Vollständige und wohlfeilste

+Stereotyp-Ausgabe.+

Sechster Band:

enthaltend Kapitel 11 und 12.

=Leipzig, 1856=

_G. H. Friedlein._

* * * * *

* * * *

=Elftes Kapitel.=

_Wilhelm von Oranien._

=Inhalt.=

Seite

Wilhelm und Marie 5

Festlichkeiten durch ganz England 6

Festlichkeiten in Holland 6

Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der Armee 6

Reaction der öffentlichen Meinung 7

Stimmung der Tories 9

Stimmung der Whigs 11

Ministerielle Einrichtungen 12

Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen 13

Danby 14

Halifax 15

Nottingham 15

Shrewsbury 17

Die Admiralität 17

Das Schatzamt 17

Das große Siegel 18

Die Richter 18

Der Hofstaat 19

Untergeordnete Ernennungen 21

Die Convention in ein Parlament verwandelt 22

Die Mitglieder der beiden Häuser werden aufgefordert

die Eide zu leisten 25

Fragen bezüglich des Einkommens 26

Abschaffung der Herdsteuer 28

Entschädigung der Vereinigten Provinzen 29

Meuterei in Ipswich 29

Die erste Meutereibill 32

Suspension der Habeas-Corpus-Acte 35

Unpopularität Wilhelm's 36

Popularität Mariens 38

Das Hoflager wird von Whitehall nach Hampton-Court verlegt 40

Der Hof in Kensington 42

Wilhelm's ausländische Günstlinge 43

Allgemeine schlechte Verwaltung 44

Uneinigkeit unter den Staatsdienern 46

Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten 49

Religionsstreitigkeiten 50

Die Hochkirchenpartei 51

Die Niederkirchenpartei 52

Wilhelm's Pläne bezüglich der Kirchenverfassung 53

Burnet, Bischof von Salisbury 54

Nottingham's Pläne in Bezug auf die kirchliche Verfassung 56

Die Toleranzbill 58

Die Comprehensionsbill 63

Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und Suprematseide 69

Die Bill zur Festsetzung des Krönungseides 79

Die Krönung 81

Beförderungen 83

Die Coalition gegen Frankreich 84

Die Verwüstung der Pfalz 84

Kriegserklärung gegen Frankreich 87

[_Wilhelm und Marie._] Die Revolution war vollendet und die Decrete der

Convention allenthalben mit Unterwerfung aufgenommen worden. London,

seit fünfzig ereignißvollen Jahren treu der Sache der bürgerlichen

Freiheit und des reformirten Glaubens, erklärte zuerst den neuen

Herrschern seine Ergebenheit. Nachdem der erste Wappenherold unter den

Fenstern von Whitehall den neuen Herrscher ausgerufen, ritt er mit

feierlichem Gepränge den Strand entlang bis Temple Bar. Ihm folgten die

Scepterträger der beiden Häuser, die beiden Sprecher Halifax und Powle

und ein langer Zug von Equipagen mit Cavalieren und Gentlemen. Die

Magistratsbeamten der City hielten ihre Thore geöffnet und schlossen

sich der Prozession an. Vier Regimenter Miliz bildeten durch Ludgate

Hill, um die St. Paulskirche herum und Cheapside entlang Spalier. Die

Straßen, die Fenster und selbst die Dächer waren mit Zuschauern gefüllt.

Alle Glocken von der Westminsterabtei bis zum Tower ließen ihr

fröhliches Geläute ertönen. Vor der Börse wurde die Proclamation unter

dem Jubel der versammelten Bürger bei Trompetenschall zum zweiten Male

verlesen.

Am Abend war jedes Fenster von Whitechapel bis Picadilly erleuchtet.

Die Prunkgemächer des Palastes waren geöffnet und mit einer glänzenden

Versammlung von Höflingen gefüllt, welche gekommen waren, dem Könige und

der Königin die Hand zu küssen. Es waren die Whigs, die sich, von Glück

und Siegesfreude strahlend, hier versammelt hatten. Einigen unter ihnen

konnte man es wohl verzeihen, wenn sich ein Gefühl befriedigter Rache in

ihre Freude mischte. Die am schwersten Gekränkte aber von Allen, welche

die schlimmen Zeiten überlebt hatten, fehlte. Lady Russel war, während

ihre Freunde sich in den Gallerien von Whitehall drängten, zu Haus

geblieben, um an Den zu denken, der, wenn er noch gelebt hätte, bei der

Feier dieses hochwichtigen Tages eine nicht unbedeutende Rolle gespielt

haben würde. Ihre Tochter jedoch, welche einige Monate zuvor die

Gemahlin des Lord Cavendish geworden, ließ sich durch dessen Mutter, die

Gräfin von Devonshire, dem Königspaare vorstellen. Es existirt noch ein

Brief, in welchem die junge Dame den Jubel der Bevölkerung, den

Lichterglanz in den Straßen, das Gedränge in dem Empfangszimmer, die

Schönheit Mariens und den Ausdruck, der die strengen Züge Wilhelm's

veredelte und milderte, mit großer Lebendigkeit schildert. Die

interessanteste Stelle darin ist die, wo die Verwaiste die wehmüthige

Freude gesteht, mit der sie die verspätete Bestrafung des Mörders ihres

Vaters mit ansah.[1]

[Anmerkung 1: Brief von Lady Cavendish an Sylvia. Lady Cavendish

hatte, wie die meisten jungen Damen jener Generation, beständig

die Romane der Scudery im Kopfe. Sie selbst ist Dorinda, ihre

Correspondentin, in der man ihre Cousine Johanna Allington

vermuthete, ist Sylvia; Wilhelm ist Armanzor und Maria ist

Phenixana. +London Gazette, Febr. 14. 1688/89; Narcissus

Luttrell's Diary+. Luttrell's Tagebuch, das ich sehr oft citiren

werde, befindet sich in der Bibliothek des Allerseelen-Collegiums,

dessen Vorsteher ich zu großem Danke verpflichtet bin für die

Bereitwilligkeit, mit der er mir die Benutzung dieses werthvollen

Manuscripts gestattete.]

[_Festlichkeiten durch ganz England._] Dem Beispiele London's folgten

auch die Provinzialstädte. Drei Wochen lang waren die Spalten der

Journale mit Berichten über die Festlichkeiten gefüllt, durch die sich

die öffentliche Freude kund gab: Cavalcaden von Gentlemen und

Freisassen, Prozessionen von Sheriffs und Bailiffs im scharlachnen

Amtskleide, Umzüge eifriger Protestanten mit orangefarbenen Fahnen und

Bändern, Geschützsalven, Freudenfeuer, Illuminationen, Musikfeste,

Bälle, Gastmähler, Rinnen und Röhren in denen Ale und Claret flossen.[2]

[Anmerkung 2: Siehe die +London Gazette+ vom Februar und März

1688/89. und N. Luttrell's Tagebuch.]

[_Festlichkeiten in Holland._] Noch herzlicher war die Freude

unter den Holländern, als sie erfuhren, daß der erste Beamte ihrer

Republik auf einen Thron erhoben worden. Wilhelm hatte am Tage

seines Regierungsantritts an die Generalstaaten geschrieben, daß die

Veränderung in seiner Stellung die Liebe zu seinem Vaterlande nicht

geschmälert und daß seine neue Würde ihn hoffentlich in den Stand setzen

werde, seine älteren Pflichten wirksamer zu erfüllen als je. Die

olicharchische Partei, welche den Lehren Calvin's und dem Hause Oranien

stets feindlich gesinnt gewesen, murmelte zwar leise, Sr. Majestät müsse

das Statthalteramt niederlegen. Aber all' dieses Gemurmel wurde von dem

Zujauchzen eines Volks übertäubt, das stolz war auf das Genie und das

Glück seines großen Landsmannes. Es ward ein Tag zu Dankesbezeigungen

bestimmt, und in allen Städten der sieben Provinzen äußerte sich die

allgemeine Freude in Festlichkeiten, deren Kosten hauptsächlich durch

freiwillige Gaben bestritten wurden. Alle Klassen nahmen Theil daran;

der ärmste Tagelöhner konnte sich betheiligen, indem er einen

Triumphbogen errichten half oder Reisig zu einem Freudenfeuer trug.

Selbst die ruinirten Hugenotten konnten durch ihre Geschicklichkeit und

ihre Erfindungsgabe mitwirken. Eine Kunst, die sie mit sich in die

Verbannung genommen, war die Feuerwerkerei, und so erleuchteten sie

jetzt zu Ehren des siegreichen Vorkämpfers ihres Glaubens die Kanäle von

Amsterdam durch prachtvolle Feuerwerke.[3]

Dem flüchtigen Beobachter konnte es scheinen, als hätte Wilhelm damals

einer der beneidenswerthesten Menschen sein müssen; in der That aber war

er einer der sorgenvollsten und unglücklichsten. Er wußte wohl, daß die

Schwierigkeiten seiner Aufgabe erst begannen. Schon war die so glänzend

angebrochene Morgenröthe seines Glücks umwölkt und viele Anzeichen

verkündeten einen dunklen, stürmischen Tag.

[Anmerkung 3: Wagenaar, 61. Er führt die Protokolle der

Generalstaaten vom 2. März 1689 an. +London Gazette, April 11.

1689+; +Monthly Mercury, April 1689+.]

[_Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der Armee._] Man machte die

Bemerkung, daß zwei wichtige Stände wenig oder keinen Theil an den

Festlichkeiten nähmen, durch welche in ganz England die Einsetzung der

neuen Regierung gefeiert wurde. Nur sehr selten sah man einen Priester

oder einen Soldaten unter den Leuten, die sich um die Marktsäulen

versammelten, wo der König und die Königin ausgerufen wurden. Der

Berufsstolz der Geistlichkeit und des Heeres war tief verletzt worden.

Die Lehre vom Nichtwiderstande war den anglikanischen Geistlichen theuer

gewesen; sie war ihr unterscheidendes Kennzeichen, sie war ihr

Lieblingsthema. Wenn wir nach dem auf uns gekommenen Theile ihrer

öffentlichen Vorträge urtheilen dürfen, so hatten sie über die Pflicht

des passiven Gehorsams mindestens eben so oft und eifrig gepredigt, wie

über die Dreieinigkeit und die Sühne.[4] Ihre Anhänglichkeit an ihren

politischen Glauben war zwar hart geprüft und auf eine kurze Zeit

erschüttert worden; aber mit Jakob's Tyrannei waren auch die bittern

Gefühle verschwunden, welche diese Tyrannei in ihnen geweckt hatte. Der

Pfarrer eines Kirchspiels war natürlich nicht geneigt, sich einer Sache

anzuschließen, die ein thatsächlicher Triumph über die Grundsätze war,

die seine Gemeinde ihn an jedem Jahrestage des Märtyrertodes[5] und der

Restauration hatte verkündigen hören.

Auch die Soldaten waren mißvergnügt. Sie haßten zwar den Papismus und

hatten den verbannten König nicht geliebt; aber sie fühlten nur zu wohl,

daß sie in dem kurzen Feldzuge, der das Schicksal ihres Vaterlandes

entschieden, eine ruhmlose Rolle gespielt hatten. Vierzig schöne

Regimenter, eine reguläre Armee, wie noch nie zuvor eine unter dem

Banner England's gefochten, hatten sich über Hals und Kopf vor einem

Eindringling zurückgezogen und sich ihm dann ohne Schwertstreich

unterworfen. Diese große Streitmacht war bei der jüngsten Veränderung

von gar keinem Einflusse gewesen; sie hatte eben so wenig etwas gethan,

Wilhelm abzuwehren, als ihn ins Land zu bringen. Die Bauern, welche mit

Heugabeln bewaffnet und auf Karrengäulen reitend, im Gefolge Lovelace's

oder Delamere's umhergezogen waren, hatten einen größeren Theil an der

Revolution genommen als jene glänzenden Haustruppen, deren Federhüte,

geflickte Röcke und curbettirende Schlachtrosse die Londoner so oft in

Hyde Park bewundert. Die Verstimmung der Armee wurde noch vermehrt durch

die Spötteleien der Fremden, welche weder durch Befehle noch durch

Strafen völlig unterdrückt werden konnten.[6] An verschiedenen Orten

äußerte sich der Unmuth, den man bei einer tapferen und von Ehrgefühl

beseelten Gemeinschaft von Männern unter solchen Umständen wohl erwarten

darf, in beruhigender Weise. Ein in Cirencester liegendes Bataillon

löschte die Freudenfeuer aus, ließ den König Jakob hoch leben und trank

auf den Untergang seiner Tochter und seines Neffen. Die Garnison von

Plymouth störte die Festlichkeiten in der Grafschaft Cornwall, es kam zu

Schlägereien, und ein Mann wurde dabei getödtet.[7]

[Anmerkung 4: »Ich kann mit Bestimmtheit behaupten,« sagt ein

Schriftsteller, der in der Westminsterschule erzogen war, »daß auf

eine Predigt über die Buße, den Glauben und die Erneuerung des

heiligen Geistes, die ich hörte, drei von der andern Art kamen,

und es ist schwer zu sagen, ob Jesus Christus oder König Karl I.

öfter erwähnt und gepriesen wurde.« -- +Bisset's Modern Fanatick,

1710+.]

[Anmerkung 5: Karl's I. -- D. Übersetzer.]

[Anmerkung 6: +Gazette de Paris+, 26. Jan. (5. Febr.) 1689;

+Orange Gazette, Jan. 10. 1688/89+.]

[Anmerkung 7: +Grey's Debates+, Howe's Rede vom 26. Febr. 1688/89;

Boscawen's Rede vom 1. März; +Narcissus Luttrell's Diary+, 23--27.

Febr.]

[_Reaction der öffentlichen Meinung._] Die Mißstimmung der Geistlichkeit

und der Armee konnte auch den Unaufmerksamsten nicht entgehen, denn

beide Stände zeichneten sich von den übrigen Klassen durch in die Augen

fallende Eigenthümlichkeiten in der Kleidung aus. »Die Schwarzröcke und

die Rothröcke,« sagte ein heftiger Whig im Hause der Gemeinen, »sind der

Fluch der Nation.«[8] Die Unzufriedenheit beschränkte sich jedoch nicht

auf die Schwarzröcke und Rothröcke. Die Begeisterung, mit welcher Leute

aller Stände Wilhelm zu Weihnachten in London bewillkommnet, hatte noch

vor Ende Februar bedeutend nachgelassen. Der neue König selbst hatte,

in dem Augenblicke als sein Ruhm und sein Glück den höchsten Punkt

erreicht, die kommende Reaction vorhergesagt. Diese Reaction hätte

allerdings auch ein minder scharfsichtiger Beobachter der menschlichen

Dinge voraussehen können, denn sie muß hauptsächlich einem Gesetz

zugeschrieben werden, das eben so feststeht wie die Gesetze, welche die

Aufeinanderfolge der Jahreszeiten und den Wechsel der Passatwinde

regeln. Es liegt in der Natur des Menschen, gegenwärtige Übel zu hoch,

und gegenwärtiges Gute zu niedrig anzuschlagen, sich nach dem was er

nicht hat zu sehnen, und mit dem was er hat unzufrieden zu sein. Dieser

Hang, wie er sich bei dem Individuum zeigt, ist oft von lachenden und

von weinenden Philosophen besprochen worden. Er war ein Lieblingsthema

Horaz' und Pascal's, Voltaire's und Johnson's. Seinem Einflusse auf das

Schicksal großer Gemeinschaften können die meisten Revolutionen und

Gegenrevolutionen, von denen die Geschichte erzählt, zugeschrieben

werden. Hundert Generationen sind seit der ersten großen nationalen

Emancipation, von welcher Nachricht auf uns gekommen ist,

vorübergegangen. In dem ältesten der Bücher lesen wir, daß ein Volk,

unter einem grausamen Joche in den Staub gebeugt, von strengen

Zuchtmeistern zur Arbeit gepeitscht, ohne nur Stroh zu einem Lager zu

erhalten, und doch gezwungen die tägliche Anzahl Bausteine zu liefern,

des Lebens müde ward und einen zum Himmel schreienden Jammerruf ertönen

ließ. Die Sklaven wurden wunderbar befreit, und im Augenblicke ihrer

Befreiung stimmten sie eine Dankes- und Siegeshymne an; doch schon nach

wenig Stunden begannen sie ihre Sklaverei zurückzuwünschen und gegen den

Anführer zu murren, der sie von dem leckeren Tische des Hauses der

Knechtschaft hinweggelockt in die öde Wüste, die sie noch von dem Lande

trennte, wo Milch und Honig fließen sollten. Seitdem ist die Geschichte

jedes großen Befreiers eine Wiederholung der Geschichte Moses gewesen.

Auf Freudenbezeigungen wie die am Ufer des rothen Meeres ist jederzeit,

bis auf den heutigen Tag, sehr bald ein Murren wie das an den Wassern

der Zwietracht gefolgt.[9] Die gerechteste und heilsamste Revolution muß

viele Leiden hervorbringen. Die gerechteste und heilsamste Revolution

kann nicht all' das Gute schaffen, das Leute von mangelhafter Bildung

und sanguinischem Temperament von ihr erwarteten. Selbst der Weiseste

vermag nicht, so lange sie noch neu ist, die Übel, die sie

hervorgerufen, gegen die Übel, die sie beseitigt, mit vollkommener

Genauigkeit abzuwägen. Denn die Übel, die sie hervorgerufen, werden

gefühlt, die Übel aber, die sie beseitigt, werden nicht mehr gefühlt.

So war es damals in England. Das Publikum war, wie immer während des

Zustandes von Abkühlung, der auf Fieberanfälle folgt, mißmuthig, schwer

zu befriedigen, unzufrieden mit sich selbst und unzufrieden mit denen,

welche noch kürzlich seine Lieblinge gewesen. Der Waffenstillstand

zwischen den beiden großen Parteien war zu Ende. Obwohl getrennt durch

die Erinnerung an Alles was während eines Kampfes von einem halben

Jahrhundert gethan und gelitten worden, hatte eine gemeinsame Gefahr sie

auf einige Monate mit einander verbunden. Jetzt war die Gefahr vorüber,

die Verbindung war aufgelöst und der alte Groll brach wieder in seiner

ganzen Stärke hervor.

[Anmerkung 8: +Grey's Debates, Febr. 26. 1688/89.+]

[Anmerkung 9: Dieser Vergleich findet sich in zahlreichen

Predigten und Flugschriften aus der Zeit Wilhelm's III. Es

existirt auch eine schwache Nachahmung von +Absalom and

Ahitophel+, betitelt: +The Murmurers+. Wilhelm ist Moses; Cora,

Dathan und Abiram Bischöfe, die den Eid verweigern; Balaam, glaube

ich, Dryden, und Phineas Shrewsbury.]

[_Stimmung der Tories._] Jakob war während der letzten Jahre seiner

Regierung von den Tories noch mehr gehaßt worden als von den Whigs, und

zwar nicht ohne Grund, denn den Whigs war er nur ein Feind, den Tories

aber war er ein treuloser und undankbarer Freund gewesen. Doch die alten

royalistischen Gefühle, welche in der Zeit seiner gesetzlosen Herrschaft

erloschen zu sein schienen, waren durch sein Mißgeschick zum Theil

wieder geweckt worden. Viele Lords und Gentlemen, welche im December für

den Prinzen von Oranien und ein freies Parlament zu den Waffen

gegriffen, sagten zwei Monate später, sie hätten sich mit fortreißen

lassen, sie hätten zu großes Vertrauen in die Erklärung Sr. Hoheit

gesetzt und hätten in ihm eine Uneigennützigkeit vermuthet, die, wie es

sich jetzt zeige, nicht in seinem Charakter liege. Sie hätten dem König

Jakob zu seinem eigenen Besten einen leichten Zwang auflegen, die

Jesuiten und Renegaten, die ihn irre geleitet, bestrafen und von ihm

eine Garantie für die Aufrechthaltung der bürgerlichen und kirchlichen

Institutionen des Reichs erlangen, nicht aber ihn entthronen und

verbannen wollen. Für seine schlechte Verwaltung fand man

Entschuldigungsgründe. Sei es ein Wunder, daß er, durch Rebellen, welche

dem Namen Protestanten Schande machten, schon als Knabe seinem

Vaterlande entrissen, und gezwungen seine Jugend in Ländern zu verleben,

wo die römisch-katholische Religion herrschte, durch diesen

verführerischen Aberglauben angezogen worden? Sei es ein Wunder,

daß sein Charakter durch die Verfolgungen und Verleumdungen einer

unversöhnlichen Partei härter und strenger geworden als man anfangs

geglaubt, und daß er, als die, welche es versucht hatten, seine Ehre zu

vernichten und ihn seines Geburtsrechts zu berauben, endlich in seiner

Gewalt waren, die Gerechtigkeit nicht genügend durch Nachsicht gemildert

habe? Was endlich die schlimmste ihm zur Last gelegte Anschuldigung

betreffe: daß er durch Adoptirung eines untergeschobenen Kindes seinen

Töchtern ihr rechtmäßiges Erbe habe entziehen wollen, -- worauf gründe

sich diese Anklage? Bloß auf geringfügige Umstände, die man wohl auf

Rechnung des Zufalls oder der mit seinem Charakter nur zu sehr im

Einklang stehenden Unbesonnenheit schreiben könne. Habe wohl je der

einfältigste Dorfrichter einen Menschen ins Gefängniß geworfen, ohne

stärkere Beweise zu verlangen, als die, auf welche hin das englische

Volk seinen König des niedrigsten und abscheulichsten Betrugs schuldig

erklärt habe? Allerdings habe er einige große Fehler begangen, und es

sei nichts gerechter und verfassunggemäßer, als daß seine Rathgeber und

Creaturen wegen dieser Fehler zur strengen Rechenschaft gezogen würden;

auch verdiene von allen diesen Rathgebern und Creaturen Niemand mehr

bestraft zu werden als die Rundkopf-Sectirer, deren Schmeichelei ihn

ermuthigt habe, in der verderblichen Ausübung der Dispensationsgewalt zu

beharren. Es sei ein Grundgesetz des Landes, daß der König nicht Unrecht

thun könne und daß, wenn Kraft seiner Autorität Unrecht gethan werde,

seine Rathgeber und Werkzeuge dafür verantwortlich seien. Diese große

und wesentliche Regel unsrer Verfassung sei jetzt umgedreht worden.

Die Speichellecker, welche von Rechtswegen zu bestrafen gewesen seien,

erfreuten sich der Straflosigkeit, und der König, der von Rechtswegen

nicht zu bestrafen sei, werde mit schonungsloser Strenge bestraft.

Sei es anders möglich, als daß die Cavaliere England's, die Söhne der

Krieger, welche unter Ruprecht gekämpft, bitteren Schmerz und Unwillen

empfänden, wenn sie an das Schicksal ihres rechtmäßigen Lehnsherrn

dächten, des Erben einer langen Reihe von Fürsten, der erst unlängst mit

allem Glanze in Whitehall auf den Thron erhoben worden und jetzt ein

Verbannter, ein Bittender, ein Bettler sei? Sein Unglück sei größer als

selbst das des gefeierten Märtyrers, dessen Sprößling er sei. Der Vater

sei durch erklärte Todfeinde hingeschlachtet worden, der Untergang des

Sohnes sei das Werk seiner eigenen Kinder. Gewiß hätte die Strafe, wenn

sie auch verdient sei, durch andere Hände auferlegt werden sollen. Und

sei sie denn wirklich ganz verdient? Sei der unglückliche Mann nicht

eher schwach und unbesonnen als schlecht? Besitze er nicht einige von

den Eigenschaften eines vortrefflichen Fürsten? Man könne zwar nicht

sagen, daß er ausgezeichnete Fähigkeiten habe, aber er sei thätig, er

sei sparsam, er habe tapfer gefochten, er sei sein eigner Marineminister

gewesen und habe als solcher seine Sache recht gut gemacht; er habe

ferner, bevor seine geistlichen Leiter einen verhängnißvollen Einfluß

auf ihn gewonnen, für einen Mann von strenger Gerechtigkeit gegolten,

und endlich habe er, wenn er nicht von ihnen irre geführt worden sei,

fast immer die Wahrheit gesprochen und ehrlich gehandelt. Bei so vielen

Tugenden habe er, wenn er ein Protestant, ja selbst wenn er ein

gemäßigter Katholik gewesen wäre, glücklich und ruhmvoll regieren

können. Vielleicht sei es noch nicht zu spät für ihn, seine Fehler

wieder gut zu machen. Man könne ihn wohl schwerlich für so verblendet

und verderbt halten, daß er aus der empfangenen furchtbaren Lehre nicht

Nutzen ziehen sollte, und wenn diese Lehre die Wirkung gehabt habe,

die man vernünftigerweise davon erwarten dürfe, so werde England unter

seinem rechtmäßigen Herrscher noch immer ein größeres Maß von Glück und

Ruhe genießen können, als es von der Verwaltung des besten und

tüchtigsten Usurpators zu erwarten habe.

Wir würden denen, welche diese Sprache führten, sehr Unrecht thun, wenn

wir annähmen, daß sie, als Gesammtheit, aufgehört hätten, den Papismus

und Despotismus mit Abscheu zu betrachten. Wohl mag es einige Zeloten

darunter gegeben haben, welche den Gedanken, ihrem Könige Bedingungen

vorzuschreiben, nicht ertragen konnten und die bereit waren, ihn

zurückzurufen ohne die geringste Zusicherung von seiner Seite, daß nicht

augenblicklich die Indulgenzerklärung wieder publicirt, die hohe

Commission wieder eingesetzt, Petre wieder in den Staatsrath berufen und

die Fellows des Magdalenencollegiums wieder vertrieben werden sollten.

Allein die Zahl dieser Männer war klein. Um so größer war dagegen die

Zahl derjenigen Royalisten, welche bereit gewesen wären, sich aufs neue

um Jakob zu schaaren, wenn er seine Irrthümer eingesehen und versprochen

hätte, die Gesetze zu beobachten. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache,

daß zwei talentvolle und erfahrene Staatsmänner, welche eine Hauptrolle

in der Revolution gespielt hatten, wenige Tage nach derselben offen ihre

Besorgniß äußerten, daß eine Restauration nahe bevorstehe. »Wenn König

Jakob ein Protestant wäre,« sagte Halifax zu Reresby, »so könnten wir

ihn keine vier Monate außer Landes halten.« -- »Wenn König Jakob,« sagte

Danby um dieselbe Zeit zu dem nämlichen Manne, »dem Lande in Sachen der

Religion nur einige Genugthuung geben wollte, was er leicht thun könnte,

so würde es sehr schwer sein, ihm die Spitze zu bieten.«[10] Zum Glück

für England war Jakob, wie immer, sein eigener schlimmster Feind. Kein

Wort, aus dem man hätte abnehmen können, daß er sich wegen der

Vergangenheit tadele oder daß er in Zukunft verfassunggemäß zu regieren

gedenke, war aus ihm heraus zu bringen. Jeder Brief, jedes Gerücht, das

seinen Weg von Saint-Germains nach England fand, ließ einsichtsvolle

Männer fürchten, daß, wenn er in seiner gegenwärtigen Stimmung wieder

zur Macht gelangen sollte, die zweite Tyrannei schlimmer sein würde,

als die erste. So mußten denn die Tories in ihrer Gesammtheit, wenn auch

ungern, eingestehen, daß sie für den Augenblick nur die Wahl hatten

zwischen Wilhelm und dem öffentlichen Ruin. Daher ließen sie sich die

neue Regierung unmuthig gefallen, ohne jedoch die Hoffnung ganz

aufzugeben, daß der eigentlich rechtmäßige König früher oder später der

Stimme der Vernunft noch Gehör geben werde, und ohne für den factischen

König eine Spur von Loyalität zu empfinden.

[Anmerkung 10: +Reresby's Memoirs.+]

[_Stimmung der Whigs._] Es ist die Frage, ob der neuen Regierung während

der ersten Monate ihres Bestehens die Zuneigung der Whigs nicht

gefährlicher war als die Abneigung der Tories. Offene Feindschaft kann

kaum nachtheiliger sein als mäkelnde, eifersüchtige, anspruchsvolle

Zuneigung, und solcher Art war die, welche die Whigs dem Herrscher ihrer

Wahl erwiesen. Sie lobten und priesen ihn laut, sie waren bereit, ihn

mit Gut und Blut gegen fremde und einheimische Feinde zu unterstützen.

Aber ihre Zuneigung zu ihm war eine ganz eigenthümliche. Eine Loyalität

wie die, welche die tapferen Edelleute beseelte, die für Karl I.

kämpften, oder wie die, welche Karl II. den durch eine zwanzigjährige

schlechte Verwaltung hervorgerufenen Gefahren und Schwierigkeiten

entrissen: einem solchen Gefühl waren die Lehren Milton's und Sidney's

nicht günstig, so wenig als ein durch einen Aufstand eben erst zur Macht

gelangter Fürst hoffen durfte, es einzuflößen. Die whiggistische

Regierungstheorie geht dahin, daß der König für das Volk, nicht das Volk

für den König da ist; daß das Recht eines Königs in keinem andren Sinne

göttlich ist als wie das Recht eines Parlamentsmitgliedes, eines

Richters, eines Geschwornen, eines Mayors und eines Constabels; daß,

so lange der erste Beamte im Staate den Gesetzen gemäß regiert, ihm

Gehorsam und Ehrerbietung bezeigt werden muß; daß aber, sobald er die

Gesetze verletzt, ihm Widerstand geleistet werden darf, und daß er, wenn

er die Gesetze gröblich, systematisch und beharrlich verletzt, abgesetzt

werden muß. Von der Richtigkeit dieser Principien hing die Gerechtigkeit

von Wilhelm's Anspruch auf den Thron ab. Es liegt auf der Hand, daß

zwischen Unterthanen, welche diesen Principien huldigten, und einem

Herrscher, dessen Thronbesteigung der Sieg dieser Principien gewesen

war, ein ganz andres Verhältniß stattfinden mußte als das, welches

zwischen den Stuarts und den Cavalieren bestand. Die Whigs liebten

Wilhelm zwar, aber sie liebten ihn nicht als König, sondern als

Parteiführer, und es war nicht schwer vorauszusehen, daß ihr

Enthusiasmus bald nachlassen würde, wenn er sich etwa weigerte, der

bloße Führer ihrer Partei zu sein, und versuchen sollte, den König der

ganzen Nation zu spielen. Zum Dank für die Hingebung, die sie seiner

Sache bewiesen, verlangten sie von ihm, daß er einer der Ihrigen, ein

zuverlässiger, eifriger Whig sei, daß er seine Gunst nur Whigs zu Theil

werden lasse, daß er allen alten Groll und Haß der Whigs zu seinem

eignen mache, und es stand mit nur zu gutem Grunde zu befürchten, daß,

wenn er diese Erwartung täuschte, der einzige Theil der Nation, der

seiner Sache eifrig zugethan war, ihm entfremdet werden würde.[11]

Dies waren die Schwierigkeiten, von denen er sich im Augenblicke seiner

Erhebung umringt sah. Wo es einen guten Ausweg gab, hatte er selten

verfehlt, denselben zu wählen, jetzt aber hatte er nur die Wahl zwischen

Wegen, die alle mit gleicher Wahrscheinlichkeit zum Verderben führten.

Von der einen Partei durfte er keine aufrichtige Unterstützung erwarten,

und die aufrichtige Unterstützung der andern konnte er sich nur dadurch

erhalten, daß er selbst der entschiedenste Parteimann in seinem

Königreiche, ein Shaftesbury auf dem Throne wurde. Verfolgte er die

Tories, so verwandelte sich ihre Verstimmung unfehlbar in Wuth; gewährte

er ihnen seine Gunst, so war es noch keineswegs gewiß, ob er dadurch

ihre Zuneigung gewann, während es nur zu wahrscheinlich war, daß er dann

seinen Halt im Herzen der Whigs verlieren werde. Etwas mußte er indeß

thun, etwas mußte er wagen: es mußte ein Geheimrath vereidigt und alle

wichtigen Staats- und Justizämter mußten besetzt werden. Es hierbei

_Allen_ recht zu machen, war unmöglich, es war schon schwer genug, es

_Jemandem_ recht zu machen; doch etwas mußte geschehen.

[Anmerkung 11: Hier, wie in vielen anderen Fällen, unterlasse ich

es, meine Quellen anzuführen, weil ihrer zu viele sind. Meine

Angaben über die Stimmung und gegenseitige Stellung der

politischen und religiösen Parteien unter der Regierung Wilhelm's

III. sind nicht aus einem einzelnen Werke, sondern aus Tausenden

vergessener Abhandlungen, Predigten und Satyren, kurz aus ganzen

Literatur geschöpft, die in alten Bibliotheken modert.]

[_Ministerielle Einrichtungen._] Was man jetzt ein Ministerium nennt,

das gedachte er nicht zu bilden. Überhaupt lernte England ein solches

Ministerium erst kennen, als er einige Jahre auf dem Throne saß. Unter

den Plantagenets, den Tudors und den Stuarts hatte es wohl Minister,

aber kein Ministerium gegeben. Die Diener der Krone standen nicht, wie

jetzt, in einem solidarischen Verhältnisse zu einander, man erwartete

nicht von ihnen, daß sie, selbst in Fragen von höchster Bedeutung,

gleicher Meinung seien. Oft waren sie sogar politische und persönliche

Feinde und machten kein Geheimniß aus ihrer Feindschaft. Es galt noch

nicht für nachtheilig und unschicklich, daß sie einander schwerer

Verbrechen beschuldigten und daß Einer des Andren Kopf verlangte.

Niemand hatte den Lordkanzler Clarendon heftiger angeklagt als Coventry,

ein Mitglied der Schatzcommission. Niemand hatte den Lordschatzmeister

Danby heftiger angeklagt als Winnington, der Generalprokurator. Nur ein

Einigungspunkt war zwischen den Regierungsmitgliedern: ihr gemeinsames

Oberhaupt, der Souverain. Die Nation betrachtete ihn als das wirkliche

Oberhaupt der Verwaltung und tadelte ihn streng, wenn er seine hohen

Functionen auf einen Unterthan übertrug. Clarendon sagt uns, daß den

Engländern seiner Zeit nichts so verhaßt gewesen sei als ein

Premierminister. Sie würden, meint er, lieber unter einem Usurpator wie

Oliver stehen, der factisch wie nominell erster Beamter im Staate war,

als unter einem rechtmäßigen Könige, der sie an einen Großwessier

verwies. Eine der Hauptbeschuldigungen, welche die Vaterlandspartei

gegen Karl II. erhoben, bestand darin, daß er zu indolent und

vergnügungssüchtig sei, um die Rechnungsablagen des Staatshaushaltes und

die Inventuren der militärischen Vorrathsmagazine sorgfältig zu prüfen.

Als Jakob auf den Thron kam, beschloß er, keinen Lordgroßadmiral, kein

Admiralitätscollegium zu ernennen, sondern die ganze Leitung der

Marineangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, und diese

Einrichtung, welche heutzutage von Männern aller Parteien für im

höchsten Grade verfassungswidrig und nachtheilig erklärt werden würde,

fand damals allgemeinen Beifall selbst bei Solchen, die nicht geneigt

waren, seine Handlungsweise in einem günstigen Lichte zu betrachten. Wie

vollständig das Verhältniß, in welchem der König zu seinem Parlamente

und zu seinen Ministern stand, durch die Revolution verändert worden

war, erkannten anfangs selbst die erleuchtetsten Staatsmänner nicht. Man

glaubte allgemein, daß die Regierung, wie in früherer Zeit, wieder durch

von einander unabhängige Beamte geleitet werden und daß Wilhelm die

Oberaufsicht über dieselben führen werde. Auch erwartete man

zuversichtlich, daß ein Fürst von Wilhelm's Befähigung und Erfahrung

viele wichtige Geschäfte ohne allen fremden Rath und Beistand besorgen

werde.

[_Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen._] Man hatte daher nichts

zu erinnern, als man erfuhr, daß Wilhelm die Leitung der auswärtigen

Angelegenheiten sich selbst vorbehalten habe. Allerdings blieb auch kaum

etwas Andres übrig, denn mit der einzigen Ausnahme Sir Wilhelm Temple's,

den nichts bewogen haben würde, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ins

öffentliche Leben zu treten, gab es damals keinen Engländer, der sich

als fähig erwiesen hatte, eine wichtige Unterhandlung mit fremden

Mächten zu einem ersprießlichen und ehrenvollen Ende zu führen. Viele

Jahre waren verstrichen, seit England sich mit Gewicht und Würde in die

Angelegenheiten der großen Republik der Nationen eingemischt. Die

Aufmerksamkeit der geschicktesten englischen Staatsmänner war lange fast

ausschließlich durch Zerwürfnisse in Bezug auf die bürgerliche und

kirchliche Verfassung ihres eigenen Landes in Anspruch genommen worden.

Die Streitigkeiten wegen der papistischen Verschwörung und der

Ausschließungsbill, wegen der Habeas-Corpusacte und der Testacte hatten

einen Überfluß, man könnte fast sagen eine Fluth von solchen Talenten

erzeugt, welche in einer durch innere Spaltungen zerrissenen

Gesellschaft Männer zu Macht und Ansehen erheben. Das ganze Festland

hatte keine so geschickten und schlauen Parteiführer, keine so gewandten

parlamentarischen Taktiker, keine so schlagfertigen und beredten

Wortführer aufzuweisen als in Westminster versammelt waren. Aber es

bedurfte einer ganz andren Schule, um einen Minister des Auswärtigen zu

bilden, und die Revolution hatte England plötzlich in eine Lage

versetzt, in welcher die Dienste eines großen Ministers für die

auswärtigen Angelegenheiten unentbehrlich waren.

Wilhelm eignete sich ganz vorzüglich zur Ausfüllung dieses Postens, dem

die vollendetsten Staatsmänner seines Reiches nicht gewachsen waren. Er

hatte sich schon seit geraumer Zeit als Unterhändler ausgezeichnet. Er

war der Schöpfer und die Seele der europäischen Coalition gegen das

Übergewicht Frankreichs. Der leitende Faden, ohne den es gefährlich war,

das große und verwickelte Labyrinth der festländischen Politik zu

betreten, war in seinen Händen. Daher wagten es seine englischen Räthe,

so talentvoll und thätig sie sonst waren, während seiner Regierung nur

selten, sich in den Theil der Staatsgeschäfte einzumischen, die er zu

seinem speciellen Departement erwählt hatte.[12]

Die innere Verwaltung England's konnte dagegen nur unter dem Beirathe

und der Mitwirkung englischer Minister geleitet werden. Die Wahl, welche

Wilhelm bei Ernennung dieser Minister traf, bewies, daß er sich

vorgenommen hatte, keine Partei auszuschließen, die geneigt war, seinen

Thron zu stützen. Den Tag darauf, nachdem ihm im Bankethause die Krone

überreicht worden, wurde der Geheime Rath vereidigt. Die meisten Räthe

waren Whigs; doch standen auch die Namen mehrerer ausgezeichneter Tories

auf der Liste.[13] Die vier höchsten Staatsämter wurden vier Edelleuten

übertragen, welche die vier Hauptklassen der Politiker repräsentirten.

[Anmerkung 12: Folgende Stelle aus einer damaligen Schrift drückt

die allgemeine Ansicht über diesen Punkt aus: »Die auswärtigen

Angelegenheiten kennt er besser als wir; in Bezug auf die

einheimischen Staatsgeschäfte aber bringt es ihm keine Unehre,

wenn wir ihm über sein Verhältniß zu uns, über die Natur desselben

und über das was er am zweckmäßigsten zu thun hat, unsre Meinung

sagen.« -- +An Honest Commoner's Speech+.]

[Anmerkung 13: +London Gazette, Febr. 18. 1688/88.+]

[_Danby._] In praktischer Befähigung und geschäftlicher Erfahrung war

keiner seiner Zeitgenossen Danby überlegen. Er hatte ein starkes Anrecht

auf die Dankbarkeit des neuen Herrscherpaares, denn durch seine

Geschicklichkeit war ihre Vermählung trotz unbesiegbar scheinender

Schwierigkeiten zu Stande gebracht worden. Die Feindschaft, die er stets

gegen Frankreich gehegt, war eine kaum minder gewichtige Empfehlung. Er

hatte die Einladung vom 30. Juni unterzeichnet, hatte den Aufstand im

Norden veranstaltet und geleitet und hatte in der Convention seinen

ganzen Einfluß und seine ganze Beredtsamkeit wider den Regentschaftsplan

aufgeboten. Trotzdem betrachteten ihn die Whigs mit unüberwindlichem

Mißtrauen und Widerwillen. Sie konnten es nicht vergessen, daß er in

schlimmen Tagen der erste Minister des Staats, das Haupt der Cavaliere,

der Vorkämpfer der Prärogative, der Verfolger der Dissenters gewesen.

Selbst indem er ein Rebell wurde, hatte er nicht aufgehört ein Tory zu

sein. Wohl hatte er das Schwert gegen die Krone gezogen, aber nur zur

Vertheidigung der Kirche. Wohl hatte er in der Convention durch seinen

Widerstand gegen den Regentschaftsplan Gutes gewirkt, auf der andren

Seite aber hatte er geschadet durch beharrliche Aufrechthaltung des

Satzes, daß der Thron nicht erledigt und die Stände nicht berechtigt

seien, über die Besetzung desselben zu entscheiden. Die Whigs waren

daher der Meinung, er müsse sich für seine neuerlichen Verdienste

dadurch reichlich belohnt erachten, daß man ihm die Strafe für die ihm

zehn Jahre früher zur Last gelegten Vergehen erlasse. Er dagegen

schätzte seine unleugbar eminenten Talente und Dienste nach ihrem vollen

Werthe und hielt sich für berechtigt zu dem hohen Posten eines

Lordschatzmeisters, den er früher bekleidet. Seine Erwartung wurde

jedoch getäuscht. Wilhelm erachtete es grundsätzlich für wünschenswerth,

die Macht und das Patronat des Schatzamts unter mehrere Commissarien zu

theilen. Er war der erste König von England, der vom Beginn bis zum

Schlusse seiner Regierung den weißen Stab niemals den Händen eines

einzelnen Unterthanen anvertraute. Danby ward die Wahl freigestellt

zwischen der Präsidentschaft im Geheimen Rathe und einem

Staatssekretariat. Er entschied sich verdrüßlich für die Präsidentschaft

und während die Whigs murrten, als sie ihn so hoch gestellt sahen,

bemühte er sich kaum, seinen Aerger darüber zu verbergen, daß er nicht

noch höher gestellt worden war.[14]

[Anmerkung 14: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Reresby's

Memoirs.+]

[_Halifax._] Halifax, der Ausgezeichnetste unter der kleinen Partei die

sich rühmte, daß sie zwischen den Whigs und Tories das Gleichgewicht

erhielt, übernahm das Geheimsiegel und blieb nach wie vor Sprecher im

Hause der Lords.[15] Er hatte sich durch streng gesetzliche Opposition

gegen die letzte Regierung hervorgethan und mit großer Gewandtheit gegen

die Dispensationsgewalt gesprochen und geschrieben; aber er hatte von

dem Invasionsplane nichts wissen wollen, er hatte, selbst als die

Holländer schon auf dem vollen Marsche gegen London waren, noch darauf

hingearbeitet, eine Versöhnung zu Stande zu bringen, und er hatte Jakob

erst dann verlassen, als dieser den Thron verließ. Von dem Augenblicke

der schimpflichen Flucht aber hatte der scharfblickende Trimmer in der

Überzeugung, daß ein gütlicher Vergleich nicht mehr möglich sei, einen

entscheidenden Entschluß gefaßt. Er hatte sich in der Convention

glänzend hervorgethan, und es war ein besonders glücklicher Griff, daß

man ihn zu dem Ehrenamte ernannt, dem Prinzen und der Prinzessin von

Oranien im Namen aller Stände England's die Krone zu überreichen, denn

soweit man überhaupt sagen kann, daß unsre Revolution den Charakter

eines einzelnen Geistes trug, trug sie sicherlich den Charakter des

großen, aber besonnenen Geistes Halifax'. Doch die Whigs waren nicht in

der Stimmung, einen neueren Dienst als Ersatz für ein altes Vergehen

anzunehmen, und das Vergehen Halifax' war in der That ein arges gewesen.

Vor langer Zeit hatte er während eines harten Freiheitskampfes in ihren

vordersten Reihen gestritten, und als sie endlich siegten, als Whitehall

in ihrer Gewalt zu sein schien, als sich eine nahe Aussicht auf

Herrschaft und Rache eröffnete, da war er, und mit ihm das Glück,

ins feindliche Lager übergegangen. In der großen Debatte über die

Ausschließungsbill hatte seine Beredtsamkeit sie zu Boden geschmettert

und der verzagten Hofpartei neuen Lebensmuth eingeflößt. Allerdings war

er, obgleich er sie in den Tagen ihres übermüthigen Glücks verlassen,

zur Zeit der Noth in ihre Reihen zurückgekehrt; aber jetzt, da die Noth

vorüber war, vergaßen sie, daß er zu ihnen zurückgekehrt, und erinnerten

sich nur noch, daß er sie verlassen hatte.[16]

[Anmerkung 15: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Lords'

Journals.+]

[Anmerkung 16: +Burnet II. 4.+]

[_Nottingham._] Der Ärger, mit dem sie Danby im Staatsrathe präsidiren

und Halifax das Geheimsiegel führen sahen, wurde nicht vermindert durch

die Nachricht, daß Nottingham zum Staatssekretär ernannt sei. Einige von

den eifrigen Kirchenmännern, welche nie aufgehört hatten, die Lehre vom

Nichtwiderstande zu predigen, in deren Augen die Revolution nicht zu

rechtfertigen war, die für eine Regentschaft gestimmt und bis zuletzt

bei der Behauptung geblieben waren, daß der englische Thron nicht einen

Augenblick erledigt sein könne, hielten es gleichwohl für ihre Pflicht,

sich der Entscheidung der Convention zu unterwerfen. Sie hatten, sagten

sie, sich nie gegen Jakob aufgelehnt und Wilhelm nicht gewählt; da sie

aber jetzt einen Fürsten auf dem Thron sahen, den sie allerdings nie

darauf gesetzt haben würden, waren sie der Meinung, daß kein göttliches

oder menschliches Gesetz es ihnen zur Pflicht machte, den Kampf weiter

fortzusetzen. Sie glaubten in der Bibel sowohl wie im Gesetzbuche

Vorschriften zu finden, die nicht mißverstanden werden könnten. Die

Bibel befiehlt Gehorsam gegen die bestehenden Gewalten an. Das

Gesetzbuch enthält einen Paragraphen, welcher besagt, daß kein Unterthan

deshalb als ein Übelthäter betrachtet werden solle, weil er sich dem im

factischen Besitz des Thrones befindlichen Könige anschließe. Aus diesen

Gründen glaubten Viele, die zur Einsetzung der neuen Regierung nicht

mitgewirkt hatten, daß sie derselben ihre Unterstützung gewähren

könnten, ohne weder Gott noch einen Menschen zu beleidigen. Einer der

ausgezeichnetsten Staatsmänner dieser Schule war Nottingham. Auf sein

Ansuchen hatte die Convention, bevor der Thron besetzt war, den

Unterthaneneid dergestalt umgeändert, daß er und seine Meinungsgenossen

diesen Eid unbedenklich leisten konnten. »Meine Grundsätze,« sagte er,

»gestatten mir nicht, mich bei der Wahl eines Königs zu betheiligen. Ist

aber ein König einmal gewählt, so gebieten mir meine Grundsätze, ihm

einen strengeren Gehorsam zu bezeigen, als er von Denen erwarten darf,

die ihn gewählt haben.« Zum Erstaunen einiger von Denen, die ihn am

meisten schätzten, willigte er jetzt ein, im Staatsrathe zu sitzen und

die Sekretariatssiegel anzunehmen. Wilhelm hoffte ohne Zweifel, diese

Ernennung werde von der Geistlichkeit und der toryistischen Landgentry

als eine genügende Bürgschaft dafür angesehen werden, daß er gegen die

Kirche nichts Böses im Sinne habe. Selbst Burnet, der späterhin eine

starke Abneigung gegen Nottingham fühlte, gestand in einigen bald nach

der Revolution geschriebenen Abhandlungen, daß der König richtig

geurtheilt und daß der zur Unterstützung der neuen Herrscher ehrlich

verwendete Einfluß des toryistischen Staatssekretärs England vor großen

Calamitäten bewahrt habe.[17]

[Anmerkung 17: Diese Abhandlungen finden sich in einem

Handschriftenbande, der zur Harley'schen Sammlung gehört und mit

der Nummer 6584 bezeichnet ist. Sie bilden thatsächlich die ersten

Entwürfe zu einem großen Theile von Burnet's +History of His Own

Times+. Die Zeitpunkte, zu welchen die verschiedenen Theile dieses

höchst merkwürdigen und interessanten Werkes abgefaßt wurden, sind

angegeben. Fast das Ganze wurde vor Mariens Tode geschrieben. Erst

zehn Jahre später begann Burnet seine Geschichte der Regierung

Wilhelm's für den Druck vorzubereiten. Während dieses Zeitraums

hatten sich seine Ansichten, über Menschen sowohl als Dinge, sehr

geändert. Deshalb ist der erste Entwurf so außerordentlich

werthvoll, denn er enthält manche Thatsachen, die er nachher

auszulassen für räthlich hielt, und einige Urtheile, welche er

später zu ändern Ursache fand. Ich muß jedoch gestehen, daß mir

seine ersten Ansichten gewöhnlich besser gefallen. Wenn seine

Geschichte einmal neu gedruckt würde, sollte sie mit diesem

Manuscriptbande sorgfältig verglichen werden. Überall wo ich mich

auf diese Handschrift beziehe, kann der Leser annehmen, daß sie

etwas enthält, was sich in seiner gedruckten Geschichte nicht

findet.

Über Nottingham's Ernennung siehe +Burnet II. 8+, +London Gazette,

March 7. 1688/89+ und +Clarendon's Diary, Febr. 15+.]

[_Shrewsbury._] Der andre Staatssekretär war Shrewsbury.[18] Seit

Menschengedenken hatte kein so junger Mann einen so hohen Posten bei der

Regierung bekleidet. Er hatte eben erst sein achtundzwanzigstes

Lebensjahr zurückgelegt. Gleichwohl erblickte Niemand, mit Ausnahme der

feierlichen Formalisten bei der spanischen Gesandtschaft, in seiner

Jugend ein Hinderniß für seine Ernennung.[19] Er hatte sich schon durch

die hervorragende Rolle, die er bei der Befreiung seines Vaterlandes

gespielt, einen Platz in der Geschichte gesichert. Seine Talente, seine

Kenntnisse, sein liebenswürdiges Benehmen und sein sanfter Charakter

machten ihn allgemein beliebt. Besonders die Whigs beteten ihn fast an.

Niemand ahnete, daß er mit vielen großen und gewinnenden Eigenschaften

solche Fehler des Geistes und Herzens verband, welche den Rest seines

unter so günstigen Auspicien begonnenen Lebens ihm selbst zur Last und

seinem Lande fast nutzlos machen sollten.

[Anmerkung 18: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89.+]

[Anmerkung 19: Don Pedro de Ronquillo macht diese Bemerkung.]

[_Die Admiralität._] Die Leitung der Marineangelegenheiten und der

Finanzen wurde Collegien übertragen. Herbert ward erster Commissar der

Admiralität. Er hatte unter der vorigen Regierung Reichthum und Würden

aufgegeben, als er sah, daß er sie mit Ehren und mit gutem Gewissen

nicht behalten konnte; er hatte die denkwürdige Einladung nach dem Haag

überbracht und die holländische Flotte auf der Fahrt von Helvoetsluys

nach Torbay befehligt. In Bezug auf Muth und Berufstüchtigkeit genoß er

eines hohen Rufes. Wohl wußte man, daß er auch seine Thorheiten und

Fehler begangen, aber sein neuerliches Benehmen in einer Zeit schwerer

Prüfung hatte Alles wieder gut gemacht und berechtigte zu der Hoffnung,

daß seine fernere Laufbahn eine ruhmvolle sein werde. Ihm zur Seite im

Admiralitätscollegium standen zwei ausgezeichnete Mitglieder des Hauses

der Gemeinen: Wilhelm Sacheverell, ein Whigveteran, der sich bei seiner

Partei eines großen Ansehens erfreute, und Sir Johann Lowther, ein

rechtschaffener und äußerst gemäßigter Tory, der in Bezug auf Vermögen

und parlamentarische Bedeutung unter der englischen Gentry eine der

ersten Stellen einnahm.[20]

[Anmerkung 20: +London Gazette, March 11. 1688/89.+]

[_Das Schatzamt._] An die Spitze der Finanzen wurde Mordaunt, einer der

heftigsten Whigs, gestellt, warum, ist schwer zu sagen. Sein romanhafter

Muth, sein ruheloser Geist, seine excentrischen Einfälle, sein Hang zu

verzweifelten Wagnissen und staunenerregenden Effecten waren eben keine

Eigenschaften, die ihm bei finanziellen Operationen und Unterhandlungen

von besonderem Nutzen sein konnten. Der zweite Schatzcommissar und

zugleich Kanzler der Schatzkammer war Delamere, ein womöglich noch

heftigerer Whig als Mordaunt. Außerdem saßen zwei whiggistische

Mitglieder des Hauses der Gemeinen in dem Collegium: Sir Heinrich Capel,

Bruder jenes Earls von Essex, der sich im Tower entleibte, und Richard

Hampden, der Sohn des großen Führers des Langen Parlaments. Der

Commissar aber, auf dem die Hauptlast der Geschäfte ruhte, war

Godolphin. Dieser schweigsame, einsichtsvolle, fleißige und harmlose,

für keine Regierung schwärmende, aber jeder Regierung nützliche Mann war

nach und nach ein fast unentbehrlicher Theil der Staatsmaschiene

geworden. Obgleich ein Anhänger der Landeskirche, hatte er sich doch an

einem von Jesuiten geleiteten Hofe emporgeschwungen. Obwohl er für eine

Regentschaft gestimmt hatte, war er doch das wirkliche Oberhaupt eines

mit Whigs angefüllten Schatzamtes. Seine Fähigkeiten und Kenntnisse,

welche unter der vorigen Regierung die Mängel Bellasyse's und Dower's

ausgeglichen hatten, waren auch jetzt nöthig, um die Mängel Mordaunt's

und Delamere's zu übertragen.[21]

[Anmerkung 21: +London Gazette, March 11. 1688/89.+]

[_Das große Siegel._] Die Verleihung des großen Siegels hatte einige

Schwierigkeiten. Der König wünschte es zuerst Nottingham anzuvertrauen,

dessen Vater es mehrere Jahre mit großer Auszeichnung geführt hatte.[22]

Nottingham aber lehnte es ab, und es wurde deshalb Halifax angetragen,

der es ebenfalls ablehnte. Beide Lords fühlten ohne Zweifel, daß dies

ein Amt sei, das sie nicht mit Ehren für sich selbst und mit Nutzen für

den Staat verwalten konnten. In alten Zeiten war das Staatssiegel zwar

größtentheils in den Händen von Nichtjuristen gewesen. Selbst noch im

siebzehnten Jahrhundert hatten es zwei ausgezeichnete Männer geführt,

welche in keinem Rechtscollegium studirt hatten. Dechant Williams war

Lordsiegelbewahrer Jakob's I., Shaftesbury Lordkanzler Karls II.

gewesen; aber solche Ernennungen konnten nicht länger ohne ernste

Nachtheile stattfinden. Die Billigkeit hatte sich allmälig zu einer

verwickelten Wissenschaft ausgebildet, welche kein menschlicher Verstand

ohne lange und angestrengte Studien ausüben konnte, selbst Shaftesbury

hatte bei all' seinem scharfen Verstande seinen Mangel an technischen

Kenntnissen schmerzlich gefühlt,[23] und während der fünfzehn Jahre,

welche verstrichen waren, seitdem er das Siegel niedergelegt, waren

diese technischen Kenntnisse seinen Nachfolgern immer nothwendiger

geworden. Daher wagte es weder Nottingham, obwohl er einen Schatz

juristischer Kenntnisse besaß, wie man ihn selten bei einem Manne

findet, der die Rechtswissenschaft nicht studirt hat, noch Halifax,

obgleich er bei den Gerichtssitzungen des Hauses der Lords oft die

Versammlung durch sein treffendes Urtheil und durch seine scharfe Logik

in Erstaunen gesetzt, das höchste Amt, das ein englischer Laie bekleiden

kann, anzunehmen. Nach langem Zaudern wurde das Siegel einer Commission

von ausgezeichneten Juristen, mit Maynard an der Spitze, übertragen.[24]

[Anmerkung 22: Ich habe mich an die mir am wahrscheinlichsten

dünkende Erzählung der Sache gehalten. Man ist aber in Zweifel

gewesen, ob Nottingham aufgefordert wurde, Kanzler, oder nur

erster Commissar des großen Siegels zu werden. Vergleiche Burnet,

II. 3, und Boyer's +History of William, 1702+. Narcissus Luttrell

spricht zu wiederholten Malen, sogar noch am Schlusse des Jahres

1692, von Nottingham als muthmaßlichem Kanzler.]

[Anmerkung 23: Roger North erzählt einen ergötzlichen Fall von

Shaftesbury's Verlegenheit.]

[Anmerkung 24: +London Gazette, March 4. 1688/89.+]

[_Die Richter._] Die Wahl der Richter machte der neuen Regierung Ehre.

Jedes Mitglied des Geheimraths wurde aufgefordert eine Liste

einzureichen. Diese Listen wurden miteinander verglichen und zwölf

Männer von hervorragendem Talent und Verdienst ausgewählt.[25] Pollexfen

hatte in Folge seiner juristischen Kenntnisse und seiner whiggistischen

Grundsätze Anspruch auf den höchsten Platz. Aber man erinnerte sich,

daß er in den westlichen Grafschaften bei den Assisen, welche auf die

Schlacht von Sedgemoor folgten, als Commissar der Krone fungirt hatte.

Es geht zwar aus den Berichten über die Untersuchungen hervor, daß er,

wenn er überhaupt von der Krone bevollmächtigt war, so wenig that als er

konnte und daß er es den Richtern überließ, Zeugen und Gefangene

einzuschüchtern. Dessenungeachtet aber war sein Name in der öffentlichen

Meinung mit den blutigen Assisen untrennbar verbunden. Er konnte daher

nicht füglich an die Spitze des höchsten Criminalgerichtshofes gestellt

werden.[26] Nachdem er einige Wochen als Generalfiskal fungirt, ward er

zum Oberrichter der Common Pleas ernannt. Sir John Holt, ein noch junger

Mann, aber ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit, Rechtschaffenheit und

Muth, wurde Oberrichter der King's Bench, Sir Robert Atkyns, ein

ausgezeichneter Jurist, der einige Jahre in ländlicher Zurückgezogenheit

zugebracht, der aber in Westminster Hall noch immer eines großen Rufes

genoß, wurde zum ersten Baron[27] ernannt. Powell, der wegen seiner

ehrenwerthen Erklärung zu Gunsten der Bischöfe abgesetzt worden war,

nahm seinen Sitz unter den Richtern wieder ein. Treby wurde Pollexfen's

Nachfolger als Generalfiskal, und Somers wurde zum Prokurator

ernannt.[28]

[Anmerkung 25: +Burnet II. 5.+]

[Anmerkung 26: +The Protestant Mask taken off from the Jesuited

Englishman, 1692+.]

[Anmerkung 27: Die Richter der Schatzkammer werden Barons genannt.

Der Übersetzer.]

[Anmerkung 28: Diese Ernennungen wurden erst am 6. Mai in der

Gazette bekannt gemacht, einige derselben aber waren schon früher

erfolgt.]

[_Der Hofstaat._] Zwei der höchsten Ämter im königlichen Hofstaate

wurden mit zwei englischen Cavalieren besetzt, welche ganz geeignet

waren, die Zierde eines Hofes zu werden. Der hochherzige und

kenntnißreiche Devonshire ward zum Obersthofmeister ernannt. Niemand

hatte in der entscheidenden Crisis für England mehr gethan und gewagt.

Indem er England's Freiheiten wiederhergestellt, hatte er auch das

Vermögen seines eigenen Hauses wiedererlangt. Seine Schuldverschreibung

über dreißigtausend Pfund wurde unter den Papieren gefunden, welche

Jakob in Whitehall zurückgelassen, und von Wilhelm vernichtet.[29]

Dorset wurde Lordkammerherr und verwendete den Einfluß und das Patronat

seiner Stellung, wie schon seit langer Zeit seine Privatmittel, zur

Aufmunterung des Genies und zur Linderung des Mißgeschicks. Eine der

ersten Maßregeln, die er zu ergreifen gezwungen war, muß einem Mann von

so edlem Charakter und so warmer Theilnahme für alles Ausgezeichnete in

Künsten und Wissenschaften, sehr schmerzlich gewesen sein. Dryden konnte

nicht länger Hofdichter bleiben. Das Publikum würde es nicht geduldet

haben, unter den Dienern Sr. Majestät einen Papisten zu sehen, und

Dryden war nicht nur ein Papist, sondern ein Apostat. Außerdem hatte er

die Schuld seines Glaubensabfalls noch dadurch erschwert, daß er die

Kirche, die er verlassen, verleumdet und verspottet hatte. Er hatte sie,

wie man scherzweise sagte, behandelt, wie die heidnischen Verfolger des

Alterthums ihre Kinder behandelten. Er hatte sie in die Haut eines

wilden Thieres gekleidet und sie dann zur öffentlichen Belustigung

gehetzt.[30] Er wurde entlassen, erhielt aber von der Privatgüte des

freigebigen Kammerherrn eine seinem zurückgezogenen Gehalt

gleichkommende Pension. Dessenungeachtet fuhr der abgesetzte +poeta

laureatus+, der eben so arm an Edelsinn wie reich an Geistesgaben war,

Jahr aus Jahr ein fort, den nicht erlittenen Verlust zu beklagen, bis

endlich sein Gejammer Äußerungen wohlverdienter Verachtung von Seiten

ehrenwerther Jakobiten hervorrief, welche ihren Grundsätzen Alles

aufgeopfert hatten, ohne deshalb ein bittendes oder klagendes Wort laut

werden zu lassen.[31]

Im königlichen Hofstaat wurden auch einige von den holländischen

Edelleuten angestellt, die sich der besonderen Gunst des Königs

erfreuten. Bentinck bekam das hohe Amt des ersten Kammerherrn mit einem

jährlichen Gehalt von fünftausend Pfund; Zulestein erhielt die

Oberaufsicht über die königliche Garderobe, und Oberstallmeister ward

Auverquerque, ein tapferer Soldat, der das Blut der Nassau und das Blut

der Horn in sich vereinigte und der mit gerechtem Stolze ein kostbares

Schwert trug, welches ihm die Generalstaaten in Anerkennung des Muthes

verliehen hatten, mit dem er an dem blutigen Tage von Saint-Denis

Wilhelm das Leben gerettet.

Das Amt des Vicekammerherrn der Königin wurde einem Manne zu Theil, der

sich eben erst im öffentlichen Leben bemerkbar gemacht hatte und dessen

Name in der Geschichte dieser Regierung häufig vorkommen wird. Johann

Howe, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde, Jack Howe, war von dem

Burgflecken Cirencester zur Convention gesandt worden. Seine äußere

Erscheinung war die eines Mannes, dessen Körper durch die unablässige

Thätigkeit eines ruhelosen und reizbaren Geistes aufgerieben worden. Er

war lang, hager und bleich, und sein unruhiges, stechendes Auge hatte

einen Ausdruck von Wildheit und Verschlagenheit. Er war seit mehreren

Jahren als kleiner Dichter bekannt, und einige der zügellosesten

Spottlieder, welche in den Kaffeehäusern circulirten, wurden ihm

zugeschrieben. Im Hause der Gemeinen aber entfalteten sich seine Talente

wie sein giftiges Wesen am auffallendsten. Er war noch keine drei Wochen

Mitglied desselben, als er sich schon durch seine Sprachgewandtheit,

seine beißende Schärfe und seine Hartnäckigkeit bemerkbar gemacht hatte.

Scharfsinn, Energie und Kühnheit erhoben ihn bald zu dem Range eines

bevorzugten Menschen. Seine Feinde -- und er hatte viele Feinde --

sagten jedoch, daß er seine persönliche Sicherheit selbst in der

heftigsten Aufregung nicht aus den Augen lasse und die Soldaten mit

einer Rücksicht behandle, die er gegen Damen oder Bischöfe niemals

zeige. Aber Niemand besaß in größerem Maße den gefährlichen Muth,

der dem Widerwillen und dem Hasse trotzt und sogar darum buhlt. Keine

Schicklichkeitsgründe vermochten ihn in Schranken zu halten, sein Haß

war unversöhnlich, und er besaß eine merkwürdige Geschicklichkeit darin,

die schwachen Seiten starker Geister herauszufinden. Alle seine großen

Zeitgenossen fühlten gelegentlich seinen Stachel. Einmal schlug dieser

Stachel eine Wunde, die sogar Wilhelm aus seiner ruhigen Fassung brachte

und ihm die Äußerung entlockte, daß er wohl wünschte ein Privatmann zu

sein, damit er Mr. Howe zu einer kurzen Unterredung hinter Montague

House einladen könne. Gegenwärtig jedoch gehörte Howe zu den eifrigsten

Stützen der neuen Regierung und richtete alle seine Sarkasmen und

Ausfälle gegen die Mißvergnügten.[32]

[Anmerkung 29: Kennet's +Funeral Sermon on the first Duke of

Devonshire+, und +Memoirs of the Family of Cavendish, 1708+.]

[Anmerkung 30: Siehe ein Gedicht betitelt: +A Votive Tablet to the

King and Queen+.]

[Anmerkung 31: Siehe Prior's Widmung seiner Gedichte an Dorset's

Sohn und Nachfolger, und Dryden's +Essay on Satire+ als Einleitung

zu den Übersetzungen aus Juvenal. In Collier's +Short View of

the Stage+ wird Dryden's weibische Klagsucht bitter verhöhnt.

In Blackmore's +Prince Arthur+, ein Gedicht, das bei aller

seiner Werthlosigkeit einige interessante Anspielungen auf

zeitgenössische Personen und Dinge enthält, kommen folgende

Strophen vor:

Der Dichter Chor an seiner Thüre stand

Und harrt' der milden Spende seiner Hand.

Auch Laurus zeigt sich in dem magren Schwarm,

Der alte Barde voller Groll und Harm;

Verlangt Gehör und drängt und stößt mit Fuß und Arm.

Das Haus Sakil's, der Musen Schloß, erklang

Von endlosem Geschrei und lautem Sang.

Dem guten Sakil selbst Laurus gern seinen Segen schenkt,

Doch Sakil's Fürst und Gott er stets mit Flüchen nur bedenkt,

Sakil ohn' Unterschied sein Brot vertheilt,

Den Schmeichler hasset er, des Dichters Noth er heilt.

Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß Sakil Sackville und daß

Laurus eine Umschreibung des bekannten Spottnamens Bayes ist.]

[Anmerkung 32: Kaum ein andrer Mann der damaligen Zeit wird in

Flugschriften und Satiren häufiger erwähnt als Howe. In der

berüchtigten +Petition of Legion+ wird er »das schamlose Ärgerniß

der Parlamente« genannt. Merkwürdig ist auch was Mackay über ihn

sagt. In einem 1690 geschriebenen Gedicht, daß ich nur als

Manuscript gesehen habe, kommt folgende Stelle vor.

»Zuerst Jack Howe mit seinem furchtbaren Talent;

Glücklich das Weib, das seinem Spottlied entgeht;

Gegen die Damen sein Muth keine Grenzen kennt;

Vor dem Dragoner er mit gezogenem Hute steht.«]

[_Untergeordnete Ernennungen._] Die niederen Stellen bei allen

öffentlichen Ämtern wurden unter beide Parteien vertheilt; der größere

Antheil aber kam auf die Whigs. Einige Personen, die dem Namen Whig

wenig Ehre machten, wurden in der That glänzend für Dienste belohnt,

die kein braver Mann geleistet haben würde. Wildman wurde zum

Generalpostmeister ernannt, und Ferguson erhielt eine einträgliche

Sinekure bei der Steuererhebung. Das Amt des Schatz-Prokurators war eben

so wichtig als verhaßt. Dieser Beamte hatte politische Prozesse zu

führen, die Beweise zu sammeln, den Anwalt der Krone zu instruiren,

dafür zu sorgen, daß die Gefangenen nicht gegen ungenügende Bürgschaft

in Freiheit gesetzt wurden, und darauf zu sehen, daß die Juries nicht

aus regierungsfeindlichen Personen zusammengesetzt wurden. Zu den Zeiten

Karl's und Jakob's waren die Schatz-Prokuratoren mit nur zu gutem Grunde

beschuldigt worden, daß sie gegen dem Hofe mißliebige Personen die

empörendsten Chikanen anwendeten. Die neue Regierung hätte hier eine

Wahl treffen sollen, die über jeden Verdacht erhaben war. Leider

entschieden sich Mordaunt und Delamere für Aaron Smith, einen hämischen

und characterlosen Politiker, der in den Tagen der papistischen

Verschwörung der Rechtsbeistand des Titus Oates und in das

Ryehousecomplot tief verwickelt gewesen war. Richard Hampden, ein Mann

von entschiedenen Ansichten, aber von gemäßigter Gesinnung, erhob

Einwendungen gegen diese Ernennung. Aber seine Einwürfe wurden nicht

beachtet. Die Jakobiten, welche Smith haßten und auch Ursache dazu

hatten, behaupteten er habe seine Stelle dadurch erlangt, daß er den

Lords des Schatzes die Hölle heiß gemacht, und besonders ihnen gedroht

habe, es würde Hampden das Leben kosten, wenn sie seine (Smith's)

gerechten Ansprüche nicht befriedigten.[33]

[Anmerkung 33: +Sprat's True Account+; +Letter to Chief Justice

Holt, 1694+; +Letter to Secretary Trenchard, 1694.+]

[_Die Convention in ein Parlament verwandelt._] Es vergingen einige

Wochen, ehe die vorerwähnten Ernennungen öffentlich bekannt gemacht

wurden, und währenddem hatte sich viel Wichtiges ereignet. Sobald der

neue Geheimrath vereidigt war, mußte demselben eine ernste und

dringliche Frage vorgelegt werden. Konnte die gegenwärtig tagende

Convention in ein Parlament verwandelt werden? Die Whigs, welche eine

überwiegende Majorität im Unterhause hatten, waren sämmtlich für die

Bejahung dieser Frage. Die Tories dagegen, welche wußten, daß die

öffentliche Stimmung sich während des letzten Monats bedeutend verändert

hatte, und von einer allgemeinen Wahl eine ansehnliche Verstärkung

hofften, waren für die Verneinung. Sie behaupteten, daß zum Bestehen

eines Parlaments königliche Ausschreiben unerläßlich seien. Die

Convention sei nicht durch solche Ausschreiben einberufen worden und

dieser ursprüngliche Mangel könne jetzt nicht nachgeholt werden; daher

seien die beiden Häuser bloße Privatklubbs und müßten sofort

auseinandergehen.

Darauf wurde ihnen erwiedert, das königliche Ausschreiben sei eine bloße

Formalität und es würde der unvernünftigste Irrwahn sein, wenn man um

einer hohlen Form willen das Wesen unserer Gesetze und Freiheiten

bedenklichen Zufällen aussetzen wollte. Wo immer man den Souverain, die

geistlichen und weltlichen Peers und die von den Wahlkörpern des Reichs

frei gewählten Volksvertreter versammelt sähe, habe man das Wesen eines

Parlaments. Ein solches Parlament sei jetzt da, und könne es wohl etwas

Thörichteres geben, als es zu einem Zeitpunkte aufzulösen, wo jede

Stunde kostbar sei, wo zahlreiche wichtige Angelegenheiten sofortige

gesetzmäßige Erledigung verlangten, und wo dem Staate Gefahren drohten,

welche nur durch die vereinten Anstrengungen des Königs, der Lords und

der Gemeinen abgewendet werden könnten? Ein Jakobit könne sich

allerdings aus haltbaren Gründen weigern, diese Convention als ein

Parlament anzuerkennen, denn er sei der Ansicht, daß sie von vornherein

eine ungesetzliche Versammlung gewesen, daß alle ihre Beschlüsse

ungültig und die Souveraine, die sie eingesetzt, Usurpatoren seien.

Mit welcher Consequenz aber könne irgend einer von Denen, welche

behaupteten, es müsse unverweilt durch Ausschreiben unter dem großen

Siegel Wilhelm's und Marien's ein neues Parlament einberufen werden,

die Autorität in Frage stellen, welche Wilhelm und Marien auf den Thron

gesetzt habe? Wer Wilhelm als rechtmäßigen König ansähe, müsse

nothwendig auch die Körperschaft von der dieser König sein Recht habe,

als rechtmäßigen Großen Rath des Landes betrachten. Nach dem nämlichen

Grundsatze könnten Diejenigen, welche ihn zwar nicht als einen

rechtmäßigen König betrachteten, aber doch der Überzeugung seien,

daß sie ihm als factischen Könige den Huldigungseid leisten dürften,

sicherlich auch die Convention als ein factisch bestehendes Parlament

anerkennen. Es liege auf der Hand, daß die Convention die Urquelle sei,

aus der die Autorität aller zukünftigen Parlamente abgeleitet werden und

daß von der Rechtsgültigkeit der Beschlüsse der Convention die

Rechtsgültigkeit jedes zukünftigen Gesetzes abhängen müsse. Wie könne

der Strom höher steigen als die Quelle? Sei es nicht eine Absurdität,

wenn man behaupten wolle, die Convention sei die höchste Macht im

Staate, und doch eine Null, sie sei eine Legislatur für den höchsten

aller Zwecke, und doch keine Legislatur für die geringfügigsten Zwecke;

sie sei befugt, den Thron für erledigt zu erklären, die Thronfolge

abzuändern, die Grenzen der Verfassung zu bestimmen, und doch nicht

befugt, die unbedeutendste Verordnung zur Ausbesserung eines Hafendammes

oder zur Erbauung einer Pfarrkirche zu erlassen?

Diese Argumente würden selbst dann von großem Gewicht gewesen sein, wenn

alle Präcedenzfälle für die entgegengesetzte Meinung gesprochen hätten.

In der That aber bot unsre Geschichte nur einen Fall dar, welcher

überhaupt hier angezogen werden konnte, und dieser Fall sprach

entschieden zu Gunsten des Satzes, daß königliche Ausschreiben zum

Bestehen eines Parlaments nicht unbedingt nöthig seien. Kein königliches

Ausschreiben hatte die Convention einberufen, welche Karl II.

zurückrief. Gleichwohl war jene Convention noch nach seiner Restauration

beisammen geblieben, hatte Gesetze gegeben, das Budget aufgestellt, eine

Amnestieacte erlassen und die Lehnsdienstleistungen abgeschafft. Diese

Maßnahmen waren durch eine Autorität sanctionirt worden, von der keine

Partei im Staate ohne Ehrerbietung sprechen konnte. Hale hatte

wesentlichen Theil daran genommen und hatte stets behauptet, daß sie

streng gesetzlich seien. Auch Clarendon, so wenig er geneigt war, irgend

eine, die Rechte der Krone oder das Ansehen des Siegels, dessen Bewahrer

er war, beeinträchtigende Doctrin zu begünstigen, hatte erklärt, daß,

wenn Gott der Nation zu einem äußerst kritischen Zeitpunkte ein gutes

Parlament gegeben habe, es die größte Thorheit sein würde, technische

Mängel in dem Instrument zu suchen, durch welches ein solches Parlament

zusammenberufen sei. Konnte irgend ein Tory behaupten, daß die

Convention von 1660 ehrwürdigeren Ursprungs gewesen sei als die von

1689? War ein Schreiben, das der erste Prinz von Geblüt auf Ansuchen der

gesammten Pairie und Hunderter von Gentlemen, welche Grafschaften und

Städte vertraten, erlassen hatte, nicht eine mindestens eben so gute

Vollmacht als ein Beschluß des Rumpfparlaments?

Schwächere Gründe als diese würden den Whigs, welche die Majorität des

Geheimen Raths bildeten, genügt haben. Der König begab sich demnach am

fünften Tage nach seiner Proklamirung mit königlichem Gepränge in das

Haus der Lords und nahm seinen Sitz auf dem Throne ein. Die Gemeinen

wurden hereingerufen und er erinnerte nun seine Zuhörer mit vielen

huldvollen Ausdrücken an die gefährliche Lage des Landes, und ermahnte

sie, diejenigen Schritte zu thun, welche unnöthigen Verzögerungen im

Gange der Staatsgeschäfte vorbeugen könnten. Seine Rede wurde von den

zahlreich versammelten Gentlemen mit dem leisen Gemurmel aufgenommen,

durch welches unsere Vorfahren ihren Beifall zu erkennen zu geben

pflegten und das oft an geheiligteren Stätten als die Kammer der Peers

war, gehört wurde.[34] Sobald er sich wieder entfernt hatte, wurde eine

die Convention für ein Parlament erklärende Bill auf den Tisch der Lords

gelegt und ohne weiteres von ihnen angenommen. Bei den Gemeinen dagegen

gab es eine heiße Debatte. Das Haus erklärte sich zu einem Comité,

und die Aufregung war so groß daß, nachdem die Autorität des Sprechers

beseitigt war, die Ordnung kaum noch aufrecht erhalten werden konnte. Es

wurden scharfe persönliche Ausfälle gewechselt. Der Ausruf »Hört ihn!«

den man ursprünglich nur zur Dämpfung ordnungswidrigen Geräusches und um

die Mitglieder daran zu erinnern, daß es ihre Pflicht sei, der

Discussion aufmerksam zu folgen, gebraucht hatte, war nach und nach das

geworden was er jetzt ist, nämlich ein Ausruf, welcher je nach der

Betonung, die man ihm gab, Bewunderung, Zustimmung, Entrüstung oder Hohn

ausdrückte. Bei dieser Gelegenheit riefen die Whigs so geräuschvoll

Hört! Hört! daß die Tories sich über Unschicklichkeit beklagten.

Seymour, der Führer der Minorität, erklärte, daß von Freiheit der

Debatte nicht mehr die Rede sein könne, wenn solcher Lärm geduldet

werde. Einige alte whiggistische Mitglieder fühlten sich dadurch

veranlaßt, ihn zu erinnern, daß, wenn er den Vorsitz führte, zuweilen

ein gleiches Geschrei gehört und nicht verboten worden sei. So gereizt

und erbittert indeß beide Parteien auch waren, bekundeten doch die

beiderseitigen Reden die hohe Achtung vor Gesetz und verjährtem Recht,

welche seit langer Zeit ein characteristischer Zug der Engländer ist und

die, wenn sie auch zuweilen in Pedanterie und Aberglauben ausartet,

immerhin ihr Gutes hat. Selbst in dieser wichtigen Krisis, als die

Nation sich noch in der Gährung einer Revolution befand, erörterten

unsere Staatsmänner ausführlich und ernst alle Umstände, welche bei der

Absetzung Eduard's II. und Richard's II. obgewaltet, und untersuchten

mit ängstlicher Genauigkeit, ob die Versammlung, welche, mit dem

Erzbischof Lanfranc an der Spitze, Robert von der Normandie vom Throne

ausschloß und Wilhelm den Rothen darauf setzte, nachher noch fortfuhr,

als gesetzgebender Körper des Landes zu wirken oder nicht. Es wurde viel

über die Geschichte der Ausschreiben, viel über die Etymologie des

Wortes Parlament gesagt. Bemerkenswerth ist es, daß der alte Maynard

derjenige Redner war, der die Sache von dem staatsmännischsten

Gesichtspunkte auffaßte. Er hatte während der bürgerlichen Zwistigkeiten

von fünfzig ereignißvollen Jahren gelernt, daß Fragen, welche die

höchsten Interessen des Staats berührten, nicht durch Wortklaubereien

und durch Brocken von juristischem Französisch und juristischem

Latein entschieden werden konnten, und da er anerkanntermaßen der

scharfsinnigste und gelehrteste englische Jurist war, durfte er seine

Gedanken und Gesinnungen unumwunden aussprechen, ohne Gefahr zu laufen,

der Ignoranz oder Anmaßung beschuldigt zu werden. Er verwarf die ganze

Büchergelehrsamkeit, welche einige in solchen Dingen weit weniger

erfahrene Männer als er in die Discussion gezogen hatten, als kleinlich

und übel angebracht. »Wir stehen,« sagte er, »in diesem Augenblicke

nicht auf dem gebahnten Wege. Wenn wir daher entschlossen sind, nur auf

diesem Wege fortzugehen, so werden wir gar nicht vorwärts kommen. Wer in

einer Revolution sich vornimmt, nichts zu thun was nicht streng der

herkömmlichen Form gemäß ist, gleicht einem Menschen, der sich in der

Wildniß verirrt hat und beständig nur ruft: Wo ist die Landstraße?

ich will nur auf der Landstraße gehen! -- In einer Wildniß muß man

denjenigen Weg einschlagen, auf dem man nach Hause gelangt. In einer

Revolution müssen wir das höchste Gesetz, das Wohl des Staates, zur

Richtschnur nehmen.« Ein andrer Rundkopfveteran, der Oberst Birch,

sprach in gleichem Sinne und argumentirte mit großer Gewandtheit und

Schärfe aus dem Präcedenzfalle von 1660. Seymour und seine Anhänger

wurden im Comité geschlagen und wagten es nicht, das Haus über den

Bericht abstimmen zu lassen. Die Bill ging rasch durch und erhielt am

zehnten Tage nach Wilhelm's und Mariens Thronbesteigung die königliche

Zustimmung.[35]

[Anmerkung 34: Van Citters, 19. Febr. (1. März) 1688/89.]

[Anmerkung 35: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 1+. Siehe die

Protokolle der beiden Häuser und +Grey's Debates+. Die

Beweisführung zu Gunsten der Bill ist in der Pariser Gazette vom

5. und 12. März 1689 gut zusammengefaßt.]

[_Die Mitglieder der beiden Häuser werden aufgefordert die Eide zu

leisten._] Das Gesetz, welches die Convention in ein Parlament

verwandelte, enthielt einen Paragraphen, welcher bestimmte, daß nach dem

1. März in keinem der beiden Häuser Jemand Sitz und Stimme haben solle,

der nicht dem neuen Königspaare den Huldigungseid geleistet habe. Diese

Verordnung brachte die ganze Gesellschaft in große Aufregung. Die

Anhänger der verbannten Dynastie hofften und sagten mit Bestimmtheit

voraus, daß die Eidverweigerer zahlreich sein würden. Die Minorität in

beiden Häusern, meinten sie, werde der Sache der erblichen Monarchie

treu bleiben. Es werde vielleicht hier und da einen Verräther geben, die

große Masse Derer aber, welche für eine Regentschaft gestimmt hatten,

werde fest bleiben. Zwei Bischöfe höchstens würden die Usurpatoren

anerkennen. Seymour werde sich eher aus dem öffentlichen Leben

zurückziehen, als seinen Grundsätzen untreu werden, Grafton habe sich

schon vorgenommen, nach Frankreich zu entfliehen und seinem Oheim zu

Füßen zu fallen. Solche Gerüchte machten während der letzten Hälfte des

Februar durch alle Kaffeehäuser die Runde. Die Aufregung im Publikum war

so groß, daß, wenn ein angesehener Mann zwei Tage hintereinander an

seinen gewohnten Aufenthaltsorten vermißt wurde, man sich gleich

zuraunte, er sei nach Saint-Germains entwichen.[36]

Der zweite März kam heran und das Resultat schlug die Befürchtungen der

einen Partei nieder und zerstörte die Hoffnungen der andren. Der Primas

hielt sich zwar mit einigen seiner Suffraganen beharrlich fern, aber

drei Bischöfe und dreiundsiebzig weltliche Peers leisteten die Eide.

Bei der nächsten Sitzung des Oberhauses fanden sich noch einige Prälaten

mehr ein; kurz, binnen einer Woche hatten ungefähr hundert Lords die

Bedingungen zur Einnahme ihrer Plätze erfüllt. Andere, welche durch

Krankheit verhindert waren zu erscheinen, sandten Entschuldigungen und

Versicherungen ihrer Anhänglichkeit an Ihre Majestäten. Grafton

widerlegte alle über ihn in Umlauf gebrachten Märchen, indem er gleich

am ersten Tage zur Eidesleistung erschien. Zwei Mitglieder der

kirchlichen Commission, Mulgrave und Sprat, beeilten sich ihren Fehler

dadurch gut zu machen, daß sie Wilhelm Treue und Gehorsam schworen.

Beaufort, der lange als Typus eines Royalisten der alten Schule gegolten

hatte, unterwarf sich nach kurzem Schwanken. Aylesbury und Dartmouth,

obwohl zwei heftige Jakobiten, trugen eben so wenig Bedenken, den

Huldigungseid zu leisten, als sie nachher Bedenken trugen, ihn zu

brechen.[37] Die Hyde schlugen verschiedene Richtungen ein. Rochester

fügte sich dem Gesetz; Clarendon aber zeigte sich widerspenstig. Viele

fanden es sonderbar, daß der Bruder, der so lange zu Jakob gehalten, bis

dieser flüchtete, sich weniger hartnäckig erwies, als der Bruder, der im

holländischen Lager gewesen war. Die Erklärung ist vielleicht darin zu

suchen, daß Rochester durch Verweigerung der Eide viel mehr verloren

haben würde als Clarendon. Clarendon's Einkünfte hingen nicht vom

Belieben der Regierung ab; Rochester aber hatte einen Jahrgehalt von

viertausend Pfund, den er fortzubeziehen nicht hoffen durfte, wenn er

sich weigerte, das neue Herrscherpaar anzuerkennen. Er hatte in der That

so viele Feinde, daß es sogar einige Monate zweifelhaft schien, ob man

ihm unter irgend welchen Bedingungen die glänzende Belohnung lassen

werde, die er sich durch Verfolgung der Whigs und durch einen Sitz in

der Hohen Commission erworben hatte. Vor diesem harten Schlage für seine

Vermögensumstände wurde er durch die Verwendung Burnet's bewahrt, den er

schwer beleidigt und der sich jetzt rächte wie es einem christlichen

Priester ziemte.[38]

Im Unterhause wurden am zweiten März vierhundert Mitglieder vereidigt,

darunter auch Seymour. Durch seinen Abfall ward der Muth der Jakobiten

gebrochen, und die Minorität folgte mit sehr wenigen Ausnahmen seinem

Beispiele.[39]

[Anmerkung 36: Van Citters sowohl als Ronquillo erwähnen die

ängstliche Spannung, welche bis zum Bekanntwerden des Resultats in

London herrschte.]

[Anmerkung 37: +Lords' Journals, March 1688/89+.]

[Anmerkung 38: Siehe die Briefe, welche Rochester und Lady

Ranelagh bei dieser Gelegenheit an Burnet schrieben.]

[Anmerkung 39: +Commons' Journals, March 2. 1688, 89+. Ronquillo

schrieb: +»Es de gran consideracion que Seimor haya tomado el

juramento; porque es el arrengador y el director principal, en la

casa de los Comunes, de los Anglicanos.«+ 8.(18.) März 1688/89.]

[_Fragen bezüglich des Einkommens._] Schon vor dem zur Eidesabnahme

bestimmten Tage hatten die Gemeinen eine wichtige Frage zu berathen

begonnen, welche keinen Aufschub gestattete. Während des Interregnums

hatte Wilhelm als provisorisches Haupt der Verwaltung die Steuern

erhoben und sie für den Staatsdienst verwendet, ein Verfahren, dessen

Angemessenheit von Niemandem, der die Revolution billigte, bestritten

werden konnte. Jetzt aber war die Revolution vorüber, der Thron war

wieder besetzt, die Häuser waren versammelt, das Gesetz war in voller

Kraft, und es wurde nöthig, ohne Verzug zu entscheiden, zu welchem

Einkommen die Regierung berechtigt war.

Niemand leugnete, daß alle Ländereien und erblichen Besitzungen der

Krone mit dieser auf die neuen Herrscher übergegangen waren. Eben so

wenig leugnete Jemand, daß alle Einkünfte, welche der Krone auf eine

bestimmte Anzahl Jahre bewilligt worden, verfassunggemäß bis zum Ablauf

des Termins beansprucht werden durften. Allein das Parlament hatte Jakob

große Revenüen auf Lebenszeit verwilligt und ob diese von Wilhelm und

Marien in Anspruch genommen werden konnten, so lange Jakob noch lebte,

das war eine Frage, über welche die Ansichten getheilt waren.

Holt, Treby, Pollexfen und überhaupt alle angesehenen Whigjuristen, mit

Ausnahme Somers', meinten, diese Einkünfte seien dem vorigen Könige in

seiner politischen Eigenschaft, aber auf seine natürliche Lebenszeit,

bewilligt worden, und sie seien daher, so lange er in einem fremden

Lande zubringe, an Wilhelm und Marien zu bezahlen. Aus einem sehr

gedrängten und unzusammenhängenden Berichte über die Debatte geht

hervor, daß Somers von dieser Ansicht abwich. Er war der Meinung, daß,

wenn die Parlamentsacte, welche die in Rede stehenden Abgaben

aufgebürdet, ihrem Geiste nach ausgelegt würde, das Wort Leben als

gleichbedeutend mit dem Worte Regierung betrachtet werden müsse, und daß

sonach die Frist, auf welche diese Abgaben der Krone bewilligt worden,

erloschen sei. Dies war unzweifelhaft die richtige Meinung, denn es war

geradezu widersinnig, Jakob's Interesse bei dieser Verwilligung als zu

gleicher Zeit mit seiner Person und auch mit seinem Amte verknüpft zu

betrachten, in einem Athem zu sagen, die Kaufleute von London und

Bristol müßten Geld hergeben, weil er physisch noch lebe, und seine

Nachfolger müßten dieses Geld bekommen, weil er politisch todt sei. Das

Haus theilte entschieden die Ansicht Somers'. Die Mitglieder waren im

Allgemeinen für die Vornahme einer großen Reform, denn man sah ein, daß

ohne eine solche die Rechtserklärung nur eine unvollkommene Garantie für

die öffentliche Freiheit sein würde. Während des Kampfes, den fünfzehn

aufeinanderfolgende Parlamente gegen vier aufeinanderfolgende Könige

geführt, war die Macht des Geldes die Hauptwaffe der Gemeinen gewesen,

und wenn sich die Vertreter des Volks einmal verleiten ließen, diese

Waffe aufzugeben, hatten sie jedesmal sehr bald Ursache gehabt, ihre

allzu leichtgläubige Loyalität zu bereuen. In der Zeit der stürmischen

Freude, welche auf die Restauration folgte, war Karl II. fast durch

Acclamation ein großes Einkommen auf Lebenszeit bewilligt worden. Doch

schon nach einigen Monaten gab es kaum einen ehrenwerthen Cavalier im

Lande, der sich nicht gesagt hätte, daß die Zahlmeister der Nation

weiser gehandelt haben würden, wenn sie die Mittel zur Abstellung der

Mißbräuche, welche alle Zweige der Verwaltung schändeten, in ihrer Hand

behalten hätten. Jakob II. hatte von seinem unterwürfigen Parlamente

ohne eine opponirende Stimme ein Einkommen erlangt, welches hingereicht

haben würde, die gewöhnlichen Staatsausgaben für seine ganze Lebenszeit

zu bestreiten, und noch ehe er dieses Einkommen ein halbes Jahr

genossen, machte sich die Mehrzahl Derer, welche so freigebig gegen ihn

gewesen, bittere Vorwürfe wegen ihrer Liberalität. Wenn man der

Erfahrung, einer langen und schmerzlichen Erfahrung, trauen durfte, so

gab es keine wirksame Sicherheit gegen schlechte Verwaltung, sobald der

Souverain nicht genöthigt war, sich öfters an seinen Großen Rath um

Geldunterstützung zu wenden. Fast alle rechtschaffenen und

einsichtsvollen Männer stimmten daher darin überein, daß wenigstens ein

Theil der Zuschüsse nur auf kurze Termine verwilligt werden dürften. Und

welcher Zeitpunkt war wohl geeigneter zur Einführung dieses neuen Modus

als das Jahr 1689, der Anfang einer neuen Regierung, einer neuen

Dynastie, einer neuen Ära in der constitutionellen Verwaltung? Die

Meinung über diesen Gegenstand war so mächtig und allgemein, daß die

abweichende Minorität nachgab. Es wurde zwar kein formeller Beschluß

gefaßt, aber das Haus verfuhr nach der Annahme, daß die Jakob auf

Lebenszeit bewilligten Einkünfte durch seine Abdankung aufgehoben

seien.[40]

Es war unmöglich, ohne Untersuchung und Berathung eine neue Feststellung

des Einkommens vorzunehmen. Die Schatzkammer wurde daher angewiesen, die

nöthigen Vorlagen zu beschaffen, welche das Haus in den Stand setzten,

die öffentlichen Ausgaben und Einnahmen abzuschätzen. Inzwischen wurde

den augenblicklichen Bedürfnissen des Staats mit geziemender Liberalität

genügt. Eine durch directe monatliche Besteurung zu erhebende

außerordentliche Unterstützung wurde dem Könige gewährt. Es wurde eine

Verordnung erlassen, welche alle Diejenigen, die seit seiner Landung in

seinem Namen die Jakob zugesprochenen Abgaben erhoben, für schuldlos

erklärte, und die erloschenen Abgaben wurden noch auf einige Monate

verlängert.

[Anmerkung 40: +Grey's Debates, Febr. 25, 26, 27. 1688/89.+]

[_Abschaffung der Herdsteuer._] Auf seinem ganzen Marsche von Torbay bis

London war Wilhelm von dem niederen Volke mit Bitten bestürmt worden,

daß er es von der unerträglichen Last des Herdgeldes befreien möchte.

Diese Abgabe scheint in der That alle die schlimmsten Übelstände in sich

vereinigt zu haben, die man irgend einer Steuer zur Last legen kann. Sie

war unverhältnißmäßig, und zwar in der verderblichsten Weise, denn sie

lastete schwer auf dem Armen, und leicht auf dem Reichen. Ein Landmann,

dessen ganzes Besitzthum keine zwanzig Pfund werth war, mußte zehn

Schilling bezahlen, während der Herzog von Ormond oder der Herzog von

Newcastle, deren Güter eine halbe Million werth waren, nur vier bis fünf

Pfund bezahlten. Die Einsammler waren ermächtigt, das Innere jedes

Hauses im Lande zu untersuchen, die Familien bei ihrer Mahlzeit zu

stören, die Thüren der Schlafzimmer zu erbrechen, und, wenn die

verlangte Summe nicht pünktlich bezahlt wurde, den Tisch, auf dem den

armen Kindern ihr Gerstenbrot zugeschnitten wurde, oder das Kissen unter

dem Haupte der Wöchnerin wegzunehmen und zu verkaufen. Eben so wenig

vermochte das Schatzamt den Herdgeldmann wirksam daran zu hindern, daß

er seine Vollmacht mit Härte ausübte, denn die Steuer war verpachtet und

die Regierung war in Folge dessen genöthigt, die Gewaltthätigkeiten und

Erpressungen, welche zu allen Zeiten den Namen Zöllner sprüchwörtlich zu

dem verhaßtesten von der Welt gemacht haben, stillschweigend hingehen zu

lassen.

Auf Wilhelm hatten die vernommenen Klagen und Beschwerden einen so

erschütternden Eindruck gemacht, daß er den Gegenstand bei einer der

ersten Sitzungen des Geheimen Raths zur Sprache brachte. Er forderte das

Haus der Gemeinen durch eine Botschaft auf, zu erwägen, ob zweckmäßigere

Einrichtungen den Mißbräuchen, welche so große Unzufriedenheit erregt

hätten, wirksam abhelfen könnten, und setzte hinzu, daß er gern in die

gänzliche Abschaffung der Steuer willigen würde, wenn es sich

herausstellen sollte, daß die Mißbräuche von der Steuer unzertrennlich

seien.[41] Diese Mittheilung ward mit lautem Beifall aufgenommen.

Allerdings gab es einige Finanzmänner der alten Schule, welche

murmelten, daß Mitleid mit den Armen wohl etwas Schönes sei, daß aber

kein Theil der Staatseinkünfte so pünktlich auf den Tag einginge als das

Herdgeld, daß die Goldschmiede nicht immer bewogen werden könnten,

auf die Sicherheit des nächsten Quartals der Zölle oder der Accise zu

leihen, daß es aber nicht schwer sei, auf eine Herdgeldverschreibung

Vorschüsse zu erhalten. Im Hause der Gemeinen wagten die so Denkenden es

nicht, ihre Stimmen gegen die allgemeine Ansicht zu erheben; im Hause

der Lords aber entspann sich ein Kampf, dessen Ausgang eine Zeitlang

zweifelhaft schien. Endlich aber erwirkte der kräftig angewendete

Einfluß des Hofes eine Acte, kraft welcher die Kaminsteuer als ein

Zeichen von Sklaverei erklärt und unter vielen Dankesversicherungen

gegen den König für alle Seiten abgeschafft wurde.[42]

[Anmerkung 41: +Commons' Journals+ und +Grey's Debates, March 1.

1688/89+.]

[Anmerkung 42: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 10.+; +Burnet II.

13.+]

[_Entschädigung der Vereinigten Provinzen._] Die Gemeinen bewilligten

nach kurzer Debatte und ohne Abstimmung sechsmalhunderttausend Pfund zu

dem Zwecke, die Kosten der Expedition, welche England befreit hatte, den

Vereinigten Provinzen zurückzuerstatten. Die Leichtigkeit, mit der diese

bedeutende Summe einem schlauen, thätigen und sparsamen Volke bewilligt

ward, das in politischer Beziehung unser Bundesgenosse, in commercieller

Hinsicht aber unser gefährlichster Nebenbuhler war, erregte außerhalb

der Kammern einiges Murren und war mehrere Jahre lang ein Lieblingsthema

für die Sarkasmen der toryistischen Tagesschriftsteller.[43] Die

Freigebigkeit des Hauses war jedoch leicht zu erklären. An dem nämlichen

Tage, an welchem dieser Gegenstand berathen wurde, trafen in Westminster

beunruhigende Nachrichten ein und überzeugten Viele, die zu einer andren

Zeit geneigt gewesen wären, jede von den Holländern eingeschickte

Rechnung einer strengen Prüfung zu unterwerfen, daß unser Land die

Dienste fremder Truppen noch nicht entbehren konnte.

[Anmerkung 43: +Commons' Journals, March 15. 1688/89.+ Noch im

Jahre 1713 spielte Arbuthnot im fünften Theile des +John Bull+ mit

viel Witz auf diesen Gegenstand an. »Was Euren +Venire Facias+

betrifft,« sagt John zu Nick Frog, »so habe ich Euch für einen

schon bezahlt.«]

[_Meuterei in Ipswich._] Frankreich hatte den Generalstaaten den Krieg

erklärt und die Generalstaaten hatten in Folge dessen vom Könige von

England die Unterstützung verlangt, die er durch den Vertrag von

Nimwegen zu leisten verpflichtet war.[44] Er hatte einige Bataillone

nach Harwich verordert, um sich dort zur Überfahrt nach dem Festlande

bereit zu halten. Die alten Soldaten Jakob's waren meist in einer sehr

schlechten Stimmung, und dieser Befehl übte keine besänftigende Wirkung

aus. Am größten war die Unzufriedenheit in dem Regimente, das

gegenwärtig als das erste der Linie bezeichnet wird. Obgleich dieses

Regiment der englischen Armee angehörte, hatte es doch seit der Zeit,

da es zuerst unter dem großen Gustav kämpfte, fast ausschließlich aus

Schotten bestanden, und die Schotten haben nie verfehlt, in jedem Lande,

wohin ihr abenteuerlicher und ehrgeiziger Sinn sie führte, die geringste

ihrem Heimathlande bewiesene Geringschätzung zu fühlen und zu ahnden.

Offiziere wie Gemeine murmelten, daß der Beschluß einer ausländischen

Versammlung in ihren Augen nichts gelte. Wenn sie überhaupt ihres

Treuschwurs für König Jakob VII. entbunden werden könnten, so müsse dies

durch die Stände von Edinburg, nicht durch die Convention von

Westminster geschehen. Ihr Unmuth wuchs, als sie erfuhren, daß Schomberg

zu ihrem Obersten ernannt war. Vielleicht hätten sie es sich zur Ehre

schätzen sollen, den Namen des größten Soldaten Europa's zu führen, aber

bei aller seiner Tapferkeit und militärischen Tüchtigkeit war er doch

nicht ihr Landsmann, und während der sechsundfunfzig Jahre, welche

verstrichen waren, seitdem sich ihr Regiment in Deutschland seine ersten

Lorbeern verdiente, war es nie von einem Andren als einem Hopburn oder

einem Douglas commandirt worden. In dieser gereizten Stimmung erhielten

sie Befehl, zu den Streitkräften zu stoßen, die sich in Harwich

sammelten. Es wurde viel gemurrt, doch kam es zu keinem Ausbruch, bis

das Regiment in Ipswich anlangte. Hier gaben zwei Hauptleute, welche

eifrige Anhänger des verbannten Königs waren, das Zeichen zur Empörung.

Der Marktplatz füllte sich bald mit hin und her rennenden Pikenmännern

und Musketiren. Schüsse wurden aufs Gerathewohl nach allen Richtungen

hin abgefeuert. Diejenigen Offiziere, welche die Meuterer im Zaume zu

halten versuchten, wurden überwältigt und entwaffnet. Endlich gelang es

den Leitern des Aufstandes, einige Ordnung herzustellen und sie

marschirten nun an der Spitze ihrer Anhänger aus Ipswich ab. Die kleine

Armee bestand aus etwa achthundert Mann. Sie hatten vier Kanonen

mitgenommen und sich der Kriegskasse bemächtigt, die eine bedeutende

Summe Geldes enthielt. Eine halbe Meile von der Stadt wurde Halt

gemacht, eine allgemeine Berathung gepflogen und beschlossen, daß die

Meuterer in ihr Heimathsland zurückeilen und mit ihrem rechtmäßigen

Könige leben und sterben wollten. Demgemäß brachen sie in Eilmärschen

nach dem Norden auf.[45]

Als die Nachricht in London eintraf, war die Bestürzung groß. Es hieß,

daß auch bei anderen Regimentern sich beunruhigende Symptome gezeigt

hätten und besonders daß ein in Harwich liegendes Füsilircorps große

Lust zu haben scheine, dem in Ipswich gegebenen Beispiele zu folgen.

»Wenn diese Schotten,« sagte Halifax zu Reresby, »nicht auf

Unterstützung rechnen können, so sind sie verloren; haben sie aber im

Einverständniß mit Anderen gehandelt, dann ist die Gefahr in der That

sehr ernst.«[46] Das Wahre scheint zu sein, daß eine Verschwörung

bestand, die in vielen Heerestheilen Verzweigungen hatte, daß aber die

Verschwörer durch die Festigkeit der Regierung und des Parlaments im

Schach gehalten wurden. Es ward eben eine Ausschußsitzung des Geheimen

Raths gehalten, als die Nachricht von dem Aufstande in London eintraf.

Wilhelm Harbord, der Vertreter des Burgfleckens Launceston, welcher

Mitglied des Ausschusses war, wurde von seinen Collegen ersucht, sich

sogleich in das Haus der Gemeinen zu begeben und dort das Vorgefallene

mitzutheilen. Er ging, erhob sich auf seinem Platze und erzählte seine

Geschichte. Der Geist der Versammlung trug der Lage der Dinge gebührende

Rechnung. Howe war der Erste, der kräftiges Einschreiten verlangte.

»Ersuchet den König,« sagte er, »seine holländischen Truppen gegen diese

Leute zu entsenden. Ich wüßte nicht, wem man sonst trauen könnte.« --

»Die Sache ist kein Spaß,« sagte der alte Birch, welcher Oberst im

Dienste des Parlaments gewesen war und das mächtigste und berühmteste

Haus der Gemeinen, das es je gegeben, durch dessen eigene Soldaten

zweimal hatte säubern und zweimal hatte auseinandersprengen sehen; »wenn

Ihr das Übel um sich greifen laßt, werdet Ihr binnen wenigen Tagen eine

Armee auf dem Halse haben. Ersuchet den König, auf der Stelle Reiter und

Fußvolk abzusenden, und zwar seine eigenen Leute, auf die er sich

verlassen kann, damit dieses Volk mit einem Schlage niedergeworfen

wird.« Jetzt fingen auch die Männer der langen Robe Feuer. »Das Wissen

meines Berufs ist hier unnütz,« sagte Treby. »Es kommt hier darauf an,

der Gewalt mit Gewalt entgegenzutreten und im Felde das zu behaupten,

was wir im Senate gethan haben.« -- »Schreibt an die Sheriffs,« sprach

Oberst Mildmay, Mitglied für Essex, »und laßt die Miliz aufbieten. Es

sind ihrer Hundertfunfzigtausend Mann und lauter gute Engländer; sie

werden Euch nicht im Stiche lassen.« Es wurde beschlossen, daß alle in

der Armee angestellten Mitglieder des Hauses vom Besuche des Parlaments

dispensirt werden sollten, damit sie sich unverzüglich auf ihre

militärischen Posten begeben könnten. Sodann wurde einstimmig eine

Adresse votirt, welche den König ersuchte, energische Maßregeln zur

Unterdrückung des Aufstandes zu ergreifen und eine Proklamation zu

erlassen, welche die öffentliche Rache auf die Rebellen herabrief.

Ein Mitglied deutete darauf hin, daß es vielleicht gut sei, wenn Sr.

Majestät Denen, die sich im Guten unterwürfen, Verzeihung zusichere;

allein das Haus verwarf wohlweislich diesen Vorschlag. »Es ist jetzt

nicht der Augenblick,« wurde sehr richtig bemerkt, »zu einer Nachsicht,

die wie Furcht aussehen würde.« Die Adresse wurde sogleich ins

Haus der Lords gesandt und von diesen genehmigt. Zwei Peers, zwei

Grafschaftsvertreter und zwei Abgeordnete von Burgflecken wurden damit

an den Hof geschickt. Wilhelm empfing sie sehr gnädig und sagte ihnen,

daß er bereits die nöthigen Befehle gegeben habe. In der That waren auch

schon mehrere Regimenter Reiterei und Dragoner unter dem Commando

Ginkell's, eines der tapfersten und geschicktesten Offiziere der

holländischen Armee, nach dem Norden entsendet worden.[47]

Mittlerweile eilten die Aufständischen durch die Gegend zwischen

Cambridge und dem Wash. Ihr Weg führte über eine weite, öde Moorstrecke,

die mit der ganzen Feuchtigkeit von dreizehn Grafschaften gesättigt war

und auf welcher den größten Theil des Jahres ein grauer Nebel lagerte,

über den sich der viele Meilen im Umkreise sichtbare prächtige Thurm von

Ely erhob. In dieser traurigen, mit großen Schwärmen wilder Vögel

bedeckten Gegend führte damals ein halbwildes Volk, bekannt unter dem

Namen der Breedlings, ein amphibienartiges Leben, von einem Eiland

festen Grund und Bodens zum andren theils watend theils rudernd.[48] Die

Straße gehörte zu den schlechtesten der ganzen Insel und als sich das

Gerücht von der Annäherung der Rebellen verbreitete, wurden sie von dem

Landvolke absichtlich noch mehr verschlechtert. Brücken wurden

abgebrochen und Baumstämme quer über die Straßen gelegt, um das

Fortschaffen der Kanonen zu erschweren. Dessenungeachtet drangen die

schottischen Veteranen nicht nur mit großer Eil vor, sondern es gelang

ihnen auch, ihre Artillerie mit fort zu bringen. So erreichten sie die

Grafschaft Lincoln, und als sie nicht mehr weit voll Sleafort entfernt

waren, erfuhren sie, daß Ginkell mit einer unüberwindlichen Truppenmacht

ihnen hart auf den Fersen sei. Von Sieg konnte so wenig die Rede sein

wie von Entkommen. Die tapfersten Krieger konnten gegen eine vierfache

Übermacht nichts ausrichten, das vortrefflichste Fußvolk konnte einer

Reiterschaar nicht entrinnen. Da indessen die Anführer wohl wußten, daß

sie keinen Pardon zu erwarten hatten, drangen sie in ihre Mannschaften,

das Glück einer Schlacht zu versuchen. Eine fast von allen Seiten von

Sümpfen und Teichen eingeschlossene Stelle war in dieser Gegend leicht

gefunden. Hier wurden die Insurgenten aufgestellt und die Kanonen

an der einzigen Seite aufgefahren, die man durch natürliche

Vertheidigungsmittel nicht hinreichend gedeckt glaubte. Ginkell befahl

den Angriff an einer Stelle zu unternehmen, die sich außer dem Bereiche

der Geschütze befand, und seine Dragoner sprangen muthig ins Wasser,

obwohl es so tief war, daß ihre Pferde schwimmen mußten. Jetzt sank den

Rebellen der Muth. Sie versuchten zu parlamentiren, ergaben sich aber

schließlich auf Gnade und Ungnade und wurden unter starker Bedeckung

nach London gebracht. Ihr Leben war verwirkt, denn sie hatten sich nicht

blos der Meuterei, welche damals kein legales Verbrechen war, sondern

des bewaffneten Widerstandes gegen den König schuldig gemacht. Wilhelm

unterließ jedoch mit weiser Nachsicht, das Blut selbst der Strafbarsten

zu vergießen. Einige von den Haupträdelsführern wurden vor die nächsten

Assisen von Bury gestellt und des Hochverraths überwiesen; aber ihr

Leben ward geschont. Die Übrigen erhielten einfach den Befehl, zu ihrer

Pflicht zurückzukehren. Das vor Kurzem so aussätzige Regiment ging

gehorsam nach dem Continent und zeichnete sich dort in vielen

beschwerlichen Feldzügen durch Treue, Disciplin und Tapferkeit aus.[49]

[Anmerkung 44: Wagenaar LXI.]

[Anmerkung 45: +Commons' Journals, March 15. 1688/89.+]

[Anmerkung 46: +Reresby's Memoirs.+]

[Anmerkung 47: +Commons' Journals+ und +Grey's Debates, March 15.

1688/89, London Gazette, March 18+.]

[Anmerkung 48: Über den Zustand dieser Gegend zu Ende des 17. und

zu Anfang des 18. Jahrhunderts siehe +Pepys' Diary+ vom 18. Sept.

1663 und +Tour through the whole Island of Great Britain+, 1724.]

[Anmerkung 49: +London Gazette, March 25. 1689+; Van Citters an

die Generalstaaten vom 22. März (1. April); Briefe von Nottingham

im Staatsarchive vom 23. Juli und 9. Aug. 1689; +Historical Record

of the First Regiment of Foot+, auf Befehl der Regierung gedruckt.

Siehe auch eine interessante Abschweifung in der +Compleat History

of the Life and Military Actions of Richard, Earl of Tyrconnel+,

1689.]

[_Die erste Meutereibill._] Dieser Vorfall erleichterte eine wichtige

Veränderung in unsrer Politik, eine Veränderung, welche zwar über kurz

oder lang hätte vorgenommen werden müssen, die aber doch so leicht nicht

hätte durchgeführt werden können, außer in einem Augenblicke der

höchsten Gefahr. Die Zeit war endlich gekommen, wo es nöthig wurde,

einen gesetzlichen Unterschied zwischen dem Soldaten und dem Bürger zu

machen. Unter den Plantagenets und den Tudors hatte es kein stehendes

Heer gegeben, und das stehende Heer, das England unter den letzten

Königen des Hauses Stuart besessen, war von allen Parteien im Staate mit

einem starken und nicht unbegründeten Widerwillen betrachtet worden.

Das gemeine Recht gewährte dem Souverain nicht die Mittel, seine Truppen

gebührend im Zaume zu halten, denn das Parlament, das sie als bloße

Werkzeuge der Tyrannei betrachtete, hatte keine Lust gehabt, diese

Mittel durch Gesetze zu bewilligen. Jakob hatte zwar seine bestochenen

und servilen Richter dahin gebracht, daß sie einigen veralteten Gesetzen

eine Auslegung gaben, die ihn in den Stand setzte, die Desertion mit

einer Kapitalstrafe zu belegen. Allein diese Auslegung wurde von alten

angesehenen Juristen als irrig betrachtet, und wäre sie auch richtig

gewesen, so würde sie doch bei weitem nicht alles das geboten haben, was

zur Aufrechthaltung der militärischen Disciplin nöthig war. Selbst Jakob

wagte es nicht, auf das Erkenntniß eines Kriegsgerichts hin die

Todesstrafe zu verhängen. Der Deserteur wurde wie ein gewöhnlicher

Verbrecher behandelt, vor die Assisen gestellt, auf die von einer großen

Jury herausgefundenen Klagegründe hin von einer kleinen Jury

abgeurtheilt, und es stand ihm frei, jeden in der Anklageacte zu

entdeckenden Formfehler zu seinem Gunsten zu benutzen.

Indem die Revolution die Stellung des Fürsten und des Parlaments zu

einander veränderte, hatte sie auch die gegenseitige Stellung der Armee

und der Nation verändert. Der König und die Gemeinen waren jetzt einig

und beide wurden durch die größte Militärmacht bedroht, die es seit dem

Untergange des römischen Reichs in Europa gegeben hatte. Binnen wenigen

Wochen konnten dreißigtausend sieggewohnte, von geschickten und

erfahrenen Feldherren angeführte Veteranen aus den Häfen der Normandie

und der Bretagne an unsere Küsten übersetzen. Daß eine solche

Truppenmacht eine dreifache Anzahl von Milizen ohne große Schwierigkeit

auseinandersprengen würde, konnte Niemand bezweifeln, der vom Kriege

etwas verstand. Man mußte also reguläre Soldaten haben, und wenn man

solche haben mußte, so war es im Interesse ihres eigenen wirksamen

Bestehens, wie zur Sicherheit jeder andren Klasse durchaus nothwendig,

daß sie unter einer strengen Disciplin gehalten wurden. Eine schlecht

disciplinirte Armee ist zu allen Zeiten nichts weiter als eine

kostspieligere und zügellosere Miliz gewesen, ohnmächtig gegen einen

auswärtigen Feind und nur dem Lande selbst gefährlich, zu dessen

Vertheidigung sie unterhalten wird. Es muß demnach eine strenge

Grenzlinie zwischen den Soldaten und der übrigen Gesellschaft gezogen

werden. Im Interesse der öffentlichen Freiheit müssen sie, inmitten der

Freiheit, unter eine despotische Zucht gestellt werden. Sie müssen einem

schärferen Strafcodex und einer nachdrücklicheren Prozeßordnung

unterworfen sein, als nach denen die ordentlichen Gerichtshöfe

verfahren. Gewisse Handlungen, welche bei dem Bürger unschuldig sind,

müssen bei dem Soldaten Verbrechen sein. Gewisse Handlungen, welche bei

dem Bürger mit Geldbuße oder Gefängniß geahndet werden, müssen bei dem

Soldaten mit dem Tode bestraft werden. Die Maschinerie, vermittelst

welcher die Gerichtshöfe die Schuld oder Unschuld eines angeklagten

Bürgers feststellen, ist zu langsam und zu verwickelt, um auf einen

angeklagten Soldaten Anwendung finden zu können, denn die militärische

Insubordination ist von allen vorkommenden Krankheiten des Staatskörpers

diejenige, welche die promptesten und eingreifendsten Gegenmittel

erheischt. Wird das Übel nicht gleich im Keime erstickt, so breitet es

sich aus, und weit kann es sich nicht ausbreiten ohne Gefahr für die

eigentlichen Lebensnerven der Gesellschaft. Im Interesse des Gemeinwohls

muß daher in Feldlagern eine summarische Gerichtsbarkeit von furchtbarer

Ausdehnung strengen Tribunalen, aus Männern des Schwerts bestehend,

übertragen werden.

Obgleich es aber gewiß war, daß das Land zu jenem Zeitpunkte ohne

berufsmäßige Soldaten nicht sicher sein konnte, und eben so gewiß, daß

berufsmäßige Soldaten schlimmer als nutzlos sein mußten, wenn sie nicht

unter ein willkürlicheres und strengeres Regiment gestellt wurden als

andere Leute, so konnte doch ein Haus der Gemeinen es nicht ohne große

Besorgniß wagen, die Existenz eines stehenden Heeres anzuerkennen und

die Mittel zur Unterhaltung desselben zu bewilligen. Es gab kaum einen

bedeutenden Staatsmann, der nicht oft die Überzeugung ausgesprochen

hätte, daß unsre Verfassung und ein stehendes Heer nicht nebeneinander

bestehen könnten. Die Whigs hatten es bei jeder Gelegenheit wiederholt,

daß stehende Heere die freien Institutionen der Nachbarvölker vernichtet

hätten. Eben so oft hatten die Tories es wiederholt, daß auf unsrer

Insel ein stehendes Heer die Kirche umgestürzt, die Gentry tyrannisirt

und den König gemordet habe. Kein Führer der einen wie der andren Partei

konnte darauf antragen, daß ein solches Heer fortan eine bleibende

Staatseinrichtung sein sollte, ohne sich der Beschuldigung grober

Inconsequenz auszusetzen. Die Meuterei von Ipswich und der panische

Schrecken, den dieselbe hervorgerufen, erleichterten die Durchführung

eines Schrittes, der außerdem höchst schwierig gewesen sein würde. Es

ward eine kurze Bill eingebracht, welche mit der bündigen Erklärung

begann, daß das englische Recht von stehenden Heeren und Kriegsgerichten

nichts wisse. Hierauf wurde verordnet, daß in Anbetracht der großen

Gefahren, welche in diesem Augenblicke dem Staate drohten, kein Mann,

der im besoldeten Dienst der Krone stehe, bei Todesstrafe oder

derjenigen milderen Strafe, die ein Kriegsgericht für genügend halten

würde, seine Fahnen verlassen oder sich gegen seine vorgesetzten

Offiziere auflehnen dürfe. Dieses Gesetz sollte nur sechs Monate in

Kraft bleiben, und viele von Denen, welche dafür stimmten, glaubten

wahrscheinlich, daß es nach Ablauf dieser Frist als erloschen betrachtet

werden würde. Die Bill ging rasch und leicht durch. Im Hause der

Gemeinen wurde nicht eine einzige Abstimmung darüber vorgenommen. Eine

mildernde Clausel, welche ein eigenthümliches Licht auf die damaligen

Sitten wirft, wurde nach der dritten Lesung als Zusatz angefügt. Diese

Clausel bestimmte, daß ein Kriegsgericht zu keiner andren Zeit als in

den Stunden zwischen sechs Uhr Morgens und ein Uhr Nachmittags ein

Todesurtheil fällen sollte. Man speiste damals zeitiger als jetzt, und

es war nur zu wahrscheinlich, daß ein Gentleman unmittelbar nach Tisch

in einem Zustande sein werde, in welchem ihm das Leben seiner

Mitmenschen nicht füglich anvertraut werden konnte. Mit diesem

Amendement wurde die erste und conciseste von unseren zahlreichen

Meutereibills den Lords zugeschickt, durchlief dort binnen wenigen

Stunden alle parlamentarischen Stadien und ward vom Könige

genehmigt.[50]

So geschah ohne eine einzige abweichende Stimme im Parlamente, und ohne

das leiseste Murren unter dem Volke, der erste Schritt zu einer

Veränderung, welche zum Wohle des Staates nothwendig geworden war, die

aber zur Zeit jede Partei im Staate mit der größten Besorgniß und dem

entschiedensten Widerwillen betrachtete. Die sechs Monate vergingen und

die öffentliche Gefahr war noch immer dieselbe. Die zur Aufrechthaltung

der militärischen Disciplin nöthige Gewalt wurde der Krone nochmals auf

kurze Zeit zugestanden. Die Vollmacht erlosch wieder, und wieder wurde

sie erneuert. So versöhnte die Gewohnheit ganz allmälig die öffentliche

Meinung mit den einst so verhaßten Namen: stehendes Heer und

Kriegsgericht. Die Erfahrung bewies, daß in einem wohleingerichteten

Staate berufsmäßige Soldaten einem auswärtigen Feinde Respect einflößen

und doch der bürgerlichen Gewalt gehorsam sein könnten. Was zuerst als

Ausnahme geduldet worden, begann nun als Regel betrachtet zu werden.

Keine Session verging mehr ohne eine Meutereibill. Als es endlich klar

wurde, daß eine politische Umgestaltung von höchster Wichtigkeit in

einer Weise stattfand, daß man es kaum bemerkte, da erhoben einige

Aufwiegler, welche die Hand der Regierung schwächen wollten, und auch

einige ehrenwerthe Männer, die eine aufrichtige, obwohl unverständige

Achtung vor jeder alten constitutionellen Tradition hegten und nicht

begreifen konnten, daß eine Einrichtung, die auf der einen Stufe des

gesellschaftlichen Fortschritts schädlich ist, auf einer andren Stufe

unerläßlich sein kann, ein lautes Geschrei. Dieses Geschrei wurde jedoch

mit den Jahren immer schwächer und schwächer. Die mit jedem Frühjahr

wiederkehrende Debatte über die Meutereibill wurde bald nur noch als

eine Gelegenheit betrachtet, bei welcher hoffnungsvolle junge Redner,

die eben aus dem Christchurch-Collegium kamen, debutiren und erzählen

konnten, wie die Garden des Pisistratus sich der Citadelle von Athen

bemächtigten und wie die prätorianischen Cohorten das Römische Reich an

Didius verkauften. Endlich wurden diese Declamationen zu lächerlich,

um immer aufs neue wiederholt zu werden. Der altfränkischste,

überspannteste Politiker konnte unter der Regierung Georg's III.

schwerlich noch behaupten, daß man keine regulären Truppen brauche, oder

daß das gewöhnliche Recht, von den ordentlichen Gerichtshöfen

gehandhabt, unter solchen Truppen die Disciplin mit Erfolg aufrecht

erhalten könne. Da alle Parteien über das allgemeine Prinzip einig

waren, so ging eine lange Reihe von Meutereibills ohne Discussion durch,

ausgenommen wenn ein einzelner Artikel des Militärstrafgesetzbuches

einer Abänderung bedurfte. Dem Umstande, daß die Armee so allmälig und

fast unmerklich eine der Institutionen England's geworden, ist es

vielleicht zuzuschreiben, daß sie in so vollkommenem Einklange mit allen

anderen Institutionen gehandelt hat, in hundertsechzig Jahren nicht ein

einziges Mal dem Throne untreu oder dem Gesetze ungehorsam geworden ist,

nicht ein einziges Mal sich gegen die Gerichtshöfe aufgelehnt oder die

Wahlkörper durch Drohungen eingeschüchtert hat. Bis auf den heutigen Tag

jedoch fahren die Stände des Reichs mit lobenswerthem Mißtrauen fort,

der in den Tagen der Revolution gezogenen Grenze von Zeit zu Zeit einen

Markstein beizufügen. Jedes Jahr wiederholen sie feierlich den in der

Rechtserklärung ausgesprochenen Grundsatz und bewilligen dann dem

Souveraine die außerordentliche Befugniß, eine gewisse Anzahl Soldaten

auf die Dauer weiterer zwölf Monate nach bestimmten Regeln zu

unterhalten.

[Anmerkung 50: +Stat. 1. W. & M. sess. I. c. 5.+; +Commons'

Journals+; +March 28. 1689.+]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Sechster Band: enthaltend Kapitel 11 und 12 · 第 2 / 9 题