Vortreffliche auftreten mag, sogleich die gesamte, so zahlreiche
Mittelmäßigkeit verbündet und verschworen ist, es nicht gelten zu
lassen, ja, wo möglich, es zu ersticken. Ihre heimliche Parole ist: _à
bas le mérite_. Aber sogar auch die, welche selbst Verdienste besitzen
und bereits den Ruhm desselben erlangt haben, werden nicht gern das
Auftreten eines neuen Ruhmes sehn, durch dessen Glanz der des ihrigen
um so viel weniger leuchtet. Daher sagt selbst Goethe:
»Hätt' ich gezaudert zu werden,
Bis man mir's Leben gegönnt,
Ich wäre noch nicht auf Erden,
Wie ihr begreifen könnt,
Wenn ihr seht, wie sie sich geberden,
Die, um etwas zu scheinen,
Mich gerne möchten verneinen.«
Während also die *Ehre*, in der Regel, gerechte Richter findet und
kein Neid sie anficht, ja sogar sie jedem zum voraus, auf Kredit,
verliehen wird, muß der *Ruhm*, dem Neid zum Trotz, erkämpft werden,
und den Lorbeer teilt ein Tribunal entschieden ungünstiger Richter
aus. Denn die Ehre können und wollen wir mit jedem teilen: der Ruhm
wird geschmälert oder erschwert, durch jeden, der ihn erlangt. -- Nun
ferner steht die Schwierigkeit der Erlangung des Ruhmes durch Werke im
umgekehrten Verhältnis der Menschenzahl, die das Publikum solcher
Werke ausmacht; aus leicht abzusehenden Gründen. Daher ist sie viel
größer bei Werken, welche Belehrung, als bei solchen, welche
Unterhaltung verheißen. Am größten ist sie bei philosophischen Werken;
weil die Belehrung, welche diese versprechen, einerseits ungewiß, und
andrerseits ohne materiellen Nutzen ist; wonach denn solche zunächst
vor einem Publiko auftreten, das aus lauter Mitbewerbern besteht. --
Aus den dargelegten Schwierigkeiten, die der Erlangung des Ruhmes
entgegenstehn, erhellt, daß, wenn die, welche ruhmwürdige Werke
vollenden, es nicht aus Liebe zu diesen selbst und eigener Freude
daran täten, sondern der Aufmunterung durch den Ruhm bedürften, die
Menschheit wenige, oder keine, unsterbliche Werke erhalten haben
würde. Ja, sogar muß, wer das Gute und Rechte hervorbringen und das
Schlechte vermeiden soll, dem Urteile der Menge und ihrer Wortführer
Trotz bieten, mithin sie verachten. Hierauf beruht die Richtigkeit der
Bemerkung, die besonders *Osorius* (_de gloria_) hervorhebt, daß der
Ruhm vor denen flieht, die ihn suchen, und denen folgt, die ihn
vernachlässigen: denn jene bequemen sich dem Geschmacke ihrer
Zeitgenossen an, diese trotzen ihm.
So schwer es demnach ist, den Ruhm zu erlangen, so leicht ist es, ihn
zu behalten. Auch hierin steht er im Gegensatz mit der Ehre. Diese
wird jedem, sogar auf Kredit, verliehen: er hat sie nur zu bewahren.
Hier aber liegt die Aufgabe: denn durch eine einzige, nichtswürdige
Handlung geht sie unwiederbringlich verloren. Der Ruhm hingegen kann
eigentlich nie verloren gehn: denn die Tat, oder das Werk, durch die
er erlangt worden, stehen für immer fest, und der Ruhm derselben
bleibt ihrem Urheber, auch wenn er keinen neuen hinzufügt. Wenn jedoch
der Ruhm wirklich verklingt, wenn er überlebt wird; so war er unecht,
d. h. unverdient, durch augenblickliche Überschätzung entstanden, wo
nicht gar so ein Ruhm wie Hegel ihn hatte und Lichtenberg ihn
beschreibt, »ausposaunt von einer freundschaftlichen Kandidatenjunta
und vom Echo leerer Köpfe widergehallt; -- -- aber die Nachwelt, wie
wird sie lächeln, wann sie dereinst an die bunten Wörtergehäuse, die
schönen Nester ausgeflogener Mode und die Wohnungen weggestorbener
Verabredungen anklopfen und alles, alles leer finden wird, auch nicht
den kleinsten Gedanken, der mit Zuversicht sagen könnte: *herein*!« --
Der Ruhm beruht eigentlich auf dem, was einer im Vergleich mit den
Übrigen ist. Demnach ist er wesentlich ein Relatives, kann daher auch
nur relativen Wert haben. Er fiele ganz weg, wenn die Übrigen würden
was der Gerühmte ist. Absoluten Wert kann nur das haben, was ihn unter
allen Umständen behält, also hier, was einer unmittelbar und für sich
selbst ist: folglich muß hierin der Wert und das Glück des großen
Herzens und des großen Kopfes liegen. Also nicht der Ruhm, sondern
das, wodurch man ihn verdient, ist das Wertvolle. Denn es ist
gleichsam die Substanz und der Ruhm nur das Akzidenz der Sache: ja
dieser wirkt auf den Gerühmten hauptsächlich als ein äußerliches
Symptom, durch welches er die Bestätigung seiner eigenen hohen Meinung
von sich selbst erhält; demnach man sagen könnte, daß, wie das Licht
gar nicht sichtbar ist, wenn es nicht von einem Körper zurückgeworfen
wird; ebenso jede Trefflichkeit erst durch den Ruhm ihrer selbst recht
gewiß wird. Allein er ist nicht einmal ein untrügliches Symptom; da es
auch Ruhm ohne Verdienst und Verdienst ohne Ruhm gibt; weshalb ein
Ausdruck Lessings so artig herauskommt: »einige Leute sind berühmt,
und andere verdienen es zu sein.« Auch wäre es eine elende Existenz,
deren Wert oder Unwert darauf beruhte, wie sie in den Augen anderer
erschiene: eine solche aber wäre das Leben des Helden und des Genies,
wenn dessen Wert im Ruhme, d. h. im Beifall anderer, bestände.
Vielmehr lebt und existiert ja jegliches Wesen seiner selbst wegen,
daher auch zunächst in sich und für sich. -- Was einer ist, in welcher
Art und Weise es auch sei, das ist er zuvörderst und hauptsächlich für
sich selbst: und wenn es hier nicht viel wert ist, so ist es überhaupt
nicht viel. Hingegen ist das Abbild seines Wesens in den Köpfen
anderer ein Sekundäres, Abgeleitetes und dem Zufall Unterworfenes,
welches nur sehr mittelbar sich auf das erstere zurückbezieht. Zudem
sind die Köpfe der Menge ein zu elender Schauplatz, als daß auf ihm
das wahre Glück seinen Ort haben könnte. Vielmehr ist daselbst nur ein
chimärisches Glück zu finden. Welche gemischte Gesellschaft trifft
doch in jenem Tempel des allgemeinen Ruhms zusammen! Feldherren,
Minister, Quacksalber, Gaukler, Tänzer, Sänger, Millionäre und Juden:
ja die Vorzüge aller dieser werden dort viel aufrichtiger geschätzt,
finden viel mehr _estime sentie_, als die geistigen, zumal der hohen
Art, die ja bei der großen Mehrzahl nur eine _estime sur parole_
erlangen. In eudämonologischer Hinsicht ist also der Ruhm nichts
weiter, als der seltenste und köstlichste Bissen für unsern Stolz und
unsere Eitelkeit. Diese aber sind in den meisten Menschen, obwohl sie
es verbergen, übermäßig vorhanden, vielleicht sogar am stärkesten in
denen, die irgendwie geeignet sind, sich Ruhm zu erwerben und daher
meistens das unsichere Bewußtsein ihres überwiegenden Wertes lange in
sich herumtragen müssen, ehe die Gelegenheit kommt, solchen zu
erproben und dann die Anerkennung desselben zu erfahren: bis dahin war
ihnen zu Mute, als erlitten sie ein heimliches Unrecht[J]. Überhaupt
aber ist ja, wie am Anfange dieses Kapitels erörtert worden, der Wert,
den der Mensch auf die Meinung anderer von ihm legt, ganz
unverhältnismäßig und unvernünftig; so daß *Hobbes* die Sache zwar
sehr stark, aber vielleicht doch richtig ausgedrückt hat in den
Worten: _omnis animi voluptas, omnisque alacritas in eo sita est, quod
quis habeat quibuscum conferens se, possit magnifice sentire de se
ipso_ (_de cive. I, 5_). Hieraus ist der hohe Wert erklärlich, den man
allgemein auf den Ruhm legt, und die Opfer, welche man bringt, in der
bloßen Hoffnung, ihn dereinst zu erlangen:
_Fame is the spur, that the clear spirit doth raise
(That last infirmity of noble minds)
To scorn delights and live laborious days._
wie auch:
_how hard it is to climb
The hights where Fame's proud temple shines afar._
[J] Da unser größtes Vergnügen darin besteht, *bewundert* zu werden,
die Bewunderer aber, selbst wo alle Ursache wäre, sich ungern dazu
herbeilassen; so ist er der Glücklichste Der, welcher, gleichviel wie,
es dahin gebracht hat, sich selbst aufrichtig zu bewundern. Nur müssen
die andern ihn nicht irre machen.
Hieraus endlich erklärt es sich auch, daß die eitelste aller Nationen
beständig _la gloire_ im Munde führt und solche unbedenklich als die
Haupttriebfeder zu großen Taten und großen Werken ansieht. -- Allein,
da unstreitig der Ruhm nur das Sekundäre ist, das bloße Echo, Abbild,
Schatten, Symptom des Verdienstes, und da jedenfalls das Bewunderte
mehr Wert haben muß als die Bewunderung, so kann das eigentlich
Beglückende nicht im Ruhme liegen, sondern in dem, wodurch man ihn
erlangt, also im Verdienste selbst, oder, genauer zu reden, in der
Gesinnung und den Fähigkeiten, aus denen es hervorging, es mag nun
moralischer oder intellektueller Art sein. Denn das Beste, was jeder
ist, muß er notwendig für sich selbst sein: was davon in den Köpfen
anderer sich abspiegelt und er in ihrer Meinung gilt, ist Nebensache
und kann nur von untergeordnetem Interesse für ihn sein. Wer demnach
nur den Ruhm *verdient*, auch ohne ihn zu erhalten, besitzt bei weitem
die Hauptsache, und was er entbehrt, ist etwas, darüber er sich mit
derselben trösten kann. Denn nicht daß einer von der urteilslosen, so
oft betörten Menge für einen großen Mann gehalten werde, sondern daß
er es sei, macht ihn beneidenswert; auch nicht, daß die Nachwelt von
ihm erfahre, sondern daß in ihm sich Gedanken erzeugen, welche
verdienen, Jahrhunderte hindurch aufbewahrt und nachgedacht zu werden,
ist ein hohes Glück. Zudem kann dieses ihm nicht entrissen werden: es
ist =tôn eph' hêmin=, jenes andere =tôn ouk eph' hêmin=. Wäre hingegen
die Bewunderung selbst die Hauptsache; so wäre das Bewunderte ihrer
nicht wert. Dies ist wirklich der Fall beim falschen, d. i.
unverdienten Ruhm. An diesem muß sein Besitzer zehren, ohne das, wovon
derselbe das Symptom, der bloße Abglanz, sein soll, wirklich zu haben.
Aber sogar dieser Ruhm selbst muß ihm oft verleidet werden, wann
bisweilen, trotz aller, aus der Eigenliebe entspringenden
Selbsttäuschung, ihm auf der Höhe, für die er nicht geeignet ist, doch
schwindelt, oder ihm zu Mute wird, als wäre er ein kupferner Dukaten;
wo dann die Angst vor Enthüllung und verdienter Demütigung ihn
ergreift, zumal wann er auf den Stirnen der Weiseren schon das Urteil
der Nachwelt liest. Er gleicht sonach dem Besitzer durch ein falsches
Testament. -- Den echtesten Ruhm, den Nachruhm, vernimmt sein
Gegenstand ja nie, und doch schätzt man ihn glücklich. Also bestand
sein Glück in den großen Eigenschaften selbst, die ihm den Ruhm
erwarben, und darin, daß er Gelegenheit fand, sie zu entwickeln, also
daß ihm vergönnt wurde, zu handeln, wie es ihm angemessen war, oder zu
treiben, was er mit Lust und Liebe trieb: denn nur die aus dieser
entsprungenen Werke erlangen Nachruhm. Sein Glück bestand also in
seinem großen Herzen, oder auch im Reichtum eines Geistes, dessen
Abdruck, in seinen Werken, die Bewunderung kommender Jahrhunderte
erhält; es bestand in den Gedanken selbst, welchen nachzudenken, die
Beschäftigung und der Genuß der edelsten Geister einer unabsehbaren
Zukunft ward. Der Wert des Nachruhms liegt also im Verdienen
desselben, und dieses ist sein eigener Lohn. Ob nun die Werke, welche
ihn erwarben, unterweilen auch den Ruhm der Zeitgenossen hatten, hing
von zufälligen Umständen ab und war nicht von großer Bedeutung. Denn
da die Menschen in der Regel ohne eigenes Urteil sind und zumal hohe
und schwierige Leistungen abzuschätzen durchaus keine Fähigkeit haben;
so folgen sie hier stets fremder Autorität, und der Ruhm, in hoher
Gattung, beruht bei 99 unter 100 Rühmern, bloß auf Treu und Glauben.
Daher kann auch der vielstimmigste Beifall der Zeitgenossen für
denkende Köpfe nur wenig Wert haben, indem sie in ihm stets nur das
Echo weniger Stimmen hören, die zudem selbst nur sind, wie der Tag sie
gebracht hat. Würde wohl ein Virtuose sich geschmeichelt fühlen durch
das laute Beifallsklatschen seines Publikums, wenn ihm bekannt wäre,
daß es, bis auf einen oder zwei, aus lauter völlig Tauben bestände,
die, um einander gegenseitig ihr Gebrechen zu verbergen, eifrig
klatschen, sobald sie die Hände jenes Einen in Bewegung sähen? Und nun
gar, wenn die Kenntnis hinzukäme, daß jene Vorklatscher sich oft
bestechen ließen, um dem elendesten Geiger den lautesten Applaus zu
verschaffen! -- Hieraus ist erklärlich, warum der Ruhm der
Zeitgenossen so selten die Metamorphose in Nachruhm erlebt; weshalb
*d'Alembert*, in seiner überaus schönen Beschreibung des Tempels des
literarischen Ruhmes, sagt: »das Innere des Tempels ist von lauter
Toten bewohnt, die während ihres Lebens nicht darin waren, und von
einigen Lebenden, welche fast alle, wann sie sterben, hinausgeworfen
werden.« Und beiläufig sei es hier bemerkt, daß einem bei Lebzeiten
ein Monument setzen die Erklärung ablegen heißt, daß hinsichtlich
seiner der Nachwelt nicht zu trauen sei. -- Wenn dennoch einer den
Ruhm, welcher zum Nachruhm werden soll, erlebt, so wird es selten
früher als im Alter geschehn: allenfalls gibt es bei Künstlern und
Dichtern Ausnahmen von dieser Regel, am wenigsten bei Philosophen.
Eine Bestätigung derselben geben die Bildnisse der durch ihre Werke
berühmten Männer, da dieselben meistens erst nach dem Eintritt ihrer
Zelebrität angefertigt wurden: in der Regel sind sie alt und grau
dargestellt, namentlich die Philosophen. Inzwischen steht,
eudämonologisch genommen, die Sache ganz recht. Ruhm und Jugend auf
einmal ist zu viel für einen Sterblichen. Unser Leben ist so arm, daß
seine Güter haushälterischer verteilt werden müssen. Die Jugend hat
vollauf genug an ihrem eigenen Reichtum und kann sich daran genügen
lassen. Aber im Alter, wann alle Genüsse und Freuden, wie die Bäume im
Winter, abgestorben sind, dann schlägt am gelegensten der Baum des
Ruhmes aus, als ein ächtes Wintergrün: auch kann man ihn den
Winterbirnen vergleichen, die im Sommer wachsen, aber im Winter
genossen werden. Im Alter gibt es keinen schönern Trost, als daß man
die ganze Kraft seiner Jugend *Werken* einverleibt hat, die nicht
*mit* altern.
Wollen wir jetzt noch etwas näher die Wege betrachten, auf welchen
man, in den Wissenschaften, als dem uns zunächst liegenden, Ruhm
erlangt; so läßt sich hier folgende Regel aufstellen. Die durch
solchen Ruhm bezeichnete intellektuelle Überlegenheit wird allemal an
den Tag gelegt durch eine neue Kombination irgendwelcher Data. Diese
nun können sehr verschiedener Art sein; jedoch wird der durch ihre
Kombination zu erlangende Ruhm um so größer und ausgebreiteter sein,
je mehr sie selbst allgemein bekannt und jedem zugänglich sind.
Bestehn z. B. die Data in einigen Zahlen oder Kurven, oder auch in
irgend einer speziellen physikalischen, zoologischen, botanischen oder
anatomischen Tatsache, oder auch in einigen verdorbenen Stellen alter
Autoren, oder in halbverlöschten Inschriften, oder in solchen, deren
Alphabet uns fehlt, oder in dunkeln Punkten der Geschichte; so wird
der durch die richtige Kombination derselben zu erlangende Ruhm sich
nicht viel weiter erstrecken, als die Kenntnis der Data selbst, also
auf eine kleine Anzahl meistens zurückgezogen lebender und auf den
Ruhm in ihrem Fache neidischer Leute. -- Sind hingegen die Data
solche, welche das ganze Menschengeschlecht kennt, sind es z. B.
wesentliche, allen gemeinsame Eigenschaften des menschlichen
Verstandes, oder Gemütes, oder Naturkräfte, deren ganze Wirkungsart
wir beständig vor Augen haben, oder der allbekannte Lauf der Natur
überhaupt; so wird der Ruhm, durch eine neue, wichtige und evidente
Kombination Licht über sie verbreitet zu haben, sich mit der Zeit fast
über die ganze zivilisirte Welt erstrecken. Denn, sind die Data jedem
zugänglich, so wird ihre Kombination es meistens auch sein. -- Dennoch
wird hiebei der Ruhm allemal nur der überwundenen Schwierigkeit
entsprechen. Denn, je allbekannter die Data sind, desto schwerer ist
es, sie auf eine neue und doch richtige Weise zu kombiniren; da schon
eine überaus große Anzahl von Köpfen sich an ihnen versucht und die
unmöglichen Kombinationen derselben erschöpft hat. Hingegen werden
Data, welche, dem großen Publiko unzugänglich, nur auf mühsamen und
schwierigen Wegen erreichbar sind, fast immer noch neue Kombinationen
zulassen: wenn man daher an solche nur mit geradem Verstande und
gesunder Urteilskraft, also einer mäßigen geistigen Überlegenheit,
kommt; so ist es leicht möglich, daß man eine neue und richtige
Kombination derselben zu machen das Glück habe. Allein der hiedurch
erworbene Ruhm wird ungefähr dieselben Grenzen haben, wie die Kenntnis
der Data. Denn zwar erfordert die Lösung von Problemen solcher Art
großes Studium und Arbeit, schon um nur die Kenntnis der Data zu
erlangen; während in jener andern Art, in welcher eben der größte und
ausgebreiteteste Ruhm zu erwerben ist, die Data unentgeltlich gegeben
sind: allein in dem Maße, wie diese letztere Art weniger Arbeit
erfordert, gehört mehr Talent ja Genie dazu, und mit diesen hält,
hinsichtlich des Wertes und der Wertschätzung, keine Arbeit oder
Studium den Vergleich aus.
Hieraus nun ergibt sich, daß die, welche einen tüchtigen Verstand und
ein richtiges Urteil in sich spüren, ohne jedoch die höchsten
Geistesgaben sich zuzutrauen, viel Studium und ermüdende Arbeit nicht
scheuen dürfen, um mittelst dieser sich aus dem großen Haufen der
Menschen, welchen die allbekannten Data vorliegen, herauszuarbeiten
und zu den entlegeneren Orten zu gelangen, welche nur dem gelehrten
Fleiße zugänglich sind. Denn hier, wo die Zahl der Mitbewerber
unendlich verringert ist, wird auch der nur einigermaßen überlegene
Kopf bald zu einer neuen und richtigen Kombination der Data
Gelegenheit finden: sogar wird das Verdienst seiner Entdeckung sich
mit auf die Schwierigkeit, zu den Datis zu gelangen, stützen. Aber der
also erworbene Applaus seiner Wissensgenossen, als welche die
alleinigen Kenner in diesem Fache sind, wird von der großen Menge der
Menschen nur von Weitem vernommen werden. -- Will man nun den hier
angedeuteten Weg bis zum Extrem verfolgen; so läßt sich der Punkt
nachweisen, wo die Data, wegen der großen Schwierigkeit ihrer
Erlangung, für sich allein und ohne daß eine Kombination derselben
erfordert wäre, den Ruhm zu begründen hinreichen. Dies leisten Reisen
in sehr entlegene und wenig besuchte Länder: man wird berühmt durch
das, was man gesehen, nicht durch das, was man gedacht hat. Dieser Weg
hat auch noch einen großen Vorteil darin, daß es viel leichter ist,
was man gesehn, als was man gedacht hat, andern mitzuteilen und es mit
dem Verständnis sich ebenso verhält: demgemäß wird man für das Erstere
auch viel mehr Leser finden als für das andere. Denn, wie schon Asmus
sagt:
»Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was erzählen.«
Diesem allen entspricht es aber auch, daß, bei der persönlichen
Bekanntschaft berühmter Leute dieser Art einem oft die Horazische
Bemerkung einfällt:
_Coelum, non animum, mutant, qui trans mare currunt._
(_Epist. I, 11, v. 27._)
Was aber nun andrerseits den mit hohen Fähigkeiten ausgestatteten Kopf
betrifft, als welcher allein sich an die Lösung der großen, das
Allgemeine und Ganze betreffenden und daher schwierigsten Probleme
wagen darf; so wird dieser zwar wohl daran tun, seinen Horizont
möglichst auszudehnen, jedoch immer gleichmäßig, nach allen Seiten,
und ohne je sich zu weit in irgend eine der besonderen und nur Wenigen
bekannten Regionen zu verlieren, d. h. ohne auf die Spezialitäten
irgend einer einzelnen Wissenschaft weit einzugehen, geschweige sich
mit den Mikrologien zu befassen. Denn er hat nicht nötig, sich an die
schwer zugänglichen Gegenstände zu machen, um dem Gedränge der
Mitbewerber zu entgehn; sondern eben das allen Vorliegende wird ihm
Stoff zu neuen, wichtigen und wahren Kombinationen geben. Dem nun aber
gemäß wird sein Verdienst von allen denen geschätzt werden können,
welchen die Data bekannt sind, also von einem großen Teile des
menschlichen Geschlechts. Hierauf gründet sich der mächtige
Unterschied zwischen dem Ruhm, den Dichter und Philosophen erlangen,
und dem, welcher Physikern, Chemikern, Anatomen, Mineralogen,
Zoologen, Philologen, Historikern usw. erreichbar ist.
Kapitel V.
Paränesen und Maximen.
Weniger noch, als irgendwo, bezwecke ich hier Vollständigkeit; da ich
sonst die vielen, von Denkern aller Zeiten aufgestellten, zum Teil
vortrefflichen Lebensregeln zu wiederholen haben würde, vom Theognis
und Pseudo-Salomo an, bis auf den Rochefoucauld herab; wobei ich dann
auch viele, schon breit getretene Gemeinplätze nicht würde vermeiden
können. Mit der Vollständigkeit fällt aber auch die systematische
Anordnung größtenteils weg. Über beide tröste man sich damit, daß sie,
in Dingen dieser Art, fast unausbleiblich die Langeweile in ihrem
Gefolge haben. Ich habe bloß gegeben, was mir eben eingefallen ist,
der Mitteilung wert schien und, so viel mir erinnerlich, noch nicht,
wenigstens nicht ganz und eben so, gesagt worden ist, also eben nur
eine Nachlese zu dem auf diesem unabsehbaren Felde bereits von andern
Geleisteten.
Um jedoch in die große Mannigfaltigkeit der hierher gehörigen
Ansichten und Ratschläge einige Ordnung zu bringen, will ich sie
einteilen in allgemeine, in solche, welche unser Verhalten gegen uns
selbst, dann gegen andere, und endlich gegen den Weltlauf und das
Schicksal betreffen.
A. Allgemeine.
1. Als die oberste Regel aller Lebensweisheit sehe ich einen Satz an,
den *Aristoteles* beiläufig ausgesprochen hat, in der Nikomachäischen
Ethik (_VII, 12_): =ho phronimos to alypon diôkei, ou to hêdy= (_quod
dolore vacat, non quod suave est, persequitur vir prudens_). Besser
noch deutsch ließe sich dieser Satz etwan so wiedergeben: »Nicht dem
Vergnügen, der Schmerzlosigkeit geht der Vernünftige nach«; oder: »Der
Vernünftige geht auf Schmerzlosigkeit, nicht auf Genuß aus.« Die
Wahrheit desselben beruht darauf, daß aller Genuß und alles Glück
negativer, hingegen der Schmerz positiver Natur ist. Die Ausführung
und Begründung dieses letzteren Satzes findet man in meinem Hauptwerke
Bd. I, § 58. Doch will ich denselben hier noch an einer täglich zu
beobachtenden Tatsache erläutern. Wenn der ganze Leib gesund und heil
ist, bis auf irgend eine kleine wunde, oder sonst schmerzende Stelle;
so tritt jene Gesundheit des Ganzen weiter nicht ins Bewußtsein,
sondern die Aufmerksamkeit ist beständig auf den Schmerz der
verletzten Stelle gerichtet und das Behagen der gesamten
Lebensempfindung ist aufgehoben. -- Ebenso, wenn alle unsere
Angelegenheiten nach unserem Sinne gehen, bis auf *eine*, die unserer
Absicht zuwider läuft, so kommt diese, auch wenn sie von geringer
Bedeutung ist, uns immer wieder in den Kopf: wir denken häufig an sie
und wenig an alle jene andern wichtigeren Dinge, die nach unserem
Sinne gehn. -- In beiden Fällen nun ist das Beeinträchtigte der Wille,
einmal, wie er sich im Organismus, das andere, wie er sich im Streben
des Menschen objektivirt, und in beiden sehen wir, daß seine
Befriedigung immer nur negativ wirkt und daher gar nicht direkt
empfunden wird, sondern höchstens auf dem Wege der Reflexion ins
Bewußtsein kommt. Hingegen ist seine Hemmung das Positive und daher
sich selbst Ankündigende. Jeder Genuß besteht bloß in der Aufhebung
dieser Hemmung, in der Befreiung davon, ist mithin von kurzer Dauer.
Hierauf nun also beruht die oben belobte Aristotelische Regel, welche
uns anweist, unser Augenmerk nicht auf die Genüsse und Annehmlichkeiten
des Lebens zu richten, sondern darauf, daß wir den zahllosen Übeln
desselben, so weit es möglich ist, entgehn. Wäre dieser Weg nicht der
richtige: so müßte auch *Voltaires* Ausspruch, _le bonheur n'est qu'un
rève, et la douleur est réelle_, so falsch sein, wie er in der Tat
wahr ist. Demnach soll auch der, welcher das Resultat seines Lebens,
in eudämonologischer Rücksicht, ziehn will, die Rechnung nicht nach
den Freuden, die er genossen, sondern nach den Übeln, denen er
entgangen ist, aufstellen. Ja, die Eudämonologie hat mit der Belehrung
anzuheben, daß ihr Name selbst ein Euphemismus ist und daß unter
»glücklich leben« nur zu verstehn ist »weniger unglücklich«, also
erträglich leben. Allerdings ist das Leben nicht eigentlich da, um
genossen, sondern um überstanden, abgetan zu werden; dies bezeichnen
auch manche Ausdrücke, wie _degere vitam, vita defungi_, das
Italienische _si scampa così_, das Deutsche »man muß suchen
durchzukommen«, »er wird schon durch die Welt kommen«, u. dgl. m. Ja,
es ist ein Trost im Alter, daß man die Arbeit des Lebens hinter sich
hat. Demnach nun hat das glücklichste Los der, welcher sein Leben ohne
übergroße Schmerzen, sowohl geistige, als körperliche, hinbringt;
nicht aber der, dem die lebhaftesten Freuden oder die größten Genüsse
zuteil geworden. Wer nach diesen letzteren das Glück eines
Lebenslaufes bemessen will, hat einen falschen Maßstab ergriffen. Denn
die Genüsse sind und bleiben negativ: daß sie beglücken, ist ein Wahn,
den der Neid, zu seiner eigenen Strafe, hegt. Die Schmerzen hingegen
werden positiv empfunden: daher ist ihre Abwesenheit der Maßstab des
Lebensglückes. Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die
Abwesenheit der Langenweile; so ist das irdische Glück im Wesentlichen
erreicht: denn das Übrige ist Chimäre. Hieraus nun folgt, daß man nie
Genüsse durch Schmerzen, ja, auch nur durch die Gefahr derselben,
erkaufen soll; weil man sonst ein Negatives und daher Chimärisches mit
einem Positiven und Realen bezahlt. Hingegen bleibt man im Gewinn,
wenn man Genüsse opfert, um Schmerzen zu entgehn. In beiden Fällen ist
es gleichgültig, ob die Schmerzen den Genüssen nachfolgen, oder
vorhergehn. Es ist wirklich die größte Verkehrtheit, diesen Schauplatz
des Jammers in einen Lustort verwandeln zu wollen und, statt der
möglichsten Schmerzlosigkeit, Genüsse und Freuden sich zum Ziele zu
stecken, wie doch so viele tun. Viel weniger irrt, wer, mit zu
finsterem Blicke, diese Welt als eine Art Hölle ansieht und demnach
nur darauf bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu
verschaffen. Der Tor läuft den Genüssen des Lebens nach und sieht sich
betrogen: der Weise vermeidet die Übel. Sollte ihm jedoch auch dieses
mißglücken; so ist es dann die Schuld des Geschicks, nicht die seiner
Torheit. So weit es ihm aber glückt, ist er nicht betrogen: denn die
Übel, denen er aus dem Wege ging, sind höchst real. Selbst wenn er
etwan ihnen zu weit aus dem Wege gegangen sein sollte und Genüsse
unnötigerweise geopfert hätte; so ist eigentlich doch nichts verloren:
denn alle Genüsse sind chimärisch, und über die Versäumnis derselben
zu trauern wäre kleinlich, ja lächerlich.
Das Verkennen dieser Wahrheit, durch den Optimismus begünstigt, ist
die Quelle vielen Unglücks. Während wir nämlich von Leiden frei sind,
spiegeln unruhige Wünsche uns die Chimären eines Glückes vor, das gar
nicht existirt, und verleiten uns sie zu verfolgen: dadurch bringen
wir den Schmerz, der unleugbar real ist, auf uns herab. Dann jammern
wir über den verlorenen schmerzlosen Zustand, der, wie ein
verscherztes Paradies, hinter uns liegt, und wünschen vergeblich, das
Geschehene ungeschehen machen zu können. So scheint es, als ob ein
böser Dämon uns aus dem schmerzlosen Zustande, der das höchste
wirkliche Glück ist, stets herauslockte, durch die Gaukelbilder der
Wünsche. -- Unbesehens glaubt der Jüngling, die Welt sei da, um
genossen zu werden, sie sei der Wohnsitz eines positiven Glückes,
welches nur die verfehlen, denen es an Geschick gebricht, sich seiner
zu bemeistern. Hierin bestärken ihn Romane und Gedichte, wie auch die
Gleißnerei, welche die Welt, durchgängig und überall, mit dem äußern
Scheine treibt und auf die ich bald zurückkommen werde. Von nun an ist
sein Leben eine, mit mehr oder weniger Überlegung angestellte Jagd
nach dem positiven Glück, welches, als solches, aus positiven Genüssen
bestehn soll. Die Gefahren, denen man sich dabei aussetzt, müssen in
die Schanze geschlagen werden. Da führt denn diese Jagd nach einem
Wilde, welches gar nicht existiert, in der Regel, zu sehr realem,
positivem Unglück. Dies stellt sich ein als Schmerz, Leiden,
Krankheit, Verlust, Sorge, Armut, Schande und tausend Nöte. Die
Enttäuschung kommt zu spät. -- Ist hingegen, durch Befolgung der hier
in Betracht genommenen Regel, der Plan des Lebens auf Vermeidung der
Leiden, also auf Entfernung des Mangels, der Krankheit und jeder Not,
gerichtet; so ist das Ziel ein reales: da läßt sich etwas ausrichten,
und um so mehr, je weniger dieser Plan gestört wird durch das Streben
nach der Chimäre des positiven Glücks. Hiezu stimmt auch, was
*Goethe*, in den Wahlverwandtschaften, den für das Glück der andern
stets tätigen *Mittler* sagen läßt: »Wer ein Übel los sein will, der
weiß immer was er will: wer was besseres will, als er hat, der ist
ganz staarblind.« Und dieses erinnert an den schönen französischen
Ausspruch: _le mieux est l'ennemi du bien_. Ja, hieraus ist sogar der
Grundgedanke des Zynismus abzuleiten, wie ich ihn dargelegt habe, in
meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 16. Denn, was bewog die Zyniker zur
Verwerfung aller Genüsse, wenn es nicht eben der Gedanke an die mit
ihnen, näher oder ferner, verknüpften Schmerzen war, welchen aus dem
Wege zu gehn ihnen viel wichtiger schien, als die Erlangung jener. Sie
waren tief ergriffen von der Erkenntnis der Negativität des Genusses
und der Positivität des Schmerzes; daher sie, konsequent, alles taten
für die Vermeidung der Übel, hierzu aber die völlige und absichtliche
Verwerfung der Genüsse nötig erachteten; weil sie in diesen nur
Fallstricke sahen, die uns dem Schmerze überliefern.
In Arkadien geboren, wie Schiller sagt, sind wir freilich alle: d. h.
wir treten in die Welt, voll Ansprüche auf Glück und Genuß, und hegen
die törichte Hoffnung, solche durchzusetzen. In der Regel jedoch kommt
bald das Schicksal, packt uns unsanft an und belehrt uns, daß nichts
*unser* ist, sondern alles *sein*, indem es ein unbestrittenes Recht
hat, nicht nur auf allen unsern Besitz und Erwerb und auf Weib und
Kind, sondern sogar auf Arm und Bein, Auge und Ohr, ja, auf die Nase
mitten im Gesicht. Jedenfalls aber kommt, nach einiger Zeit die
Erfahrung und bringt die Einsicht, daß Glück und Genuß eine Fata
Morgana sind, welche, nur aus der Ferne sichtbar, verschwindet, wenn
man herangekommen ist; daß hingegen Leiden und Schmerz Realität haben,
sich selbst unmittelbar vertreten und keiner Illusion noch Erwartung
bedürfen. Fruchtet nun die Lehre; so hören wir auf, nach Glück und
Genuß zu jagen, und sind vielmehr darauf bedacht, dem Schmerz und
Leiden möglichst den Zugang zu versperren. Wir erkennen alsdann, daß
das Beste, was die Welt zu bieten hat, eine schmerzlose, ruhige,
erträgliche Existenz ist, und beschränken unsere Ansprüche auf diese,
um sie desto sicherer durchzusetzen. Denn, um nicht sehr unglücklich
zu werden, ist das sicherste Mittel, daß man nicht verlange, sehr
glücklich zu sein. Dies hatte auch Goethes Jugendfreund *Merck*
erkannt, da er schrieb: »die garstige Prätension an Glückseligkeit,
und zwar an das Maß, das wir uns träumen, verdirbt alles auf dieser
Welt. Wer sich davon losmachen kann und nichts begehrt, als was er vor
sich hat, kann sich durchschlagen« (Briefe an und von Merck, S. 100).
Demnach ist es geraten, seine Ansprüche auf Genuß, Besitz, Rang, Ehre
usw. auf ein ganz Mäßiges herabzusetzen; weil gerade das Streben und
Ringen nach Glück, Glanz und Genuß es ist, was die großen
Unglücksfälle herbeizieht. Aber schon darum ist jenes weise und
ratsam, weil sehr unglücklich zu sein gar leicht ist; sehr glücklich
hingegen nicht etwan schwer, sondern ganz unmöglich. Mit großem Rechte
also singt der Dichter der Lebensweisheit:
_Auream quisquis mediocritatem
Diligit, tutus caret obsoleti
Sordibus tecti, caret invidenda
Sobrius aula._
_Saevius ventis agitatur ingens
Pinus: et scelsae graviore casu
Decidunt turres: feriuntque summos
Fulgura montes._
Wer aber vollends die Lehre meiner Philosophie in sich aufgenommen hat
und daher weiß, daß unser ganzes Dasein etwas ist, das besser nicht
wäre und welches zu verneinen und abzuweisen die größte Weisheit ist,
der wird auch von keinem Dinge oder Zustand große Erwartungen hegen,
nach nichts auf der Welt mit Leidenschaft streben, noch große Klagen
erheben über sein Verfehlen irgend einer Sache; sondern er wird von
Platos »=oute ti tôn anthrôpinôn axion megalês spoudês=« (_rep. X,
604_) durchdrungen sein, sowie auch hievon:
Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen,
Sei nicht in Leid darüber, es ist nichts;
Und hast du einer Welt Besitz genommen,
Sei nicht erfreut darüber, es ist nichts.
Vorüber gehn die Schmerzen und die Wonnen,
Geh' an der Welt vorüber, es ist nichts.
*Anwari Soheili.*
(Siehe das Motto zu Sadis Gulistan, übers. von Graf.)
Was jedoch die Erlangung dieser heilsamen Einsichten besonders
erschwert, ist die schon oben erwähnte Gleißnerei der Welt, welche man
daher der Jugend früh aufdecken sollte. Die allermeisten
Herrlichkeiten sind bloßer Schein, wie die Theaterdekoration, und das
Wesen der Sache fehlt. Z. B. bewimpelte und bekränzte Schiffe,
Kanonenschüsse, Illumination, Pauken und Trompeten, Jauchzen und
Schreien usw., dies alles ist das Aushängeschild, die Andeutung, die
Hieroglyphe der *Freude*: aber die Freude ist daselbst meistens nicht
zu finden: sie allein hat beim Feste abgesagt. Wo sie sich wirklich
einfindet, da kommt sie, in der Regel, ungeladen und ungemeldet, von
selbst und _sans façon_, ja, still herangeschlichen, oft bei den
unbedeutendesten, futilsten Anlässen, unter den alltäglichsten
Umständen, ja, bei nichts weniger als glänzenden oder ruhmvollen
Gelegenheiten: sie ist, wie das Gold in Australien, hierhin und
dorthin gestreuet, nach der Laune des Zufalls, ohne alle Regel und
Gesetz, meist nur in ganz kleinen Körnchen, höchst selten in großen
Massen. Bei allen jenen oben erwähnten Dingen hingegen ist auch der
Zweck bloß, andere glauben zu machen, hier wäre die Freude eingekehrt:
dieser Schein, im Kopfe anderer, ist die Absicht. Nicht anders als mit
der Freude verhält es sich mit der Trauer. Wie schwermütig kommt jener
lange und langsame Leichenzug daher! der Reihe der Kutschen ist kein
Ende. Aber seht nur hinein: sie sind alle leer, und der Verblichene
wird eigentlich bloß von sämtlichen Kutschern der ganzen Stadt zu
Grabe geleitet. Sprechendes Bild der Freundschaft und Hochachtung
dieser Welt! Dies also ist die Falschheit, Hohlheit und Gleißnerei des
menschlichen Treibens. -- Ein anderes Beispiel wieder geben viele
geladene Gäste in Feierkleidern, unter festlichem Empfange; sie sind
das Aushängeschild der edelen, erhöhten Geselligkeit: aber statt ihrer
ist in der Regel nur Zwang, Pein und Langeweile gekommen: denn schon
wo viel Gäste sind, ist viel Pack, -- und hätten sie auch sämtlich
Sterne auf der Brust. Die wirklich gute Gesellschaft nämlich ist,
überall und notwendig, sehr klein. Überhaupt aber tragen glänzende,
rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen
Mißton im Innern; schon weil sie dem Elend und der Dürftigkeit unsers
Daseins laut widersprechen, und der Kontrast erhöht die Wahrheit.
Jedoch von außen gesehn wirkt jenes alles: und das war der Zweck. Ganz
allerliebst sagt daher *Chamfort*: _la société, les cercles, les
salons, ce qu'on appelle le monde, est une pièce misérable, un mauvais
opéra, sans intérêt, qui se soutient un peu par les machines, les
costumes, et les décorations_. -- Desgleichen sind nun auch Akademien
und philosophische Katheder das Aushängeschild, der äußere Schein der
*Weisheit*: aber auch sie hat meistens abgesagt und ist ganz wo anders
zu finden. -- Glockengebimmel, Priesterkostüme, fromme Gebärden und
fratzenhaftes Tun ist das Aushängeschild, der falsche Schein der
Andacht, usw. -- So ist denn fast alles in der Welt hohle Nüsse zu
nennen: der Kern ist an sich selten, und noch seltener steckt er in
der Schale. Er ist ganz wo anders zu suchen und wird meistens nur
zufällig gefunden.
2. Wenn man den Zustand eines Menschen, seiner Glücklichkeit nach,
abschätzen will, soll man nicht fragen nach dem, was ihn vergnügt,
sondern nach dem, was ihn betrübt: denn, je geringfügiger dieses, an
sich selbst genommen, ist, desto glücklicher ist der Mensch; weil ein
Zustand des Wohlbefindens dazu gehört, um gegen Kleinigkeiten
empfindlich zu sein: im Unglück spüren wir sie gar nicht.
3. Man hüte sich, das Glück seines Lebens mittelst vieler
Erfordernisse zu demselben, auf ein *breites Fundament* zu bauen: denn
auf einem solchen stehend stürzt es am leichtesten ein, weil es viel
mehr Unfällen Gelegenheit darbietet und diese nicht ausbleiben. Das
Gebäude unsers Glückes verhält sich also, in dieser Hinsicht,
umgekehrt wie alle anderen, als welche auf breitem Fundament am
festesten stehn. Seine Ansprüche, im Verhältniß zu seinen Mitteln
jeder Art, möglichst niedrig zu stellen, ist demnach der sicherste Weg
großem Unglück zu entgehn.
Überhaupt ist es eine der größten und häufigsten Torheiten, daß man
*weitläuftige Anstalten* zum Leben macht, in welcher Art auch immer
das geschehe. Bei solchen nämlich ist zuvörderst auf ein ganzes und
volles Menschenleben gerechnet; welches jedoch sehr Wenige erreichen.
Sodann fällt es, selbst wenn sie so lange leben, doch für die
gemachten Pläne zu kurz aus; da deren Ausführung immer sehr viel mehr
Zeit erfordert, als angenommen war: ferner sind solche, wie alle
menschlichen Dinge, dem Mißlingen, den Hindernissen so vielfach
ausgesetzt, daß sie sehr selten zum Ziele gebracht werden. Endlich,
wenn zuletzt auch alles erreicht wird, so waren die Umwandlungen,
welche die Zeit an *uns selbst* hervorbringt, außer Acht und Rechnung
gelassen; also nicht bedacht worden, daß weder zum Leisten noch zum
Genießen unsere Fähigkeiten das ganze Leben hindurch vorhalten. Daher
kommt es, daß wir oft auf Dinge hinarbeiten, welche, wenn endlich
erlangt, uns nicht mehr angemessen sind; wie auch, daß wir mit den
Vorarbeiten zu einem Werke die Jahre hinbringen, welche derweilen
unvermerkt uns die Kräfte zur Ausführung desselben rauben. So
geschieht es denn oft, daß der mit so langer Mühe und vieler Gefahr
erworbene Reichtum uns nicht mehr genießbar ist und wir für andere
gearbeitet haben; oder auch, daß wir den durch vieljähriges Treiben
und Trachten endlich erreichten Posten auszufüllen nicht mehr im
Stande sind: die Dinge sind zu spät für uns gekommen. Oder auch
umgekehrt, wir kommen zu spät mit den Dingen; da nämlich, wo es sich
um Leistungen, oder Produktionen handelt: der Geschmack der Zeit hat
sich geändert; ein neues Geschlecht ist herangewachsen, welches an den
Sachen keinen Anteil nimmt; andere sind, auf kürzeren Wegen, uns
zuvorgekommen usw. Alles unter dieser Nummer Angeführte hat Horaz im
Sinne, wenn er sagt:
_quid aeternis minorem
Consiliis animum fatigas?_
Der Anlaß zu diesem häufigen Mißgriff ist die unvermeidliche optische
Täuschung des geistigen Auges, vermöge welcher das Leben, vom Eingange
aus gesehn, endlos, aber wenn man vom Ende der Bahn zurückblickt, sehr
kurz erscheint. Freilich hat sie ihr Gutes: denn ohne sie käme
schwerlich etwas Großes zustande.
Überhaupt aber ergeht es uns im Leben wie dem Wanderer, vor welchem,
indem er vorwärts schreitet, die Gegenstände andere Gestalten annehmen,
als die sie von ferne zeigten, und sich gleichsam verwandeln, indem er
sich nähert. Besonders geht es mit unseren Wünschen so. Oft finden wir
etwas ganz anderes, ja, Besseres, als wir suchten; oft auch das Gesuchte
selbst auf einem ganz anderen Wege, als den wir zuerst vergeblich danach
eingeschlagen hatten. Zumal wird uns oft da, wo wir Genuß, Glück, Freude
suchten, statt ihrer Belehrung, Einsicht, Erkenntnis, -- ein bleibendes,
wahrhaftes Gut, statt eines vergänglichen und scheinbaren. Dies ist auch
der Gedanke, welcher im Wilhelm Meister als Grundbaß durchgeht, indem
dieser ein intellektueller Roman und eben dadurch höherer Art ist, als
alle übrigen, sogar die von Walter Scott, als welche sämtlich nur
ethisch sind, d. h. die menschliche Natur bloß von der Willens-Seite
auffassen. Ebenfalls in der Zauberflöte, dieser grotesken, aber
bedeutsamen und vieldeutigen Hieroglyphe, ist jener selbe Grundgedanke,
in großen und groben Zügen, wie die der Theaterdekorationen sind,
symbolisirt; sogar würde er es vollkommen sein, wenn, am Schlusse, der
Tamino, vom Wunsche, die Tamina zu besitzen, zurückgebracht, statt
ihrer, allein die Weihe im Tempel der Weisheit verlangte und erhielte;
hingegen seinem notwendigen Gegensatze, dem Papageno, richtig seine
Papagena würde. -- Vorzügliche und edle Menschen werden jener Erziehung
des Schicksals bald inne und fügen sich bildsam und dankbar in dieselbe:
sie sehn ein, daß in der Welt wohl Belehrung, aber nicht Glück zu finden
sei, werden es sonach gewohnt und zufrieden, Hoffnungen gegen Einsichten
zu vertauschen, und sagen endlich mit Petrarka:
_Altro diletto, che 'mparar, non provo._
Es kann damit sogar dahin kommen, daß sie ihren Wünschen und
Bestrebungen gewissermaßen nur noch zum Schein und tändelnd nachgehn,
eigentlich aber und im Ernst ihres Innern, bloß Belehrung erwarten;
welches ihnen alsdann einen beschaulichen, genialen, erhabenen
Anstrich gibt. -- Man kann in diesem Sinne auch sagen, es gehe uns wie
den Alchemisten, welche, indem sie nur Gold suchten, Schießpulver,
Porzellan, Arzeneien, ja Naturgesetze entdeckten.
B. Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend.
4. Wie der Arbeiter, welcher ein Gebäude aufführen hilft, den Plan des
ganzen entweder nicht kennt, oder doch nicht immer gegenwärtig hat; so
verhält der Mensch, indem er die einzelnen Tage und Stunden seines
Lebens abspinnt, sich zum Ganzen seines Lebenslaufes und des
Charakters desselben. Je würdiger, bedeutender, planvoller und
individueller dieser ist; desto mehr ist es nötig und wohltätig, daß
der verkleinerte Grundriß desselben, der Plan, ihm bisweilen vor die
Augen komme. Freilich gehört auch dazu, daß er einen kleinen Anfang in
dem =gnôthi sauton= gemacht habe, also wisse, was er eigentlich,
hauptsächlich und vor allem andern will, was also für sein Glück das
Wesentlichste ist, sodann was die zweite und dritte Stelle nach diesem
einnimmt; wie auch, daß er erkenne, welches, im ganzen, sein Beruf,
seine Rolle und sein Verhältnis zur Welt sei. Ist nun dieses
bedeutender und grandioser Art; so wird der Anblick des Planes seines
Lebens, im verjüngten Maßstabe, ihn, mehr als irgend etwas, stärken,
aufrichten, erheben, zur Tätigkeit ermuntern und von Abwegen
zurückhalten.
Wie der Wanderer erst, wenn er auf einer Höhe angekommen ist, den
zurückgelegten Weg, mit allen seinen Wendungen und Krümmungen, im
Zusammenhange überblickt und erkennt; so erkennen wir erst am Ende
einer Periode unsers Lebens, oder gar des ganzen, den wahren
Zusammenhang unserer Taten, Leistungen und Werke, die genaue
Konsequenz und Verkettung, ja, auch den Wert derselben. Denn, solange
wir darin begriffen sind, handeln wir nur immer nach den feststehenden
Eigenschaften unsers Charakters, unter dem Einfluß der Motive, und
nach dem Maße unserer Fähigkeiten, also durchweg mit Notwendigkeit,
indem wir in jedem Augenblicke bloß tun, was uns jetzt eben das Rechte
und Angemessene dünkt. Erst der Erfolg zeigt, was dabei
herausgekommen, und der Rückblick auf den ganzen Zusammenhang das Wie
und Wodurch. Daher eben auch sind wir, während wir die größten Taten
vollbringen, oder unsterbliche Werke schaffen, uns derselben nicht als
solcher bewußt, sondern bloß als des unsern gegenwärtigen Zwecken
Angemessenen, unsern dermaligen Absichten Entsprechenden, also jetzt
gerade Rechten: aber erst aus dem Ganzen in seinem Zusammenhang
leuchtet nachher unser Charakter und unsere Fähigkeiten hervor: und im
einzelnen sehn wir dann, wie wir, als wäre es durch Inspiration
geschehn, den einzig richtigen Weg, unter tausend Abwegen,
eingeschlagen haben, -- von unserm Genius geleitet. Dies alles gilt
vom Theoretischen wie vom Praktischen, und im umgekehrten Sinne vom
Schlechten und Verfehlten.
5. Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit besteht in dem richtigen
Verhältnis, in welchem wir unsere Aufmerksamkeit teils der Gegenwart,
teils der Zukunft widmen, damit nicht die eine uns die andere
verderbe. Viele leben zu sehr in der Gegenwart: die Leichtsinnigen; --
andere zu sehr in der Zukunft: die Ängstlichen und Besorglichen.
Selten wird einer genau das rechte Maß halten. Die, welche, mittelst
Streben und Hoffen, nur in der Zukunft leben, immer vorwärts sehn und
mit Ungeduld den kommenden Dingen entgegeneilen, als welche allererst
das wahre Glück bringen sollen, inzwischen aber die Gegenwart
unbeachtet und ungenossen vorbeiziehn lassen, sind, trotz ihren
altklugen Mienen, jenen Eseln in Italien zu vergleichen, deren Schritt
dadurch beschleunigt wird, daß an einem, ihrem Kopf angehefteten Stock
ein Bündel Heu hängt, welches sie daher stets dicht vor sich sehen und
zu erreichen hoffen. Denn sie betrügen sich selbst um ihr ganzes
Dasein, indem sie stets nur _ad interim_ leben, -- bis sie tot sind.
-- Statt also mit den Plänen und Sorgen für die Zukunft ausschließlich
und immerdar beschäftigt zu sein, oder aber uns der Sehnsucht nach der
Vergangenheit hinzugeben, sollten wir nie vergessen, daß die Gegenwart
allein real und allein gewiß ist; hingegen die Zukunft fast immer
anders ausfällt, als wir sie denken; ja, auch die Vergangenheit anders
war; und zwar so, daß es mit beiden, im ganzen, weniger auf sich hat,
als es uns scheint. Denn die Ferne, welche dem Auge die Gegenstände
verkleinert, vergrößert sie dem Gedanken. Die Gegenwart allein ist
wahr und wirklich: sie ist die real erfüllte Zeit, und ausschließlich
in ihr liegt unser Dasein. Daher sollten wir sie stets einer heitern
Aufnahme würdigen, folglich jede erträgliche und von unmittelbaren
Widerwärtigkeiten oder Schmerzen freie Stunde mit Bewußtsein als
solche genießen, d. h. sie nicht trüben durch verdrießliche Gesichter
über verfehlte Hoffnungen in der Vergangenheit, oder Besorgnisse für
die Zukunft. Denn es ist durchaus töricht, eine gute gegenwärtige
Stunde von sich zu stoßen oder sie sich mutwillig zu verderben, aus
Verdruß über das Vergangene, oder Besorgnis wegen des Kommenden. Der
Sorge, ja, selbst der Reue sei ihre bestimmte Zeit gewidmet: danach
aber soll man über das Geschehene denken:
=Alla ta men protetychthai easomen achnymenoi per,
Thymon eni stêthessi philon damasantes anankê=,
und über das Künftige:
=Êtoi tauta theôn en gounasi keitai=,
hingegen über die Gegenwart: _singulas dies singulas vitas puta_
(_Sen._) und diese allein reale Zeit sich so angenehm wie möglich
machen.
Uns zu beunruhigen sind bloß solche künftige Übel berechtigt, welche
gewiß sind und deren Eintrittszeit ebenfalls gewiß ist. Dies werden
aber sehr wenige sein: denn die Übel sind entweder bloß möglich,
allenfalls wahrscheinlich; oder sie sind zwar gewiß; allein ihre
Eintrittszeit ist völlig ungewiß. Läßt man nun auf die beiden Arten
sich ein, so hat man keinen ruhigen Augenblick mehr. Um also nicht der
Ruhe unsers Lebens durch ungewisse oder unbestimmte Übel verlustig zu
werden, müssen wir uns gewöhnen, jene anzusehn, als kämen sie nie;
diese, als kämen sie gewiß nicht sobald.
Je mehr nun aber einem die Furcht Ruhe läßt, desto mehr beunruhigen
ihn die Wünsche, die Begierden und Ansprüche. *Goethes* so beliebtes
Lied, »ich hab' mein' Sach' auf nichts gestellt,« besagt eigentlich,
daß erst nachdem der Mensch aus allen möglichen Ansprüchen
herausgetrieben und auf das nackte, kahle Dasein zurückgewiesen ist,
er derjenigen Geistesruhe teilhaft wird, welche die Grundlage des
menschlichen Glückes ausmacht, indem sie nötig ist, um die Gegenwart
und somit das ganze Leben genießbar zu finden. Zu eben diesem Zwecke
sollten wir stets eingedenk sein, daß der heutige Tag nur einmal kommt
und nimmer wieder. Aber wir wähnen, er komme morgen wieder: morgen ist
jedoch ein anderer Tag, der auch nur einmal kommt. Wir aber vergessen,
daß jeder Tag ein integrirender und daher unersetzlicher Teil des
Lebens ist, und betrachten ihn vielmehr als unter demselben so
enthalten, wie die Individuen unter dem Gemeinbegriff. -- Ebenfalls
würden wir die Gegenwart besser würdigen und genießen, wenn wir, in
guten und gesunden Tagen, uns stets bewußt wären, wie, in Krankheiten
oder Betrübnissen, die Erinnerung uns jede schmerz- und
entbehrungslose Stunde als unendlich beneidenswert, als ein verlorenes
Paradies, als einen verkannten Freund vorhält. Aber wir verleben unsre
schönen Tage, ohne sie zu bemerken: erst wann die schlimmen kommen,
wünschen wir jene zurück. Tausend heitere, angenehme Stunden lassen
wir, mit verdrießlichem Gesicht, ungenossen an uns vorüberziehn, um
nachher, zur trüben Zeit, mit vergeblicher Sehnsucht ihnen
nachzuseufzen. Statt dessen sollten wir jede erträgliche Gegenwart,
auch die alltägliche, welche wir jetzt so gleichgültig vorüberziehn
lassen, und wohl gar noch ungeduldig nachschieben, -- in Ehren halten,
stets eingedenk, daß sie eben jetzt hinüberwallt in jene Apotheose der
Vergangenheit, woselbst sie fortan, vom Lichte der Unvergänglichkeit
umstrahlt, vom Gedächtnisse aufbewahrt wird, um, wann dieses einst,
besonders zur schlimmen Stunde, den Vorhang lüftet, als ein Gegenstand
unsrer innigen Sehnsucht sich darzustellen.
6. *Alle Beschränkung beglückt.* Je enger unser Gesichts-, Wirkungs-
und Berührungskreis, desto glücklicher sind wir: je weiter, desto
öfter fühlen wir uns gequält, oder geängstigt. Denn mit ihm vermehren
und vergrößern sich die Sorgen, Wünsche und Schrecknisse. Darum sind
sogar Blinde nicht so unglücklich, wie es uns _a priori_ scheinen muß;
dies bezeugt die sanfte, fast heitere Ruhe in ihren Gesichtszügen.
Auch beruht es zum Teil auf dieser Regel, daß die zweite Hälfte des
Lebens trauriger ausfällt als die erste. Denn im Laufe des Lebens wird
der Horizont unserer Zwecke und Beziehungen immer weiter. In der
Kindheit ist er auf die nächste Umgebung und die engsten Verhältnisse
beschränkt; im Jünglingsalter reicht er schon bedeutend weiter; im
Mannesalter umfaßt er unsern ganzen Lebenslauf, ja, erstreckt sich oft
auf die entferntesten Verhältnisse, auf Staaten und Völker; im
Greisenalter umfaßt er die Nachkommen. -- Jede Beschränkung hingegen,
sogar die geistige, ist unserm Glücke förderlich. Denn je weniger
Erregung des Willens, desto weniger Leiden: und wir wissen, daß das
Leiden das Positive, das Glück bloß negativ ist. Beschränktheit des
Wirkungskreises benimmt dem Willen die äußeren Veranlassungen zur
Erregung; Beschränktheit des Geistes die innern. Nur hat letztere den
Nachteil, daß sie der Langenweile die Tür öffnet, welche mittelbar die
Quelle unzähliger Leiden wird, indem man, um nur sie zu bannen, nach
allem greift, also Zerstreuung, Gesellschaft, Luxus, Spiel, Trunk usw.
versucht, welche jedoch Schaden, Ruin und Unglück jeder Art
herbeiziehen. _Difficilis in otio quies._ Wie sehr hingegen die
*äußere* Beschränkung dem menschlichen Glücke, so weit es gehen kann,
förderlich, ja, notwendig sei, ist daran ersichtlich, daß die einzige
Dichtungsart, welche glückliche Menschen zu schildern unternimmt, das
Idyll, sie stets und wesentlich in höchst beschränkter Lage und
Umgebung darstellt. Das Gefühl der Sache liegt auch unserem
Wohlgefallen an den sogenannten Genre-Bildern zum Grunde. -- Demgemäß
wird die möglichste *Einfachheit* unserer Verhältnisse und sogar die
*Einförmigkeit* der Lebensweise, so lange sie nicht Langeweile
erzeugt, beglücken; weil sie das Leben selbst, folglich auch die ihm
wesentliche Last, am wenigsten spüren läßt: es fließt dahin, wie ein
Bach, ohne Wellen und Strudel.
7. In Hinsicht auf unser Wohl und Wehe kommt es in letzter Instanz
darauf an, womit das Bewußtsein erfüllt und beschäftigt sei. Hier wird
nun im ganzen jede rein intellektuelle Beschäftigung dem ihrer fähigen
Geiste viel mehr leisten als das wirkliche Leben mit seinem
beständigen Wechsel des Gelingens und Mißlingens, nebst seinen
Erschütterungen und Plagen. Nur sind dazu freilich schon überwiegende
geistige Anlagen erfordert. Sodann ist hiebei zu bemerken, daß, wie
das nach außen tätige Leben uns von den Studien zerstreut und ablenkt,
auch dem Geiste die dazu erforderliche Ruhe und Sammlung benimmt;
ebenso andrerseits die anhaltende Geistesbeschäftigung zum Treiben und
Tummeln des wirklichen Lebens, mehr oder weniger, untüchtig macht:
daher ist es ratsam, dieselbe auf eine Weile ganz einzustellen, wann
Umstände eintreten, die irgendwie eine energische praktische Tätigkeit
erfordern.
8. Um mit vollkommener *Besonnenheit* zu leben und aus der eigenen
Erfahrung alle Belehrung, die sie enthält, herauszuziehn, ist
erfordert, daß man oft zurückdenke und was man erlebt, getan, erfahren
und dabei empfunden hat, rekapitulire, auch sein ehemaliges Urteil mit
seinem gegenwärtigen, seinen Vorsatz und Streben mit dem Erfolg und
der Befriedigung durch denselben vergleiche. Dies ist die Repetition
des Privatissimums, welches jedem die Erfahrung ließ. Auch läßt die
eigene Erfahrung sich ansehn als der Text; Nachdenken und Kenntnisse
als der Kommentar dazu. Viel Nachdenken und Kenntnisse, bei wenig
Erfahrung, gleicht den Ausgaben, deren Seiten zwei Zeilen Text und
vierzig Zeilen Kommentar darbieten. Viel Erfahrung, bei wenig
Nachdenken und geringen Kenntnissen, gleicht den bipontinischen
Ausgaben, ohne Noten, welche Vieles unverstanden lassen.
Auf die hier gegebene Anempfehlung zielt auch die Regel des
Pythagoras, daß man abends, vor dem Einschlafen, durchmustern solle,
was man den Tag über getan hat. Wer im Getümmel der Geschäfte oder
Vergnügungen dahinlebt, ohne je seine Vergangenheit zu ruminiren,
vielmehr nur immerfort sein Leben abhaspelt, dem geht die klare
Besonnenheit verloren: sein Gemüt wird ein Chaos, und eine gewisse
Verworrenheit kommt in seine Gedanken, von welcher alsbald das
Abrupte, Fragmentarische, gleichsam Kleingehackte seiner Konversation
zeugt. Dies ist um so mehr der Fall, je größer die äußere Unruhe, die
Menge der Eindrücke, und je geringer die innere Tätigkeit seines
Geistes ist.
Hieher gehört die Bemerkung, daß, nach längerer Zeit und nachdem die
Verhältnisse und Umgebungen, welche auf uns einwirkten,
vorübergegangen sind, wir nicht vermögen, unsere damals durch sie
erregte Stimmung und Empfindung uns zurückzurufen und zu erneuern:
wohl aber können wir unserer eigenen, damals von ihnen hervorgerufenen
*Äußerungen* uns erinnern. Diese nun sind das Resultat, der Ausdruck
und der Maßstab jener. Daher sollte das Gedächtnis, oder das Papier,
dergleichen, aus denkwürdigen Zeitpunkten, sorgfältig aufbewahren.
Hiezu sind Tagebücher sehr nützlich.
9. Sich selber genügen, sich selber alles in allem sein, und sagen
können _omnia mea mecum porto_, ist gewiß für unser Glück die
förderlichste Eigenschaft: daher der Ausspruch des *Aristoteles* =hê
eudaimonia tôn autarkôn esti= (_felicitas sibi sufficientium est. Eth.
Eud. 7, 2_) nicht zu oft wiederholt werden kann. (Auch ist es im
wesentlichen derselbe Gedanke, den, in einer überaus artigen Wendung,
die Sentenz Chamforts ausdrückt, welche ich dieser Abhandlung als
Motto vorgesetzt habe.) Denn teils darf man, mit einiger Sicherheit,
auf niemand zählen, als auf sich selbst, und teils sind die
Beschwerden und Nachteile, die Gefahr und der Verdruß, welche die
Gesellschaft mit sich führt, unzählig und unausweichbar.
Kein verkehrterer Weg zum Glück, als das Leben in der großen Welt, in
Saus und Braus (_high life_): denn es bezweckt, unser elendes Dasein
in eine Sukzession von Freude, Genuß, Vergnügen zu verwandeln, wobei
die Enttäuschung nicht ausbleiben kann; so wenig, wie bei der
obligaten Begleitung dazu, dem gegenseitigen einander Belügen[K].
[K] Wie unser Leib in die Gewänder, so ist unser Geist in Lügen
verhüllt. Unser Reden, Tun, unser ganzes Wesen ist lügenhaft: und erst
durch diese Hülle hindurch kann man bisweilen unsere wahre Gesinnung
erraten, wie durch die Gewänder hindurch die Gestalt des Leibes.
Zunächst erfordert jede Gesellschaft notwendig eine gegenseitige
Akkommodation und Temperatur: daher wird sie, je größer, desto fader.
Ganz *er selbst sein* darf jeder nur so lange er allein ist: wer also
nicht die Einsamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn
nur wann man allein ist, ist man frei. Zwang ist der unzertrennliche
Gefährte jeder Gesellschaft, und jede fordert Opfer, die um so
schwerer fallen, je bedeutender die eigene Individualität ist.
Demgemäß wird jeder in genauer Proportion zum Werte seines eigenen
Selbst die Einsamkeit fliehen, ertragen oder lieben. Denn in ihr fühlt
der Jämmerliche seine ganze Jämmerlichkeit, der große Geist seine
ganze Größe, kurz, jeder sich als was er ist. Ferner, je höher einer
auf der Rangliste der Natur steht, desto einsamer steht er, und zwar
wesentlich und unvermeidlich. Dann aber ist es eine Wohltat für ihn,
wenn die physische Einsamkeit der geistigen entspricht: widrigenfalls
dringt die häufige Umgebung heterogener Wesen störend, ja, feindlich
auf ihn ein, raubt ihm sein Selbst und hat nichts als Ersatz dafür zu
geben. Sodann, während die Natur zwischen Menschen die weiteste
Verschiedenheit, im Moralischen und Intellektuellen, gesetzt hat,
stellt die Gesellschaft, diese für nichts achtend, sie alle gleich,
oder vielmehr sie setzt an ihre Stelle die künstlichen Unterschiede
und Stufen des Standes und Ranges, welche der Rangliste der Natur sehr
oft diametral entgegen laufen. Bei dieser Anordnung stehen sich die,
welche die Natur niedrig gestellt hat, sehr gut; die wenigen aber,
welche sie hoch stellte, kommen dabei zu kurz; daher diese sich der
Gesellschaft zu entziehn pflegen und in jeder, sobald sie zahlreich
ist, das Gemeine vorherrscht. Was den großen Geistern die Gesellschaft
verleidet, ist die Gleichheit der Rechte, folglich der Ansprüche, bei
der Ungleichheit der Fähigkeiten, folglich der (gesellschaftlichen)
Leistungen, der andern. Die sogenannte gute Sozietät läßt Vorzüge
aller Art gelten, nur nicht die geistigen, diese sind sogar
Kontrebande. Sie verpflichtet uns, gegen jede Torheit, Narrheit,
Verkehrtheit, Stumpfheit, grenzenlose Geduld zu beweisen; persönliche
Vorzüge hingegen sollen sich Verzeihung erbetteln oder sich verbergen;
denn die geistige Überlegenheit verletzt durch ihre bloße Existenz,
ohne alles Zutun des Willens. Demnach hat die Gesellschaft, welche man
die gute nennt, nicht nur den Nachteil, daß sie uns Menschen
darbietet, die wir nicht loben und lieben können, sondern sie läßt
auch nicht zu, daß wir selbst seien, wie es unsrer Natur angemessen
ist; vielmehr nötigt sie uns, des Einklanges mit den anderen wegen,
einzuschrumpfen, oder gar uns selbst zu verunstalten. Geistreiche
Reden oder Einfälle gehören nur vor geistreiche Gesellschaft: in der
gewöhnlichen sind sie geradezu verhaßt; denn um in dieser zu gefallen,
ist durchaus notwendig, daß man platt und bornirt sei. In solcher
Gesellschaft müssen wir daher, mit schwerer Selbstverleugnung,
dreiviertel unserer selbst aufgeben, um uns den andern zu
verähnlichen. Dafür haben wir dann freilich die andern: aber je mehr
eigenen Wert einer hat, desto mehr wird er finden, daß hier der Gewinn
den Verlust nicht deckt und das Geschäft zu seinem Nachteil
ausschlägt; weil die Leute, in der Regel, insolvent sind, d. h. in
ihrem Umgang nichts haben, das für die Langweiligkeit, die Beschwerden
und Unannehmlichkeiten desselben und für die Selbstverleugnung, die er
auflegt, schadlos hielte: demnach ist die allermeiste Gesellschaft so
beschaffen, daß, wer sie gegen die Einsamkeit vertauscht, einen guten
Handel macht. Dazu kommt noch, daß die Gesellschaft, um die echte, d.
i. die geistige Überlegenheit, welche sie nicht verträgt und die auch
schwer zu finden ist, zu ersetzen, eine falsche, konventionelle, auf
willkürlichen Satzungen beruhende und traditionell unter den höheren
Ständen sich fortpflanzende, auch, wie die Parole, veränderliche
Überlegenheit beliebig angenommen hat: diese ist, was der gute Ton,
_bon ton_, _fashionableness_ genannt wird. Wann sie jedoch einmal mit
der echten in Kollision gerät, zeigt sich ihre Schwäche. -- Zudem,
_quand le bon ton arrive, le bons sens se retire_.
Überhaupt aber kann jeder *im vollkommensten Einklange* nur mit sich
selbst stehn; nicht mit seinem Freunde, nicht mit seiner Geliebten:
denn die Unterschiede der Individualität und Stimmung führen allemal
eine, wenn auch geringe, Dissonanz herbei. Daher ist der wahre, tiefe
Friede des Herzens und die vollkommene Gemütsruhe, dieses, nächst der
Gesundheit höchste irdische Gut, allein in der Einsamkeit zu finden
und als dauernde Stimmung nur in der tiefsten Zurückgezogenheit. Ist
dann das eigene Selbst groß und reich; so genießt man den
glücklichsten Zustand, der auf dieser armen Erde gefunden werden mag.
Ja, es sei heraus gesagt: so eng auch Freundschaft, Liebe und Ehe
Menschen verbinden; *ganz ehrlich* meint jeder es am Ende doch nur mit
sich selbst und höchstens noch mit seinem Kinde. -- Je weniger einer,
infolge objektiver oder subjektiver Bedingungen, nötig hat, mit den
Menschen in Berührung zu kommen, desto besser ist er daran. Die
Einsamkeit und Öde läßt alle ihre Übel auf einmal, wenn auch nicht
empfinden, doch übersehn: hingegen die Gesellschaft ist *insidiös*:
sie verbirgt hinter dem Scheine der Kurzweil, der Mitteilung, des
geselligen Genusses usf. große, oft unheilbare Übel. Ein Hauptstudium
der Jugend sollte sein, *die Einsamkeit ertragen zu lernen*; weil sie
eine Quelle des Glückes, der Gemütsruhe ist. -- Aus diesem allen nun
folgt, daß der am besten daran ist, der nur auf sich selbst gerechnet
hat und sich selber alles in allem sein kann; sogar sagt Cicero: _Nemo
potest non beatissimus esse, qui est totus aptus ex sese, quique in se
uno ponit omnia._ (_Paradox. II._) Zudem, je mehr einer an sich selber
hat, desto weniger können andere ihm sein. Ein gewisses Gefühl von
Allgenugsamkeit ist es, welches die Leute von innerm Wert und Reichtum
abhält, der Gemeinschaft mit andern die bedeutenden Opfer, welche sie
verlangt, zu bringen, geschweige dieselbe, mit merklicher
Selbstverleugnung, zu suchen. Das Gegenteil hievon macht die
gewöhnlichen Leute so gesellig und akkommodant: es wird ihnen nämlich
leichter, andere zu ertragen, als sich selbst. Noch kommt hinzu, daß,
was wirklichen Wert hat in der Welt, nicht geachtet wird, und, was
geachtet wird, keinen Wert hat. Hievon ist die Zurückgezogenheit jedes
Würdigen und Ausgezeichneten der Beweis und die Folge. Diesem allen
nach wird es in dem, der etwas Rechtes an sich selber hat, echte
Lebensweisheit sein, wenn er, erforderlichen Falls seine Bedürfnisse
einschränkt, um nur seine Freiheit zu wahren oder zu erweitern, und
demnach mit seiner Person, da sie unvermeidliche Verhältnisse zur
Menschenwelt hat, so kurz wie möglich sich abfindet.
Was nun andrerseits die Menschen gesellig macht, ist ihre Unfähigkeit,
die Einsamkeit, und in dieser sich selbst, zu ertragen. Innere Leere
und Überdruß sind es, von denen sie sowohl in die Gesellschaft, wie in
die Fremde und auf Reisen getrieben werden. Ihrem Geiste mangelt es an
Federkraft, sich eigene Bewegung zu erteilen: daher suchen sie
Erhöhung derselben durch Wein und werden viele auf diesem Wege zu
Trunkenbolden. Eben daher bedürfen sie der steten Erregung von außen
und zwar der stärkesten, d. i. der durch Wesen ihresgleichen. Ohne
diese sinkt ihr Geist, unter seiner eigenen Schwere, zusammen und
verfällt in eine drückende Lethargie[L]. Imgleichen ließe sich sagen,
daß jeder von ihnen nur ein kleiner Bruch der Idee der Menschheit sei,
daher er vieler Ergänzung durch andere bedarf, damit einigermaßen ein
volles menschliches Bewußtsein herauskomme: hingegen wer ein ganzer
Mensch ist, ein Mensch *par excellence*, der stellt eine Einheit und
keinen Bruch dar, hat daher an sich selbst genug. Man kann, in diesem
Sinne, die gewöhnliche Gesellschaft jener russischen Hornmusik
vergleichen, bei der jedes Horn nur einen Ton hat und bloß durch das
pünktliche Zusammentreffen aller eine Musik herauskommt. Denn monoton,
wie ein solches eintöniges Horn, ist der Sinn und Geist der
allermeisten Menschen: sehn doch viele von ihnen schon aus, als hätten
sie immerfort nur einen und denselben Gedanken, unfähig irgend einen
andern zu denken. Hieraus also erklärt sich nicht nur, warum sie so
langweilig, sondern auch warum sie so gesellig sind und am liebsten
herdenweise einhergehn: _the gregariousness of mankind_. Die Monotonie
seines eigenen Wesens ist es, die jedem von ihnen unerträglich wird:
-- _omnis stultitia laborat fastidio sui_: -- nur zusammen und durch
die Vereinigung sind sie irgend etwas; -- wie jene Hornbläser. Dagegen
ist der geistvolle Mensch einem Virtuosen zu vergleichen, der sein
Konzert *allein* ausführt; oder auch dem Klavier. Wie nämlich dieses,
für sich allein, ein kleines Orchester, so ist er eine kleine Welt,
und was jene alle erst durch das Zusammenwirken sind, stellt er dar in
der Einheit Eines Bewußtseins. Wie das Klavier, ist er kein Teil der
Symphonie, sondern für das Solo und die Einheit geeignet: soll er mit
ihnen zusammenwirken; so kann er es nur sein als Prinzipalstimme mit
Begleitung, wie das Klavier; oder zum Tonangeben, bei Vokalmusik, wie
das Klavier. -- Wer inzwischen Gesellschaft liebt, kann sich aus
diesem Gleichnis die Regel abstrahiren, daß was den Personen seines
Umgangs an Qualität abgeht, durch die Quantität einigermaßen ersetzt
werden muß. An einem einzigen geistvollen Menschen kann er Umgang
genug haben: ist aber nichts als die gewöhnliche Sorte zu finden, so
ist es gut, von dieser recht viele zu haben, damit durch die
Mannigfaltigkeit und das Zusammenwirken etwas herauskomme, -- nach
Analogie der besagten Hornmusik: -- und der Himmel schenke ihm dazu
Geduld.
[L] Bekanntlich werden Übel dadurch erleichtert, daß man sie
gemeinschaftlich erträgt: zu diesen scheinen die Leute die Langeweile
zu zählen; daher sie sich zusammensetzen, um sich gemeinschaftlich zu
langweilen. Wie die Liebe zum Leben im Grunde nur Furcht vor dem Tode
ist, so ist auch der *Geselligkeitstrieb* der Menschen im Grunde kein
direkter, beruht nämlich nicht auf Liebe zur Gesellschaft, sondern auf
Furcht vor der *Einsamkeit*, indem es nicht sowohl die holdselige
Gegenwart der andern ist, die gesucht, als vielmehr die Öde und
Beklommenheit des Alleinseins, nebst der Monotonie des eigenen
Bewußtseins, die geflohen wird; welcher zu entgehn man daher auch mit
schlechter Gesellschaft vorlieb nimmt, imgleichen das Lästige und den
Zwang, den eine jede notwendig mit sich bringt, sich gefallen läßt. --
Hat hingegen der Widerwille gegen dieses alles gesiegt und ist,
infolge davon, die Gewohnheit der Einsamkeit und die Abhärtung gegen
ihren unmittelbaren Eindruck eingetreten, so daß sie die oben
bezeichneten Wirkungen nicht mehr hervorbringt; dann kann man mit
größter Behaglichkeit immerfort allein sein, ohne sich nach
Gesellschaft zu sehnen; eben weil das Bedürfnis derselben kein
direktes ist und man andrerseits sich jetzt an die wohltätigen
Eigenschaften der Einsamkeit gewöhnt hat.
Jener innern Leere aber und Dürftigkeit der Menschen ist auch dieses
zuzuschreiben, daß, wenn einmal, irgendeinen edelen, idealen Zweck
beabsichtigend, Menschen besserer Art zu einem Verein zusammentreten,
alsdann der Ausgang fast immer dieser ist, daß aus jenem _plebs_ der
Menschheit, welcher, in zahlloser Menge, wie Ungeziefer, überall alles
erfüllt und bedeckt, und stets bereit ist, jedes, ohne Unterschied, zu
ergreifen, um damit seiner Langenweile, wie unter anderen Umständen
seinem Mangel, zu Hilfe zu kommen, -- auch dort einige sich
einschleichen, oder eindrängen und dann bald entweder die ganze Sache
zerstören, oder sie so verändern, daß sie ziemlich das Gegenteil der
ersten Absicht wird.
Übrigens kann man die Geselligkeit auch betrachten als ein geistiges
Erwärmen der Menschen an einander, gleich jenem körperlichen, welches
sie, bei großer Kälte, durch Zusammendrängen hervorbringen. Allein wer
selbst viel geistige Wärme hat, bedarf solcher Gruppirung nicht. Eine
in diesem Sinne von mir erdachte Fabel wird man im 2. Bande dieses
Werkes finden, im letzten Kapitel. Diesem allen zufolge steht die
Geselligkeit eines jeden ungefähr im umgekehrten Verhältnisse seines
intellektuellen Wertes; und »er ist sehr ungesellig« sagt beinahe
schon »er ist ein Mann von großen Eigenschaften.«
Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich die
Einsamkeit einen zwiefachen Vorteil: erstlich den, mit sich selber zu
sein, und zweitens den, nicht mit andern zu sein. Diesen letzteren
wird man hoch anschlagen, wenn man bedenkt, wie viel Zwang, Beschwerde
und selbst Gefahr jeder Umgang mit sich bringt. _Tout notre mal vient
de ne pouvoir être seul_, sagt *Labruyère*. *Geselligkeit* gehört zu
den gefährlichen, ja, verderblichen Neigungen, da sie uns in Kontakt
bringt mit Wesen, deren große Mehrzahl moralisch schlecht und
intellektuell stumpf oder verkehrt ist. Der Ungesellige ist einer, der
ihrer nicht bedarf. An sich selber so viel zu haben, daß man der
Gesellschaft nicht bedarf, ist schon deshalb ein großes Glück, weil
fast alle unsere Leiden aus der Gesellschaft entspringen, und die
Geistesruhe, welche, nächst der Gesundheit, das wesentlichste Element
unseres Glückes ausmacht, durch jede Gesellschaft gefährdet wird und
daher ohne ein bedeutendes Maß von Einsamkeit nicht bestehen kann. Um
des Glückes der Geistesruhe teilhaft zu werden, entsagen die Kyniker
jedem Besitz: wer in gleicher Absicht der Gesellschaft entsagt, hat
das weiseste Mittel erwählt. Denn so treffend, wie schön, ist was
*Bernardin de St. Pierre* sagt: _la diète des alimens nous rend la
santé du corps, et celle des hommes la tranquillité de l'âme_. Sonach
hat, wer sich zeitig mit der Einsamkeit befreundet, ja, sie lieb
gewinnt, eine Goldmine erworben. Aber keineswegs vermag dies jeder.
Denn, wie ursprünglich die Not, so treibt, nach Beseitigung dieser,
die Langeweile die Menschen zusammen. Ohne beide bliebe wohl jeder
allein; schon weil nur in der Einsamkeit die Umgebung der
ausschließlichen Wichtigkeit, ja, Einzigkeit entspricht, die jeder in
seinen eigenen Augen hat, und welche vom Weltgedränge zu nichts
verkleinert wird; als wo sie, bei jedem Schritt, ein schmerzliches
_démenti_ erhält. In diesem Sinne ist die Einsamkeit sogar der
natürliche Zustand eines jeden: sie setzt ihn wieder ein, als ersten
Adam, in das ursprüngliche, seiner Natur angemessene Glück.
Aber hatte doch auch Adam weder Vater, noch Mutter! Daher wieder ist,
in einem andern Sinne, die Einsamkeit dem Menschen nicht natürlich;
sofern nämlich er, bei seinem Eintritt in die Welt, sich nicht allein,
sondern zwischen Eltern und Geschwistern, also in Gemeinschaft,
gefunden hat. Demzufolge kann die Liebe zur Einsamkeit nicht als
ursprünglicher Hang dasein, sondern erst infolge der Erfahrung und des
Nachdenkens entstehn; und dies wird statthaben, nach Maßgabe der
Entwickelung eigener geistiger Kraft, zugleich aber auch mit der
Zunahme der Lebensjahre; wonach denn, im ganzen genommen, der
Geselligkeitstrieb eines jeden im umgekehrten Verhältnisse seines
Alters stehn wird. Das kleine Kind erhebt ein Angst- und
Jammergeschrei, sobald es nur einige Minuten allein gelassen wird. Dem
Knaben ist das Alleinsein eine große Pönitenz. Jünglinge gesellen sich
leicht zueinander: nur die edleren und hochgesinnten unter ihnen
suchen schon bisweilen die Einsamkeit: jedoch einen ganzen Tag allein
zuzubringen wird ihnen noch schwer. Dem Manne hingegen ist dies
leicht: er kann schon viel allein sein, und desto mehr, je älter er
wird. Der Greis, welcher aus verschwundenen Generationen allein übrig
geblieben und dazu den Lebensgenüssen teils entwachsen, teils
abgestorben ist, findet an der Einsamkeit sein eigentliches Element.
Immer aber wird hiebei, in den einzelnen, die Zunahme der Neigung zur
Absonderung und Einsamkeit nach Maßgabe ihres intellektuellen Wertes
erfolgen. Denn dieselbe ist, wie gesagt, keine rein natürliche, direkt
durch die Bedürfnisse hervorgerufene, vielmehr bloß eine Wirkung
gemachter Erfahrung und der Reflexion über solche, namentlich der
erlangten Einsicht in die moralisch und intellektuell elende
Beschaffenheit der allermeisten Menschen, bei welcher das schlimmste
ist, daß, im Individuo, die moralischen und die intellektuellen
Unvollkommenheiten desselben konspiriren und sich gegenseitig in die
Hände arbeiten, woraus dann allerlei höchst widerwärtige Phänomene
hervorgehn, welche den Umgang der meisten Menschen ungenießbar, ja,
unerträglich machen. So kommt es denn, daß, obwohl in dieser Welt gar
vieles recht schlecht ist, doch das Schlechteste darin die
Gesellschaft bleibt; so daß selbst *Voltaire*, der gesellige Franzose,
hat sagen müssen: _la terre est couverte de gens qui ne méritent pas
qu'on leur parle_. Den selben Grund gibt auch der die Einsamkeit so
stark und beharrlich liebende, sanftmütige *Petrarka* für diese
Neigung an:
_Cercato ho sempre solitaria vita
(Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi),
*Per fuggir quest' ingegni storti e loschi*,
Che la strada del ciel' hanno smarita._
In gleichem Sinne führt er die Sache aus, in seinem schönen Buche _de
vita solitaria_, welches *Zimmermanns* Vorbild zu seinem berühmten
Werke über die Einsamkeit gewesen zu sein scheint. Eben diesen bloß
sekundären und mittelbaren Ursprung der Ungeselligkeit drückt, in
seiner sarkastischen Weise, *Chamfort* aus, wenn er sagt: _on dit
quelquefois d'un homme qui vit seul, il n'aime pas la société. C'est
souvent comme si on disait d'un homme, qu'il n'aime pas la promenade,
sous le prétexte qu'il ne se promène pas volontiers le soir dans la
forêt de Bondy[M]._ Aber auch der sanfte und christliche Angelus
Silesius sagt, in seiner Weise und mythischen Sprache, ganz das Selbe:
»Herodes ist ein Feind; der Joseph der Verstand,
Dem macht Gott die Gefahr im Traum (im Geist) bekannt.
Die Welt ist Bethlehem, Ägypten *Einsamkeit*:
Fleuch, meine Seele! Fleuch, sonst stirbest du vor Leid.«
[M] Im selben Sinne sagt *Sadi*, im Gulistan (S. die Übers. v. Graf
_p. 65_): »Seit dieser Zeit haben wir von der Gesellschaft Abschied
genommen und uns den Weg der Absonderung vorgenommen: denn die
*Sicherheit ist in der Einsamkeit*.«
In gleichem Sinne läßt sich Jordanus Brunus vernehmen: _tanti uomini,
che in terra hanno voluto gustare vita celeste, dissero con una voce:
»ecce elongavi fugiens, et mansi in solitudine«_. In gleichem Sinne
berichtet *Sadi*, der Perser, im Gulistan, von sich selbst: »meiner
Freunde in Damaskus überdrüssig zog ich mich in die Wüste bei
Jerusalem zurück, die Gesellschaft der Tiere aufzusuchen.« Kurz, in
gleichem Sinne haben alle geredet, die Prometheus aus besserem Thone
geformt hatte. Welchen Genuß kann ihnen der Umgang mit Wesen gewähren,
zu denen sie nur vermittelst des Niedrigsten und Unedelsten in ihrer
eigenen Natur, nämlich des Alltäglichen, Trivialen und Gemeinen darin,
irgend Beziehungen haben, die eine Gemeinschaft begründen, und denen,
weil sie nicht zu ihrem Niveau sich erheben können, nichts übrig
bleibt, als sie zu dem ihrigen herabzuziehn, was demnach ihr Trachten
wird? Sonach ist es ein aristokratisches Gefühl, welches den Hang zur
Absonderung und Einsamkeit nährt. Alle Lumpe sind gesellig, zum
Erbarmen: daß hingegen ein Mensch edlerer Art sei, zeigt sich zunächst
daran, daß er kein Wohlgefallen an den übrigen hat, sondern mehr und
mehr die Einsamkeit ihrer Gesellschaft vorzieht und dann allmälig, mit
den Jahren, zu der Einsicht gelangt, daß es, seltene Ausnahmen
abgerechnet, in der Welt nur die Wahl gibt zwischen Einsamkeit und
Gemeinheit. Sogar auch dieses, so hart es klingt, hat selbst Angelus
Silesius, seiner christlichen Milde und Liebe ungeachtet, nicht
ungesagt lassen können:
»Die Einsamkeit ist not: doch sei nur nicht gemein:
So kannst du überall in einer Wüste sein.«
Was nun aber gar die großen Geister betrifft, so ist es wohl natürlich,
daß diese eigentlichen Erzieher des ganzen Menschengeschlechtes zu
häufiger Gemeinschaft mit den übrigen so wenig Neigung fühlen, als den
Pädagogen anwandelt, sich in das Spiel der ihn umlärmenden Kinderherde
zu mischen. Denn sie, die auf die Welt gekommen sind, um sie auf dem
Meer ihrer Irrtümer der Wahrheit zuzulenken und aus dem finstern Abgrund
ihrer Roheit und Gemeinheit nach oben, dem Lichte zu, der Bildung und
Veredlung entgegen zu ziehn, -- sie müssen zwar unter ihnen leben, ohne
jedoch eigentlich zu ihnen zu gehören, fühlen sich daher, von Jugend
auf, als merklich von den andern verschiedene Wesen, kommen aber erst
allmälig, mit den Jahren, zur deutlichen Erkenntnis der Sache, wonach
sie dann Sorge tragen, daß zu ihrer geistigen Entfernung von den andern
auch die physische komme, und keiner ihnen nahe rücken darf, er sei denn
schon selbst ein mehr oder weniger Eximirter von der allgemeinen
Gemeinheit.
Aus diesem allen ergibt sich also, daß die Liebe zur Einsamkeit nicht
direkt und als ursprünglicher Trieb auftritt, sondern sich indirekt,
vorzüglich bei edleren Geistern und erst nach und nach entwickelt,
nicht ohne Überwindung des natürlichen Geselligkeitstriebes, ja, unter
gelegentlicher Opposition mephistophelischer Einflüsterung:
»Hör' auf, mit deinem Gram zu spielen,
Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt:
Die schlechteste Gesellschaft läßt dich fühlen,
Daß du ein Mensch mit Menschen bist.«
Einsamkeit ist das Los aller hervorragenden Geister: sie werden solche
bisweilen beseufzen; aber stets sie als das kleinere von zwei Übeln
erwählen. Mit zunehmendem Alter wird jedoch das _sapere aude_ in
diesem Stücke immer leichter und natürlicher, und in den sechziger
Jahren ist der Trieb zur Einsamkeit ein wirklich naturgemäßer, ja
instinktartiger. Denn jetzt vereinigt sich alles, ihn zu befördern.
Der stärkste Zug zur Geselligkeit, Weiberliebe und Geschlechtstrieb,
wirkt nicht mehr; ja, die Geschlechtslosigkeit des Alters legt den
Grund zu einer gewissen Selbstgenugsamkeit, die allmählich den
Geselligkeitstrieb überhaupt absorbirt. Von tausend Täuschungen und
Torheiten ist man zurückgekommen; das aktive Leben ist meistens
abgetan, man hat nichts mehr zu erwarten, hat keine Pläne und
Absichten mehr; die Generation, der man eigentlich angehört, lebt
nicht mehr; von einem fremden Geschlecht umgeben, steht man schon
objektiv und wesentlich allein. Dabei hat der Flug der Zeit sich
beschleunigt, und geistig möchte man sie noch benutzen. Denn, wenn nur
der Kopf seine Kraft behalten hat; so machen jetzt die vielen
erlangten Kenntnisse und Erfahrungen, die allmälig vollendete
Durcharbeitung aller Gedanken und die große Übungsfertigkeit aller
Kräfte das Studium jeder Art interessanter und leichter als jemals.
Man sieht klar in tausend Dingen, die früher noch wie im Nebel lagen:
man gelangt zu Resultaten und fühlt seine ganze Überlegenheit. Infolge
langer Erfahrung hat man aufgehört, von den Menschen viel zu erwarten;
da sie, im ganzen genommen, nicht zu den Leuten gehören, welche bei
näherer Bekanntschaft gewinnen: vielmehr weiß man, daß, von seltenen
Glücksfällen abgesehn, man nichts antreffen wird, als sehr defekte
Exemplare der menschlichen Natur, welche es besser ist, unberührt zu
lassen. Man ist daher den gewöhnlichen Täuschungen nicht mehr
ausgesetzt, merkt jedem bald an, was er ist, und wird selten den
Wunsch fühlen, nähere Verbindung mit ihm einzugehn. Endlich ist auch,
zumal wenn man an der Einsamkeit eine Jugendfreundin erkennt, die
Gewohnheit der Isolation und des Umgangs mit sich selbst hinzugekommen
und zur zweiten Natur geworden. Demnach ist jetzt die Liebe zur
Einsamkeit, welche früher dem Geselligkeitstriebe erst abgerungen
werden mußte, eine ganz natürliche und einfache: man ist in der
Einsamkeit, wie der Fisch im Wasser. Daher fühlt jede vorzügliche,
folglich den übrigen unähnliche, mithin allein stehende Individualität
sich, durch diese ihr wesentliche Isolation, zwar in der Jugend
gedrückt, aber im Alter erleichtert.
Denn freilich wird dieses wirklichen Vorzuges des Alters jeder immer
nur nach Maßgabe seiner intellektuellen Kräfte teilhaft, also der
eminente Kopf vor allen; jedoch in geringerem Grade wohl jeder. Nur
höchst dürftige und gemeine Naturen werden im Alter noch so gesellig
sein wie ehedem: sie sind der Gesellschaft, zu der sie nicht mehr
passen, beschwerlich, und bringen es höchstens dahin, tolerirt zu
werden; während sie ehemals gesucht wurden.
An dem dargelegten, entgegengesetzten Verhältnisse zwischen der Zahl
unsrer Lebensjahre und dem Grade unsrer Geselligkeit läßt sich auch
noch eine teleologische Seite herausfinden. Je jünger der Mensch ist,
desto mehr hat er noch, in jeder Beziehung, zu lernen: nun hat ihn die
Natur auf den wechselseitigen Unterricht verwiesen, welchen jeder im
Umgange mit seinesgleichen empfängt und in Hinsicht auf welchen die
menschliche Gesellschaft eine große Bell-Lancastersche Erziehungsanstalt
genannt werden kann; da Bücher und Schulen künstliche, weil vom Plane
der Natur abliegende Anstalten sind. Sehr zweckmäßig also besucht er
die natürliche Unterrichtsanstalt desto fleißiger, je jünger er ist.
_Nihil est ab omni parte beatum_ sagt Horaz, und »Kein Lotus ohne
Stengel« lautet ein indisches Sprichwort: so hat denn auch die
Einsamkeit, neben so vielen Vorteilen, ihre kleinen Nachteile und
Beschwerden, die jedoch, im Vergleich mit denen der Gesellschaft,
gering sind; daher wer etwas Rechtes an sich selber hat, es immer
leichter finden wird, ohne die Menschen auszukommen, als mit ihnen. --
Unter jenen Nachteilen ist übrigens einer, der nicht so leicht, wie
die übrigen, zum Bewußtsein gebracht wird, nämlich dieser: wie durch
anhaltend fortgesetztes Zuhausebleiben unser Leib so empfindlich gegen
äußere Einflüsse wird, daß jedes kühle Lüftchen ihn krankhaft
affizirt; so wird, durch anhaltende Zurückgezogenheit und Einsamkeit,
unser Gemüt so empfindlich, daß wir durch die unbedeutendesten
Vorfälle, Worte, wohl gar durch bloße Mienen, uns beunruhigt, oder
gekränkt, oder verletzt fühlen; während der, welcher stets im Getümmel
bleibt, dergleichen gar nicht beachtet.
Wer nun aber, zumal in jüngern Jahren, so oft ihn auch schon gerechtes
Mißfallen an den Menschen in die Einsamkeit zurückgescheucht hat, doch
die Öde derselben, auf die Länge, zu ertragen nicht vermag, dem rate
ich, daß er sich gewöhne, einen Teil seiner Einsamkeit in die
Gesellschaft mitzunehmen, also daß er lerne, auch in der Gesellschaft,
in gewissem Grade, allein zu sein, demnach, was er denkt, nicht sofort
den andern mitzuteilen, und andrerseits mit dem, was sie sagen, es
nicht genau zu nehmen, vielmehr, moralisch wie intellektuell, nicht
viel davon zu erwarten und daher, hinsichtlich ihrer Meinungen,
diejenige Gleichgültigkeit in sich zu befestigen, die das sicherste
Mittel ist, um stets eine lobenswerte Toleranz zu üben. Er wird
alsdann, obwohl mitten unter ihnen, doch nicht so ganz in ihrer
Gesellschaft sein, sondern hinsichtlich ihrer sich mehr rein objektiv
verhalten: Dies wird ihn vor zu genauer Berührung mit der
Gesellschaft, und dadurch vor jeder Besudelung, oder gar Verletzung,
schützen. Sogar eine lesenswerte dramatische Schilderung dieser
restringirten, oder verschanzten Geselligkeit besitzen wir am
Lustspiel »_el Café o sea la comedia nueva_« von *Moratin*, und zwar
im Charakter des D. Pedro daselbst, zumal in der zweiten und dritten
Szene des ersten Akts. In diesem Sinne kann man auch die Gesellschaft
einem Feuer vergleichen, an welchem der Kluge sich in gehöriger
Entfernung wärmt, nicht aber hineingreift, wie der Tor, der dann,
nachdem er sich verbrannt hat, in die Kälte der Einsamkeit flieht und
jammert, daß das Feuer brennt.
10. *Neid* ist dem Menschen natürlich: dennoch ist er ein Laster und
Unglück zugleich[N]. Wir sollen daher ihn als den Feind unsers Glückes
betrachten und als einen bösen Dämon zu ersticken suchen. Hiezu leitet
uns *Seneka* an, mit den schönen Worten: _nostra nos sine comparatione
delectent: nunquam erit felix quem torquebit felicior_ (_de ira III,
30_), und wiederum: _quum adspexeris quot te antecedant, cogita quot
sequantur_ (_ep. 15_): also wir sollen öfter die betrachten, welche
schlimmer daran sind, als wir, denn die, welche besser daran zu sein
scheinen. Sogar wird, bei eingetretenen, wirklichen Übeln, uns den
wirksamsten, wiewohl aus derselben Quelle mit dem Neide fließenden
Trost die Betrachtung größerer Leiden, als die unsrigen sind,
gewähren, und nächstdem der Umgang mit solchen, die mit uns im selben
Falle sich befinden, mit den _sociis malorum_.
[N] Der *Neid* der Menschen zeigt an, wie unglücklich sie sich fühlen;
ihre beständige *Aufmerksamkeit* auf fremdes Tun und Lassen, wie sehr
sie sich langweilen.
Soviel von der aktiven Seite des Neides. Von der passiven ist zu
erwägen, daß kein Haß so unversöhnlich ist, wie der Neid; daher wir
nicht unablässig und eifrig bemüht sein sollten, ihn zu erregen;
vielmehr besser täten, diesen Genuß, wie manchen andern, der
gefährlichen Folgen wegen, uns zu versagen. -- Es gibt *drei
Aristokratien*: 1. die der Geburt und des Ranges, 2. die
Geldaristokratie, 3. die geistige Aristokratie. Letztere ist
eigentlich die vornehmste, wird auch dafür anerkannt, wenn man ihr nur
Zeit läßt: hat doch schon Friedrich der Große gesagt: _les âmes
privilégiées rangent à l'égal des souverains_, und zwar zu seinem
Hofmarschall, der Anstoß daran nahm, daß, während Minister und
Generäle an der Marschallstafel aßen, Voltaire an einer Tafel Platz
nehmen sollte, an welcher bloß regierende Herren und ihre Prinzen
saßen. -- Jede dieser Aristokratien ist umgeben von einem Heer ihrer
Neider, welche gegen jeden ihrer Angehörigen heimlich erbittert und,
wenn sie ihn nicht zu fürchten haben, bemüht sind, ihm auf
mannigfaltige Weise zu verstehn zu geben, »du bist nichts mehr, als
wir!« Aber gerade diese Bemühungen verraten ihre Überzeugung vom
Gegenteil. Das vom Beneideten dagegen anzuwendende Verfahren besteht
im Fernhalten aller dieser Schar Angehörigen und im möglichsten
Vermeiden jeder Berührung mit ihnen, so daß sie durch eine weite Kluft
abgetrennt bleiben; wo aber dies nicht angeht, im höchst gelassenen
Ertragen ihrer Bemühungen, deren Quelle sie ja neutralisirt: -- auch
sehn wir dasselbe durchgängig angewandt. Hingegen werden die der einen
Aristokratie Angehörigen sich mit denen einer der beiden andern
meistens gut und ohne Neid vertragen; weil jeder seinen Vorzug gegen
den der andern in die Wage legt.
11. Man überlege ein Vorhaben reiflich und wiederholt, ehe man
dasselbe ins Werk setzt, und selbst nachdem man alles auf das
gründlichste durchdacht hat, räume man noch der Unzulänglichkeit aller
menschlichen Erkenntnis etwas ein, infolge welcher es immer noch
Umstände geben kann, die zu erforschen oder vorherzusehn unmöglich
ist, und welche die ganze Berechnung unrichtig machen könnten. Dieses
Bedenken wird stets ein Gewicht auf die negative Schale legen und uns
anraten, in wichtigen Dingen, ohne Not, nichts zu rühren: _quieta non
movere_. Ist man aber einmal zum Entschluß gekommen und hat Hand ans
Werk gelegt, so daß jetzt alles seinen Verlauf zu nehmen hat und nur
noch der Ausgang abzuwarten steht; dann ängstige man sich nicht durch
stets erneuerte Überlegung des bereits Vollzogenen und durch
wiederholtes Bedenken der möglichen Gefahr; vielmehr entschlage man
der Sache sich jetzt gänzlich, halte das ganze Gedankenfach derselben
verschlossen, sich mit der Überzeugung beruhigend, daß man alles zu
seiner Zeit reiflich erwogen habe. Diesen Rat erteilt auch das
italiänische Sprichwort _legala bene, e poi lascia la andare_, welches
Goethe übersetzt »du, sattle gut und reite getrost«; -- wie denn,
beiläufig gesagt, ein großer Teil seiner unter der Rubrik
»Sprichwörtlich« gegebenen Gnomen übersetzte italiänische Sprichwörter
sind. -- Kommt dennoch ein schlimmer Ausgang; so ist es, weil alle
menschlichen Angelegenheiten dem Zufall und dem Irrtum unterliegen.
Daß *Sokrates*, der Weiseste der Menschen, um nur in seinen eigenen,
persönlichen Angelegenheiten das Richtige zu treffen, oder wenigstens
Fehltritte zu vermeiden, eines warnenden *Dämonions* bedurfte,
beweist, daß hiezu kein menschlicher Verstand ausreicht. Daher ist
jener, angeblich von einem Papste herrührende Ausspruch, daß von jedem
Unglück, das uns trifft, wir selbst, wenigstens in irgend etwas, die
Schuld tragen, nicht unbedingt und in allen Fällen wahr: wiewohl bei
weitem in den meisten. Sogar scheint das Gefühl hievon viel Anteil
daran zu haben, daß die Leute ihr Unglück möglichst zu verbergen
suchen und, so weit es gelingen will, eine zufriedene Miene aufsetzen.
Sie besorgen, daß man von Leiden auf die Schuld schließen werde.
12. Bei einem unglücklichen Ereignis, welches bereits eingetreten,
also nicht mehr zu ändern ist, soll man sich nicht einmal den
Gedanken, daß dem anders sein könnte, noch weniger den, wodurch es
hätte abgewendet werden können, erlauben: denn gerade er steigert den
Schmerz ins Unerträgliche; so daß man damit zum =heautontimôroumenos=
wird. Vielmehr mache man es wie der König David, der, so lange sein
Sohn krank daniederlag, den Jehova unablässig mit Bitten und Flehen
bestürmte; als er aber gestorben war, ein Schnippchen schlug und nicht
weiter daran dachte. Wer aber dazu nicht leichtsinnig genug ist,
flüchte sich auf den fatalistischen Standpunkt, indem er sich die
große Wahrheit verdeutlicht, daß alles, was geschieht, notwendig
eintritt, also unabwendbar ist.
Bei allem dem ist diese Regel einseitig. Sie taugt zwar zu unserer
unmittelbaren Erleichterung und Beruhigung bei Unglücksfällen: allein
wenn an diesen, wie doch meistens, unsere eigene Nachlässigkeit oder
Verwegenheit, wenigstens zum Teil, schuld ist; so ist die wiederholte,
schmerzliche Überlegung, wie dem hätte vorgebeugt werden können, zu
unserer Witzigung und Besserung, also für die Zukunft, eine heilsame
Selbstzüchtigung. Und gar offenbar begangene Fehler sollen wir nicht,
wie wir doch pflegen, vor uns selber zu entschuldigen, oder zu
beschönigen, oder zu verkleinern suchen, sondern sie uns eingestehn
und in ihrer ganzen Größe deutlich uns vor Augen bringen, um den
Vorsatz, sie künftig zu vermeiden, fest fassen zu können. Freilich hat
man sich dabei den großen Schmerz der Unzufriedenheit mit sich selbst
anzutun: aber =ho mê dareis anthrôpos ou paideuetai=.
13. In allem, was unser Wohl und Wehe betrifft, sollen wir die
*Phantasie im Zügel halten*: also zuvörderst keine Luftschlösser
bauen; weil diese zu kostspielig sind, indem wir, gleich darauf, sie,
unter Seufzern, wieder einzureißen haben. Aber noch mehr sollen wir
uns hüten, durch das Ausmalen bloß möglicher Unglücksfälle unser Herz
zu ängstigen. Wenn nämlich diese ganz aus der Luft gegriffen, oder
doch sehr weit hergeholt wären; so würden wir, beim Erwachen aus einem
solchen Traume, gleich wissen, daß alles nur Gaukelei gewesen, daher
uns der bessern Wirklichkeit um so mehr freuen und allenfalls eine
Warnung gegen ganz entfernte, wiewohl mögliche Unglücksfälle daraus
entnehmen. Allein mit dergleichen spielt unsere Phantasie nicht
leicht: ganz müßigerweise baut sie höchstens heitere Luftschlösser.
Der Stoff zu ihren finstern Träumen sind Unglücksfälle, die uns, wenn
auch aus der Ferne, doch einigermaßen wirklich bedrohen: diese
vergrößert sie, bringt ihre Möglichkeit viel näher, als sie in
Wahrheit ist, und malt sie auf das Fürchterlichste aus. Einen solchen
Traum können wir, beim Erwachen, nicht sogleich abschütteln, wie den
heitern: denn diesen widerlegt alsbald die Wirklichkeit und läßt
höchstens eine schwache Hoffnung im Schoße der Möglichkeit übrig. Aber
haben wir uns den schwarzen Phantasien (_blue devils_) überlassen; so
haben sie uns Bilder nahe gebracht, die nicht so leicht wieder
weichen: denn die Möglichkeit der Sache, im allgemeinen, steht fest,
und den Maßstab des Grades derselben vermögen wir nicht jederzeit
anzulegen: sie wird nun leicht zur Wahrscheinlichkeit, und wir haben
uns der Angst in die Hände geliefert. Daher also sollen wir die Dinge,
welche unser Wohl und Wehe betreffen, bloß mit dem Auge der Vernunft
und der Urteilskraft betrachten, folglich trockener und kalter
Überlegung, mit bloßen Begriffen und _in abstracto_ operiren. Die
Phantasie soll dabei aus dem Spiele bleiben: denn urteilen kann sie
nicht; sondern bringt bloße Bilder vor die Augen, welche das Gemüt
unnützer und oft sehr peinlicher Weise bewegen. Am strengsten sollte
diese Regel abends beobachtet werden. Denn wie die Dunkelheit uns
furchtsam macht und uns überall Schreckensgestalten erblicken läßt, so
wirkt, ihr analog, die Undeutlichkeit der Gedanken; weil jede
Ungewißheit Unsicherheit gebiert: deshalb nehmen des Abends, wann die
Abspannung Verstand und Urteilskraft mit einer subjektiven Dunkelheit
überzogen hat, der Intellekt müde und =thoryboumenos= ist und den
Dingen nicht auf den Grund zu kommen vermag, die Gegenstände unserer
Meditation, wenn sie unsere persönlichen Verhältnisse betreffen,
leicht ein gefährliches Ansehn an und werden zu Schreckbildern. Am
meisten ist dies der Fall nachts, im Bette, als wo der Geist völlig
abgespannt und daher die Urteilskraft ihrem Geschäfte gar nicht mehr
gewachsen, die Phantasie aber noch rege ist. Da gibt die Nacht allem
und jedem ihren schwarzen Anstrich. Daher sind unsere Gedanken vor dem
Einschlafen, oder gar beim nächtlichen Erwachen, meistens fast ebenso
arge Verzerrungen und Verkehrungen der Dinge, wie die Träume es sind,
und dazu, wenn sie persönliche Angelegenheiten betreffen, gewöhnlich
pechschwarz, ja, entsetzlich. Am Morgen sind dann alle solche
Schreckbilder, so gut wie die Träume, verschwunden: dies bedeutet das
spanische Sprichwort: _noche tinta, blanco el dia_ (die Nacht ist
gefärbt, weiß ist der Tag). Aber auch schon abends, sobald das Licht
brennt, sieht der Verstand, wie das Auge, nicht so klar, wie bei Tage:
daher diese Zeit nicht zur Meditation ernster, zumal unangenehmer
Angelegenheiten geeignet ist. Hiezu ist der Morgen die rechte Zeit;
wie er es denn überhaupt zu allen Leistungen, ohne Ausnahme, sowohl
den geistigen wie den körperlichen, ist. Denn der Morgen ist die
Jugend des Tages: alles ist heiter, frisch und leicht: wir fühlen uns
kräftig und haben alle unsere Fähigkeiten zu völliger Disposition. Man
soll ihn nicht durch spätes Aufstehn verkürzen, noch auch an unwürdige
Beschäftigungen oder Gespräche verschwenden, sondern ihn als die
Quintessenz des Lebens betrachten und gewissermaßen heilig halten.
Hingegen ist der Abend das Alter des Tages: wir sind abends matt,
geschwätzig und leichtsinnig. -- Jeder *Tag ist ein kleines Leben*, --
jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen
eine kleine Jugend, und jedes zu Bette gehn und Einschlafen ein
kleiner Tod.
Überhaupt aber hat Gesundheitszustand, Schlaf, Nahrung, Temperatur,
Wetter, Umgebung und noch viel anderes Äußerliches auf unsere
Stimmung, und diese auf unsere Gedanken, einen mächtigen Einfluß.
Daher ist, wie unsere Ansicht einer Angelegenheit, so auch unsere
Fähigkeit zu einer Leistung so sehr der Zeit und selbst dem Orte
unterworfen. Darum also
»Nehmt die gute Stimmung wahr,
Denn sie kommt so selten.«