2. Was einer *hat*: also Eigentum und Besitz in jeglichem Sinne.

3. Was einer *vorstellt*: unter diesem Ausdruck wird bekanntlich

verstanden, was er in der Vorstellung anderer ist, also eigentlich,

wie er von ihnen *vorgestellt wird*. Es besteht demnach in ihrer

Meinung von ihm, und zerfällt in Ehre, Rang und Ruhm.

Die unter der ersten Rubrik zu betrachtenden Unterschiede sind solche,

welche die Natur selbst zwischen Menschen gesetzt hat; woraus sich

schon abnehmen läßt, daß der Einfluß derselben auf ihr Glück, oder

Unglück, viel wesentlicher und durchgreifender sein werde, als was die

bloß aus menschlichen Bestimmungen hervorgehenden, unter den zwei

folgenden Rubriken angegebenen Verschiedenheiten herbeiführen. *Zu den

echten persönlichen Vorzügen*, dem großen Geiste oder großen Herzen,

verhalten sich alle Vorzüge des Ranges, der Geburt, selbst der

königlichen, des Reichtums u. dgl. wie die Theater-Könige zu den

wirklichen. Schon *Metrodorus*, der erste Schüler Epikurs, hat ein

Kapitel überschrieben: =peri tou meizona einai tên par' hêmas aitian

pros eudaimonian tês ek tôn pragmatôn=. (_Majorem esse causam ad

felicitatem eam, quae est ex nobis, eâ, quae ex rebus oritur._ -- Vgl.

_Clemens Alex. Strom. II, 21, p. 362_ der Würzburger Ausgabe der _opp.

polem._) Und allerdings ist für das Wohlsein des Menschen, ja, für die

ganze Weise seines Daseins, die Hauptsache offenbar das, was in ihm

selbst besteht oder vergeht. Hier nämlich liegt unmittelbar sein

inneres Behagen oder Unbehagen, als welches zunächst das Resultat

seines Empfindens, Wollens und Denkens ist; während alles außerhalb

Gelegene doch nur mittelbar darauf Einfluß hat. Daher affiziren

dieselben äußern Vorgänge oder Verhältnisse jeden ganz anders, und bei

gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer andern Welt. Denn nur mit

seinen eigenen Vorstellungen, Gefühlen und Willensbewegungen hat er es

unmittelbar zu tun: die Außendinge haben nur, sofern sie diese

veranlassen, Einfluß auf ihn. Die Welt, in der jeder lebt, hängt

zunächst ab von seiner Auffassung derselben, richtet sich daher nach

der Verschiedenheit der Köpfe: dieser gemäß wird sie arm, schal und

flach, oder reich, interessant und bedeutungsvoll ausfallen. Während

z. B. mancher den andern beneidet um die interessanten Begebenheiten,

die ihm in seinem Leben aufgestoßen sind, sollte er ihn vielmehr um

die Auffassungsgabe beneiden, welche jenen Begebenheiten die

Bedeutsamkeit verlieh, die sie in seiner Beschreibung haben: denn

dieselbe Begebenheit, welche in einem geistreichen Kopfe sich so

interessant darstellt, würde, von einem flachen Alltagskopf aufgefaßt,

auch nur eine schale Szene aus der Alltagswelt sein. Im höchsten Grade

zeigt sich dies bei manchen Gedichten Goethes und Byrons, denen

offenbar reale Vorgänge zum Grunde liegen: ein törichter Leser ist

imstande, dabei den Dichter um die allerliebste Begebenheit zu

beneiden, statt um die mächtige Phantasie, welche aus einem ziemlich

alltäglichen Vorfall etwas so Großes und Schönes zu machen fähig war.

Desgleichen sieht der Melancholikus eine Trauerspielszene, wo der

Sanguinikus nur einen interessanten Konflikt und der Phlegmatikus

etwas Unbedeutendes vor sich hat. Dies alles beruht darauf, daß jede

Wirklichkeit, d. h. jede erfüllte Gegenwart, aus zwei Hälften besteht,

dem Subjekt und dem Objekt, wiewohl in so notwendiger und enger

Verbindung wie Oxygen und Hydrogen im Wasser. Bei völlig gleicher

objektiver Hälfte, aber verschiedener subjektiver, ist daher, so gut

wie im umgekehrten Fall, die gegenwärtige Wirklichkeit eine ganz

andere: die schönste und beste objektive Hälfte bei stumpfer,

schlechter subjektiver, gibt doch nur eine schlechte Wirklichkeit und

Gegenwart; gleich einer schönen Gegend in schlechtem Wetter, oder im

Reflex einer schlechten _Camera obscura_. Oder planer zu reden: Jeder

steckt in seinem Bewußtsein wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar

nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen. Auf

der Bühne spielt einer den Fürsten, ein anderer den Rat, ein Dritter

den Diener oder den Soldaten, oder den General usf. Aber diese

Unterschiede sind bloß im Äußern vorhanden, im Innern, als Kern einer

solchen Erscheinung, steckt bei allen dasselbe: ein armer Komödiant,

mit seiner Plage und Not. Im Leben ist es auch so. Die Unterschiede

des Ranges und Reichtums geben jedem seine Rolle zu spielen; aber

keineswegs entspricht dieser eine innere Verschiedenheit des Glücks

und Behagens, sondern auch hier steckt in jedem derselbe arme Tropf,

mit seiner Not und Plage, die wohl dem Stoffe nach bei jedem eine

andere ist, aber der Form, d. h. dem eigentlichen Wesen nach, so

ziemlich bei allen dieselbe; wenn auch mit Unterschieden des Grades,

die sich aber keineswegs nach Stand und Reichtum, d. h. nach der Rolle

richten. Weil nämlich alles, was für den Menschen da ist und vorgeht,

unmittelbar immer nur in seinem *Bewußtsein* da ist und für dieses

vorgeht; so ist offenbar die Beschaffenheit des Bewußtseins selbst

zunächst das Wesentliche, und auf dieselbe kommt, in den meisten

Fällen, mehr an, als auf die Gestalten, die darin sich darstellen.

Alle Pracht und Genüsse, abgespiegelt im dumpfen Bewußtsein eines

Tropfs, sind sehr arm gegen das Bewußtsein des *Cervantes*, als er in

einem unbequemen Gefängnisse den Don Quijote schrieb. -- Die objektive

Hälfte der Gegenwart und Wirklichkeit steht in der Hand des Schicksals

und ist demnach veränderlich: die subjektive sind wir selbst; daher

sie im wesentlichen unveränderlich ist. Demgemäß trägt das Leben jedes

Menschen, trotz aller Abwechselung von außen, durchgängig denselben

Charakter und ist einer Reihe Variationen auf *ein* Thema zu

vergleichen. Aus seiner Individualität kann keiner heraus. Und wie das

Tier unter allen Verhältnissen, in die man es setzt, auf den engen

Kreis beschränkt bleibt, den die Natur seinem Wesen unwiderruflich

gezogen hat, weshalb z. B. unsere Bestrebungen, ein geliebtes Tier zu

beglücken, eben wegen jener Grenzen seines Wesens und Bewußtseins,

stets innerhalb enger Schranken sich halten müssen; -- so ist es auch

mit dem Menschen: durch seine Individualität ist das Maß seines

möglichen Glückes zum voraus bestimmt. Besonders haben die Schranken

seiner Geisteskräfte seine Fähigkeit für erhöhten Genuß ein für

allemal festgestellt. Sind sie eng, so werden alle Bemühungen von

außen, alles, was Menschen, alles, was das Glück für ihn tut, nicht

vermögen, ihn über das Maß des gewöhnlichen, halb tierischen

Menschenglücks und Behagens hinaus zu führen: auf Sinnengenuß,

trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit und

vulgären Zeitvertreib bleibt er angewiesen: sogar die Bildung vermag

im ganzen, zur Erweiterung jenes Kreises, nicht gar viel, wenn gleich

etwas. Denn die höchsten, die mannigfaltigsten und die anhaltendsten

Genüsse sind die geistigen; wie sehr auch wir, in der Jugend, uns

darüber täuschen mögen; diese aber hängen hauptsächlich von der

geistigen Kraft ab. -- Hieraus also ist klar, wie sehr unser Glück

abhängt von dem, was wir *sind*, von unserer Individualität; während

man meistens nur unser Schicksal, nur das, was wir *haben*, oder was

wir *vorstellen*, in Anschlag bringt. Das Schicksal aber kann sich

bessern: zudem wird man, bei innerm Reichtum, von ihm nicht viel

verlangen: hingegen ein Tropf bleibt ein Tropf, ein stumpfer Klotz ein

stumpfer Klotz, bis an sein Ende, und wäre er im Paradiese und von

Huris umgeben. Deshalb sagt Goethe:

Volk und Knecht und Überwinder,

Sie gestehn, zu jeder Zeit,

Höchstes Glück der Erdenkinder

Sei nur die Persönlichkeit.

*W. O. Divan.*

Daß für unser Glück und unsern Genuß das Subjektive ungleich

wesentlicher als das Objektive sei, bestätigt sich in allem: von dem

an, daß Hunger der beste Koch ist und der Greis die Göttin des

Jünglings gleichgültig ansieht, bis hinauf zum Leben des Genies und

des Heiligen. Besonders überwiegt die Gesundheit alle äußern Güter so

sehr, daß wahrlich ein gesunder Bettler glücklicher ist als ein

kranker König. Ein aus vollkommener Gesundheit und glücklicher

Organisation hervorgehendes, ruhiges und heiteres Temperament, ein

klarer, lebhafter, eindringender und richtig fassender Verstand, ein

gemäßigter, sanfter Wille und demnach ein gutes Gewissen, dies sind

Vorzüge, die kein Rang oder Reichtum ersetzen kann. Denn was einer für

sich selbst ist, was ihn in die Einsamkeit begleitet und was keiner

ihm geben oder nehmen kann, ist offenbar für ihn wesentlicher als

alles, was er besitzen, oder auch, was er in den Augen anderer sein

mag. Ein geistreicher Mensch hat, in gänzlicher Einsamkeit, an seinen

eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, während

von einem Stumpfen die fortwährende Abwechselung von Gesellschaften,

Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten, die marternde Langeweile

nicht abzuwehren vermag. Ein guter, gemäßigter, sanfter Charakter kann

unter dürftigen Umständen zufrieden sein; während ein begehrlicher,

neidischer oder böser es bei allem Reichtum nicht ist. Nun aber gar

dem, welcher beständig den Genuß einer außerordentlichen, geistig

eminenten Individualität hat, sind die meisten der allgemein

angestrebten Genüsse ganz überflüssig, ja, nur störend und lästig.

Daher sagt Horaz von sich:

_Gemmas, marmor, ebur, Thyrrhena sigilla, tabellas,

Argentum, vestes Gaetulo murice tinctas,

Sunt qui non habeant, est qui non curat habere;_

und Sokrates sagte, beim Anblick zum Verkauf ausgelegter Luxusartikel:

»Wie vieles gibt es doch, was ich nicht nötig habe.« Für unser

Lebensglück ist demnach das, was wir *sind*, die Persönlichkeit,

durchaus das Erste und Wesentlichste; -- schon weil sie beständig und

unter allen Umständen wirksam ist: zudem aber ist sie nicht, wie die

Güter der zwei andern Rubriken, dem Schicksal unterworfen, und kann

uns nicht entrissen werden. Ihr Wert kann insofern ein absoluter

heißen, im Gegensatz des bloß relativen der beiden andern. Hieraus nun

folgt, daß dem Menschen von außen viel weniger beizukommen ist, als

man wohl meint. Bloß die allgewaltige Zeit übt auch hier ihr Recht:

ihr unterliegen allmählich die körperlichen und geistigen Vorzüge: der

moralische Charakter allein bleibt auch ihr unzugänglich. In dieser

Hinsicht hätten denn freilich die Güter der zwei letztern Rubriken,

als welche die Zeit unmittelbar nicht raubt, vor denen der ersten

einen Vorzug. Einen zweiten könnte man darin finden, daß sie, als im

Objektiven gelegen, ihrer Natur nach, erreichbar sind und jedem

wenigstens die Möglichkeit vorliegt, in ihren Besitz zu gelangen;

während hingegen das Subjektive gar nicht in unsere Macht gegeben ist,

sondern _jure divino_ eingetreten, für das ganze Leben unveränderlich

feststeht; so daß hier unerbittlich der Ausspruch gilt:

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,

Bist alsobald und fort und fort gediehen

Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,

So sagten schon Sibyllen, so Propheten;

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

*Goethe.*

Das Einzige, was in dieser Hinsicht in unserer Macht steht, ist, daß

wir die gegebene Persönlichkeit zum möglichsten Vorteile benutzen,

demnach nur die ihr entsprechenden Bestrebungen verfolgen und uns um

die Art von Ausbildung bemühen, die ihr gerade angemessen ist, jede

andere aber meiden, folglich den Stand, die Beschäftigung, die

Lebensweise wählen, welche zu ihr passen.

Ein herkulischer, mit ungewöhnlicher Muskelkraft begabter Mensch, der

durch äußere Verhältnisse genötigt ist, einer sitzenden Beschäftigung,

einer kleinlichen, peinlichen Handarbeit obzuliegen, oder auch Studien

und Kopfarbeiten zu treiben, die ganz anderartige, bei ihm

zurückstehende Kräfte erfordern, folglich gerade die bei ihm

ausgezeichneten Kräfte unbenutzt zu lassen, der wird sich zeitlebens

unglücklich fühlen; noch mehr aber der, bei dem die intellektuellen

Kräfte sehr überwiegend sind, und der sie unentwickelt und ungenutzt

lassen muß, um ein gemeines Geschäft zu treiben, das ihrer nicht

bedarf, oder gar körperliche Arbeit, zu der seine Kraft nicht recht

ausreicht. Jedoch ist hier, zumal in der Jugend, die Klippe der

Präsumtion zu vermeiden, daß man sich nicht ein Übermaß von Kräften

zuschreibe, welches man nicht hat.

Aus dem entschiedenen Übergewicht unsrer ersten Rubrik über die beiden

andern geht aber auch hervor, daß es weiser ist, auf Erhaltung seiner

Gesundheit und auf Ausbildung seiner Fähigkeiten, als auf Erwerbung

von Reichtum hinzuarbeiten; was jedoch nicht dahin mißdeutet werden

darf, daß man den Erwerb des Nötigen und Angemessenen vernachlässigen

sollte. Aber eigentlicher Reichtum, d. h. großer Überfluß, vermag

wenig zu unserm Glück; daher viele Reiche sich unglücklich fühlen,

weil sie ohne eigentliche Geistesbildung, ohne Kenntnisse und deshalb

ohne irgend ein objektives Interesse, welches sie zu geistiger

Beschäftigung befähigen könnte, sind. Denn was der Reichtum über die

Befriedigung der wirklichen und natürlichen Bedürfnisse hinaus noch

leisten kann, ist von geringem Einfluß auf unser eigentliches

Wohlbehagen: vielmehr wird dieses gestört durch die vielen und

unvermeidlichen Sorgen, welche die Erhaltung eines großen Besitzes

herbeiführt. Dennoch sind die Menschen aber tausend Mal mehr bemüht,

sich Reichtum, als Geistesbildung zu erwerben; während doch ganz

gewiß, was man *ist*, viel mehr zu unserm Glücke beiträgt, als was man

*hat*. Gar manchen daher sehn wir, in rastloser Geschäftigkeit, emsig

wie die Ameise, vom Morgen bis zum Abend bemüht, den schon vorhandenen

Reichtum zu vermehren. Über den engen Gesichtskreis des Bereichs der

Mittel hiezu hinaus kennt er nichts: sein Geist ist leer, daher für

alles andere unempfänglich. Die höchsten Genüsse, die geistigen, sind

ihm unzugänglich: durch die flüchtigen, sinnlichen, wenig Zeit, aber

viel Geld kostenden, die er zwischendurch sich erlaubt, sucht er

vergeblich jene anderen zu ersetzen. Am Ende seines Lebens hat er

dann, als Resultat desselben, wenn das Glück gut war, wirklich einen

recht großen Haufen Geld vor sich, welchen noch zu vermehren, oder

aber durchzubringen, er jetzt seinen Erben überläßt. Ein solcher,

wiewohl mit gar ernsthafter und wichtiger Miene durchgeführter

Lebenslauf ist daher ebenso töricht, wie mancher andere, der geradezu

die Schellenkappe zum Symbol hatte.

Also was einer *an sich selber hat*, ist zu seinem Lebensglücke das

Wesentlichste. Bloß weil dieses, in der Regel, so gar wenig ist,

fühlen die meisten von denen, welche über den Kampf mit der Not hinaus

sind, sich im Grunde ebenso unglücklich, wie die, welche sich noch

darin herumschlagen. Die Leere ihres Innern, das Fade ihres

Bewußtseins, die Armut ihres Geistes treibt sie zur Gesellschaft, die

nun aber aus eben solchen besteht; weil _similis simili gaudet_. Da

wird dann gemeinschaftlich Jagd gemacht auf Kurzweil und Unterhaltung,

die sie zunächst in sinnlichen Genüssen, in Vergnügungen jeder Art und

endlich in Ausschweifungen suchen. Die Quelle der heillosen

Verschwendung, mittelst welcher so mancher, reich ins Leben tretende

Familiensohn, sein großes Erbteil, oft in unglaublich kurzer Zeit,

durchbringt, ist wirklich keine andere, als nur die Langeweile, welche

aus der eben geschilderten Armut und Leere des Geistes entspringt. So

ein Jüngling war äußerlich reich, aber innerlich arm in die Welt

geschickt und strebte nun vergeblich, durch den äußern Reichtum den

innern zu ersetzen, indem er alles *von außen* empfangen wollte, --

den Greisen analog, welche sich durch die Ausdünstung junger Mädchen

zu stärken suchen. Dadurch führte denn am Ende die innere Armut auch

noch die äußere herbei.

Die Wichtigkeit der beiden andern Rubriken der Güter des menschlichen

Lebens brauche ich nicht hervorzuheben. Denn der Wert des Besitzes ist

heutzutage so allgemein anerkannt, daß er keiner Empfehlung bedarf.

Sogar hat die dritte Rubrik, gegen die zweite, eine sehr ätherische

Beschaffenheit; da sie bloß in der Meinung anderer besteht. Jedoch

nach Ehre, d. h. gutem Namen, hat jeder zu streben, nach Rang schon

nur die, welche dem Staate dienen, und nach Ruhm gar nur äußerst

wenige. Indessen wird die Ehre als ein unschätzbares Gut angesehen,

und der Ruhm als das Köstlichste, was der Mensch erlangen kann, das

goldene Vlies der Auserwählten: hingegen den Rang werden nur Toren dem

Besitze vorziehen. Die zweite und dritte Rubrik stehn übrigens in

sogenannter Wechselwirkung; sofern das _habes, habeberis_ des

Petronius seine Richtigkeit hat, und, umgekehrt, die günstige Meinung

anderer, in allen ihren Formen, oft zum Besitze verhilft.

Kapitel II.

Von dem, was einer ist.

Daß dieses zu seinem Glücke viel mehr beiträgt, als was er *hat*, oder

was er *vorstellt*, haben wir bereits im allgemeinen erkannt. Immer

kommt es darauf an, was einer sei und demnach an sich selber habe:

denn seine Individualität begleitet ihn stets und überall, und von ihr

ist alles tingirt, was er erlebt. In allem und bei allem genießt er

zunächst nur sich selbst: Dies gilt schon von den physischen; wie viel

mehr von den geistigen Genüssen. Daher ist das englische _to enjoy

one's self_ ein sehr treffender Ausdruck, mit welchem man z. B. sagt

_he enjoys himself at Paris_, also nicht »er genießt Paris,« sondern

»er genießt *sich* in Paris.« -- Ist nun aber die Individualität von

schlechter Beschaffenheit, so sind alle Genüsse wie köstliche Weine in

einem mit Galle tingirten Munde. Demnach kommt, im Guten wie im

Schlimmen, schwere Unglücksfälle beiseite gesetzt, weniger darauf an,

was einem im Leben begegnet und widerfährt, als darauf, wie er es

empfindet, also auf die Art und den Grad seiner Empfänglichkeit in

jeder Hinsicht. Was einer in sich ist und an sich selber hat, kurz die

Persönlichkeit und deren Wert, ist das alleinige Unmittelbare zu

seinem Glück und Wohlsein. Alles andere ist mittelbar; daher auch

dessen Wirkung vereitelt werden kann, aber die der Persönlichkeit nie.

Darum eben ist der auf persönliche Vorzüge gerichtete Neid der

unversöhnlichste, wie er auch der am sorgfältigsten verhehlte ist.

Ferner ist allein die Beschaffenheit des Bewußtseins das Bleibende und

Beharrende, und die Individualität wirkt fortdauernd, anhaltend, mehr

oder minder in jedem Augenblick: alles andere hingegen wirkt immer nur

zu Zeiten, gelegentlich, vorübergehend, und ist zudem auch noch selbst

dem Wechsel und Wandel unterworfen: daher sagt Aristoteles: =hê gar

physis bebaia, ou ta chrêmata= (_nam natura perennis est, non opes_).

_Eth. Eud. VII, 2._ Hierauf beruht es, daß wir ein ganz und gar von

außen auf uns gekommenes Unglück mit mehr Fassung ertragen, als ein

selbstverschuldetes: denn das Schicksal kann sich ändern; aber die

eigene Beschaffenheit nimmer. Demnach also sind die subjektiven Güter,

wie ein edler Charakter, ein fähiger Kopf, ein glückliches

Temperament, ein heiterer Sinn und ein wohlbeschaffener, völlig

gesunder Leib, also überhaupt _mens sana in corpore sano_ (_Juvenal.

Sat. X, 356_), zu unserm Glücke die ersten und wichtigsten; weshalb

wir auf die Beförderung und Erhaltung derselben viel mehr bedacht sein

sollten, als auf den Besitz äußerer Güter und äußerer Ehre.

Was nun aber, von jenen allen, uns am unmittelbarsten beglückt, ist die

Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute Eigenschaft belohnt sich

augenblicklich selbst. Wer eben fröhlich ist, hat allemal Ursach, es zu

sein: nämlich eben diese, daß er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese

Eigenschaft, jedes andere Gut vollkommen ersetzen; während sie selbst

durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei jung, schön, reich und geehrt;

so frägt sich, wenn man sein Glück beurteilen will, ob er dabei heiter

sei: ist er hingegen heiter, so ist es einerlei, ob er jung oder alt,

gerade oder bucklig, arm oder reich sei; er ist glücklich. In früher

Jugend machte ich einmal ein altes Buch auf, und da stand: »wer viel

lacht, ist glücklich, und wer viel weint, ist unglücklich,« -- eine sehr

einfältige Bemerkung, die ich aber, wegen ihrer einfachen Wahrheit doch

nicht habe vergessen können, so sehr sie auch der Superlativ eines

_truism's_ ist. Dieserwegen also sollen wir der Heiterkeit, wann immer

sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen: denn sie kommt nie zur unrechten

Zeit; statt daß wir oft Bedenken tragen, ihr Eingang zu gestatten, indem

wir erst wissen wollen, ob wir denn auch wohl in jeder Hinsicht Ursach

haben, zufrieden zu sein; oder auch, weil wir fürchten, in unsern

ernsthaften Überlegungen und wichtigen Sorgen dadurch gestört zu werden:

allein, was wir durch diese bessern, ist sehr ungewiß; hingegen ist

Heiterkeit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist gleichsam die bare Münze

des Glückes und nicht, wie alles andere, bloß der Bankzettel; weil nur

sie unmittelbar in der Gegenwart beglückt; weshalb sie das höchste Gut

ist für Wesen, deren Wirklichkeit die Form einer unteilbaren Gegenwart

zwischen zwei unendlichen Zeiten hat. Demnach sollten wir die Erwerbung

und Beförderung dieses Gutes jedem anderen Trachten vorsetzen. Nun ist

gewiß, daß zur Heiterkeit nichts weniger beiträgt als Reichtum, und

nichts mehr als Gesundheit: in den niedrigen, arbeitenden, zumal das

Land bestellenden Klassen sind die heiteren und zufriedenen Gesichter;

in den reichen und vornehmen die verdrießlichen zu Hause. Folglich

sollten wir vor allem bestrebt sein, uns den hohen Grad vollkommener

Gesundheit zu erhalten, als dessen Blüte die Heiterkeit sich einstellt.

Die Mittel hiezu sind bekanntlich Vermeidung aller Exzesse und

Ausschweifungen, aller heftigen oder unangenehmen Gemütsbewegungen,

auch aller zu großen oder zu anhaltenden Geistesanstrengung, täglich

wenigstens zwei Stunden rascher Bewegung in freier Luft, viel kaltes

Baden und ähnliche diätetische Maßregeln. Ohne tägliche gehörige

Bewegung kann man nicht gesund bleiben; alle Lebensprozesse erfordern,

um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin sie

vorgehen, als des Ganzen. Daher sagt Aristoteles mit Recht: =ho bios

en tê kinêsei esti=. Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein

Wesen in ihr. Im ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhörliche,

rasche Bewegung: das Herz, in seiner komplizierten doppelten Systole

und Diastole, schlägt heftig und unermüdlich; mit 28 seiner Schläge

hat es die gesamte Blutmasse durch den ganzen großen und kleinen

Kreislauf hindurch getrieben; die Lunge pumpt ohne Unterlaß wie eine

Dampfmaschine; die Gedärme winden sich stets im _motus peristalticus_;

alle Drüsen saugen und sezernieren beständig, selbst das Gehirn hat

eine doppelte Bewegung mit jedem Pulsschlag und jedem Atemzug. Wenn

nun hiebei, wie es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzähliger

Menschen der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so

entsteht ein schreiendes und verderbliches Mißverhältnis zwischen der

äußern Ruhe und dem innern Tumult. Denn sogar will die beständige innere

Bewegung durch die äußere etwas unterstützt sein: jenes Mißverhältnis

aber wird dem analog, wenn, infolge irgend eines Affekts, es in unserm

Innern kocht, wir aber nach außen nichts davon sehen lassen dürfen.

Sogar die Bäume bedürfen, um zu gedeihen, der Bewegung durch den Wind.

Dabei gilt eine Regel, die sich am kürzesten lateinisch ausdrücken läßt:

_omnis motus, quo celerior, eo magis motus_. -- Wie sehr unser Glück von

der Heiterkeit der Stimmung und diese vom Gesundheitszustande abhängt,

lehrt die Vergleichung des Eindrucks, den die nämlichen äußern

Verhältnisse, oder Vorfälle, am gesunden und rüstigen Tage auf uns

machen, mit dem, welchen sie hervorbringen, wann Kränklichkeit uns

verdrießlich und ängstlich gestimmt hat. Nicht was die Dinge objektiv

und wirklich sind, sondern was sie für uns, in unsrer Auffassung sind,

macht uns glücklich oder unglücklich: Dies eben besagt Epiktets

=tarassei tous anthrôpous ou ta pragmata, alla ta peri tôn pragmatôn

dogmata= (_commovent homines non res, sed de rebus opiniones_).

Überhaupt aber beruhen 9/10 unseres Glückes allein auf der Gesundheit.

Mit ihr wird alles eine Quelle des Genusses: hingegen ist ohne sie kein

äußeres Gut, welcher Art es auch sei, genießbar, und selbst die übrigen

subjektiven Güter, die Eigenschaften des Geistes, Gemütes, Temperaments,

werden durch Kränklichkeit herabgestimmt und sehr verkümmert. Demnach

geschieht es nicht ohne Grund, daß man vor allen Dingen sich gegenseitig

nach dem Gesundheitszustande befragt und einander sich wohlzubefinden

wünscht: denn wirklich ist dieses bei weitem die Hauptsache zum

menschlichen Glück. Hieraus aber folgt, daß die größte aller Torheiten

ist, seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für

Beförderung, für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und

flüchtige Genüsse: vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.

So viel nun aber auch zu der, für unser Glück so wesentlichen

Heiterkeit die Gesundheit beiträgt, so hängt jene doch nicht von

dieser allein ab: denn auch bei vollkommener Gesundheit kann ein

melancholisches Temperament und eine vorherrschend trübe Stimmung

bestehn. Der letzte Grund davon liegt ohne Zweifel in der

ursprünglichen und daher unabänderlichen Beschaffenheit des

Organismus, und zwar zumeist in dem mehr oder minder normalen

Verhältnis der Sensibilität zur Irritabilität und Reproduktionskraft.

Abnormes Übergewicht der Sensibilität wird Ungleichheit der Stimmung,

periodische übermäßige Heiterkeit und vorwaltende Melancholie

herbeiführen. Weil nun auch das Genie durch ein Übermaß der

Nervenkraft, also der Sensibilität, bedingt ist, so hat Aristoteles

ganz richtig bemerkt, daß alle ausgezeichnete und überlegene Menschen

melancholisch seien: =pantes hosoi perittoi gegonasin andres, ê kata

philosophian, ê politikên, ê poiêsin ê technas, phainontai

melancholikoi ontes= (_Probl. 30, 1_). Ohne Zweifel ist dieses die

Stelle, welche Cicero im Auge hatte bei seinem oft angeführten

Bericht: _Aristoteles ait, omnes ingeniosos melancholicos esse_

(_Tusc. I, 33_). Die hier in Betrachtung genommene, angeborene, große

Verschiedenheit der Grundstimmung überhaupt aber hat *Shakespeare*

sehr artig geschildert:

_Nature has fram'd strange fellows in her time:

Some that will evermore peep through their eyes,

And laugh, like parrots, at a bag-piper;

And others of such vinegar aspect,

That they'll not show their teeth in way of smile,

Though Nestor swear the jest be laughable[A]._

_Merch. of Ven. Sc. I._

[A] Die Natur hat in ihren Tagen seltsame Käuze hervorgebracht,

einige, die stets aus ihren Äuglein vergnügt hervorgucken, und, wie

Papageien über einen Dudelsackspieler lachen, und andere von so

sauertöpfischem Ansehn, daß sie ihre Zähne nicht durch ein Lächeln

bloß legen, wenn auch Nestor selbst schwüre, der Spaß sei lachenswert.

Eben dieser Unterschied ist es, den *Plato* durch die Ausdrücke

=dyskolos= und =eukolos= bezeichnet. Derselbe läßt sich zurückführen

auf die bei verschiedenen Menschen sehr verschiedene Empfänglichkeit

für angenehme und unangenehme Eindrücke, infolge welcher der eine noch

lacht bei dem, was den andern fast zur Verzweiflung bringt: und zwar

pflegt die Empfänglichkeit für angenehme Eindrücke desto schwächer zu

sein, je stärker die für unangenehme ist, und umgekehrt. Nach gleicher

Möglichkeit des glücklichen und des unglücklichen Ausgangs einer

Angelegenheit wird der =dyskolos= beim unglücklichen sich ärgern oder

grämen, beim glücklichen aber sich nicht freuen; der =eukolos=

hingegen wird über den unglücklichen sich nicht ärgern, noch grämen,

aber über den glücklichen sich freuen. Wenn dem =dyskolos= von zehn

Vorhaben neun gelingen, so freut er sich nicht über diese, sondern

ärgert sich über das eine mißlungene: der =eukolos= weiß, im

umgekehrten Fall, sich doch mit dem einen gelungenen zu trösten und

aufzuheitern. -- Wie nun aber nicht leicht ein Übel ohne alle

Kompensation ist; so ergibt sich auch hier, daß die =dyskoloi=, also

die finstern und ängstlichen Charaktere, im ganzen, zwar mehr

imaginäre, dafür aber weniger reale Unfälle und Leiden zu überstehn

haben werden als die heitern und sorglosen: denn wer alles schwarz

sieht, stets das Schlimmste befürchtet und demnach seine Vorkehrungen

trifft, wird sich nicht so oft verrechnet haben, als wer stets den

Dingen die heitere Farbe und Aussicht leiht. -- Wann jedoch eine

krankhafte Affektion des Nervensystems oder der Verdauungswerkzeuge,

der angeborenen =dyskolia= in die Hände arbeitet; dann kann diese den

hohen Grad erreichen, wo dauerndes Mißbehagen Lebensüberdruß erzeugt

und demnach Hang zum Selbstmord entsteht. Diesen vermögen alsdann

selbst die geringsten Unannehmlichkeiten zu veranlassen; ja, bei den

höchsten Graden des Übels bedarf es derselben nicht einmal; sondern

bloß infolge des anhaltenden Mißbehagens wird der Selbstmord

beschlossen und alsdann mit so kühler Überlegung und fester

Entschlossenheit ausgeführt, daß der meistens schon unter Aufsicht

gestellte Kranke, stets darauf gerichtet, den ersten unbewachten

Augenblick benutzt, um, ohne Zaudern, Kampf und Zurückbeben, jenes ihm

jetzt natürliche und willkommene Erleichterungsmittel zu ergreifen.

Ausführliche Beschreibungen dieses Zustandes gibt _Esquirol, des

maladies mentales_. Allerdings aber kann, nach Umständen, auch der

gesundeste und vielleicht selbst der heiterste Mensch sich zum

Selbstmord entschließen, wenn nämlich die Größe der Leiden, oder des

unausweichbar herannahenden Unglücks, die Schrecken des Todes

überwältigt. Der Unterschied liegt allein in der verschiedenen Größe

des dazu erforderlichen Anlasses, als welche mit der =dyskolia= in

umgekehrtem Verhältnis steht. Je größer diese ist, desto geringer kann

jener sein, ja am Ende auf Null herabsinken: je größer hingegen die

=eukolia= und die sie unterstützende Gesundheit, desto mehr muß im

Anlaß liegen. Danach gibt es unzählige Abstufungen der Fälle, zwischen

den beiden Extremen des Selbstmordes, nämlich dem des rein aus

krankhafter Steigerung der angebornen =dyskolia= entspringenden, und

dem des Gesunden und Heiteren, ganz aus objektiven Gründen.

Der Gesundheit zum Teil verwandt ist die Schönheit. Wenngleich dieser

subjektive Vorzug nicht eigentlich unmittelbar zu unserm Glücke

beiträgt, sondern bloß mittelbar, durch den Eindruck auf Andere; so

ist er doch von großer Wichtigkeit, auch im Manne. Schönheit ist ein

offener Empfehlungsbrief, der die Herzen zum voraus für uns gewinnt:

daher gilt besonders von ihr der Homerische Vers:

=Outoi apoblêt' esti theôn erikydea dôra,

Hossa ken autoi dôsi, hekôn d' ouk an tis heloito.=

Der allgemeinste Überblick zeigt uns, als die beiden Feinde des

menschlichen Glückes, den Schmerz und die Langeweile. Dazu noch läßt

sich bemerken, daß, in dem Maße, als es uns glückt, von einem

derselben uns zu entfernen, wir dem andern uns nähern, und umgekehrt;

so daß unser Leben wirklich eine stärkere oder schwächere Oszillation

zwischen ihnen darstellt. Dies entspringt daraus, daß beide in einem

doppelten Antagonismus zu einander stehn, einem äußern oder

objektiven, und einem innern oder subjektiven. Äußerlich nämlich

gebiert Not und Entbehrung den Schmerz; hingegen Sicherheit und

Überfluß die Langeweile. Demgemäß sehen wir die niedere Volksklasse in

einem beständigen Kampf gegen die Not, also den Schmerz; die reiche

und vornehme Welt hingegen in einem anhaltenden oft wirklich

verzweifelten Kampf gegen die Langeweile. Der innere oder subjektive

Antagonismus derselben aber beruht darauf, daß, im einzelnen Menschen,

die Empfänglichkeit für das eine in entgegengesetztem Verhältnis zu

der für das andere steht, indem sie durch das Maß seiner Geisteskräfte

bestimmt wird. Nämlich Stumpfheit des Geistes ist durchgängig im

Verein mit Stumpfheit der Empfindung und Mangel an Reizbarkeit, welche

Beschaffenheit für Schmerzen und Betrübnisse jeder Art und Größe

weniger empfänglich macht: aus eben dieser Geistesstumpfheit aber geht

andrerseits jene, auf zahllosen Gesichtern ausgeprägte, wie auch durch

die beständig rege Aufmerksamkeit auf alle, selbst die kleinsten

Vorgänge in der Außenwelt sich verratende *innere Leerheit* hervor,

welche die wahre Quelle der Langeweile ist und stets nach äußerer

Anregung lechzt, um Geist und Gemüt durch irgend etwas in Bewegung zu

bringen. In der Wahl desselben ist sie daher nicht ekel; wie dies die

Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe bezeugt, zu denen man Menschen

greifen sieht, imgleichen die Art ihrer Geselligkeit und Konversation,

nicht weniger die vielen Türsteher und Fenstergucker. Hauptsächlich

aus dieser inneren Leerheit entspringt die Sucht nach Gesellschaft,

Zerstreuung, Vergnügen und Luxus jeder Art, welche viele zur

Verschwendung und dann zum Elende führt. Vor diesem Elende bewahrt

nichts so sicher, als der *innere* Reichtum, der Reichtum des Geistes:

denn dieser läßt, je mehr er sich der Eminenz nähert, der Langenweile

immer weniger Raum. Die unerschöpfliche Regsamkeit der Gedanken aber,

ihr an den mannigfaltigen Erscheinungen der Innen- und Außenwelt sich

stets erneuerndes Spiel, die Kraft und der Trieb zu immer andern

Kombinationen derselben, setzen den eminenten Kopf, die Augenblicke

der Abspannung abgerechnet, ganz außer den Bereich der Langenweile.

Andrerseits nun aber hat die gesteigerte Intelligenz eine erhöhte

Sensibilität zur unmittelbaren Bedingung, und größere Heftigkeit des

Willens, also der Leidenschaftlichkeit, zur Wurzel: aus ihrem Verein

mit diesen erwächst nun eine viel größere Stärke aller Affekte und

eine gesteigerte Empfindlichkeit gegen die geistigen und selbst gegen

körperliche Schmerzen, sogar größere Ungeduld bei allen Hindernissen

oder auch nur Störungen; welches alles zu erhöhen die aus der Stärke

der Phantasie entspringende Lebhaftigkeit sämtlicher Vorstellungen,

also auch der widerwärtigen, mächtig beiträgt. Das Gesagte gilt nun

verhältnismäßig von allen den Zwischenstufen, welche den weiten Raum

vom stumpfesten Dummkopf bis zum größten Genie ausfüllen. Demzufolge

steht jeder, wie objektiv, so auch subjektiv, der einen Quelle der

Leiden des menschlichen Lebens um so näher, als er von der andern

entfernter ist. Dem entsprechend wird sein natürlicher Hang ihn

anleiten, in dieser Hinsicht das Objektive dem Subjektiven möglichst

anzupassen, also gegen *die* Quelle der Leiden, für welche er die

größere Empfänglichkeit hat, die größere Vorkehr zu treffen. Der

geistreiche Mensch wird vor allem nach Schmerzlosigkeit,

Ungehudeltsein, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles,

bescheidenes, aber möglichst unangefochtenes Leben suchen und

demgemäß, nach einiger Bekanntschaft mit den sogenannten Menschen, die

Zurückgezogenheit und, bei großem Geiste, sogar die Einsamkeit wählen.

Denn je mehr einer an sich selber hat, desto weniger bedarf er von

außen und desto weniger können auch die übrigen ihm sein. Darum führt

die Eminenz des Geistes zur Ungeselligkeit. Ja, wenn die Qualität der

Gesellschaft sich durch die Quantität ersetzen ließe; da wäre es der

Mühe wert, sogar in der großen Welt zu leben: aber leider geben

hundert Narren, auf einem Haufen, noch keinen gescheuten Mann. -- Der

vom andern Extrem wird, sobald die Not ihn zu Atem kommen läßt,

Kurzweil und Gesellschaft, um jeden Preis suchen und mit allem leicht

vorlieb nehmen, nichts so sehr fliehend wie sich selbst. Denn in der

Einsamkeit, als wo jeder auf sich selbst zurückgewiesen ist, da zeigt

sich, was er *an sich selber* hat: da seufzt der Tropf im Purpur unter

der unabwälzbaren Last seiner armseligen Individualität; während der

Hochbegabte die ödeste Umgebung mit seinen Gedanken bevölkert und

belebt. Daher ist sehr wahr, was *Seneka* sagt: _omnes stultitia

laborat fastidio sui_ (_ep. 9_); wie auch Jesus Sirachs Ausspruch:

»des Narren Leben ist ärger denn der Tod.« Demgemäß wird man, im

ganzen, finden, daß jeder in dem Maße gesellig ist, wie er geistig arm

und überhaupt gemein ist. Denn man hat in der Welt nicht viel mehr,

als die Wahl zwischen Einsamkeit und Gemeinheit. Die geselligsten

aller Menschen sollen die Neger sein, wie sie eben auch intellektuell

entschieden zurückstehn: nach Berichten aus Nord-Amerika, in

Französischen Zeitungen (_le Commerce, Octbr. 19, 1837_), sperren die

Schwarzen, Freie und Sklaven durcheinander, in großer Anzahl, sich in

den engsten Raum zusammen, weil sie ihr schwarzes Stumpfnasengesicht

nicht oft genug wiederholt erblicken können.

Dem entsprechend, daß das Gehirn als der Parasit oder Pensionär des

ganzen Organismus auftritt, ist die errungene *freie Muße* eines

jeden, indem sie ihm den freien Genuß seines Bewußtseins und seiner

Individualität gibt, die Frucht und der Ertrag seines gesamten

Daseins, welches im übrigen nur Mühe und Arbeit ist. Was nun aber

wirft die freie Muße der meisten Menschen ab? Langeweile, und

Dumpfheit, so oft nicht sinnliche Genüsse oder Albernheiten da sind,

sie auszufüllen. Wie völlig wertlos sie ist, zeigt die Art, wie sie

solche zubringen: sie ist eben das _ozio lungo d'uomini ignoranti_ des

Ariosto. Die gewöhnlichen Leute sind bloß darauf bedacht, die Zeit

*zuzubringen*; wer irgend ein Talent hat, -- sie *zu benutzen*. -- Daß

die beschränkten Köpfe der Langeweile so sehr ausgesetzt sind, kommt

daher, daß ihr Intellekt durchaus nichts weiter, als das *Medium der

Motive* für ihren Willen ist. Sind nun vor der Hand keine Motive

aufzufassen da; so ruht der Wille und feiert der Intellekt; dieser,

weil er so wenig wie jener auf eigene Hand in Tätigkeit gerät: das

Resultat ist schreckliche Stagnation aller Kräfte im ganzen Menschen,

-- Langeweile. Dieser zu begegnen, schiebt man nun dem Willen kleine,

bloß einstweilige und beliebig angenommene Motive vor, ihn zu erregen

und dadurch auch den Intellekt, der sie aufzufassen hat, in Tätigkeit

zu versetzen: diese verhalten sich demnach zu den wirklichen und

natürlichen Motiven wie Papiergeld zu Silber; da ihre Geltung eine

willkürlich angenommene ist. Solche Motive nun sind die *Spiele*, mit

Karten usw., welche zu besagtem Zweck erfunden worden sind. Fehlt es

daran, so hilft der beschränkte Mensch sich durch Klappern oder

Trommeln, mit allem, was er in die Hand kriegt. Auch die Zigarre ist

ihm ein willkommenes Surrogat der Gedanken. -- Daher also ist, in

allen Ländern, die Hauptbeschäftigung aller Gesellschaft das

Kartenspiel geworden: es ist der Maßstab des Wertes derselben und der

deklarierte Bankrott an allen Gedanken. Weil sie nämlich keine

Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie Karten aus und suchen

einander Gulden abzunehmen. O, klägliches Geschlecht! Und indessen

auch hier nicht ungerecht zu sein, will ich den Gedanken nicht

unterdrücken, daß man zur Entschuldigung des Kartenspiels allenfalls

anführen könnte, es sei eine Vorübung zum Welt- und Geschäftsleben,

sofern man dadurch lernt, die vom Zufall unabänderlich gegebenen

Umstände (Karten) klug zu benutzen, um daraus was immer angeht zu

machen, zu welchem Zwecke man sich denn auch gewöhnt, Contenance zu

halten, indem man zum schlechten Spiel eine heitere Miene aufsetzt.

Aber eben deshalb hat andererseits das Kartenspiel einen

demoralisierenden Einfluß. Der Geist des Spiels nämlich ist, daß man

auf alle Weise, durch jeden Streich und jeden Schlich, dem andern das

Seinige abgewinne. Aber die Gewohnheit, im Spiel so zu verfahren,

wurzelt ein, greift über in das praktische Leben, und man kommt

allmälig dahin, in den Angelegenheiten des Mein und Dein es ebenso zu

machen und jeden Vorteil, den man eben in der Hand hält, für erlaubt

zu halten, sobald man nur es gesetzlich darf. Belege hiezu gibt ja das

bürgerliche Leben täglich. -- Weil also, wie gesagt, die *freie Muße*

die Blüte, oder vielmehr die Frucht des Daseins eines jeden ist, indem

nur sie ihn in den Besitz seines eigenen Selbst einsetzt, so sind die

glücklich zu preisen, welche dann auch etwas Rechtes an sich selber

erhalten; während den Allermeisten die freie Muße nichts abwirft, als

einen Kerl, mit dem nichts anzufangen ist, der sich schrecklich

langweilt, sich selber zur Last. Demnach freuen wir uns, »ihr lieben

Brüder, daß wir nicht sind der Magd Kinder, sondern der Freien.« (Gal.

4, 31.)

Ferner, wie das Land am glücklichsten ist, welches weniger oder keiner

Einfuhr bedarf; so auch der Mensch, der an seinem innern Reichtum

genug hat und zu seiner Unterhaltung wenig oder nichts von außen nötig

hat; da dergleichen Zufuhr viel kostet, abhängig macht, Gefahr bringt,

Verdruß verursacht und am Ende doch nur ein schlechter Ersatz ist für

die Erzeugnisse des eigenen Bodens. Denn von andern, von außen

überhaupt, darf man in keiner Hinsicht viel erwarten. Was einer dem

andern sein kann, hat seine sehr engen Grenzen: am Ende bleibt doch

jeder allein, und da kommt es darauf an, *wer* jetzt allein sei. Auch

hier gilt demnach was Goethe (Dicht. u. Wahrh. Bd. 3, S. 474) im

allgemeinen ausgesprochen hat, daß, in allen Dingen, jeder zuletzt auf

sich selbst zurückgewiesen wird, oder, wie *Oliver Goldsmith* sagt:

_Still to ourselves in ev'ry place consign'd,

Our own felicity we make or find._

(_The Traveller v. 431 sq._)

Das Beste und Meiste muß daher jeder sich selber sein und leisten. Je

mehr nun dieses ist, und je mehr demzufolge er die Quellen seiner

Genüsse in sich selbst findet, desto glücklicher wird er sein. Mit

größtem Rechte also sagt Aristoteles: =hê eudaimonia tôn autarkôn

esti= (_Eth. Eud. VII, 2_), zu deutsch: das Glück gehört denen, die

sich selber genügen. Denn alle äußern Quellen des Glückes und Genusses

sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, mißlich, vergänglich und dem

Zufall unterworfen, dürften daher, selbst unter den günstigsten

Umständen, leicht stocken; ja, dieses ist unvermeidlich, sofern sie

doch nicht stets zur Hand sein können. Im Alter nun gar versiegen sie

fast alle notwendig: denn da verläßt uns Liebe, Scherz, Reiselust,

Pferdelust und Tauglichkeit für die Gesellschaft: sogar die Freunde

und Verwandten entführt uns der Tod. Da kommt es denn, mehr als je,

darauf an, was einer an sich selber habe. Denn dieses wird am längsten

Stich halten. Aber auch in jedem Alter ist und bleibt es die echte und

allein ausdauernde Quelle des Glücks. Ist doch in der Welt überall

nicht viel zu holen: Not und Schmerz erfüllen sie, und auf die, welche

diesen entronnen sind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. Zudem

hat in der Regel die Schlechtigkeit die Herrschaft darin und die

Torheit das große Wort. Das Schicksal ist grausam und die Menschen

sind erbärmlich. In einer so beschaffenen Welt gleicht der, welcher

viel an sich selber hat, der hellen, warmen lustigen Weihnachtsstube,

mitten im Schnee und Eise der Dezembernacht. Demnach ist eine

vorzügliche, eine reiche Individualität und besonders sehr viel Geist

zu haben ohne Zweifel das glücklichste Los auf Erden; so verschieden

es etwan auch von dem glänzendesten ausgefallen sein mag. Daher war es

ein weiser Ausspruch der erst 19jährigen Königin Christine von

Schweden, über den ihr noch bloß durch *einen* Aufsatz und aus

mündlichen Berichten bekannt gewordenen Kartesius, welcher damals seit

20 Jahren in der tiefsten Einsamkeit, in Holland, lebte: _Mr.

Descartes est le plus heureux de tous les hommes, et sa condition me

semble digne d'envie._ (_Vie de Descartes par Baillet, Liv. VII, ch.

10._) Nur müssen, wie es eben auch der Fall des Kartesius war, die

äußeren Umstände es so weit begünstigen, daß man auch sich selbst

besitzen und seiner froh werden könne; weshalb schon Koheleth (7, 12)

sagt: »Weisheit ist gut mit einem Erbgut, und hilft, daß einer sich

der Sonne freuen kann.« Wem nun, durch Gunst der Natur und des

Schicksals, dieses Los beschieden ist, der wird mit ängstlicher

Sorgfalt darüber wachen, daß die innere Quelle seines Glückes ihm

zugänglich bleibe; wozu Unabhängigkeit und Muße die Bedingungen sind.

Diese wird er daher gern durch Mäßigkeit und Sparsamkeit erkaufen; um

so mehr, als er nicht, gleich den andern, auf die äußern Quellen der

Genüsse verwiesen ist. Darum wird die Aussicht auf Ämter, Geld, Gunst

und Beifall der Welt, ihn nicht verleiten, sich selber aufzugeben, um

den niedrigen Absichten oder dem schlechten Geschmacke der Menschen

sich zu fügen. Vorkommenden Falls wird er es machen wie *Horaz* in der

Epistel an den Mäcenas (_Lib. I, ep. 7_). Es ist eine große Torheit,

um *nach außen* zu gewinnen, *nach innen* zu verlieren, d. h. für

Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre, seine Ruhe, Muße und

Unabhängigkeit ganz oder großenteils hinzugeben. Dies hat aber

*Goethe* getan. Mich hat mein Genius mit Entschiedenheit nach der

andern Seite gezogen.

Die hier erörterte Wahrheit, daß die Hauptquelle des menschlichen

Glückes im eigenen Innern entspringt, findet ihre Bestätigung auch an

der sehr richtigen Bemerkung des *Aristoteles*, in der Nikomachäischen

Ethik (_I, 7; et VII, 13, 14_), daß jeglicher Genuß irgendeine

Aktivität, also die Anwendung irgendeiner Kraft voraussetzt und ohne

solche nicht bestehn kann. Diese Aristotelische Lehre, daß das Glück

eines Menschen in der ungehinderten Ausübung seiner hervorstechenden

Fähigkeit bestehe, gibt auch Stobäos wieder in seiner Darstellung der

peripatetischen Ethik (_Ecl. eth. II, c. 7, p. 268-278_), z. B.

=energeian einai tên eudaimonian kat' aretên, en praxesi proêgoumenais

kat' euchên= (_felicitatem esse functionem secundum virtutem, per

actiones successus compotes_); auch mit der Erklärung, daß =aretê=

jede Virtuosität sei. Nun ist die ursprüngliche Bestimmung der Kräfte,

mit welchen die Natur den Menschen ausgerüstet hat, der Kampf gegen

die Not, die ihn von allen Seiten bedrängt. Wenn aber dieser Kampf

einmal rastet, da werden ihm die unbeschäftigten Kräfte zur Last: er

muß daher jetzt mit ihnen *spielen*, d. h. sie zwecklos gebrauchen:

denn sonst fällt er der anderen Quelle des menschlichen Leidens, der

Langeweile, sogleich anheim. Von dieser sind daher vor allem die

Großen und Reichen gemartert, und hat von ihrem Elend schon Lukretius

eine Schilderung gegeben, deren Treffendes zu erkennen man noch heute,

in jeder großen Stadt, täglich Gelegenheit findet:

_Exit saepe foras magnis ex aedibus ille,

Esse domi quem pertaesum est, subitoque reventat;

Quippe foris nihilo melius qui sentiat esse.

Currit, agens mannos, ad villam praecipitanter,

Auxilium tectis quasi ferre ardentibus instans:

Oscitat extemplo, tetigit quum limina villae;

Aut abit in somnum gravis, atque oblivia quaerit;

Aut etiam properans urbem petit, atque revisit._

_III, 1073._

Bei diesen Herren muß in der Jugend die Muskelkraft und die

Zeugungskraft herhalten. Aber späterhin bleiben nur die Geisteskräfte:

fehlt es dann an diesen, oder an ihrer Ausbildung und dem

angesammelten Stoffe zu ihrer Tätigkeit, so ist der Jammer groß. Weil

nun der *Wille* die einzige unerschöpfliche Kraft ist; so wird er

jetzt angereizt durch Erregung der Leidenschaften, z. B. durch hohe

Hasardspiele, dieses wahrhaft degradierende Laster. -- Überhaupt aber

wird jedes unbeschäftigte Individuum, je nach der Art der in ihm

vorwaltenden Kräfte, sich ein Spiel zu ihrer Beschäftigung wählen:

etwan Kegel oder Schach; Jagd oder Malerei; Wettrennen oder Musik;

Kartenspiel oder Poesie; Heraldik oder Philosophie, usw. Wir können

sogar die Sache methodisch untersuchen, indem wir auf die Wurzel aller

menschlichen Kraftäußerungen zurückgehen, also auf die *drei

physiologischen Grundkräfte*, welche wir demnach hier in ihrem

zwecklosen Spiele zu betrachten haben, in welchem sie als die Quellen

dreier Arten möglicher Genüsse auftreten, aus denen jeder Mensch, je

nachdem die eine oder die andere jener Kräfte in ihm vorwaltet, die

ihm angemessenen erwählen wird. Also zuerst, die Genüsse der

*Reproduktionskraft*: sie bestehn im Essen, Trinken, Verdauen, Ruhen

und Schlafen. Diese werden daher sogar ganzen Völkern als ihre

Nationalvergnügungen von den andern nachgerühmt. Zweitens die Genüsse

der *Irritabilität*: sie bestehen im Wandern, Springen, Ringen,

Tanzen, Fechten, Reiten und athletischen Spielen jeder Art, wie auch

in der Jagd und sogar in Kampf und Krieg. Drittens, die Genüsse der

*Sensibilität*: sie bestehen im Beschauen, Denken, Empfinden, Dichten,

Bilden, Musiziren, Lernen, Lesen, Meditieren, Erfinden, Philosophiren

usw. -- Über den Wert, den Grad, die Dauer jeder dieser Arten der

Genüsse lassen sich mancherlei Betrachtungen anstellen, die dem Leser

selbst überlassen bleiben. Jedem aber wird dabei einleuchten, daß

unser allemal durch den Gebrauch der eigenen Kräfte bedingter Genuß

und mithin unser in dessen häufiger Wiederkehr bestehendes Glück, um

so größer sein wird, je edlerer Art die ihn bedingende Kraft ist. Den

Vorrang, welchen in dieser Hinsicht die Sensibilität, deren

entschiedenes Überwiegen das Auszeichnende des Menschen vor den

übrigen Tiergeschlechtern ist, vor den beiden andern physiologischen

Grundkräften hat, als welche in gleichem und sogar in höherem Grade

den Tieren einwohnen, wird ebenfalls niemand ableugnen. Der

Sensibilität gehören unsere Erkenntniskräfte an: daher befähigt das

Überwiegen derselben zu den im *Erkennen* bestehenden, also den

sogenannten *geistigen* Genüssen, und zwar zu um so größeren, je

entschiedener jenes Überwiegen ist[B]. Dem normalen, gewöhnlichen

Menschen kann eine Sache allein dadurch lebhafte Teilnahme abgewinnen,

daß sie seinen *Willen* anregt, also ein persönliches Interesse für

ihn hat. Nun ist aber jede anhaltende Erregung des *Willens*

wenigstens gemischter Art, also mit Schmerz verknüpft. Ein

absichtliches Erregungsmittel desselben und zwar mittels so kleiner

Interessen, daß sie nur momentane und leichte, nicht bleibende und

ernstliche Schmerzen verursachen können, sonach als ein bloßes Kitzeln

des Willens zu betrachten sind, ist das Kartenspiel, diese

durchgängige Beschäftigung der »guten Gesellschaft«, aller Orten[C].

-- Der Mensch von überwiegenden Geisteskräften hingegen ist der

lebhaftesten Teilnahme auf dem Wege bloßer *Erkenntnis*, ohne alle

Einmischung des *Willens*, fähig, ja bedürftig. Diese Teilnahme aber

versetzt ihn alsdann in eine Region, welcher der Schmerz wesentlich

fremd ist, gleichsam in die Atmosphäre der leicht lebenden Götter,

=theaôn rheia zôontôn=. Während demnach das Leben der übrigen in

Dumpfheit dahingeht, indem ihr Dichten und Trachten gänzlich auf die

kleinlichen Interessen der persönlichen Wohlfahrt und dadurch auf

Miseren aller Art gerichtet ist, weshalb unerträgliche Langeweile sie

befällt, sobald die Beschäftigung mit jenen Zwecken stockt und sie auf

sich selbst zurückgewiesen werden, indem nur das wilde Feuer der

Leidenschaft einige Bewegung in die stockende Masse zu bringen vermag;

so hat dagegen der mit überwiegenden Geisteskräften ausgestattete

Mensch ein gedankenreiches, durchweg belebtes und bedeutsames Dasein:

würdige und interessante Gegenstände beschäftigen ihn, sobald er sich

ihnen überlassen darf und in sich selbst trägt er eine Quelle der

edelsten Genüsse. Anregung von außen geben ihm die Werke der Natur und

der Anblick des menschlichen Treibens, sodann die so verschiedenartigen

Leistungen der Hochbegabten aller Zeiten und Länder, als welche

eigentlich nur ihm ganz genießbar, weil nur ihm ganz verständlich und

fühlbar sind. Für ihn demnach haben jene wirklich gelebt, an ihn haben

sie sich eigentlich gewendet; während die übrigen nur als zufällige

Zuhörer eines und das andere halb auffassen. Freilich aber hat er

durch dieses alles ein Bedürfnis mehr als die andern, das Bedürfnis zu

lernen, zu sehen, zu studiren, zu meditiren, zu üben, folglich auch

das Bedürfnis freier Muße: aber eben weil, wie *Voltaire* richtig

bemerkt, _il n'est de vrais plaisirs qu'avec de vrais besoins_, so ist

dies Bedürfnis die Bedingung dazu, daß ihm Genüsse offen stehn, welche

den andern versagt bleiben, als welchen Natur- und Kunstschönheiten

und Geisteswerke jeder Art, selbst wenn sie solche um sich anhäufen,

im Grunde doch nur das sind, was Hetären einem Greise. Ein so

bevorzugter Mensch führt infolge davon neben seinem persönlichen Leben

noch ein zweites, nämlich ein intellektuelles, welches ihm allmälig

zum eigentlichen Zweck wird, zu welchem er jenes erstere nur noch als

Mittel ansieht: während den übrigen dieses schale, leere und betrübte

Dasein selbst als Zweck gelten muß. Jenes intellektuelle Leben wird

daher ihn vorzugsweise beschäftigen und es erhält, durch den

fortwährenden Zuwachs an Einsicht und Erkenntnis, einen Zusammenhang,

eine beständige Steigerung, eine sich mehr und mehr abrundende

Ganzheit und Vollendung, wie ein werdendes Kunstwerk; wogegen das bloß

praktische, bloß auf persönliche Wohlfahrt gerichtete, bloß eines

Zuwachses in der Länge, nicht in der Tiefe fähige Leben der andern

traurig absticht, dennoch ihnen, wie gesagt, als Selbstzweck gelten

muß; während es jenem bloßes Mittel ist.

[B] Die Natur steigert sich fortwährend, zunächst vom mechanischen und

chemischen Wirken des unorganischen Reiches zum vegetabilischen und

seinem dumpfen Selbstgenuß, von da zum Tierreich, mit welchem die

Intelligenz und das Bewußtsein anbricht und nun von schwachen Anfängen

stufenweise immer höher steigt und endlich durch den letzten und

größten Schritt bis zum *Menschen* sich erhebt, in dessen Intellekt

also die Natur den Gipfelpunkt und das Ziel ihrer Produktionen

erreicht, also das Vollendetste und Schwierigste liefert, was sie

hervorzubringen vermag. Selbst innerhalb der menschlichen Spezies aber

stellt der Intellekt noch viele und merkliche Abstufungen dar und

gelangt höchst selten zur obersten, der eigentlich hohen Intelligenz.

Diese nun also ist im engeren und strengeren Sinne das schwierigste

und höchste Produkt der Natur, mithin das Seltenste und Wertvollste,

was die Welt aufzuweisen hat. In einer solchen Intelligenz tritt das

klarste Bewußtsein ein und stellt demgemäß die Welt sich deutlicher

und vollständiger als irgendwo dar. Der damit Ausgestattete besitzt

demnach das Edelste und Köstlichste auf Erden und hat dementsprechend

eine Quelle von Genüssen, gegen welche alle übrigen gering sind; so

daß er von außen nichts weiter bedarf, als nur die Muße, sich dieses

Besitzes ungestört zu erfreuen und seinen Diamanten auszuschleifen.

Denn alle anderen, also nicht intellektuellen Genüsse sind niedrigerer

Art: sie laufen sämtlich auf Willensbewegungen hinaus, also auf

Wünschen, Hoffen, Fürchten und Erreichen, gleichviel auf was es

gerichtet sei, wobei es nie ohne Schmerzen abgehen kann, und zudem mit

dem Erreichen, in der Regel, mehr oder weniger Enttäuschung eintritt,

statt daß bei den intellektuellen Genüssen die Wahrheit immer klarer

wird. Im Reiche der Intelligenz waltet kein Schmerz, sondern alles ist

Erkenntnis. Alle intellektuellen Genüsse sind nun aber jedem nur

vermittels und also nach Maßgabe seiner eigenen Intelligenz

zugänglich: denn _tout l'esprit, qui est au monde, est inutile à celui

qui n'en a point_. Ein wirklicher, jenen Vorzug begleitender Nachteil

aber ist, daß, in der ganzen Natur, mit dem Grad der Intelligenz die

Fähigkeit zum Schmerze sich steigert, also ebenfalls erst hier ihre

höchste Stufe erreicht.

[C] Die *Vulgarität* besteht im Grunde darin, daß im Bewußtsein das

Wollen das Erkennen gänzlich überwiegt, womit es den Grad erreicht,

daß durchaus nur zum Dienste des Willens das Erkennen eintritt,

folglich wo dieser Dienst es nicht heischt, also eben keine Motive,

weder große noch kleine, vorliegen, das Erkennen ganz zessiert,

folglich völlige Gedankenleere eintritt. Nun ist aber erkenntnisloses

Wollen das Gemeinste, was es gibt: jeder Klotz Holz hat es und zeigt

es wenigstens, wenn er fällt. Daher macht jener Zustand die Vulgarität

aus. In demselben bleiben bloß die Sinneswerkzeuge und die geringe,

zur Apprehension ihrer Data erforderte Verstandestätigkeit aktiv,

infolge wovon der vulgäre Mensch allen Eindrücken beständig offen

steht, also alles, was um ihn herum vorgeht, augenblicklich wahrnimmt,

so daß der leiseste Ton und jeder, auch noch so geringfügige Umstand

seine Aufmerksamkeit sogleich erregt, eben wie bei den Tieren. Dieser

ganze Zustand wird in seinem Gesicht und ganzen Äußeren sichtbar, --

woraus dann das vulgäre Ansehen hervorgeht, dessen Eindruck um so

widerlicher ist, wann, wie meistens, der hier das Bewußtsein allein

erfüllende Wille ein niedriger, egoistischer und überhaupt schlechter

ist.

Unser praktisches, reales Leben nämlich ist, wenn nicht die

Leidenschaften es bewegen, langweilig und fade; wenn sie aber es

bewegen, wird es bald schmerzlich: darum sind die allein beglückt,

denen irgendein Überschuß des Intellekts über das zum Dienst ihres

Willens erforderte Maß zuteil geworden. Denn damit führen sie, neben

ihrem wirklichen, noch ein intellektuelles Leben, welches sie

fortwährend auf eine *schmerzlose* Weise und doch lebhaft beschäftigt

und unterhält. Bloße Muße, d. h. durch den Dienst des Willens

*unbeschäftigter* Intellekt, reicht dazu nicht aus; sondern ein

wirklicher Überschuß der *Kraft* ist erfordert: denn nur dieser

befähigt zu einer dem Willen nicht dienenden, rein geistigen

Beschäftigung: hingegen _otium sine litteris mors est et hominis vivi

sepultura_ (_Sen. ep. 82_). Je nachdem nun aber dieser Überschuß klein

oder groß ist, gibt es unzählige Abstufungen jenes, neben dem realen

zu führenden intellektuellen Lebens, vom bloßen Insekten-, Vögel-,

Mineralien-, Münzensammeln und Beschreiben bis zu den höchsten

Leistungen der Poesie und Philosophie. Ein solches intellektuelles

Leben schützt aber nicht nur gegen die Langeweile, sondern auch gegen

die verderblichen Folgen derselben. Es wird nämlich zur Schutzwehr

gegen schlechte Gesellschaft und gegen die vielen Gefahren,

Unglücksfälle, Verluste und Verschwendungen, in die man gerät, wenn

man sein Glück ganz in der realen Welt sucht. So hat z. B. mir meine

Philosophie nie etwas eingebracht; aber sie hat mir sehr viel erspart.

Der normale Mensch hingegen ist, hinsichtlich des Genusses seines

Lebens, auf Dinge *außer ihm* gewiesen, auf den Besitz, den Rang, auf

Weib und Kinder, Freunde, Gesellschaft usw., auf diese stützt sich

sein Lebensglück: darum fällt es dahin, wenn er sie verliert oder er

sich in ihnen getäuscht sah. Dies Verhältnis auszudrücken, können wir

sagen, daß sein Schwerpunkt *außer ihm* fällt. Eben deshalb hat er

auch stets wechselnde Wünsche und Grillen: er wird, wenn seine Mittel

es erlauben, bald Landhäuser, bald Pferde kaufen, bald Feste geben,

bald Reisen machen, überhaupt aber großen Luxus treiben, weil er eben

in Dingen aller Art ein Genüge *von außen* sucht; wie der Entkräftete

aus Consommé's und Apothekerdrogen die Gesundheit und Stärke zu

erlangen hofft, deren wahre Quelle die eigene Lebenskraft ist. Stellen

wir nun, um nicht gleich zum anderen Extrem überzugehn, neben ihn

einen Mann von nicht gerade eminenten, aber doch das gewöhnliche

knappe Maß überschreitenden Geisteskräften, so sehn wir diesen etwa

irgendeine schöne Kunst als Dilettant üben, oder aber eine

Realwissenschaft, wie Botanik, Mineralogie, Physik, Astronomie,

Geschichte u. dgl. betreiben und alsbald einen großen Teil seines

Genusses darin finden, sich daran erholend, wenn jene äußeren Quellen

stocken oder ihn nicht mehr befriedigen. Wir können insofern sagen,

daß sein Schwerpunkt schon zum Teil *in ihn selbst* fällt. Weil jedoch

bloßer Dilettantismus in der Kunst noch sehr weit von der

hervorbringenden Fähigkeit liegt, und weil bloße Realwissenschaften

bei den Verhältnissen der Erscheinungen zueinander stehn bleiben, so

kann der ganze Mensch nicht darin aufgehen, sein ganzes Wesen kann

nicht bis auf den Grund von ihnen erfüllt werden und daher sein Dasein

sich nicht mit ihnen so verweben, daß er am übrigen alles Interesse

verlöre. Dies nun bleibt der höchsten geistigen Eminenz allein

vorbehalten, die man mit dem Namen des Genies zu bezeichnen pflegt:

denn nur sie nimmt das Dasein und Wesen der Dinge im ganzen und

absolut zu ihrem Thema, wonach sie dann ihr tiefe Auffassung

desselben, gemäß ihrer individuellen Richtung, durch Kunst, Poesie

oder Philosophie auszusprechen streben wird. Daher ist allein einem

Menschen dieser Art die ungestörte Beschäftigung mit sich, mit seinen

Gedanken und Werken dringendes Bedürfnis, Einsamkeit willkommen, freie

Muße das höchste Gut, alles übrige entbehrlich, ja, wenn vorhanden,

oft nur zur Last. Nur von einem solchen Menschen können wir demnach

sagen, daß sein Schwerpunkt *ganz in ihn* fällt. Hieraus wird sogar

erklärlich, daß die höchst seltenen Leute dieser Art, selbst beim

besten Charakter, doch nicht jene innige und grenzenlose Teilnahme an

Freunden, Familie und Gemeinwesen zeigen, deren manche der anderen

fähig sind: denn sie können sich zuletzt über alles trösten; wenn sie

nur sich selbst haben. Sonach liegt in ihnen ein isolirendes Element

mehr, welches um so wirksamer ist, als die anderen ihnen eigentlich

nie vollkommen genügen, weshalb sie in ihnen nicht ganz und gar

ihresgleichen sehen können, ja, da das Heterogene in allem und jedem

ihnen stets fühlbar wird, allmählich sich gewöhnen, unter den Menschen

als verschiedenartige Wesen umherzugehen und, in ihren Gedanken über

dieselben, sich der dritten nicht der ersten Person Pluralis zu

bedienen. --

Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint nun der, welchen die Natur in

intellektueller Hinsicht sehr reich ausgestattet hat, als der

Glücklichste; so gewiß das Subjektive uns näher liegt als das

Objektive, dessen Wirkung, welcher Art sie auch sei, immer erst durch

jenes vermittelt, also nur sekundär ist. Dies bezeugt auch der schöne

Vers:

=Ploutos ho tês psychês ploutos monos estin alêthês,

T' alla d' echei atên pleiona tôn kteanôn.=

_Lucian in Anthol. I, 67._

Ein solcher innerlich Reicher bedarf von außen nichts weiter als eines

negativen Geschenks, nämlich freier Muße, um seine geistigen

Fähigkeiten ausbilden und entwickeln und seinen innern Reichtum

genießen zu können, also eigentlich nur der Erlaubnis, sein ganzes

Leben hindurch, jeden Tag und jede Stunde, ganz er selbst sein zu

dürfen. Wenn einer bestimmt ist, die Spur seines Geistes dem ganzen

Menschengeschlechte aufzudrücken, so gibt es für ihn nur ein Glück

oder Unglück, nämlich seine Anlagen vollkommen ausbilden und seine

Werke vollenden zu können, -- oder aber hieran verhindert zu sein.

Alles andere ist für ihn geringfügig. Demgemäß sehen wir die großen

Geister aller Zeiten auf freie Muße den allerhöchsten Wert legen. Denn

die freie Muße eines jeden ist so viel wert, wie er selbst wert ist.

=Dokei de hê eudaimonia en tê scholê einai= (_videtur beatitudo in

otio esse sita_) sagt *Aristoteles* (_Eth. Nic. X, 7_), und Diogenes

Laertius (_II, 5, 31_) berichtet, daß =Sôkratês epênei scholên, hôs

kalliston ktêmatôn= (_Socrates otium ut possessionum omnium

pulcherrimam laudabat_). Dem entspricht auch, daß Aristoteles (_Eth.

Nic. X, 7, 8, 9_) das philosophische Leben für das glücklichste

erklärt. Sogar gehört hierher, was er in der Politik (_IV, 11_) sagt:

=ton eudaimona bion einai ton kat' aretên anempodiston=, welches,

gründlich übersetzt, besagt: »seine Trefflichkeit, welcher Art sie

auch sei, ungehindert üben zu können, ist das eigentliche Glück,« und

also zusammentrifft mit *Goethes* Ausspruch im Wilhelm Meister: »wer

mit einem Talent, zu einem Talent geboren ist, findet in demselben

sein schönstes Dasein.« -- Nun aber ist freie Muße zu besitzen nicht

nur dem gewöhnlichen Schicksal, sondern auch der gewöhnlichen Natur

des Menschen fremd; denn seine natürliche Bestimmung ist, daß er seine

Zeit mit Herbeischaffung des zu seiner und seiner Familie Existenz

Notwendigen zubringe. Er ist ein Sohn der Not, nicht eine freie

Intelligenz. Dementsprechend wird freie Muße dem gewöhnlichen Menschen

bald zur Last, ja endlich zur Qual, wenn er sie nicht, mittels

allerlei erkünstelter und fingirter Zwecke, durch Spiel, Zeitvertreib

und Steckenpferde jeder Gestalt auszufüllen vermag: auch bringt sie

ihm aus dem selben Grunde Gefahr, da es mit Recht heißt _difficilis in

otio quies_. Andrerseits jedoch ist ein über das normale Maß weit

hinausgehender Intellekt ebenfalls abnorm, also unnatürlich. Ist er

dennoch einmal vorhanden, so bedarf es, für das Glück des damit

Begabten, eben jener den andern bald lästigen, bald verderblichen

freien Muße; da er ohne diese ein Pegasus im Joche, mithin unglücklich

sein wird. Treffen nun aber beide Unnatürlichkeiten, die äußere und

die innere, zusammen, so ist es ein großer Glücksfall: denn jetzt wird

der so Begünstigte ein Leben höherer Art führen, nämlich das eines

Eximirten von den beiden entgegengesetzten Quellen des menschlichen

Leidens, der Not und der Langenweile, oder dem sorglichen Treiben für

die Existenz und der Unfähigkeit, die Muße (d. i. die freie Existenz

selbst) zu ertragen, welchen beiden Übeln der Mensch sonst nur dadurch

entgeht, daß sie selbst sich wechselseitig neutralisiren und aufheben.

Gegen dieses alles jedoch kommt andererseits in Betracht, daß die

großen Geistesgaben infolge der überwiegenden Nerventätigkeit eine

überaus gesteigerte Empfindlichkeit für den Schmerz, in jeglicher

Gestalt, herbeiführen, daß ferner das sie bedingende leidenschaftliche

Temperament und zugleich die von ihnen unzertrennliche größere

Lebhaftigkeit und Vollkommenheit aller Vorstellungen eine ungleich

größere Heftigkeit der durch diese erregten Affekte herbeiführt,

während es doch überhaupt mehr peinliche als angenehme Affekte gibt;

endlich auch, daß die großen Geistesgaben ihren Besitzer den übrigen

Menschen und ihrem Treiben entfremden, da, je mehr er an sich selber

hat, desto weniger er an ihnen finden kann. Hundert Dinge, an welchen

sie großes Genüge haben, sind ihm schal und ungenießbar, wodurch denn

das überall sich geltend machende Gesetz der Kompensation vielleicht

auch hier in Kraft bleibt; ist doch sogar oft genug, und nicht ohne

Schein, behauptet worden, der geistig beschränkteste Mensch sei im

Grunde der glücklichste, wenn gleich keiner ihn um dieses Glück

beneiden mag. In der definitiven Entscheidung der Sache will ich

umsoweniger dem Leser vorgreifen, als selbst *Sophokles* hierüber zwei

einander diametral entgegengesetzte Aussprüche getan hat:

=Pollô to phronein eudaimonias prôton hyparchei.=

(_Sapere longe prima felicitatis pars est._)

_Antig. 1328._

und wieder:

=En tô phronein gar mêden hêdistos bios.=

(_Nihil cogitantium jucundissima vita est._)

_Ajax. 550._

Eben so uneinig miteinander sind die Philosophen des A. T.

»Des Narren Leben ist ärger denn der Tod!«

(=tou gar môrou hyper thanatou zôê ponêra.=)

Jes. Sir. 22, 12.

und

»Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämens.«

(=ho prostitheis gnôsin, prosthêsei algêma.=)

Kohel. 1, 18.

Inzwischen will ich hier doch nicht unerwähnt lassen, daß der Mensch,

welcher, infolge des streng und knapp normalen Maßes seiner

intellektuellen Kräfte, *keine geistige Bedürfnisse hat*, es

eigentlich ist, den ein der deutschen Sprache ausschließlich eigener,

vom Studentenleben ausgegangener, nachmals aber in einem höheren,

wiewohl dem ursprünglichen, durch den Gegensatz zum Musensohne, immer

noch analogen Sinne gebrauchter Ausdruck als den *Philister*

bezeichnet. Dieser nämlich ist und bleibt der =amousos anêr=. Nun

würde ich zwar, von einem höheren Standpunkt aus, die Definition der

Philister so aussprechen, daß sie Leute wären, die immerfort auf das

ernstlichste beschäftigt sind mit einer Realität, die keine ist.

Allein eine solche schon transzendentale Definition würde dem

populären Standpunkt, auf welchen ich mich in dieser Abhandlung

gestellt habe, nicht angemessen, daher auch vielleicht nicht durchaus

jedem Leser faßlich sein. Jene erstere hingegen läßt leichter eine

spezielle Erläuterung zu und bezeichnet hinreichend das Wesentliche

der Sache, die Wurzel aller der Eigenschaften, die den *Philister*

charakterisieren. Er ist demnach *ein Mensch ohne geistige

Bedürfnisse*. Hieraus nun folgt gar mancherlei: erstlich, *in Hinsicht

auf ihn selbst*, daß er ohne geistige *Genüsse* bleibt; nach dem schon

erwähnten Grundsatz: _il n'est de vrais plaisirs qu'avec de vrais

besoins_. Kein Drang nach Erkenntnis und Einsicht, um ihrer selbst

willen, belebt sein Dasein, auch keiner nach eigentlich ästhetischen

Genüssen, als welcher dem ersteren durchaus verwandt ist. Was dennoch

von Genüssen solcher Art etwa Mode oder Autorität ihm aufdringt, wird

er als eine Art Zwangsarbeit möglichst kurz abtun. Wirkliche Genüsse

für ihn sind allein die sinnlichen: durch diese hält er sich schadlos.

Demnach sind Austern und Champagner der Höhepunkt seines Daseins, und

sich alles, was zum leiblichen Wohlsein beiträgt, zu verschaffen, ist

der Zweck seines Lebens. Glücklich genug, wenn dieser ihm viel zu

schaffen macht! Denn, sind jene Güter ihm schon zum voraus oktroyirt,

so fällt er unausbleiblich der Langenweile anheim, gegen welche dann

alles Ersinnliche versucht wird: Ball, Theater, Gesellschaft,

Kartenspiel, Hasardspiel, Pferde, Weiber, Trinken, Reisen usw. Und

doch reicht dies alles gegen die Langeweile nicht aus, wo Mangel an

geistigen Bedürfnissen die geistigen Genüsse unmöglich macht. Daher

auch ist dem Philister ein dumpfer, trockener Ernst, der sich dem

tierischen nähert, eigen und charakteristisch. Nichts freut ihn,

nichts erregt ihn, nichts gewinnt ihm Anteil ab. Denn die sinnlichen

Genüsse sind bald erschöpft; die Gesellschaft, aus eben solchen

Philistern bestehend, wird bald langweilig, das Kartenspiel zuletzt

ermüdend. Allenfalls bleiben ihm noch die Genüsse der Eitelkeit, nach

seiner Weise, welche denn darin bestehen, daß er an Reichtum oder

Rang, oder Einfluß und Macht andere übertrifft, von welchen er dann

deshalb geehrt wird; oder aber auch darin, daß er wenigstens mit

solchen, die in dergleichen eminiren, Umgang hat und so sich im Reflex

ihres Glanzes sonnt (_a snob_). -- Aus der aufgestellten

Grundeigenschaft des Philisters folgt *zweitens, in Hinsicht auf

andere*, daß, da er keine geistige sondern nur physische Bedürfnisse

hat, er den suchen wird, der diese, nicht den, der jene zu befriedigen

imstande ist. Am allerwenigsten wird daher unter den Anforderungen,

die er an andere macht, die irgend überwiegender geistiger Fähigkeiten

sein: vielmehr werden diese, wenn sie ihm aufstoßen, seinen

Widerwillen, ja, seinen Haß erregen; weil er dabei nur ein lästiges

Gefühl von Inferiorität und dazu einen dumpfen, heimlichen Neid

verspürt, den er aufs sorgfältigste versteckt, indem er ihn sogar sich

selber zu verhehlen sucht, wodurch aber gerade solcher bisweilen bis

zu einem stillen Ingrimm anwächst. Nimmermehr demnach wird es ihm

einfallen, nach dergleichen Eigenschaften seine Wertschätzung oder

Hochachtung abzumessen; sondern diese wird ausschließlich dem Range

und Reichtum, der Macht und dem Einfluß vorbehalten bleiben, als

welche in seinen Augen die allein wahren Vorzüge sind, in denen zu

exzelliren auch sein Wunsch wäre. -- Alles dieses aber folgt daraus,

daß er ein Mensch *ohne geistige Bedürfnisse* ist. Das große Leiden

aller Philister ist, daß *Idealitäten* ihnen keine Unterhaltung

gewähren, sondern sie, um der Langenweile zu entgehen, stets der

*Realitäten* bedürfen. Diese nämlich sind teils bald erschöpft, wo

sie, statt zu unterhalten, ermüden; teils führen sie Unheil jeder Art

herbei; während hingegen die Idealitäten unerschöpflich und an sich

unschuldig und unschädlich sind.

Ich habe in dieser ganzen Betrachtung der persönlichen Eigenschaften,

welche zu unserem Glücke beitragen, nächst den physischen,

hauptsächlich die intellektuellen berücksichtigt. Auf welche Weise nun

aber auch die moralische Trefflichkeit unmittelbar beglückt, habe ich

früher in meiner Preisschrift über das Fundament der Moral § 22, S.

275 (2. Aufl. 272) dargelegt, wohin ich also von hier verweise.

Kapitel III.

Von dem, was einer hat.

Richtig und schön hat der große Glückseligkeitslehrer *Epikuros* die

menschlichen Bedürfnisse in drei Klassen geteilt. Erstlich die

natürlichen und die notwendigen: es sind die, welche, wenn nicht

befriedigt, Schmerz verursachen. Folglich gehört hierher nur

_victus et amictus_. Sie sind leicht zu befriedigen. Zweitens, die

natürlichen jedoch nicht notwendigen: es ist das Bedürfnis der

Geschlechtsbefriedigung; wiewohl Epikur dies im Berichte des Laertius

nicht ausspricht; (wie ich denn überhaupt seine Lehre hier etwas

zurechtgeschoben und ausgefeilt wiedergebe). Dieses Bedürfnis zu

befriedigen hält schon schwerer. Drittens, die weder natürlichen noch

notwendigen: es sind die des Luxus, der Üppigkeit, des Prunkes und

Glanzes: sie sind endlos und ihre Befriedigung ist sehr schwer. (Siehe

_Diog. Laert. L. X, c. 27, § 149_, auch _§ 127. -- Cic. de fin. I, 13._)

Die Grenze unserer vernünftigen Wünsche hinsichtlich des Besitzes zu

bestimmen ist schwierig, wo nicht unmöglich. Denn die Zufriedenheit

eines jeden, in dieser Hinsicht, beruht nicht auf einer absoluten

sondern auf einer bloß relativen Größe, nämlich auf dem Verhältnis

zwischen seinen Ansprüchen und seinem Besitz: daher dieser letztere,

für sich allein betrachtet, so bedeutungsleer ist wie der Zähler eines

Bruchs ohne den Nenner. Die Güter, auf welche Anspruch zu machen einem

Menschen nie in den Sinn gekommen ist, entbehrt er durchaus nicht

sondern ist, auch ohne sie, völlig zufrieden; während ein anderer, der

hundertmal mehr besitzt als er, sich unglücklich fühlt, weil ihm eins

abgeht, darauf er Anspruch macht. Jeder hat, auch in dieser Hinsicht,

einen eigenen Horizont des für ihn möglicherweise Erreichbaren: so

weit wie dieser gehn seine Ansprüche. Wann irgend ein innerhalb

desselben gelegenes Objekt sich ihm so darstellt, daß er auf dessen

Erreichung vertrauen kann, fühlt er sich glücklich; hingegen

unglücklich, wann eintretende Schwierigkeiten ihm die Aussicht darauf

benehmen. Das außerhalb dieses Gesichtskreises Liegende wirkt gar

nicht auf ihn. Daher beunruhigen den Armen die großen Besitztümer der

Reichen nicht, und tröstet andrerseits den Reichen, bei verfehlten

Absichten, das viele nicht, was er schon besitzt. (Der Reichtum

gleicht dem Seewasser: je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird

man. -- Dasselbe gilt vom Ruhm.) -- Daß nach verlorenem Reichtum oder

Wohlstande, sobald der erste Schmerz überstanden ist, unsre habituelle

Stimmung nicht sehr verschieden von der früheren ausfällt, kommt

daher, daß, nachdem das Schicksal den Faktor unsres Besitzes

verkleinert hat, wir selbst nun den Faktor unsrer Ansprüche gleich

sehr vermindern. Diese Operation aber ist das eigentlich Schmerzhafte,

bei einem Unglücksfall: nachdem sie vollzogen ist, wird der Schmerz

immer weniger, zuletzt gar nicht mehr gefühlt: die Wunde vernarbt.

Umgekehrt wird, bei einem Glücksfall, der Kompressor unsrer Ansprüche

hinaufgeschoben, und sie dehnen sich aus: hierin liegt die Freude.

Aber auch sie dauert nicht länger, als bis diese Operation gänzlich

vollzogen ist: wir gewöhnen uns an das erweiterte Maß der Ansprüche

und werden gegen den demselben entsprechenden Besitz gleichgültig.

Dies sagt schon die homerische Stelle, _Od. XVIII, 130-137_, welche

schließt:

=Toios gar noos estin epichthoniôn anthrôpôn,

Hoion eph' hêmar agei patêr andrôn te theôn te.=

Die Quelle unserer Unzufriedenheit liegt in unsern stets erneuerten

Versuchen, den Faktor der Ansprüche in die Höhe zu schieben, bei der

Unbeweglichkeit des andern Faktors, die es verhindert. --

Unter einem so bedürftigen und aus Bedürfnissen bestehendem

Geschlecht, wie das menschliche, ist es nicht zu verwundern, daß

*Reichtum* mehr und aufrichtiger als alles andere geachtet, ja verehrt

wird, und selbst die Macht nur als Mittel zum Reichtum; wie auch

nicht, daß zum Zwecke des Erwerbs alles andere beiseite geschoben oder

über den Haufen geworfen wird, z. B. die Philosophie von den

Philosophieprofessoren. -- Daß die Wünsche der Menschen hauptsächlich

auf Geld gerichtet sind und sie dieses über alles lieben, wird ihnen

oft zum Vorwurf gemacht. Jedoch ist es natürlich, wohl gar

unvermeidlich, das zu lieben, was als ein unermüdlicher Proteus jeden

Augenblick bereit ist, sich in den jedesmaligen Gegenstand unsrer so

wandelbaren Wünsche und mannigfaltigen Bedürfnisse zu verwandeln.

Jedes andere Gut nämlich kann nur *einem* Wunsch, *einem* Bedürfnis

genügen: Speisen sind bloß gut für den Hungrigen, Wein für den

Gesunden, Arznei für den Kranken, ein Pelz für den Winter, Weiber für

die Jugend usw. Sie sind folglich alle nur =agatha pros ti=, d. h. nur

relativ gut. Geld allein ist das absolut Gute: weil es nicht bloß

*einem* Bedürfnis _in concreto_ begegnet sondern *dem* Bedürfnis

überhaupt, _in abstracto_. --

*Vorhandenes Vermögen* soll man betrachten als eine Schutzmauer gegen

die vielen möglichen Übel und Unfälle, nicht als eine Erlaubnis oder

gar Verpflichtung, die Plaisirs der Welt heranzuschaffen. -- Leute,

die von Hause aus kein Vermögen haben, aber endlich in die Lage

kommen, durch ihre Talente, welcher Art sie auch seien, viel zu

verdienen, geraten fast immer in die Einbildung, ihr Talent sei das

bleibende Kapital und der Gewinn dadurch die Zinsen. Demgemäß legen

sie dann nicht das Erworbene teilweise zurück, um so ein bleibendes

Kapital zusammenzubringen, sondern geben aus in dem Maße, wie sie

verdienen. Danach aber werden sie meistens in Armut geraten, weil ihr

Erwerb stockt oder aufhört, nachdem entweder das Talent selbst

erschöpft ist, indem es vergänglicher Art war wie z. B. das zu fast

allen schönen Künsten, oder auch, weil es nur unter besonderen

Umständen und Konjunkturen geltend zu machen war, welche aufgehört

haben. Handwerker mögen immerhin es auf die besagte Weise halten, weil

die Fähigkeiten zu ihren Leistungen nicht leicht verloren gehn, auch

durch die Kräfte der Gesellen ersetzt werden und weil ihre Fabrikate

Gegenstände des Bedürfnisses sind, also alle Zeit Abgang finden,

weshalb denn auch das Sprichwort »ein Handwerk hat einen goldenen

Boden« richtig ist. Aber nicht so steht es um die Künstler und

_virtuosi_ jeder Art. Eben deshalb werden diese teuer bezahlt. Daher

aber soll, was sie erwerben, ihr Kapital werden; während sie

vermessener Weise es für bloße Zinsen halten und dadurch ihrem

Verderben entgegengehn. -- Leute hingegen, welche ererbtes Vermögen

besitzen, wissen wenigstens sogleich ganz richtig, was das Kapital und

was die Zinsen sind. Die meisten werden daher jenes sicher zu stellen

suchen, keinesfalls es angreifen, ja womöglich wenigstens ein Achtel

der Zinsen zurücklegen, künftigen Stockungen zu begegnen. Sie bleiben

daher meistens im Wohlstande. -- Auf Kaufleute ist diese ganze

Bemerkung nicht anwendbar: denn ihnen ist das Geld selbst Mittel zum

ferneren Erwerb, gleichsam Handwerksgerät; daher sie, auch wenn es

ganz von ihnen selbst erworben ist, es sich durch Benutzung zu

erhalten und zu vermehren suchen. Demgemäß ist in keinem Stande der

Reichtum so eigentlich zu Hause wie in diesem.

Überhaupt aber wird man, in der Regel, finden, daß diejenigen, welche

schon mit der eigentlichen Not und dem Mangel handgemein gewesen sind,

diese ungleich weniger fürchten und daher zur Verschwendung geneigter

sind als die, welche solche nur von Hörensagen kennen. Zu den ersteren

gehören alle, die durch Glücksfälle irgend einer Art oder durch

besondere Talente, gleichviel welcher Gattung, ziemlich schnell aus

der Armut in den Wohlstand gelangt sind: die andern hingegen sind die,

welche im Wohlstande geboren und geblieben sind. Diese sind

durchgängig mehr auf die Zukunft bedacht und daher ökonomischer als

jene. Man könnte daraus schließen, daß die Not nicht eine so schlimme

Sache wäre, wie sie, von weitem gesehn, scheint. Doch möchte der wahre

Grund vielmehr dieser sein, daß dem, der in angestammtem Reichtume

geboren ist, dieser als etwas Unentbehrliches erscheint, als das

Element des einzig möglichen Lebens, so gut wie die Luft; daher er ihn

bewacht wie sein Leben, folglich meistens ordnungsliebend, vorsichtig

und sparsam ist. Dem in angestammter Armut Geborenen hingegen

erscheint diese als der natürliche Zustand; der ihm danach irgendwie

zugefallene Reichtum aber als etwas Überflüssiges, bloß tauglich zum

Genießen und Verprassen; indem man, wann er wieder fort ist, sich so

gut wie vorher ohne ihn behilft und noch eine Sorge los ist. Da geht

es denn wie Shakespeare sagt:

_The adage must be verified,

That beggars mounted run their horse to death._

(Das Sprichwort muß bewährt werden, daß der zu Pferde gesetzte

Bettler sein Tier zu Tode jagt.)

_Henry VI. P. 3. A. 1._

Dazu kommt denn freilich noch, daß solche Leute ein festes und

übergroßes Zutrauen teils zum Schicksal, teils zu den eigenen Mitteln,

die ihnen schon aus Not und Armut herausgeholfen haben, nicht sowohl

im Kopf als im Herzen tragen und daher die Untiefen derselben nicht,

wie es wohl den reich Geborenen begegnet, für bodenlos halten, sondern

denken, daß man, auf den Boden stoßend, wieder in die Höhe gehoben

wird. -- Aus dieser menschlichen Eigentümlichkeit ist es auch zu

erklären, daß Frauen, welche arme Mädchen waren, sehr oft

anspruchsvoller und verschwenderischer sind als die, welche eine

reiche Aussteuer zubrachten, indem meistenteils die reichen Mädchen

nicht bloß Vermögen mitbringen, sondern auch mehr Eifer, ja angeerbten

Trieb zur Erhaltung desselben, als arme. Wer inzwischen das Gegenteil

behaupten will, findet eine Autorität für sich am Ariosto in dessen

erster Satire; hingegen stimmt Dr. Johnson meiner Meinung bei: _A

woman of fortune being used to the handling of money, spends it

judiciously: but a woman who gets the command of money for the first

time upon her marriage, has such a gust in spending it, that she

throws it away with great profusion._ (S. _Boswell, Life of Johnson,

ann. 1776, aetat. 67._) Jedenfalls aber möchte ich dem, der ein armes

Mädchen heiratet, raten, sie nicht das Kapital sondern eine bloße

Rente erben zu lassen, besonders aber dafür zu sorgen, daß das

Vermögen der Kinder nicht in ihre Hände gerät.

Ich glaube keineswegs etwas meiner Feder Unwürdiges zu tun, indem ich

hier die Sorge für Erhaltung des erworbenen und des ererbten Vermögens

anempfehle. Denn von Hause aus so viel zu besitzen, daß man, wäre es

auch nur für seine Person und ohne Familie, in wahrer Unabhängigkeit

d. h. ohne zu arbeiten, bequem leben kann, ist ein unschätzbarer

Vorzug: denn es ist die Exemtion und die Immunität von der dem

menschlichen Leben anhängenden Bedürftigkeit und Plage, also die

Emanzipation vom allgemeinen Frohndienst, diesem naturgemäßen Lose des

Erdensohns. Nur unter dieser Begünstigung des Schicksals ist man als

ein wahrer Freier geboren: denn nur so ist man eigentlich _sui juris_,

Herr seiner Zeit und seiner Kräfte, und darf jeden Morgen sagen: »Der

Tag ist mein«. Auch ist ebendeshalb zwischen dem, der tausend, und

dem, der hunderttausend Taler Renten hat, der Unterschied unendlich

kleiner als zwischen ersterem und dem, der nichts hat. Seinen höchsten

Wert aber erlangt das angeborene Vermögen, wenn es dem zugefallen ist,

der, mit geistigen Kräften höherer Art ausgestattet, Bestrebungen

verfolgt, die sich mit dem Erwerbe nicht wohl vertragen: denn alsdann

ist er vom Schicksal doppelt dotirt und kann jetzt seinem Genius

leben: der Menschheit aber wird er seine Schuld dadurch hundertfach

abtragen, daß er leistet was kein anderer konnte und etwas

hervorbringt, das ihrer Gesamtheit zugute kommt, wohl auch gar ihr zur

Ehre gereicht. Ein anderer nun wieder wird in so bevorzugter Lage sich

durch philantropische Bestrebungen um die Menschheit verdient machen.

Wer hingegen nichts von dem allen, auch nur einigermaßen, oder

versuchsweise, leistet, ja, nicht einmal durch gründliche Erlernung

irgendeiner Wissenschaft sich wenigstens die Möglichkeit eröffnet,

dieselbe zu fördern, -- ein solcher ist, bei angeerbtem Vermögen, ein

bloßer Tagedieb und verächtlich. Auch wird er nicht glücklich sein:

denn die Exemtion von der Not liefert ihn dem anderen Pol des

menschlichen Elends, der Langenweile, in die Hände, die ihn so

martert, daß er viel glücklicher wäre, wenn die Not ihm Beschäftigung

gegeben hätte. Eben diese Langeweile aber wird ihn leicht zu

Extravaganzen verleiten, welche ihn um jenen Vorzug bringen, dessen er

nicht würdig war. Wirklich befinden Unzählige sich bloß deshalb in

Mangel, weil, als sie Geld hatten, sie es ausgaben, um nur sich

augenblickliche Linderung der sie drückenden Langenweile zu

verschaffen.

Ganz anders nun aber verhält es sich, wenn der Zweck ist, es im

Staatsdienste hoch zu bringen, wo demnach Gunst, Freunde, Verbindungen

erworben werden müssen, um durch sie, von Stufe zu Stufe, Beförderung,

vielleicht gar bis zu den höchsten Posten, zu erlangen: hier nämlich

ist es im Grunde wohl besser, ohne alles Vermögen in die Welt gestoßen

zu sein. Besonders wird es dem, welcher nicht adelig, hingegen mit

einigem Talent ausgestattet ist, zum wahren Vorteil und zur Empfehlung

gereichen, wenn er ein ganz armer Teufel ist. Denn was jeder, schon in

der bloßen Unterhaltung, wie viel mehr im Dienste, am meisten sucht

und liebt, ist die Inferiorität des anderen. Nun aber ist allein ein

armer Teufel von seiner gänzlichen, tiefen, entschiedenen und

allseitigen Inferiorität und seiner völligen Unbedeutsamkeit und

Wertlosigkeit in dem Grade überzeugt und durchdrungen, wie es hier

erfordert wird. Nur er demnach verbeugt sich oft und anhaltend genug,

und nur seine Bücklinge erreichen volle 90°: nur er läßt alles über

sich ergehn und lächelt dazu; nur er erkennt die gänzliche

Wertlosigkeit der Verdienste; nur er preist öffentlich, mit lauter

Stimme, oder auch in großem Druck, die literarischen Stümpereien der

über ihn Gestellten, oder sonst Einflußreichen, als Meisterwerke; nur

er versteht zu betteln: folglich kann nur er, bei Zeiten, also in der

Jugend, sogar ein Epopte jener verborgenen Wahrheit werden, die Goethe

uns enthüllt hat in den Worten:

»Über's Niederträchtige

Niemand sich beklage:

Denn es ist das Mächtige,

Was man dir auch sage.«

*W. O. Divan.*

Hingegen der, welcher von Hause aus zu leben hat, wird sich meistens

ungebärdig stellen: er ist gewohnt _tête levée_ zu gehn, hat alle jene

Künste nicht gelernt, trotzt dazu vielleicht noch auf etwanige

Talente, deren Unzulänglichkeit vielmehr, dem _médiocre et rampant_

gegenüber, er begreifen sollte; er ist am Ende wohl gar imstande, die

Inferiorität der über ihn Gestellten zu merken; und wenn es nun

vollends zu den Indignitäten kommt, da wird er stätisch oder

kopfscheu. Damit poussirt man sich nicht in der Welt: vielmehr kann es

mit ihm zuletzt dahin kommen, daß er mit dem frechen Voltaire sagt:

_nous n'avons que deux jours à vivre: ce n'est pas la peine de les

passer à ramper sous des coquins méprisables_: -- leider ist,

beiläufig gesagt, dieses _coquin méprisable_ ein Prädikat, zu dem es

in der Welt verteufelt viele Subjekte gibt. Man sieht also, daß das

Juvenalische

_Haud facile emergunt, quorum virtutibus obstat

Res angusta domi,_

mehr von der Laufbahn der Virtuositäten als von der der Weltleute

gültig ist.

Zu dem, *was einer hat*, habe ich Frau und Kinder nicht gerechnet; da

er von diesen vielmehr gehabt wird. Eher ließen sich Freunde dazu

zählen: doch muß auch hier der Besitzende im gleichen Maße der Besitz

des andern sein.

Kapitel IV.

Von dem, was einer vorstellt.

Dieses, also unser Dasein in der Meinung anderer, wird, infolge einer

besonderen Schwäche unserer Natur, durchgängig viel zu hoch

angeschlagen; obgleich schon die leichteste Besinnung lehren könnte,

daß es, an sich selbst, für unser Glück, unwesentlich ist. Es ist

demnach kaum erklärlich, wie sehr jeder Mensch sich innerlich freut,

so oft er Zeichen der günstigen Meinung anderer merkt und seiner

Eitelkeit irgendwie geschmeichelt wird. So unausbleiblich wie die

Katze spinnt, wenn man sie streichelt, malt süße Wonne sich auf das

Gesicht des Menschen, den man lobt und zwar in dem Felde seiner

Prätension, sei das Lob auch handgreiflich lügenhaft. Oft trösten ihn

über reales Unglück oder über die Kargheit, mit der für ihn die

beiden, bis hieher abgehandelten Hauptquellen unseres Glückes fließen,

die Zeichen des fremden Beifalls: und, umgekehrt, ist es zum

Erstaunen, wie sehr jede Verletzung seines Ehrgeizes, in irgend einem

Sinne, Grad oder Verhältnis, jede Geringschätzung, Zurücksetzung,

Nichtachtung ihn unfehlbar kränkt und oft tief schmerzt. Sofern auf

dieser Eigenschaft das Gefühl der Ehre beruht, mag sie für das

Wohlverhalten vieler, als Surrogat ihrer Moralität, von ersprießlichen

Folgen sein; aber auf das eigene *Glück* des Menschen, zunächst auf

die diesem so wesentliche Gemütsruhe und Unabhängigkeit, wirkt sie

mehr störend und nachteilig als förderlich ein. Daher ist es, von

unserm Gesichtspunkt aus, ratsam, ihr Schranken zu setzen und, mittels

gehöriger Überlegung und richtiger Abschätzung des Wertes der Güter,

jene große Empfindlichkeit gegen die fremde Meinung möglichst zu

mäßigen, sowohl da, wo ihr geschmeichelt wird, als da, wo ihr wehe

geschieht: denn beides hängt am selben Faden. Außerdem bleibt man der

Sklave fremder Meinung und fremden Bedünkens:

_Sic leve, sic parvum est, animum quod laudis avarum

Subruit ac reficit._

Demnach wird eine richtige Abschätzung des Wertes dessen, was man in

und *für sich selbst* ist, gegen das, was man bloß in den Augen

*anderer* ist, zu unserm Glücke viel beitragen. Zum ersteren gehört

die ganze Ausfüllung der Zeit unsers eigenen Daseins, der innere

Gehalt desselben, mithin alle die Güter, welche unter den Titeln »was

einer ist« und »was einer hat« von uns in Betrachtung genommen worden

sind. Denn der Ort, in welchem alles dieses seine Wirkungssphäre hat,

ist das eigene Bewußtsein. Hingegen ist der Ort dessen, was wir für

*andere* sind, das fremde Bewußtsein: es ist die Vorstellung, unter

welcher wir darin erscheinen, nebst den Begriffen, die auf diese

angewandt werden[D]. Dies nun ist etwas, das unmittelbar gar nicht für

uns vorhanden ist, sondern bloß mittelbar, nämlich sofern das Betragen

der andern gegen uns dadurch bestimmt wird. Und auch dieses selbst

kommt eigentlich nur in Betracht, sofern es Einfluß hat auf irgend

etwas, wodurch das, was wir *in und für uns selbst* sind, modifizirt

werden kann. Außerdem ist ja, was in einem fremden Bewußtsein vorgeht,

als solches, für uns gleichgültig, und auch wir werden allmählig

gleichgültig dagegen werden, wenn wir von der Oberflächlichkeit und

Futilität der Gedanken, von der Beschränktheit der Begriffe, von der

Kleinlichkeit der Gesinnung, von der Verkehrtheit der Meinungen und

von der Anzahl der Irrtümer in den allermeisten Köpfen eine

hinlängliche Kenntnis erlangen, und dazu aus eigener Erfahrung lernen,

mit welcher Geringschätzung gelegentlich von jedem geredet wird,

sobald man ihn nicht zu fürchten hat oder glaubt, es komme ihm nicht

zu Ohren; insbesondere aber nachdem wir einmal angehört haben, wie vom

größten Manne ein halbes Dutzend Schafsköpfe mit Wegwerfung spricht.

Wir werden dann einsehen, daß, wer auf die Meinung der Menschen einen

großen Wert legt, ihnen zu viel Ehre erzeigt.

[D] Die höchsten Stände, in ihrem Glanz, in ihrer Pracht und Prunk und

Herrlichkeit und Repräsentation jeder Art können sagen: unser Glück

liegt ganz außerhalb unserer selbst: sein Ort sind die Köpfe anderer.

Aphorismen zur Lebensweisheit · 第 4 / 9 题