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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1913 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Der
Autor verwendet Elisionen, die vom nächsten Wort nicht durch ein
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Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~
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[Illustration]
Richard Dehmel
Gesammelte Werke
in drei Bänden
Zweiter Band
S. Fischer, Verlag, Berlin
+22. bis 24. Tausend+
Alle Rechte vorbehalten, auch das der Übersetzung
Copyright 1913 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
Übersicht
(Die mit * bezeichneten Stücke sind neu aufgenommen)
Seite
+Weib und Welt+
Ins Weite 7
Die Erweckung des Herrschers 7
Das Ideal 10
Beichtgang 11
Narzissen 11
Drei Ringe 12
*Entrückung 19
Himmelfahrt 20
Der Stieglitz 20
Sinnige Fahrt 21
So im Wandern 22
Schutzengel 25
Begegnung 25
Unterm jungen Birnbaum 27
*Emporsturz 27
Verkündigung 28
Einst 28
Stimme des Abends 28
*Feierabend 28
Manche Nacht 29
Aus banger Brust 29
Helle Nacht 30
Aufstieg 31
Drückende Luft 31
Aufblick 32
Stiller Gang 33
Ein Grab 33
Klage 33
*Einst im Herbst 34
Der gesunde Mann 34
Befreit 35
Trost 36
Wunder 36
Kalte Frage 36
Winterwärme 36
Kein Bleiben 37
Heimweh in die Welt 37
Über frei Feld 38
Der Frühlingskasper 40
Entladung 40
Anbetung 42
Ausblick 43
Ideale Landschaft 43
Auf See 44
Gesang vor Nacht 44
Klarer Tag 44
Dunkle Gewalt 45
*Ballade von der wilden Welt 45
Herr und Herrin 47
*Ballade vom Kuckuck 47
Vorspiel 48
Wellentanzlied 48
Bewegte See 49
Der Sturm 50
*Verklärung 50
Das Schloß 50
*Der Schwimmer 51
Beschwichtigung 51
*Lied an den Mond 52
Gruß 52
*Aufglanz 53
Morgenstunde 53
Ruf 54
Berückung 54
Wirrsal 55
Nach einem Regen 55
Der gute Hirte 56
Stimme im Dunkeln 56
Über den Sümpfen 57
Erwartung 57
Im Reich der Liebe 58
Nun erst 59
Mannesbangen 60
Der weise König 60
Stilles Zeichen 61
*Die Kette 61
Ein Ring 62
Der Fluß 63
Nächtliches Zwiegespräch 63
Rückblick 64
Mein Wald 64
Die Harfe 65
Geheimnis 67
Am Scheideweg 67
Hoch in der Frühe 67
Immer wieder 68
*Die Frage 68
Im Zwielicht 69
Glückwunsch 69
Ein Blütenblatt 70
*Das Perlgewebe 70
Störung 72
Zukunft 72
Enthüllung 73
Beschwörung 74
Aus schwerer Stunde 75
Zuversicht 76
*Gleichnis 76
*Weihnacht im Krankenhaus 77
*Lied im Winter 77
Eva und der Tod 78
Verhör 80
Zur Genesung 81
Schneeflocken 82
Orientalisches Potpourri 83
Jesus bettelt 85
*Benedeiung 86
Erfüllung 86
Heilandswort 87
Zwischen Ostern und Pfingsten 88
Die Glücklichen 88
Erhebung 89
*Hochsommerlied 90
Mit heiligem Geist 90
Böser Traum 91
Leiser Besuch 92
Der Strauß 93
Finale 94
Einsiedler, Schmetterling und Tempelherr 95
Der Verbannte 97
Unterwegs 98
Heimatgruß 98
Hoher Mittag 100
Stimme im Licht 101
*Nachtgebet 101
Durch die Nacht 102
Masken 102
Nacht für Nacht 103
*Lied vor Tag 103
Gondelliedchen 104
Griechische Pfingsten 104
Eine Rundreise in Ansichtspostkarten 105
Wiedersehn 121
Siegerin 122
Letzte Bitte 122
*Zweier Seelen Lied 122
*Psalm zweier Sterblichen 123
Im Geiste 124
*Nachglanz 124
*Verewigung 125
Am Ufer 126
*Aufrichtung 127
Heilige Nacht 127
Evas Klage 129
Eines Tages 131
Eine Lebensmesse 134
*Zwiegesang überm Abgrund 141
Am Opferherd 142
+Zwei Menschen+
Leitlied 144
Eingang zum ersten Umkreis 145
Eingang zum zweiten Umkreis 191
Eingang zum dritten Umkreis 237
Ausgang 283
+Der Kindergarten+
Gärtnerspruch 286
*Muttersprache 287
Vatergruß 287
Der Vogel Wandelbar 287
Kutscher Tod 291
Triumphgeschrei 292
Schnurrige Predigt 293
Käuzchenspiel 293
*Fliegerschule 293
Der Reitersmann 294
*Geschäftsleutchen 294
Geburtstagsgeschenke 295
Abendgebet 295
Freund Husch 296
Das Maiwunder 297
Puhstemuhme 298
Das große Karussell 298
Aurikelchen 299
Der Schatten 299
*Morgenlied 300
Der kleine Sünder 301
Fragefritz und Plappertasche 302
Furchtbar schlimm 303
Fitzebutze 304
Käferlied 305
Die Reise 306
Die Schaukel 306
Das richtige Pferd 307
Die ganze Welt 308
Lazarus 309
Der kleine Held 310
Knecht Ruprecht und die Christfee 328
*Das Dichterspiel 340
Der Allerseelenspiegel 350
Tippel und Tappel 355
Der Sonnenstrahl 356
Die Pfauenfeder 357
Das Märchen vom Maulwurf 359
Die bekümmerte Löwenkröte 362
Der alte Wodtke und Michel Krist 369
Weib und Welt
Ein Buch Gedichte
Vierte Ausgabe
Erster Teil
Ins Weite
Die du mir näher bist, als Sinne ahnen können,
meine Erfüllerin,
schlummernde:
o träume dich ein in meine schmachtenden Adern,
und fühle mein Herz aus meinen Augen brennen,
und sieh die Sterne sich über mir verdoppeln,
und schmecke das Mannah dieser grenzenlosen Nacht,
die Düfte der Sehnsucht von Wiese zu Wald zu Wolke,
und höre den Weltraum mein heiliges Lied mitatmen,
mein Echo du! --
Die Erweckung des Herrschers
Psychische Szene
+Ein Geist im Schlaf+:
Da thront sie wieder; thront, als ob sie warte.
Was willst du, Traumbild, immer noch von mir
mit deinem Gnadenblick? du bist doch tot!
Zu oft bin ich von diesem Blick erwacht;
ich fühls, ich träume nur! Was quälst du jetzt
mit täuschender Erhörung meine Nächte
und blicktest nie zuvor, zu keiner Stunde
-- o doch: in einer, einer Stunde doch:
in deiner Sterbestunde -- so mich an!
Willst du den Mann, der ich in Schmerzen ward,
durch deinen Hingang ward, noch büßen lassen,
was dir der unbedachte Jüngling tat?
Wars denn so schlechte Tat? Wars nicht Verehrung,
daß ich mit meiner Lust an Ruhm und Rang
auch Dir zu schmeicheln dachte? Warb ich nicht
mit höchster Hoffahrt um dein stolzes Herz?
Aus deiner stillen Welt, die mir nicht würdig
genug für deine holde Würde schien,
wollt ich ein klingend Sphärenspiel gestalten!
Hab ich dich nicht gefeiert? Schmückt ich nicht
dein jungfräuliches Haupt mit einer Krone?
mit stetem Festglanz unsern Thron! Und gabst mir
kaum eine Gunst dafür, kaum ganz ein Lächeln,
nie einen vollen, seelenvollen Dank,
nie --
+Antwort einer Seele+:
Ich liebte dich --
+Der Geist+:
Du? liebtest? mich? -- Und zeigtest mir das nie?!
Und ließest mich, wenn deine sanfte Hand
sich meiner ungestümen streng entzog,
mich, der zu Füßen dir getaumelt wäre
für nur den scheuesten Wink, ließest mich haltlos
mit falschen Freunden dann von Rausch zu Rausch
die irren Wege meines Unmuts gehn!
Mußt ich nicht meinen, du verabscheust mich,
du seist enttäuscht, sinnst Rache? Bis ich endlich,
so immer werbend, immer unbelohnt
und immer wieder auf Erhörung pochend,
endlich den einen einzigen Gnadenblick,
mit dem dein Auge brach, empfing und nun
vor deinem starr gewordnen Antlitz mich
in grausigem Zweifel fragte: galt er mir?
mir? oder sahst du Sterbende ein Wesen,
das +Du+ nur sahst, mit diesem Dankblick an,
weil’s dich von mir befreite?! Sprachst du doch
kein letztes Wort zu mir! O warum starbst du
so stumm?
+Die Seele+:
Ich liebte dich --
+Der Geist+:
Und quälst mich immer noch?! O deute mirs,
du Unfaßbare: was bedrängst du mich?
Ich sinne selbst am hellen Tag dir nach;
du weißt, ich will das nicht, will nicht mehr träumen,
ich ward zu klar dazu, dank deiner Drangsal,
ich litt genug an dir, ich will nicht leiden,
mir ziemt die Tat, drum lernt ich mich beherrschen,
und will auch Dich, auch Dich beherrschen, denn
ich +bin+ ein Herrscher -- und das ist, du weißt es,
ein schwacher Mensch, der tausend fremde Kräfte
unter ein starkes Werk einsammeln soll.
Was also störst du meinen kurzen Schlaf?
was gönnst du mir nicht Rast, mich selbst zu sammeln?
was stachelst du mich in dem Lichtstrahl noch,
der Mittags in mein halbgeschlossenes Auge
sich eindrängt und an deinen letzten Blick mich
gemahnt?
+Die Seele+:
Ich liebe dich --
+Der Geist+:
Dann laß dich fassen! dann erhöre mich!
bei deiner Seligkeit beschwor ich dich:
laß mich vollkommen in dir ruhn!
So will ich nicht mehr eitel mit dir ringen,
will mein Gezweifel vollends niederzwingen,
dir freudig deinen Willen tun!
So wirst auch Du endlich zur Ruhe kommen,
wirst stolz von meinen Kräften hingenommen
erkennen, daß du mich nicht länger schreckst!
So wird aus unserm Traumbund im Geheimen
stark eine neue Seele keimen,
durch die du mich
schutzmütterlich
zu immer stolzerem Tagwerk weckst, gern weckst --
und so --
+Die Seele+:
So lieb’ ich dich -- --
+Der Geist des Herrschers+
erwachend:
Und lebst mir so -- und wirst mir nie mehr sterben.
Und all mein Volk wird unsre Liebe erben.
Das Ideal
Doch hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt;
ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen,
auf allen kam die Liebe mir entgegen,
drum hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt.
Es stand ein Baum in einem Zaubergarten,
mit tausend Blüten gab er Duft und Schein,
und eine leuchtete vor allen rein;
es stand ein Baum in einem Zaubergarten.
Und aus den tausend pflückte ich die eine,
sie war noch schöner mir in meinen Händen,
sodaß ich kniete, Dank dem Baum zu spenden,
von dem aus tausend ich gepflückt die eine.
Ich hob die Augen zu dem Zauberbaume,
und wieder schien vor allen Eine licht,
und meine welkte schon -- ich dankte nicht;
ich hob die Augen zu dem Zauberbaume.
Doch hab ich meine Sehnsucht nie verlernt;
ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen,
auf jedem glänzte mir ein andrer Segen,
drum hab ich meine Sehnsucht nie verlernt.
Beichtgang
Ich war der Herr der Welt vor dir,
im Traum;
wie eine Sonne warst du mir,
im Traum.
Ich schmückte dich mit allen guten
Glücksehnsuchtsgluten
in diesem Traum,
und hieß dich leuchten, ließ dich schweben.
Und habe mich in den Staub gebogen
vor dir, im Traum,
und dich belogen und betrogen
im Staub, im Traum --
komm, laß uns +leben+!
Narzissen
Weißt du noch, wie weiß, wie bleich
in den Maiendämmerungen,
wenn ich lag, von dir umschlungen,
dir zu Füßen hingerissen,
um uns schwankten die Narzissen?
Weißt du noch, wie heiß, wie weich
in den blauen Juninächten,
wenn wir, müde von den Küssen,
um uns flochten deine Flechten,
Düfte hauchten die Narzissen?
Wieder leuchten dir zu Füßen,
wenn die Dämmerungen sinken,
wenn die blauen Nächte blinken,
wieder duften die Narzissen.
Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?
Drei Ringe
Elegie
Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger,
und jeder ein toter, gebrochener Schwur;
und seid mir so heilig, ihr flimmernden Dinger,
seid mir ein treuer,
still wachsender, neuer,
einziger, willig gesprochener Schwur.
Was glühst du, Rubin, von versunkenen Stunden?
Was blickst du, Perle, so bleich im Gold?
Du Reif dazwischen, schlicht gewunden,
was schimmerst du so scheu und hold?
Ach! immer die Treue treuwillig versprochen,
und immer treuwillig die Treue gebrochen.
So hat es das Leben, das Leben gewollt.
Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken,
und dennoch ein neuer dämmernder Schwur?
O Abendsonne, wie trüb dein Blinken,
und Nebel winken,
bald wirst du sinken.
Du blasse Perle, wie wars doch nur?
* * * * *
War wohl ein Morgen, frühlingsmild;
die alte Kirche stand voll Glanz.
Blaß flammte ums Erlöserbild
der Osterkerzen weißer Kranz.
Der Orgel Hallelujah quoll;
uns war das Herz von Gott so voll,
das Kinderherz, voll Bebens.
O Schwur des Glaubens! O Gebot:
nun seid getreu bis in den Tod,
dann wird euch die Krone des Lebens,
die ewige Krone des Lebens.
Und mit der Mutter still durchs Feld;
wie glänzte weit, wie glänzte grün
und war ein Sonntag all die Welt!
Die Weidenbüsche wollten blühn;
ein Zweiglein brach der Knabe.
Doch feierlich im leeren Land
als wie ein Kreuz die Mühle stand;
und sinnend weiter still feldein.
O Försterhaus am Eichenhain!
O Vaterwort-und-Gabe!
O Gartenzaun am Eichenhain!
da nahm mein Vater meine Hand
und legte einen Ring hinein,
der hatte einen schwarzen Stein,
drin eine goldne Krone stand,
und sprach zu seinem Sohne,
und all sein Blick war Ein Gebot:
Nun sei dir treu bis in den Tod,
dann wird dir die Krone zum Lohne,
des Lebens Siegeskrone!
* * * * *
Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken,
und jeder ein neuer, ein toter Schwur;
was wird so zitternd euer Blinken? --
Du trübe Sonne, laß dein Winken.
O weite Flur!
Die Nebel gleißen wie blutende Wunden;
ich habe die Freiheit, die Freiheit gewollt!
O Sonnenblut. O gleißend Gold.
Was glühst du, Rubin, von versunkenen Stunden?
* * * * *
Es war ein Mittag, frühlingswild.
Von der Bergeskrone, rot zuckend, kroch
die Wolkenschlange ins Gefild.
Der Donner jagte von Joch zu Joch.
Stürmisch weinte das Dunkel, ein stürzendes Meer.
Triefend sausten die Bäume; und grell und spitz,
Licht schleudernd, über uns, um uns her
-- mein bebendes Mädchen, weißt du noch? --
flocht flatternde Netze Blitz auf Blitz.
Und die Bäume bogen und schlugen sich,
blendend nieder krachte der steile Strahl
und warf im Taumel irr dich und mich
zu Boden, glutschwer, ein flackernder Wall;
und da lag im Taumel irr Brust an Brust,
jung hing und glutschwer Mund an Mund
und Auge in Auge im Moose, und
rauschend schluchzte der Regen in unsre Lust,
stumm lohte der feuergetaufte Bund.
Und dann +auf+! Oh, standest du bleich und bang.
Und da hab ich den Donner des Himmels bedroht,
von der Faust mir peitschend das Wasser sprang,
durch die sausenden Bäume mein Lachen klang:
o lauter, mein Bruder, dein wild Gebot!
Und riß mir vom Finger den Knabenring:
ich bin mir selbst mein Herr und Gott!
und nahm deine zitternde Hand, dran hing
im Blitzlicht funkelnd der rote Rubin,
und vom Himmel gebadet, vom Himmel umloht
-- ich fühlte dich weinen, ich sah dich glühn --
schwur ich: gib her! sei treu! nimm hin!
* * * * *
Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger,
und jeder ein doppelt gebrochener Schwur.
Wie der Nebel raucht! ein brennender Zwinger
vermauert die fliehende Sonnenspur.
Noch glänzt ein stiller Streifen Gold;
ich habe freiwillig die Freiheit verschworen.
Was glimmst du schlichter Reif so hold?
Die Freiheit verschworen, die Freiheit verloren.
So hat es die Liebe, die Liebe gewollt.
* * * * *
Es kam ein Abend, frühlingsmild;
bang steht, in Schleiern, bleich, die Braut.
Ernst rauschen die Geigen; herb duftend schwillt
der Myrte grünes, weißblühendes Kraut.
Und Andacht wird, und Schweigen; nur
durchs Fenster flüsterte der Mai.
Und nun: nun will ich stolz und frei
uns segnen -- da: voll Bebens,
horch, die Stimmen der Freunde -- o Lied, o Schwur,
o ihr rauschenden Geigen, o Gebot
-- blaß zuckten die Kerzen im Abendrot --:
Nun seid getreu bis in den Tod,
dann wird euch die Krone des Lebens!
Da flocht ich ihr still vom Haupt den Kranz,
still küßte ich ihr dunkles Haar;
glutüberhaucht vom fernen Glanz
hielt ihre Hand ein Rosenpaar,
still zitterten die Blüten.
Und hoch ins schweigende Gemach
hob ich den goldnen Ring und sprach
und sprach -- wie war das Herz mir weit,
von Glauben weit und Seligkeit --:
Nun will ich Dein sein alle Zeit,
Ein Leib, Eine Seele, in Glück und Leid
dein Gott, meine Welt, dich hüten.
Und draußen wiegte ein Lindenbaum
goldgrün sein jung Gefieder;
sanft glühte der Rosen rot schwellender Saum,
und durch den Schimmer, den Duft, den Traum
rauschten die Geigen wieder.
Da gab sie mir an meine Hand,
an meine Rechte zurück mein Pfand,
den Ring mit der leuchtenden Krone.
Stumm bat ihr Blick voll seliger Not:
nun sei mir treu bis in den Tod,
dann wird uns die Krone zum Lohne,
des Lebens Friedenskrone.
* * * * *
Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken:
was blickst du, Perle, so trüb im Gold?
O Sonne, du müde, nun magst du sinken;
o schwere Pflicht, wie schienst du hold!
Gelb taucht ins Moor der letzte Funken,
das Land wird fahl, der Nebel rollt.
Ich habe die Wahrheit, +Klarheit+ gewollt.
Ich war der Liebe so satt -- so trunken --
* * * * *
Und eine Nacht kam, frühlingswild,
kam schwül. Ums Licht der Lampe lag,
vom lauten Regen dunstverhüllt,
das Dunkel dumpf und dufterfüllt;
hohl scholl und hart das Laubendach
Es klang so einsam, was ich sprach
von meinem großen Überdruß;
es klang so bang, als ob ich log,
als ich mich flüsternd zu ihr bog.
Und ich hielt ihre Hand. Weißt du wohl noch,
du blasse +Andre+?! Wolltest du’s?
Wie war die Hand von Arbeit rauh!
Wie saßest du so scheu und still
mit deinen Augen groß und grau,
als horchtest du dem Tropfentau,
der durch die Epheublätter fiel.
Und ich hielt deine Hand. Und es war so schwül.
Was ließest du es denn geschehn?!
Ich wollte dir nur ins Innre sehn,
in diese Augen stolz und stumm.
Du aber --? Und wir sanken um.
Die Epheublätter zitterten.
Ich nahm dein einziges Eigentum.
Und dann: im dunkeln Grase hing
und flimmerte etwas wie Gold.
Das war dein lieber Perlenring,
der war dir in den Sand gerollt.
Und da hast du trotzig aufgelacht,
von deinem Vater war auch er;
blaß langtest du ihn zu mir her,
aus deinen Augen sah die Nacht,
und nahmst meine Hand -- besudelt glomm
der Kronring dran -- und während hohl
der Regen rauschte wie ein Strom,
sprachst du: vergiß! nimm! gieb! leb wohl!
* * * * *
Ihr Ringe, drei Ringe, und doch der neue,
aus scheuer Seele bang dämmernde Schwur?
Dahin der Glaube, dahin die Treue;
o dunkle Flur.
Starr durch die kahlen Pappeln schauen
die Sterne ins verhüllte Feld.
Klarheit?? Im Moor die Nebel brauen.
O ja: die Erde +ist+ voll Grauen.
Doch -- voll von Sonnen steht die Welt!
Raum! Raum! brich Bahnen, wilde Brust!
Ich fühls und staune jede Nacht,
daß nicht blos Eine Sonne lacht;
das Leben ist des Lebens Lust!
Hinein, hinein mit blinden Händen,
du hast noch nie das Ziel gewußt;
zehntausend Sterne, aller Enden,
zehntausend Sonnen stehn und spenden
uns ihre Strahlen in die Brust!
Uns in die Brust ... Was willst du, Schweigen,
du graue Erde, immer noch?
Und ich sehe die Krone, die eine, steigen
-- ihr Ringe, drei Ringe, wie war es doch? --
die Krone steigen, die Krone sinken,
wie eine Sonne sinken, winken:
mir nach! nichts ist vergebens!
fest steht mein flammendes Gebot:
aus Abendrot wächst Morgenrot!
dem +bist+ du treu bis in den Tod,
du +trägst+ die Krone des Lebens:
die Schöpferkrone des Lebens!
Entrückung
O nein, mir wird es nicht zur Qual,
so sehr es Dich und Andre quält,
wenn du ins Grenzenlose blickst;
ich bin wie du ein schlanker Stahl,
und der sich immer strahlender stählt,
je mehr du ihn durch Kämpfe schickst.
Aus deines Auges innerm Ring
flimmert ein sternglutweißes Licht
durch Schwarz und Grau, du arge Frau;
dies Licht, das mich seit je umfing,
sieh, das entrückt mir dein Gesicht
in mein geliebtes ewiges Blau.
Himmelfahrt
Schwebst du nieder aus den Weiten,
Nacht mit deinem Silberkranz?
Hebt in deine Ewigkeiten
mich des Dunkels milder Glanz?
Als ob Augen liebend winken:
alle Liebe sei enthüllt!
als ob Arme sehnend sinken:
alle Sehnsucht sei erfüllt --
strahlt ein Stern mir aus den Weiten,
alle Ängste fallen ab,
seligste Versunkenheiten,
strahlt und strahlt und will herab.
Und es treiben mich Gewalten
ihm entgegen, und er sinkt --
und ein Quellen, ein Entfalten
seines Scheines nimmt und bringt
und erlöst mich in die Zeiten,
da noch keine Menschen sahn,
wie durch Nächte Sterne gleiten,
wie den Seelen Rätsel nahn.
Der Stieglitz
Die Sonne sticht; ein Distelfeld
blitzt durch die stille Mittagswelt.
Im starrgezackten Blättermeer
glühn purpurlockig kreuz und quer
die Blütenköpfe.
Und durch den eisengrauen Busch:
ein bunter Vogel, hupp, hup husch,
hüpft durch das wilde Staudenheer,
als ob es ohne Stacheln wär:
ein junger Stieglitz.
Wie wirr! wie wunderlich geschweift!
Ein leichtes Lüftchen kommt und greift
von Blütenspeer zu Blütenspeer
und wirft die Schatten hin und her;
weg ist der Stieglitz.
Nun will ich stille weitergehn
und mir die sonnige Welt besehn,
und durch das Leben kreuz und quer,
als ob es ohne Stacheln wär;
das liebe Leben.
Sinnige Fahrt
An kleinen ruhigen Dörfern vorbei,
durch eilende Felder und Leutegeschrei.
Die Axen dröhnen; ich denke still
an Eine, die mir treu sein will.
Sie denkt wohl auch: was wohl die Welt
so im stillen zusammenhält?
Und plötzlich seh ich zwei Schafe stehn,
die dem rollenden Zug nachsehn.
So im Wandern
Ein silbern klein Herze,
von Gold einen Ring,
die gab sie mir, als ich
wandern ging,
und tat in das Herze
ihr Bild hinein;
so einsam der Morgen,
bin nicht allein.
Arme Padde im Gleise,
zerquetscht liegst du!
Ich wandre meine Straße
und wandre immer zu.
Schon teilt sich der Nebel,
nun schimmert die Welt;
im Sonnenschein glitzert
das Ährenfeld.
Die Hummeln summen,
die Lerchen klingen;
die Birken wehen,
die Zweige schwingen.
Die Pappeln, die schütteln
die Blätter im Wind;
sie flüstern mir Grüße,
die voll Erinnrung sind.
Das Herzelein nehm ich
vom seidenen Band
und leg’s in das Ringlein
in meiner Hand,
so schreit ich und schau
als ein Zeichen mir’s an:
so will ich in Treuen
ohne Ende Dich umfahn! --
Was rennst, Meister Lampe?
heut jag’ich nicht.
Ich wandre, ich schreite;
die Sonne sticht.
In Dorfes Mitten,
wo sich der Friedhof hebt:
wie wirds gar kühl sich ruhen,
wenn man mich einst begräbt:
zwei weiße Rosen biegen
ums Grabkreuz die Äst,
drauf steht mein Nam geschrieben,
bis der Regen ihn löscht.
Hinterm Kirchlein die Schenke
heißt „Zu den drei Linden“;
da wird sich wohl auch noch
ein Ruheplätzchen finden.
Ei Tausend, mein Schätzchen,
so schmuck, und allein?
Ei komm doch, rück näher;
trink mit, schenk ein!
Es sitzen zwei Spatzen
im Lindenbaum;
sie schnäbeln, sie schwatzen,
es ist wie Traum.
Auf’m Kirchhof stehn Kreuze,
mehr als hundert, schwarz und weiß;
aber Du hast zwei Lippen,
die sind rot und heiß!
Na Mädel, was weinst denn?
Ja, die Welt ist hohl.
Die Welt ist ein Weinfaß:
trink aus -- leb wohl! --
Was wackelt der Pfahl da?
der ist wohl betrunken!
Ich wandre, ich schreite,
in Sinnen versunken.
Sie saß ja so alleine;
und die Liebste wohnt weit!
Ich will ihr Alles schreiben,
bis sie mir verzeiht.
Und am End meiner Reise
steht mein elterlich Haus,
da schaut mein lieb Mutterherz
am Fenster nach mir aus;
und drinnen sitzt mein Vater,
wie’n König auf sei’m Thron,
und wills nicht verraten,
daß er wart’t auf sein’n Sohn.
Nun will ich nicht sinnen,
ob man glücklich kann werden;
der Himmel ist hoch,
und wir leben auf Erden!
Sela! --
Schutzengel
Nicht vom Kirchhof will ich Epheu pflücken,
glänzt das ganze Dörfchen doch von Epheu;
davon will ich pflücken
für mein Kämmerchen!
spricht der junge, junge Jägersmann.
Guten Tag, du schönes, schönes Mädchen,
gieb mir doch dein liebes, liebes Händchen!
Weißt, ich suche Epheu
für mein Kämmerchen;
darf ich wohl von deinem Epheu pflücken?
Komm herein, du schöner, schöner Jäger;
will dir vielen, vielen Epheu geben.
Hinten um mein Fenster,
um mein Kämmerchen,
schlingt sich dicht der dunkle, dunkle Epheu.
Kommt das kleine Brüderchen gelaufen:
Schwesterchen, was will der große Jäger?!
Und ich küßt es auf die scheue Stirne
und ging still nach Hause
in mein Kämmerchen --
ich, der junge, junge Jägersmann.
Begegnung
Ich sah dich schon.
Im Sonnenschein
beim Roggenfeld am Wiesenrain
stand wilder Mohn;
die Kelche blühten blutrot breit,
den Schooß voll blauer Dunkelheit,
und jäh aus einer Knospe quoll
ihr glühendes Seelchen, unruhvoll.
So sah ich Dich, du knospiges Kind, erglühn,
gestern im Feld am stillen Fichtenhain,
als im Vorübergehn mein Blick dich küßte;
mit allen Adern schienst du aufzublühn,
so scheu und rein,
als ob ich um Verzeihung bitten müßte.
+War’s+ ein Erglühn? War’s nur ein Widerschein?
das Rot des roten Sommerkleids um dich?
das Abendrot, das fern verglomm im Tann?
War’s ein Erglühn, das erste war es dann,
das deine jungen Schläfen so beschlich;
so bang, so schwer sahst du mich an,
so fast voll Angst zurück nach mir,
als du verschwandest sacht im dichten
Gewühl der silbergrünen Fichten.
Doch meine Seele folgte dir,
dein blautief Auge blieb in mir.
Ich sah dich schon,
du flüchtendes Kind:
heiß durch den Roggen strich der Wind
und bebend neigte sich der Mohn.
Ich hab eine rote Blüte verwehn,
zwischen den Halmen zerflattern sehn,
und habe den Blättern nachgeträumt;
und immer ist mir noch, ich schaue
in ihren Kelch, der glutumsäumt
sich jäh vertieft ins Dunkle, Blaue ...
Unterm jungen Birnbaum
Unterm jungen Birnbaum standest du.
An die ersten kleinen grünen Früchte
rührtest du entzückt mit zartem Finger;
letzte Blüten wehten um dich nieder.
Unterm jungen Birnbaum stand auch ich.
Meine harten Hände rührten nicht
an die kleinen grünen ersten Früchte;
letzte Blüten wehten um mich nieder.
Emporsturz
Einmal, Erde, wollt ich dich küssen:
ein Weib in Armen, jach Schooß an Schooß,
zu Boden stürzend in rasendem Tanz.
Da winkte ein Mädchen mir zum Reigen,
einen weißen Mantel um die Hüften,
in den tiefblauen Augen einsamen Glanz.
Glanz aus fern aufsteigenden Räumen,
Glanz aus längst versunkener Zeit,
Glanz des Mondes im stillen Meere,
Glanz der Sterne über der Wüste:
Lauterkeit.
Und da lag ich im Staub und hüllte
meine grauen Haare in ihr Gewand,
wie einst Josef hin vor Miriam kniete,
als er den heiligen Geist empfand.
Verkündigung
Du tatest mir die Tür auf,
ernstes Kind.
Ich sah mich um in deinem kleinen Himmel,
lächelnde Jungfrau.
Du sollst einst einen großen Himmel hüten,
Mutter mit dem Kind.
Ich tu die Tür mit ernstem Lächeln zu.
Einst
Ich ruhe; helle Wolken fliehn;
mein Herz rauscht wie das weite Feld.
Flügel leuchten --
und über die Wolken steigt ein Lied:
Einst brauchst du keinen Menschen mehr,
du Herz der Welt! --
Stimme des Abends
Die Flur will ruhn.
In Halmen, Zweigen
ein leises Neigen.
Dir ist, als hörst du
die Nebel steigen.
Du horchst -- und nun:
dir wird, als störst du
mit deinen Schuhn
ihr Schweigen.
Feierabend
Geh nur, lieber Tag,
freue dich der Nacht.
Nichts bleibt unvollbracht;
deines Lichtes Macht
keimt im dunkeln Grund.
Einst wird alles kund,
hell von Mund zu Mund,
was uns heut im Traum erst dämmern mag.
Manche Nacht
Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl ich, wird mein Auge heller;
schon versucht ein Stern zu funkeln,
und die Grillen wispern schneller.
Jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer.
Und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten.
Plötzlich stehst du überwältigt.
Aus banger Brust
Die Rosen leuchten immer noch,
die dunkeln Blätter zittern sacht;
ich bin im Grase aufgewacht,
o kämst du doch,
es ist so tiefe Mitternacht.
Den Mond verdeckt das Gartentor,
sein Licht fließt über in den See,
die Weiden schwellen still empor,
mein Nacken wühlt im feuchten Klee;
so liebt ich dich noch nie zuvor!
So hab ich es noch nie gewußt,
so oft ich deinen Hals umschloß
und blind dein Innerstes genoß,
warum du so aus banger Brust
aufstöhntest, wenn ich überfloß.
O jetzt, o hättest du gesehn,
wie dort das Glühwurmpärchen kroch!
Ich will nie wieder von dir gehn!
O kämst du doch!
Die Rosen leuchten immer noch.
Helle Nacht
Weich küßt die Zweige
der weiße Mond.
Ein Flüstern wohnt
im Laub, als neige,
als schweige sich der Hain zur Ruh:
Geliebte du --
Der Weiher ruht, und
die Weide schimmert.
Ihr Schatten flimmert
in seiner Flut, und
der Wind weint in den Bäumen:
wir träumen -- träumen --
Die Weiten leuchten
Beruhigung.
Die Niederung
hebt bleich den feuchten
Schleier hin zum Himmelssaum:
o hin -- o Traum -- --
Aufstieg
Als Engel durch die Finsternis,
so wollten wir zu höhern Sonnen;
doch hab ich dich erst ganz gewonnen,
als Gott uns aus dem Traume riß.
Blau fuhr sein Blitzstrahl durch die Weiten
und zwang uns zur Hinunterschau;
da lag die Erde grell und grau
mit allen ihren Wirklichkeiten.
Wie lachte Satan auf zu mir,
als du mich zu verlieren meintest.
Wie schrie er selig, als du weintest:
Sie träumt nicht mehr, sie lebt mit dir!
Drückende Luft
Der Himmel dunkelte noch immer;
ich fühlte tief bis in mein Zimmer
der fahlen Wolken vollen Schooß.
Die Esche drüben drehte schwer
die hohe Krone um sich her;
zwei Blätter trieben wirbelnd los.
Laut tickte durch die schwüle Stube,
wie durch die stille Totengrube
der Holzwurm ticken mag, die Uhr.
Und durch die Türe hinter mir
klang dünn und schüchtern ein Klavier
über den Flur.
Der Himmel lastete wie Schiefer;
ihr Spiel klang immer trauertiefer,
ich sah sie wohl.
Dumpf rang der Wind im Eschenlaub,
die Luft war grau von Glut und Staub
und seufzte hohl.
Und blasser tönten durch die Wände
die tastenden verweinten Hände,
sie saß und sang;
sang sich das Lied, in sich gebückt,
mit dem sie mich als Braut entzückt;
ich fühlte, wie ihr Atem rang.
Die Wolken wurden immer dumpfer,
die wunden Töne immer stumpfer,
wie Messer stumpf, wie Messer spitz;
und aus dem alten Liebeslied
klagten zwei Kinderstimmen mit --
da fiel der erste Blitz.
Aufblick
Über unsre Liebe hängt
eine tiefe Trauerweide.
Nacht und Schatten um uns beide.
Unsre Stirnen sind gesenkt.
Wortlos sitzen wir im Dunkeln.
Einstmals rauschte hier ein Strom,
einstmals sahn wir Sterne funkeln.
Ist denn Alles tot und trübe?
Horch --: ein ferner Mund --: vom Dom --:
Glockenchöre ... Nacht ... Und Liebe ...
Stiller Gang
Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.
Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.
Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen.
Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei.
Vorbei.
Ein Grab
Das sind die Abende, die bleich verfrühten.
Die Georginen, die im Sonnenscheine
wie rot und gelbe letzte Rosen glühten,
stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine.
Der Nebel klebt an unsern Hüten.
Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz
umgittert Eine, die zu früh verblich.
Komm heim; mich friert. Sie liebte mich.
Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz;
still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.
Klage
In diesen welken Tagen,
wo Alles bald zu Ende ist,
sturmzerfetzte Sonnenblumen
über dunkle Zäune ragen,
Wolken jagen
und den Boden flammenfarbne
Blätterstürze schlagen:
da müssen wir nun tragen,
was wir uns mußten sagen
in diesen welken Tagen.
Einst im Herbst
Durch den Wald, den ernsten alten Wald,
sprangen drei Mädchenrangen;
hatten Flammen von Abendglanz im Haar,
schwangen Zweige mit rotem Herbstlaub,
ließen sie prangen, ja prangen.
Kam ein Herr, ein ernster alter Herr,
durch den Glanz gegangen;
bot ihm eine lachend ein Zweiglein dar,
schönes rotes Herbstlaubzweiglein,
lachend mit blutjungen Wangen.
Stand er lächelnd, lächelnd im ernsten Wald,
während sie weitersprangen;
schwang sein rostrot Zweiglein im Abendglanz,
sah die ihren drei flammengolden
fern noch prangen, ja prangen.
Der gesunde Mann
Meine Frau ist krank, sie
wird wohl bald sterben;
dann kann ich lachen,
dann werd’ich was erben.
O, wie lieb mir das Leben im Leibe schlägt,
wenn ihr Husten mir das Herz zersägt;
hilf Gott.
Da sitzt sie am Ofen
und lächelt ins Feuer;
die Flammen röcheln
so ungeheuer.
Es kocht die Glut, ein Scheit zerspringt,
und eine ferne Glocke klingt:
hilf Gott.
Befreit
Du wirst nicht weinen. Leise, leise
wirst du lächeln; und wie zur Reise
geb ich dir Blick und Kuß zurück.
Unsre lieben vier Wände! Du hast sie bereitet,
ich habe sie dir zur Welt geweitet --
o Glück!
Dann wirst du heiß meine Hände fassen
und wirst mir deine Seele lassen,
läßt unsern Kindern mich zurück.
Du schenktest mir dein ganzes Leben,
ich will es ihnen wiedergeben --
o Glück!
Es wird sehr bald sein, wir wissen’s Beide.
Wir haben einander befreit vom Leide;
so geb’ich dich der Welt zurück.
Dann wirst du mir nur noch im Traum erscheinen
und mich segnen und mit mir weinen --
o Glück!
Trost
Du sahst eine Sternschnuppe fallen;
was hebst du scheu die Hand?
Sieh, kein Stern verschwand:
alle leuchten noch allen.
Wunder
Niemals war es mir ein Wunder,
daß die Bäume, wenn die Blätter fallen,
all schon wieder voller Knospen stehn.
Immer wird nun, wenn die Blätter fallen,
deine Frage mich bewegen:
Kann man traurig auf dies Wunder sehn?
Kalte Frage
Wo bist du nun? Die Täler sind verschneit;
es starrt der Fluß, der gestern noch sich regte.
Ich staune in die bleiche Dunkelheit
wie dort das Licht, das ferne, unbewegte.
Winterwärme
Mit brennenden Lippen,
unter eisblauem Himmel,
durch den glitzernden Morgen hin,
in meinem Garten,
hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.
Alle Bäume scheinen zu blühen;
von den reifrauhen Zweigen
streift dein Frühwind
schimmernde Flöckchen nieder,
gleichsam Frühlingsblendwerk;
habe Dank!
An meiner Dachkante hängt
Eiszapfen neben Zapfen,
starr;
die fangen zu schmelzen an.
Tropfen auf Tropfen blitzt,
jeder dem andern unvergleichlich,
mir ins Herz.
Kein Bleiben
Immer dichter
flüchtet der Schnee.
Ich steh und seh
die Flocken treiben,
um Straßenlichter,
stumme Gesichter,
immer dichter.
Nur nicht bleiben:
weiter, weiter,
einsamer Schreiter!
Heimweh in die Welt
O wie lange litt ich’s nun, wie stumm!
soll ich denn mein Herz, mein Herz noch töten?
War doch dein, nur dein, in Glut und Nöten;
weißt warum?
Weil mein Herz so wild,
weil es Meere braucht,
wenn der Sturm ins Blut mir taucht,
weil es deine Tiefen so gefühlt!
Doch wenn nun der Frühling wieder sprießt
-- o, ich fühls, ich fühls, so stumm ich blieb --
und im warmen Sturm der junge Trieb
schwillt und schießt:
wird mein Herz so wild,
weil es Meere braucht,
wenn der Sturm ins Blut mir taucht,
weil es so in alle Weiten fühlt!
Hast es doch gewußt. Damals im Mai:
als uns auf der Bergwand der Blitz umlohte,
als ich jauchzte und dem Donner drohte,
adlerfrei:
gabst mir deine Hand,
mein in Glut und Schmerz,
sankest mir ans wilde Herz,
unten glänzte fern das deutsche Land.
Und wenn nun der Frühling blühen will
und die herrlichen Blitze wieder glühn
und im Sturm die Meere wieder sprühn:
dann -- oh still --
gieb mir deine Hand,
Einmal noch ein Schmerz,
Einmal noch ein deutsches Herz,
dann leb wohl, mein Weib, mein Vaterland!
Über frei Feld
Über frei Feld, mein Hund und ich;
die Frühlingsluft ist dunkel.
Fern staut sich ein Gewitterstrich;
mein Teckel knurrt, er fürchtet sich.
Komm, Teckel.
Er will nicht sehn die Himmelswand,
die Sonne sticht durch Wolken;
blendende Streifen ziehn durchs Land,
ein Scherben blitzt wie Diamant.
Komm, Teckel.
Am Saum der Saat, von Stiel zu Stiel,
schleicht ungewiß sein Schatten;
ein Regen sprüht wie Mückenspiel,
die Tropfen flimmern ohne Ziel.
Komm, Teckel.
Da: jäh am Horizont hin zuckt
der erste Blitz im Jahre.
Ein kurz entschlossner Donner ruckt;
mein Teckel hat sich scheu geduckt.
Hundsseele!
Zweiter Teil
Der Frühlingskasper
Weil nun wieder Frühling ist,
Leute,
streu ich butterblumengelber Kasper
lachend
lauter lilablaue Asternblüten
hei ins helle Feld!
Lilablaue Astern, liebe Leute,
Astern
blühn im deutschen Vaterland bekanntlich
blos im Herbst.
Aber Ich, ich butterblumengelber Kasper,
streue,
weil nun wieder heller Frühling ist,
tanzend
tausend dunkelblaue Asternblüten
hei in alle Welt!
Entladung
Ich kam mit meinem Alpenstocke
und offner Brust vom Berg geschlendert;
begegnet mir im Ordensrocke
ein Zug von Nonnen, grau bebändert,
zehn schwarze Paare.
Den Blick zu Boden, steif und stumm,
so kamen sie dahergestiegen;
ich seh die Täler ringsherum
in leichenhaftem Glanze liegen,
Gewitter drohte.
Fern unten, wo noch Sonne gährte,
zog durch den wolkendunkeln See
ein Dampfschiff seine blanke Fährte,
und Tücher winken hell Ade;
ich schau nach Oben.
Wie sieht die Bergwand düster aus!
Ein greller Kirchturm steht davor
und fordert frech den Blitz heraus;
die Tannen sträuben sich empor
wie Warnungszeichen.
Und herrisch kommt der Wind gesaust,
die Straße her, mit Staub und Frische,
und nimmt die Birken in die Faust
und schüttelt sie wie Flederwische;
es donnert schon.
Die strengen Ordensröcke stieben;
nur rasch vorbei, ihr armen Schwestern!
ihr dürft nur tote Heilige lieben.
Rasch! Eure stumpfen Blicke lästern
Natur und Leben.
Ah: wie die Gletscherkanten glühn!
Vom Dampfer hör ich Juchzer klingen;
der Regen klatscht ins wilde Grün,
und mit dem Wirbelwinde ringen
vierzig Nonnenwaden.
Da hob ich meine Alpenstange
und schlug ein Kreuz auf ihren Trott,
und lachte laut und lachte lange,
und herzlich herzlos, wie ein Gott --
sie +hörten’s+.
Anbetung
Letzter Schritt, und hoch mit mir
strebt der Turm ins Licht;
und vom Steigen auf zu Dir
bebt mein heiß Gesicht.
Hier, wo keine Menschen sind,
sieh mich niederknien!
Ums Gesimse saust dein Wind,
und ich fühle ihn,
wie er an das Steingerüst
seine Hände legt
und es schüttelt und es küßt
und mein Haar durchfegt.
Durch die Glocken unter mir
rauscht sein Atemstrom.
Sonne, Sonne, Schöpferin, Dir
bebt der ganze Dom,
den o Dein Dom überblaut,
und den schaffensbang
einst ein Mensch wie Ich gebaut,
Mensch im Überschwang!
Ausblick
Jetzt einen Schritt, dann stürzt vom Rande
mein Leben in die Schlucht hinab.
Wie hängt die Sonne tief im Lande!
Ich recke mich auf meinem Stande,
und alle Sehnsucht fällt mir ab.
Denn dort aus Wald-und-Wolkenkränzen
ragt mir erreichbar Firn an Firn.
Die Wirklichkeit ist ohne Grenzen!
Wie nah die fernen Dörfer glänzen,
der Strom dazwischen wie ein Zwirn!
Ich lehne mich zurück mit Grauen:
was ist hier groß, was ist hier klein.
Da blüht ein Enzian: nun schauen
zwei Menschenaugen in den blauen,
einsamen, winzigen Kelch hinein.
In gelben Pollen reift der Samen,
Unendlichkeiten ahnen mir;
und selig ruf ich einen Namen --
du Mutter meiner Kinder, Amen,
mein Leben blüht, ich danke dir!
Ideale Landschaft
Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn,
und eine hohe Abendklarheit war,
und sahst nur immer weg von mir,
ins Licht, ins Licht --
und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.
Auf See
Doch hatte niemals tiefere Macht dein Blick,
als da du, Abschied fühlend, still am Ufer
standest, schwandest. Nur der Blick noch
blieb und bebte über den Wassern.
Dunkel folgte der Schein den leuchtenden Furchen.
Und ich sah den Schaum der tiefen Flut,
sah dein weißes Kleid zerfließen:
du Seele -- Seele -- --
Gesang vor Nacht
Im großen Glanz der Abendsonne
schauert die See; sacht steigt die Flut.
Im großen Glanz der Abendsonne
ergreift auch mich die weite Glut.
Im großen Glanz der Abendsonne
braust immer feuriger mein Blut:
Noch steigt die Flut --
im großen Glanz der Abendsonne.
Klarer Tag
Der Himmel leuchtet aus dem Meer;
ich geh und leuchte still wie er.
Und viele Menschen gehn wie ich,
sie leuchten alle still für sich.
Zuweilen scheint nur Licht zu gehn
und durch die Stille hinzuwehn.
Ein Lüftchen haucht den Strand entlang:
o wundervoller Müßiggang.
Dunkle Gewalt
Wieder! Da kommt sie durchs Gewimmel.
An ihrem Busen, in der Rechten,
wie Nachtgewölke ruhn am Himmel,
die aufgerafften dunklen Flechten --
bestricken meinen Blick wie Schlangen,
mir träumt von Paradiesesnächten --
Was ziehst du plötzlich so voll Bangen
den Mantel, Weib, vor deine Flechten?
Ballade von der wilden Welt
Schöne stille Seele
hatte einen Garten,
rings um den Dornheckenwerk
und Urwalddickicht starrten,
einen Blumengarten.
Schöne stille Seele
saß in ihrem Zelt,
bebte vor den Häßlichkeiten
oh der wilden Welt,
in ihrem seidnen Zelt.
Schöne stille Seele
sah gern Kolibris
durch die Blütenbüsche huschen
überm warmen Kies,
die goldnen Kolibris.
Und die bunten Schmetterlinge,
und die blanken Schlangen;
schöne stille Seele
sah sie gern im Dickicht prangen,
die sonneblanken Schlangen.
Sah auch gern die blauen Blitze
über den Wäldern jagen
und die fernen schneebedeckten
Kraterberge ragen;
+schöne+ stille Seele!
Schöne stille Seele
erschrak auf einmal sehr:
durch das Dornwerk drang ein hoher
wilder Fremdling her.
Seele bebte sehr.
Fremder Weltumsegler,
ich saß so schön allein;
du wirst mich Schlange schelten,
dann werden wir häßlich sein.
Und stehst so schön allein.
Schöne stille Seele
konnt alldas nicht sagen,
sah den Fremdling vor sich höher
als die Berge ragen;
konnt kaum Willkomm sagen.
Konnt ihn nur empfangen endlich,
Ihn -- o wilde Welt --
Blitze, Blüten, Kolibris
jagten um ihr Zelt --
+schöne+ wilde Welt! --
Herr und Herrin
Ein Mann:
Da du so schön bist, darf ich dich beschwören,
errege nicht mein leicht erregtes Blut.
Da du so schön bist, kann ich dir nicht wehren,
daß deine Hand zu sehr in meiner ruht.
Da du so schön bist, muß ich dich begehren,
denn alle Schönheit ist mir freies Gut.
Da du so schön bist, will ich dich zerstören,
damit es nicht ein Andrer tut ...
Das Weib:
Da du so stark bist, darfst du mich begehren,
doch meine Schönheit bleibt mein freies Gut.
Da du so stark bist, kannst du mich zerstören,
wenn dir die Tat nicht selbst zu wehe tut.
Da du so stark bist, mußt du mir beschwören,
daß du beschützen wirst mein schutzlos Blut.
Da du so stark bist, will ich dir nicht wehren,
daß deine Hand in meiner ruht ...
Ballade vom Kuckuck
Du hast zwei schöne Kinder, Frau,
sie spielen um unsre Füße im Gras;
was schweift dein Blick in die Wolken?
„Ich warte auf meinen Kuckuck, Mann;
er ruft mir immer von fern was zu,
immer zu, wenn die Kinder spielen.“
Was hat er dir zuzurufen, Frau?
Was schweift dein Blick so fremd und bang,
daß mir graut für unsre Kinder?
„Unsre Kinder bleiben nicht unser, Mann;
sie spielen mit Blume und Schmetterling,
einst horchen sie auch auf den Kuckuck.“
So will ich den Kuckuck totschießen, Frau!
Ich schoß schon manchen Habicht tot,
der unser Hühnervolk schreckte.
„Kam immer wieder ein Habicht, Mann;
kommt immer wieder ein Kuckuck von fern.
Horch -- nun schreckt dich selber sein Lockruf.“
Vorspiel
Sie ist nur durch mein Zimmer gegangen
und hat mir scheu von Träumen erzählt;
und ich habe sie mit Trost gequält
und saß und starb fast vor Verlangen.
Sie hat geträumt von meinen Händen:
sie aß von ihres Mannes Brot,
da kam ich an und drückte sie tot,
sie hielt ganz still ... Wie wird das enden ...
Wellentanzlied
Ich warf eine Rose ins Meer,
eine blühende Rose ins grüne Meer.
Und weil die Sonne schien, Sonne schien,
sprang das Licht hinterher,
mit hundert zitternden Zehen hinterher.
Als die erste Welle kam,
wollte die Rose, meine Rose, ertrinken.
Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm,
mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken.
Da faßte die dritte sie am Saum,
und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr;
aber hundert tanzende Blütenblätter
wiegten sich rot, rot, rot um mich her,
und es tanzte mein Boot,
und mein Schatten auf dem Schaum,
und das grüne Meer, das Meer -- --
Bewegte See
Noch Einmal so! Im Nebel durch den Sturm:
das Segel knatterte, die Schiffer schrieen,
am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm,
ich fühlte deine Angst in meinen Knieen
und sah dein stolz und fremd Gesicht.
Noch Einmal wollte mir dein Auge drohn,
wie eine Flamme stand dein Haar im Winde,
doch in den Wellen rang ein Ton
wie das Gewein von einem Kinde --
da wehrtest du mir nicht:
Um meine Lippen lag dein naß wild Haar,
um deine Schulter lag mein Arm gezogen,
und unsern Kuß versüßte wunderbar
der Schaum der salzigen Sturzwogen --
da schrie ich laut vor Freude auf.
Noch Einmal so! Was tust du jetzt so kalt,
hast du denn Furcht vorm offnen Meere?
Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald!
im Hafennebel tanzt die Fähre --
hinaus! hinauf!
Der Sturm
Der Sturm ging noch die ganze Nacht,
ganz daß die Nacht dem Abend glich.
Ich bin fortwährend aufgewacht:
wie war der Abend schauerlich!
Uns schnitt der Ton bis unters Herz;
dann haben wir noch mehr gelacht --
Du, dein Mann, und ich.
Verklärung
Schwer sind dir die grauen Tage?
Seele, komm: ich nehm dich ganz,
wie du willst, du liebe Plage!
Horch, der Regen rauscht wie Tanz,
und die Windsbraut singt und geigt:
Nichts ist schwer, sind +wir+ nur leicht!
Schwingen wir nur erst im Reigen,
hingerissen Spur in Spur,
braucht kein Engel mehr zu geigen,
Erde wird zur Himmelsflur.
Tanze, leichte Seele, tanz:
jeder Tag hat seinen Glanz!
Das Schloß
Ich bin arm, du bist reich,
darum bau ich dir ein Schloß
aus meinen purpurnsten Träumen.
Das steht am grauen Nordseedeich,
wo die funkelndsten Wellen schäumen.
Denn unsre Liebe ist so groß,
daß die ganze Welt mir ein Spiel ist;
und alle Meere um unser Schloß
staunen, was mein Ziel ist.
Mein Ziel ist eine tiefe Nacht:
wir schwimmen auf unserm Schlosse,
und die Wellen springen an unsre Yacht
wie trunken schreiende Rosse.
Und ich lass ein wildrotes Nordlicht scheinen,
du liegst vor mir in Flammen,
und unser glühendes Schloß stürzt ein,
und wir stürzen mit ihm zusammen
und ertrinken -- --
Der Schwimmer
Gerettet! Und er streichelt den Strand,
um den er rang mit dem wilden Meer;
noch peitscht der weiße Gischt seine Hand.
Und er blickt zurück aufs wilde Meer.
Und blickt um sich ins graue Land;
das liegt im Sturm, wie’s vorher lag,
fest und schwer.
Da wirds nun sein wie jeden Tag.
Und er blickt zurück aufs wilde Meer ...
Beschwichtigung
Die Nacht wird kühl; mein Schatten kriecht
im Sand am Rand des Ozeans.
Der Mond vergießt sein fremdes Licht
und nimmt den Sternen ihren Glanz.
Die See rauscht.
Was quäl ich mich! Hier trieb vielleicht
schon manches Paar sein loses Spiel,
und sind erglüht und sind erbleicht,
und sprachen dann vom Tode viel.
Die See rauscht.
Wenn alles Land gefroren ist,
wenn übers eingeschneite Feld
die Sonne ihren Glanz ergießt,
dann wird dir fremd sein, was dich quält.
Die See rauscht.
Lied an den Mond
Willkommen, weißer Mond im Blauen,
allein!
Laß mich in Deine Heimat schauen,
sei mein!
Ich sitz im Dunkeln voll Geduld,
du scheinst!
O leuchte jedem heim voll Huld,
dereinst!
Gruß
Schlaflos lieg’ich, wie im Fieber
starr’ich in ein Schattenmeer:
endlich glänzt vielleicht ihr lieber
Augenstern darüber her.
Endlich -- und zwei Seelen brächten
solchen Gruß sich durch die Welt,
wie aus hohen Sommernächten
Stern zu Stern vom Himmel fällt.
Aufglanz
Der Mond ist neu geworden,
nun kommen die dunkeln Nächte;
da klopft das Herz mit stärkerem Schlag
und wünscht ein andres Herz herbei,
an dem es erglühen möchte.
Glühn bis ins ruhelose
dunkelste Blut hinein:
o Nacht, gib Licht,
o Tag, erschein,
die Welt ist neu geworden!
Morgenstunde
Ob du wohl auch so schlaflos liegst
und dich in wachen Träumen wiegst
vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt?
Ich schau ins dunkle Firmament:
der Morgenstern, in großem Bogen,
ist langsam längst heraufgezogen
und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt.
Vor meinen schwachen Augen
-- nun weiß ich doch, zu was sie taugen --
strahlt er, je höher her, je flimmernder
Weihnächtig glänzt die graue Stille.
O zögre, Alltag! Ohne Brille
sieht man die Welt unendlich schimmernder.
Schon aber glitzert sein Gezitter blasser;
nun steh ich auf und geb der Lilie Wasser,
die du mir gestern heimlich brachtest.
Und wenn du mich dafür auslachtest:
sanft nehm ich sie von ihrer Stätte
und leg sie auf mein warmes Bette
und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.
Ruf
Immer stiller stehn die Bäume,
nicht ein Blatt mehr scheint zu leben,
und ich fühle Wüstenträume
durch den bangen Mittag beben,
bis ins bange Blut mir zittern,
bis ins Herz, wie Feuerpfeile.
O, ich lechze nach Gewittern!
Komm, Geliebte! eile! eile!
Berückung
Und du kamest in mein Haus,
kamst mit deinen schwarzen Blicken;
sah ich ferne Palmen nicken,
und du gabst mir deinen Strauß.
Gabst die zitternden Narzissen,
die wir in der Wildnis pflückten;
deine schwarzen Locken schmückten
meines Diwans rote Kissen.
Kehre wieder in mein Haus,
laß die wilden Blumen blühen!
Unsre jungen Lippen glühen;
gieb mir, gieb mir deinen Strauß!
Wirrsal
Weine nicht, mein treues Weib!
Jene Andre, die mich auch liebt,
die beglückt wohl meinen Leib,
aber Du hast meine ganze Seele.
Und du bist ihr nicht verhaßt.
Mußt du sie nicht mit mir lieben,
die so innig zu mir paßt
wie mein ganzer Leib zu meiner Seele?
Sie beglückt doch diesen Leib,
den sie liebt und der sie auch liebt,
wie er Dich beglückt, mein Weib!
Und dann hat sie meine ganze Seele ...
Nach einem Regen
Sieh, der Himmel wird blau;
die Schwalben jagen sich
wie Fische über den nassen Birken.
Und du willst weinen?
In deiner Seele werden bald
die blanken Bäume und blauen Vogel
ein goldnes Bild sein.
Und du weinst?
Mit meinen Augen
seh ich in deinen
zwei kleine Sonnen.
Und du lächelst.
Der gute Hirte
Laßt uns endlich heiter wandeln
durch die grillenvolle Welt!
Wenn wir unbekümmert handeln,
ist das Schwerste leicht bestellt.
Glück macht jede Seele fromm;
eil dich, Rahel! Lea, komm!
Saht ihr je die Lämmer streiten,
wen der Hirte lieber hab?
Also laßt die Zwistigkeiten,
zärtlich winkt mein Jakobsstab.
Seht, schon zieht der Mond herauf:
eil dich, Rahel! Lea, lauf!
Mach ich euch nicht glücklich Beide,
wenn auch meistenteils allein?
Schmachtend schimmern Wald und Weide:
wer wird heut die Einzige sein?
O, wie lieblich riecht der Klee;
eil dich, Rahel -- Lea, geh -- --
Stimme im Dunkeln