zu Anfang ihrer vieltausendjährigen Geschichte gewesen -- _ein
weitgestreckter Friedhof_. Mit dem Emporkommen der Sassaniden-Dynastie
(226-643) ist die Bedeutung des Ortes vorüber. Die parthischen
Paläste verfallen und werden zu Leichenhäusern. Keine ansehnlichen
neuen Gebäude entstehen mehr auf den Trümmern der alten. Nur elende
Lehmhütten bedecken auch jetzt noch die bedeutenderen Punkte. Wohin
der Spaten trifft, sind die oberen 5-30 Fuss Trümmer gefüllt mit
sassanidischen Gräbern, bisweilen begleitet von schlechtgravierten
Siegelsteinen, geschmückt mit leidlichen Porträtköpfen, schwer zu
erratenden Tiergestalten und allerhand phantastischen Pflanzen.
[Illustration: Abb. 22. Blauemaillierte Tonsärge mit weiblichen
Figuren.]
[Illustration: Abb. 23. Sarg gebildet aus zwei Urnen.]
Die gewöhnlichste Form der Tonsärge ist die eines niedrigen Schuhes,
für die Reichen emailliert, für die ärmeren Klassen einfach gebrannt.
Die Oberfläche ist bei den letzteren meist leer, bei der besseren
Sorte in Felder geteilt und nur bei Frauensärgen, wie es scheint,
gewöhnlich mit einer weiblichen Figur (Abb. 22), bei Männern dagegen
gelegentlich mit einem Krieger, einem geflügelten Stiere, einem
strahlenumkränzten Kopfe und anderen Darstellungen geschmückt. Um
die Leiche mit dem um die Füsse gewundenen Strick in Position zu
ziehen -- nicht zum Entweichen der bei der Verwesung sich bildenden
Gase, wie man meist angenommen hat --, befindet sich am unteren Ende
des meist deckellosen Sarges ein Loch. Daneben finden wir aber auch
niedrige trogförmige Särge mit gewölbtem Deckel oder zwei Urnen mit
der Innenseite gegeneinander gekehrt (Abb. 23), bei grösseren Personen
oft noch durch einen eingeschalteten Terrakotta-Ring erweitert, oder
aufrecht stehende Urnen und sogenannte badewannenförmige Särge, in
denen das Skelett mit zusammengezogenen Knieen liegt. Fische, Hühner,
Datteln, Reis und andere Getreidearten werden in kleinen Vasen oder
Schalen als Speise beigefügt, während für den Durst der Abgeschiedenen
entweder ein grösserer Krug Wassers oder ein bis auf das Grundwasser
hinabreichender Brunnen (Abb. 24) in ausreichender Weise sorgt. Um die
Gräber zu drainieren, wurden mit Hilfe von Tonringen oder am Boden
durchbrochenen Wasserkrügen lange Röhren gebildet und nicht selten hart
neben dem Brunnen (wie im Bilde auf S. 40) bis zu 24 m Tiefe in die
altbabylonischen Schichten und den darunter befindlichen jungfräulichen
Boden gesenkt. Bisweilen sind diese Röhren durchlöchert und hie und da
mit einem glockenförmigen Aufsatze versehen.
Wie bereits kurz angedeutet wurde, ist die früharabische Periode
mit ihren kûfischen Kupfer- und Silbermünzen und den zahlreichen
hebräischen und mandäischen Zauberschalen gerade in Nippur oder, wie
der Ort allmählich gesprochen wurde, _Niffer_ und wegen des folgenden
Labials schliesslich _Nuffar_, sehr gut vertreten. Ein grösserer Krug
mit kurzer arabischer Inschrift gehört ebenfalls diesem allgemeinen
Zeitabschnitt an. Das Innere der Zauberschalen ist in der Mitte
entweder leer oder mit kabbalistischen Zeichen, umgeben von einer
Schlange oder einem einfachen Kreise, noch öfter aber mit einem recht
secessionistisch aussehenden Dämon, der uns lebhaft an die Bilderbogen
von „Max und Moritz‟ erinnert, geschmückt (Abb. 25), während Lilith und
andere böse Geister, welche die Lebenden mit Krankheit und Unglück
plagen und die Toten selbst im Grabe noch beunruhigen, „im Namen
Jehovahs‟ durch eine spiralförmig die Schale bedeckende Inschrift
beschworen werden.
[Illustration: Abb. 24. Grab-Brunnen und Drainierungsröhren aus
Terrakotta-Ringen.]
Aus dem Gesagten wird so viel klar geworden sein, dass im ganzen
recht wichtige spätere Ruinen in ausgedehntem Masse die älteren
babylonischen Schichten bedecken und dass es uns eben darum
ausserordentliche Zeit und Mühe kostet, zu den letzteren vorzudringen,
wollen wir nicht einfach in barbarischer Weise die oberen Strata als
wertlosen Schutt behandeln und abräumen.
[Illustration: Abb. 25. Hebräische Tonschale mit Dämon.]
Es kann nun nicht meine Aufgabe sein, im knappen Rahmen eines Vortrags
alle die neun _semitisch-babylonischen_ Perioden, welche in 4½-6 m
hohen Trümmern übereinander lagern, einzeln durchzusprechen. Auffallend
dürfte es zunächst erscheinen, dass bei einem so grossen Zeitraume
von rund 3500 Jahren, welcher hier räumlich zur Darstellung gelangt,
verhältnismässig so geringe Schuttablagerungen zwischen den einzelnen
durch den Tempelplatz sich hinziehenden Plattformen vorhanden sind.
Betrachten wir z. B. die drei oberen Backsteinpflaster (Abb. 26),
so erkennen wir ohne weiteres aus der daneben stehenden Gestalt des
+‘Afeč+-Kriegers, dass der Abstand von der ersten bis zur dritten
Plattform nur 1,30 bis 1,60 m beträgt, obwohl die oberste von König
Aschurbânapal (um 650), die mittlere von Kadaschman-Turgu (um 1300)
und die unterste von Ur-Ninib (um 2500 v. Chr.) gelegt ward, also rund
1850 Jahre reichbewegter babylonischer Geschichte hierin gewissermassen
verkörpert sind. Und nicht viel anders verhält es sich mit den
darunterliegenden Plattformen Ur-Gurs (ca. 2700) und Sargons I. und
seines Sohnes Narâm-Sin (ca. 3750 v. Chr.).
[Illustration: Abb. 26. Backsteinpflaster des Aschurbânapal,
Kadaschman-Turgu und Ur-Ninib.]
Angesichts unseres heutigen archäologischen und historischen Wissens
von jener noch vor kurzem so dunklen Periode ist diese Tatsache von
keinem grossen Belang mehr. Sie findet jedoch ihre sehr natürliche und
einfache Erklärung in dem für die einzelnen Plattformen nachweisbaren
Umstande, dass, ehe sie gelegt wurden, alle die schadhaft gewordenen
Gebäude und Schuttablagerungen so weit abgetragen wurden, als für eine
gleichmässige Fundierung und die Sicherheit der neuen Plattform nötig
war.
Im Lichte des von Nebukadnezar und Nabonidos so oft betonten Prinzipes,
dass ein restauriertes Heiligtum nur dann eine der Würde der Gottheit
entsprechende Kultusstätte sein kann und ihres besonderen Schutzes und
Wohlwollens sich erfreut, wenn die neuen Mauern genau den Umrissen
der alten folgen, erscheint es nicht wunderbar, dass auf Grund meiner
Untersuchungen zu Nippur der eigentliche Tempelplatz zu allen Zeiten
während dieser 3500 Jahre dieselbe Grösse gehabt hat. Da es aber der
erste methodisch blossgelegte Tempel Babyloniens ist und derselbe noch
dazu das bedeutendste Heiligtum des ganzen Landes aus ältester Zeit
repräsentiert, dürften einige allgemeine erklärende Bemerkungen am
Platze sein.
Der Tempel des Bêl (Abb. 27), keilschriftlich Ekur „Berghaus‟
genannt, bestand aus zwei grossen Höfen, einem inneren (A) und
einem äusseren (B), beide verbunden durch ein monumentales Tor (2).
Schwarz gezeichnete Mauern auf dem beifolgenden Grundplane sind durch
die Ausgrabungen festgestellt, schraffierte von mir mit grosser
Wahrscheinlichkeit ergänzt worden. Der innere Hof enthielt zwei
Hauptgebäude, links den in seinen Trümmern noch etwa 30 m ansteigenden
Etagenturm, ursprünglich mit einem Schrein für Bêl auf der höchsten
Spitze, und rechts davon das nur erst in seinen Umrissen festgestellte
eigentliche „Haus des Bêl‟, in welchem „der Vater der Götter‟ mit
seiner Gemahlin residierte, wo die Weihegeschenke der Grossen des
Reiches deponiert und die Hauptopfer ihren Gottheiten dargebracht
wurden. Ein kleineres Tor führte hinter dem Turme auf den angrenzenden
offenen Platz. Rechts vom Haupttore (2) ist das von den Elamiten
geplünderte Schatzhaus und Tempelarchiv (4). Zwischen dem eigentlichen
Haupttempel des Bêl und dem Archiv befanden sich mehrere Wasserbecken
und eine fast meterhohe Doloritvase des Priesterfürsten Gudea von
Lagash. Sie dienten Kultuszwecken wie das einst rechts an der Mauer
befindliche und von Bur-Sin von Ur, ca. 2600 v. Chr., gestiftete „Haus
für Honig, Milch und Wein‟ -- drei bei den Opfern eine wesentliche
Rolle spielenden Flüssigkeiten.
[Illustration: Abb. 27. Grundplan des Bêl-Tempels zu Nippur.
Rekonstruiert von Hilprecht, gezeichnet von Fisher.]
Aus einer der Tempelbibliothek entnommenen Tafel erfahren wir, dass
ausser Bêl und Bêltis wenigstens 24 andere Götter ihre Schreine und
Kapellen im Tempel zu Nippur hatten. Da „die Stadt des Bêl‟ als Sitz
des Königreichs der vier Himmelsgegenden, welche der oberste Gott
seinem irdischen Repräsentanten in seinem Heiligtum am Chebar verlieh,
mehr als irgend ein anderer Ort des gesamten Reiches das politische
Auf und Nieder Babyloniens widerspiegelte, so ist es von vornherein
selbstverständlich, dass auch die Anzahl dieser Nebengebäude und
Kapellen fortgesetzten Schwankungen unterworfen sein musste. Wo aber
haben wir alle diese 24 Tempelchen zu suchen? Da bereits im zweiten
Jahre unserer Expedition durch einen Versuchsschacht ein kleiner
besonderer Tempel des Bêl, genannt +E-schagģulla+-Bur-Sin („Haus der
Herzensfreude Bur-Sins‟), direkt dem Etagenturme gegenüber (1) in dem
von mir während der letzten Kampagne als äusserer Tempelhof fixierten
Teile der Ruinen blossgelegt wurde, und da an und für sich der innere
Tempelhof für so viele Kapellen keinen genügenden Raum bot, noch auch
bei unsern Ausgrabungen daselbst irgend welche Spuren grösserer Anlagen
gefunden wurden, so dürfen wir mit ziemlicher Sicherheit schliessen,
dass sie alle im äusseren Hofe lagen. Zu diesem hatten offenbar die vom
Allerheiligsten des Tempels ausgeschlossenen Durchschnittspilger freien
Zutritt, wenn sie in grossen Scharen nach Art der heutigen Mekkapilger
zu gewissen Zeiten nach dem berühmtesten Heiligtume Babyloniens
strömten, um ihre Gebete an geweihter Stelle zu verrichten und ihre
Opfergaben daselbst niederzulegen.
[Illustration: Abb. 28. Westecke der ersten Etage des Turmes von
Nippur.]
Wie viele Etagen der himmelanstrebende Turm ursprünglich gehabt
hat, lässt sich wegen der in der Partherzeit daran vorgenommenen
Veränderungen mit Sicherheit nicht sagen. Das unterste, von
Kadaschman-Turgu um 3½ m nach N.O. hin erweiterte und von Aschurbânapal
zum letzten Male restaurierte Stockwerk war etwas über 6 m hoch (Abb.
28). Spuren von zwei weiteren Etagen wurden im Innern der darüber
lagernden Masse mit grosser Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, während zu
gleicher Zeit an den beiden Schmalseiten des rechteckigen Turmes die
gewaltigen Abzugskanäle von Haynes blossgelegt wurden, welche die in
ihrem Kerne aus ungebrannten Ziegeln erbaute Stufenpyramide gegen die
verheerenden Folgen der winterlichen Regen schützten (Abb. 29).
[Illustration: Abb. 29. Abzugskanal in der Südwestseite des
Etagenturmes.]
Die hauptsächlich in beiden Tempelhöfen gefundenen Weihegeschenke aus
der Zeit ca. 4000-2500 v. Chr. sind leider oft recht fragmentarisch,
weil die um die Mitte des dritten Jahrtausends plündernd in Babylonien
einfallenden Horden der Elamiten, welche gemäss 1. Mose 14 ihre
Streifzüge bis zur Küste des Mittelmeeres ausdehnten, in ganz
fürchterlicher Weise in den Heiligtümern von Sumer und Akkad hausten.
Gold und Silber und besonders hervorragende Kunstwerke schleppte man
in die Berge nach Susa, wo die französische Expedition unter de Morgan
und Scheil sie mit grossem Erfolge aus den untersten Schichten wieder
zu Tage zu fördern begonnen hat. Vasen und wertlosere Weihgeschenke,
welche den Namen des verhassten Nationalgottes der Babylonier trugen,
wurden zerbrochen oder verstümmelt, Tempelarchiv und Bibliothek
ausgeräumt und ihr Inhalt an den Mauern zertrümmert. Dadurch haben
diese uralten Erbfeinde babylonischer Kultur ihre Schreckenswirtschaft
bis in die jetzige Zeit hineingetragen. Meine beste Zeit geht damit
verloren, mühselig zusammenzusuchen und zu entziffern, was elamitischer
Vandalismus und Rachesucht vor mehr denn 4000 Jahren in Stücke schlugen.
[Illustration: Abb. 30. Votivplatte aus Lapislazuli.]
Weit besser erhalten sind die zahlreichen Votivsteine, Rechnungslisten
und Briefe aus der Zeit der Kassitenkönige (2tes Jahrtausend), welche
bekanntlich das Pferd, Lapislazuli und chemisch äusserst reinen
Magnesit in grösseren Massen, samt einer Imitation des ersteren aus
gefärbtem Glas -- das älteste bisher bekannte Glas im Gebiete des
Zweistromlandes -- aus den östlichen Bergen in Babylonien einführten.
Aus den etwa 18000 beschriebenen Denkmälern jener Zeit mögen drei
Beispiele den allgemeinen Charakter derselben illustrieren. Da ist
zunächst als Repräsentant einer ganzen Anzahl ähnlicher Antiquitäten
eine kleine dünne Lapislazuli-Scheibe zu nennen. Sie trägt die
kurze Votivschrift (Abb. 30): „Dem Gotte Ninib, seinem Herrn, hat
Kadaschman-Turgu, der Sohn des Nazi-Maruttasch, eine Scheibe aus
poliertem Lapislazuli anfertigen lassen und für Erhaltung seines
Lebens geschenkt‟. Oder wir erwähnen eine fragmentarische Votivaxt
des Nazi-Maruttasch selbst aus gefärbtem Glas mit hochpoetischem
rhythmischem Schlusse, in dem offenbar ein Reim beabsichtigt ist. Die
Inschrift lautet, soweit als erhalten, in babylonischer Sprache und
Übersetzung wie folgt:
1. ...... 1. Dem Gotte ...
2. +Nazi- Maruttasch+ 2. hat Nazi-Maruttasch,
3. +mâr Kurigalzu+ 3. Sohn des Kurigalzu
4. +ikribischu ana scheme+ 4. auf dass er sein Gebet erhöre,
5. +teslîssu magâri+ 5. seinem Flehen willfährig sei,
6. +unnenischu leḳê+ 6. seinen Ruf um Gnade annehme,
7. +napischtaschu naṣâri+ 7. sein Leben beschirme
8. +ummischu urruke+ 8. und lange mache seine Tage
9. ...... 9. [eine Votivaxt aus poliertem
(imitiertem) lapis lazuli geschenkt].
Von den vielfach vorzüglich erhaltenen Rechnungslisten aus jener für
das ganze West-Asien so bedeutungsvollen Zeit, als diese fremdländische
Dynastie ein halbes Jahrtausend den Thron Babyloniens inne hatte
und das uralte Heiligtum des Bêl von Nippur auf Kosten des jüngeren
Merodach von Babylon noch einmal in den Vordergrund des religiösen und
politischen Lebens stellte, möge wenigstens eine grosse Einkommentafel
des Tempels unsere Beachtung finden. Sie ist wie Tausende ähnlicher
Dokumente durch gerade Linien nach den Monaten in vertikale und nach
den zahlenden Personen in horizontale Felder abgeteilt. Die ersten
6 Spalten geben die Einnahmen von Datteln für die ersten 6 Monate,
die etwas breitere 7. Spalte die zusammenaddierten Summen des ganzen
ersten halben Jahres an. Die 8.-13. Spalte bringen die Einzelposten
für Juli bis inkl. Dezember nach unserer, oder von Tashrîtu bis Addar
(Mitte Sept.-Mitte März) nach babylonischer Ausdrucksweise. Die 14.
Kolumne enthält die Summen des zweiten Halbjahres, die 15. Kolumne die
Totalsummen der Einkünfte des ganzen Jahres, die 16. Kolumne einen
Registraturvermerk und die letzte und breiteste Kolumne die Namen
der zahlenden (in anderen Texten empfangenden) Personen. Mit den
Amarna-Tafeln sind diese in mehr denn einer Hinsicht interessanten
18000 Nippur-Texte unsere Hauptquelle für eine der dunkelsten Perioden
babylonischer Geschichte. Wir dürfen mit Recht noch bedeutende
Aufschlüsse von dem noch fast ganz unpublizierten Material, namentlich
für die internen Verhältnisse des Landes erwarten.
[Illustration: Abb. 31. Ausgrabungen im Innern des Tempelhofes zu
Nippur.]
[Illustration: Abb. 32. Torso einer Dolerit-Statue.]
Die älteren Kunstdenkmäler aus dem 3. und 4. Jahrtausend sind
namentlich durch Grabungen der dritten und vierten Kampagne bedeutend
vermehrt worden. Sie entstammen der Regel nach einer verhältnismässig
flachen Schicht, nämlich den Trümmermassen des Tempelhofes zwischen
der dritten und vierten Plattform (Abb. 31). Eines der grössten
und besterhaltenen Werke ist der Torso einer Statue in Dolerit,
⅔ Lebensgrösse, ca. 2700 v. Chr. Im Gegensatz zu den bekannten
Tellôstatuen ist der Priesterfürst hier bärtig und mit Hals- und
Armschmuck dargestellt. Er ist offenbar ein Semit. Der Bart zeigt
bereits (Abb. 32) die aus den spätassyrischen Monumenten des 9.-7.
Jahrhunderts wohlbekannte konventionelle Wiedergabe des Flechtens. Im
übrigen bewundern wir den ersten schüchternen Versuch des babylonischen
Künstlers, die Falten des nachlässig umgeworfenen Shawls zum Ausdruck
zu bringen, das Anschwellen der Muskeln am rechten Oberarm und die
sorgfältig ausgearbeiteten Nägel der schlanken Finger. Um etwa 100
Jahre älter ist der mit der wollenen Kopfbedeckung geschmückte
Marmorkopf eines sumerischen _patesi_ aus dem Süden (Abb. 33).
[Illustration: Abb. 33. Marmorkopf eines sumerischen Priesterfürsten.
(ca. 2800 v. Chr.)]
Doch wir dringen noch tiefer in die semitischen Schichten hinab und
rufen endlich, nachdem wir die nahezu 2½ m dicke Plattform Ur-Gurs
durchbrochen haben, mit Belsazars Vater, Nabonidos, dem Archäologen
auf babylonischem Königsthrone, aus: „Was Jahrtausende lang kein König
unter den Königen geschaut, -- die alten Urkunden König Sargons von
Akkad, sahe ich.‟ Wir stehen vor der Blütezeit babylonischer Kunst, an
der Schwelle des 5. und 4. vorchristlichen Jahrtausends. Die Eleganz
und Regelmässigkeit der Schriftzüge, welche die Backsteinstempel
Sargons (Abb. 34), ja alle Keilschrifttafeln seiner Periode
charakterisieren, finden wir in demselben Masse erst bei Aschurbânapal,
etwa 3000 Jahre später, wieder. Der semitische Usurpator Sargon I.
fasste zusammen, was die alten sumerischen Meister in Stein, Erz und
Ton geleistet hatten, ehe es unter den Wirren einer unruhigen Zeit
und den Kämpfen mit neu auftretenden Völkerstämmen nur zu bald wieder
verloren ging.
[Illustration: Abb. 34. Backsteinstempel Sargons I.]
Ich kann die semitische Periode nicht verlassen, ohne mit einigen
Worten wenigstens den Inhalt der berühmten Tempelbibliothek zu
skizzieren. Wie zu Anfang dieses Vortrags angedeutet wurde, ist es
mir gelungen, in dem dreieckigen Hügel auf der Südseite des Tempels
mit seiner durchschnittlichen Erhebung von fast 8 m die Existenz von
zwei übereinander liegenden Bibliotheken nachzuweisen. Wertvoll wie
die spätere und weit kleinere Tafelsammlung zweifellos ist, da sie
Stücke aus mehr denn 3 Jahrtausenden enthält, die zum Teil schon als
Fragmente von den Priestern der neubabylonischen Zeit methodisch
ausgegraben wurden, ist sie doch an Bedeutung und Vielseitigkeit des
Inhaltes vollständig in den Schatten gestellt durch die 23000 Texte
der älteren Bibliothek, welche bereits 200 Jahre lang in Trümmern
lag, ehe Hammurabi wieder Ruhe und Ordnung im Reiche herstellte.
Mit wie lebendigem Interesse die spätbabylonischen Gelehrten nicht
nur, wie eben angedeutet, selbst ausgruben, sondern auch auswärtige
Ausgrabungen wie die des Königs Nabonidos in Sippar und Akkad
verfolgten, beweist eine im Besitz der Universität von Pennsylvania
befindliche einzigartige Antiquität. Es ist eine aus feingeschlemmtem,
aber ungleichmässig gebranntem Ton hergestellte Tafel, an den beiden
Längsseiten leicht gebogen. Auf der einen Breitseite steht in
umgekehrter erhabener Schrift eine uns bereits aus Nippur wohlbekannte
Inschrift des alten Königs Sargon I. (ca. 3800 v. Chr.): „Sargon,
der mächtige König der Untertanen des Bêl‟. Auf der Rückseite findet
sich in den charakteristischen Schriftzügen des 6. Jahrhunderts als
keilschriftlicher Vermerk eingetragen, dass das Ganze der Tonabdruck
(_zîpu_) eines im Palaste König Narâm-Sins zu Akkad aufbewahrten
Denkmals ist, welches der Schreiber Nabû-zêr-lîschir mit eigenen Augen
gesehen hat. Was für ein ausgebildetes archäologisches Interesse im
alten Babylonien!
Der einzigartige Wert der älteren Bibliothek liegt darin, dass sie uns
in den Stand setzen wird, festzustellen, welche Höhe die geistigen
Errungenschaften Babyloniens um 2500 v. Chr. erreicht hatten. Die
Bibliothek mit der Priesterschule des 3. Jahrtausends zerfiel in zwei
scharf gesonderte Abteilungen, eine rein praktische, geschäftlichen
Zwecken dienende am Kanal, und eine religiös-wissenschaftliche nahe
dem Eingang zum Tempel. Aus leicht erklärlichen Gründen sind die
rein geschäftlichen Urkunden der Regel nach aus gebranntem Ton, die
literarischen dagegen aus ungebranntem hergestellt. Die ersteren
behandeln vorwiegend die weitverzweigte Administration des Tempels,
die Einnahmen und Ausgaben, die Zehnten und mancherlei Opfergaben, das
Bauen und Ausbessern von Häusern, das Bepflanzen und Bewässern von
Grundstücken, den Kauf und Verkauf von Tieren, das Mieten und Vermieten
von Sklaven, das Weben von Gewändern und Anfertigen von Schmuck für die
Götterstatuen, die täglichen Beschäftigungen der Priester, die Kosten
ihrer Unterhaltung und vieles andere. Wir gewinnen aus diesen Urkunden
den Eindruck, dass der grosse Tempel des Bêl in manchen Stücken sich
nicht wesentlich von den bekannten babylonischen Grossfirmen und
Bankhäusern unterschieden hat. Ich erinnere nur an das Haus Egibi und
Söhne am Euphrat zur Zeit Nebukadnezars und die Firma Muraschû Söhne zu
Nippur in den Tagen Ezras und Nehemias (Abb. 35).
[Illustration: Abb. 35. Urkunde mit Siegelabdrücken aus dem
Geschäftshause Muraschû Söhne (5. Jahrhundert).]
[Illustration: Abb. 36. Grundplan der blossgelegten Zimmer der
wissenschaftlichen Sektion der Tempelbibliothek.]
Von ungleich grösserem Belang für uns ist die
religiös-wissenschaftliche Sektion der Tempelbibliothek mit den
Schulräumen, von welcher bis jetzt nur erst 40 Räume, d. h. etwa der
6. Teil der ganzen Abteilung blossgelegt werden konnte. Die auf dem
untenstehenden Grundplane als Nr. 1, 2 und 3 (Abb. 36) bezeichneten
Zimmer enthielten Keilschrifttafeln zu Tausenden. Nur wenige noch
lagen auf den angedeuteten niedrigen Lehmrücken dieser Räume. Andere
waren von den vermoderten oder absichtlich zerstörten hölzernen Rücken
heruntergefallen. Die meisten befanden sich in wildem Durcheinander
auf den Fussböden der Zimmer und den anstossenden Korridoren genau
so, wie sie von den barbarischen Gebirgsvölkern vor über 4000 Jahren
umhergestreut und zerbrochen waren. Aber nicht nur Menschen hatten
hier grimmig gehaust, die ungebrannten Tafeln hatten auch von der
Feuchtigkeit und den Salzen des sie umgebenden Schuttes schwer
gelitten. Sie waren oft so wenig von dem letzteren zu unterscheiden,
dass sie in vorsichtigster Weise einzeln mit dem Messer herausgeschält
und ganze mit Tafeln gefüllte Erdklumpen wochenlang zum langsamen
Trocknen in unserem Meftûl deponiert werden mussten, bis sie Risse
bekamen, und die Schriftstücke als solche erkannt werden konnten (Abb.
37).
[Illustration: Abb. 37. Araber, Tafeln der Tempelbibliothek
lostrennend.]
[Illustration: Abb. 38. Übungstafel: Der Winkkelhaken.]
Unter den ausgegrabenen Räumen nehmen die Unterrichtszimmer, in denen
die Studierenden die Kunst des Tafelschreibens erlernten und in
die einzelnen Zweige babylonischen Wissens eingeführt wurden, eine
hervorragende Stelle ein. Ein wunderbares Bild eifrigen Lehrens und
Lernens entrollt sich vor unseren Augen. Der Schüler erhielt zunächst
Anweisung, wie er Tontafeln anzufertigen hatte. Eine ganze Anzahl zum
Teil recht ungeschickt ausgeführter, unbeschriebener Tafeln legt davon
Zeugnis ab. Dann ging es an das Einüben der drei Grundelemente, aus
denen die Keilschrift besteht. Zunächst wurde jedes für sich (Abb.
38) geschrieben, dann alle drei nebeneinander (Abb. 39) wiedergegeben
-- ganz nach der Weise unseres heutigen assyrischen Unterrichts --
bis der babylonische „Professor‟ mit der Leistung zufrieden war.
Waren die ersten Schwierigkeiten überwunden, so wurden die einfachen
Silbenzeichen ohne Rücksicht auf Inhalt eingedrillt. Der Schüler hatte
sie nach einem gewissen Systeme so zusammenzustellen, dass dasselbe
Zeichen in erster Stelle beibehalten wurde, und damit zunächst die
leichteren und später die mehr komplizierten verbunden wurden. So
las ich auf einer dieser Übungstafeln: 1. +ba-a+ 2. +ba-mu+ 3.
+ba-ba-mu+ 4. +ba-ni+ 5. +ba-ni-ni+ 6. +ba-ni-ia+ 7. +ba-ni-mu+. Auf
einer andern, bereits etwas schwierigeren heisst es: 1. +za-an-tur+
2. +za-an-tur-tur+ 3. +za-an-ka+ 4. +za-an-ka-ka+ 5. +za-an-ka-a+ 6.
+za-an-ka-mu+, usw. Auf einer derselben hatte der Student nicht weniger
denn 4 Fehler auf 5 Zeilen gemacht. Ob es dafür Nachsitzen oder den
Stock gab, kann ich heute noch nicht verraten.
[Illustration: Abb. 39. Übungstafel: Die drei Elemente der Keilschrift.]