Es ist natürlich ganz unmöglich, hier auch nur annähernd einen

Überblick über den gesamten Unterrichtskursus der „philosophischen

Fakultät der Universität‟ Nippur im 3. Jahrtausend vor unserer

Zeitrechnung zu geben. Möglich ist, dass man bereits damals wie zu

den Zeiten Daniels (1, 4 und 5) drei Jahre studieren musste. War

der Schüler einigermassen mit den Schriftzeichen vertraut, so hatte

er grammatische Übungen zu machen, Eigennamen ideographisch und

phonetisch, in ihrer vollen und abgekürzten Form, zu schreiben oder wie

auf der vorstehenden Übungstafel, zwei Nomina, von denen das zweite zum

ersten im Genitivverhältnis steht, nebeneinander zu schreiben (Abb.

40). Er analysierte sumerische Verbalformen, bildete kleinere Sätze,

übersetzte in den semitischen Dialekt Babyloniens und legte sich dabei

Präparationen an. War der Schüler besonders unwissend -- für unsere

Zwecke ein besonders günstiger Umstand --, so schrieb er fast alle im

Übungsstücke vorkommenden Wörter auf, so dass wir, ohne das Original zu

kennen, den allgemeinen Gedankengang desselben erraten können.

[Illustration: Abb. 40. Runde Übungstafel.]

Zeichenunterricht wurde ebenfalls erteilt. Ich kenne eine Reihe

von Tafeln, auf denen sich gerade und schiefe Linien, Zickzacks,

Karos, Lattenmuster und ähnliche Figuren finden. Dann schritt man

zum freien Handzeichnen nach Vorlagen und der Natur, wobei unbegabte

Schüler sich bisweilen ganz Schreckliches leisteten (Abb. 41).

Einige dieser Zeichnungen mögen Karikaturen darstellen. Später ging

es ans Modellieren, an Reliefdarstellungen und das Bearbeiten von

freistehenden Figuren, ans Gravieren, Siegelschneiden usw. So viel

lässt sich schon jetzt klar erkennen, dass man beim Unterricht ganz

methodisch verfuhr. Selbst humoristische Darstellungen, die wir bei

den alten Babyloniern gar nicht recht erwartet hätten, finden sich

vereinzelt unter den ausgegrabenen Gegenständen. Ich weise auf ein der

Priesterschule entstammendes Tonrelief hin (Abb. 42), in welchem ein

die Laute schlagender Hirt von seinem vor ihm stehenden Hunde, der das

Maul weit geöffnet hat, mit langgezogenem Geheul begleitet wird. Der

Unterricht im Vermessen und Berechnen von Grundflächen von Feldern,

Gärten, Mauern, Kanälen usw. liesse sich an der Hand einer ganzen

Anzahl von Tafeln illustrieren.

[Illustration: Abb. 41. Zeichnung eines Tempelschülers.]

Besondere Aufmerksamkeit wandte man dem Gebiete der Arithmetik,

Mathematik und Astronomie zu. Zunächst wurde der Schüler im Gebrauche

des Sexagesimalsystems eingedrillt. Auf Abb. 43 heisst es: 60 +

7 × 10 = 2 × 60 + 10; 60 + 8 × 10 = 2 × 60 + 20, etc. In geradezu

phänomenaler Weise wurde das Einmaleins geübt. Wir haben eine ganze

Menge dieser nach Serien eingeteilten Multiplikationstafeln, darunter

mehrere Duplikate. Die beiden hier bildlich vorgeführten (Abb. 44 u.

45) enthalten links das 1 × 6 (bis 60) und rechts das 1 × 9. Ich habe

derartige Tafeln bis 1 × 1350 in den Händen gehabt. Viele derselben

werden nach Art unserer Logarithmentafeln als „Nachschlagebücher‟ zum

sofortigen Ablesen von grösseren Multiplikationsresultaten, namentlich

bei astronomischen Berechnungen, benützt worden sein. Denn gerade

astronomische Tafeln finden sich zahlreich vertreten. Ich erwähne

nur eine sehr detaillierte Angabe über Beobachtungen von Virgo und

Skorpion, die, wie viele andere, mit den Worten schliesst: +kiâm

nepeschu+, „also ist die Berechnung‟.

[Illustration: Abb. 42. Lautenschläger und sein Hund.]

[Illustration: Abb. 43. Rechnungstafel.]

[Illustration: Abb. 44. Multiplikationstafel.]

[Illustration: Abb. 45. Multiplikationstafel.]

[Illustration: Abb. 46. Sechseckiges Tonprisma.]

Nicht minder wertvoll sind die oft schön erhaltenen zahlreichen

altbabylonischen Syllabare und Zeichenlisten mit ihren in kleiner

Schrift beigefügten Lautwerten, durch welche wir unsere Kenntnis des

Sumerischen bedeutend erweitern werden. Hochwichtig sind ebenfalls

die Listen der verschiedenen Masse, die Synonyme ganzer Klassen

von Wörtern, die geographischen Verzeichnisse, Pflanzennamen und

anderes mehr. Hervorzuheben dürfte sein, dass besonders wichtige

Texte auf 4-, 5-, 6- und 8-eckigen Tonprismen eingeschrieben wurden

(Abb. 46). Für die Geschichte des 3. Jahrtausends sind eine Reihe

chronologisch angeordneter Datenlisten von besonderem Interesse.

Die Masse der religiösen, mythologischen und astrologischen Texte

liegt noch im dreieckigen Hügel begraben, doch haben wir bereits

an 500 sehr grosse, aber darum leider auch recht schadhafte Tafeln

dieses wichtigen Literaturzweiges gesammelt. Bis jetzt sind im

wesentlichen die Schulräume und die grammatisch-linguistischen und

mathematisch-astronomischen Räume ausgegraben. Aus diesem Umstande

allein ergibt sich mit Notwendigkeit, dass die Bibliothek nach

wissenschaftlichen Prinzipien und Gegenständen geordnet war.

Unter den zahlreichen Briefen aus der Zeit der ersten babylonischen

und der Kassiten-Dynastien, welche teils der Bibliothek, teils den

westlich von Chebar gelegenen Geschäftshäusern entstammen, möge

wenigstens eines derselben gedacht werden (Abb. 47). Er befindet sich

zur Zeit noch innerhalb seines ursprünglichen tönernen Couverts, das

auf jeder der sechs Seiten zweimal mit demselben -- Namen und Beruf des

Absenders enthaltenden -- Siegel gesiegelt und auf seiner Vorderseite

„an Luschtamar‟ adressiert ist. Eine neue Katastrophe brach über Nippur

herein, ehe der Brief abgeschickt werden konnte. Durch meine ermüdenden

Arbeiten an der Tempelbibliothek gegenwärtig völlig in Anspruch

genommen, habe ich trotz meiner begreiflichen Neugierde noch keine Zeit

finden können, das Couvert zu öffnen und in die Privatkorrespondenz des

Herrn Luschtamar einzudringen.

[Illustration: Abb. 47. Brief im adressierten und gesiegelten

Toncouvert. (ca. 2300 v. Chr.)]

So steht denn der Tempel des Bêl (Abb. 48) in seiner letzten 4000

jährigen Geschichte vor uns als die zentrale Kultusstätte des älteren

Babyloniens, als der Sitz einer einflussreichen Priesterschule und

herrlich ausgestatteten Bibliothek und selbst als ein politisch

bedeutungsvolles Zentrum, wo der König von Sumer und Akkad, als

irdischer Repräsentant des Bêl, von den Händen des Priesterfürsten das

„Reich der vier Himmelsgegenden‟ als Gnadengeschenk seines Gottes zu

allen Zeiten dieser reichbewegten Geschichte empfing.

Es erübrigt sich zum Schluss, noch ein Wort über die älteste

vorhistorische oder sumerische Periode des Heiligtums zu sagen.

_Wann_ der Übergang von der sumerischen zur semitischen Okkupation

sich geschichtlich vollzogen hat, können wir heute nicht mehr,

oder vielleicht noch nicht, genau feststellen. Um 4000 v. Chr.

sind jedenfalls die semitischen Eroberer bereits im Besitze des

Landes. Sobald wir die Plattform Narâm-Sin’s durchbrechen, tritt

uns mancherlei Eigentümliches entgegen. An Stelle der quadratischen

Backsteine, die unter der älteren Sargon-Dynastie ihre grösste Form

in Nippur erreichen (circa 40-50 cm), um nicht lange danach die

bis zu den Tagen Aschurbânapals und Nebukadnezars, also mehr denn

3000 Jahre hindurch sich haltende konstante Grösse von 30-33 cm

zu erreichen, treten in vier leicht nachweisbaren vorsargonischen

Schichten sogenannte plano-konvexe Backsteine, d. h. rechteckige (in

den ältesten Formen aber an den Ecken abgerundete) Backsteine mit

flacher Unterfläche und mehr oder minder stark gewölbter Oberfläche

(Abb. 49). Die letztere hat oft einen bis zwei Fingereindrücke oder

(resp. und) einen oder mehrere mit dem Finger oder einem Schilfblatt

gezogene Längsstreifen. Sie ähneln in ihrer ältesten Form (17-20 cm

lang) roh bearbeiteten Steinen, als deren Nachahmung sie offenbar zu

gelten haben (vgl. 1. Mose 11). In Übereinstimmung mit der Angabe in

dem eben citierten Kapitel der Bibel ist Erdpech fast ausschliesslich

das älteste Bindemittel in den Bauten der untersten Schichten Nippurs.

Dabei ist es nicht zufällig, dass der älteste Gebrauch gebrannter

Backsteine in Babylonien sich in Verbindung mit den für das Leben

und Gedeihen im Innern des Landes so wichtigen Brunnen und Cisternen

nachweisen lässt, und dass das Bild für Backstein offenbar mit der

eigentümlichen Art und Weise, in welcher die Backsteine jener ältesten

Brunnen gelegt wurden -- in der Architektonik als „Häringsgrätenart‟

bekannt -- zusammenhängt.

[Illustration: Ab. 48. Der Tempel des Bêl (nach der Rekonstruktion von

Hilprecht und Fisher).]

[Illustration: Abb. 49. Vor-Sargonischer plano-konvexer Backstein.]

Fragen wir nun, was enthalten diese prähistorischen Strata des

Tempelbezirks, in deren untersten 3-4 m der gebrannte Backstein eine

noch völlig unbekannte Grösse ist, während das Brennen von Tonwaren

längst geübt wurde, so haben wir zu unterscheiden zwischen dem Tempel

selbst und seiner Umgebung. Durch eine Reihe von Stollen, die in das

Innere des Etagenturmes geschlagen wurden, stellte ich zunächst fest,

dass 4.20 m innerhalb der von Ur-Gur um 2700 v. Chr. erbauten Front

der unteren Stufe der Pyramide ein tief abwärts gehender uralter

sumerischer Turm begraben liegt, dass also die Sumerer, nicht die

Semiten als die Erfinder dieser eigenartigen Etagentürme zu betrachten

sind. Zu diesem Resultat war ich bereits früher geführt durch die

Erwägung, dass alle jene Türme bemerkenswerte sumerische Namen tragen,

und dass die älteren Tellôinschriften solche Türme bereits zu kennen

schienen. Die noch erhaltene niedrige Umfassungsmauer des ältesten

heiligen Bezirkes von Nippur umschliesst eine bedeutend kleinere Fläche

als die spätere starke Befestigungsmauer desselben.

In geradezu wunderbarer Weise ward das Heiligtum drainiert. Vier

und ein halb Meter unterhalb von Narâm-Sin’s Plattform machte die

Expedition eine wahrhaft epochemachende Entdeckung, deren ganze

Tragweite sich mir erst während der letzten Kampagne erschloss.

Direkt unter der Umfriedungsmauer mündete ein ca. 1 m hohes

Gewölbe, in regelrechter Bogenform erbaut, aus (Abb. 50). Es gehört

zweifelsohne in das 5. Jahrtausend und liefert durch die blosse

Tatsache seiner Existenz eine weltbeschämende stumme Kritik der

Drainierungsverhältnisse der meisten unserer grossen europäischen

Städte im 20. nachchristlichen Jahrhundert. Man hatte im „Königreiche

des Nimrod‟ nicht nötig, das Strassenpflaster jedesmal aufzureissen,

wenn irgendwo im Boden eine Röhre geplatzt war. Denn die Anlage ist

nicht ein blosser unterirdischer Kanal für Abzugswasser, sondern

ein gewölbter Gang, in dessen Boden in Cement eingelassen, wie im

Bilde deutlich erkennbar, zwei Tonröhren von ca. 15 cm Durchmesser

nebeneinander gebettet lagen. Platzte eine derselben, so betrat ein

Arbeiter in gebückter Stellung das Gewölbe und besserte ohne weitere

Schwierigkeit den Schaden aus. Warum 2 Röhren? Offenbar um das Wasser,

das an der gemeinsamen SO.-Ecke des Turmes in das Gewölbe einmündete,

von zwei verschiedenen Richtungen her abzuleiten. Etwa 500 in der Nähe

gefundene Knie- und T-Stücke (Abb. 51) belehren uns, dass man auch

rechtwinkelig sich treffende Abzugsröhren in unserer heutigen Weise

damals zu vereinigen wusste.

[Illustration: Abb. 50. Der älteste Bogen Babyloniens.]

[Illustration: Abb. 51. Knie- und T-Stücke aus Terrakotta.]

[Illustration: Abb. 52. Marmorkopf eines Sumerers.]

Die Kunst jener uralten Periode lassen Sie mich wenigstens an der Hand

zweier Denkmäler vor Augen führen. Der zunächst folgende Marmorkopf

gehört einem Volke an, das Kopfhaar und Bart rasierte (Abb. 52). Solche

leider oft verstümmelte Prachtstücke sind in Nippur, Tellô und anderen

älteren Ruinen gefunden worden. In einem Exemplare aus Nippur hat der

Künstler das Weisse des Auges durch Muschel, die Pupille durch braunen

Stein und die Augenlider und Augenhaare durch eingelegtes Silber in

entsprechender Weise hervorgehoben. Das andere Denkmal ist der bereits

berühmt gewordene wunderbare Bronzekopf einer Ziege mit gewundenen

Hörnern aus Fâra (in einem fast lebensgrossen und einem etwas kleineren

Exemplar vorhanden) (Abb. 53). Da man Zinn offenbar nur erst wenig oder

noch gar nicht kannte, wurde die nötige Härte und Behandlungsfähigkeit

des Kupfers durch einen Zusatz von Antimon erreicht. Die Augen und

Ornamente am Kopfe des Tieres sind ebenfalls durch eingelegte Muscheln

und Steine in scheinbar spielender Weise hergestellt.

[Illustration: Abb. 53. Ziegenkopf aus Fâra.]

Eine wie lange historische Entwicklung vorauszusetzen ist, ehe man

derartige Kunstwerke im 5. Jahrtausend zu schaffen im stande war,

entzieht sich zur Zeit noch unserem Urteil. Die hohen Errungenschaften

jener Periode auf dem Gebiete der Technik und Wissenschaft, das

hochentwickelte Schriftsystem, dessen einzelne Zeichen ursprünglichen

Bildern meist schon sehr fern stehen, der sichtbare Verfall der

Sprache, in der ursprünglich ganz verschieden ausklingende Wurzeln

nach Abschleifung der Endkonsonanten bereits in auffälliger Weise

zusammengefallen sind, werden es kaum zu hoch erscheinen lassen -- und

Anthropologen werden nicht mit Unrecht ob dieses geringen Ansatzes

lächeln --, wenn ich angesichts der unterhalb des Bogens befindlichen

weiteren 4.5 m Trümmer für eine derartige Entwicklung aus den ersten

Anfängen menschlicher Zivilisation 1000-2500 Jahre ansetze.

[Illustration: Abb. 54. Vor-Sargonischer Tonbecher.]

Als wir ausserhalb der Umfriedungsmauer des Heiligtums bis zu dem

Wasserspiegel hinabdrangen, stiess ich allenthalben auf Vasenscherben

(Abb. 54), horizontale und vertikale Abzugskanäle, Asche und andere

Verbrennungsreste. Daneben fanden sich trotz des gewaltigen Druckes der

Jahrtausende lang darüber liegenden Masse eine ganze Reihe prächtig

erhaltener Urnen. Es war die Feuernekropole der um den Tempel ihres

Gottes im langen Schlafe ruhenden Sumerer (Abb. 55). Was, so fragen

wir im gerechten Erstaunen, war dann die ursprüngliche Bedeutung des

Etagenturmes von Nippur?

Der erste seiner vier Namen bezeichnet ihn als +Imcharsag+, „Windberg‟,

auf dem der Herr (+en+) des Windes (+lil+), des Sturmes und Blitzes,

d. h. +Enlil+, der Gott der atmosphärischen Erscheinungen, mit dem

der semitische Bêl („Herr‟) später identifiziert wurde, thront, von

dem herab er seine Donnerkeile, mit welchen er oft dargestellt wird,

auf die Erde schleudert. Als Orakelstätte für die Menschen heisst der

Turm +Esagasch+, „Haus der Entscheidung‟. Als tief in die Unterwelt

hinabdringend, wo nach sumerischer Anschauung die abgeschiedenen

Geister im Hades wohnen, und in deren Nähe man demgemäss die Toten

beerdigte, wird er auf einer Inschrift +Egigunû+, „Haus des Grabes‟,

d. h. _pars pro toto_, „Haus der Unterwelt‟ bezeichnet. Der vierte

zusammenfassende Name benennt ihn +Duranki+, „das Band Himmels und der

Erde‟. Der Etagenturm ist demgemäss nichts anderes als die Darstellung

einer kosmisch-religiösen Idee, die lokale Repräsentation des grossen

mythologischen Götterberges, den sich die alten Babylonier im fernen

Norden aus der Unterwelt zur Erde emporsteigend und bis in den Himmel

hineinreichend (vgl. 1. Mose 11) dachten -- eine Art Olymp, auf dem die

Götter als „Kinder des Bêl‟ geboren waren, der aber nach seiner anderen

Seite in einem späteren Texte geradezu als +schad Aralû+, „Berg der

Unterwelt‟ bezeichnet wird.

[Illustration: Abb. 55. Vor-Sargonisches Grabgemach mit Totenurnen. (Im

Vordergrund die alte Umfassungsmauer des Tempels.)]

Der Turm des Enlil erscheint daher in der ältesten sumerischen Periode

in seinem oberen Teile als die Wohnstätte des im Himmel thronenden

„Vaters der Götter‟, in seinem mittleren als Kultusstätte der auf der

Erde wohnenden Menschen, und in seinem in den Hades hinabreichenden

unteren Teile als ein Platz, um den die Toten ruhen -- eine wahrhaft

grossartige Auffassung eines Heiligtums in der ältesten babylonischen

Geschichte, die bis zu einem gewissen Grade sich bis in die jüngste

Zeit hinein in den von Friedhöfen umgebenen christlichen Kirchen

erhalten hat. Erst unter den semitischen Eindringlingen Babyloniens

scheint es nach unserer jetzigen Kenntnis wie in der Wissenschaft und

Kunst, so in der Religion abwärts gegangen zu sein. Nach Sargons I.

Zeit hören in Nippur (bis zur Partherperiode) ganz unvermittelt die

Begräbnisse in der Umgebung des Tempels auf. Trotz allem, was man

darüber geschrieben hat, und trotz einiger keilschriftlicher Hinweise

auf Königsgräber, wissen wir durch die Ausgrabungen noch nicht, wo und

wie die semitischen Bewohner Babyloniens ihre Toten beerdigten. In

Lagasch (Tellô), wo sich offenbar die altsumerischen Traditionen mit

am längsten erhielten, führt erst Gudea um 2800 v. Chr. die gleiche

Reformation wie die Sargondynastie in Nippur durch. Beim Neubau des

Tempels werden die alten Grabstätten geschont, aber Neue hinfort nicht

mehr geduldet. „Eine Graburne wurde nicht zerbrochen, Gliedmassen

(oder Leichenreste) nicht verletzt‟ (Statue B, col. IV, 10); „auf dem

Begräbnisplatze der Stadt ... ward ein Leichnam nicht beerdigt‟ (col.

V, 2); „eine Klagefrau liess keine Klage [mehr] erschallen‟ (col. V,

4). „Den Tempel des Ningirsu hat er wie Eridu zu einem reinen Orte

gemacht‟ (col. IV, 7-9).

Aber die neue Rasse mit ihren neuen Sitten und Gebräuchen, ihren

neuen Göttern und ihrer neuen Religion, hat, so sehr sie sich auch

den alten Kultur- und Kultusverhältnissen Babyloniens anpasste,

bald die Bedeutung jener Etagentürme verloren, oder doch wesentlich

abgeschwächt und verändert. In Verbindung mit dem Totenkultus ihrer

Könige und Heroen sinken sie allmählich zu Grabstätten der Licht-

und Sonnengötter herab. Gudea konstruiert das Grabmal seines Gottes

Ningirsu im Tempel zu Lagasch; Hammurabi (gemäss der Einleitung seiner

neugefundenen Gesetzessammlung aus Susa) bekleidet mit Grün, der

Farbe der Auferstehung, „das Grab der Sonnengöttin Ai‟ zu Sippar; und

Babyloniens letzter selbstständiger König Nabonidos bezeichnet in einer

bislang missverstandenen Stelle den Etagenturm zu Larsa (dem biblischen

Ellasar, 1. Mose 14, 1) ausdrücklich als „das Grab des Sonnengottes‟.

Die so oft angezweifelten Berichte der klassischen Schriftsteller

vom „Turme zu Babel‟, als dem „Grabmale des Bêl‟, ruhen demnach auf

authentischen einheimischen Keilschriftquellen.

Eine vieltausendjährige Entwicklung haben wir in Eile an unseren Augen

vorüberziehen sehen. Ein gewaltiger Wechsel hat sich im Laufe der Zeit

in Nippur, in Gesamt-Babylonien vollzogen. Die altsumerische Kunst

und Wissenschaft sind unter den semitischen Einwanderern allmählich

degeneriert. Wohl kommt es in gewissen national bedeutsamen Epochen zu

einer schätzenswerten Renaissance, und es wird in den Tagen der Könige

von Ur, eines Hammurabi, der Pasche-Dynastie, eines Aschurbânapal und

Nebukadnezar Anerkennenswertes auf vielen Gebieten geleistet. Aber

verglichen mit jener hochentwickelten Kultur an der Schwelle des 5. und

4. Jahrtausends sind die neuen Blüten doch nur kümmerliche Nachwüchse

einer längst entschwundenen grossen Zeit selbständigen Schaffens.

Und nicht viel anders steht es auf dem Gebiete der Religion. Das

sumerische Pantheon, aus dem die grosse Göttertrias Anum, Enlil und

Enki, und besonders der Enlil von Nippur, als „Vater‟ und „König der

Götter‟, bedeutsam hervortritt, hat unter den Semiten einen recht

stattlichen Zuwachs erhalten. Seit Sargon I. haben sogar grosse

babylonische Herrscher eine ausgesprochene Vorliebe, sich selbst für

Götter ihrer Untertanen zu erklären. Ich erinnere an Sargon selbst,

an Narâm-Sin, an Gudea, an Dungi und viele andere, welche nach einer

gewissen Zeit ihrer Regierung selbst das Götterdeterminativ vor

ihren Namen setzten oder von ihren Untertanen gesetzt bekamen, und

zu deren Ehren Tempel gebaut und neue Kulte gegründet wurden. Die

Stufenpyramiden von Nippur, Larsa, Sippar, Babylon und anderen Städten,

einstmals im aufwärts ringenden Streben ihrer Erbauer als „das Band

Himmels und der Erde‟ (_Duranki_) oder „die Grundfeste Himmels und der

Erde‟ (_Temenanki_) oder ähnlich bezeichnet, sind zu Gräbern des Bêl,

Schamasch, Marduk usw. geworden. Eine ganze grosse Nation mit ihrem

glänzendem Erbe einer uralten Zivilisation, ihren bewundernswerten

Gaben, ihrer geistigen Reife ist untergegangen mit dem Bekenntnis

auf den Lippen: _unsere Götter sind tot_ -- ein ergreifendes, ein

entsetzliches Bild! Wohl kehren diese Götter mit dem Einzug des

Frühlings zeitweilig in die Oberwelt zurück, aber die Totenklage um

ihr jährliches Sterben bildet einen wichtigen Teil ihres Kultus, und

die gewaltigen Etagentürme, als Göttergräber, geben den Tempeln ihr

charakteristisches Gepräge.

Dürfen wir angesichts solcher historischen Tatsachen und objektiven

Befunde einen _neuen Himmel_ von Babel erwarten, Hilfsmittel für

die Beseitigung des _Offenbarungscharakters_ der alttestamentlichen

Religion und des _einzigartigen_ Wesens des Gottes Israels? Jesaia

weissagte (21, 9): „Babel ist gefallen, sie ist gefallen, und

alle Bilder ihrer Götter sind zu Boden geschlagen‟, d. h. in das

keilschriftliche Zeugnis der Babylonier übertragen: Die Götter sind

gestorben und begraben. Babel und Bibel stimmen also in diesem

wesentlichen Punkte ganz merkwürdig überein! Und wie lautet dagegen

Israels eigenes Glaubensbekenntnis: „Siehe der Hüter Israels schläft

noch schlummert nicht‟ (Ps. 121, 4) -- geschweige denn dass er stirbt.

„Höre Israel, der Herr, dein Gott ist ein einiger Gott‟ (Deut. 6,

4). „So spricht der Herr, der König Israels, und sein Erlöser, der

Herr Zebaoth: Ich bin der erste, und ich bin der letzte, und ausser

mir ist kein Gott‟ (Jes. 44, 6). Babylonische Götter entstanden im

Weltprozess wie andere Wesen und Dinge, wenn wir der keilschriftlichen

Schöpfungslegende trauen dürfen: „Als oben der Himmel noch nicht

genannt ward, drunten die Feste (die Erde) noch nicht geheissen,

da wurden die Götter gebildet‟. Man ist darum ganz konsequent in

Babylonien verfahren, dass man dieselben schliesslich auch wieder

sterben liess. Nach dem biblischen Berichte aber war es Gott, der

am Anfang Himmel und Erde schuf, und der Geist Gottes, der als ewig

Gewesener und darum auch ewig Seiender auf den Wassern schwebte.

Aber ist diese Einheit aller Götter, _Elôhîm_, dieser Ewig Seiende,

_Jehovah_ (_Jahve_) des Alten Testamentes nicht ein recht exklusiver,

intoleranter, engherziger Gott Israels, „_der Gott einzig und

ausschliesslich_ Israels‟? Ich würde an den Geist von Jonas Mission

erinnern und an andere Stellen, um ihn in seinem ganzen Wesen zu

erfassen. Aber lassen wir lieber Israels grössten Propheten, Jesaia

selbst, reden, der in seinem heiligen Grimme gegen seines Volkes

und Gottes Feinde dieselben doch gewiss nicht gerade schonungsvoll

behandelte: „In der Zeit wird Israel _selbdritt sein mit den Ägyptern

und Assyrern, ein Segen_ mitten auf Erden. Denn der Herr Zebaoth wird

sie segnen und sprechen: _Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und

du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe_‟ (Jes. 19, 24

f.). Die Sonderstellung Israels in seinen Tagen gilt dem Propheten also

selbst nur als eine historisch bedingte, temporäre.

Die Ausgrabungen der Universität von Pennsylvania im Bêl-Tempel zu Nippur · 第 3 / 4 段