Gerade in dem Augenblicke als die beiden Fragen des Testes und der

Comprehension sich in eine Weise mit einander zu verwickeln begannen,

welche einen aufgeklärten und rechtschaffenen Staatsmann wohl in

Verlegenheit setzen konnte, gesellte sich dazu noch eine dritte Frage

von hoher Wichtigkeit.

[Anmerkung 88: Die Bill befindet sich in den Archiven des Hauses

der Lords. Es ist befremdend, daß diese große Sammlung wichtiger

Dokumente selbst von unseren gewissenhaftesten und fleißigsten

Geschichtsforschern ganz unbeachtet gelassen worden ist. Sie wurde

mir durch einen meiner werthesten Freunde, Mr. John Lefevre,

geöffnet und die Güte des Mr. Thoms unterstützte mich wesentlich

bei meinen Nachforschungen.]

[Anmerkung 89: Unter den Tanner'schen Manuscripten in der

Bodlejanischen Bibliothek befindet sich ein höchst interessanter

Brief von Compton an Sancroft über die Toleranzbill und die

Comprehensionsbill. »Dies,« sagt Compton, »sind zwei wichtige

Werke, bei denen die Existenz unsrer Kirche interessirt ist, und

ich hoffe, Sie werden sich aus dem Parlamente Exemplare davon

holen lassen. Denn obgleich wir unter einer Eroberung stehen,

hat Gott uns doch Gnade geschenkt vor den Augen unserer Herrscher,

und wir können unsre Kirche aufrecht halten, wenn wir wollen.«

Sancroft scheint nicht darauf geantwortet zu haben.]

[Anmerkung 90: Die Abneigung der Hochkirchlichen gegen die Artikel

ist Gegenstand einer interessanten Flugschrift, welche 1689 unter

dem Titel erschien: +A Dialogue between Timothy and Titus+.]

[Anmerkung 91: Tom Brown sagt in seiner derb komischen Manier von

den damaligen presbyterianischen Geistlichen, ihr Predigen »bringe

Geld ein, mit Geld kaufe man Grundbesitz und Grundbesitz sei

ein Genuß, nach dem jedem von ihnen gelüste, trotz ihres

scheinheiligen Gewinsels. Wären die Quartalbeiträge nicht, so

würde es kein Schisma und keine Separation mehr geben.« Er fragt,

wie es denkbar sei, daß sie, »wenn sie sich während der Spaltung

wie Gentlemen ständen, jemals Lehren predigen würden, welche den

Bruch heilen könnten?« -- +Brown's Amusements, Serious and

Comical.+ -- Einige interessante Beispiele von dem Einflusse, den

die vornehmsten Dissentergeistlichen ausübten, finden sich in

Hawkins' +Life of Johnson+. In dem »Tagebuche eines Bürgers, der

sich zur Ruhe gesetzt hat« (+Spectator 317+.) erlaubt sich Addison

einige sehr gute Witze über den Gegenstand. Der Mr. Nisby, dessen

Ansichten über den Frieden, den Großvezier und den gezuckerten

Kaffee mit so großem Respect angeführt werden, und der so

freigebig mit Marksknochen, Ochsenfleisch und einer Flasche von

Brooks & Hellier regalirt wird, ist John Nesbit, ein sehr

beliebter Prediger, der zur Zeit der Revolution Pastor einer

Dissentergemeinde in Hare Court, Aldergate Street, wurde. In

Wilson's +History and Antiquities of Dissenting Churches and

Meeting Houses in London, Westminster and Southwark+ findet man

mehrere Beispiele von nonconformistischen Predigern angeführt,

welche um diese Zeit zu hübschem Vermögen gelangten, meist durch

Heirathen, wie es scheint.]

[_Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und Suprematseide._] Die

seitherigen Huldigungs- und Suprematseide enthielten einige Ausdrücke,

welche den Whigs stets mißfallen hatten, und wieder andere, welche

Tories, die der neuen Ordnung der Dinge aufrichtig zugethan waren,

für unanwendbar auf Fürsten hielten, welche das erbliche Recht nicht

besaßen. Die Convention hatte daher, als der Thron noch erledigt war,

die Huldigungs- und Suprematseide entworfen, durch die wir noch heute

unsrem Souverain unsre Loyalität bezeugen. Durch die Acte, welche die

Convention in ein Parlament verwandelte, wurde den Mitgliedern beider

Häuser vorgeschrieben, die neuen Eide zu leisten. Bezüglich der anderen

öffentlichen Beamten war es schwer zu sagen, wie das Gesetz stand.

Die eine Wortformel war durch ordnungmäßig angenommene und noch nicht

ordnungmäßig aufgehobene Gesetze vorgeschrieben. Eine andre Formel war

durch die Rechtserklärung vorgeschrieben, ein Instrument, das zwar

revolutionär und regelwidrig war, das aber wohl als jedem andren Gesetze

an Autorität gleichstehend angesehen werden konnte. Die Praxis war in

eben so großer Verwirrung als das Gesetz. Es wurde daher als nothwendig

erkannt, daß die Legislatur unverzüglich eine Acte erließe, welche die

alten Eide abschaffte und zugleich bestimmte, wann und von wem die neuen

Eide geleistet werden sollten.

Die Bill, welche diese wichtige Frage erledigte, ging vom Oberhause aus.

Die meisten Bestimmungen boten der Meinungsverschiedenheit wenig

Spielraum. Man war allgemein darüber einverstanden, daß in Zukunft

Niemand ein bürgerliches, militärisches, geistliches oder akademisches

Amt erhalten solle, der nicht Wilhelm und Marien die Eide geleistet

habe. Eben so allgemein war man damit einverstanden, daß Jeder, der

bereits ein bürgerliches oder militärisches Amt bekleidete, aus

demselben entfernt werden sollte, wenn er nicht an oder vor dem 1.

August 1689 die Eide leistete. Die heftigsten Leidenschaften beider

Parteien aber wurden durch die Frage erregt, ob Personen, welche bereits

kirchliche oder akademische Ämter inne hatten, gehalten sein sollten,

dem Könige und der Königin, bei Strafe der Absetzung, Treue zu schwören.

Niemand konnte sagen, welchen Eindruck ein Gesetz machen würde, das

allen Mitgliedern eines großen, mächtigen und geheiligten Standes

vorschrieb, unter der feierlichsten religiösen Bekräftigung eine

Erklärung abzugeben, welche als ein förmlicher Widerruf alles dessen was

sie seit vielen Jahren geschrieben und gepredigt hatten, angesehen

werden konnte. Der Primas und einige der angesehensten Bischöfe waren

schon aus dem Parlamente weggeblieben und ließen ohne Zweifel eher ihre

Paläste und Einkünfte im Stiche, als daß sie die neuen Souveraine

anerkannten. Dem Beispiele dieser hohen Prälaten folgten vielleicht eine

Menge Geistlicher niederen Ranges, Hunderte von Canonici, Präbendarien

und Collegiaten und Tausende von Pfarrern. Einem solchen Ereignisse

konnte kein Tory, mochte er auch mit sich selbst völlig im Klaren

darüber sein, daß er dem factischen Könige rechtmäßigerweise den

Huldigungseid leisten könne, ohne die schmerzlichsten Regungen von

Theilnahme für die Dulder und von Besorgniß für die Kirche

entgegensehen.

Einige Personen gingen so weit zu leugnen, daß ein Parlament überhaupt

befugt sei, ein Gesetz zu erlassen, welches einem Bischofe bei Strafe

der Absetzung vorschreibe, den Eid zu leisten. Keine irdische Macht,

sagten sie, könne das Band zerreißen, das den Nachfolger der Apostel an

seine Diöcese knüpfe. Was Gott zusammengefügt habe, könne der Mensch

nicht trennen. Könige und Senate könnten Worte auf Pergament kritzeln

und Figuren in Wachs drücken; aber diese Worte und Figuren könnten den

Lauf der geistlichen Welt so wenig ändern wie den Lauf der physischen

Welt. Wie der Schöpfer des Weltalls eine gewisse Ordnung festgesetzt

habe, nach welcher es ihm gefalle, Winter und Sommer, Saat- und

Erntezeit zu senden, eben so habe er eine gewisse Ordnung festgesetzt,

nach der er seiner katholischen Kirche seine Gnade zu Theil werden

lasse, und die letztere Ordnung sei, wie die erstere, unabhängig von den

Gewalthabern und Fürsten der Welt. Eine Legislatur könne die Namen der

Monate ändern, könne den Juni December und den December Juni nennen,

aber trotz aller Legislatur werde Schnee fallen, wenn die Sonne im

Steinbock, und Blumen blühen, wenn sie im Krebs stände. Eben so könne

die Legislatur befehlen, daß Ferguson oder Muggleton im Palaste zu

Lambeth wohnen, auf dem Throne Augustin's sitzen, Euer Gnaden genannt

werden und bei Prozessionen vor dem ersten Herzoge gehen solle, trotz

der Legislatur aber werde Sancroft, so lange er lebe, der einzig wahre

Erzbischof von Canterbury, und Derjenige, der sich die erzbischöflichen

Functionen anzumaßen wage, ein Schismatiker sein. Diese Doctrin wurde

mit Gründen bewiesen, welche dem Knospen des Machtkrauts und einer

gewissen Platte entlehnt waren, die Jakob der Kleine nach einer Legende

des 4. Jahrhunderts auf der Stirn zu tragen pflegte. Ein von der

Absetzung der Bischöfe handelndes Manuscript wurde um diese Zeit in der

Bodlejanischen Bibliothek entdeckt und Gegenstand einer heftigen

Polemik. Die eine Partei meinte, Gott habe dieses kostbare Werk

wunderbarerweise an's Licht gezogen, um seine Kirche in einem äußerst

kritischen Augenblicke zu leiten. Die andre Partei wunderte sich, wie

man dem Unsinne eines namenlosen Scribenten des 13. Jahrhunderts die

geringste Wichtigkeit beilegen könne. Es wurde viel geschrieben über die

Absetzungen des Chrisostomus und des Photius, des Nikolaus Mysticus und

des Cosmas Atticus. Mit besonderem Eifer aber wurde der Fall des

Abjathar discutirt, den Salomo wegen Verraths aus dem Priesteramte

entfernte. Keine geringe Quantität Gelehrsamkeit und Scharfsinn wurde

auf den Versuch verwendet, zu beweisen, daß Abjathar, obgleich er den

Leibrock trug und nach dem Urim antwortete, nicht wirklich Hoherpriester

gewesen sei, daß er nur dann fungirt habe, wenn sein Vorgesetzter Zadoc

durch Krankheit oder durch eine ceremonielle Entweihung abgehalten

worden sei und daß daher die Handlung Salomo's kein Präcedenzfall sei,

der dem Könige Wilhelm das Recht gebe, einen wirklichen Bischof

abzusetzen.[92]

Doch eine solche Argumentation, obwohl durch zahlreiche Citate aus der

Mischna und aus Maimonides unterstützt, war im allgemeinen selbst

eifrigen Kirchenmännern nicht genügend. Denn sie ließ eine kurze, aber

einem einfachen Manne, der von griechischen Vätern und levitischen

Genealogien nichts wußte, vollkommen verständliche Antwort zu. Ob König

Salomo einen Hohenpriester abgesetzt habe, darüber konnte noch ein

Zweifel obwalten; aber es unterlag nicht dem geringsten Zweifel, daß die

Königin Elisabeth mehr als die Hälfte der Bischöfe England's ihrer

Bisthümer beraubt hatte. Es war notorisch, daß vierzehn Prälaten ohne

irgend welche Procedur bei einem geistlichen Gerichtshofe durch eine

Parlamentsacte abgesetzt worden waren, weil sie das Supremat der Königin

nicht hatten anerkennen wollen. Waren diese Absetzungen null und nichtig

gewesen? War Bonner bis an sein Lebensende der einzig wahre Bischof von

London geblieben? War sein Nachfolger ein Usurpator gewesen? Waren

Parker und Jewel Schismatiker gewesen? Hatte sich die Convocation von

1562, welche die Doctrin der englischen Staatskirche endgültig

festgestellt, selbst außer dem Schooße der Kirche Christi befunden? Es

konnte nichts Lächerlicheres geben als die Verlegenheit der Polemiker,

welche eine Vertheidigung Elisabeth's auffinden sollten, die nicht auch

eine Vertheidigung Wilhelm's war. Einige Zeloten gaben allerdings den

eitlen Versuch auf, zwischen zwei Fällen einen Unterschied zu machen,

zwischen denen, wie der einfachste Verstand einsah, kein Unterschied

war, und gestanden offen zu, daß die Absetzungen von 1559 nicht zu

rechtfertigen seien. Doch, sagte man, solle sich darüber Niemand

beunruhigen, denn wenn auch die englische Kirche einmal schismatisch

gewesen sei, so sei sie doch wieder katholisch geworden, als die von

Elisabeth abgesetzten Bischöfe aufgehört hätten zu leben.[93] Die Tories

waren indessen nicht allgemein geneigt zuzugeben, daß die

Religionsgesellschaft, an der sie mit Liebe hingen, aus einem

ungesetzlichen Bruche der Einheit entstanden sei. Sie faßten daher

tieferen und haltbareren Grund. Sie behandelten die Frage als eine Frage

der Humanität und Zeitgemäßheit. Sie sprachen viel von dem Danke, den

die Nation dem Priesterstande schuldig sei, von dem Muthe und der Treue,

womit dieser Stand, vom Primas bis herab zum jüngsten Diakonus,

neuerdings die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs

vertheidigt habe, von dem denkwürdigen Sonntage, an welchem in allen

hundert Kirchen der Hauptstadt kaum ein Sklave zu finden gewesen war,

der die Indulgenzerklärung verlesen hätte; von dem schwarzen Freitage,

an welchem die Barke der sieben Prälaten unter den Segenswünschen und

dem lauten Schluchzen einer zahlreichen Volksmenge durch das Wasserthor

des Tower einfuhr. Die Festigkeit, mit der die Geistlichkeit, trotz

aller Drohungen und Versuchungen, unlängst gethan habe, was sie ihrer

Überzeugung nach für Recht gehalten, habe die Freiheit und die Religion

England's gerettet. Müsse man nicht Nachsicht gegen sie üben, wenn sie

sich jetzt weigerten etwas zu thun, wovon sie ihrer festen Überzeugung

nach fürchteten, daß es Unrecht sei? Und was ist für Gefahr dabei, sagte

man, wenn sie nachsichtig behandelt werden? Kein Mensch wird so albern

sein vorzuschlagen, daß man ihnen gestatten solle, gegen die Regierung

zu complottiren oder das Volk aufzuwiegeln. Sie stehen unter dem Gesetze

wie andere Leute. Machen sie sich des Verraths schuldig, so hänge man

sie auf. Machen sie sich der Empörung schuldig, so lege man ihnen

Geldbußen und Gefängnißstrafe auf. Unterlassen sie bei ihrem

öffentlichen Gottesdienste für den König Wilhelm, für die Königin Marie

und für das unter diesen allerreligiösesten Souverainen versammelte

Parlament zu beten, so bringe man die Strafbestimmungen der

Uniformitätsacte in Anwendung. Genügt das noch nicht, so ermächtige man

Se. Majestät, von irgend einem Geistlichen die Eide zu verlangen, und

werden die Eide verweigert, so möge Absetzung erfolgen. Auf diese Weise

kann jeder eidverweigernde Bischof oder Pfarrer, der zwar gesetzlich

nicht zu überführen ist, doch aber in dem Verdachte steht, gegen die

bestehende Ordnung der Dinge zu intriguiren, zu schreiben und zu

sprechen, sofort seines Amtes entsetzt werden. Warum aber darauf

bestehen, einen frommen und fleißigen Diener der Religion zu vertreiben,

der gegen die Regierung nie einen Finger erhebt oder ein Wort ausspricht

und der bei jedem Morgen- und Abendgottesdienste aus vollem Herzen um

einen Segen für die von der Vorsehung über ihn gesetzten Regenten fleht,

der aber einen Eid nicht leisten will, durch welchen er dem Volke das

Recht zuzugestehen glaubt, einen Souverain abzusetzen? Wir thun gewiß

Alles was nothwendig ist, wenn wir Leute dieser Art der Gnade des

Fürsten preisgeben, dem sie Treue zu schwören sich weigern. Ist er

geneigt, sich ihre Scrupel gefallen zu lassen, will er sie, trotz ihrer

Vorurtheile, als unschuldige und nützliche Mitglieder der Gesellschaft

betrachten, wer hat ein Recht, sich darüber zu beklagen?

Die Whigs stritten heftig für die entgegengesetzte Ansicht. Sie

analysierten mit einem durch Haß noch erhöhten Scharfsinn die Ansprüche

der Geistlichkeit auf die öffentliche Dankbarkeit und gingen mitunter so

weit, es gänzlich in Abrede zu stellen, daß der Stand sich im

vorhergehenden Jahre um die Nation verdient gemacht habe. Es sei wohl

wahr, daß Bischöfe und Priester gegen die Tyrannei des vorigen Königs

aufgestanden seien, aber eben so wahr sei es, daß er, hätten sie sich

nicht so hartnäckig der Ausschließungsbill widersetzt, niemals König

geworden wäre und daß er, ohne ihre Schmeichelei und ihre Lehre

vom passiven Gehorsam, es nie gewagt haben würde, sich solcher

Tyrannei schuldig zu machen. Ihre Hauptthätigkeit habe seit einem

Vierteljahrhundert darin bestanden, das Volk kriechen und den Fürsten

dominiren zu lehren. Sie hätten das Blut Russel's, Sidney's und jedes

muthigen, rechtschaffenen Engländers auf ihrem Gewissen, der

hingeschlachtet worden sei, weil er das Land vom Papismus und

Despotismus zu befreien versucht habe. Nie hätten sie einen Laut gegen

Willkürherrschaft vernehmen lassen, bis die Willkürherrschaft sie selbst

in ihrem Eigenthum und ihrer amtlichen Stellung zu bedrohen angefangen

habe. Dann hätten sie freilich ihre alten Gemeinplätze von Unterwerfung

unter Nero vergessen und nicht gesäumt, sich zu retten. Zugegeben,

sagten diese eifrigen Disputanten, daß sie, indem sich selbst retteten,

auch die Verfassung retteten. Sollen wir deshalb vergessen, daß sie sie

vorher gefährdet hatten? und sollen wir sie dafür belohnen, indem wir

ihnen jetzt gestatten, sie zu vernichten? Wir haben hier eine Klasse von

Leuten vor uns, die mit dem Staate eng verwachsen ist. Ein großer Theil

der Bodenerzeugnisse ist ihnen zu ihrem Unterhalte angewiesen. Ihre

Oberhäupter haben Sitze in der gesetzgebenden Versammlung, große

Landgüter und prächtige Paläste. Durch diesen privilegirten Stand wird

die große Masse des Volks allwöchentlich vom Sitze der Autorität herab

belehrt. Diesem privilegirten Stande ist die oberste Leitung der

liberalen Erziehung übertragen. Oxford und Cambridge, Westminster,

Winchester und Eton stehen unter priesterlicher Direction. Die

Priesterschaft wird in bedeutendem Umfange den Character des hohen Adels

und der Gentry der nächsten Generation bilden. Einige Mitglieder der

höheren Geistlichkeit haben zahlreiche und einträgliche Pfründen zu

vergeben. Andere haben das Privilegium, Richter zu ernennen, welche

hochwichtige, die Freiheit, das Eigenthum und den Ruf der Unterthanen

Ihrer Majestäten berührende Fragen entscheiden. Und ein vom Staate so

begünstigter Stand soll dem Staate keine Bürgschaft geben? Nach welchem

Prinzipe kann behauptet werden, daß es unnöthig sei, von einem

Erzbischof von Canterbury oder einem Bischof von Durham das Gelöbniß der

Treue gegen die Regierung zu verlangen, das nach Aller Überzeugung von

jedem Laien verlangt werden muß, der der Krone in der bescheidensten

amtlichen Stellung dient? Jeder Acciseinnehmer, jeder Zollbeamte,

der den Eid verweigert, soll seines Brodes beraubt werden. Für diese

geringen Märtyrer des passiven Gehorsams und des erblichen Rechts hat

Niemand ein Wort. Ein geistlicher Magnat aber, der sich weigert zu

schwören, soll Einkünfte, Patronat und Macht behalten dürfen, welche

denen eines hohen Staatsbeamten gleichkommen. Man sagt es sei

überflüssig, von einem Geistlichen die Eide zu verlangen, weil er

bestraft werden könne, wenn er die Gesetze übertrete. Warum wendet man

das nämliche Argument nicht auch zu Gunsten der Laien an? Und warum

trägt der Geistliche Bedenken, die Eide zu leisten, wenn es sein ernster

Wille ist, die Gesetze zu beobachten? Das Gesetz schreibt ihm vor,

Wilhelm und Marien als König und Königin zu bezeichnen, dies an der

heiligsten Stätte und bei Ausübung des feierlichsten aller religiösen

Gebräuche zu thun. Das Gesetz verlangt von ihm zu beten, daß eine

besondere Vorsehung über dem erlauchten Paare walte, daß es jeden Feind

besiegen und daß sein Parlament durch Gottes Hand dahin geleitet werden

möge, diejenigen Maßregeln anzuordnen, welche seine Sicherheit, seine

Ehre und sein Wohlergehen fördern können. Können wir glauben, daß sein

Gewissen ihm gestatte, dies Alles zu thun, nicht aber zu versprechen,

daß er ein treuer Unterthan des Herrscherpaares sein wolle?

Auf den Vorschlag, daß die eidverweigernden Geistlichen der Gnade des

Königs preisgegeben werden sollten, erwiederten die Whigs mit einigem

Rechte, daß kein gegen Se. Majestät ungerechterer Plan ersonnen werden

könne. Die Angelegenheit, sagten sie, ist von nationaler Bedeutung, es

ist eine Angelegenheit, an der jeder Engländer, der nicht der Sklave

Frankreich's und Rom's sein will, das größte Interesse hat. In einem

solchen Falle ist es der Stände des Reichs unwürdig, vor der

Verantwortlichkeit, für das Gemeinwohl zu sorgen, zurückzuschrecken,

sich selbst womöglich das Lob der Nachsicht und Liberalität zu

verschaffen und dem Souverain das gehässige Werk der Proscription zu

überlassen. Ein Gesetz, das von allen öffentlichen Beamten,

bürgerlichen, wie militärischen und kirchlichen, ohne Unterschied der

Person, die Eide verlangt, ist wenigstens unparteiisch. Es schließt

jeden Verdacht der Parteilichkeit, des persönlichen Hasses, der geheimen

Espionage und Ohrenbläserei aus. Wenn aber der Regierung ein

willkürliches Schalten zugestanden wird, wenn der eine eidverweigernde

Priester eine einträgliche Pfründe behalten darf, während man einen

andren mit Weib und Kindern auf die Straße setzt, so wird jede Absetzung

als ein Act der Grausamkeit betrachtet und dem Souverain und dessen

Ministern als ein Verbrechen angerechnet werden.[94]

So hatte das Parlament in einem und dem nämlichen Augenblicke zu

entscheiden, welche Quantität von Erleichterung dem Gewissen der

Dissenters gewährt und welche Quantität von Zwang dem Gewissen des

Klerus der Landeskirche auferlegt werden sollte. Der König hoffte,

daß es in seiner Macht stehen werde, einen allen Parteien angenehmen

Vergleich zu Stande zu bringen. Er schmeichelte sich, daß die Tories

bewogen werden könnten, den Dissenters ein Zugeständniß zu machen, unter

der Bedingung, daß die Whigs mild gegen die Jakobiten verführen. Er

beschloß, die Wirkung seiner persönlichen Intervention zu versuchen.

Der Zufall wollte, daß er wenige Stunden, nachdem die Lords die

Comprehensionsbill zum zweiten Male und die Bill wegen der Eide zum

ersten Male verlesen hatten, Gelegenheit hatte, sich ins Parlament zu

verfügen, um zu einem Gesetze seine Zustimmung zu geben. Er sprach vom

Throne herab zu beiden Häusern und äußerte den ernstlichen Wunsch,

daß sie einwilligen möchten, die bestehenden Gesetze dergestalt zu

modificiren, daß die öffentlichen Ämter allen Protestanten zugänglich

würden.[95] Man wußte wohl, daß er, wenn die Legislatur seinem Verlangen

willfahrte, Geistliche, welche bereits Pfründen besaßen, im Genusse

derselben zu lassen gedachte, ohne daß sie ihm den Huldigungseid

leisteten. Sein Verfahren bei dieser Gelegenheit verdient unzweifelhaft

das Lob der Uneigennützigkeit. Es gereicht ihm zur Ehre, daß er seinen

Unterthanen Gewissensfreiheit zu erkaufen suchte, indem er ein Bollwerk

seiner eignen Krone aufgab. Aber man muß gestehen, daß er weniger

Klugheit als Tugendhaftigkeit bewies. Wenn Burnet gut unterrichtet war,

so war Richard Hampden der einzige Engländer seines Geheimraths,[96] den

er befragte, und Richard Hampden war, obgleich ein höchst ehrenwerther

Mann, doch so weit davon entfernt, für die Whigpartei stehen zu können,

daß er nicht einmal für seinen eignen Sohn Johann bürgen konnte, dessen

von Haus aus rachsüchtiger Character durch den Stachel der Reue und

Scham bis zum Ingrimm aufgereizt worden war. Der König überzeugte sich

bald, daß die beiden Parteien einander mit einer Energie haßten, die

ihrer Liebe fehlte. Die Whigs waren zwar fast einhellig der Meinung, daß

der Sakramentstest abgeschafft werden müsse, sie waren aber keineswegs

darin einig, daß der Augenblick dazu gut gewählt sei, und selbst

diejenigen Whigs, welche am sehnlichsten wünschten, die Nonconformisten

unverzüglich von der Nichtbefähigung zu bürgerlichen Ämtern entbunden zu

sehen, waren fest entschlossen, sich die Gelegenheit zur Demüthigung und

Bestrafung der Klasse nicht entgehen zu lassen, deren Mitwirkung

hauptsächlich der furchtbare Umschwung der öffentlichen Stimmung

zuzuschreiben war, der auf die Auflösung des Oxforder Parlaments folgte.

Die Jane, die South, die Sherlock in die Lage zu versetzen, daß sie

entweder verhungern oder öffentlich und mit dem Evangelium auf den

Lippen alle prahlerischen Erklärungen vieler Jahre widerrufen mußten:

das war eine zu köstliche Rache, als daß man sie sich hätte entgehen

lassen können. Der Tory dagegen achtete und bemitleidete aufrichtig

diejenigen Geistlichen, die sich wegen der Eide Gewissensscrupel

machten. Der Test aber war seiner Ansicht nach für die Sicherheit der

herrschenden Religion wesentlich nothwendig und durfte nicht aufgegeben

werden zu dem Zwecke, einen wenn auch noch so ausgezeichneten Mann von

einem wenn auch noch so schweren Ungemach zu befreien. Es würde

allerdings ein schmerzlicher Tag für die Kirche sein, wenn die

Bischofsbank, die Kapitelhäuser der Kathedralen und die Hallen der

Collegien einige durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit berühmte

Männer vermißten. Aber ein noch viel schmerzlicherer Tag würde es für

die Kirche sein, wenn ein Independent den weißen Stab trüge, oder ein

Baptist auf dem Wollsack säße. Jede Partei suchte Denen zu dienen, für

die sie sich interessirte, aber keine von beiden wollte ihren Feinden

günstige Bedingungen zugestehen. Die Folge davon war daß die

Nonconformisten vom Staatsdienste ausgeschlossen blieben und die

Eidverweigerer von den kirchlichen Ämtern vertrieben wurden.

Im Hause der Gemeinen hielt kein Mitglied es für zweckmäßig, die

Aufhebung der Testacte zu beantragen. Aber es wurde Erlaubniß gegeben,

eine Bill zur Aufhebung der Corporationsacte einzubringen, die kurz nach

der Restauration vom Cavalierparlamente erlassen worden war und eine

Bestimmung enthielt, welche allen Municipalbeamten vorschrieb, das

heilige Abendmahl nach den Formen der englischen Kirche zu empfangen.

Als diese Bill in Begriff war dem Ausschusse überwiesen zu werden,

beantragten die Tories, daß der Ausschuß bedeutet werden sollte, in dem

Gesetz über das Sacrament keine Änderung vorzunehmen. Diejenigen Whigs,

welche eifrig für die Comprehension waren, müssen durch diesen Antrag in

große Verlegenheit gesetzt worden sein. Für denselben zu stimmen wäre

eine prinzipielle Inconsequenz gewesen; dagegen zu stimmen hätte so viel

geheißen als mit Nottingham brechen. Es wurde ein Mittelweg gefunden.

Die Vertagung der Debatte wurde beantragt, mit 116 gegen 114 Stimmen

angenommen und der Gegenstand nicht wieder in Anregung gebracht.[97] Im

Hause der Lords wurde ein Antrag auf Abschaffung des Sacramentstestes

gestellt, aber mit großer Majorität verworfen. Viele von Denen, welche

die Bill im Prinzip für richtig hielten, erachteten sie für nicht

zeitgemäß. Es wurde ein Protest aufgesetzt, aber nur von einigen wenigen

minder angesehenen Peers unterzeichnet. Es ist ein auffallender Umstand,

daß zwei bedeutende Häupter der Whigpartei, welche in der Regel ihre

parlamentarischen Pflichten sehr gewissenhaft erfüllten, bei dieser

Gelegenheit abwesend waren.[98]

Auf die Debatte über den Test folgte im Oberhause bald eine Debatte über

die letzte Klausel der Comprehensionsbill. Diese Klausel bestimmte, daß

dreißig Bischöfe und Priester beauftragt werden sollten, die Liturgie

und die Kirchengesetze zu revidiren und Abänderungen vorzuschlagen. Über

diesen Punkt waren die whiggistischen Peers fast Alle eines Sinnes. Sie

waren in großer Zahl anwesend und sprachen warm. Warum, fragten sie,

sollten nur Mitglieder des Priesterstandes mit dieser Revision

beauftragt werden? Gehöre der Laienstand nicht auch zur englischen

Kirche? Wenn die Commission ihren Bericht erstattet habe, würden Laien

über die darin enthaltenen Änderungsvorschläge zu entscheiden haben.

Keine Zeile im allgemeinen Gebetbuche könne anders als durch die

Autorität des Königs, der Lords und der Gemeinen abgeändert werden.

Der König sei ein Laie, fünf Sechstel der Lords seien Laien, und die

Mitglieder des Hauses der Gemeinen seien sämmtlich Laien. Sei es nicht

widersinnig zu behaupten, daß Laien nicht befugt seien, in einer

Angelegenheit zu prüfen, über welche anerkanntermaßen Laien in letzter

Instanz entscheiden müßten? Und könne etwas dem ganzen Geiste des

Protestantismus mehr zuwider sein als die Ansicht, daß einer besonderen

Kaste, und dieser Kaste allein, eine außergewöhnliche Urtheilsfähigkeit

in geistlichen Dingen verliehen sei, daß Männer wie Selden, wie Hale,

wie Boyle, weniger competent seien, über eine Collecte oder einen

Glaubensartikel ein Urtheil abzugeben, als der jüngste und einfältigste

Kaplan, der in einem abgelegenen Schlosse sein Leben mit Aletrinken und

Beilkespielen hinbringe? Was Gott festgesetzt habe, könne keine irdische

Macht, sei es eine weltliche oder eine geistliche, abändern, und in

Dingen, welche menschliche Wesen festgesetzt hätten, habe ein Laie

sicherlich ein eben so competentes Urtheil als ein Geistlicher. Daß die

anglikanische Liturgie und das anglikanische Kirchengesetz rein

menschlichen Ursprungs seien, erkenne das Parlament an, indem es die

Revision und Verbesserung derselben einer Commission übertrage. Wie

könne man da behaupten, daß in einer solchen Commission der Laienstand,

der eine so große Mehrheit der Bevölkerung bilde, dessen Erbauung der

Hauptzweck aller kirchlichen Einrichtungen sei und dessen unschuldige

Neigungen bei Feststellung der öffentlichen Religionshandlungen

sorgfältig zu Rathe gezogen werden müßten, nicht einen einzigen

Vertreter zu haben brauche? Die Präcedenzfälle sprächen direct gegen

diese gehässige Unterscheidung. Zu wiederholten Malen, seit das Licht

der Reformation über England aufgegangen, seien durch ein Gesetz

Commissionen ermächtigt worden, die Kirchengesetze zu revidiren, und bei

jeder solchen Gelegenheit seien einige von den Commissaren Laien

gewesen. Im gegenwärtigen Falle könne man gegen den vorgeschlagenen

Modus noch besondere Einwendungen machen, denn der Zweck der Maßregel

sei die Verhöhnung der Dissenters, und es sei daher äußerst

wünschenswerth, daß die Commissare Männer wären, auf deren

Unparteilichkeit und Mäßigung die Dissenters bauen könnten. Würden

dreißig solcher Männer in den höheren Rangstufen des geistlichen Standes

leicht zu finden sein? Es sei die Pflicht der Legislatur, zwischen zwei

einander feindlich gegenüberstehenden Parteien, den nonconformistischen

Theologen und den anglikanischen Theologen, zu entscheiden, und es würde

demnach die gröbste Unbilligkeit sein, einer der beiden Parteien das

Schiedsrichteramt zu übertragen.

Aus diesen Gründen schlugen die Whigs ein Amendement des Inhalts vor,

daß die Commission aus Geistlichen und Laien bestehen sollte. Der Kampf

war heiß. Burnet, der eben seinen Sitz unter den Peers eingenommen hatte

und dem darum zu thun gewesen zu sein scheint, fast um jeden Preis die

Zuneigung seiner Amtsbrüder zu gewinnen, stritt mit dem ganzen ihm

eignen Feuer für die gegenwärtige Fassung der Klausel. Bei der

Abstimmung ergab sich eine völlig gleiche Stimmenzahl für und wider, und

somit war, den Regeln des Hauses gemäß, das Amendement abgeworfen.[99]

Endlich wurde die Comprehensionsbill ins Haus der Gemeinen gesandt. Hier

würde sie leicht mit zwei Stimmen gegen eine durchgebracht worden sein,

wenn sie von allen Freunden der Religionsfreiheit unterstützt worden

wäre. Aber in dieser Angelegenheit konnten die Hochkirchlichen auf den

Beistand eines großen Theils der Niederkirchlichen rechnen. Diejenigen

Mitglieder, welche Nottingham's Plane wohlwollten, sahen, daß sie in der

Minorität waren, und begannen daher, am Siege verzweifelnd, auf den

Rückzug zu denken. Gerade in diesem Augenblicke wurde ein Antrag

gestellt, der alle Stimmen für sich hatte. Nach dem herkömmlichen

Gebrauche mußte gleichzeitig mit einem Parlamente eine Convocation

einberufen werden, und man durfte wohl behaupten, daß der Rath einer

Convocation dann am nöthigsten sein müßte, wenn es sich um Abänderungen

in dem Ritual und der Disciplin der Kirche handelte. In Folge des

unregelmäßigen Modus aber, nach welchem die Stände des Reichs während

der Erledigung des Thrones zusammenberufen worden waren, gab es diesmal

keine Convocation. Es wurde daher beantragt, daß das Haus dem Könige

rathen solle, Maßregeln zur Abhülfe dieses Mangels zu ergreifen, und daß

das Schicksal der Comprehensionsbill nicht entschieden werden solle, bis

der Klerus Gelegenheit gehabt habe, durch das alte und rechtmäßige Organ

seine Meinung auszusprechen.

Dieser Antrag wurde mit allgemeiner Acclamation angenommen. Die Tories

freuten sich, daß dem Priesterstande eine solche Ehre erzeugt wurde;

diejenigen Whigs, welche gegen die Comprehensionsbill waren, freuten

sich, sie zuverlässig für ein Jahr, wahrscheinlich aber für immer bei

Seite gelegt zu sehen; und diejenigen Whigs, welche für die

Comprehensionsbill waren, freuten sich, ohne Niederlage davon zu kommen.

Viele unter ihnen hofften in der That, daß milde und freisinnige

Rathschläge im geistlichen Senate vorherrschen würden. Eine Adresse,

welche den König ersuchte die Convocation einzuberufen, wurde ohne

Abstimmung angenommen, die Lords wurden zum Beitritt aufgefordert, sie

traten bei, die Adresse wurde durch beide Häuser dem Könige überreicht,

der König versprach, zur geeigneten Zeit den Wunsch seines Parlaments zu

erfüllen, und Nottingham's Bill ward nicht wieder erwähnt.

Viele mit der Geschichte der damaligen Zeit unvollkommen bekannte

Schriftsteller haben aus diesem Verfahren gefolgert, daß das Haus der

Gemeinen eine Versammlung von Hochkirchlichen gewesen sei; aber nichts

ist gewisser, als daß zwei Drittel der Mitglieder entweder

Niederkirchliche oder Nichtanhänger der Landeskirche waren. Wenige Tage

vor dieser Zeit hatte ein an sich unbedeutender, als Kennzeichen der

Gesinnung der Majorität aber höchst wichtiger Vorgang stattgefunden.

Es war beantragt worden, daß das Haus dem alten Herkommen gemäß seine

Sitzungen bis nach den Osterfeiertagen suspendiren solle. Die Puritaner

und Latitudinarier machten Einwendungen dagegen, es entspann sich eine

heftige Debatte, die Hochkirchlichen wagten es nicht, abstimmen zu

lassen, und zum großen Ärgerniß vieler angesehenen Personen nahm der

Sprecher am Ostermontag um neun Uhr seinen Stuhl ein und es wurde eine

lange und lebhafte Sitzung gehalten.[100]

Dies war indessen keineswegs der stärkste Beweis, den die Gemeinen dafür

gaben, daß sie in der That weit entfernt waren eine besondere

Ehrerbietung oder Liebe zur anglikanischen Hierarchie zu hegen. Die Bill

zur Festsetzung der Eide war aber in einer dem Klerus günstigeren

Fassung von den Lords ins Unterhaus gekommen. Allen weltlichen Beamten

war bei Strafe der Absetzung vorgeschrieben, dem Könige und der Königin

Treue zu schwören. Jeder Geistliche aber, der bereits eine Pfründe

besaß, sollte dieselbe auch ohne zu schwören, behalten dürfen, wenn die

Regierung keinen Grund sah, von ihm speciell eine Versicherung seiner

Loyalität zu verlangen. Burnet hatte, theils ohne Zweifel aus der seinem

Character eignen Gutherzigkeit und Großmuth, theils um seine Amtsbrüder

zu gewinnen, diese Anordnung im Oberhause mit großer Energie

unterstützt. Im Unterhause aber war die Stimmung gegen die jakobitischen

Priester unbesiegbar. An dem nämlichen Tage, an welchem dieses Haus ohne

Abstimmung die Adresse votirte, welche den König ersuchte, die

Convocation einzuberufen, wurde eine Klausel vorgeschlagen und

angenommen, welche von Jedem, der ein kirchliches oder akademisches Amt

bekleidete, bei Strafe der Suspension verlangte, am 1. August 1689 die

Eide zu leisten. Sechs Monate von diesem Tage an gerechnet, wurden dem

sich Weigernden zur nochmaligen Überlegung bewilligt. Beharrte er auch

dann noch auf seiner Weigerung, so sollte er am 1. Februar 1690

definitiv abgesetzt werden.

So abgeändert wurde die Bill den Lords zurückgeschickt. Diese aber

blieben bei ihrem ursprünglichen Beschlusse. Conferenz auf Conferenz

wurde gehalten, Vergleich auf Vergleich wurde vorgeschlagen. Aus den

unvollkommenen Berichten, welche auf uns gekommen sind, geht hervor, daß

jedes Argument zu Gunsten der Milde von Burnet energisch hervorgehoben

wurde. Doch die Gemeinen blieben fest, die Zeit drängte, der ungewisse

Zustand des Rechts machte sich in allen Zweigen des Staatsdienstes in

nachtheiliger Weise fühlbar, und so gaben die Peers mit Widerstreben

endlich nach. Zu gleicher Zeit fügten sie eine Klausel hinzu, durch

welche der König ermächtigt wurde, von den verwirkten Pfründen einigen

wenigen nicht schwörenden Geistlichen Geldunterstützungen zu gewähren.

Die Anzahl der so begünstigten Geistlichen sollte zwölf nicht

übersteigen und die bewilligte Unterstützung durfte höchstens ein

Drittheil des verwirkten Einkommens betragen. Einige eifrige Whigs

wollten selbst diese Vergünstigung nicht gelten lassen; doch die

Gemeinen waren mit dem errungenen Siege zufrieden und dachten mit Recht,

daß es ungefällig sein würde, wenn sie ein so geringfügiges Zugeständiß

verweigerten.[101]

[Anmerkung 92: Siehe unter vielen anderen Schriften Dodwell's

+Cautionary Discourse+, seine +Vindication of the Deprived

Bishops+, seine +Defence of the Vindication+ und seine

+Paraenesis+, sowie Bisby's +Unity of Priesthood+, gedruckt 1692.

Ferner vergleiche man Hody's Gegenschriften, das Baroccianische

Manuscript und +Salomon and Abiathar, a Dialogue between Eucheres

and Dyscheres+.]

[Anmerkung 93: +Burnet II.+ 135. Der albernste von allen

Versuchen, zwischen den Absetzungen von 1559 und denen von 1689

einen Unterschied nachzuweisen, wurde von Dodwell gemacht. Siehe

seine +Doctrine of the Church of England concerning the

Independency of the Clergy on the lay Power, 1697+.]

[Anmerkung 94: Über diese Polemik sehe man +Burnet II. 7, 8, 9+;

+Grey's Debates, April 19, 22. 1689+; +Commons' Journals, April

20, 22.+; +Lords' Journals, April 21.+]

[Anmerkung 95: +Lords' Journals, March 16. 1689.+]

[Anmerkung 96: +Burnet II. 7. 8.+]

[Anmerkung 97: Burnet sagt (II. 8.), daß der Antrag, den

Sacramentstest abzuschaffen, in beiden Häusern mit großer

Majorität verworfen worden sei. Hierin täuschte ihn jedoch sein

Gedächtniß, denn im Hause der Gemeinen fand keine andre Abstimmung

über den Gegenstand statt als die oben erwähnte. Bemerkenswerth

ist es, daß Gwyn und Rowe, welche die Stimmen der Majorität

zählten, zwei der entschiedensten Whigs im ganzen Hause waren.]

[Anmerkung 98: +Lords' Journals March 21. 1689.+]

[Anmerkung 99: +Lords' Journals, April 5. 1689+; +Burnet II. 10.+]

[Anmerkung 100: +Commons' Journals, March 28., April 1. 1689.+;

Pariser Gazette vom 23. April. Ein Theil der Stelle in der Pariser

Gazette verdient angeführt zu werden. +»Il y eut ce jour là+

(am 28. März) +une grande contestation dans la Chambre Basse, sur

la proposition qui fut faite de remettre les séances après les

fêtes de Pasques observées toujours par l'Eglise Anglicane.

Les Protestans conformistes furent de cet avis; et les

Presbytériens emportèrent à la pluralité des voix que les séances

recommenceroient le Lundy, seconde feste de Pasques.«+ Die

Niederkirchlichen werden von den damaligen französischen und

holländischen Schriftstellern häufig Presbyterianer genannt. Es

waren nicht zwanzig eigentliche Presbyterianer im Hause der

Gemeinen. Siehe +A. Smith and Cutler's plain Dialogue ahout Whig

and Tory, 1690.+]

[Anmerkung 101: Berichte über das was in den Conferenzen vorging,

findet man in den Protokollen der beiden Häuser, und sie sind

lesenswerth.]

[_Die Bill zur Festsetzung des Krönungseides._] Diese Debatten wurden

auf kurze Zeit durch die Feste und Feierlichkeiten der Krönung

unterbrochen. Als der zu dieser wichtigen Ceremonie bestimmte Tag

heranrückte, verwandelte sich das Haus der Gemeinen in einen Ausschuß

behufs Festsetzung der Wortformel, durch welche unsere Landesherren

hinfüro ihren Vertrag mit der Nation schließen sollten. Darüber waren

alle Parteien einig, daß es angemessen sei, vom Könige den Eid zu

verlangen, daß er in weltlichen Angelegenheiten dem Gesetz gemäß

regieren und die Gerechtigkeit mit Milde üben wolle. Über die Ausdrücke

des Eides aber, die sich auf die kirchlichen Institutionen des Landes

bezogen, wurde viel debattirt. Sollte der höchste Beamte im Staate bloß

einfach versprechen, die protestantische Religion aufrecht zu erhalten,

wie sie durch das Gesetz aufgestellt war, oder sollte er versprechen,

diese Religion aufrecht zu erhalten, wie sie später durch das Gesetz

festgestellt werden würde? Die Majorität war für die erstere Phrase.

Die andre wurde von denjenigen Whigs vorgezogen, welche für eine

Comprehension waren. Es wurde jedoch allgemein zugestanden, daß beide

Phrasen eigentlich gleichbedeutend seien und daß der Eid, mochte er

lauten wie er wollte, den Souverain nur in seiner executiven Gewalt

binden werde. Dies ging in der That aus der ganzen Natur des Actes klar

hervor. Jeder Vertrag kann durch die freiwillige Zustimmung der Partei,

welche allein die Erfüllung zu verlangen berechtigt ist, annullirt

werden. Die strengsten Casuisten hatten es nie in Zweifel gestellt, daß

ein Schuldner, der sich unter den feierlichsten Schwüren verpflichtet

hat zu zahlen, rechtmäßigerweise die Zahlung unterlassen kann, wenn der

Gläubiger ihn seiner Verbindlichkeit entheben will. Eben so klar ist es,

daß keine von einem Könige durch die Stände seines Reichs verlangte

Zusicherung ihm die Verpflichtung auferlegen kann, seine Zustimmung zu

etwas zu verweigern, was diese Stände später einmal wünschen mögen.

Es wurde eine mit den Beschlüssen des Ausschusses übereinstimmende Bill

entworfen, welche rasch durch alle parlamentarischen Stadien ging. Nach

der dritten Lesung erhob sich ein thörichtes Mitglied, um einen Zusatz

zu beantragen, in welchem erklärt werde, daß der Eid den Souverain,

nicht hindern solle, in eine etwaige Änderung im Ceremoniell der Kirche

zu willigen, immer vorausgesetzt, daß das Episkopat und eine

geschriebene Gebetsform beibehalten würden. Die plumpe Absurdität dieses

Antrags wurde von mehreren ausgezeichneten Mitgliedern dargelegt. Eine

solche Klausel, bemerkten sie ganz richtig, würde den König binden,

während sie ihm freieren Spielraum geben sollte. Der Krönungseid, sagten

sie, hat nicht den Zweck, ihn in seiner gesetzgebenden Gewalt zu

behindern. Man lasse diesen Eid in seiner jetzigen Fassung, und kein

Fürst kann ihn mißverstehen. Kein Fürst kann ernstlich glauben, die

beiden Häuser wollten das Versprechen von ihm verlangen, daß er sein

Veto gegen Gesetze einlegen werde, die sie späterhin für das Wohl des

Landes nöthig erachten könnten. Sollte aber einmal ein Fürst den

zwischen ihm und seinen Unterthanen abgeschlossenen Vertrag so

wunderlich mißverstehen, dann wird jeder Theolog, jeder Jurist, den er

um Rath fragt, ihn sogleich beruhigen. Würde dieser Antrag angenommen,

so könnte man unmöglich leugnen, daß der Krönungseid bestimmt sei, den

König zu verhindern, seine Zustimmung zu Bills zu geben, die ihm von den

Lords und Gemeinen vorgelegt würden, und daraus würden sehr ernste

Nachtheile hervorgehen. Diese Argumente wurden als unwiderleglich

erkannt und der Zusatz ohne Abstimmung verworfen.[102]

Jeder, der diese Debatten gelesen hat, muß vollständig überzeugt sein,

daß die Staatsmänner, welche den Krönungseid entwarfen, den König in

seiner gesetzgebenden Gewalt nicht zu binden gemeint waren.[103] Leider

erwachte hundert Jahre später in einem zwar wackeren und gewissenhaften,

aber von Natur beschränkten und starrsinnigen und durch Krankheit zu

gleicher Seit geschwächten und aufgeregten Geiste ein Scrupel, den jene

Staatsmänner für zu widersinnig hielten, als daß irgend ein menschliches

Geschöpf ihn im Ernste hegen könne. Der Ehrgeiz und die Perfidie eines

Tyrannen hat in der That selten größere Übel erzeugt als die waren,

welche jene unselige Gewissenhaftigkeit über unser Land gebracht hat.

Einen außerordentlichen günstigen Augenblick, einen Augenblick, in

welchem Weisheit und Gerechtigkeit Völkerschaften und Secten, die

einander lange feindlich gegenübergestanden, hätten versöhnen und die

britischen Inseln zu einem wahrhaft Vereinigten Königreiche machen

können, ließ man unbenutzt vorübergehen. Die einmal verlorne Gelegenheit

kehrte nicht wieder. Zwei Generationen von Staatsmännern haben sich

seitdem mit unvollkommenem Erfolge bemüht, den damals begangenen Fehler

wieder gut zu machen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß einige von

den schlimmen Folgen dieses Fehlers sich bis auf die spätere Nachwelt

fortwährend fühlbar machen werden.

[Anmerkung 102: +Journals, March 28. 1689+; +Grey's Debates.+]

[Anmerkung 103: Ich will einige Äußerungen anführen, welche in den

gedrängten Berichten über diese Debatten der Nachwelt aufbewahrt

worden. Diese Neuerungen sind bezüglich des Sinnes, in welchem der

Eid von den Gesetzgebern, die ihn entworfen, verstanden wurde,

ganz entscheidend. Musgrave sagte: »Es ist kein Grund zur Aufnahme

dieses Vorbehalts. Es ist undenkbar, daß irgend eine von hier

ausgehende Bill jemals die gesetzgebende Gewalt vernichten werde.«

Finch sagte: »Die Worte: 'durch das Gesetz festgestellt' hindern

den König nicht, eine Bill zur Erleichterung der Dissenters

anzunehmen. Der Vorbehalt ruft den Scrupel erst hervor und giebt

Veranlassung dazu.« Sawyer sagte: »Dies ist der erste Vorbehalt

dieser Art, der je in einer Bill enthalten war. Er scheint die

gesetzgebende Gewalt anzugreifen.« Sir Robert Cotton sagte:

»Obgleich der Vorbehalt zweckmäßig und heilsam aussieht, scheint

er doch einen Fehler zu haben. Unfähig die Gesetze den Umständen

gemäß abzuändern! Dies ruft nicht einen, sondern mehrere Scrupel

hervor; als ob Ihr so an das kirchliche Regiment gebunden wäret,

daß Ihr keine neuen Gesetze ohne einen solchen Vorbehalt ins Leben

rufen könntet!« Sir Thomas Lee sagte: »Ich fürchte es wird dahin

kommen, daß auch andere Gesetze nicht ohne einen solchen Vorbehalt

geschaffen werden können, und deshalb möchte ich denselben

beseitigt wissen.«]

[_Die Krönung._] Die Bill, durch welche die Eidformel festgestellt

wurde, passirte das Oberhaus ohne Amendement. Alle Vorbereitungen waren

getroffen, und am 11. April fand die Krönung statt. In einigen Punkten

unterschied sie sich von gewöhnlichen Krönungen. Die Vertreter des Volks

nahmen in Masse an der Ceremonie Theil und wurden im Schatzkammergebäude

glänzend bewirthet. Marie, die jetzt nicht bloß Königin-Gemahlin,

sondern auch regierende Königin war, wurde in allen Punkten gleich einem

Könige inaugurirt, mit dem Schwerte gegürtet, auf den Thron gesetzt und

ihr die Bibel, die Sporen und der Reichsapfel überreicht. Die weltlichen

Großen des Reichs waren mit ihren Frauen und Töchtern zahlreich und

glänzend vertreten. Es konnte nicht Wunder nehmen, daß die

Whigaristokratie sich bemühte, den Triumph der Whigprinzipien zu

erhöhen. Aber die Jakobiten sahen zu ihrem großen Leidwesen, daß viele

Lords, die für eine Regentschaft gestimmt hatten, eine bedeutende Rolle

bei der Feierlichkeit spielten. Die Krone des Königs wurde von Grafton,

die der Königin von Somerset getragen. Das scharfe Schwert, das Emblem

der weltlichen Justiz, trug Pembroke. Ormond war Großconstabel für den

Tag und ritt durch den Saal zur Rechten des erblichen Kämpen, der

dreimal seinen Handschuh auf den Boden warf und dreimal zum Kampfe auf

Leben und Tod den Verräther herausforderte, der Wilhelm's und Mariens

Recht bestreiten sollte. Unter den Edelfräuleins, welche die prachtvolle

Schleppe der Königin trugen, befand sich ihre schöne und liebenswürdige

Cousine, Lady Henriette Hyde, deren Vater, Rochester, bis zuletzt gegen

den Beschluß gestritten hatte, der den Thron für erledigt erklärte.[104]

Die Bischöfe waren allerdings nur spärlich zu sehen. Der Primas war

nicht erschienen; er war durch Campton vertreten. Zur einen Seite

Campton's trug Lloyd, Bischof von St. Asaph, der sich unter den sieben

Bekennern des vorhergehenden Jahres ausgezeichnet hatte, den

Hostienteller. Zur andren Seite ging Sprat, Bischof von Rochester,

unlängst noch Mitglied der Hohen Commission, mit dem Kelche. Burnet, der

jüngste Prälat, predigte mit seinem ganzen gewohnten Talent und mit mehr

als gewohntem Takt und Urtheil. Sein würdevoller und beredter Vortrag

war weder durch Schmeichelei noch durch boshafte Ausfälle verunziert.

Es soll lebhaft applaudirt worden sein, und es ist in der That wohl zu

glauben, daß der begeisterte Schluß seiner Rede, wo er den Himmel

anflehte, das königliche Paar mit langem Leben und gegenseitiger Liebe,

mit gehorsamen Unterthanen, weisen Räthen und treuen Bundesgenossen, mit

tapferen Flotten und Armeen, mit Sieg, mit Frieden und schließlich mit

ruhmvolleren und unvergänglicheren Kronen als welche zur Zeit auf dem

Altare der Abtei glänzten, zu beglücken, das lauteste Beifallsgemurmel

der Gemeinen erweckte.[105]

Die Ceremonie nahm im Ganzen einen guten Verlauf und bewirkte ein wenn

auch schwaches und vorübergehendes Wiederauflodern der Begeisterung vom

vergangenen December. Der Tag war in London und an vielen anderen Orten

ein allgemeiner Freudentag. Am Vormittag waren die Kirchen gefüllt. Der

Nachmittag wurde mit allerhand Vergnügungen und Gelagen hingebracht und

am Abend wurden Freudenfeuer angezündet, Raketen losgelassen und die

Fenster illuminirt. Dessenungeachtet wußten die Jakobiten reichen Stoff

zu Spötteleien und Sarkasmen zu entdecken oder zu erfinden. Sie

beschwerten sich bitter darüber, daß der Weg von der Halle bis zum

westlichen Thore der Abtei mit holländischen Soldaten besetzt gewesen

sei. Sei es schicklich, daß ein englischer König den feierlichsten

Vertrag mit der englischen Nation hinter einer dreifachen Hecke fremder

Schwerter und Bajonette schließe? Kleine Händel, wie sie bei jeder

öffentlichen Feierlichkeit zwischen den Schaulustigen und den zur

Freihaltung der Communication Angestellten fast unvermeidlich vorkommen,

wurden mit allen Kunstgriffen der Rhetorik übertrieben. Einer der

fremden Söldlinge hatte mit seinem Pferde einen achtbaren Bürger

zurückgetrieben, der sich vorgedrängt, um den königlichen Baldachin

einen Augenblick zu sehen. Ein Andrer hatte mit dem Flintenkolben eine

Frau in roher Weise zurückgestoßen. Auf solche Gründe hin wurden die

Fremden mit den Lord Dänen verglichen, welche vor Zeiten durch ihren

Übermuth die angelsächsische Bevölkerung zu Aufstand und Blutvergießen

angereizt hatten. Das fruchtbarste Thema für den Tadel war jedoch die

Krönungsmedaille, die allerdings eben so abgeschmackt entworfen als

schlecht ausgeführt war. Der Hauptgegenstand des Reverses war ein Wagen,

und der gemeine Mann konnte sich nicht erklären, was dieses Emblem mit

Wilhelm und Marien zu thun hatte. Die mißvergnügten Witzlinge lösten die

Schwierigkeit, indem sie sagten, der Künstler habe auf den Wagen

anspielen wollen, den eine aller Kindesliebe bare und den Interessen

eines ehrgeizigen Gemahls blindlings ergebene römische Prinzessin über

die noch warmen Überreste ihres Vaters hatte fahren lassen.[106]

[Anmerkung 104: Lady Henriette, die ihr Oheim Clarendon in seinem

Tagebuche (Januar 1687/88) die »hübsche kleine Henriette« und »das

beste Kind von der Welt« nennt, verheirathete sich bald nachher

mit dem Earl von Dalkeith, dem ältesten Sohne des unglücklichen

Herzogs v. Monmouth.]

[Anmerkung 105: Die Predigt verdient gelesen zu werden. Siehe die

+London Gazette+ vom 14. April 1689; +Evelyn's Diary+; +Narcissus

Luttrell's Diary+, und die Depesche der holländischen Gesandten an

die Generalstaaten.]

[Anmerkung 106: Eine Probe von der Prosa, welche die Jakobiten

über diesen Gegenstand schrieben, findet man in den Somers'schen

Schriften. Die jakobitischen Verse waren meist zu unanständig,

als daß man sie anführen konnte. Ich wähle einige von den

glimpflichsten Zeilen aus einem sehr seltenen Spottgedicht:

Der elfte des Monats April erschien,

Da wälzt sich der Pöbel nach Westminster hin

Zu sehn wie ein Lumpenbündel man krönt:

Ein schöner König, fürwahr.

Dem Orangenbaum er entsprossen ist,

Doch wenn man im Buche des Schicksals liest

Wird einst ihm noch werden ein andrer Baum:

Ein schöner König, fürwahr.

Von Gestalt ist er nur zur Hälfte ein Mann,

Desto mehr ein Affe, das leugne wer kann;

Hat den Kopf einer Gans und des Kranich's Bein',

Ein schöner König, fürwahr.

Ein Franzos, Namens Le Noble, der seiner Schandthaten wegen aus

seinem Vaterlande verwiesen worden war, sich aber, von der

Polizei geduldet, in Paris versteckt hielt und im Dienste eines

Buchhändlers nothdürftig sein Leben fristete, veröffentlichte bei

dieser Gelegenheit zwei jetzt sehr seltene Pasquille: +»Le

Couronnement de Guillemot et de Guillemette, avec le Sermon du

grand Docteur Burnet«+ und +»Le Festin de Guillemot.«+ An Witz,

Geschmack und Verstand stehen Le Noble's Schriften dem angeführten

englischen Gedicht nicht nach. Er erzählt uns, daß der Erzbischof

von York und der Bischof von London einen Boxerkampf in der Abtei

aufführen, daß der Kämpe auf einem Esel durch die Halle ritt,

welcher stätig wurde und die königliche Tafel mit dem ganzen

Geschirr umstieß, und daß das Banket mit einer Schlägerei zwischen

den mit Stühlen und Bänken bewaffneten Peers und den mit

Bratspießen bewaffneten Köchen endete. Merkwürdigerweise fand

diese Art Witz Leser, und das Portrait des Autors wurde splendid

gestochen mit dem Motto: +»Latrantes ride: te tua fama manet.«+]

[_Beförderungen._] Ehren wurden, wie gewöhnlich, auch bei dieser

festlichen Gelegenheit freigebig gespendet. Drei Hosenbandorden, über

welche die Krone zur Zeit verfügen konnte, wurden Devonshire, Ormond und

Schomberg verliehen. Der Prinz Georg wurde zum Herzog von Cumberland

ernannt. Mehrere hochstehende Männer erhielten neue Titel, mit denen wir

sie von jetzt an bezeichnen müssen. Danby wurde Earl von Caermarthen,

Churchill Earl von Marlborough und Bentinck Earl von Portland. Mordaunt

ward zum Earl von Monmouth ernannt, nicht ohne einiges Murren von Seiten

alter Exclusionisten, die sich noch immer mit Liebe ihres

protestantischen Herzogs erinnerten und welche hofften, sein Urtel werde

umgestoßen und seinen Nachkommen die Führung seines Titels gestattet

werden. Man wunderte sich, daß der Name Halifax nicht auch auf der Liste

der Beförderungen stand. Niemand konnte zweifeln, daß er sehr leicht ein

blaues Band oder eine Herzogskrone hätte erlangen können, und obgleich

er sich von den meisten seiner Zeitgenossen durch seine Verschmähung

unrechtmäßigen Gewinns vortheilhaft auszeichnete, wußte man doch sehr

wohl, daß er auf Ehrentitel mit einer Begierde brannte, der er sich

selbst schämte und die seines glänzenden Geistes unwürdig war.

Allerdings wurde sein Ehrgeiz damals durch Besorgnisse niedergeschlagen.

Leuten, die sein Vertrauen besaßen, theilte er seine Befürchtung mit,

daß schlimme Zeiten bevorständen. Für des Königs Leben könne man kein

Jahr mehr stehen, die Regierung sei unter sich uneinig, die

Geistlichkeit und das Heer unzufrieden, das Parlament von Factionen

zerrissen; der Bürgerkrieg wüthe bereits in einem Theile des Landes und

auswärtiger Krieg sei vor der Thür. In einem solchen Augenblick habe

wohl jeder Minister, ob Whig oder Tory, Grund sich zu beunruhigen, aber

weder ein Whig noch ein Tory habe so viel zu fürchten als der Trimmer,

der nicht unwahrscheinlich die gemeinschaftliche Zielscheibe des Hasses

beider Parteien werden würde. Aus diesen Gründen beschloß Halifax, sich

jeder Ostentation von Macht und Einfluß zu enthalten, durch ein

geflissentliches Zurschautragen von Mäßigung den Neid zu entwaffnen und

durch Artigkeiten und Wohlthaten Personen an sich zu ziehen, deren

Dankbarkeit ihm im Fall einer Contrerevolution von Nutzen sein konnten.

Die nächsten drei Monate, sagte er, würden die Probezeit sein. Halte

sich die Regierung den Sommer über, so werde sie wahrscheinlich fest

stehen.[107]

[Anmerkung 107: +Reresby's Memoirs.+]

[_Die Coalition gegen Frankreich._] Inzwischen gewannen Fragen der

auswärtigen Politik eine immer größere Bedeutung. Das Werk, an welchem

Wilhelm viele trübe und angstvolle Jahre hindurch unermüdlich gearbeitet

hatte, war endlich vollbracht. Die große Coalition war zu Stande. Es war

klar, daß ein verzweifelter Kampf bevorstand. Der Bedrücker Europa's

sollte sich gegen das mit Karl II. von Spanien, mit dem Kaiser Leopold

und mit dem deutschen und dem batavischen Bunde alliirten England

vertheidigen, ohne wahrscheinlich einen andren Bundesgenossen zu haben

als den Sultan, der an der Donau gegen das Haus Österreich Krieg führte.

[_Die Verwüstung der Pfalz._] Ludwig hatte gegen das Ende des

vergangenen Jahres die ungünstige Lage seiner Feinde zu seinem Vortheile

benutzt und den ersten Schlag geführt, ehe sie darauf vorbereitet waren,

ihn zu pariren. Doch dieser wenn auch schwere Schlag hatte nicht da

getroffen, wo er hätte tödtlich werden können. Wären an der batavischen

Grenze Feindseligkeiten ausgebrochen, so würde Wilhelm mit seiner Armee

wahrscheinlich auf dem Continent zurückgehalten worden sein, und Jakob

hätte ungestört in England fortregieren können. Glücklicherweise hatte

Ludwig in einer Verblendung, welche viele fromme Protestanten aus voller

Überzeugung dem gerechten Urtheile Gottes zuschrieben, den Punkt aus den

Augen gelassen, von dem das Geschick der ganzen civilisirten Welt

abhing, und hatte auf einer Seite, wo die glänzendsten Erfolge ihm

nichts als eine Illumination und ein Tedeum eintragen konnten, einen

großen Aufwand von Streitkräften, Schnelligkeit und Energie entfaltet.

Eine französische Armee unter den Befehlen des Marschalls Duras war in

die Pfalz und einige benachbarte Fürstenthümer eingefallen. Dieser

Feldzug aber, konnte, obwohl er vollkommen glücklich ausgefallen war und

obwohl die Geschicklichkeit und Energie, mit der er geleitet worden,

allgemeine Bewunderung erregt hatten, keinen erheblichen Einfluß auf den

Ausgang des herannahenden furchtbaren Kampfes ausüben. Frankreich sollte

bald von allen Seiten angegriffen werden, und dann konnte Duras die

Provinzen, welche er überfallen und überwältigt, unmöglich lange

behaupten. Ein entsetzlicher Gedanke erwachte im Geiste Louvois', der in

militärischen Angelegenheiten zu Versailles die erste Stimme hatte. Er

war ein Mann, der sich durch Eifer für das was ihm im öffentlichen

Interesse nöthig erschien, sowie durch Talent und durch Kenntniß alles

dessen was sich auf die militärische Verwaltung bezog, auszeichnete,

aber er besaß einen harten und grausamen Character. Wenn die Städte der

Pfalz nicht zu behaupten waren, so konnten sie zerstört werden. Wenn der

Boden der Pfalz den Franzosen keine Hülfsmittel lieferte, so konnte er

so verwüstet werden, daß er wenigstens auch den Deutschen keine

Hülfsmittel lieferte. Der hartherzige Staatsmann unterbreitete Ludwig

seinen Plan, wahrscheinlich mit großer Behutsamkeit und einigen

Auslassungen, und Ludwig genehmigte denselben in einer für seinen Ruhm

verderblichen Stunde. Duras erhielt Befehl, eine der schönsten Gegenden

Deutschland's in eine Wüste zu verwandeln. Funfzehn Jahre früher hatte

Turenne einen Theil dieses herrlichen Landes verwüstet. Aber Turenne's

Verheerungen waren, obgleich sie einen tiefen Schatten auf seinen Ruhm

geworfen hatten, ein bloßes Kinderspiel im Vergleich mit den Greueln

dieser zweiten Verwüstung. Der französische Oberbefehlshaber kündigte

einer halben Million Menschen an, daß er ihnen eine dreitägige

Gnadenfrist bewillige und daß sie bis dahin auf ihre Sicherheit bedacht

sein müßten. Bald bedeckten sich die Landstraßen und Felder, welche

damals tief in Schnee vergraben lagen, mit zahllosen Massen von Männern,

Frauen und Kindern, die von ihrem heimathlichen Herde flohen. Viele

kamen vor Hunger und Kälte um; aber es blieben genug am Leben, um alle

Städte Europa's mit abgezehrten, schmutzigen Bettlern zu füllen, die

einst wohlhabende Pächter und Handelsleute gewesen waren. Inzwischen

begann das Zerstörungswerk. Von jedem Marktplatze, jedem Weiler, jeder

Pfarrkirche und jedem Landsitze in den dem Untergange geweihten

Provinzen loderten die Flammen empor. Die Felder, auf denen Getreide

gesäet war, wurden umgepflügt. Die Obstbäume wurden umgehauen. Jede

Hoffnung auf eine Ernte wurde auf der fruchtbaren Ebene in der Nähe der

Stelle wo einst Frankenthal gestanden, von Grund aus zerstört. Kein

Weinstock, kein Mandelbaum war an den Abhängen der sonnigen Hügel mehr

zu sehen, welche das nicht mehr vorhandene Heidelberg umgaben. Kein

Palast, kein Tempel, kein Kloster, kein Krankenhaus, kein Kunstwerk,

kein Grabmal berühmter Verstorbener ward geschont. Das weit und breit

berühmte Schloß des Kurfürsten von der Pfalz wurde in einen Schutthaufen

verwandelt. Das anstoßende Hospital wurde geplündert. Die Vorräthe,

die Medicamente und die Betten, auf denen die Kranken lagen, wurden

vernichtet. In Mannheim wurden, selbst die Steine, aus denen die Stadt

erbaut war, in den Rhein geworfen. Der prächtige Dom von Speier ging zu

Grunde, mit ihm die marmornen Grabmäler von acht Cäsaren. Die Särge

wurden aufgebrochen und die Asche in alle Winde verstreut.[108] Trier

mit seiner herrlichen Brücke, seinem Amphitheater, seinen ehrwürdigen

Kirchen, Klöstern und Collegien war zu demselben Schicksale ausersehen.

Bevor aber dieses letzte Verbrechen verübt werden konnte, wurde Ludwig

durch die Verwünschungen alter Nachbarvölker, durch das Stillschweigen

und die Bestürzung seiner Schmeichler und durch die Vorstellungen seine

Gemahlin auf bessere Gedanken gebracht. Er war seit mehr als zwei Jahren

mit Franziska von Maintenon, der Gouvernante seiner natürlichen Kinder,

heimlich vermählt. Es wird schwerlich eine zweite Frau gegeben haben,

die bei einem so wenig romanhaften Character eine so romanhafte Laufbahn

aufzuweisen hatte. Sie hatte ihre Jugendjahre in Armuth; und Dunkel

hingebracht. Ihr erster Gatte hatte sich durch Verfassung burlesker

Possen und Gedichte ernährt. Als sie die Aufmerksamkeit ihres Souverains

auf sich zog, konnte sie sich nicht mehr der Jugend oder Schönheit

rühmen, aber sie besaß in ungewöhnlichem Grade jene dauernderen Reize,

welche gesetzte Männer, deren Leidenschaften das Alter gezähmt hat und

deren Leben ein Leben voll Mühen und Sorgen ist, an einer

Lebensgefährtin am höchsten schätzen. Ihr Character war einer von denen,

die man sehr richtig mit dem sanften Grün verglichen hat, auf welchem

das durch grelle, Farben und blendende Lichter ermüdete Auge mit

Wohlgefallen ruht. Ein treffendes Urtheil, ein unerschöpflicher, doch

nie überfluthender Strom verständiger, liebenswürdiger und geistvoller

Rede, ein Temperament, dessen heitere Ruhe nicht einen Augenblick

getrübt wurde, ein Takt, der den Takt ihres Geschlechts in eben dem Maße

übertraf, wie der Takt ihres Geschlechts den des unsrigen übertrifft:

dies waren die Eigenschaften, welche die Wittwe eines Possenreißers

zuerst zur vertrauten Freundin, dann zur Gattin des mächtigsten aller

Könige Europa's machten. Man sagte damals Ludwig sei nur mit Mühe durch

Louvois' dringende Vorstellungen und Bitten abgehalten worden, sie zur

Königin von Frankreich zu erklären. Es ist ausgemacht, daß sie Louvois

als ihren Feind betrachtete, und ihr Haß gegen ihn, mit dem sich

vielleicht auch bessere Gefühle verbanden, bestimmte sie, sich der

unglücklichen Rheinbewohner anzunehmen. Sie appellirte an das Mitgefühl,

das, obwohl durch manche verderbliche Einflüsse geschwächt, im Herzen

ihres Gemahls noch nicht völlig erloschen war, und an die religiösen

Gefühle, welche ihn nur zu oft zur Grausamkeit getrieben hatten, die

aber im gegenwärtigen Falle auf Seiten der Humanität waren. Er ließ sich

erweichen und Trier ward verschont.[109] Er mußte in der That wohl

einsehen, daß er einen Fehler begangen hatte. Die Verwüstung der Pfalz

hatte, während sie die Macht seiner Feinde nicht erheblich vermindert,

ihre Erbitterung noch mehr angefacht und ihnen unerschöpflichen Stoff zu

Schmähungen geliefert. Von allen Seiten erscholl das Geschrei nach

Rache. Jedes Bedenken, das die eine oder die andre Linie des Hauses

Österreich gehegt haben mochte, sich mit Protestanten zu verbünden, war

völlig beseitigt. Ludwig beschuldigte den Kaiser und den katholischen

König, die Sache der Kirche verrathen, sich mit einem Usurpator, der der

erklärte Vorkämpfer des großen Schisma's war, verbündet und an dem

abscheulichen Unrecht Theil genommen zu haben, das einem legitimen

Souverain zugefügt worden, der sich keines andren Verbrechens als des

Eifers für den wahren Glauben schuldig gemacht habe. Jakob schrieb

herzbrechende Briefe nach Wien und Madrid, in denen er sein Unglück

schilderte und den Beistand seiner königlichen Brüder, die auch im

Glauben seine Brüder seien, gegen die unnatürlichen Kinder und die

rebellischen Unterthanen erflehte, die ihn in's Exil getrieben hätten.

Es war jedoch nicht schwer, auf Ludwig's Vorwürfe wie auf Jakob's Bitten

eine plausible Antwort zu geben. Leopold und Karl erklärten, daß sie

sich, selbst zum Zwecke der gerechten Selbstvertheidigung, nicht eher

mit Ketzern verbündet hätten, als bis ihr Feind sich zum Zwecke eines

ungerechten Angriffs mit Mohamedanern verbündet habe. Und dies sei noch

nicht das Schlimmste. Nicht genug, daß der französische König den

Moslems gegen die Christen beistehe, behandle er selbst die Christen mit

einer Grausamkeit, welche sogar die Moslems empört haben würde. Man

müsse seinen ungläubigen Verbündeten die Gerechtigkeit widerfahren

lassen, daß sie an der Donau keine solchen Gewaltthätigkeiten gegen die

Gebäude und die Mitglieder der heiligen katholischen Kirche verübt

hätten, wie er, der sich den ältesten Sohn dieser Kirche nenne, sie am

Rhein verübe. Aus diesen Gründen antworteten die Fürsten, an welche

Jakob appellirt hatte, ihm damit, daß sie unter vielen Versicherungen

der Bereitwilligkeit und des Mitleids an ihn selbst appellirten. Er sei

gewiß zu gerecht, als daß er sie tadeln könnte, daß sie es für ihre

erste Pflicht hielten, ihr eignes Volk gegen solche Gewaltthätigkeiten

zu schützen, wie sie die Pfalz in eine Wüste verwandelt hätten, oder daß

sie den Beistand der Protestanten gegen einen Feind anriefen, der kein

Bedenken getragen habe, die Hülfe von Türken anzurufen.[110]

[Anmerkung 108: Über die Geschichte der Verwüstung der Pfalz sehe

man die Memoiren von La Fare, Dangeau, Frau von Lafayette, Villars

und Saint-Simon, sowie den +Monthly Mercury+ vom März und April

1689. Der Pamphlet und Flugblätter sind zu viele, als daß ich sie

hier aufzählen könnte. Ein Blatt, betitelt: +»A true Account

of the barbarous Cruelties committed by the French in the

Palatinate in January and February last,«+ ist vielleicht das

interessanteste.]

[Anmerkung 109: Memoiren Saint-Simon's.]

[Anmerkung 110: Ich will einige Zeilen aus Leopold's Brief an

Jakob anführen: +»Nunc autem quo loco res nostrae sint, ut

Serenitati vestrae auxilium praestari possit a nobis, qui non

Turcico tantum bello impliciti, sed insuper etiam crudelissimo et

iniquissimo a Gallis, rerum suarum, ut putabant, in Anglia

securis, contra datam fidem impediti sumus, ipsimet Serenitati

vestrae judicandum relinquimus... Galli non tantum in nostrum et

totius Christianae orbis perniciem foedifraga arma cum juratis

Sanctae Crucis hostibus sociare fas sibi ducunt; sed etiam in

imperio, perfidiam perfidia cumulando, urbes deditione occupatas

contra datam fidem immensis tributis exhaurire, exhaustas

diripere, direptas funditus exscindere aut flammis delere, Palatia

Principum ab omni antiquitate inter saevissima bellorum incendia

intacta servata exurere, templa spoliare, dedititios in servitutem

more apud barbaros usitato abducere, denique passim, imprimis vero

etiam in Catholicorum dictionibus, alia horrenda, et ipsam

Turcorum tyrannidem superantia immanitatis et saevitiae exempla

edere pro ludo habent.«+]

[_Kriegserklärung gegen Frankreich._] Während des Winters und der ersten

Hälfte des Frühjahrs zogen die Frankreich feindlich gesinnten Mächte

ihre Streitkräfte zu einer energischen Anstrengung zusammen und standen

in fortdauernder Communication mit einander. Als die zu militärischen

Operationen geeignete Zeit heranrückte, erschienen in rascher

Aufeinanderfolge die feierlichen Berufungen beleidigter Nationen an den

Gott der Schlachten. Das Manifest der Deutschen erschien im Februar, das

der Generalstaaten im März, das des Hauses Brandenburg im April und das

Spanien's im Mai.[111]

Bei uns beschloß, sobald die Krönungsfeier vorüber war, das Haus der

Gemeinen die Inbetrachtnahme der neuesten Schritte des Königs von

Frankreich.[112] In der Debatte brach der Haß gegen den mächtigen,

rücksichtslosen und herrschsüchtigen Ludwig, der seit zwanzig Jahren der

Vasallenschaft in den Herzen der Engländer gohr, mit Heftigkeit hervor.

Er wurde der allerchristlichste Türke, der allerchristlichste Verwüster

der Christenheit, der allerchristlichste Barbar genannt, der gegen

Christen Gewaltthätigkeiten verübt habe, deren seine ungläubigen

Verbündeten sich geschämt haben würden.[113] Ein vornehmlich aus

heftigen Whigs bestehender Ausschuß wurde mit der Abfassung eines

Adreßentwurfs beauftragt. Johann Hampden, der glühendste Whig unter

ihnen, erhielt den Vorsitz und arbeitete einen Entwurf aus, der zu lang,

zu rhetorisch und zu vorwurfsvoll war, als daß er sich für den Mund des

Sprechers wie für das Ohr des Königs hätte eignen können. Schmähungen

gegen Ludwig würden bei der damaligen Stimmung des Hauses ungerügt

hingegangen sein, wären sie nicht von harten Äußerungen über den

Character und der Verwaltung Karl's II. begleitet gewesen, dessen die

Tories, trotz aller seiner Fehler, mit liebevoller Zuneigung gedachten.

Es fanden sich darin einige sehr deutliche Anspielungen auf Karl's

Verkehr mit dem Hofe von Versailles und auf das fremde Weib, das dieser

Hof ihm gesendet habe, um wie eine Schlange an seinem Busen zu liegen.

Das Haus war mit gutem Grunde unzufrieden damit. Die Adresse wurde dem

Ausschusse zurückgegeben, und nachdem sie kürzer und weniger wortreich

und hämisch gefaßt worden, angenommen und überreicht.[114] Wilhelm's

Aufmerksamkeit war auf die Nachtheile gelenkt, welche Frankreich ihm und

seinem Königreiche zugefügt, und ihm die Versicherung gegeben, daß,

sobald er zur Abstellung dieser Nachtheile die Waffen ergriffe, er von

seinem Volke kräftig unterstützt werden würde. Er dankte den Gemeinen

herzlich. Ehrgeiz, sagte er, werde ihn nie bestimmen, das Schwert zu

ziehen; allein er habe keine Wahl, denn Frankreich habe bereits England

angegriffen, und es sei nothwendig, das Recht der Selbstvertheidigung

auszuüben. Wenige Tage darauf wurde der Krieg erklärt.[115]

Unter den Gründen zu diesem Schritte, welche die Gemeinen in ihrer

Adresse und der König in seinem Manifeste anführten, war der

gewichtigste die Einmischung Ludwig's in die Angelegenheiten Irland's.

In diesem Lande waren seit mehreren Monaten wichtige Ereignisse in

rascher Aufeinanderfolge eingetreten. Der Augenblick ist jetzt gekommen,

die Geschichte dieser Ereignisse mitzutheilen, eine Geschichte eben so

reich an Verbrechen und erschütternden Begebenheiten, wie an Interesse

und Belehrung.

[Anmerkung 111: Siehe die London Gazette vom 25. Febr.,

11. März, 22. April, 2. Mai und die +Monthly Mercuries+. Einige

von den Erklärungen findet man in Dumont's +Corps Universel

Diplomatique+.]

[Anmerkung 112: +Commons' Journals, April 15. 16. 1689+.]

[Anmerkung 113: Oldmixon.]

[Anmerkung 114: +Commons' Journals, April 19. 24. 26. 1689+.]

[Anmerkung 115: Die Kriegserklärung ist vom 7. Mai datirt,

erschien aber erst am 13. in der London Gazette.]

* * * * *

* * * *

=Zwölftes Kapitel.=

_Wilhelm von Oranien._

=Inhalt.=

Seite

Zustand Irland's zur Zeit der Revolution 5

Die Civilgewalt in den Händen der Katholiken 5

Die Militärgewalt in den Händen der Katholiken 7

Gegenseitige Feindschaft zwischen den Engländern und Iren 7

Panischer Schrecken unter den Engländern 8

Geschichte der Stadt Kenmare 9

Enniskillen 12

Londonderry 13

Schließung der Thore von Londonderry 14

Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificiren 16

Wilhelm tritt in Unterhandlung mit Tyrconnel 17

Die Temple werden zu Rathe gezogen 19

Richard Hamilton wird auf Temple's Wort nach Irland gesandt 19

Tyrconnel schickt Mountjoy und Rice nach Frankreich 20

Tyrconnel ruft das irische Volk zu den Waffen 21

Verwüstung des Landes 22

Die Protestanten im Süden unfähig Widerstand zu leisten 26

Enniskillen und Londonderry halten sich 27

Richard Hamilton marschirt mit einer Armee nach Ulster 27

Jakob entschließt sich nach Irland zu gehen 28

Unterstützung, welche Jakob von Ludwig gewährt wird 29

Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob's 30

Der Graf von Avaux 31

Jakob landet in Kinsale 32

Jakob's Einzug in Cork 33

Reise Jakob's von Cork nach Dublin 34

Unzufriedenheit in England 36

Parteispaltungen im Dubliner Schlosse 36

Jakob beschließt nach Ulster zu gehen 40

Jakob's Reise nach Ulster 41

Der Fall Londonderry's erwartet 43

Es kommt Succurs aus England 44

Verrätherei Lundy's 45

Die Bewohner von Londonderry beschließen sich

zu vertheidigen 45

Ihr Character 46

Londonderry belagert 50

Die Belagerung in eine Blokade verwandelt 52

Seegefecht in der Bantry-Bai 52

Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin 53

Es wird eine Toleranzacte erlassen 57

Acte zur Confiscation des Eigenthums der Protestanten 57

Prägung schlechten Geldes 61

Die große Verurtheilungsacte 62

Jakob prorogirt sein Parlament 65

Verfolgung der Protestanten in Irland 65

Wirkung der aus Irland kommenden Nachrichten in England 67

Thaten der Enniskillener 69

Noth in Londonderry 70

Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee 70

Grausamkeit Rosen's 71

Die Hungersnoth in Londonderry steigt aufs Höchste 73

Angriff auf den Sperrbaum 74

Die Belagerung von Londonderry aufgehoben 76

Operationen gegen die Enniskillener 79

Schlacht bei Newton-Butler 80

Bestürzung der Irländer 81

[_Zustand Irland's zur Zeit der Revolution._] Wilhelm hatte zu gleicher

Zeit mit dem Titel eines Königs von England auch den eines Königs von

Irland angenommen. Denn alle unsere Juristen betrachteten damals Irland

als eine bloße Colonie, zwar wichtiger als Massachusetts, Virginien oder

Jamaika, aber, wie diese, abhängig vom Mutterlande und verpflichtet,

den Souverain anzuerkennen, den das Mutterland auf den Thron berufen

hatte.[1]

[Anmerkung 1: Die allgemeine Ansicht der Engländer über diesen

Gegenstand spricht sich deutlich in einer kleinen Schrift aus,

betitelt: +»Aphorisms relating to the Kingdom of Ireland«+, welche

während der Erledigung des Thrones erschien.]

[_Die Civilgewalt in den Händen der Katholiken._] Thatsächlich aber

hatte die Revolution Irland von der Oberherrschaft der englischen

Colonie emancipirt gefunden. Schon im Jahre 1686 hatte Jakob

beschlossen, diese Insel zu einem Waffenplatze, der Großbritannien

Respect einflößen könnte, und zu einem Asyle zu machen, wo die

Mitglieder seiner Kirche eine Zuflucht finden könnten, wenn in

Großbritannien sich ein Unglück ereignete. Zu dem Ende hatte er Alles

aufgeboten, um das Verhältniß zwischen den Eroberern und der eingebornen

Bevölkerung umzukehren. Die Ausführung seines Planes hatte er, trotz der

Gegenvorstellungen seiner englischen Rathgeber, dem Vicekönig Tyrconnel

übertragen. Im Herbst des Jahres 1688 war der Prozeß vollendet. Die

höchsten Ämter bei der Staatsverwaltung, der Armee und den Gerichtshöfen

waren fast ohne Ausnahme mit Papisten besetzt. Ein Rabulist, Namens

Alexander Fitton, der einer Fälschung überführt, wegen schlechter

Aufführung vom Hause der Lords zu Westminster mit einer Geldstrafe

belegt worden war und viele Jahre im Gefängniß zugebracht hatte, dem es

eben so sehr an juristischen Kenntnissen fehlte wie an gesundem

Verstande und Scharfsinn, welche den Mangel an juristischen Kenntnissen

zuweilen ersetzt haben, war Lordkanzler. Sein einziges Verdienst bestand

darin, daß er vom protestantischen Glauben abgefallen war, und dieses

Verdienst wurde für hinreichend erachtet, um selbst den Flecken seiner

sächsischen Abstammung zu verwischen. Er zeigte sich bald des Vertrauens

seiner Gönner würdig. Er erklärte auf der Richterbank, daß es unter

vierzigtausend Ketzern nicht einen gebe, der nicht ein Schurke sei.

Oftmals, nachdem er einen Rechtsfall angehört, bei dem die Interessen

seiner Kirche im Spiele waren, verschob er seinen Ausspruch, um, wie er

selbst eingestand, seinen Seelsorger, einen spanischen Priester, der

wahrscheinlich im Escobar wohl belesen war, zu Rathe zu ziehen.[2]

Thomas Nugent, ein Katholik, der sich im Gerichtssaale durch nichts als

durch seinen irischen Accent und durch seine Schnitzer ausgezeichnet

hatte, war Oberrichter der King's Bench.[3] Stephan Rice, ein Katholik,

dessen Talente und Gelehrsamkeit selbst von den Feinden seiner Nation

und Religion nicht bestritten wurden, dessen wohlbekannte Hostilität

gegen die Ansiedlungsacte aber im Herzen aller Derjenigen, welche kraft

dieser Acte Grundeigenthum besaßen, die ernstesten Besorgnisse erweckte,

war erster Baron der Schatzkammer.[4] Richard Nagle, ein scharfsinniger

und wohlbelesener Jurist, der in einem Jesuitencollegium erzogen war und

der die Vorurtheile besaß, die man von seiner Erziehung erwarten konnte,

war Generalfiskal.[5]

Keating, ein höchst ehrenwerther Protestant war noch Oberrichter der

Common Pleas; aber zwei römisch-katholische Richter standen ihm zur

Seite. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß der eine von diesen

Richtern, Daly, ein verständiger, gemäßigter und rechtschaffner Mann

war. Aber die Klagsachen, welche vor die Schranken der Common Pleas

kamen, waren nicht von großem Belang. Selbst die King's Bench war damals

fast verödet. Dagegen war das Schatzkammergericht mit Geschäften

überhäuft, denn es war der einzige Gerichtshof in Dublin, von dem nicht

nach England appellirt werden konnte, und folglich der einzige

Gerichtshof, an welchem die Engländer ohne Hoffnung auf Abhülfe

unterdrückt und ausgeplündert werden konnten. Rice sollte erklärt haben,

daß sie von ihm genau das haben sollten, was das Gesetz nach strictester

Auslegung ihnen gewähre, aber auch nicht mehr. Was aber seiner Ansicht

nach das Gesetz nach strictester Auslegung ihnen gewährte, das konnten

sie leicht aus einer Äußerung schließen, die er, bevor er Richter wurde,

häufig im Munde führte. »Ich werde,« pflegte er zu sagen, »mit Sechsen

durch die Ansiedlungsacte fahren.« Jetzt brachte er seine Drohung

tagtäglich zur Ausführung. Alle Protestanten klagten, daß es

gleichgültig sei, was für Beweise sie ihm vorlegten, daß die

schamlosesten Lügen, die ehrlosesten Zeugenaussagen seines Schutzes

gewiß sein könnten, wenn er sonst ihren Ansprüchen nicht gerecht werden

wolle. Zu seinem Gerichtshofe drängten sich seine Landsleute in Masse

mit Gesuchen um Vertreibung und Eigenthumsverletzung. Vor seinem

Gerichtshofe griff die Regierung mit einem Male die Freibriefe alter

irischen Städte und Landgemeinden an, und er fand ohne Mühe

Vorwände, um alle diese Freibriefe für verwirkt zu erklären. Die

Municipalcorporationen, etwa hundert an Zahl, waren als Bollwerke des

reformirten Glaubens und des englischen Interesses eingeführt worden,

und sie wurden daher von den irischen Katholiken mit einem Widerwillen

betrachtet, den man nicht für unnatürlich oder unvernünftig halten kann.

Wären diese Corporationen auf eine verständige und unparteiische Weise

umgestaltet worden, so hätte die Unregelmäßigkeit des Verfahrens, durch

welches ein so wünschenwerthes Resultat erzielt worden war, verziehen

werden können. Aber es zeigte sich bald, daß ein exclusives System nur

beseitigt worden war, um einem andren Platz zu machen. Die Burgflecken

wurden der unumschränkten Autorität der Krone unterstellt. Städte, in

denen fast jeder Hausvater ein englischer Protestant war, erhielten

katholische Obrigkeiten. Viele von den neuen Aldermen hatten die Städte,

zu deren Behörden sie ernannt werden, noch nie gesehen. Zu gleicher Zeit

wurden die Sheriffs, denen die Vollziehung der richterlichen Befehle und

die Ernennung der Juries zukam, fast immer aus der Kaste gewählt, welche

bis vor ganz Kurzem von jedem öffentlichen Amte ausgeschlossen gewesen

war. Man versicherte, daß einige von diesen wichtigen Beamten wegen

Diebstahls in der Hand gebrandmarkt gewesen seien. Andere hatten im

Dienste von Protestanten gestanden, und die Protestanten setzten mit

bitterer Geringschätzung hinzu, daß die Grafschaft, der solche Beamte zu

Theil würden, von Glück sagen könne, denn ein Diener, der das Geschirr

eines englischen Gentleman gereinigt und sein Pferd geputzt habe, könne

im Vergleich zu Vielen von der eingebornen Aristokratie, die ihr Leben

mit Aufliegen und Marodiren hingebracht, für ein civilisirtes Geschöpf

gelten. Solchen Sheriffs würde kein Colonist, selbst wenn er das

unerhörte Glück gehabt hätte, einen ihm günstigen Ausspruch zu erlangen,

eine Execution anzuvertrauen gewagt haben.[6]

[Anmerkung 2: +King's State of the Protestants of Ireland, II. 6+,

und +III. 3+.]

[Anmerkung 3: +King III. 3+. Clarendon nennt Nugent in einem

Briefe an Rochester (vom 1. Juni 1686) »einen höchst lästigen,

impertinenten Menschen.«]

[Anmerkung 4: +King, III. 3+.]

[Anmerkung 5: +King, II. 6+, und +III. 3+. Clarendon spricht in

einem Briefe an Ormond (vom 28. Sept. 1686) mit rühmender

Anerkennung von Nagle's Kenntnissen und Fähigkeiten; in seinem

Tagebuche aber (31. Jan. 1686/87) nennt er ihn »einen

habsüchtigen, ehrgeizigen Mann.«]

[Anmerkung 6: +King II. 5. 1.+; +III. 3. 5+. +A Short View of the

Methods made use of in Ireland for the Subversion and Destruction

of the Protestant Religion and Interests, by a Clergyman lately

escaped from thence, licensed Oct. 17, 1689+.]

[_Die Militärgewalt in den Händen der Katholiken._] So war die

Civilgewalt in Zeit von wenigen Monaten von der sächsischen auf die

celtische Bevölkerung übertragen worden. Die Übertragung der

Militärgewalt war nicht minder vollständig gewesen. Die Armee, welche

unter Ormond's Befehlen das Hauptbollwerk des englischen Übergewichts

gewesen war, existirte nicht mehr. Ganze Regimenter waren aufgelöst und

neu organisirt worden. Sechstausend ihres Brodes beraubte

protestantische Veteranen brüteten in ihrer Zurückgezogenheit über das

ihnen zugefügte Unrecht, oder waren über den Kanal gegangen und hatten

sich dem Banner Wilhelm's angeschlossen. Ihre Stellen wurden durch

Männer besetzt, welche, nachdem sie lange unterdrückt worden, sich

plötzlich aus Sklaven in Herren verwandelt sahen und es nun nicht

erwarten konnten, die schwere Schuld der Unbilden und Kränkungen mit

Wucherzinsen zurückzuzahlen. Man sagte, die neuen Soldaten seien nie an

einem Engländer vorübergegangen, ohne ihn zu verwünschen und ihm ein

Schimpfwort anzuhängen. Sie waren der Schrecken jedes protestantischen

Gastwirths, denn von dem Augenblicke an wo sie unter sein Dach kamen,

aßen und tranken sie Alles weg, ohne zu bezahlen, und verscheuchten

durch ihr rohes Bramarbasiren anständigere Gäste von seiner Thür.[7]

[Anmerkung 7: +King, III. 2+. Ich kann nicht finden, daß Karl

Leslie, ein eifriger Vertheidiger der andren Partei, in seiner

Antwort an King, einer dieser Thatsachen widersprochen hätte. Er

verwirft sogar selbst Tyrconnel's Verwaltung. »Ich wünsche einem

Einwurfe zu begegnen, der sicherlich erhoben werden wird, daß ich

nämlich Alles was Lord Tyrconnel und andere Minister Jakob's,

besonders vor dieser Revolution, gethan haben und was mehr als

irgend etwas Andres dieselbe hervorgerufen hat, völlig

rechtfertigen wolle. Nein, davon bin ich weit entfernt. Ich bin

überzeugt, daß ihr Verfahren in vielen Punkten den Feinden König

Jakob's gegründetere Ursache zu klagen gab als alle anderen seiner

Regierung zur Last gelegten Verwaltungsfehler.« +Leslie's Answer

to King, 1692+.]

[_Gegenseitige Feindschaft zwischen den Engländern und Iren._] So war

der Zustand Irland's, als der Prinz von Oranien bei Torbay landete. Von

diesem Augenblicke an, brachte jedes in Dublin anlangende Packetboot

Nachrichten mit, welche die gegenseitige Furcht und Abneigung der

feindlichen Stämme nur vermehren konnten. Sowohl der Colonist, der,

nachdem er lange die Macht besessen und gemißbraucht, jetzt für einen

Augenblick die Bitterkeit der Knechtschaft gekostet hatte, als auch der

Eingeborne, der, nachdem er den bitteren Kelch der Knechtschaft bis zur

Hefe geleert, endlich auf einen Augenblick die Macht besessen und

gemißbraucht hatte, erkannten Beide, daß eine wichtige Krisis, eine

Krisis wie die von 1641, bevorstehe. Die Mehrheit erwartete mit

Ungeduld, in Tyrconnel einen Phelim O'Neil wieder erstehen zu sehen;

die Minderheit erblickte in Wilhelm einen zweiten Oliver.

Auf welcher Seite der erste Schlag erfolgte, dies war eine Frage, über

welche Wilhelmiten und Jakobiten nachher mit viel Schärfe debattirten.

Doch keine Frage konnte gleichgültiger sein. Die Geschichte muß beiden

Parteien die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die keine von beiden der

andren jemals zugestanden, und muß zugeben, daß beide triftige

Beschwerden und heftige Provocationen zu ihrer Rechtfertigung anführen

konnten. Beide waren durch ein Geschick, für welches keine von beiden

verantwortlich war, in eine Lage versetzt worden, daß sie einander, da

die menschliche Natur nun einmal so und nicht anders geschaffen ist,

nothwendig als Feinde betrachten mußten. Drei Jahre lang hatte die

Regierung, die sie hätte versöhnen können, systematisch Alles

aufgeboten, ihre Feindschaft zu einer rasenden Wuth zu entflammen. Es

war jetzt unmöglich, in Irland eine gerechte und wohlthätige Regierung

herzustellen, eine Regierung, die keinen Racen- oder Sectenunterschied

kannte, eine Regierung, welche die den neuen Grundeigenthümern durch das

Gesetz gewährleisteten Rechte streng respectirte, zu gleicher Zeit aber

durch eine vernünftige Liberalität das Mißgeschick der vorigen Gentry

linderte. Eine solche Regierung hätte Jakob zur Zeit seiner Macht

einsetzen können. Aber die günstige Gelegenheit war vorbei, ein

gütlicher Vergleich war nicht mehr möglich, die beiden erbitterten

Kasten waren gleichermaßen von der Nothwendigkeit überzeugt, daß sie

entweder unterdrücken, oder unterdrückt werden müßten, und daß nur in

Sieg, Rache und Herrschaft ihr Heil zu finden sei. Nur darin stimmten

sie überein, daß sie jeden Vermittler, der es versuchen wollte, sie mit

einander zu versöhnen, zurückwiesen.

[_Panischer Schrecken unter den Engländern._] Seit einigen Wochen waren

Excesse, Insulten, schlimme Gerüchte und panische Schrecken, die

natürlichen Vorläufer des herannahenden furchtbaren Zusammenstoßes, an

der Tagesordnung. Durch die ganze Insel verbreitete sich das Gerücht,

daß am 9. December eine allgemeine Niedermetzelung der Engländer

stattfinden solle. Tyrconnel ließ die vornehmsten Protestanten Dublin's

in's Schloß kommen und rief in seiner gewohnten kräftigen Redeweise die

ganze Rache des Himmels auf sich herab, wenn jenes Gerücht nicht eine

verfluchte, niederträchtige Lüge wäre. Aus Wuth darüber, daß seine

Flüche nicht die erwartete Wirkung hervorriefen, soll er seinen Hut und

seine Perrücke vom Kopfe gerissen und ins Feuer geworfen haben.[8] Aber

man kannte den lügenhaften Dick Talbot so genau, daß seine

Verwünschungen und Gestikulationen die Besorgniß, die sie vermindern

wollten, nur noch vermehrten. Seit Clarendon's Zurückberufung hatte

fortwährend eine starke Auswanderung ängstlicher und friedliebender

Leute aus den irischen Häfen nach England stattgefunden. Diese

Auswanderung nahm jetzt zu. Es war nicht leicht, auf einem gutgebauten

und bequemen Schiffe einen Platz zu erlangen. Aber viele Leute, deren

Muth das Übermaß der Furcht bis zur Kühnheit steigerte, wollten sich

lieber Wind und Wellen als den erbitterten Iren anvertrauen und setzten

sich daher allen Gefahren einer Seereise über den St. Georgskanal und

die Küste von Wales entlang in offenen Fahrzeugen und mitten im Winter

aus. Die zurückbleibenden Engländer begannen sich in fast jeder

Grafschaft eng aneinander anzuschließen. Jedes große Landhaus wurde eine

Festung. Jeder, der nach Einbruch der Dunkelheit Einlaß begehrte, wurde

durch ein Schießloch oder durch ein verrammeltes Fenster angerufen und

wenn er ohne Parole und Erklärungen einzudringen versuchte, ward ihm

eine Blunderbüchse vorgehalten. In der gefürchteten Nacht des 9.

Decembers gab es von der Riesen-Chaussee bis zur Bantry-Bay kaum ein

protestantisches Landhaus, in welchem vom frühen Untergang bis zum

späten Aufgang der Sonne nicht bewaffnete Männer gewacht und Lichter

gebrannt hätten.[9]

[Anmerkung 8: +A True and Impartial Account of the most material

Passages in Ireland since December 1688, by a Gentleman who was an

Eyewitness; licensed July 22, 1689.+]

[Anmerkung 9: +A True and Impartial Account etc. 1689+; +Leslie's

Answer to King, 1692.+]

[_Geschichte der Stadt Kenmare._] Über die damaligen Vorgänge in einem

Districte ist ein ausführlicher Bericht auf uns gekommen, nach dem man

sich ein Bild von dem allgemeinen Zustande des Königreichs machen kann.

Der südwestliche Theil von Kerry ist jetzt als die schönste Gegend der

britischen Inseln bekannt. Die Berge, die Schluchten, die sich weit ins

Meer hinaus erstreckenden Vorgebirge, die Felsen, auf denen Adler

horsten, die Bäche, welche von den Gebirgspässen herniederrauschen, die

Seen, von dichten Wäldern umsäumt, in denen das Hochwild Schutz findet,

ziehen jeden Sommer Schaaren von Touristen herbei, welche des Treibens

und der Vergnügungen der großen Städte überdrüssig sind. Die Schönheiten

dieses Landes werden zwar nur zu häufig durch Nebel und Regen

verschleiert, welche der Westwind von dem unermeßlichen Ocean

herbeiführt. An den seltenen Tagen aber wo die Sonne in ihrem vollen

Glanze strahlt, zeigt die Landschaft eine Frische und eine Wärme des

Colorits, die man in unseren Breitengraden selten findet. Die Myrthe

liebt den Boden, der Erdbeerbaum gedeiht hier besser als selbst an den

sonnigen Gestaden Calabrien's.[10] Die Wiesen haben eine saftigere

Färbung als anderwärts, die Hügel erglühen in prächtigerem Purpur, die

Blätter der Stechpalme und des Epheus zeigen einen höheren Glanz, und

Beeren von feurigerem Roth schimmern durch Laub von schönerem Grün. Aber

während der größeren Hälfte des 17. Jahrhunderts war dieses Paradies der

civilisirten Welt noch so wenig bekannt wie Spitzbergen oder Grönland.

Wenn es ja einmal erwähnt wurde, sprach man davon als von einer

traurigen Wüste, einem Chaos von Sümpfen, Dickichten und Abgründen, wo

die Wölfe noch hausten und wo einige halbnackte Wilde, die kein Wort

Englisch sprachen, sich unterirdische Baue in den Schlamm gruben und von

Wurzeln und saurer Milch lebten.[11]

Im Jahre 1670 endlich beschloß der menschenfreundliche und erleuchtete

Sir Wilhelm Petty, in diesem wüsten Districte eine Niederlassung zu

gründen. Er besaß dort eine große Herrschaft, die auf eine ihres

Ahnherrn würdige Nachkommenschaft fortgeerbt ist. Man sagte damals, daß

er auf die Verbesserung dieses Gutes nicht weniger als zehntausend Pfund

Sterling verwendet habe. Die kleine Stadt, welche er gründete und die

nach der Bucht von Kenmare benannt wurde, lag an der Spitze dieser Bucht

am Fuße eines Bergrückens, auf dessen Gipfel der Reisende jetzt

verweilt, um den lieblichsten der drei Seen von Killarney zu betrachten.

Ein von einer Gesellschaft unternehmender Neuengländer, weit entfernt

von den Wohnungen ihrer Landsleute in den Jagdgründen der rothen

Indianer erbautes Dorf konnte kaum vollständiger außer dem Bereiche der

Civilisation liegen als Kenmare. Von Petty's Ansiedelung bis nach dem

nächsten englischen Wohnplatze hatte man zu Lande zwei Tage durch eine

wilde und gefahrvolle Gegend zu reisen. Doch der Ort gedieh. Es wurden

zweiundvierzig Häuser gebaut und die Bevölkerung belief sich auf

hundertachtzig Seelen. Das Land um die Stadt herum war gut angebaut, der

Viehstand war zahlreich und zwei kleine Bote vermittelten den Fischfang

und Handel längs der Küste. Der Ertrag an Heringen, Pilchards, Makrelen

und Lachsen war bedeutend und würde noch bedeutender gewesen sein, wäre

nicht der Strand in der schönsten Jahreszeit mit Massen von Robben

bedeckt gewesen, welche den Fischen der Bucht nachstellten. Die Robbe

war jedoch kein unwillkommener Gast, denn ihre Haut war werthvoll und

ihr Thran lieferte das Beleuchtungsmaterial für die langen Winterabende.

Mit dem glücklichsten Erfolge wurde der Versuch gemacht, Eisenhütten

anzulegen. Man bediente sich damals noch nicht der Steinkohlen zum

Schmelzen und es wurde den Fabrikbesitzern von Kent und Sussex sehr

schwer, sich Brennholz zu mäßigem Preise zu verschaffen. Die Umgebung

von Kenmare war damals reich bewaldet, und Petty erkannte es als eine

gewinnbringende Spekulation, Erz dahin zu transportiren. Die Freunde von

Naturschönheiten bedauern noch heute den Verlust der Wälder von Eichen

und Erdbeerbäumen, welche geschlagen wurden, um seine Hohöfen zu

speisen. Außerdem war noch ein andrer Plan in seinem thätigen und

intelligenten Kopfe entstanden. Einige von den benachbarten Inseln waren

reich an buntem Marmor, roth und weißem und roth und grünem. Petty wußte

wohl, mit welchen großen Kosten die alten Römer ihre Bäder und Tempel

mit buntfarbigen Säulen schmückten, welche in den Marmorbrüchen

Lakonien's und Afrika's gebrochen wurden, und er scheint die Hoffnung

genährt zu haben, daß die Felsen seiner wilden Herrschaft in Kerry

vielleicht Verzierungen für die Paläste von St. James-Square und für das

Chor der St Paulskirche liefern könnten.[12]

Die Ansiedler hatten von Anfang an erkannt, daß sie darauf vorbereitet

sein müßten, das Recht der Selbstvertheidigung in einer Ausdehnung zu

üben, die in einem wohleingerichteten Staate unnöthig und

unverantwortlich gewesen sein würde. In den Hochlanden südlich vom Thale

von Tralee war das Gesetz völlig machtlos. Kein Justizbeamter wagte sich

gern in diese Gegenden. Ein Staatsbote, der im Jahre 1680 dort einen

gerichtlichen Befehl zu vollziehen versuchte, wurde ermordet. Es scheint

jedoch, daß bis zu Ende des Jahres 1688 die Bewohner von Kenmare durch

ihre Einigkeit, ihre Intelligenz und ihren Muth hinreichend geschützt

waren. Um diese Zeit aber begannen sich die Wirkungen der Politik

Tyrconnel's selbst in diesem entlegenen Winkel Irland's fühlbar zu

machen. In den Augen des Landvolks von Munster waren die Colonisten

Fremdlinge und Ketzer. Die Gebäude, die Böte, die Maschinen, die

Kornspeicher, die Meiereien und Hohöfen wurden von der eingebornen

Bevölkerung ohne Zweifel mit dem Gemisch von Neid und Geringschätzung

betrachtet, mit dem der Unwissende ganz natürlich auf die Triumphe der

Wissenschaft herabsieht. Auch ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß die

Einwanderer sich der Fehler schuldig gemacht hatten, von denen

civilisirte Menschen, die sich unter einem uncivilisirtem Volke

niederlassen, selten frei bleiben. Es läßt sich wohl annehmen, daß die

aus höherer Intelligenz entspringende Macht bald rücksichtslos zur Schau

getragen, bald ungerecht ausgeübt wurde. Als sich daher jetzt von Altar

zu Altar und von Hütte zu Hütte die Nachricht verbreitete, daß die

Fremden vertrieben und ihre Häuser und Grundstücke den Söhnen des Landes

als Beute preisgegeben werden sollten, begann ein förmlicher Raubkrieg.

Schaaren von Plünderern zu dreißig, vierzig, ja siebzig Köpfen, theils

mit Schießgewehren, theils mit Piken bewaffnet, durchstreiften die

Umgegend der Stadt. Die Scheunen wurden geplündert, und Pferde wurden

gestohlen. Bei einem einzigen Raubzuge wurden hundertvierzig Stück Vieh

weggenommen und durch die Schluchten von Glengariff fortgeführt. In

einer Nacht wurden sechs Wohnungen erbrochen und ausgeplündert. Endlich

beschlossen die auf's Äußerste getriebenen Colonisten, lieber wie Männer

zu sterben, als sich in ihren Betten ermorden zu lassen. Das Haus,

welches Petty für seinen Agenten erbaut hatte, war das größte im Orte.

Es stand auf einer felsigen Landzunge, an deren Ufern die Wogen der

Bucht sich brachen. Hier versammelte sich die ganze Einwohnerschaft,

bestehend aus fünfundsiebzig streitbaren Männern mit etwa hundert Frauen

und Kindern. Sie besaßen sechzig Feuergewehre und eine gleiche Anzahl

Piken und Schwerter. In aller Eile wurde rings um das Haus des Agenten

ein funfzehn Fuß hoher und zwölf Fuß dicker Erdwall aufgeworfen.

Die so eingefriedigte Bodenfläche war etwa einen halben Acker groß.

Innerhalb dieses Walles wurden sämmtliche Waffen, Munitions- und

Lebensmittelvorräthe zusammengebracht und mehrere schwache Breterhütten

errichtet. Als diese Vorbereitungen getroffen waren, begannen die Männer

von Kenmare kräftige Repressalien gegen ihre irischen Nachbarn zu üben;

sie ergriffen Räuber, nahmen gestohlenes Eigenthum wieder und verfuhren

einige Wochen lang in allen Stücken wie eine unabhängige Gemeinschaft.

Die obrigkeitlichen Functionen wurden durch erwählte Beamte verrichtet,

denen jedes Mitglied der Commun auf das Evangelium Treue gelobte.[13]

Während die Bewohner des Städtchens Kenmare sich dergestalt regten,

wurden von größeren Gemeinschaften ähnliche Vertheidigungsmaßregeln in

größerem Maßstabe getroffen. Eine beträchtliche Anzahl Gentlemen und

Freisassen verließ das platte Land und zog sich in die Städte, welche zu

dem Zwecke gegründet und incorporirt worden waren, um die eingeborne

Bevölkerung im Zaume zu halten, und die, obwohl unlängst unter das

Regiment katholischer Behörden gestellt, doch noch hauptsächlich von

Protestanten bewohnt waren. Eine ansehnliche Schaar bewaffneter

Colonisten sammelte sich in Sligo, eine andre in Charleville, eine

dritte in Mallow, eine vierte noch stärkere in Bandon.[14] Die

wichtigsten Bollwerke der englischen Bevölkerung in dieser schlimmen

Zeit waren jedoch Enniskillen und Londonderry.

[Anmerkung 10: In der Gegend von Killarney hat es Erdbeerbäume von

dreißig Fuß Höhe und fünfthalb Fuß Umfang gegeben. Siehe die

+Philosophical Transactions, 227.+]

[Anmerkung 11: In einer sehr ausführlichen Beschreibung der

britischen Inseln, welche 1690 in Nürnberg erschien, ist Kerry als

»an vielen Orten unwegsam und voller Wälder und Gebirge«

geschildert. Wölfe hausten noch in Irland. »Kein schädlich Thier

ist da außerhalb Wölff und Füchse.« Noch im Jahre 1710 wurde auf

Antrag der großen Jury von Kerry eine Abgabe zum Behufe der

Ausrottung der Wölfe in dieser Grafschaft erhoben. Siehe Smith's

+Ancient and Modern State of the County of Kerry, 1750+. Es ist

mir nie ein besseres Buch dieser Art und dieses Umfangs

vorgekommen. In einem 1719 erschienenen Gedicht, betitelt:

+Macdermot, or the Irish Fortune Hunter+, in sechs Gesängen, wird

die Wolfsjagd als ein sehr gewöhnliches Sportvergnügen

dargestellt. Unter Wilhelm's Regierung gab man Irland zuweilen den

Spottnamen Wolfsland. So wird in einem Gedicht über die Schlacht

von la Hogue, betitelt: +Advice to a Painter+, der Schrecken der

irischen Armee wie folgt geschildert:

Ein Nebel, der das Blut erstarren macht

Und Wolfland's Heulen dringt durch's ganze Lager.]

[Anmerkung 12: +Smith's Ancient and Modern State of Kerry.+]

[Anmerkung 13: +Exact Relation of the Persecution, Robberies, and

Losses sustained by the Protestants of Killmare in Ireland, 1689+;

+Smith's Ancient and Modern State of Kerry, 1756.+]

[Anmerkung 14: +Ireland's Lamentation, licensed May 18. 1689.+]

[_Enniskillen._] Enniskillen, obwohl die Hauptstadt der Grafschaft

Fermanagh, war damals ein bloßes Dorf. Es war auf einer Insel des

Flusses erbaut, welcher die unter dem gemeinschaftlichen Namen des

Ernesees bekannten zwei schönen Wasserbecken mit einander verbindet.

Der Strom und beide Seen waren auf allen Seiten von natürlichen Wäldern

umgeben. Enniskillen bestand aus etwa achtzig Wohnhäusern, in deren

Mitte sich ein altes Schloß erhob. Die Einwohner waren fast ohne

Ausnahme Protestanten und stolz darauf, daß ihre Stadt während der

furchtbaren Revolution, welche 1641 ausbrach, der protestantischen Sache

treu geblieben. Anfangs December erhielten sie von Dublin die Anzeige,

daß zwei Compagnien papistischer Infanterie demnächst bei ihnen ins

Quartier gelegt werden würden. Die kleine Gemeinde war in der größten

Bestürzung, um so mehr als man erfuhr, daß ein Predigermönch sich bemüht

hatte, die irische Bevölkerung der Umgegend wider die Ketzer

aufzureizen. Man faßte den kühnen Entschluß, die Truppen nicht

einzulassen, mochte es kommen wie es wollte. Die Vertheidigungsmittel

waren indessen sehr spärlich. Nicht zehn Pfund Pulver, nicht zwanzig

brauchbare Schießgewehre konnten innerhalb der Festung aufgetrieben

werden. Es wurden deshalb Boten mit dringenden Schreiben ausgesandt,

welche die protestantische Gentry der Nachbarschaft aufforderten, zur

Unterstützung herbeizueilen, und dem Aufrufe ward mit hochherziger

Bereitwilligkeit Folge geleistet. Binnen wenigen Stunden hatten sich

zweihundert Bewaffnete zu Fuß und hundertfunfzig Reiter versammelt.

Tyrconnel's Soldaten waren schon im Anzuge. Sie führten einen

beträchtlichen Vorrath von Waffen mit sich, welche unter das Landvolk

vertheilt wurden. Die Bauern begrüßten das königliche Banner mit Jubel

und schlossen sich in großer Anzahl dem Zuge an. Anstatt den Angriff zu

erwarten, kamen die Bürger mit ihren Verbündeten muthig heraus und

stellten sich den Eindringenden entgegen. Die Offiziere Jakob's hatten

keinen Widerstand erwartet, und sie waren daher nicht wenig erstaunt,

als sie eine Colonne Fußvolk, von einem starken Corps berittener

Gentlemen und Freisassen flankirt, auf sich anrücken sahen. Die Bauern

liefen entsetzt davon und die Soldaten traten den Rückzug so eilig an,

daß er eine Flucht genannt werden konnte. Erst in Cavan, dreißig Meilen

davon, machten sie wieder Halt.[15]

Durch diesen leichten Sieg kühn gemacht, trafen die Protestanten

Anordnungen zur Regierung und Vertheidigung von Enniskillen und der

umliegenden Ortschaften. Gustav Hamilton, ein Gentleman, der in der

Armee gedient, dem aber Tyrconnel unlängst sein Offizierspatent entzogen

hatte, und der seitdem auf einem Gute in Fermanagh lebte, wurde zum

Gouverneur ernannt und nahm seine Residenz im Schlosse. Zuverlässige

Männer wurden in aller Eil angeworben und bewaffnet. Da es an Schwertern

und Piken fehlte, mußten die Schmiede improvisirte Waffen anfertigen,

bestehend aus Sensenklingen, welche an Stangen befestigt wurden.

Sämmtliche Landhäuser rings um den Ernesee erhielten Besatzungen. Kein

Papist durfte frei in der Stadt umhergehen, und der Mönch, den man

beschuldigte, seine Beredtsamkeit gegen die Engländer aufgeboten zu

haben, wurde ins Gefängniß geworfen.[16]

[Anmerkung 15: +A True Relation of the Actions of the Inniskilling

men, by Andrew Hamilton, Rector of Kilskerrie, and one of the

Prebends of the Diocese of Clogher, an Eyewitness thereof and

Actor therein, licensed Jan. 15. 1689/90. -- A Further Impartial

Account of die Actions of the Inniskilling men, by Captain William

Mac Cormick, one of the first that took up Arms, 1691.+]

[Anmerkung 16: +Hamilton's True Relation+; +Mac Cormick's Further

Impartial Account.+]

[_Londonderry._] Die andre Hauptfeste des Protestantismus war eine Stadt

von größerer Bedeutung. Achtzig Jahre früher, während der durch den

letzten Kampf der Häuser O'Neil und O'Donnel gegen die Autorität Jakob's

I. verursachten Unruhen war die ehemalige Stadt Derry von einem der

eingebornen Häuptlinge überfallen, die Bewohner niedergemetzelt und die

Häuser in Asche gelegt worden. Die Insurgenten wurden bald überwältigt

und bestraft, die Regierung beschloß, die zerstörte Stadt wieder

aufzubauen, der Lordmayor, die Aldermen und der Gemeinderath von London

wurden zur Betheiligung an dem Werke aufgefordert und König Jakob I.

überwies ihnen in ihrer corporativen Eigenschaft den von den Trümmern

des alten Derry bedeckten Grund und Boden nebst ungefähr sechstausend

englischen Ackern umliegenden Landes.[17]

Dieser damals unangebaute und unbewohnte District ist jetzt ein

blühender Sitz des Gewerbfleißes und des guten Geschmacks und macht

selbst auf Augen, welche an den Anblick der üppigen Fluren und

stattlichen Schlösser England's gewöhnt sind, einen wohlthuenden

Eindruck. Bald erhob sich eine neue Stadt, die wegen ihrer Connection

mit der Hauptstadt des Reichs Londonderry genannt wurde. Die Gebäude

bedeckten den Gipfel und den Abhang einer Anhöhe, welche den breiten

Strom des Foyle beherrschte, der zu jener Zeit von Schaaren wilder

Schwäne besucht wurde.[18] Auf dem höchsten Punkte stand die Kathedrale,

eine Kirche, die, obwohl zu einer Zeit erbaut, wo das Geheimniß der

gothischen Architectur verloren gegangen war, und wenn auch nicht

geeignet, einen Vergleich mit den ehrwürdigen Tempeln des Mittelalters

auszuhalten, doch nicht ohne Anmuth und stattliches Ansehen ist. Unweit

der Kathedrale erhob sich der Palast des Bischofs, dessen Sitz einer der

bedeutendsten in Irland war. Die Stadt hatte eine fast elliptische Form

und die Hauptstraßen bildeten ein Kreuz, dessen Arme auf einem Platze

zusammentrafen, welcher der Diamant hieß. Die ursprünglichen Häuser sind

theils umgebaut, theils so verändert, daß ihr anfänglicher Character

nicht mehr zu erkennen ist; mancher derselben aber können sich jetzt

Lebende noch erinnern. Sie waren meist zwei Stock hoch und mehrere

hatten steinerne Treppen an der Außenseite. Die Stadt war von einer

Mauer umgeben, deren Umfang nicht viel weniger als eine Meile betrug.

Auf den Bastionen waren Feldschlangen und Falkonetts aufgepflanzt,

welche die reichen Gilden London's der Colonie zum Geschenk gemacht

hatten. Auf einigen dieser alten Geschütze, welche einer großen Sache

denkwürdige Dienste geleistet haben, kann man noch heute die Devisen der

Fischhändlergilde, der Weinhändlergilde und der Kleiderhändlergilde

erkennen.[19]

Die Einwohner waren Protestanten von angelsächsischem Geblüt. Zwar

gehörten sie nicht alle einem Lande und einer Kirche an, aber Engländer

und Schotten, Episkopalen und Presbyterianer scheinen im Allgemeinen in

Freundschaft miteinander gelebt zu haben, eine Freundschaft, welche

durch ihre gemeinsame Abneigung gegen die irische Race und gegen die

papistische Religion genügend erklärt wird. Während des Aufstandes von

1641 hatte Londonderry muthig gegen die eingebornen Häuptlinge Stand

gehalten und war zu wiederholten Malen vergebens belagert worden.[20]

Seit der Restauration entwickelte sich die Stadt mehr und mehr. Zur Zeit

der Fluth konnten schwer beladene Schiffe bis an den Quai fahren.

Die Fischereien nahmen einen großartigen Aufschwung. Die Netze sollen

zuweilen so voll gewesen sein, daß man Massen von Fischen wieder ins

Wasser werfen mußte. Das Gewicht der alljährlich gefangenen Lachse wurde

auf elfmalhunderttausend Pfund geschätzt.[21]

[Anmerkung 17: +Concise View of the Irish Society, 1822+; Mr.

Heath's interessanter +Account of the Worshipful Company of

Grocers, Appendix 17.+]

[Anmerkung 18: +The Interest of England in the Preservation of

Ireland, licensed July 17. 1689.+]

[Anmerkung 19: Diese Dinge beobachtete oder erfuhr ich an Ort und

Stelle.]

[Anmerkung 20: Die besten Mittheilungen über die Ereignisse in

Londonderry während des 1641 begonnenen Kriegs habe ich in Dr.

Reid's +History of the Presbyterian Church in Ireland+ gefunden.]

[Anmerkung 21: +The Interest of England in the Preservation of

Ireland, 1689.+]

[_Schließung der Thore von Londonderry._] Die Bevölkerung von

Londonderry theilte die Besorgniß, welche gegen das Ende des Jahres 1688

unter den in Irland ansässigen Protestanten allgemein verbreitet war. Es

war bekannt, daß das eingeborne Landvolk der Umgegend sich mit Piken und

Messern versah. Die Priester hatten in einem Tone, über den, wie sich

nicht leugnen läßt, der puritanische Theil der angelsächsischen

Bevölkerung wenig Recht hatte sich zu beklagen, über die Niedermetzelung

der Amalekiter und über die Verdammungsurtheile, welche Saul sich

dadurch zugezogen, daß er Einen von dem geachteten Stamme schonte, das

Volk haranguirt. Gerüchte von verschiedenen Seiten und anonyme Briefe

von verschiedener Hand bezeichneten den 9. December als den zur

Vertilgung der Fremden festgesetzten Tag. Während die Gemüther der

Bürger durch diese Gerüchte beunruhigt wurden, traf die Nachricht ein,

daß ein Regiment von zwölfhundert Papisten unter dem Commando eines

Papisten, Alexander Macdonnell, Earl von Antrim, von dem Vicekönig

Befehl erhalten habe, Londonderry zu besetzen, und bereits von Coleraine

abmarschirt sei. Die Bestürzung war groß. Einige waren für Schließung

der Thore und Widerstand, Andere für Unterwerfung, noch Andere für

Temporisiren. Der Gemeindekörper war, wie die anderen Corporationen

Irland's, reorganisirt worden. Die Magistratsbeamten waren Männer von

niederer Herkunft und unedlem Character. Nur ein einziges Mitglied von

angelsächsischem Geblüt befand sich unter ihnen, und dieser Eine war

Papist geworden. Zu einer solchen Behörde konnten die Einwohner kein

Vertrauen haben.[22] Der Bischof, Hesekiel Hopkins, hielt fest an der

Lehre vom Nichtwiderstande, die er viele Jahre gepredigt hatte, und

ermahnte seine Herde, lieber geduldig zur Schlachtbank zu gehen, als die

Schuld des Ungehorsams gegen den Gesalbten des Herrn auf sich zu

laden.[23] Inzwischen rückte Antrim immer näher heran. Endlich sahen die

Bürger von den Wällen herab seine Truppen auf dem jenseitigen Ufer des

Foyle aufgestellt. Es existirte damals noch keine Brücke, nur eine Fähre

unterhielt die regelmäßige Verbindung zwischen beiden Ufern, und

vermittelst dieser Fähre setzte ein Detaschement von Antrim's Regiment

über. Die Offiziere erschienen am Thore, zeigten einen an den Mayor und

die Sheriffs gerichteten Befehl vor und begehrten Einlaß und Quartier

für die Soldaten Seiner Majestät.

Gerade in diesem Augenblicke eilten dreizehn junge Handwerker, ihren

Namen nach meist schottischer Geburt oder Abstammung, in die Wachtstube,

bewaffneten sich, ergriffen die Schlüssel der Stadt, stürzten nach dem

Fährthore, verschlossen es angesichts der königlichen Offiziere und

ließen das Fallgatter nieder. Jakob Morison, ein Bürger in reiferen

Jahren, redete nun die unwillkommenen Gäste von der Höhe des Walles an

und rieth ihnen wieder abzuziehen. Sie blieben, unter einander

berathschlagend, draußen am Thore stehen, bis sie ihn oben rufen hörten:

»Bringt eine große Kanone hierher!« Da endlich hielten sie es für

gerathen, sich aus der Schußweite zu entfernen. Sie zogen ab, schifften

sich wieder ein und kehrten zu ihren Kameraden ans jenseitige Flußufer

zurück. Inzwischen hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer

verbreitet, und die ganze Stadt war auf den Beinen. Die anderen Thore

wurden ebenfalls verschlossen, überall auf den Wällen wurden

Schildwachen ausgestellt, die Magazine wurden geöffnet, Gewehre und

Schießpulver vertheilt und unter dem Schutze der einbrechenden

Dunkelheit Boten an die protestantischen Gentlemen der benachbarten

Grafschaften ausgesandt. Der Bischof machte vergeblich Vorstellungen.

Die heftigen und waghalsigen jungen Schotten, welche bei dieser

Gelegenheit mit kühnem Beispiele vorangegangen waren, scheinen in der

That wenig Respect vor seinem Amte gehabt zu haben. Einer von ihnen

unterbrach die Rede, durch welche er den militärischen Vorkehrungen

Einhalt thun wollte, mit dem Ausrufe: »Eine gute Predigt, Mylord, eine

sehr gute Predigt, wir haben nur jetzt gerade nicht Zeit sie

anzuhören.«[24]

Die Protestanten der Umgegend leisteten der Aufforderung Londonderry's

bereitwillig Folge. Innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden kamen

Hunderte zu Roß und zu Fuß auf verschiedenen Wegen zur Stadt, und

Antrim, der sich entweder nicht für stark genug hielt, um einen Angriff

zu wagen, oder nicht Lust hatte, ohne weiteres die Verantwortlichkeit

für den Anfang eines Bürgerkriegs auf sich zu nehmen, zog sich mit

seinen Truppen nach Coleraine zurück.

[Anmerkung 22: Meine Autorität für diesen ungünstigen Bericht über

die Corporation ist ein episches Gedicht, betitelt: +The

Londeriad+. Dieses merkwürdige Gedicht muß bald nach den

Ereignissen, auf die es Bezug hat, geschrieben sein, denn es ist

Robert Rochfort, dem Sprecher des Hauses der Gemeinen, gewidmet,

und Rochfort bekleidete dieses Amt von 1695 bis 1699. Der Dichter

hatte kein Erfindungstalent und besaß augenscheinlich eine genaue

Kenntniß der Stadt, die er besang; daher sind seine Knittelverse

nicht ohne geschichtlichen Werth. Er sagt:

Sie wählten für des Parlamentes Pforten

Nur Schuster, Fleischer und Consorten,

Die ganze Körperschaft enthielt nicht einen Mann

von brit'scher Abkunft, außer Buchanan.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Sechster Band: enthaltend Kapitel 11 und 12 · 第 4 / 9 题