welcher die erste Meutereibill auf den Tisch der Gemeinen niedergelegt
wurde, ging ein andres durch den noch unbefestigten Zustand des
Königreichs nöthig gewordenes temporäres Gesetz durch. Seit Jakob's
Flucht waren viele Personen, welche muthmaßlich an seinen ungesetzlichen
Handlungen starken Antheil gehabt oder in Complots zu seiner
Restauration verwickelt gewesen, verhaftet und eingekerkert worden.
Während der Vacanz des Thrones konnten diese Leute aus der
Habeas-Corpus-Acte keinen Nutzen ziehen, denn die Maschinerie, durch
welche allein diese Acte in Ausführung gebracht werden konnte, existirte
nicht mehr, und während des ganzen Hilariustermins waren alle
Gerichtshöfe in Westminster-Hall geschlossen geblieben. Jetzt, wo die
ordentlichen Gerichte ihre Thätigkeit wieder beginnen sollten, fürchtete
man, daß alle diejenigen Gefangenen, deren Prozesse nicht sogleich
erledigt werden konnten, ihre Freiheit verlangen und erhalten würden.
Es wurde deshalb eine Bill eingebracht, welche den König ermächtigte,
solche Leute, bei denen er schlimme Absichten gegen seine Regierung
vermuthete, einige Wochen lang in Haft zu halten. Diese Bill ward in
beiden Häusern mit wenig oder keiner Opposition angenommen.[51] Allein
die Mißvergnügten außerhalb der Kammern unterließen nicht zu bemerken,
daß die Habeas-Corpus-Acte unter der vorigen Regierung nicht einen Tag
suspendirt worden sei. Es sei Mode, Jakob einen Tyrannen und Wilhelm
einen Befreier zu nennen. Dennoch habe der Befreier, noch ehe er einen
Monat auf dem Throne gesessen, die Engländer eines kostbaren Rechtes
beraubt, das der Tyrann respectirt habe.[52] Es ist dies ein Vorwurf,
der jede aus einer Volksrevolution hervorgegangene Regierung fast
unvermeidlich trifft. Die Menschen halten sich natürlich für berechtigt,
von einer solchen Regierung eine mildere und freisinnigere Verwaltung zu
verlangen, als man sie von einer alten und tief eingewurzelten Macht
erwartet. Gleichwohl kann eine solche Regierung, da sie stets viele
thätige Feinde, aber nicht die aus der Rechtmäßigkeit und Verjährung
hervorgehende Stärke hat, sich anfangs nur durch eine Wachsamkeit und
Strenge halten, deren eine alte und tief eingewurzelte Macht nicht
bedarf. Außerordentliche und unregelmäßige Vertheidigungen der
öffentlichen Freiheit sind zuweilen nothwendig; aber, obgleich
nothwendig, ziehen sie doch fast immer einige zeitweilige Verkürzungen
eben dieser Freiheit nach sich, und jede solche Verkürzung ist ein
fruchtbares und plausibles Thema für Spott und Schmähung.
[Anmerkung 51: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 2.+]
[Anmerkung 52: Ronquillo vom 8.(18.) März 1689.]
[_Unpopularität Wilhelm's._] Leider war es nur zu wahrscheinlich, daß
die gegen Wilhelm gerichteten Sarkasmen und Schmähungen ein geneigtes
Ohr finden würden. Jede der beiden großen Parteien hatte ihre Gründe,
unzufrieden mit ihm zu sein, und in einigen Beschwerden stimmten beide
Parteien mit einander überein. Sein Benehmen gab fast allgemeinen
Anstoß. In der That eignete er sich viel besser dazu, eine Nation zu
retten, als einen Hof zu zieren. In den höchsten staatsmännischen
Talenten kam ihm unter seinen Zeitgenossen Keiner gleich. Er hatte Pläne
entworfen, die an Großartigkeit und Kühnheit denen eines Richelieu nicht
nachstanden, und er hatte sie mit einem Takt und einer Besonnenheit
durchgeführt, die eines Mazarin würdig waren. Zwei Länder, die Sitze der
bürgerlichen Freiheit und des reformirten Glaubens, waren durch seine
Weisheit und durch seinen Muth vor den schlimmsten Gefahren behütet
worden. Holland hatte er von fremden, England von einheimischen Feinden
befreit. Anscheinend unübersteigliche Hindernisse hatten sich zwischen
ihm und seinen Plänen aufgethürmt, und sein Genie hatte diese
Hindernisse in Schrittsteine verwandelt. Seine Geschicklichkeit hatte es
dahin zu bringen gewußt, daß die Erbfeinde seines Hauses ihm halfen
einen Thron besteigen und daß die Verfolger seines Glaubens ihm
behülflich waren, seinen Glauben gegen Verfolgung zu schützen. Flotten
und Heere, welche aufgeboten worden waren ihm Widerstand zu leisten,
hatten sich ohne einen Kampf seinen Befehlen unterworfen. Politische und
kirchliche Parteien, durch tödtlichen Haß getrennt, hatten ihn als ihr
gemeinsames Oberhaupt anerkannt. Ohne Blutvergießen, ohne Verheerungen
hatte er einen Sieg errungen, im Vergleich mit dem alle Siege Gustav's
und Turenne's unbedeutend waren. Binnen wenigen Wochen hatte er die
gegenseitige Stellung sämmtlicher Staaten Europa's verändert und das
Gleichgewicht wiederhergestellt, welches durch das Übergewicht einer
Macht gestört worden war. Fremde Völker ließen seinen eminenten
Eigenschaften volle Gerechtigkeit widerfahren. In jedem festländischen
Staate, wo es protestantische Gemeinden gab, sandte man heiße Dankgebete
zu Gott, der aus dem Stamme seiner Diener, Moritz' des Befreiers von
Deutschland, und Wilhelm's des Befreiers von Holland, einen dritten
Befreier, den weisesten und mächtigsten von allen, hatte hervorgehen
lassen. In Wien, in Madrid, ja selbst in Rom ward der tapfere und
scharfsinnige Ketzer als das Haupt des großen Bundes gegen das Haus
Bourbon geehrt, und sogar in Versailles war der Haß, den man gegen ihn
empfand, stark mit Bewunderung gemischt.
Bei uns wurde er minder günstig beurtheilt. In der That, unsere
Vorfahren betrachteten ihn in dem allerschlechtesten Lichte. Die
Franzosen, die Deutschen und die Italiener sahen ihn aus einer solchen
Entfernung, daß sie nur das Große erkannten und daß seine kleinen Fehler
ihnen entgingen. Den Holländern stand er nahe, denn er war selbst
ein Holländer. In seinem Verkehr mit ihnen wurde er von der
vortheilhaftesten Seite betrachtet; bei ihnen fühlte er sich vollkommen
heimisch, und unter ihnen hatte er sich seine ersten und theuersten
Freunde gewählt. Den Engländern aber erschien er unter einem höchst
ungünstigen Gesichtspunkte. Er stand ihnen zu gleicher Zeit zu nahe und
zu fern. Er lebte mitten unter ihnen, so daß die geringsten Eigenheiten
seines Charakters und seiner Sitten ihnen nicht entgehen konnten;
dennoch aber lebte er abgesondert von ihnen und war in ihren Augen in
Sprache, Neigungen und Gewohnheiten entschieden ein Fremdling.
Es war seit langer Zeit eine der Hauptfunctionen unserer Regenten, an
der Spitze der Londoner Gesellschaft zu stehen. Diese Function hatte
Karl II. mit ungeheurem Glück ausgeübt. Seine Leutseligkeit, seine
hübschen Anekdoten, die Art und Weise, wie er tanzte und Ball spielte,
der Ton seines herzlichen Lachens, waren jedem Londoner bekannt. Einmal
sah man ihn unter den Ulmen von St. James Park mit Dryden über Poesie
plaudern;[53] ein andermal lag sein rechter Arm auf Durfey's Schulter
und der linke ruhte auf einem andren, während sein Begleiter +»Phillida,
Phillida«+ oder +»To horse, brave boys, to Newmarket, to horse«+
sang.[54] Auch Jakob war, obwohl viel weniger lebhaft und leutselig,
doch ebenfalls zugänglich und gegen Leute, die ihm nicht in den Weg
traten, sogar artig. Diese Geselligkeit aber ging Wilhelm gänzlich ab.
Er verließ nur selten sein Arbeitskabinet, und wenn er einmal in den
Empfangszimmern erschien, so stand er ernst und sinnend unter dem
Schwarme der Cavaliere und Hofdamen, ohne daß ein Scherz, oder nur ein
Lächeln seinen Lippen entschlüpfte. Sein unfreundliches Aussehen, sein
Stillschweigen und die kurzen, trocknen Antworten, die er gab, wenn er
nicht länger schweigen konnte, entfremdeten ihm Adel und Gentry, welche
gewohnt waren, von ihren königlichen Gebietern auf die Schulter
geklopft, Jack oder Harry gerufen, wegen gewonnener Wetten
beglückwünscht und mit bekannten Schauspielerinnen aufgezogen zu werden.
Die Frauen vermißten die ihrem Geschlecht gebührenden Huldigungen. Sie
bemerkten, daß der König selbst mit der Frau, der er so viel verdankte
und die er aufrichtig liebte und achtete, in einem etwas gebieterischen
Tone sprach.[55] Es amüsirte und verdroß sie zugleich, wie er, als die
Prinzessin Anna einmal bei ihm speiste und die ersten grünen Erbsen auf
die Tafel kamen, den ganzen Inhalt der Schüssel verzehrte, ohne Ihrer
Königlichen Hoheit einen Löffelvoll davon anzubieten, und sie erklärten,
dieser große Feldherr und Staatsmann sei nicht viel besser als ein
niederländischer Bär.[56]
Ein Mangel, der ihm als ein Verbrechen angerechnet wurde, war sein
schlechtes Englisch. Er sprach unsre Sprache, aber nicht gut. Sein
Accent war ausländisch, seine Aussprache entbehrte der Eleganz und sein
Vokabularium schien nicht umfänglicher zu sein, als es zur Erledigung
von Geschäften nöthig war. Dem Umstande, daß es ihm schwer wurde sich
auszudrücken und daß er sich seiner schlechten Aussprache bewußt war,
müssen seine Schweigsamkeit und seine kurzen Antworten, die so großes
Ärgerniß gaben, theilweis zugeschrieben werden. Unsre Literatur zu
goutiren oder zu verstehen war er unfähig. Nicht ein einziges Mal
während seiner ganzen Regierung erschien er im Theater.[57] Die Dichter,
welche pindarische Verse zu seinem Lobe schrieben, beklagten sich, daß
ihre sublimen Poesien über seinen Horizont gingen,[58] Wer indessen die
panegyrischen Oden jener Zeit kennt, wird vielleicht der Meinung sein,
daß er durch seine Unbekanntschaft damit nicht viel verlor.
[Anmerkung 53: Man vergleiche was Spence darüber in seinen
+Anecdotes of the Origin of Dryden's Medals+ sagt.]
[Anmerkung 54: +Guardian, No. 67+.]
[Anmerkung 55: Man hat zahlreiche Beweise, daß Wilhelm zwar ein
sehr liebevoller aber nicht immer galanter Gemahl war. Doch keinen
Glauben verdient die Anekdote, welche in dem Briefe erzählt wird,
den Dalrymple 1773 thörichterweise als von Nottingham herrührend
veröffentlichte, in der Ausgabe von 1790 aber wohlweislich
wegließ. Wie Jemand, der die geringste Kenntniß von der Geschichte
der damaligen Zeit hatte, sich so gröblich irren konnte, ist
schwer zu begreifen, besonders da die Handschrift durchaus keine
Ähnlichkeit mit der Nottingham's hat, welche Dalrymple genau
kannte. Der Brief ist offenbar ein gewöhnlicher Neuigkeitsbrief,
von einem Scribenten verfaßt, der den König und die Königin
nur bei einer öffentlichen Gelegenheit gesehen und dessen
Anekdoten sich auf keine bessere Autorität gründen als auf
Kaffeehausgeschwätz.]
[Anmerkung 56: Ronquillo; Burnet, II, 2.; +The Duchess of
Marlborough's Vindication+. In einem Hirtendialog zwischen
Philander und Palämon, der 1691 erschien, wird das Mißfallen
erwähnt, mit welchem die vornehmen Damen Wilhelm betrachteten.
Philander sagt:
Der Mann sollt' haben doch etwas mehr Verstand
Sonst fällt er noch ein zweites Mal durch schwache Frauenhand.]
[Anmerkung 57: Tutchin's +Observator+ vom 16. November 1706.]
[Anmerkung 58: Prior, dem Wilhelm viel Gutes erwies und der sich
sehr dankbar dafür zeigte, sagt uns, daß der König poetische
Lobreden nicht verstand. Die Stelle findet sich in einer höchst
interessanten Handschrift, welche Lord Lansdowne besitzt.]
[_Popularität Mariens._] Seine Gemahlin that allerdings ihr Möglichstes,
um das Fehlende zu ergänzen, und sie war in der That vortrefflich
geeignet, an der Spitze eines Hofes zu stehen. Sie war nicht nur von
Geburt, sondern auch in ihren Neigungen und Gesinnungen eine
Engländerin. Sie besaß ein hübsches Gesicht, eine majestätische Haltung,
ein sanftes, heiteres Gemüth und leutselige, gewinnende Manieren. Ihr
Geist war, obwohl sehr unvollkommen ausgebildet, ungemein lebhaft; ihrer
Unterhaltung fehlte es nicht an weiblichem Witz und Muthwillen und ihre
Briefe waren so gut abgefaßt, daß sie wohl verdient hätten,
orthographisch richtig geschrieben zu sein. Sie fand viel Geschmack an
den leichteren Zweigen der Literatur und trug nicht wenig dazu bei,
unter den vornehmen Damen Bücher in Aufnahme zu bringen. Die makellose
Reinheit ihres Privatlebens und die strenge Gewissenhaftigkeit, mit der
sie ihre religiösen Pflichten erfüllte, waren um so achtungswerther, als
sie durchaus frei war von Tadelsucht und den bösen Leumund eben so wenig
unterstützte wie das Laster. In dem Mißfallen an üblen Nachreden stimmte
sie zwar mit ihrem Gemahl vollkommen überein; aber Beide äußerten ihr
Mißfallen auf verschiedene und sehr charakteristische Weise. Wilhelm
beobachtete das tiefste Stillschweigen, warf aber dem Verleumder einen
Blick zu, daß ihm, wie Jemand sagte, der einem solchen Blick einmal
begegnet war, sich aber wohl hütete, ihm zum zweiten Male zu begegnen,
die Geschichte im Halse stecken blieb.[59] Marie suchte dem Geschwätz
über Entführungen, Zweikämpfe und Spielschulden dadurch ein Ende zu
machen, daß sie die Schwätzer sehr ruhig aber doch nachdrücklich fragte,
ob sie ihre Lieblingspredigt, die des Doctors Tillotson über den bösen
Leumund, gelesen hätten. Ihre Wohlthaten spendete sie mit freigebiger
Hand und richtigem Takt, und obgleich sie nie damit prahlte, wußte man
doch, daß sie ihre eigenen Bedürfnisse einschränkte, um Protestanten zu
unterstützen, welche die Verfolgung aus Frankreich und Irland vertrieben
hatte und die in den Mansarden London's darbten. Ihr Benehmen war so
liebenswürdig, daß die Ehrenwertheren unter Denen, welche die Art und
Weise ihrer Erhebung auf den Thron mißbilligten, und selbst unter Denen,
die sie als Königin gar nicht anerkennen wollten, allgemein mit Achtung
und Liebe von ihr sprachen. In den jakobitischen Libellen der damaligen
Zeit, die an Gift und Galle Alles was die neuere Zeit derartiges
hervorgebracht, weit hinter sich zurücklassen, wird ihrer nicht oft mit
Strenge gedacht. Sie äußerte sogar selbst zuweilen ihre Verwunderung
darüber, daß Pasquillanten, die sonst nichts achteten, doch ihren Namen
respectirten. Gott, sagte sie, kenne ihre schwachen Seiten. Sie sei zu
empfindlich gegen Schmähungen und Verleumdungen, er habe ihr gnädig eine
Prüfung erspart, die über ihre Kräfte gehe, und der beste Dank, den sie
ihm dafür bezeigen könne, bestehe darin, daß sie keine boshaften
Ausfälle über den Charakter Anderer dulde. Überzeugt, daß sie das volle
Vertrauen und die ganze Zuneigung ihres Gemahls besaß, brach sie seinen
scharfen Reden bald durch sanfte, bald durch scherzhafte Antworten die
Spitze ab und verwendete die ganze Macht ihrer vielen liebenswürdigen
Eigenschaften dazu, ihm die Herzen des Volks zu gewinnen.[60]
[Anmerkung 59: +Mémoires originaux sur le règne et la cour de
Frédéric I., Roi de Prusse, écrits par Christophe, Comte de Dohna.
Berlin 1833.+ Es ist auffällig, daß dieses interessante Werk in
England fast unbekannt ist. Das einzige Exemplar, das mir zu
Gesicht gekommen, erhielt ich durch die Gefälligkeit des Sir
Robert Adair. +»Le Roi,«+ sagt Dohna, +»avoit une autre qualité
très estimable, qui est celle de n'aimer point qu'on rendit de
mauvais offices à personne par des railleries.«+ Der Marquis de la
Forêt versuchte es einst, Se. Majestät auf Kosten eines englischen
Cavaliers zu unterhalten. +»Ce prince,«+ schreibt Dohna, +»prit
son air sévère, et, le regardant sans mot dire lui fit rentrer les
paroles dans le ventre. Le Marquis m'en fit ses plaintes quelques
heures après. J'ai mal pris ma bisque', dit-il; j'ai cru faire
l'agréable sur le chapitre de Milord . . . ., mais j'ai trouvé à
qui parler, et j'ai attrapé un regard du roi qui m'a fait passer
l'envie de rire.«+ Dohna glaubte Wilhelm werde es mit dem Rufe
eines Franzosen weniger genau nehmen, und versuchte ebenfalls das
Experiment. Aber, sagt er, +»j'eus à peu près le même sort que M.
de la Forêt.«+]
[Anmerkung 60: Vergleiche den Bericht des Whigs Burnet über Marien
mit dem was der Tory Evelyn in seinem Tagebuche unterm 8. März
1694/95, und mit dem, was der Eidverweigerer über sie sagt, der
1695 den Brief an Erzbischof Tennison in Bezug auf ihren Tod
schrieb. Der Eindruck, den Wilhelm's Schroffheit und Zurückhaltung
und Mariens Anmuth und Liebenswürdigkeit auf das Volk machten,
spricht sich in den Überresten der Straßenpoesie jener Zeit aus.
Folgendes eheliche Gespräch kann man noch auf dem Originalblatte
lesen:
Dann sprach Marie, unsre gnäd'ge Königin:
Mein hoher König und Gemahl, wo wollt Ihr hin?
Drauf sagt er rasch: Den nenn' ich keinen Mann,
Der sein Geheimniß einem Weib vertrauet an.
Die Kön'gin hierauf spricht bescheiden:
Der güt'ge Himmel woll' Euch denn geleiten,
Euch schützen vor Gefahr, mein fürstlicher Gemahl,
Das wird mein bester Trost sein allzumal.
Diese Strophen befinden sich in einer werthvollen Sammlung, welche
Mr. Richard Holer anlegte und die jetzt Eigenthum des Mr. Broderip
ist, der so gefällig war, sie mir zu leihen. In einem der
zügellosesten jakobitischen Pasquille vom Jahre 1689 wird Wilhelm,
seiner Gemahlin gegenüber, als ein »Bauerlümmel« bezeichnet, über
den sie sich nur lustig mache.]
[_Das Hoflager wird von Whitehall nach Hampton Court verlegt._] Hätte
sie noch lange die beste Gesellschaft London's um sich versammelt, so
würde ihre Freundlichkeit und Leutseligkeit wahrscheinlich noch viel
dazu beigetragen haben, den ungünstigen Eindruck, den sein finstres und
abstoßendes Wesen machte, zu verwischen. Leider war es ihm jedoch seiner
Gesundheit wegen unmöglich, in Whitehall zu residiren. Die Luft von
Westminster, vermischt mit den feuchten Ausdünstungen des Flusses,
der bei Springfluthen die Höfe des Palastes überschwemmte, mit dem
Steinkohlenrauche von zweimalhunderttausend Schornsteinen und mit den
mephitischen Dünsten des Kothes, den man damals ungehindert in den
Straßen sich anhäufen ließ, war ihm unerträglich, denn er hatte eine
schwache Brust und außerordentlich feine Geruchsnerven. Sein unheilbares
Asthma machte reißende Fortschritte, und seine Ärzte erklärten es für
unmöglich, daß er das Ende des Jahres erleben könne. Sein Gesicht war so
leichenhaft, daß er kaum noch zu erkennen war. Diejenigen, welche mit
ihm zu verkehren hatten, hörten ihn mit Entsetzen nach Athem ringen und
husten, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen.[61] Und sein Geist,
so stark er übrigens war, litt mit dem Körper. Wohl war sein Urtheil
noch so klar und scharf als je; aber seit einigen Monaten war eine
merkliche Erschlaffung der Energie eingetreten, durch die er sich früher
ausgezeichnet hatte; selbst seine holländischen Freunde flüsterten
einander zu, daß er nicht mehr der Nämliche sei, der er im Haag
gewesen.[62] Es war schlechterdings nothwendig, daß er London verließ,
und er verlegte daher seine Residenz in die reinere Luft von Hampton
Court. Dieses von dem prachtliebenden Wolsey begonnene Schloß war ein
schönes Muster der Architectur, welche unter den ersten Tutors in
England blühte; die Gemächer desselben aber waren nach den Begriffen des
17. Jahrhunderts nicht ganz geeignet für eine königliche Wohnung. Unsere
Souveraine hatten daher seit der Restauration diese Residenz nur selten
und nur dann benutzt, wenn sie einige Zeit recht eingezogen leben
wollten. Da aber Wilhelm gesonnen war, das verlassene Gebäude zu seinem
Hauptwohnsitze zu erwählen, mußte er Bauten und Anpflanzungen vornehmen,
was ihm im Grunde gar nicht unlieb war. Denn, wie die Mehrzahl seiner
Landsleute, fand er Vergnügen daran, ein Landhaus auszuschmücken,
und nächst der Jagd waren Baukunst und Gärtnerei seine
Lieblingszerstreuungen. Er hatte bereits in einer sandigen Haide von
Geldern ein Paradies geschaffen, das viele Neugierige aus Holland und
Westphalen herbeizog. Marie hatte den Grundstein zu dem Schlosse gelegt,
und Bentinck hatte die Anlage der Fischteiche geleitet. Es gab dort
Wasserfälle und Grotten, eine große Orangerie und ein Vogelhaus, das
Hondekoeter zahlreiche Exemplare buntgefiederter Vögel lieferte.[63] Der
König sehnte sich in seiner glänzenden Verbannung nach dieser
Lieblingsresidenz und fand einigen Trost darin, daß er sich an den Ufern
der Themse ein zweites Loo schaffen konnte. Bald war eine große
Bodenfläche mit regelmäßigen Alleen und Gartenanlagen bedeckt. Viel
müßiger Scharfsinn wurde aufgeboten, um das verwickelte grüne Labyrinth
anzulegen, das fünf Generationen von Londoner Sonntagsbesuchern mit
Staunen und Freude erfüllt hat. Dreißigjährige Linden wurden aus den
benachbarten Wäldern dahin verpflanzt, um die Alleen zu beschatten.
Künstliche Springbrunnen warfen ihren Wasserstrahl zwischen den
Blumenbeeten empor. Ein neues Residenzschloß, zwar nicht vom reinsten
Styl, aber stattlich, geräumig und bequem, erstand unter Wren's Leitung.
Das Wandgetäfel war mit dem reichen und zarten Schnitzwerk eines Gibbons
verziert. Die Treppenhäuser entzückten das Auge durch Verrio's herrliche
Fresken. In jedem Winkel des Gebäudes zeigte sich ein Überfluß von
reizenden Tändeleien, welche englischen Augen noch ungewohnt waren.
Marie hatte aus dem Haag eine Liebhaberei für chinesisches Porzellan
mitgebracht, und sie legte jetzt in Hampton Court eine große Sammlung
häßlicher Figuren und Gefäße an, auf denen Häuser, Bäume, Brücken und
Mandarine in haarsträubendstem Widerspruch mit allen Regeln der
Perspective abgemalt waren. Diese Mode, welche so von der
liebenswürdigen Königin eingeführt wurde, verbreitete sich rasch und
weit. Nach wenigen Jahren enthielt fast jedes vornehme Haus im
Königreiche ein Museum solcher grotesker Spielereien. Selbst
Staatsmänner und Generäle schämten sich nicht des Rufes, den Werth von
Theekannen und Drachen richtig schätzen zu können, und die Satyriker
wiederholten lange Zeit hindurch, daß eine schöne Dame ihr buntbemaltes
Porzellangeschirr eben so hoch halte als ihren Affen und viel höher als
ihren Gatten.[64] Doch der neue Palast wurde auch mit Kunstwerken andrer
Art ausgeschmückt. Es ward eine Gallerie für die Cartons von Raphael
gegründet. Diese herrlichen Bilder, damals und noch heute die schönsten
diesseits der Alpen, waren durch Cromwell vor dem Schicksale bewahrt
worden, das die meisten anderen Meisterwerke der Sammlung Karl's I.
getroffen; aber man hatte sie viele Jahre in ihren hölzernen Kisten
ruhen lassen. Jetzt wurden sie aus dem Dunkel hervorgezogen, um von den
Künstlern mit Bewunderung und Verzweiflung betrachtet zu werden. Die
Kosten der Bauten und Einrichtungen von Hampton Court waren ein
Gegenstand bitterer Beschwerde für viele Tories, welche die grenzenlose
Verschwendung, mit der Karl II. die Wohnung der Herzogin von Portsmouth
gebaut und umgebaut, möblirt und anders möblirt, nur sehr mild getadelt
hatten.[65] Die Kosten waren jedoch nicht der Hauptgrund der
Unzufriedenheit, welche Wilhelm's Residenzwechsel erregte. Es gab keinen
Hof mehr in Westminster; Whitehall, einst der tägliche Sammelplatz der
Vornehmen und Mächtigen, der Schönen und Heiteren, der Ort, wohin
Dandies kamen, um ihre neuen Perrücken zu zeigen, Ritter der Galanterie,
um mit schönen Damen zu liebäugeln, Politiker, um ihr Glück zu
verfolgen, Müßiggänger, um Neuigkeiten zu hören, Landedelleute, um die
königliche Familie zu sehen, war jetzt, zur lebhaftesten Zeit des
Jahres, während London mit Fremden und Einheimischen gefüllt und das
Parlament versammelt war, gänzlich verödet. Eine einsame Schildwache
schritt auf dem von Gras überwucherten Pflaster vor dem Eingange auf und
ab, der einst zu eng gewesen war für die sich begegnenden Ströme der
kommenden und gehenden Höflinge. Die Dienste, welche die Hauptstadt dem
Könige geleistet, waren groß und noch neu, und man meinte, er habe diese
Dienste wohl besser vergelten können, als damit, daß er London
behandelte, wie Ludwig Paris behandelt habe. Halifax hatte den Muth,
dies anzudeuten; aber wenige Worte, die keine Erwiederung zuließen,
brachten ihn zum Schweigen. »Wollen Sie, daß ich sterbe?« sagte Wilhelm
in gereiztem Tone.[66]
[Anmerkung 61: +Burnet II. 2.+; +Burnet M.S. Harl. 6584.+
Ronquillo spricht sich noch viel umständlicher aus: +»Nada se ha
visto desfigurado+; +y, quantas veces he estado con el, le he
visto toser tanto que se le saltaban las lagrimas, y se ponia
moxado y arrancando; y confiesan los medicos que es una asma
incurable.«+ 8.(18.) März 1689. Avaux schrieb in demselben Sinne
aus Irland: +»La santé de l'usurpateur est fort mauvaise. L'on ne
croit pas qu'il vive un an.«+ 8.(18.) April.]
[Anmerkung 62: +»Hasta decir los mismos Hollandeses que lo
desconozean«+, sagt Ronquillo. +»Il est absolument mal propre pour
le rôle qu'il a à jouer à l'heure qu'il est,«+ sagt Avaux.
+»Slothful and sickly,«+ sagt Evelyn, 29. März 1689.]
[Anmerkung 63: Siehe Harris' Beschreibung von Loo, 1699.]
[Anmerkung 64: Wer die Werke Pope's und Addison's kennt, wird sich
ihrer Sarkasmen über diese Mode erinnern. Lady Marie Wortley
Montague schlug sich auf die andre Seite. »Alte Chinoiserien,«
sagt sie, »machen Niemandes Geschmack Unehre, da der Herzog von
Argyle Gefallen daran fand, dessen Einsicht niemals, weder von
seinen Freunden noch von seinen Feinden, in Zweifel gezogen worden
ist.«]
[Anmerkung 65: Über die Bauten in Hampton Court siehe +Evelyn's
Diary, Juli 16. 1689+; +The Tour through Great Britain, 1724+;
+the British Apelles+; +Horace Walpole on Modern Gardening+;
+Burnet II. 2, 3.+
Als Evelyn 1662 in Hampton Court war, waren die Cartons noch nicht
zu sehen. Die Triumphe von Andrea Montegna galten damals für die
schönsten Gemälde des Palastes.]
[Anmerkung 66: +Burnet, II. 2+; +Reresby's Memoirs.+ Ronquillo
schreibt wiederholt in diesem Sinne. Zum Beispiel: +»Bien quisiera
que el Rey fuese mas comunicable, y se acomodase un poco mas al
humor sociable de los Ingleses, y que estubiera en Londres: pero
es cierto que sus achaques no se lo permiten.«+ 8.(18.) Juli 1689.
Avaux schreibt um dieselbe Zeit aus Irland an Croissy: +»Le Prince
d'Orange est toujours à Hampton Court, et jamais à la ville: et le
peuple est fort mal satisfait de cette manière bizarre et
retirée.«+]
[_Der Hof in Kensington._] Es zeigte sich bald, daß Hampton Court zu
weit vom Hause der Lords und der Gemeinen wie von den öffentlichen
Ämtern entfernt war, um der gewöhnliche Wohnsitz des Souverains werden
zu können. Anstatt jedoch nach Whitehall zurückzukehren, beschloß
Wilhelm, eine andre Residenz zu beziehen, welche zur Leitung der
Regierungsgeschäfte nahe genug bei der Hauptstadt lag, doch aber nicht
so nahe, um im Bereiche der Atmosphäre zu sein, in der er keine Nacht
zubringen konnte ohne Gefahr, zu ersticken. Einmal dachte er an Holland
House, die Villa der vornehmen Familie Rich, und er residirte wirklich
einige Wochen daselbst.[67] Endlich aber entschied er sich für
Kensington House, den Landsitz des Earl von Nottingham. Es wurde für
achtzehntausend Guineen angekauft, und dem Ankaufe folgten neue Bauten,
neue Anpflanzungen, neue Geldausgaben und neue Unzufriedenheit.[68]
Gegenwärtig wird Kensington House als zu London gehörend betrachtet;
damals aber war es ein Landsitz und konnte zu jenen Zeiten der
Straßenräuber und nächtlichen Ruhestörer, der kothigen Straßen und
schlechten Beleuchtung, nicht füglich der Sammelplatz der vornehmen
Gesellschaft sein.
[Anmerkung 67: Mehrere von seinen Briefen an Heinsius sind von
Holland House datirt.]
[Anmerkung 68: +Narcissus Luttrell's Diary+; +Evelyn's Diary,
Feb. 25. 1689/90.+]
[_Wilhelm's ausländische Günstlinge._] Es war wohl bekannt, daß der
König, der die englische Noblesse und Gentry so unfreundlich behandelte,
in einem kleinen Kreise seiner Landsleute herablassend, vertraulich und
selbst heiter sein, seine Gedanken in fröhlicher Unterhaltung
aussprechen und sein Glas oft, vielleicht zu oft, füllen konnte, und
dies erschwerte in den Augen unserer Vorfahren seine Schuld. Unsere
Vorfahren hätten jedoch so viel gesunden Sinn und Gerechtigkeitsliebe
haben sollen, um zuzugestehen, daß der Patriotismus, den sie an sich
selbst als eine Tugend betrachteten, bei ihm kein Fehler sein konnte. Es
war ungerecht ihn deshalb zu tadeln, daß er die Liebe, die er zu seinem
Geburtslande hegte, nicht mit einem Male auf unsre Insel übertrug. Wenn
er in den Hauptsachen seine Pflicht gegen England erfüllte, konnte man
es ihm wohl nachsehen, daß er für Holland eine zärtliche Vorliebe
bewahrte. Eben so wenig verdient es einen Vorwurf, daß er in den Tagen
seiner Größe Gefährten nicht entfernte, die in seiner Kindheit mit ihm
gespielt, ihm durch alle Wechselfälle des Jünglings- und des
Mannesalters treu zur Seite gestanden, welche den ekelhaftesten und
gefährlichen Ansteckungen trotzend, an seinem Krankenlager gewacht,
im heißesten Schlachtgewühl sich zwischen ihn und die französischen
Schwerter geworfen, und deren Anhänglichkeit nicht dem Statthalter oder
dem Könige, sondern einfach Wilhelm von Nassau galt. Auch darf man
hinzusetzen, daß seine alten Freunde, wenn er sie mit seinen neuen
Höflingen verglich, in seiner Achtung steigen mußten. Alle seine
holländischen Kameraden verdienten, ohne Ausnahme, sein Vertrauen bis
ans Ende seines Lebens. Wohl konnten sie mit ihm schmollen, und, wenn
sie schmollten, hart und mürrisch sein; niemals aber, mochten sie auch
noch so erzürnt und unwillig sein, hörten sie auf seine Geheimnisse zu
bewahren, und mit der Treue wahrer Edelleute und Soldaten über seine
Interessen zu wachen. Unter seinen englischen Rathgebern war solche
Treue selten.[69] Es ist traurig, aber nicht mehr als gerecht
anzuerkennen, daß er nur zu guten Grund hatte, von unsrem
Nationalcharacter eine schlechte Meinung zu hegen. Dieser Character war
zwar im Wesentlichen so wie er immer gewesen ist. Wahrheitsliebe,
Biederkeit und männliche Unerschrockenheit waren damals wie noch jetzt
den Engländern vorzugsweise eigen. Aber so allgemein verbreitet diese
Eigenschaften unter der Masse des Volks sein mochten, in der Klasse,
welche Wilhelm am besten kannte, waren sie nur selten zu finden. Der
Maßstab der Ehre und Tugend war während seiner Regierung unter unseren
Staatsmännern sehr tief gesunken. Seine Vorfahren hatten ihm einen mit
allen Lastern der Restauration befleckten Hof hinterlassen, einen Hof,
der von Schmarotzern wimmelte, welche bereit waren, beim ersten Umschlag
des Glücks ihn zu verlassen, wie sie seinen Oheim verlassen hatten. Wohl
fand sich hier und da unter dem schamlosen Haufen ein Mann von wahrer
Rechtschaffenheit und echtem Gemeinsinn. Aber selbst ein solcher Mann
konnte nicht lange in solcher Umgebung leben, ohne daß seine strengen
Grundsätze und sein Gefühl für Recht und Unrecht in die größte Gefahr
geriethen. Es war ungerecht, einen von Schmeichlern und Verräthern
umgebenen Fürsten deshalb zu tadeln, daß er einige Diener in seiner Nähe
behalten wollte, die er hinreichend erprobt hatte, um überzeugt zu sein,
daß sie ihm bis zum Tode treu bleiben würden.
[Anmerkung 69: De Foe entschuldigt Wilhelm im zweiten Theile
seines +True Born Englishman+ folgendermaßen:
Wir tadeln Wilhelm, daß er hat zu viel Gefallen
An Deutschland's, Frankreich's, Holland's Söhnen allen
Und selten mittheilt Großes von dem Staat
Den Männern, welche sitzen in seinem brit'schen Rath.
Der Grund davon ist nicht schwer beizubringen:
Weil wir nur gar zu oft ihn hintergingen.
Und in der That, das Narrenhaus ihm würd' gebühren,
Wenn er getraut hätt' England's Cavalieren.
Die Fremden stets gehorsam mit ihm zogen,
Und nur von Engländern er immer ward betrogen.]
[_Allgemeine schlechte Verwaltung._] Und dies war nicht der einzige
Punkt, in welchem unsere Vorfahren sich ungerecht gegen ihn zeigten.
Sie hatten erwartet, daß ein so ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann,
sobald er an der Spitze der Regierung stände, einen glänzenden Beweis --
was für einen wußten sie selbst nicht recht -- von Genie und Thatkraft
geben werde. Unglücklicherweise ging während der ersten Monate seiner
Regierung fast Alles schlecht. Seine bitter getäuschten Unterthanen
maßen ihm die Schuld bei und begannen zu zweifeln, ob er den Ruf
verdiene, den er sich beim ersten Eintritt ins öffentliche Leben
geschaffen und den der glänzende Erfolg seiner letzten großen
Unternehmung auf den höchsten Punkt gesteigert hatte. Wären sie in einer
Stimmung gewesen, um unbefangen urtheilen zu können, so würden sie
eingesehen haben, daß er für die schlechte Verwaltung, über die sie sich
mit gutem Grunde beschwerten, nicht verantwortlich war. Er konnte für
jetzt nur mit der Maschinerie arbeiten, die er vorgefunden hatte,
und diese Maschinerie war eitel Rost und Verfall. Von der Zeit der
Restauration bis zur Zeit der Revolution war die erfolgreiche Thätigkeit
jedes Zweiges der Verwaltung fast beständig durch Nachlässigkeit und
Betrug gehemmt worden. Ehrenstellen und öffentliche Ämter, Peers- und
Baronetstitel, Regimenter, Fregatten, Gesandtschaftsposten,
Gouverneursstellen, Commissariate, Pachtungen von Krongütern,
Lieferungscontracte auf Bekleidungsstücke, Lebensmittel und Munition,
Begnadigungen für begangene Mordthaten, Diebstähle und Brandstiftungen
wurden in Whitehall fast eben so offen verkauft wie Spargel in
Coventgarden oder Heringe in Billingsgate. Kupplerisches Volk hatte
beständig in den Umgebungen des Hofes nach Kundschaft umhergespäht, und
unter ihnen hatten zu Karl's Zeiten die Courtisanen, zu Jakob's Zeiten
die Priester das meiste Glück gehabt. Von dem Palaste aus, welcher der
Hauptsitz dieser Pestilenz gewesen war, hatte sich die Ansteckung über
alle Ämter und über alle Klassen der Beamten verbreitet und überall
Schwäche und Desorganisation hervorgerufen. Die Verderbtheit machte so
reißende Fortschritte, daß acht Jahre nach der Zeit, da Oliver Cromwell
der Schiedsrichter Europa's gewesen, der Donner der Kanonen de Ruyters
im Tower von London gehört wurde. Die Krebsschäden, die jene große
Demüthigung über das Land gebracht, hatten seitdem immer tiefer und
immer weiter um sich gegriffen. Man muß Jakob die Gerechtigkeit
widerfahren lassen, daß er einige von den gröbsten Mißbräuchen, welche
die Marineverwaltung schändeten, abgeschafft hatte. Doch trotz seiner
Reformbestrebungen entlockte die Marineverwaltung Männern, welche das
Seewesen Frankreich's und Holland's kannten, nur ein mitleidiges
Achselzucken. Noch schlechter war die Militärverwaltung. Die Höflinge
ließen sich von den Obersten bestechen, die Obersten betrogen die
Soldaten, die Kriegscommissare schickten lange Rechnungen über Dinge
ein, welche nie geliefert worden waren, die Arsenalinspectoren
verkauften die öffentlichen Vorräthe und steckten den Erlös in ihre
Tasche. Obgleich aber diese Krebsschäden unter der Regierung Karl's und
Jakob's entstanden und zur Reife gediehen waren, machten sie sich doch
erst unter Wilhelm's Regierung ernstlich fühlbar. Denn Karl und Jakob
hatten sich damit begnügt, die Vasallen und Pensionäre eines mächtigen
und ehrgeizigen Nachbars zu sein; sie unterwarfen sich seinem
Übergewicht, sie vermieden mit kleinmüthiger Ängstlichkeit Alles,
was ihn hätte beleidigen können, und so beugten sie auf Kosten der
Unabhängigkeit und Würde der alten, ruhmvollen Krone, welche zu tragen
sie nicht werth waren, einem Kampfe vor, der sofort gezeigt haben würde,
wie ohnmächtig unter ihrer verkehrten Regierung das einst mächtige Reich
geworden war. Es lag weder in Wilhelm's Macht noch in seinem Character,
in die Fußtapfen ihrer schimpflichen Politik zu treten. Nur durch
Waffengewalt konnte die Freiheit und die Religion England's gegen den
furchtbarsten Feind geschützt werden, der unsre Insel bedroht hatte,
seitdem die Hebriden mit den Trümmern der Armada bedeckt worden. Der
Staatskörper, der im Zustande der Ruhe einen oberflächlichen Anschein
von Gesundheit und Kraft gezeigt hatte, war jetzt in die Nothwendigkeit
versetzt, jeden Nerv zu einem Kampfe auf Leben und Tod anzuspannen,
und es zeigte sich sofort, daß er der Anstrengung nicht gewachsen war.
Gleich nach den ersten Versuchen stellte sich eine völlige
Muskelerschlaffung, ein gänzlicher Mangel an Übung und Erfahrung heraus.
Diese Versuche schlugen, mit kaum einer Ausnahme, fehl, und jeden
Fehlschlag legte das Volk nicht _den_ Regenten, deren schlechte
Verwaltung die Gebrechen des Staats hervorgerufen, sondern _dem_
Regenten zur Last, unter welchem die Gebrechen des Staats sichtbar
wurden.
Wäre Wilhelm ein so unumschränkter Herrscher gewesen als Ludwig, so
hätte er allerdings diejenigen energischen Heilmittel anwenden können,
welche der englischen Staatsverwaltung sehr bald die Elasticität
wiedergegeben haben würde, die ihr seit Oliver's Tode fehlte. Aber die
augenblickliche Beseitigung tief eingewurzelter Mißbräuche war eine
Aufgabe, welche weit über die Kraft eines schon durch das Gesetz, und
noch mehr durch die Schwierigkeiten seiner Stellung sehr eingeengten
Fürsten ging.[70]
[Anmerkung 70: Ronquillo war so einsichtsvoll und gerecht,
Einräumungen zu machen, welche die Engländer nicht machten.
Nachdem er in einem Schreiben vom 1.(11.) März 1689 den traurigen
Zustand des Heer- und Seewesens geschildert, sagt er: +»De esto no
tiene culpa el Principe de Oranges; per que pensar que se han de
poder volver en dos meses tres Reynes de abaxo arriba es una
extravagancia.«+ Der Lordpräsident Stair sagt in einem ungefähr
vier Wochen später aus London datirten Briefe, daß die
Verzögerungen in der englischen Verwaltung den Ruhm des Königs
geschmälert hätten, »doch ohne seine Schuld.«]
[_Uneinigkeit unter den Staatsdienern._] Einige der größten
Schwierigkeiten seiner Lage entsprangen aus dem Benehmen der Minister,
auf die er sich als Neuling in den Details der englischen
Staatsangelegenheiten hinsichtlich der ihm nöthigen Aufschlüsse über
Menschen und Dinge verlassen mußte. Es fehlte seinen vornehmsten
Rathgebern zwar nicht an Befähigung; aber die eine Hälfte ihrer
Befähigung wurde dazu angewendet, der andren Hälfte entgegenzuwirken.
Zwischen dem Lord-Präsidenten und dem Geheimsiegelbewahrer bestand eine
tief eingewurzelte Feindschaft.[71] Diese Feindschaft hatte zwölf Jahre
vor der Zeit begonnen, als Danby Lord Schatzmeister, ein Verfolger der
Nonconformisten und hartnäckiger Vertheidiger der Kronrechte wurde, und
als Halifax als einer der beredtesten Führer der Vaterlandspartei zur
Auszeichnung gelangte. Unter der Regierung Jakob's hatten beide
Staatsmänner der Opposition angehört, und ihre gemeinsame Feindschaft
gegen Frankreich und gegen Rom, gegen die Hohe Commission und gegen das
Dispensationsrecht hatte eine anscheinende Aussöhnung herbeigeführt;
sobald sie aber wieder zusammen im Amte waren, erwachte die alte
Abneigung von neuem. Man hätte meinen sollen, daß der Haß der Whigpartei
gegen Beide ein festeres Zusammenhalten zwischen ihnen bewirken müßte;
in Wahrheit aber sah Jeder von ihnen mit Wohlgefallen die dem Andren
drohende Gefahr. Danby bemühte sich, eine starke Phalanx von Tories um
sich zu schaaren. Unter dem Vorwande geschwächter Gesundheit zog er sich
vom Hofe zurück, kam selten in den Staatsrath, dem zu präsidiren seine
Pflicht war, brachte viel Zeit auf dem Lande zu, und nahm kaum einen
andren Antheil an den Staatsgeschäften, als daß er über alle Maßregeln
der Regierung mäkelte und spottete, auf seinen Privatvortheil spekulirte
und seinen persönlichen Günstlingen Stellen verschaffte.[72] In Folge
dieses Abfalls wurde Halifax Premierminister, insoweit man unter dieser
Regierung einen Minister überhaupt Premierminister nennen konnte. Eine
ungeheure Geschäftslast fiel auf ihn, und er war nicht im Stande, diese
Last zu tragen. An Geist und Beredtsamkeit, an umfassendem Verständniß
und scharfer Unterscheidungsgabe hatte er unter den Staatsmännern seiner
Zeit nicht seines Gleichen. Aber eben diese Fruchtbarkeit, eben dieser
Scharfsinn, die seiner Unterhaltung, seinen Reden und seinen Schriften
einen besondern Reiz verliehen, machten ihn zur schnellen Entscheidung
praktischer Fragen untauglich. Gerade sein ungewöhnlicher Scharfsinn
machte ihn langsam, denn er sah so viele Gründe für und wider jedes
mögliche Verfahren, daß er mehr Zeit brauchte, um zu einem Entschlusse
zu kommen, als ein beschränkter Kopf gebraucht haben würde. Anstatt mit
seinem ersten Gedanken zufrieden zu sein, replicirte er sich selbst
immer und immer wieder. Wer ihn sprechen hörte, mußte zugeben, daß er
wie ein Engel sprach; aber wenn er Alles was sich sagen ließ erschöpft
hatte und zum Handeln kam, war nur zu oft der rechte Augenblick zum
Handeln vorüber.
Inzwischen bemühten sich die beiden Staatssekretäre fortwährend, ihren
Gebieter nach direct einander entgegengesetzten Richtungen zu ziehen.
Jeder Plan, jede Person, welche der Eine empfahl, ward von dem Andren
verworfen. Nottingham wurde nicht müde zu wiederholen, daß die alte
Rundkopfpartei, die Partei, welche Karl I. um's Leben gebracht und gegen
das Leben Karl's II. conspirirt hatte, im Prinzip republikanisch und daß
die Tories die einzig wahren Freunde der Monarchie seien. Shrewsbury
entgegnete, daß die Tories wohl Freunde der Monarchie sein könnten, daß
sie aber Jakob als ihren Monarchen betrachteten. Nottingham erzählte
beständig im königlichen Kabinet von tollen Hirngespinnsten, mit denen
sich einige alte Kalbskopfesser, die Überreste der einst mächtigen
Partei Bradshaw's und Ireton's, in den Wirthshäusern der City noch immer
beschäftigten. Shrewsbury zeigte wüthende Pasquille vor, welche die
Jakobiten tagtäglich in den Kaffeehäusern vertheilten. »Jeder Whig,«
sagte der Torysekretär, »ist ein Feind der Prärogative Eurer Majestät.«
-- »Jeder Tory,« sagte der Whigsekretär, »ist ein Feind des Rechtstitels
Eurer Majestät.«[73]
Auch im Schatzamte gab es nichts als Eifersüchteleien und
Zänkereien.[74] Der erste Commissar, Mordaunt, und der Kanzler der
Schatzkammer, Delamere, waren zwar Beide eifrige Whigs; aber obgleich
sie dem nämlichen politischen Glauben anhingen, waren sie doch von ganz
verschiedenem Character. Mordaunt war flatterhaft, verschwendrisch und
großmüthig. Die Schöngeister der damaligen Zeit witzelten über die Art
und Weise, wie er von Hampton-Court nach der Börse und von der Börse
zurück nach Hampton-Court flog; man konnte nicht begreifen wie er Zeit
fand zu seinem Anzuge, zu den Staatsgeschäften, zu Liebschaften und zum
Balladendichten.[75] Delamere war finster und empfindlich, streng in
seinen Privatsitten und pünktlich in seinen Andachtsübungen, aber gierig
nach unedlem Gewinn. Die beiden ersten Finanzbeamten wurden daher Feinde
und harmonirten nur in dem Hasse gegen ihren Collegen Godolphin. Wie kam
er in dieser Zeit des protestantischen Übergewichts nach Whitehall, er,
der mit Papisten im Amte gesessen, der sich kein Gewissen daraus gemacht
hatte, Maria von Modena in den Götzendienst der Messe zu begleiten? Der
kränkendste Umstand aber war, daß Godolphin, obgleich sein Name in der
Commission die dritte Stelle einnahm, thatsächlich der erste Lord des
Schatzes war. Denn in financiellem Wissen und in Geschäftserfahrung
waren Mordaunt und Delamere im Vergleich zu ihm wahre Schulknaben, und
dies erkannte Wilhelm sehr bald.[76]
Ähnliche Fehden wütheten auch in den übrigen großen Amtscollegien wie in
allen untergeordneten Schichten der Staatsdiener. In jedem Zollhause,
in jedem Arsenale gab es einen Shrewsbury und einen Nottingham, einen
Delamere und einen Godolphin. Die Whigs beklagten sich, daß es keinen
Verwaltungszweig gäbe, in welchem nicht Creaturen der gestürzten Partei
zu finden wären. Umsonst führe man zur Rechtfertigung an, daß diese
Männer in den Geschäftsdetails erfahren, daß sie im Besitz amtlicher
Traditionen seien und daß die Freunde der Freiheit, nachdem sie
Jahrelang von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen gewesen, unmöglich
befähigt sein könnten, mit einem Male die ganze Leitung der Geschäfte
auf sich zu nehmen. Die Erfahrung habe allerdings ihren Werth,
sicherlich aber sei die erste aller Qualificationen eines Dieners die
Treue, und kein Tory könne ein wahrhaft treuer Diener der neuen
Regierung sein. Wenn König Wilhelm klug wäre, so würde er sich lieber
auf Neulinge, die von Eifer für sein Interesse und für seine Ehre
beseelt wären, als auf Veteranen verlassen, welche zwar Geschick und
Kenntnisse besitzen könnten, dieses Geschick und diese Kenntnisse aber
zur Herbeiführung seines Untergangs anwenden würden.
Die Tories dagegen beklagten sich, daß ihr Antheil an der Regierung in
keinem Verhältniß zu ihrer Anzahl und zu ihrem Gewicht im Lande stehe,
daß überall alte und nützliche Staatsdiener um keines andren Verbrechens
willen, als weil sie Freunde der Monarchie und der Kirche wären, von
ihren Posten vertrieben worden seien, um Ryehouseverschwörern und
Conventikelbesuchern Platz zu machen. Diese Emporkömmlinge, wohlerfahren
in der Kunst der Parteibewegungen, aber unwissend in Allem was zu ihrem
neuen Beruf gehöre, würden erst anfangen etwas zu lernen, wenn sie durch
ihre Fehler die Nation ruinirt hätten. Von einem hochgestellten Beamten
müsse man doch sicherlich mehr verlangen, als daß er nur ein Rebell und
Schismatiker sei. Was solle aus den Finanzen, was aus der Marine werden,
wenn Whigs, die nicht den einfachsten Rechnungsabschluß verständen,
das Staatseinkommen verwalten, wenn Whigs, die in ihrem Leben kein
Seemagazin betreten, die Flotte ausrüsten sollten?[77]
Das Wahre ist, daß die Beschuldigungen, welche die beiden Parteien gegen
einander erhoben, in beträchtlicher Ausdehnung wohl begründet, der Tadel
aber, den Beide auf Wilhelm warfen, ungerecht war. Geschäftliche
Erfahrung war fast ausschließlich nur unter den Tories, aufrichtige
Anhänglichkeit an die neue Ordnung der Dinge fast nur unter den Whigs zu
finden. Der König konnte nichts dafür, daß Kenntniß und Eifer, welche
vereinigt einen schätzbaren Diener des Staats bilden, damals nur
getrennt oder gar nicht vorhanden waren. Stellte er Leute der einen
Partei an, so lief er große Gefahr, Fehlgriffe zu thun. Stellte er Leute
der andren Partei an, so lief er große Gefahr, verrathen zu werden.
Stellte er Leute beider Parteien an, so war immer noch einige Gefahr,
daß er Fehlgriffe that oder Verräther wählte, und zu diesen Gefahren kam
dann noch die Gewißheit der Uneinigkeit. Er konnte Whigs und Tories
nebeneinanderstellen, sie zu verschmelzen lag nicht in seiner Macht.
Mochten sie auch in dem nämlichen Amte, an dem nämlichen Pulte arbeiten,
sie waren und blieben Feinde und stimmten nur darin überein, daß sie
gegen den Fürsten murrten, der es versuchen wollte, den Vermittler
zwischen ihnen zu spielen. Unter solchen Umständen mußte die Verwaltung,
die fiscalische, wie die militärische und maritime, unvermeidlich
schwach und schwankend sein; nichts konnte ganz auf die richtige Art und
ganz zur rechten Zeit geschehen; die Uneinigkeiten, von denen kaum eine
Staatsbehörde frei war, mußten Calamitäten erzeugen und jede Calamität
mußte die Spaltung verschlimmern, aus der sie entstanden war.
[Anmerkung 71: +Burnet II. 4.+; +Reresby's Memoirs.+]
[Anmerkung 72: +Reresby's Memoirs+; +Burnet MS. Harl. 6584.+]
[Anmerkung 73: +Burnet II. 3, 4, 15.+]
[Anmerkung 74: +Burnet II. 5.+]
[Anmerkung 75:
Woher nimmt er die Stunden, sagt,
Die er dem Hofe widmet und der Stadt,
Den Staatsgeschäften und der Liebe Macht,
Der Eitelkeit und auch der Geistes Saat?
+The Modern Lampooners. Ein Gedicht von 1690.+]
[Anmerkung 76: +Burnet II. 4.+]
[Anmerkung 77: Ronquillo nennt die Whigbeamten +»Gente que no
tienen practica ni experiencia.«+ Er setzt hinzu: +»Y de esto
proce de el pasarse un mes y un otro, sin executarse nada.«+ 24.
Juni 1689. In einem der unzähligen »Gespräche«, welche damals
erschienen, wirft der toryistische Interlocutor die Frage auf:
»Meint Ihr, die Regierung würde mit Geschäftsunkundigen besser
daran sein?« Der Whig antwortet: »Besser unwissende Freunde als
vielwissende Feinde.«]
[_Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten._] Ein Departement gab
es jedoch, das gut verwaltet wurde: das Departement der auswärtigen
Angelegenheiten. Hier leitete Wilhelm Alles, ohne weder den Rath noch
den Beistand irgend eines englischen Staatsmannes in Anspruch zu nehmen.
Nur einen unschätzbaren Gehülfen hatte er zur Seite: Anton Heinsius,
welcher einige Wochen nach Beendigung der Revolution Großpensionär
von Holland wurde. Heinsius war als Mitglied der Partei, welche
auf die Macht des Hauses Oranien eifersüchtig war und gern auf
freundschaftlichem Fuße mit Frankreich stehen wollte, ins öffentliche
Leben eingetreten. Im Jahre 1681 aber war er mit einer diplomatischen
Mission nach Versailles geschickt worden, und ein kurzer Aufenthalt
daselbst hatte eine vollständige Änderung in seinen Ansichten
herbeigeführt. Bei näherer Bekanntschaft wurde er beunruhigt durch die
Macht und gereizt durch die Anmaßung dieses Hofes, von dem er, so lange
er ihn aus der Entfernung gesehen, eine vortheilhafte Meinung gehegt
hatte. Er fand, daß sein Vaterland verachtet wurde, er sah seine
Religion verfolgt, und sein officieller Character schützte ihn nicht
vor einigen persönlichen Kränkungen, die er bis zum letzten Tage seiner
langen Laufbahn nicht vergaß. Als treuer Anhänger Wilhelm's und
unversöhnlicher Feind Ludwig's kehrte er nach Hause zurück.[78]
Das Amt des Großpensionärs war immer ein wichtiges Amt, ganz besonders
aber dann, wenn der Statthalter vom Haag abwesend war. Wären Heinsius'
politische Ansichten noch dieselben gewesen wie früher, so hätten alle
großen Pläne Wilhelm's scheitern können. Zum Glück aber bestand zwischen
diesen beiden ausgezeichneten Männern eine vollkommene Freundschaft,
die bis zu dem Tage, wo der Tod sie löste, nicht einen Augenblick durch
Argwohn oder Mißhelligkeiten getrübt wurde. Über alle großen Fragen der
europäischen Politik waren sie gleicher Meinung, und sie correspondirten
lebhaft und rückhaltlos mit einander, denn es hielt zwar schwer, ehe
Wilhelm Jemandem Vertrauen schenkte, wem er es aber schenkte, dem
schenkte er es ganz. Die Correspondenz ist noch vorhanden und gereicht
Beiden zur größten Ehre. Die Briefe des Königs würden allein schon zur
Genüge beweisen, daß er einer der größten Staatsmänner war, welche
Europa hervorgebracht hat. So lange er lebte, begnügte sich der
Großpensionär damit, der gehorsamste, zuverlässigste und verschwiegenste
Diener zu sein; nach dem Ableben des Gebieters aber erwies sich der
Diener als befähigt, die Stelle des Gebieters mit seltenem Geschick zu
vertreten, und er war in ganz Europa als ein Mitglied des großen
Triumvirats berühmt, das den Stolz Ludwig's XIV. demüthigte.[79]
[Anmerkung 78: +Négociations de M. le Comte d'Avaux, 4. Mars
1683+; +Torcy's Memoirs.+]
[Anmerkung 79: Die Originalcorrespondenz zwischen Wilhelm
und Heinsius ist holländisch. Eine französische Übersetzung
sämmtlicher Briefe Wilhelm's, und eine englische
Übersetzung einiger Briefe Heinsius' befinden sich unter den
Mackintosh-Manuscripten. Der Baron Sirtema de Grovestins, dem die
Originale zu Gebote standen, führt in seiner +»Histoire des luttes
et rivalités entre les puissances maritimes et la France«+ häufig
Stellen daraus an. Zwischen seiner Version und der meinigen ist
zwar im Style ein bedeutender Unterschied, im Wesentlichen aber
ein sehr geringer.]
[_Religionsstreitigkeiten._] Die auswärtige Politik England's, von
Wilhelm persönlich, in innigem Einverständniß mit Heinsius, geleitet,
war damals außerordentlich geschickt und erfolgreich. In jedem andren
Verwaltungszweige aber waren die aus der gegenseitigen Erbitterung der
Parteien entspringenden Nachtheile nur zu sichtbar. Und dies war noch
nicht Alles. Zu den aus der gegenseitigen Erbitterung der politischen
Parteien entspringenden Übeln gesellten sich andere Übel, welche aus dem
gegenseitigen Hasse der Religionssecten entsprangen.
Das Jahr 1689 bildet in der kirchlichen Geschichte England's eine nicht
minder wichtige Epoche als in der bürgerlichen. In diesem Jahre wurde
die erste gesetzliche Indulgenz gegen die Dissenters bewilligt. In
diesem Jahre wurde der letzte ernstliche Versuch gemacht, die
Presbyterianer in den Schooß der englischen Landeskirche zu bringen. Von
diesem Jahre datirt ein neues Schisma, trotz früherer ähnlicher Vorgänge
von Männern hervorgerufen, welche stets erklärt hatten, daß sie
Kirchenspaltungen mit besonderem Abscheu und Präcedenzfälle mit
besonderer Verehrung betrachteten. In diesem Jahre begann der lange
Kampf zwischen zwei großen Parteien von Conformisten. Diese beiden
Parteien hatten zwar seit der Reformation von jeher unter verschiedenen
Formen in der anglikanischen Kirche existirt, aber bis nach der
Reformation standen sie einander nicht in regelmäßiger und permanenter
Schlachtordnung gegenüber und waren daher nicht unter bestimmten Namen
bekannt. Kurz nach Wilhelm's Thronbesteigung begannen sie die
Hochkirchenpartei und die Niederkirchenpartei genannt zu werden und
lange vor dem Ende seiner Regierung waren diese Bezeichnungen allgemein
gebräuchlich.[80]
Im Sommer des Jahres 1688 hatte es den Anschein gehabt, als ob die
Spaltungen, welche so lange den großen Körper der englischen
Protestanten zerrissen, fast ihre Endschaft erreicht hätten. Die
Streitigkeiten über Bischöfe und Synoden, über geschriebene Gebete und
extemporirte Gebete, über weiße Röcke und schwarze Röcke, über
Besprengen und Eintauchen, über Knien und Sitzen, waren auf kurze Zeit
eingestellt. Die dichtgedrängte Phalanx, welche damals gegen die
Papisterei im Felde stand, füllte den ganzen Zwischenraum aus, welcher
Sancroft von Bunyan trennte. Prälaten, die sich noch vor Kurzem als
Verfolger der religiösen Freiheit ausgezeichnet hatten, erklärten sich
jetzt zu Freunden derselben und ermahnten ihren Klerus, stets in
gastfreundlichem und dienstbereiten Verkehr mit den Separatisten zu
leben. Separatisten auf der andren Seite, welche noch vor kurzem Mitren
und Batistärmel für die Livree des Antichrist erklärt hatten,
erleuchteten zu Ehren der Prälaten ihre Fenster und warfen Holz in die
Freudenfeuer.
Diese Gesinnungen steigerten sich fortdauernd, bis sie ihren Höhepunkt
an dem denkwürdigen Tage erreichten, an welchem der gemeinsame
Unterdrücker endlich Whitehall verließ und eine mit orangefarbenen
Bändern geschmückte zahllose Menge zu St. James den gemeinsamen Befreier
begrüßte. Als die Londoner Geistlichkeit, mit Compton an der Spitze,
herbeikam, um dem Manne, dessen Gott sich als Werkzeug zur Rettung der
Kirche und des Staats bedient, ihren Dank auszusprechen, schlossen sich
dem Zuge auch einige hervorragende nonconformistische Geistliche an.
Viele gute Menschen freuten sich zu hören, daß fromme und gelehrte
presbyterianische Geistliche im Gefolge eines Bischofs gegangen, mit
brüderlicher Freundlichkeit von ihm begrüßt und im Empfangszimmer von
ihm seine lieben und geachteten Freunde genannt worden waren, die zwar
durch einige Meinungsverschiedenheiten in unwichtigen Punkten von ihm
getrennt, durch christliche Liebe und gemeinsamen Eifer für das
Wesentliche des reformirten Glaubens aber mit ihm verbunden seien. Nie
hatte es zuvor und nie hat es seitdem in England einen zweiten solchen
Tag gegeben. Der Strom der Gefühle war schon im Umschlagen begriffen,
und die Ebbe trat noch rascher ein als die Fluth eingetreten war.
[Anmerkung 80: Obwohl diese ganz angemessenen Benennungen meines
Wissens in keinem während der ersten Regierungsjahre Wilhelm's
gedruckten Buche vorkommen, nehme ich doch keinen Anstand, mich
derselben bei Darstellung der Ereignisse jener Jahre zu bedienen,
wie es auch von Anderen geschehen ist.]
[_Die Hochkirchenpartei._] In Zeit von wenigen Stunden begann der
Hochkirchliche, von zärtlicher Liebe für den Feind, dessen Tyrannei
jetzt nicht mehr gefürchtet ward, und von Abneigung gegen die
Bundesgenossen, deren Dienste entbehrlich geworden waren, erfüllt zu
werden. Es war leicht, beide Gefühle zu befriedigen, indem man die
schlechte Verwaltung des verbannten Königs den Dissenters zur Last legt.
Sr. Majestät -- so lautete jetzt die Sprache nur zu vieler
anglikanischer Geistlichen -- würde ein vortrefflicher Regent gewesen
sein, wäre er nicht zu vertrauensvoll, und zu nachsichtig gewesen. Er
habe sein Vertrauen einer Klasse von Leuten geschenkt gehabt, die seine
Stellung, seine Familie und seine Person mit unversöhnlicher Erbitterung
haßten. Durch den vergeblichen Versuch, ihre Zuneigung zu gewinnen, habe
er sich zu Grunde gerichtet. Er habe sie, in Widerspruch mit dem Gesetz
und dem einmüthigen Sinne der alten royalistischen Partei, von dem
Drucke des Strafcodex befreit, habe ihnen gestattet, Gott auf ihre
eigene armselige und geschmacklose Weise öffentlich zu verehren, habe
sie zur Richterbank und in den Geheimrath zugelassen, ihnen Pelzroben,
goldene Ketten, Gehalte und Pensionen gewährt. Zum Dank für seine
Liberalität seien diese Leute, welche einst so trotzig in ihrem Gebahren
und so unbändig in ihrer Opposition selbst gegen die rechtmäßige
Autorität gewesen, die niedrigsten Schmeichler geworden. Sie hätten ihm
noch Beifall zugejauchzt und ihn ermuthigt, als schon die ergebensten
Freunde seines Hauses sich voll Scham und Kummer aus seinem Palaste
entfernt gehabt. Wer habe die Religion und die Freiheit seines
Vaterlandes schändlicher verkauft als Titus? Wer habe eifriger für die
Dispensationsgewalt gestritten als Alsop? Wer habe ungestümer auf die
Verfolgung der sieben Bischöfe gedrungen als Lobb? Welcher nach einer
Dechanei lüsterne Kaplan habe, selbst wenn er am 30. Januar oder am 29.
Mai in Anwesenheit des Königs gepredigt, jemals plumpere Schmeicheleien
zu Tage gebracht, als man sie leicht in den Adressen auffinden könne,
durch welche dissentirende Glaubensgesellschaften ihren Dank für die
ungesetzliche Indulgenzerklärung ausgedrückt hätten? Sei es zu
verwundern, wenn ein Fürst, der nie juristische Werke studirt, nur seine
rechtmäßige Prärogative auszuüben geglaubt habe, als er so durch eine
Partei ermuthigt worden sei, welche jederzeit mit ihrem Hasse gegen
willkürliche Gewalt geprahlt habe? Durch solche Leitung irregeführt,
sei er immer weiter auf dem falschen Wege fortgeschritten, habe er sich
endlich Herzen entfremdet, welche früher ihr bestes Blut zu seiner
Vertheidigung vergossen haben würden, habe er keine anderen Stützen
behalten als seine alten Feinde, und, als der Tag der Gefahr gekommen,
habe er gefunden, daß die Gesinnungen seiner alten Feinde gegen ihn noch
die nämlichen waren wie zu der Zeit, da sie ihn seines Erbes zu berauben
versucht und gegen sein Leben conspirirt hatten. Jeder Verständige habe
längst gewußt, daß die Sectirer keine Liebe zur Monarchie hegten; jetzt
habe es sich gezeigt, daß sie eben so wenig Liebe zur Freiheit hegten.
Ihren Händen Gewalt anzuvertrauen, werde ein Mißgriff sein, der der
Nation nicht minder verderblich werden müsse als dem Throne. Wenn es, um
etwas übereilt gegebene Zusicherungen zu erfüllen, für nöthig erachtet
werden sollte, ihnen Erleichterung zu gewähren, so müsse jedes
Zugeständniß von Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln begleitet sein.
Vor Allem dürfe Niemandem, der ein Feind der kirchlichen Verfassung des
Landes sei, irgend eine Betheiligung an der Civilverwaltung gestattet
werden.
[_Die Niederkirchenpartei._] Zwischen den Nonconformisten und den
strengen Conformisten stand die Niederkirchenpartei. Diese Partei
enthielt und enthält noch jetzt zwei ganz verschiedene Elemente: ein
puritanisches und ein latitudinarisches Element. Über fast jede Frage,
die sich auf die kirchliche Verfassung wie auf das Ceremoniell des
öffentlichen Gottesdienstes bezog, waren jedoch der puritanische
Niederkirchliche und der latitudinarische Niederkirchliche vollkommen
einig. Sie sahen in der bestehenden Kirchenverfassung und in dem
bestehenden Ceremoniell keinen Mangel, keinen Übelstand, der es
ihnen hätte zur Pflicht machen können, Dissenters zu werden.
Nichtsdestoweniger waren sie der Meinung, daß die Verfassung sowohl wie
das Ceremoniell Mittel und nicht Zwecke seien und daß der wesentliche
Geist des Christenthums ohne Bischöfe und ohne ein allgemeines Gebetbuch
bestehen könne. Als Jakob auf dem Throne saß, waren sie die
Hauptwerkzeuge zur Bildung der großen Coalition gegen Papisterei und
Tyrannei gewesen und sie führten 1689 noch dieselbe versöhnliche
Sprache, die sie 1688 geführt hatten. Die Gewissensscrupel der
Nonconformisten tadelten sie mild. Es sei unzweifelhaft eine große
Schwäche zu glauben, daß es etwas Sündhaftes sein könne, einen weißen
Chorrock zu tragen, ein Kreuz zu schlagen, oder an dem Geländer eines
Altars zu knieen. Die höchste Autorität aber habe die unzweideutigsten
Vorschriften darüber erlassen, wie solche Schwäche zu behandeln sei. Der
schwache Bruder sei nicht zu verdammen, nicht zu verachten; Gläubige von
stärkerem Geiste seien gehalten, ihn durch große Nachgiebigkeit zu
beschwichtigen und sorgfältig jeden Stein des Anstoßes, der ihn
Veranlassung geben könne, Andersdenkende zu verletzen, aus seinem Wege
zu entfernen. Ein Apostel habe erklärt, daß er, obwohl er selbst gegen
den Genuß von thierischer Nahrung und Wein kein Bedenken hege, doch
lieber Pflanzen essen und Wasser trinken wolle, als daß er dem
Geringsten seiner Heerde ein Ärgerniß gäbe. Was würde er wohl von
Kirchenfürsten gedacht haben, welche um eines Gewandes, einer Geberde
oder einer Stellung willen nicht nur die Kirche gespalten, sondern alle
Gefängnisse England's mit Männern von orthodoxem Glauben und frommem
Lebenswandel gefüllt hätten? Die tadelnden Bemerkungen, welche die
Hochkirchlichen über das neuerliche Benehmen der Dissenters gemacht,
wurden von den Niederkirchlichen für höchst ungerecht erklärt. Das
Wunder liege nicht darin, daß einige wenige Nonconformisten dankbar eine
Indulgenz angenommen hätten, die, so gesetzwidrig sie auch gewesen, doch
ihnen die Thüren ihrer Kerker geöffnet und ihre häusliche Ruhe gesichert
habe, sondern darin, daß die Nonconformisten im allgemeinen der Sache
einer Verfassung treu geblieben seien, von deren Wohlthaten sie lange
ausgeschlossen gewesen. Es sei höchst unbillig, die Fehler einiger
weniger Individuen einer ganzen großen Partei zur Last zu legen. Selbst
unter den Bischöfen der Landeskirche habe Jakob Werkzeuge und
Schmeichler gefunden. Das Benehmen Cartwright's und Parker's sei viel
weniger zu entschuldigen gewesen, als das Alsop's und Lobb's. Gleichwohl
würden Diejenigen, welche die Dissenters für die Fehler Alsop's und
Lobb's verantwortlich hielten, es ohne Zweifel für sehr unvernünftig
erklären, wenn man die Landeskirche für die weit größere Schuld
Cartwright's und Parker's verantwortlich machen wolle.
Die Geistlichen der Niederkirche waren eine Minorität, und zwar keine
große Minorität ihres Standes; ihr Gewicht aber stand weit über dem
Verhältniß ihrer Anzahl, denn sie waren in der Hauptstadt stark
vertreten, sie hatten daselbst großen Einfluß und das Durchschnittsmaß
ihrer Intelligenz und wissenschaftlichen Bildung war bei ihnen höher als
bei ihrem Stande im allgemeinen. Wir wurden ihre numerische Stärke
wahrscheinlich noch zu hoch anschlagen, wenn wir sie auf ein Zehntel der
gesammten Geistlichkeit schätzten. Es wird jedoch schwerlich bestritten
werden können, daß sie in ihrer Mitte eben so viele Männer von
ausgezeichneter Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit zählten, als sich unter
den übrigen neun Zehnteln zusammengenommen fanden. Unter den Laien, die
sich der herrschenden Landeskirche angeschlossen, war das Verhältniß der
Parteien ziemlich gleich. Die Linie, welche sie trennte, war in der That
sehr wenig unterschieden von der Linie, welche die Whigs und Tories
trennte. Im Hause der Gemeinen, welches gewählt worden war, als die
Whigs die Oberhand hatten, war die Niederkirchenpartei entschieden
überwiegend; bei den Lords aber herrschte ein fast genaues Gleichgewicht
und es bedurfte nur sehr geringfügiger Umstände, um die Wagschale
emporzuschnellen.
[_Wilhelm's Pläne bezüglich der Kirchenverfassung._] Das Oberhaupt der
Niederkirchenpartei war der König. Er war als Presbyterianer erzogen
worden, seiner rationalen Überzeugung nach war er ein Latitudinarier,
und persönlicher Ehrgeiz sowohl als auch höhere Beweggründe vermochten
ihn, zwischen den protestantischen Secten als Vermittler aufzutreten.
Sein Bestreben war auf die Einführung dreier großer Reformen in den die
kirchlichen Angelegenheiten betreffenden Gesetzen gerichtet. Sein erster
Zweck war, den Dissenters die Erlaubniß zur freien und ungestörten
Abhaltung ihres Gottesdienstes zu erwirken. Sein zweiter Zweck war,
in dem anglikanischen Ritual und Kirchenregiment solche Abänderungen
vorzunehmen, welche die gemäßigten Nonconformisten gewinnen konnten,
ohne Diejenigen zu verletzen, denen jenes Ritual und Kirchenregiment
theuer war. Sein dritter Zweck war, den Protestanten ohne Unterschied
der Secten bürgerliche Ämter zugänglich zu machen. Alle drei Zwecke
waren gut, aber nur der erste war zur Zeit erreichbar. Für den zweiten
kam er zu spät, für den dritten zu früh.
[_Burnet, Bischof von Salisbury._] Wenige Tage nach seiner
Thronbesteigung that er einen Schritt, welcher seine Gesinnungen in
Bezug auf Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienst unverkennbar
andeutete. Er fand nur einen Bischofsstuhl unbesetzt. Seth Ward, der
viele Jahre hindurch das Kirchspiel von Salisbury verwaltet und sich als
einer von den Begründern der Königlichen Societät ehrenvoll
ausgezeichnet hatte, starb, nachdem er seine Fähigkeiten längst
überlebt, während das Land durch die Wahlen für die Convention bewegt
wurde, ohne zu wissen, daß große Ereignisse, von denen nicht das
unwichtigste unter seinem eignen Dache stattgefunden, seine Kirche und
sein Vaterland vom Untergange gerettet hatten. Die Wahl eines
Nachfolgers war nicht leicht. Diese Wahl mußte unvermeidlich von der
Nation als ein Prognostikon von höchster Bedeutung betrachtet werden.
Außerdem mußte die Anzahl der Geistlichen, die sich während der
Streitigkeiten der letzten drei Jahre durch Gelehrsamkeit,
Beredtsamkeit, Muth und Rechtschaffenheit ausgezeichnet hatten, den
König in Verlegenheit setzen. Burnet erhielt den Vorzug. Sein Anrecht
war unzweifelhaft groß; aber Wilhelm würde gewiß eine ruhigere Regierung
gehabt haben, wenn er mit der wohlverdienten Beförderung seines Kaplans
noch einige Zeit gewartet und die erste hohe geistliche Würde, welche
nach der Revolution durch die Krone zu vergeben war, einem der neuen
Regierung ergebenen, aber dem Klerus nicht allgemein verhaßten berühmten
Theologen verliehen hätte. Unglücklicherweise war Burnet's Name der
großen Mehrzahl der anglikanischen Geistlichen verhaßt. Obwohl er, dem
Prinzip nach, keineswegs zur extremen Fraction der latitudinarischen
Partei gehörte, so wurde er doch vom Volke als die Personifikation des
Latitudinarismus betrachtet. Diese Auszeichnung verdankte er der
hervorragenden Stellung, die er in der Literatur und der Politik
einnahm, der Gewandtheit seiner Zunge und seiner Feder und vor Allem der
Offenheit und Unerschrockenheit seines Characters, einer Offenheit,
welche kein Geheimniß bewahren konnte, und einer Unerschrockenheit, die
vor keiner Gefahr zurückbebte. Er hegte nur eine geringe Meinung von der
Gesammtheit seiner geistlichen Brüder und mit seiner gewohnten
Indiscretion ließ er sich oft verleiten, diese Meinung auszusprechen.
Dafür haßten sie ihn aber auch mit einer Erbitterung, die auf ihre
Nachfolger überging und noch jetzt, nach anderthalbem Jahrhundert, nicht
nachzulassen scheint.
Sobald der Beschluß des Königs bekannt wurde, fragte man sich überall:
Was wird der Erzbischof thun? Sancroft hatte sich von der Convention
fern gehalten, er hatte sich geweigert, einen Sitz im Geheimen Rathe
einzunehmen, er hatte aufgehört zu confirmiren, zu ordiniren und
einzusetzen, und nur selten sah man ihn außerhalb der Mauern seines
Palastes zu Lambeth. Bei jeder Gelegenheit erklärte er, daß er sich noch
immer durch seinen alten Unterthaneneid gebunden erachte. Burnet
betrachtete er als ein Ärgerniß für den Priesterstand, als einen
Presbyterianer im Chorrock. Der Prälat, der seine Hände auf dieses
unwürdige Haupt legte, würde mehr als eine große Sünde begehen. Er würde
an geheiligter Stätte und vor einer großen Versammlung von Gläubigen zu
gleicher Zeit einen Usurpator als König anerkennen und einem
Schismatiker den Rang eines Bischofs verleihen. Eine Zeit lang erklärte
Sancroft mit Bestimmtheit, er werde der Anordnung Wilhelm's nicht Folge
leisten. Lloyd von St. Asaph, der gemeinschaftliche Freund des
Erzbischofs und des neuerwählten Bischofs, drang umsonst mit Bitten und
Vorstellungen in ihn. Nottingham, der von allen der neuen Regierung
anhängenden Laien am besten mit dem Klerus stand, bot seinen Einfluß
ebenfalls auf, doch mit keinem besseren Erfolge. Die Jakobiten sagten
überall, daß sie des guten alten Primas gewiß seien, daß er den Muth
eines Märtyrers habe und daß er entschlossen sei, in der Sache der
Monarchie und der Kirche der äußersten Strenge der Gesetze zu trotzen,
mit denen die willfährigen Parlamente des 16. Jahrhunderts das
königliche Supremat geschützt hatten. Er hielt sich in der That lange;
im letzten Augenblicke aber sank ihm der Muth, und er sah sich nach
einem Auswege um. Zum Glück ließ sich sein Gewissen eben so oft durch
kindische Auskunftsmittel beruhigen, wie es durch kindische Bedenken
beunruhigt wurde. Ein kindischerer Ausweg als der, zu welchem er bei
dieser Gelegenheit griff, ist in allen Werken der Casuisten nicht zu
finden. Er wollte nicht persönlich Theil an der Feierlichkeit nehmen; er
wollte nicht öffentlich für den Prinzen und die Prinzessin als König und
Königin beten; er wollte nicht ihr Mandat verlangen, die Verlesung
desselben anbefehlen und dann für die Befolgung sorgen. Aber er stellte
eine Vollmacht aus, welche drei seiner Suffraganen, gleichviel welche,
ermächtigte, in seinem Namen und als seine Delegaten die Sünden zu
begehen, die er selbst nicht begehen mochte. Die Vorwürfe aller Parteien
brachten ihn bald dahin, daß er sich seiner selbst schämte. Nun
versuchte er es, die Augenscheinlichkeit seines Fehlers durch Mittel zu
verdecken, welche noch schimpflicher waren als der Fehler selbst. Er
entfernte aus den öffentlichen Acten, die er in seiner Verwahrung hatte,
das Dokument, durch welches er seine Amtsbrüder ermächtigt, anstatt
seiner zu handeln, und wurde nur mit Mühe bewogen, es wieder
herauszugeben.[81]
Burnet war indessen kraft dieses Dokuments zum Bischofe geweiht worden.
Als er das nächste Mal Marien besuchte, erinnerte sie ihn an die
Unterredungen, welche sie im Haag über die wichtigen Pflichten und die
große Verantwortlichkeit der Bischöfe mit einander gepflogen hatten.
»Ich hoffe,« sagte sie, »daß Sie Ihre Ansichten praktisch ausüben
werden.« Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht. Was man auch von Burnet's
Meinungen in Bezug auf Civil- und Kirchenverfassung, oder von der
Gesinnung und dem Urtheil denken mag, welche er bei Verfechtung dieser
Meinungen an den Tag legte, auch der böswilligste Parteigeist konnte
nicht zu leugnen wagen, daß er seine Heerde mit einem Eifer, einer
Sorgfalt und einer Uneigennützigkeit hütete, die den reinsten Zeiten der
Kirche würdig waren. Seine geistliche Oberherrschaft erstreckte sich
über Wiltshire und Berkshire. Diese Grafschaften theilte er in
Distrikte, die er fleißig besuchte. Jeden Sommer verwendete er etwa zwei
Monate darauf, täglich von Kirche zu Kirche zu predigen, zu katechisiren
und zu confirmiren. Als er starb, gab es in seinem Kirchspiele keinen
Winkel, wo das Volk nicht sieben bis acht Mal Gelegenheit gehabt hatte,
seine Belehrungen zu empfangen und seinen Rath zu erbitten. Das
schlechteste Wetter, die grundlosesten Wege hielten ihn nicht ab, diese
Pflichten zu erfüllen. Einmal als die Flüsse ausgetreten waren, setzte
er sich lieber der größten Lebensgefahr aus, als daß er die Erwartung
einer Landgemeinde, welche eine Predigt von dem Bischof zu hören hoffte,
getäuscht hätte. Die Armuth der niederen Geistlichkeit war fortwährend
ein Gegenstand der Besorgniß für sein menschenfreundliches und edles
Herz. Er war unermüdlich und zuletzt glücklich in seinen Bemühungen,
ihnen von Seiten der Krone die unter dem Namen »Königin Anna's
Schenkung« bekannte Unterstützung zu verschaffen.[82] Wenn er durch
seine Diöcese reiste, war er ganz besonders darauf bedacht, ihnen nicht
zur Last zu fallen. Anstatt sich von ihnen bewirthen zu lassen,
bewirthete er sie. Er nahm sein Hauptquartier stets in einem
Marktflecken, hielt daselbst offene Tafel und bemühte sich, durch seine
schlichte Gastfreundschaft und liebevolle Freigebigkeit die Herzen Derer
zu gewinnen, welche gegen seine Lehren eingenommen waren. Wenn er eine
dürftig besoldete Pfarrstelle vergab, und er hatte deren viele zu
vergeben, pflegte er dem Einkommen aus seiner eigenen Tasche zwanzig
Pfund jährlich zuzulegen. Zehn vielversprechende junge Leute, deren
jedem er dreißig Pfund jährlich aussetzte, studirten unter seinen Augen
in Salisbury Theologie. Obwohl er mehrere Kinder hatte, hielt er sich
doch nicht für berechtigt, Schätze für sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte
ihm ein anständiges Vermögen zugebracht; mit diesem Vermögen, sagte er
immer, müßten sie sich begnügen. Er könne sich nicht um ihretwillen der
Sünde schuldig machen, aus Einkünften, welche der Christenliebe und
Wohlthätigkeit geweiht seien, ein Vermögen zu sammeln. Solche Tugenden
werden in den Augen vernünftiger und vorurtheilsfreier Menschen gewiß
vollkommenen Ersatz für jeden Fehler bieten, der ihm mit Grund zur Last
gelegt werden kann.[83]
[Anmerkung 81: +Burnet II. 8.+; +Birch's Life of Tillotson+; +Life
of Kettlewell, part III. section 62.+]
[Anmerkung 82: Swift, der unter dem Namen Gregor Misosarum
schrieb, sagt boshafter und ehrloser Weise von Burnet, er habe der
Kirche diese Schenkung nicht gegönnt. Es kann Swift nicht
unbekannt gewesen sein, daß die Kirche diese Schenkung
hauptsächlich Burnet's beharrlicher Fürsprache verdankte.]
[Anmerkung 83: Siehe die Biographie Burnet's am Schlusse des
zweiten Bandes seiner Geschichte, seine handschriftlichen
Memoiren, Harl. 6584., seine Denkschriften über die Erstlinge und
Zehnten, und Somers' Briefe an ihn über diesen Gegenstand. Auch
vergleiche man was Dr. King, obwohl Jakobit, so gerecht war in
seinen +Anecdotes+ zu sagen. Ein höchst ehrenvolles Zeugniß für
Burnet's Tugenden, von einem andren Jakobiten, der ihn heftig
angegriffen, und gegen den er sich äußerst großmüthig gezeigt
hatte, von dem gelehrten und freimüthigen Thomas Baker, findet man
im +Gentleman's Magazine+ für August und September 1791.]
[_Nottingham's Pläne in Bezug auf die kirchliche Verfassung._] Als er
seinen Sitz im Hause der Lords einnahm, fand er diese Versammlung mit
der Berathung kirchlicher Gesetze beschäftigt. Ein Staatsmann, der als
treuer Anhänger der Landeskirche bekannt war, hatte es unternommen, die
Sache der Dissenters zu vertheidigen. Kein Unterthan im ganzen Reiche
nahm mit Bezug auf die religiösen Parteien eine so wichtige und
gebietende Stellung ein als Nottingham. Mit dem Einflusse, welchen Rang,
Reichthum und amtliche Würde verleihen, verband er den noch höheren
Einfluß der wissenschaftlichen Bildung, der Beredtsamkeit und der
Rechtschaffenheit. Sein orthodoxer Glaube, die Regelmäßigkeit seiner
Andachtsübungen und die Reinheit seiner Sitten gaben seinen Ansichten
über Fragen, welche die Interessen des Christenthums berührten, ein
besonderes Gewicht. Von allen Ministern des neuen Herrscherpaares genoß
er am meisten das Vertrauen der Geistlichkeit. Shrewsbury war sicherlich
ein Whig und wahrscheinlich ein Freidenker, denn er hatte eine Religion
verloren, und es war nicht deutlich zu erkennen, ob er eine andre
gefunden. Halifax war seit vielen Jahren des Skepticismus, Deismus und
Atheismus beschuldigt worden. Danby's Anhänglichkeit an das Episkopat
und die Liturgie war mehr politischer als religiöser Natur. Nottingham
aber war ein Sohn, den die Landeskirche mit Stolz den Ihrigen nannte.
In Folge dessen konnten Vorschläge, die, wenn sie von seinen Collegen
ausgegangen wären, unfehlbar einen panischen Schrecken unter der
Geistlichkeit hervorgerufen haben würden, wenn er sie machte, eine
günstige Aufnahme selbst bei den Universitäten und Kapiteln finden.
Die Freunde der religiösen Freiheit sehnten sich mit gutem Grunde nach
seiner Mitwirkung, und er war auch, bis zu einem gewissen Punkte, nicht
abgeneigt, Hand in Hand mit ihnen zu gehen. Er war entschieden für eine
Toleranz; er war sogar für eine Comprehension, wie man es damals nannte,
das heißt er wünschte einige Abänderungen in dem anglikanischen
Kirchenregiment und Ritual vorzunehmen, um dadurch die Bedenken der
gemäßigten Presbyterianer zu heben. Aber die Testacte wollte er nicht
aufgeben. Der einzige Fehler, den er an dieser Acte fand, war, daß sie
nicht nachdrücklich genug sei und Schlupfwege offen lasse, durch die
sich Schismatiker zuweilen in bürgerliche Ämter einschlichen. In der
That war er gerade deshalb geneigt, in einige Abänderungen in der
Liturgie zu willigen, weil er keine Lust hatte, sich von der Testacte zu
trennen. Er meinte, wenn der Eingang in die Staatskirche nur ein klein
wenig erweitert werde, würden sehr viele Leute, welche bis dahin
zaudernd auf der Schwelle gestanden, sich hereindrängen. Diejenigen,
welche dann noch draußen blieben, würden nicht zahlreich oder mächtig
genug sein, um ein weiteres Zugeständniß erzwingen zu können, und würden
sich gern mit einer bloßen Toleranz abfinden lassen.[84]
Die Ansicht der Niederkirchlichen bezüglich der Testacte war von der
seinigen durchaus verschieden. Vielen von ihnen aber schien es von
höchster Wichtigkeit, seine Unterstützung bei den großen Fragen der
Toleranz und der Comprehension zu erlangen. Aus den zerstreuten
fragmentarischen Mittheilungen, welche auf uns gekommen sind, geht
hervor, daß ein Vergleich zu Stande kam. Es ist gewiß, daß Nottingham es
auf sich nahm, eine Toleranzbill und eine Comprehensionsbill
einzubringen und sich nach besten Kräften zu bemühen, daß beide Bills im
Hause der Lords angenommen würden. Und sehr wahrscheinlich ist es, daß
einige von den leitenden Whigs in Anerkennung dieses großen Dienstes
einwilligten, die Testacte vor der Hand unverändert fortbestehen zu
lassen.
Die Abfassung der Toleranzbill sowohl als der Comprehensionsbill hatte
keine Schwierigkeiten. Vor neun oder zehn Jahren, als das Königreich von
Angst vor einem papistischen Complot erfüllt und die Protestanten
allgemein geneigt waren, sich gegen den gemeinsamen Feind zu verbinden,
war die Lage der Dissenters vielfach discutirt worden. Die Regierung war
damals bereit gewesen, der Whigpartei umfassende Zugeständnisse zu
machen, unter der Bedingung, daß die Krone nach dem regelmäßigen Gange
forterben dürfe. Zwei Gesetzentwürfe, von denen der eine den
öffentlichen Gottesdienst der Nonconformisten gestattete, der andre
einige Abänderungen in dem öffentlichen Gottesdienste der Staatskirche
traf, waren vorbereitet worden und würden wahrscheinlich von beiden
Häusern ohne Schwierigkeit angenommen worden sein, hätten nicht
Shaftesbury und seine Coadjutoren sich geweigert, auf irgendwelche
Bedingungen zu hören, und sich, indem sie nach Unerreichbarem die Hand
ausstreckten, Vortheile entgehen lassen, welche leicht zu erlangen
gewesen wären. An der Abfassung dieser Gesetzentwürfe hatte Nottingham,
damals ein thätiges Mitglied des Hauses der Gemeinen, einen starken
Antheil gehabt. Jetzt zog er sie aus dem Dunkel hervor, in welchem sie
seit der Auflösung des Oxforder Parlaments geblieben waren, und legte
sie mit einigen unbedeutenden Abänderungen auf den Tisch der Lords.[85]
[Anmerkung 84: Oldmixon möchte uns glauben machen, daß Nottingham
damals nicht abgeneigt gewesen sei, die Testacte aufzugeben. Aber
Oldmixon's Behauptung, welche durch keine Beweise unterstützt
wird, ist von gar keinem Gewicht, und alle Zeugnisse, die er
anführt, sprechen gegen seine Behauptung.]
[Anmerkung 85: +Burnet II. 6+; Van Citters an die Generalstaaten,
1.(11.) März 1689; +King William's Toleration being an explanation
of that liberty of conscience which may be expected from His
Majesty's Declaration, with a Bill for Comprehensions and
Indulgence, drawn up in order to an Act of Parliament, licensed
March 25. 1689.+]
[_Die Toleranzbill._] Die Toleranzbill ging in beiden Häusern nach
kurzer Debatte durch. Dieses berühmte Gesetz, das lange Zeit als die
große Charte der Religionsfreiheit betrachtet wurde, ist seitdem
umfassend modificirt worden und der jetzigen Generation fast nur dem
Namen nach bekannt. Der Name wird jedoch von Vielen, welche vielleicht
mit Verwunderung und Enttäuschung den wahren Character des Gesetzes
kennen lernen werden, das sie in Ehren zu halten gewohnt waren, noch
immer mit Achtung genannt.
Mehrere Gesetze, welche zwischen der Thronbesteigung der Königin
Elisabeth und der Revolution erlassen worden waren, schrieben Jedermann
bei strengen Strafen vor, dem Gottesdienste der Kirche England's
beizuwohnen und sich des Besuchs von Conventikeln zu enthalten. Die
Toleranzacte widerrief keines dieser Gesetze, sondern bestimmte nur, daß
sie auf Niemanden Anwendung finden sollten, der seine Loyalität durch
Ablegung der Unterthanen- und Suprematseide und seinen protestantischen
Glauben durch Unterzeichnung der Erklärung gegen die Transsubstantiation
bezeuge.
Die so gewährte Erleichterung kam sowohl den dissentirenden Laien
als den dissentirenden Geistlichen zu Gute. Der dissentirende Klerus
aber hatte noch einige besondere Ursachen zu Beschwerden. Die
Conformitätsacte hatte Jedem eine Geldbuße von hundert Pfund auferlegt,
der sich, ohne die bischöfliche Ordination empfangen zu haben, anmaßen
sollte, das Abendmahl zu reichen. Die Fünfmeilenacte hatte viele fromme
und gelehrte Geistliche von ihren Wohnplätzen und ihren Freunden
vertrieben, um in unbekannten Dörfern, welche auf keiner Landkarte zu
finden waren, unter Bauern zu leben. Die Conventikelacte hatte
denjenigen Geistlichen, welche vor Separatistenversammlungen predigen
sollten, schwere Geldbuße auferlegt, und in directem Widerspruche mit
dem humanen Geiste unsres gemeinen Rechts waren die Gerichtshöfe
angewiesen, diese Acte in umfassender Ausdehnung und zur wirksamen
Unterdrückung des Dissents wie zur Aufmunterung der Angeber zu
handhaben. Diese strengen Gesetze waren nicht aufgehoben, sondern nur,
mit vielen Bedingungen und Vorbehalten, gemildert. Es war
vorgeschrieben, daß jeder dissentirende Geistliche, ehe er seine
Amtsverrichtungen ausüben durfte, mit eigenhändiger Namensunterschrift
seinen Glauben an die Artikel der englischen Staatskirche, mit wenigen
Ausnahmen, feierlich erklären müsse. Die Punkte, zu denen seine
Zustimmung nicht verlangt wurde, waren: daß die Kirche die Befugniß
habe, das Ceremoniell zu reguliren, daß die in dem Homilienbuche
aufgestellten Lehren richtig seien, und daß die Ceremonie der Ordination
nichts Abergläubisches und Abgöttisches an sich habe. Erklärte er sich
für einen Baptisten, so brauchte er außerdem nicht zu versichern, daß
die Taufe der Kinder ein lobenswerther Gebrauch sei. Wenn ihm aber seine
Überzeugung nicht gestattete, vierunddreißig von den neununddreißig
Artikeln und den größten Theil von noch zwei anderen Artikeln zu
unterschreiben, so durfte er nicht predigen, ohne sich allen den Strafen
auszusetzen, welche die Cavaliere zur Zeit ihrer Macht und ihrer Rache
ersonnen hatten, um die schismatischen Prediger zu quälen und zu Grunde
zu richten.
Die Lage der Quäker war von der der übrigen Dissenters verschieden, und
zwar zu ihrem Nachtheile. Der Presbyterianer, der Independent und der
Baptist hatten keine Bedenken wegen des Suprematseides. Der Quäker aber
weigerte sich, denselben zu leisten, nicht weil er gegen den Satz, daß
fremde Fürsten und Prälaten in England keine Rechtsgewalt haben, etwas
einzuwenden gehabt hätte, sondern weil sein Gewissen ihm nicht
gestattete, auf irgend etwas zu schwören. Daher war er der Strenge eines
Theiles des Strafcodex ausgesetzt, welcher schon lange bevor das
Quäkerthum existirte von den Parlamenten Elisabeth's gegen die
Römisch-Katholischen ausgearbeitet worden war. Die Toleranzacte erlaubte
den Mitgliedern dieser harmlosen Secte, ihre Zusammenkünfte in Frieden
abzuhalten, unter der Bedingung, daß sie drei Urkunden unterzeichneten:
eine Erklärung gegen die Transsubstantiation, ein Versprechen der Treue
gegen die Regierung, und ein christliches Glaubensbekenntniß. Die
Einwendungen, welche der Quäker gegen die athanasianische Phraseologie
machte, hatten ihm die Beschuldigung des Socinianismus zugezogen, und
die starke Sprache, in der er zuweilen behauptete, daß er seine Kenntniß
von überirdischen Dingen unmittelbarer Eingebung von Oben verdanke,
hatte den Verdacht erweckt, daß er von der Autorität der heiligen
Schrift nicht viel halte. Es wurde daher von ihm verlangt, daß er seinen
Glauben an die Göttlichkeit des Sohnes und des heiligen Geistes, wie
auch an die Inspiration des Alten und Neuen Testaments erklären solle.
Dies waren die Bedingungen, unter denen die protestantischen Dissenters
in England zum ersten Male Gott nach ihrer Überzeugung verehren durften.
Es war ihnen ganz zweckmäßigerweise untersagt, ihre Versammlungen bei
verschlossenen Thüren zu halten; eine Klausel aber, welche es für
strafbar erklärte, ein Bethaus zu betreten, in der Absicht die
Versammlung zu belästigen, schützte sie gegen feindliches Eindringen.
Als ob die erwähnten Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln noch nicht
ausreichend gewesen wären, wurde nachdrücklich erklärt, daß die
Legislatur gegen keinen Papisten oder irgend Jemanden, der die Lehre von
der Dreieinigkeit, wie sie in den Formularen der englischen Landeskirche
aufgestellt ist, verwerfe, die geringste Nachsicht zu üben gedenke.
Von allen Acten, die jemals von einem Parlamente erlassen wurden, ist
die Toleranzacte vielleicht diejenige, welche auf die eigenthümlichen
Mängel und auf die eigenthümlichen Vorzüge der englischen Gesetzgebung
das grellste Licht wirft. Die Staatswissenschaft ist in einer Hinsicht
der Mathematik vollkommen analog. Der Mathematiker kann leicht darthun,
daß eine gewisse Kraft, welche vermittelst eines Hebels oder eines
Flaschenzugs angewendet wird, zum Heben einer gewissen Last ausreicht.
Seine Demonstration gründet sich auf die Voraussetzung, daß die
Maschinerie von der Art ist, daß keine Last sie biegen oder zerbrechen
kann. Wenn aber der Mechaniker, der vermittelst wirklicher Balken und
Seile eine große Masse wirklicher Steine zu heben hat, sich auf den
Lehrsatz, den er in Werken über Dynamik findet, unbedingt verlassen und
die Unvollkommenheit seines Materials nicht mit in Anschlag bringen
wollte, so würde sein ganzer Apparat von Balken, Rädern und Seilen bald
zusammenstürzen, und er würde mit all' seinen mathematischen Kenntnissen
als ein viel schlechterer Baumeister erfunden werden wie die bemalten
Barbaren, welche Stonehenge erbauten, obgleich sie von dem
Parallelogramm der Kräfte in ihrem Leben nichts gehört hatten. Wie sich
der Mechaniker zu dem Mathematiker verhält, so verhält sich der
praktische Staatsmann zu dem theoretischen Staatsmann. Es ist allerdings
höchst wichtig, daß Gesetzgeber und Regierende die Theorie des Regierens
genau kennen, wie es höchst wichtig ist, daß der Baumeister, der einen
Obelisk auf sein Piedestal stellen oder eine Röhrenbrücke über einen
Meeresarm legen soll, in der Theorie des Gleichgewichts und der Bewegung
bewandert sei. Wie aber der, welcher wirklich zu bauen hat, an Vieles
denken muß, wovon d'Alembert und Euler nie etwas erwähnt haben, so muß
auch Der, welcher wirklich regieren soll, sich beständig durch
Erwägungen leiten lassen, von denen in den Schriften Adam Smith's oder
Jeremias Bentham's keine Rede ist. Der vollkommene Gesetzgeber hält die
rechte Mitte zwischen dem Theoretiker, der nichts sieht als allgemeine
Grundsätze, und dem bloßen Praktiker, der nur specielle Umstände ins
Auge faßt. An Gesetzgebern, bei denen das spekulative Element bis zur
völligen Ausschließung des praktischen vorherrschte, ist die Welt
während der letzten achtzig Jahre auffallend fruchtbar gewesen. Ihrer
Weisheit verdanken Europa und Amerika Dutzende von abortiven
Verfassungen, welche gerade lange genug gelebt haben, um ein trauriges
Aufsehen zu machen, und die dann unter krampfhaften Zuckungen
verschieden sind. In der englischen Gesetzgebung aber hat das praktische
Element vor dem spekulativen stets, und nicht selten ungebührlich
vorgeherrscht. Nichts auf die Symmetrie, und viel auf die Zweckmäßigkeit
zu geben; niemals eine Anomalie blos deshalb zu beseitigen, weil sie
eine Anomalie ist; niemals eine Neuerung einzuführen, außer wenn sich
ein Nachtheil fühlbar macht, und Neuerungen nur in so weit einzuführen
als zur Hebung des Nachtheils nothwendig ist; niemals einen Vorschlag zu
machen, der sich weiter erstreckte, als auf den speciellen Fall, für
welchen Abhülfe zu schaffen ist: dies sind die Regeln, welche vom
Zeitalter Johann's bis zum Zeitalter Victoria's die Verhandlungen
unserer zweihundertfunfzig Parlamente geleitet haben. Unser nationaler
Widerwille gegen alles Abstracte in der Staatswissenschaft ist
allerdings so groß, daß er ein Fehler wird. Doch ist es vielleicht ein
Fehler zum Guten. Daß wir bei der Verbesserung unserer Gesetze viel zu
langsam gegangen sind, muß zugegeben werden. Obwohl aber in anderen
Ländern gelegentlich ein rascherer Fortschritt stattgefunden haben mag,
so würde es doch nicht leicht sein, ein andres Land zu nennen, in
welchem so wenig Rückschritt stattgefunden hätte.
Die Toleranzacte kommt dem Typus eines großen englischen Gesetzes sehr
nahe. Einen Juristen, der in der Theorie der Gesetzgebung wohl
bewandert, mit der Stimmung der Secten und Parteien aber, in welche die
Nation zur Zeit der Revolution gespalten war, nicht genau bekannt wäre,
würde jene Acte als ein wahres Chaos von Absurditäten und Widersprüchen
erscheinen. Sie wird eine Prüfung nach richtigen allgemeinen Prinzipien
nicht vertragen. Noch mehr, sie wird gar keine Prüfung nach irgend
welchem, gleichviel ob richtigen oder falschen Prinzip vertragen. Das
richtige Prinzip ist unzweifelhaft, daß ein rein theologischer Irrthum
von der Civilobrigkeit nicht bestraft werden darf. Dieses Prinzip
erkennt die Toleranzacte nicht nur nicht an, sondern sie leugnet es
sogar positiv. Kein einziges von den harten Gesetzen, welche die Tudors
oder die Stuarts gegen die Nonconformisten erlassen, ist aufgehoben.
Verfolgung ist nach wie vor die allgemeine Regel; Toleranz ist die
Ausnahme. Und dies ist noch nicht Alles. Die der Überzeugung gewählte
Freiheit wird in der launenhaftesten Weise gewährt. Ein Quäker erlangt
dadurch, daß er ein Glaubensbekenntniß in allgemeinen Ausdrücken ablegt,
den vollen Genuß der Acte, ohne einen der neununddreißig Artikel zu
unterschreiben. Ein Independentengeistlicher, der vollkommen bereit ist,
die von dem Quäker verlangte Erklärung abzugeben, der aber wegen sechs
oder sieben Artikeln Zweifel hegt, bleibt dem Strafgesetz unterworfen.
Howe ist straffällig, wenn er predigt, ohne zuvor seine Zustimmung zu
der anglikanischen Lehre vom Abendmahl feierlich erklärt zu haben. Penn,
der das Abendmahl ganz verwirft, kann völlig ungehindert predigen, ohne
irgend eine Erklärung über den Gegenstand abzugeben.
Dies sind einige von den unleugbaren Fehlern, welche Jedem auffallen
müssen, der die Toleranzacte nach dem Maßstabe der gesunden Vernunft
betrachtet, welcher in allen Ländern und zu allen Zeiten der nämliche
ist. Aber gerade diese Fehler können sich vielleicht als Vorzüge
herausstellen, wenn wir die Leidenschaften und Vorurtheile Derer in
Betracht ziehen, für welche die Toleranzacte erlassen wurde. Dieses an
Widersprüchen, die jeder Stümper in der Politik entdecken kann,
überreiche Gesetz leistete, was ein von den größten Meistern in der
Staatswissenschaft auf das Geschicktste ausgearbeitetes Gesetz
vielleicht nicht geleistet haben würde. Daß die obenangeführten
Bestimmungen lästig, kindisch, einander widersprechend und mit der
wahren Theorie der Religionsfreiheit nicht im Einklange sind, läßt sich
nicht leugnen. Alles was zu ihrer Vertheidigung angeführt werden kann,
ist, daß sie eine große Menge Hebel beseitigte, ohne eine große Menge
Vorurtheile zu verletzen; daß sie mit einem Male und für immer, ohne
eine einzige Abstimmung in einem der beiden Parlamentshäuser, ohne einen
einzigen Straßenaufstand und fast ohne hörbares Murren selbst von Seiten
der bigotteren Klassen, einer Verfolgung ein Ende machte, welche vier
Generationen hindurch gewüthet, zahllose Herzen gebrochen, zahllose
Herde verödet, die Gefängnisse mit Menschen gefüllt, welche für diese
Welt zu gut waren, und Tausende von rechtschaffenen, fleißigen und
gottesfürchtigen Landleuten und Handwerkern, welche den eigentlichen
Kern einer Nation bilden, über den Ocean getrieben hatte, um unter den
Wigwams rothhäutiger Indianer und den Lagerplätzen der Panther eine
Zufluchtsstätte zu suchen. Solche Vertheidigungsgründe mögen einigen
oberflächlichen Theoretikern vielleicht schwach vorkommen, Staatsmänner
aber werden sie ohne Zweifel für vollkommen ausreichend erklären.
Die Engländer von 1689 waren keineswegs geneigt, das Prinzip gelten zu
lassen, daß religiöser Irrthum ungestraft bleiben dürfe. Dieses Prinzip
war gerade damals unpopulärer als je, denn es war erst vor wenigen
Monaten arglistiger Weise als Vorwand benutzt worden, um die
Landeskirche zu verfolgen, die Grundgesetze des Reichs mit Füßen zu
treten, Freigüter einzuziehen und die bescheidene Ausübung des
Petitionsrechts als ein Verbrechen zu behandeln. Wenn damals eine
Bill entworfen worden wäre, welche allen Protestanten völlige
Gewissensfreiheit gewahrt hätte, so kann man mit Gewißheit behaupten,
daß Nottingham eine solche Bill niemals eingebracht, daß alle Bischöfe,
Burnet nicht ausgenommen, dagegen gestimmt haben würden, daß sie jeden
Sonntag von zehntausend Kanzeln herab als eine Beleidigung gegen Gott
und gegen alle Christen und als ein Freibrief für die ärgsten Ketzer und
Gottesleugner bezeichnet worden wäre, daß Bates und Baxter sie eben so
heftig verdammt haben würden als Ken und Sherlock, daß sie in der Hälfte
der englischen Städte vom Pöbel verbrannt worden, daß sie nie ein
Landesgesetz geworden wäre und daß sie schon das Wort Toleranz der
Mehrheit des Volks auf viele Jahre hinaus verhaßt gemacht haben würde.
Und dennoch, wenn eine solche Bill durchgegangen wäre, was würde sie
mehr bewirkt haben als die Toleranzacte bewirkte?
Es ist wahr, die Toleranzacte erkannte die Verfolgung als Regel an und
gewährte die Gewissensfreiheit nur als Ausnahme. Aber eben so wahr ist
es, daß die Regel nur gegen einige Hundert protestantischer Dissenters
in Kraft blieb und daß die Wohlthat der Ausnahme sich auf
Hunderttausende erstreckte.
Es ist wahr, daß es theoretisch widersinnig war, von Howe die
Unterzeichnung von vierunddreißig oder fünfunddreißig der anglikanischen
Artikel zu verlangen, bevor er predigen durfte, und Penn predigen zu
lassen, ohne daß er einen einzigen dieser Artikel unterzeichnete. Aber
eben so wahr ist es, daß Beide, Penn wie Howe, unter jenem Gesetz nicht
minder volle Freiheit zu predigen erlangten, als sie sie unter dem
weisesten Codex genossen haben würden, den ein Beccaria oder Jefferson
hätte ausarbeiten können.
Die Berathung der Bill ging leicht von Statten. Nur ein Amendement von
Wichtigkeit wurde vorgeschlagen. Einige eifrige Kirchenmänner im Hause
der Gemeinen sagten, daß es wohl wünschenswerth sein dürfte, die
Toleranz nur auf einen Zeitraum von sieben Jahren zu bewilligen und so
eine Garantie für das gute Verhalten der Nonconformisten zu erlangen.
Dieser Antrag aber wurde so ungünstig aufgenommen, daß Die, welche ihn
gestellt hatten, es nicht wagten, das Haus darüber abstimmen zu
lassen.[86]
Der König gab mit voller Befriedigung seine Zustimmung, die Bill wurde
Gesetz und die puritanischen Geistlichen drängten sich in allen
Grafschaften zu den Quartalsitzungen, um zu schwören und zu
unterzeichnen. Viele von ihnen mochten ihre Zustimmung zu den Artikeln
allerdings wohl mit einigen stillschweigenden Vorbehalten erklären.
Baxter aber wollte sein ängstliches Gewissen nicht gestatten den Schritt
zu thun, bevor er eine Erklärung über den Sinn, in welchem er jeden
Punkt verstand, zu Protokoll gegeben hatte. Das Schriftstück, welches
er dem Gerichtshofe, vor dem er die Eide leistete, überreichte,
ist noch vorhanden und enthält zwei Stellen von besonderem
Interesse. Er erklärte, daß seine Billigung des athanasianischen
Glaubensbekenntnisses sich auf denjenigen Theil beschränke, der ein
wirkliches Glaubensbekenntniß sei, und daß er den Verdammungssätzen
nicht beistimme. Ebenso erklärte er, daß er durch Unterschreibung des
Artikels, der über Alle, welche behaupten, man könne auch ohne Christi
Vermittlung selig werden, ein Anathema verhängt, Diejenigen nicht
verdammt haben wolle, welche die Hoffnung hegen, daß aufrichtige und
tugendhafte Ungläubige an den Wohlthaten der Erlösung Theil haben
können. Viele von den dissentirenden Geistlichen London's erklärten ihre
Verpflichtung zu diesen mildherzigen Gesinnungen.[87]
[Anmerkung 86: +Commons' Journals, May 17. 1689+]
[Anmerkung 87: Sense of the subscribed articles by the Ministers
of London, 1690; Calamy's Historical Additions to Baxter's Life.]
[_Die Comprehensionsbill._] Die Geschichte der Comprehensionsbill bildet
einen auffallenden Contrast zur Geschichte der Toleranzbill. Beide Bills
hatten einen gemeinsamen Ursprung und, in bedeutender Ausdehnung, auch
einen gemeinsamen Zweck. Sie wurden zu gleicher Zeit entworfen und zu
gleicher Zeit bei Seite gelegt; sie geriethen zusammen in Vergessenheit
und wurden nach Verlauf mehrerer Jahre zusammen wieder vor die Augen der
Welt gebracht. Beide wurden von dem nämlichen Peer auf den Tisch des
Oberhauses niedergelegt und beide wurden dem nämlichen Ausschusse
überwiesen. Bald aber begann es sich zu zeigen, daß sie ein ganz
verschiedenes Schicksal haben würden. Die Comprehensionsbill war zwar
ein besseres Probestück legislativer Geschicklichkeit, als die
Toleranzbill, war aber nicht, wie diese, den Bedürfnissen, Gefühlen und
Vorurtheilen der lebenden Generation angepaßt. In Folge dessen wurde die
Comprehensionsbill, während die Toleranzbill von allen Seiten
Unterstützung fand, von allen Seiten angegriffen und zuletzt selbst von
Denen, die sie eingebracht hatten, lau und schwach vertheidigt. Um die
nämliche Zeit, wo die Toleranzbill unter allgemeiner Zustimmung der
Staatsmänner Gesetz wurde, ward die Comprehensionsbill unter nicht
minder allgemeiner Zustimmung fallen gelassen. Die Toleranzbill nimmt
heute noch unter den wichtigen Gesetzen, welche in unsrer
Verfassungsgeschichte Epochen bezeichnen, eine Stelle ein. Die
Comprehensionsbill ist vergessen. Kein Sammler von Alterthümern hat sie
der Aufbewahrung werth gehalten. Ein einziges Exemplar, das nämliche,
welches Nottingham den Peers vorlegte, befindet sich noch unter unseren
Parlamentsacten, ist aber nur einigen wenigen jetzt lebenden Personen zu
Gesicht gekommen. Es ist ein glücklicher Umstand, daß aus diesem
Exemplare fast die ganze Geschichte der Bill zu ersehen ist. Trotz der
Durchstreichungen und hineincorrigirten Änderungen sind die
ursprünglichen Worte leicht von denen zu unterscheiden, welche im
Ausschuß oder bei der Berichterstattung hineingeschrieben wurden.[88]
Die erste Klausel, wie sie bei Einbringung der Bill lautete, entband
alle Geistlichen der Landeskirche der Nothwendigkeit, die neununddreißig
Artikel zu unterschreiben. An die Stelle der Artikel war folgende
Erklärung gesetzt: »Ich billige die Lehre und den Gottesdienst und das
Regiment der Staatskirche England's, wie sie gesetzlich bestehen,
als alles zur Seligkeit Nothwendige enthaltend, und verspreche in der
Ausübung meines geistlichen Amtes demgemäß zu predigen und zu handeln.«
Eine andre Klausel gewährte den Mitgliedern der beiden Universitäten
gleiche Begünstigung.
Ferner war bestimmt, daß jeder Geistliche, der nach presbyterianischer
Weise ordinirt worden, ohne nochmalige Ordination alle Rechte eines
Priesters der Landeskirche erlangen konnte. Er mußte jedoch in seine
neuen Functionen durch Händeauflegen seitens eines Bischofs eingeführt
werden, welcher dabei folgende Formel auszusprechen hatte: »Empfange die
Ermächtigung, das Wort Gottes zu predigen, die Sakramente darzureichen
und alle anderen geistlichen Amtsverrichtungen in der Kirche von England
auszuüben.« Der so Aufgenommene war zur Bekleidung jedes Rectorats oder
Vikariats im Königreiche befähigt.
Dann folgten Klauseln, welche bestimmten, daß ein Geistlicher, außer in
einigen wenigen Kirchen von besonderem Ansehen, den Chorrock tragen
könne oder nicht, wie er es für gut fände, daß das Zeichen des Kreuzes
bei der Taufe weggelassen werden dürfe, daß die Kinder ohne Pathen oder
Pathinnen getauft werden dürften, wenn die Eltern es wünschten, und daß
Leute, denen es Gewissensscrupel machte, das Abendmahl knieend zu
empfangen, es sitzend empfangen dürften.
Der Schlußsatz war in Form einer Petition gefaßt. Es war darin
vorgeschlagen, daß die beiden Häuser den König und die Königin ersuchen
sollten, eine Ordre zu erlassen, welche dreißig Theologen der
Landeskirche ermächtigte, die Liturgie, die Kirchengesetze und die
Einrichtung der geistlichen Gerichtshöfe zu untersuchen und die sich bei
der Untersuchung als wünschenswerth herausstellenden Änderungen
anzuempfehlen.
Die Bill durchlief ruhig die ersten Stadien. Compton, welcher
thatsächlich Primas war, seit Sancroft sich in Lambeth eingeschlossen
hatte, unterstützte Nottingham aufs Kräftigste.[89] Im Ausschusse aber
zeigte es sich, daß es eine starke Partei von Hochkirchlichen gab,
welche entschlossen waren, kein einziges Wort, keine einzige Formalität
aufzugeben, denen es schien, daß Gebete ohne den Chorrock keine Gebete,
der Täufling ohne das Zeichen des Kreuzes kein Christ, und Brod und Wein
keine Denkzeichen der Erlösung und keine Gnadenvehikel seien, wenn sie
nicht knieend empfangen würden. Warum, fragten diese Männer, sollte der
gehorsame und treue Sohn der Landeskirche den Verdruß haben, in ihre
majestätischen Chöre die unehrerbietigen Gebräuche eines Conventikels
eingeführt zu sehen? Warum sollten seine Gefühle, seine Vorurtheile,
wenn es wirklich Vorurtheile wären, weniger berücksichtigt werden als
die Launen der Schismatiker? Wenn, wie Burnet und Leute wie Burnet nicht
müde wurden zu wiederholen, einem schwachen Bruder Nachsicht gebühre,
gebühre sie demjenigen Bruder, dessen Schwäche in seiner übergroßen
Liebe zu einem alten, einfachen und schönen Ritual bestehe, das von
Kindheit an in seiner Phantasie mit dem Erhabensten und Theuersten eng
verbunden sei, weniger als dem Bruder, dessen grämlicher und
streitsüchtiger Geist beständig auf läppische Einwendungen gegen
harmlose und heilsame Gebräuche sinne? Aber die Bedenklichkeit des
Puritaners sei wahrlich nicht die Art der Bedenklichkeit, welche der
Apostel den Gläubigen zu respectiren befohlen habe. Sie entspringe nicht
aus einer krankhaften Zartheit des Gewissens, sondern aus Tadelsucht und
geistlichem Hochmuth, und wer das Neue Testament studirt habe, dem könne
es unmöglich entgangen sein, daß, während es unsre Pflicht sei Alles zu
vermeiden was dem Schwachen ein Ärgerniß geben könne, göttliche
Vorschrift und göttliches Beispiel uns lehrten, dem anmaßenden und
lieblosen Pharisäer kein Zugeständniß zu machen. Sollte Alles was nicht
zum Wesen der Religion gehöre, aufgegeben werden, sobald es einem Haufen
Zeloten, denen Eigendünkel und Neuerungssucht die Köpfe verdreht hätte,
nicht mehr gefalle? Bemaltes Glas, Musik, Feiertage und Festtage
gehörten nicht zum Wesen der Religion. Sollten auf Verlangen der einen
Schaar Fanatiker die Fenster der Kapelle von King's College zerbrochen
werden? Sollte einer andren zu Gefallen die Orgel von Exeter verstummen?
Sollten alle Dorfglocken schweigen, weil Tribulation Wholesome oder
Diakonus Ananias sie für profan hielten? Sollte das Christfest kein
Freudentag mehr sein? Sollte die Passionswoche nicht länger eine Zeit
der Demüthigung bleiben? Diese Änderungen waren allerdings noch nicht
vorgeschlagen worden. Wenn wir aber, argumentirten die Hochkirchlichen,
einmal zugeben, daß etwas Harmloses und Erbauliches abgeschafft werde,
weil es einigen beschränkten Köpfen und Grämlingen Anstoß giebt, wo
sollen wir dann einhalten? Und ist es nicht wahrscheinlich, daß wir,
indem wir so versuchen, ein Schisma zu heilen, ein andres hervorrufen
können? Alle die Dinge, welche die Puritaner als Flecken der Kirche
betrachten, werden von einem großen Theile der Bevölkerung zu den
Schönheiten derselben gerechnet. Kann sie nicht, indem sie aufhört
einigen mürrischen Rigoristen Ärgerniß zu geben, zu gleicher Zeit ihren
Einfluß auf die Herzen Vieler verlieren, die sich jetzt an ihren
Gebräuchen erfreuen? Steht nicht zu befürchten, daß für jeden
Proselyten, den sie aus dem Bethause an sich zieht, zehn ihrer alten
Söhne ihren verstümmelten Riten und des Schmuckes beraubten Tempeln den
Rücken kehren und daß diese neuen Separatisten sich entweder zu einer
viel mächtigeren Secte als die, welche wir jetzt zu versöhnen suchen,
zusammenschaaren oder in der Heftigkeit ihres Abscheues vor einer kalten
und unwürdigen Gottesverehrung sich verleiten lassen, zu dem feierlichen
und glänzenden Götzendienst Rom's überzugehen?
Es ist bemerkenswerth, daß Die, welche diese Sprache führten, keineswegs
geneigt waren, für die doctrinellen Artikel der Staatskirche zu
streiten. In Wahrheit hat seit den Zeiten Jakob's I. die große Partei,
welche besonders für die anglikanische Kirchenverfassung und das
anglikanische Ritual eingenommen war, sich immer stark zum Arminianismus
hingeneigt und daher nie sehr fest an einem Glaubensbekenntniß gehangen,
das von Reformatoren entworfen war, welche in Fragen der metaphysischen
Theologie im Allgemeinen mit Calvin übereinstimmten. Eines von den
characteristischen Kennzeichen dieser Partei ist die Geneigtheit, welche
sie stets an den Tag gelegt hat, sich bei Punkten der dogmatischen
Theologie lieber auf die aus Rom stammende Liturgie als auf die aus Genf
stammenden Artikel und Homilien zu berufen. Die calvinistischen
Mitglieder der Kirche haben dagegen stets behauptet, daß die
wohlerwogene Meinung derselben über solche Punkte vielmehr in einer
Homilie oder in einer Dankeshymne zu finden sei. Es scheint nicht,
daß bei den Debatten über die Comprehensionsbill ein einziger
Hochkirchlicher seine Stimme gegen die Klausel erhob, welche den Klerus
der Nothwendigkeit entband, die Artikel zu unterschreiben und die in den
Homilien enthaltene Doctrin für richtig zu erklären. Die Erklärung,
welche in dem ursprünglichen Entwurf an die Stelle der Artikel gesetzt
war, wurde sogar in der Berichterstattung sehr gemildert. Nach dem
schließlichen Wortlaute der Klausel war den Dienern der Landeskirche
vorgeschrieben zu erklären, nicht daß sie ihre Verfassung _billigten_,
sondern bloß daß sie sich derselben unterwürfen. Wäre die Bill Gesetz
geworden, so würden die dissentirenden Prediger die Einzigen im ganzen
Königreiche geworden sein, welche die Artikel zu unterschreiben gehabt
hätten.[90]
Die Leichtigkeit mit der die eifrigen Freunde der Landeskirche das
Glaubensbekenntniß derselben aufgaben, contrastirt auffallend mit der
Begeisterung, mit der sie für die Verfassung und das Ritual derselben
stritten. Die Klausel, welche presbyterianischen Geistlichen gestattete,
ohne bischöfliche Ordination Pfründen zu besitzen, wurde verworfen.
Die Klausel, welche skrupulösen Personen gestattete, sitzend zu
communiciren, entging mit genauer Noth dem nämlichen Schicksale. Im
Ausschusse wurde sie weggestrichen und bei der Berichterstattung nur mit
großer Mühe wieder aufgenommen. Die Majorität der anwesenden Peers war
gegen die vorgeschlagene Begünstigung und nur die Stellvertreter gaben
gerade noch den entgegengesetzten Ausschlag.
Inzwischen begann es sich jedoch zu zeigen, daß der Bill, welche die
Anhänger der Hochkirche so heftig angriffen, von ganz andrer Seite
Gefahren drohten. Die nämlichen Gründe, welche Nottingham bewogen hatten
eine Comprehension zu unterstützen, machten dieselbe für eine große
Anzahl von Dissenters zu einem Gegenstande der Besorgniß und Abneigung.
Das Wahre ist, daß die Zeit für einen solchen Plan vorüber war. Wäre
Elisabeth hundert Jahre früher, als die Spaltung unter den Protestanten
noch neu war, so weise gewesen, von dem Verlangen der Beobachtung
einiger weniger Formen abzustehen, welche ein großer Theil ihrer
Unterthanen als papistisch betrachtete, so hatte sie vielleicht die
entsetzlichen Calamitäten verhüten können, welche vierzig Jahre nach
ihrem Tode die Kirche heimsuchten. Aber eine Kirchenspaltung hat in der
Regel die Tendenz, sich zu vergrößern. Hätte Leo X., als die
Erpressungen und Betrügereien der Ablaßkrämer zuerst den Unwillen
Sachsen's erregten, diesem Unwesen mit kräftiger Hand gesteuert, so ist
es nicht unwahrscheinlich, daß Luther im Schooße der römischen Kirche
gestorben sein würde. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt
vorübergehen, und als wenige Jahre später der Vatikan durch
Nachgiebigkeit in dem ursprünglichen Streitpunkte gern den Frieden
erkauft haben würde, war der ursprüngliche Gegenstand des Streits fast
vergessen. Der durch einen einzelnen Mißbrauch geweckte Prüfungsgeist
hatte tausende entdeckt oder zu entdecken geglaubt; Controversen
erzeugten Controversen, jeder Versuch, den einen Streit beizulegen,
endigte damit, daß er einen andren hervorrief, und schließlich machte
ein allgemeines Concil, das man während der ersten Stadien des Übels für
ein untrügliches Heilmittel gehalten hatte, die Sache völlig
hoffnungslos. In dieser Beziehung wie in vielen anderen gleicht die
Geschichte des Puritanismus in England genau der Geschichte des
Protestantismus in Europa. Das Parlament von 1689 konnte durch Duldung
eines Gewandes oder einer Stellung der Nonconformität eben so wenig ein
Ende machen, wie die Doctoren von Trient durch Regulirung des Ablasses
die teutonischen Völker mit dem Papstthum versöhnen konnten. Im 16.
Jahrhundert war das Quäkerthum noch unbekannt und es gab im ganzen
Reiche nicht eine einzige Independenten- oder Baptistengemeinde. Zur
Zeit der Revolution bildeten die Independenten, Baptisten und Quäker die
Majorität der Dissenters und diese Secten konnten nicht durch
Bedingungen gewonnen werden, welche der entschiedenste Niederkirchliche
zu bieten geneigt gewesen wäre. Der Independent war der Ansicht, daß
eine Landeskirche, welche durch was immer für eine Centralgewalt, ob
Papst, Patriarch, König, Bischof oder Synode, regiert wurde, eine nicht
schriftgemäße Institution und daß jede Gemeinschaft von Gläubigen unter
Christi Autorität eine souveraine Gesellschaft sei. Der Baptist war noch
unnachgiebiger als der Independent, und der Quäker noch unnachgiebiger
als der Baptist. Daher würden Concessionen, welche vor Zeiten der
Nonconformität ein Ende gemacht hätten, jetzt noch nicht die Hälfte der
Nonconformisten befriedigt haben, und jedem Nonconformisten, den kein
Zugeständniß befriedigen konnte, mußte nothwendig darum zu thun sein,
daß auch keiner seiner Glaubensbrüder zu befriedigen war. Je liberaler
die Bedingungen der Comprehension waren um so größer war die Besorgniß
jedes Separatisten, welcher wußte, daß er in keinem Falle comprehensirt
werden konnte. Es war also nur wenig Hoffnung, daß die Dissenters, auch
wenn sie ungetheilt und wie Ein Mann handelten, von der Legislatur volle
Zulassung zu bürgerlichen Rechten erlangen würden, und jede Hoffnung,
diese Zulassung zu erlangen, mußte aufgegeben werden, wenn es Nottingham
mit Hülfe einiger wohlmeinender aber kurzsichtiger Freunde der
Religionsfreiheit möglich werden sollte, seinen Plan durchzuführen. Wenn
seine Bill durchging, so erfolgte unzweifelhaft ein erheblicher Abfall
von der Dissenterschaft, und jeder Abfall mußte von einer ohnehin schon
in der Minderzahl befindlichen, unterdrückten und gegen mächtige Feinde
kämpfenden Klasse schwer empfunden werden. Überdies mußte jeder Proselyt
doppelt gezählt werden, einmal als Verlust für die Partei, welche gerade
jetzt nur zu schwach war, und einmal als Gewinn für die schon zu starke
Gegenpartei. Die Kirche war nur zu gut im Stande, allen Secten im
Königreiche die Spitze zu bieten, und wenn diese Secten durch einen
bedeutenden Abfall gelichtet und die Kirche durch einen bedeutenden
Zugang verstärkt werden sollte, so war es offenbar mit aller Aussicht
auf eine Milderung der Testacte vorbei und nur zu wahrscheinlich,
daß die Toleranzacte bald wieder zurückgenommen werden würde.
Selbst diejenigen presbyterianischen Geistlichen, deren Gewissensscrupel
zu heben die Comprehensionsbill insbesondere bestimmt war, hegten
keineswegs einhellig den Wunsch, sie angenommen zu sehen. Die
talentvollsten und beredtsamsten Prediger waren seit dem Erscheinen der
Indulgenzerklärung sehr angenehm in der Hauptstadt und anderen großen
Städten placirt und sollten jetzt unter der sicheren Garantie einer
Parlamentsacte die Duldung genießen, welche unter der Indulgenzerklärung
gesetzwidrig und unsicher gewesen war. Die Lage dieser Männer war von
der Art, daß die große Mehrzahl der Geistlichen der Landeskirche sie mit
Recht beneiden konnten. In der That, nur wenige Parochialgeistliche
waren so reichlich mit Bequemlichkeiten und Genüssen bedacht, als der
Lieblingsprediger einer großen Nonconformistengemeinde in der City.
Die freiwilligen Beiträge seiner wohlhabenden Zuhörer, bestehend aus
Aldermen und Rathsherren, Kaufleuten, welche nach Westindien und
der Levante Handel trieben, Ältesten der Fischhändler- und
Goldschmiedgilden, setzten ihn in den Stand, Grundeigenthümer zu werden
oder auf Hypotheken auszuleihen. Das feinste Tuch aus Blackwell Hall und
das beste Geflügel von Leadenhall Market wurden ihm häufig ins Haus
gebracht, sein Einfluß auf seine Gemeinde war ungeheuer. Kein Mitglied
einer Separatistengesellschaft ging so leicht ein Compagniegeschäft ein,
oder verheirathete seine Tochter, oder brachte seinen Sohn in die Lehre,
oder gab seine Stimme bei einer Wahl ab, ohne seinen Seelsorger zu Rathe
zu ziehen. In allen politischen und religiösen Fragen war der Geistliche
das Orakel seiner Gemeinde. Seit vielen Jahren pflegte man im Volke zu
sagen, daß ein ausgezeichneter Dissentergeistlicher nur seinen Sohn
Advokat oder Arzt werden zu lassen brauche, um gewiß zu sein, daß er als
Advokat Klienten und als Arzt Patienten haben werde. Während ein
gewöhnliches Dienstmädchen in der Regel als die für einen Kaplan der
Landeskirche passende Lebensgefährtin betrachtet wurde, galt es für
ausgemacht, daß die Wittwen und Töchter reicher Bürger vorzugsweise den
nonconformistischen Pastoren zukamen. Ein angesehener presbyterianischer
Rabbi konnte somit wohl daran zweifeln, ob er in weltlicher Beziehung
durch eine Comprehension etwas gewinnen werde. Er konnte allerdings eine
Pfarre oder eine Vikarstelle bekleiden, wenn er eine bekam; inzwischen
aber wurde er dem Mangel preisgegeben, sein Versammlungshaus wurde
geschlossen, seine Gemeinde zerstreute sich unter die Pfarrkirchen, und
wenn ihm eine Pfründe verliehen wurde, so bot sie ihm wahrscheinlich nur
einen kärglichen Ersatz für das verlorne Einkommen. Eben so wenig durfte
er hoffen, als Diener der anglikanischen Kirche die Autorität und das
Ansehen zu erlangen, die er bisher genossen hatte. Von einem großen
Theile dieser Kirche würde er stets als ein Überläufer betrachtet
werden. Es war daher im Ganzen genommen sehr natürlich, wenn er da
gelassen zu werden wünschte wo er war.[91]
In Folge dessen entstand eine Spaltung in der Whigpartei. Der eine Theil
war für die Entbindung der Dissenters von der Testacte und für Aufgeben
der Comprehensionsbill, der andre Theil war für Unterstützung der
Comprehensionsbill und für Verschiebung der Angelegenheit wegen der
Testacte bis zu einer passenderen Zeit. Die Wirkung dieser Spaltung
unter den Freunden der religiösen Freiheit war, daß die Anhänger der
Hochkirche, obgleich sie im Hause der Gemeinen eine Minorität und im
Hause der Lords keine Majorität bildeten, beiden gefürchteten Reformen
mit Erfolg zu opponiren vermochten. Die Comprehensionsbill wurde nicht
angenommen und die Testacte wurde nicht widerrufen.