Einleitung
Kapitel I. Grundeinteilung.
Kapitel II. Von dem, was einer ist.
Kapitel III. Von dem, was einer hat.
Kapitel IV. Von dem, was einer vorstellt.
Kapitel V. Paränesen und Maximen.
A. Allgemeine.
B. Unser Verhalten gegen uns selbst betreffend.
C. Unser Verhalten gegen andere betreffend.
D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend.
Kapitel VI. Vom Unterschiede der Lebensalter.
_Le bonheur n'est pas chose aisée: il est très difficile de le
trouver en nous, et impossible de le trouver ailleurs._
_*Chamfort.*_
Einleitung.
Ich nehme den Begriff der Lebensweisheit hier gänzlich im immanenten
Sinne, nämlich in dem der Kunst, das Leben möglichst angenehm und
glücklich durchzuführen, die Anleitung zu welcher auch Eudämonologie
genannt werden könnte: sie wäre demnach die Anweisung zu einem
glücklichen Dasein. Dieses nun wieder ließe sich allenfalls definieren
als ein solches, welches, rein objektiv betrachtet, oder vielmehr (da
es hier auf ein subjektives Urteil ankommt) bei kalter und reiflicher
Überlegung, dem Nichtsein entschieden vorzuziehn wäre. Aus diesem
Begriffe desselben folgt, daß wir daran hingen, seiner selbst wegen,
nicht aber bloß aus Furcht vor dem Tode; und hieraus wieder, daß wir
es von endloser Dauer sehn möchten. Ob nun das menschliche Leben dem
Begriff eines solchen Daseins entspreche, oder auch nur entsprechen
könne, ist eine Frage, welche bekanntlich meine Philosophie verneint;
während die Eudämonologie die Bejahung derselben voraussetzt. Diese
nämlich beruht eben auf dem angeborenen Irrtum, dessen Rüge das 49.
Kapitel im 2. Bande meines Hauptwerks eröffnet. Um eine solche dennoch
ausarbeiten zu können, habe ich daher gänzlich abgehn müssen von dem
höheren, metaphysisch-ethischen Standpunkte, zu welchem meine
eigentliche Philosophie hinleitet. Folglich beruht die ganze hier zu
gebende Auseinandersetzung gewissermaßen auf einer Akkommodation,
sofern sie nämlich auf dem gewöhnlichen, empirischen Standpunkte
bleibt und dessen Irrtum festhält. Demnach kann auch ihr Wert nur ein
bedingter sein, da selbst das Wort Eudämonologie nur ein Euphemismus
ist. -- Ferner macht auch dieselbe keinen Anspruch auf Vollständigkeit;
teils weil das Thema unerschöpflich ist; teils weil ich sonst das von
andern bereits Gesagte hätte wiederholen müssen.
Als in ähnlicher Absicht, wie gegenwärtige Aphorismen, abgefaßt, ist
mir nur das sehr lesenswerte Buch des *Cardanus* _de utilitate ex
adversis capienda_ erinnerlich, durch welches man also das hier
Gegebene vervollständigen kann. Zwar hat auch *Aristoteles* dem 5.
Kapitel des 1. Buches seiner Rhetorik eine kurze Eudämonologie
eingeflochten: sie ist jedoch sehr nüchtern ausgefallen. Benutzt habe
ich diese Vorgänger nicht; da Kompiliren nicht meine Sache ist; und um
so weniger, als durch dasselbe die Einheit der Ansicht verloren geht,
welche die Seele der Werke dieser Art ist. -- Im allgemeinen haben
freilich die Weisen aller Zeiten immer dasselbe gesagt, und die Toren,
d. h. die unermeßliche Majorität aller Zeiten, haben immer dasselbe,
nämlich das Gegenteil getan: und so wird es denn auch ferner bleiben.
Darum sagt *Voltaire*: _nous laisserons ce monde-ci aussi sot et aussi
méchant que nous l'avons trouvé en y arrivant_.
Kapitel I.
Grundeinteilung.
Aristoteles hat (_Eth. Nicom. I, 8_) die Güter des menschlichen Lebens
in drei Klassen geteilt, -- die äußeren, die der Seele und die des
Leibes. Hievon nun nichts als die Dreizahl beibehaltend, sage ich, daß
was den Unterschied im Lose der Sterblichen begründet sich auf drei
Grundbestimmungen zurückführen läßt. Sie sind:
1. Was einer *ist*: also die Persönlichkeit, im weitesten Sinne.
Sonach ist hierunter Gesundheit, Kraft, Schönheit, Temperament,
moralischer Charakter, Intelligenz und Ausbildung derselben begriffen.