G.

Nicht etwa bloß objektive Konzeptionen und Originalgedanken muß man

abwarten, ob und wann es ihnen zu kommen beliebt; sondern selbst die

gründliche Überlegung einer persönlichen Angelegenheit gelingt nicht

immer zu der Zeit, die man zum voraus für sie bestimmt und wann man

sich dazu zurechtgesetzt hat; sondern auch sie wählt sich ihre Zeit

selbst; wo alsdann der ihr angemessene Gedankengang unaufgefordert

rege wird und wir mit vollem Anteil ihn verfolgen.

Zur anempfohlenen Zügelung der Phantasie gehört auch noch, daß wir ihr

nicht gestatten, ehemals erlittenes Unrecht, Schaden, Verlust,

Beleidigungen, Zurücksetzungen, Kränkungen u. dgl. uns wieder zu

vergegenwärtigen und auszumalen; weil wir dadurch den längst

schlummernden Unwillen, Zorn und alle gehässigen Leidenschaften wieder

aufregen, wodurch unser Gemüt verunreinigt wird. Denn, nach einem

schönen, vom Neuplatoniker Proklos beigebrachten Gleichnis, ist, wie

in jeder Stadt, neben den Edelen und Ausgezeichneten, auch der Pöbel

jeder Art (=ochlos=) wohnt, so in jedem, auch dem edelsten und

erhabensten Menschen das ganz Niedrige und Gemeine der menschlichen,

ja tierischen Natur, der Anlage nach, vorhanden. Dieser Pöbel darf

nicht zum Tumult aufgeregt werden, noch darf er aus den Fenstern

schauen; da er sich häßlich ausnimmt: die bezeichneten Phantasiestücke

sind aber die Demagogen desselben. Hieher gehört auch, daß die

kleinste Widerwärtigkeit, sei sie von Menschen oder Dingen

ausgegangen, durch fortgesetztes Brüten darüber und Ausmalen mit

grellen Farben und nach vergrößertem Maßstabe, zu einem Ungeheuer

anschwellen kann, darüber man außer sich gerät. Alles Unangenehme soll

man vielmehr höchst prosaisch und nüchtern auffassen, damit man es

möglichst leicht nehmen könne.

Wie kleine Gegenstände, dem Auge nahe gehalten, unser Gesichtsfeld

beschränkend, die Welt verdecken, -- so werden oft die Menschen und

Dinge unserer *nächsten Umgebung*, so höchst unbedeutend und

gleichgültig sie auch seien, unsere Aufmerksamkeit und Gedanken über

die Gebühr beschäftigen, dazu noch auf unerfreuliche Weise, und werden

wichtige Gedanken und Angelegenheiten verdrängen. Dem soll man

entgegenarbeiten.

14. Beim Anblick dessen, was wir nicht besitzen, steigt gar leicht in

uns der Gedanke auf: »wie, wenn das mein wäre?« und er macht uns die

Entbehrung fühlbar. Statt dessen sollten wir öfter fragen: »wie, wenn

das *nicht* mein wäre?«, ich meine, wir sollten das, was wir besitzen,

bisweilen so anzusehn uns bemühen, wie es uns vorschweben würde,

nachdem wir es verloren hätten; und zwar jedes, was es auch sei:

Eigentum, Gesundheit, Freunde, Geliebte, Weib, Kind, Pferd und Hund:

denn meistens belehrt erst der Verlust uns über den Wert der Dinge.

Hingegen infolge der anempfohlenen Betrachtungsweise derselben wird

erstlich ihr Besitz uns unmittelbar mehr, als zuvor, beglücken, und

zweitens werden wir auf alle Weise dem Verlust vorbeugen, also das

Eigentum nicht in Gefahr bringen, die Freunde nicht erzürnen, die

Treue des Weibes nicht der Versuchung aussetzen, die Gesundheit der

Kinder bewachen usw. -- Oft suchen wir das Trübe der Gegenwart

aufzuhellen durch Spekulation auf günstige Möglichkeiten und ersinnen

vielerlei chimärische Hoffnungen, von denen jede mit einer

Enttäuschung schwanger ist, die nicht ausbleibt, wann jene an der

harten Wirklichkeit zerschellt. Besser wäre es, die vielen schlimmen

Möglichkeiten zum Gegenstand unserer Spekulation zu machen, als

welches teils Vorkehrungen zu ihrer Abwehr, teils angenehme

Überraschungen, wenn sie sich nicht verwirklichen, veranlassen würde.

Sind wir doch, nach etwas ausgestandener Angst, stets merklich heiter.

Ja, es ist sogar gut, große Unglücksfälle, die uns möglicherweise

treffen könnten, uns bisweilen zu vergegenwärtigen; um nämlich die uns

nachher wirklich treffenden viel kleineren leichter zu ertragen, indem

wir dann durch den Rückblick auf jene großen, nicht eingetroffenen,

uns trösten. Über diese Regel ist jedoch die ihr vorhergegangene nicht

zu vernachlässigen.

15. Weil die uns betreffenden Angelegenheiten und Begebenheiten ganz

vereinzelt, ohne Ordnung und ohne Beziehung auf einander, im grellsten

Kontrast und ohne irgend etwas Gemeinsames, als eben daß sie unsere

Angelegenheiten sind, auftreten und durcheinanderlaufen; so muß unser

Denken und Sorgen um sie ebenso abrupt sein, damit es ihnen

entspreche. -- Sonach müssen wir, wenn wir eines vornehmen, von allem

andern abstrahiren und uns der Sache entschlagen, um jedes zu seiner

Zeit zu besorgen, zu genießen, zu erdulden, ganz unbekümmert um das

übrige: wir müssen also gleichsam Schiebfächer unserer Gedanken haben,

von denen wir eines öffnen, derweilen alle andern geschlossen bleiben.

Dadurch erlangen wir, daß nicht eine schwer lastende Sorge jeden

kleinen Genuß der Gegenwart verkümmere und uns alle Ruhe raube; daß

nicht eine Überlegung die andere verdränge; daß nicht die Sorge für

eine wichtige Angelegenheit die Vernachlässigung vieler geringen

herbeiführe usw. Zumal aber soll, wer hoher und edeler Betrachtungen

fähig ist, seinen Geist durch persönliche Angelegenheiten und niedrige

Sorgen nie so ganz einnehmen und erfüllen lassen, daß sie jenen den

Zugang versperren: denn das wäre recht eigentlich _propter vitam

vivendi perdere causas_. -- Freilich ist zu dieser Lenkung und

Ablenkung unsrer selbst, wie zu so viel anderm, Selbstzwang erfordert:

zu diesem aber sollte uns die Überlegung stärken, daß jeder Mensch gar

vielen und großen Zwang von außen zu erdulden hat, ohne welchen es in

keinem Leben abgeht; daß jedoch ein kleiner, an der rechten Stelle

angebrachter Selbstzwang nachmals vielem Zwange von außen vorbeugt;

wie ein kleiner Abschnitt des Kreises zunächst dem Centro einem oft

hundertmal größern an der Peripherie entspricht. Durch nichts entziehn

wir uns so sehr dem Zwange von außen, wie durch Selbstzwang: das

besagt Senekas Ausspruch: _si tibi vis omnia subjicere, te subjice

rationi_ (_ep. 37_). Auch haben wir den Selbstzwang noch immer in der

Gewalt, und können, im äußersten Fall, oder wo er unsere

empfindlichste Stelle trifft, etwas nachlassen; hingegen der Zwang von

außen ist ohne Rücksicht, ohne Schonung und unbarmherzig. Daher ist es

weise, diesem durch jenen zuvorzukommen.

16. Unseren Wünschen ein Ziel stecken, unsere Begierden im Zaume

halten, unsern Zorn bändigen, stets eingedenk, daß dem einzelnen nur

ein unendlich kleiner Teil alles Wünschenswerten erreichbar ist,

hingegen viele Übel jeden treffen müssen, also, mit einem Worte

=apechein kai anechein=, _abstinere et sustinere_, -- ist eine Regel,

ohne deren Beobachtung weder Reichtum noch Macht verhindern können,

daß wir uns armselig fühlen. Dahin zielt Horaz:

_Inter cuncta leges, et percontabere doctos

Qua ratione queas traducere leniter aevum;

Ne te semper inops agitet vexetque cupido,

Ne pavor, et rerum mediocriter utilium spes._

17. =Ho bios en tê kinêsei esti= (_vita motu constat_) sagt

Aristoteles, mit offenbarem Recht: und wie demnach unser physisches

Leben nur in und durch eine unaufhörliche Bewegung besteht; so

verlangt auch unser inneres, geistiges Leben fortwährend

Beschäftigung, Beschäftigung mit irgend etwas, durch Tun oder Denken;

einen Beweis hievon gibt schon das Trommeln mit den Händen oder irgend

einem Gerät, zu welchem unbeschäftigte und gedankenlose Menschen

sogleich greifen. Unser Dasein nämlich ist ein wesentlich rastloses:

daher wird die gänzliche Untätigkeit uns bald unerträglich, indem sie

die entsetzlichste Langeweile herbeiführt. Diesen Trieb nun soll man

regeln, um ihn methodisch und dadurch besser zu befriedigen. Daher

also ist Tätigkeit, etwas treiben, womöglich etwas machen, wenigstens

aber etwas lernen, -- zum Glück des Menschen unerläßlich: seine Kräfte

verlangen nach ihrem Gebrauch, und er möchte den Erfolg desselben

irgendwie wahrnehmen. Die größte Befriedigung jedoch, in dieser

Hinsicht, gewährt es, etwas zu *machen*, zu verfertigen, sei es ein

Korb, sei es ein Buch; aber daß man ein Werk unter seinen Händen

täglich wachsen und endlich seine Vollendung erreichen sehe, beglückt

unmittelbar. Dies leistet ein Kunstwerk, eine Schrift, ja selbst eine

bloße Handarbeit; freilich, je edlerer Art das Werk, desto höher der

Genuß. Am glücklichsten sind, in diesem Betracht, die Hochbegabten,

welche sich der Fähigkeit zur Hervorbringung bedeutsamer, großer und

zusammenhängender Werke bewußt sind. Denn dadurch verbreitet ein

Interesse höherer Art sich über ihr ganzes Dasein und erteilt ihm eine

Würze, welche dem der Übrigen abgeht, welches demnach, mit jenem

verglichen, gar schal ist. Für sie nämlich hat das Leben und die Welt,

neben dem allen gemeinsamen, materiellen, noch ein zweites und

höheres, ein formelles Interesse, indem es den Stoff zu ihren Werken

enthält, mit dessen Einsammlung sie, ihr Leben hindurch, emsig

beschäftigt sind, sobald nur die persönliche Not sie irgends atmen

läßt. Auch ist ihr Intellekt gewissermaßen ein doppelter: teils einer

für die gewöhnlichen Beziehungen (Angelegenheiten des Willens), gleich

dem aller andern: teils einer für die rein objektive Auffassung der

Dinge. So leben sie zwiefach, sind Zuschauer und Schauspieler

zugleich, während die Übrigen letzteres allein sind. -- Inzwischen

treibe jeder etwas, nach Maßgabe seiner Fähigkeiten. Denn wie

nachteilig der Mangel an planmäßiger Tätigkeit, an irgend einer

Arbeit, auf uns wirke, merkt man auf langen Vergnügungsreisen, als wo

man, dann und wann, sich recht unglücklich fühlt; weil man, ohne

eigentliche Beschäftigung, gleichsam aus seinem natürlichen Elemente

gerissen ist. Sich zu mühen und mit dem Widerstande zu kämpfen ist dem

Menschen Bedürfnis, wie dem Maulwurf das Graben. Der Stillstand, den

die Allgenugsamkeit eines bleibenden Genusses herbeiführte, wäre ihm

unerträglich. Hindernisse überwinden ist der Vollgenuß seines Daseins;

sie mögen materieller Art sein, wie beim Handeln und Treiben, oder

geistiger Art, wie beim Lernen und Forschen: der Kampf mit ihnen und

der Sieg beglückt. Fehlt ihm die Gelegenheit dazu, so macht er sie

sich, wie er kann: je nachdem seine Individualität es mit sich bringt,

wird er jagen, oder Bilboquet spielen, oder, vom unbewußten Zuge

seiner Natur geleitet, Händel suchen, oder Intriguen anspinnen, oder

sich auf Betrügereien und allerlei Schlechtigkeiten einlassen, um nur

dem ihm unerträglichen Zustande der Ruhe ein Ende zu machen.

_Difficilis in otio quies._

18. Zum Leitstern seiner Bestrebungen soll man nicht *Bilder der

Phantasie* nehmen, sondern deutlich gedachte *Begriffe*. Meistens aber

geschieht das Umgekehrte. Man wird nämlich, bei genauerer

Untersuchung, finden, daß, was bei unsern Entschließungen, in letzter

Instanz, den Ausschlag gibt, meistens nicht die Begriffe und Urteile

sind, sondern ein Phantasiebild, welches die eine der Alternativen

repräsentirt und vertritt. Ich weiß nicht mehr, in welchem Romane von

Voltaire, oder Diderot, dem Helden, als er ein Jüngling und Herkules

am Scheidewege war, die Tugend sich stets darstellte in Gestalt seines

alten Hofmeisters, in der Linken die Tabaksdose, in der Rechten eine

Priese haltend und so moralisirend; das Laster hingegen in Gestalt der

Kammerjungfer seiner Mutter. -- Besonders in der Jugend fixirt sich

das Ziel unsers Glückes in Gestalt einiger Bilder, die uns vorschweben

und oft das halbe, ja das ganze Leben hindurch verharren. Sie sind

eigentlich neckende Gespenster: denn, haben wir sie erreicht, so

zerrinnen sie in nichts, indem wir die Erfahrung machen, daß sie gar

nichts von dem, was sie verhießen, leisten. Dieser Art sind einzelne

Szenen des häuslichen, bürgerlichen, gesellschaftlichen, ländlichen

Lebens, Bilder der Wohnung, Umgebung, der Ehrenzeichen,

Respektsbezeugungen usw. usw. _chaque fou a sa marotte_ auch das Bild

der Geliebten gehört oft dahin. Daß es uns so ergehe ist wohl

natürlich: denn das Anschauliche wirkt, weil es das Unmittelbare ist,

auch unmittelbarer auf unsern Willen, als der Begriff, der abstrakte

Gedanke, der bloß das Allgemeine gibt, ohne das Einzelne, welches doch

gerade die Realität enthält: er kann daher nur mittelbar auf unsern

Willen wirken. Und doch ist es nur der Begriff, der Wort hält: daher

ist es Bildung, nur ihm zu trauen. Freilich wird er wohl mitunter der

Erläuterung und Paraphrase durch einige Bilder bedürfen: nur _cum

grano salis_.

19. Die vorhergegangene Regel läßt sich der allgemeineren subsumiren,

daß man überall Herr werden soll über den Eindruck des Gegenwärtigen

und Anschaulichen überhaupt. Dieser ist gegen das bloß Gedachte und

Gewußte unverhältnismäßig stark, nicht vermöge seiner Materie und

Gehalt, die oft sehr gering sind; sondern vermöge seiner Form, der

Anschaulichkeit und Unmittelbarkeit, als welche auf das Gemüt

eindringt und dessen Ruhe stört, oder seine Vorsätze erschüttert. Denn

das Vorhandene, das Anschauliche, wirkt, als leicht übersehbar, stets

mit seiner ganzen Gewalt auf einmal: hingegen Gedanken und Gründe

verlangen Zeit und Ruhe, um stückweise durchdacht zu werden, daher man

sie nicht jeden Augenblick ganz gegenwärtig haben kann. Demzufolge

reizt das Angenehme, welchem wir, infolge der Überlegung, entsagt

haben, uns doch bei seinem Anblick: ebenso kränkt uns ein Urteil,

dessen gänzliche Inkompetenz wir kennen; erzürnt uns eine Beleidigung,

deren Verächtlichkeit wir einsehen; ebenso werden zehn Gründe gegen

das Vorhandensein einer Gefahr überwogen vom falschen Schein ihrer

wirklichen Gegenwart usw. In allen diesen macht sich die ursprüngliche

Unvernünftigkeit unsers Wesens geltend. Auch werden einem derartigen

Eindruck die Weiber oft erliegen, und wenige Männer haben ein solches

Übergewicht der Vernunft, daß sie von dessen Wirkungen nicht zu leiden

hätten. Wo wir nun denselben nicht ganz überwältigen können, mittelst

bloßer Gedanken, da ist das Beste, einen Eindruck durch den

entgegengesetzten zu neutralisiren, z. B. den Eindruck einer

Beleidigung durch Aufsuchen derer, die uns hochschätzen; den Eindruck

einer drohenden Gefahr durch wirkliches Betrachten des ihr

Entgegenwirkenden. Konnte doch jener Italiäner, von dem Leibnitz (in

den _nouveaux essais, Liv. I, c. 2, § 11_) erzählt, sogar den

Schmerzen der Folter dadurch widerstehn, daß er, während derselben,

wie er sich vorgesetzt, das Bild des Galgens, an welchen sein

Geständnis ihn gebracht haben würde, nicht einen Augenblick aus der

Phantasie entweichen ließ; weshalb er von Zeit zu Zeit _io ti vedo_

rief; welche Worte er später dahin erklärt hat. -- Eben aus dem hier

betrachteten Grunde ist es ein schweres Ding, wenn alle, die uns

umgeben, anderer Meinung sind als wir, und danach sich benehmen,

selbst wenn wir von ihrem Irrtum überzeugt sind, nicht durch sie

wankend gemacht zu werden. Einem flüchtigen, verfolgten, ernstlich

_incognito_ reisenden Könige muß das unter vier Augen beobachtete

Unterwürfigkeitszeremoniell seines vertrauten Begleiters eine fast

notwendige Herzensstärkung sein, damit er nicht am Ende sich selbst

bezweifle.

20. Nachdem ich schon im zweiten Kapitel den hohen Wert der

*Gesundheit*, als welche für unser Glück das erste und wichtigste ist,

hervorgehoben habe, will ich hier ein paar ganz allgemeiner

Verhaltungsregeln zu ihrer Befestigung und Bewahrung angeben.

Man härte sich dadurch ab, daß man dem Körper, sowohl im ganzen wie in

jedem Teile, so lange man gesund ist, recht viel Anstrengung und

Beschwerde auflege und sich gewöhne, widrigen Einflüssen jeder Art zu

widerstehn. Sobald hingegen ein krankhafter Zustand, sei es des

Ganzen, oder eines Teiles, sich kundgibt, ist sogleich das

entgegengesetzte Verfahren zu ergreifen und der kranke Leib, oder Teil

desselben, auf alle Weise zu schonen und zu pflegen: denn das Leidende

und Geschwächte ist keiner Abhärtung fähig.

Der Muskel wird durch starken Gebrauch gestärkt; der Nerv hingegen

dadurch geschwächt. Also übe man seine Muskeln durch jede angemessene

Anstrengung, hüte hingegen die Nerven vor jeder; also die Augen vor zu

hellem, besonders reflektirtem Lichte, vor jeder Anstrengung in der

Dämmerung, wie auch vor anhaltendem Betrachten zu kleiner Gegenstände;

ebenso die Ohren vor zu starkem Geräusch; vorzüglich aber das Gehirn

vor gezwungener, zu anhaltender oder unzeitiger Anstrengung: demnach

lasse man es ruhen während der Verdauung; weil dann eben dieselbe

Lebenskraft, welche im Gehirn Gedanken bildet, im Magen und den

Eingeweiden angestrengt arbeitet, Chymus und Chylus zu bereiten;

ebenfalls während, oder auch nach, bedeutender Muskelanstrengung. Denn

es verhält sich mit den motorischen wie mit den sensibeln Nerven, und

wie der Schmerz, den wir in verletzten Gliedern empfinden, seinen

wahren Sitz im Gehirn hat; so sind es auch eigentlich nicht die Beine

und Arme, welche gehn und arbeiten; sondern das Gehirn, nämlich der

Teil desselben, welcher, mittelst des verlängerten und des

Rückenmarks, die Nerven jener Glieder erregt und dadurch diese in

Bewegung setzt. Demgemäß hat auch die Ermüdung, welche wir in den

Beinen oder Armen fühlen, ihren wahren Sitz im Gehirn; weshalb eben

bloß die Muskeln ermüden, deren Bewegung willkürlich ist, d. h. vom

Gehirn ausgeht, hingegen nicht die ohne Willkür arbeitenden, wie das

Herz. Offenbar also wird das Gehirn beeinträchtigt, wenn man ihm

starke Muskeltätigkeit und geistige Anspannung zugleich, oder auch nur

dicht hinter einander abzwingt. Hiemit streitet es nicht, daß man im

Anfang eines Spaziergangs, oder überhaupt auf kurzen Gängen, oft

erhöhte Geistestätigkeit spürt: denn da ist noch kein Ermüden besagter

Gehirnteile eingetreten, und andrerseits befördert eine solche leichte

Muskeltätigkeit und die durch sie vermehrte Respiration das Aufsteigen

des arteriellen, nunmehr auch besser oxydirten Blutes zum Gehirn. --

Besonders aber gebe man dem Gehirn das zu seiner Refektion nötige,

volle Maß des Schlafes; denn der Schlaf ist für den ganzen Menschen,

was das Aufziehn für die Uhr. (Vergl. Welt als Wille und Vorstellung

II, 217. -- 3. Aufl. II, 240.) Dieses Maß wird um so größer sein, je

entwickelter und tätiger das Gehirn ist; es jedoch zu überschreiten

wäre bloßer Zeitverlust, weil dann der Schlaf an Intension verliert,

was er an Extension gewinnt. (Vergl. Welt als Wille und Vorstellung

II, 247. -- 3. Aufl. II, 275.)[O] Überhaupt begreife man wohl, daß

unser Denken nichts anderes ist als die organische Funktion des

Gehirns, und sonach jeder andern organischen Tätigkeit, in Hinsicht

auf Anstrengung und Ruhe, sich analog verhält. Wie übermäßige

Anstrengung die Augen verdirbt, ebenso das Gehirn. Mit Recht ist

gesagt worden: das Gehirn denkt, wie der Magen verdaut. Der Wahn von

einer immateriellen, einfachen, wesentlich und immer denkenden,

folglich unermüdlichen Seele, die da im Gehirn bloß logirte, und

nichts auf der Welt bedürfte, hat gewiß manchen zu unsinnigem

Verfahren und Abstumpfung seiner Geisteskräfte verleitet; wie denn z.

B. Friedrich der Große einmal versucht hat, sich das Schlafen ganz

abzugewöhnen. Die Philosophieprofessoren würden wohl tun, einen

solchen, sogar praktisch verderblichen Wahn nicht durch ihre

katechismusgerechtseinwollende Rocken-Philosophie zu befördern. -- Man

soll sich gewöhnen, seine Geisteskräfte durchaus als physiologische

Funktionen zu betrachten, um danach sie zu behandeln, zu schonen,

anzustrengen usw., und zu bedenken, daß jedes körperliche Leiden,

Beschwerde, Unordnung, in welchem Teil es auch sei, den Geist

affizirt. Am besten befähigt hiezu *Cabanis*, _des Rapports du

physique et du moral de l'homme_.

[O] Der Schlaf ist ein Stück *Tod*, welches wir _anticipando_ borgen

und dafür das durch einen Tag erschöpfte Leben wieder erhalten und

erneuern. _Le sommeil est un emprunt fait à la mort._ Der Schlaf borgt

vom Tode zur Aufrechthaltung des Lebens. Oder: er ist der

*einstweilige Zins* des Todes, welcher selbst die Kapitalabzahlung

ist. Diese wird um so später eingefordert, je reichlichere Zinsen und

je regelmäßiger sie gezahlt werden.

Die Vernachlässigung des hier gegebenen Rats ist die Ursache, aus

welcher manche große Geister, wie auch große Gelehrte, im Alter

schwachsinnig, kindisch und selbst wahnsinnig geworden sind. Daß z. B.

die gefeierten englischen Dichter dieses Jahrhunderts, wie *Walter

Scott*, *Wordsworth*, *Southey* u. a. m. im Alter, ja schon in den

sechziger Jahren geistig stumpf und unfähig geworden, ja, zur

Imbezillität herabgesunken sind, ist ohne Zweifel daraus zu erklären,

daß sie sämtlich, vom hohen Honorar verlockt, die Schriftstellerei als

Gewerbe getrieben, also des Geldes wegen geschrieben haben. Dies

verführt zu widernatürlicher Anstrengung, und wer seinen Pegasus ins

Joch spannt und seine Muse mit der Peitsche antreibt, wird es auf

analoge Weise büßen, wie der, welcher der Venus Zwangsdienste

geleistet hat. Ich argwöhne, daß auch *Kant*, in seinen späten Jahren,

nachdem er endlich berühmt geworden war, sich überarbeitet und dadurch

die zweite Kindheit seiner vier letzten Jahre veranlaßt hat. --

Jeder Monat des Jahres hat einen eigentümlichen und unmittelbaren, d.

h. vom Wetter unabhängigen Einfluß auf unsere Gesundheit, unsere

körperlichen Zustände überhaupt, ja, auch auf die geistigen.

Aphorismen zur Lebensweisheit · 第 7 / 9 题