatte das wie ich empfunden:
der Trotzigste der Dichter: Liliencron!
Ich seh den Dürren ihr entgegenstelzen:
er bückt sich -- widerwillig -- er verschwindet --
zu ihren Füßen scheint der Schnee zu schmelzen.
Die ganze Landschaft schmilzt; das kleine Kind
schwimmt riesengroß aus sieben schwarzen Strudeln
und lacht -- lacht -- lacht mich aus. Was! War ich blind?
Ich selber lache! meine Wimpern tropfen;
die sieben sind ja nichts als Leichenträger,
die sonst Schuh sticken oder Hosen stopfen!
Und jenes Weib, das ist ja nur die Frau
des Totengräbers, und ihr brauner Kittel
ist keine Haut, ich seh es ganz genau!
Du aber lebst mir, und der Himmel blaut,
und bald ist Frühling, und du wirst mich küssen
trotz deines Sohns, du meine braune Braut!
Verhör
Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen,
und deine matten Lippen sind zerbissen;
hattest du sehr viel Schmerz? --
„Ich weiß nicht mehr.“
Du siehst sehr träumerisch zur Zimmerdecke,
sieh nach dem Bettchen drüben in der Ecke:
liebst du dein Kindchen sehr? --
„Ich weiß noch nicht.“
Schriebst du zuweilen, wenn die Wehen kamen,
mit deinen irren Fingern meinen Namen
auf deine Bettdecke? --
„Du weißt es ja.“
Kannst du noch immer, ohne hinzudenken,
dein Kind und seinen Vater ruchlos kränken
und mit mir selig sein? --
„Weißt du das nicht?“
Zur Genesung
Steh auf, steh auf vom Meeresschooß!
guten Morgen!
ich will dich selig machen!
Hörst du die Walfische lachen?
hörst du das Weltkonzert schallen?
Komm, kletter auf die Korallen:
kuck, alle Engel sind los!
Jetzt: hopp, einen kleinen Luftsprung!
Auf doch!
Guten Morgen!
Hüh, meine Flügeldelphine:
hoch, hoch, hoch, Aphrodite:
in Abrahams Schooß!
Ach du, +hilf+ mir doch lachen,
bitte bitte,
und guten Morgen und Unsinn machen!
Denn du lagst sehr bleich, du schlechtes Weib,
als du vom Meergott träumtest
und meine Arme wie Seeschlangen zäumtest;
das darfst du nie wieder machen,
hörst du, nie wieder!
Denn ich will dich ja selig machen,
ja, du: seeelig! über und über!
Und darum verbitt ich mir solche Sachen;
hörst du!
Denn dazu tut Uns Beiden kein Fieber
mit Himmelsträumen etcetera not,
denn du bist mir zehntausendmal lieber
als der liebste liebe Gott!
Also: Auf jetzt! O Gottes Wunder:
hör doch die Vögel, wie die lachen:
jeden Tag wird sie gesunder,
und Vater Abraham ist tot!
Ja: das ist +mein+ Schooß,
und das ist +dein+ Schooß,
und der Mensch will selig werden auf Erden --
weißt du noch, wie man das machen muß?
Auf! -- O Liebste! -- O guten Morgen:
sieh mal, da blüht schon bald der Flieder!
Ach, weißt du noch? Ja, blick nur nieder:
bald blühst du auch und tust mir wieder
-- endlich wieder --
den Himmel auf! o Götterkuß!
Schneeflocken
Gnädige Frau, es schneit, es schneit!
Tragen Sie heut Ihr weißes Kleid?
Gnädige Frau, hier in der Ferne
schneits bei helllichtem Tage Sterne.
Und diese Sterne flimmern genau
wie die Zähne der gnädigen Frau.
Oder wie Blüten von weißem Flieder,
gnädige Frau, an Dero Mieder.
Oder die Blicke des Herrn Gemahls
am Tage Ihres Hochzeitsballs.
Nein, sie flimmern, ich kann mir nit helfen,
gnädige Frau, wie tanzende Elfen.
Hänseln jeglichen Parapluie;
will man sie fassen, +zer+flimmern sie.
Flimmern in Wirbeln, flimmern in Bildern,
die sind wirklich nit zu schildern.
Gnädige Frau, so wild, so mild
wie ein opalisch flimmerndes Bild.